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Full text of "Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur"

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ZEITSCHRIFT 


FÜK 


DEUTSCHES  ALTERTHUM 


HERAUSGEGEBEN 


MORIZ  HAUPT, 


SECHSTER  BAND.  njO^^^ 


LEIPZIG 

WEIDMANN'SCHE    BUCHHANDLUNG. 

1848. 


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<30D3 


DIE    FÜNF   SINNE. 

Beim  durchlesen  der  zwanzigsten  abhandlung  in  Lobecks 
rhenialicon,  de  vocabulis  sensuiim  eorumque  confusione,  kam 
mir  doch  wieder  vor,  dafs  die  scholiasten  und  kritiker  oft 
ohne  alle  noth  die  tiefsten  und  natürlichsten  ausdrücke  der 
dichter  und  des  Sprachgebrauchs  anfechten,  denn  der  poesie 
ist  es  verliehen  geheime  bezüge  der  dinge  plötzlich  zu  ahnen, 
und  dem  volk,  welches  jenen  brauch  lenkt,  sie  unschuldig  zu 
besläligen.  mir  scheint  das  aeschylische  nTvnov  df'do^jyu  ganz 
vortrelllicii  und  sünde  wäre,  es  anders  nur  zu  wünschen ; 
^'irgils  mugire  ridebis  siib  podibm  terram  mufs  jedem  höchst 
angemefsen  scheinen  der  erwägt  dafs  auf  gesiebt  und  gehör 
zusammen,  in  demselben  augenblick  (oder  soll  ich  sagen  mit 
einem  schlag,  (loni'j?)  eingewirkt  Averde.  den  Bentley  be- 
schleicht also  kriftelei,  wenn  er  zu  der  unverbefserlichen  ho- 
razischen  stelle  'nonne  vides  ut  nudum  remigio  latus  antennae- 
que  gemant'  anmerkt  'placetne  illud  vides  ut  gemant?  oculisne 
percipi  poterit  gemitus?  crediderim  gemitum  auribus  potius 
sentiri."  unsere  eigne,  hierin  feststehende  alte  spräche  soll 
bezeugen  wie  überflüfsig  dieser  tadel  war ;  ich  hebe  nur  bei- 
spiele  des  soloecismus  aus,  wie  sie  mir  zu  banden  sind :  es 
wird  noch  andere  genug  geben. 
3Iaria   154,  I 

sie  sack  an  oinom  aste 

die  spej'chen  schrie?/  vaste. 
Freidank  47,  20 

der  diep  ist  gar  an  angest  niht 

siod  er  vil  gerünen  siht. 
Heinrichs  von  Freiberg  Michelsberg   120 

ouch  liezen  da  zesamne  gän 

die  helde  so  nitliche 

daz  man  daz  ertriche 

sack  bihen  von  ir  orse  louj'. 
Z.  F.   D.   A.    VI.  1 


2  DIE  FÜNF  SINNE. 

Neidhart  MSH.  3,  189'' 

nls  diu  sxinn  hortich  st  kerren 

und  sack  si  raste  lirmnen. 
Leysers  predigten  s.  140 

den  lewen  er  sack  ob  im  brimmen. 
und  nicht  anders  bei  den  Niederländern,  z.  b.  3Iaerlant  2,  67 

teen  es  dat  juedsce  diet, 

dattu  sies  also  screyen, 
auch  iiat  Luther  bei  exod.  20,  18,  wo  es  in  der  vulgata  heifst 
'cunctus  autera  populus  videbat  voces  et  lampades  et  sonitum 
buccinae',  in  den  lxx  koI  nag  6  Xaog  foJ^)«  t^v  (fwvijp  xui 
Tag  kai-nTudag  kui  rrjv  qwv^v  -lijg  Gdlniyyog,  getrost  verdeutscht 
'und  alles  volk  sähe  den  donner  und  blitz  und  den  ton  der 
posaune';  nicht  weils  ich,  ob  andere  Übersetzer  gestrauchelt 
haben,  solche  ausdrucksweisen  soll  man  sammeln  und  her- 
vorheben, aber  lobend,  nicht  rügend, 

Aul"  diesen  anlal's  sind  mir  alte  colIccIanciMi  über  unsere 
verschiedene  bezeichnung  der  fünf  sinne  in  den  wurf  gekom- 
men, die  ich  hier  mittheilen  will  und  woraus  sich  die  gemein- 
schaft  der  einzelnen  sinne  unter  einander  noch  weit  befser 
an  den  tag  legen  wird. 

Den  vornehmsten  aller  sinne  bezeichnet  in  unsern  spra- 
chen einstimmig  das  verbiim  sökan,  goth.  saihvan  u.  s.  w. 
es  ist  eine  merkwürdige  Übereinkunft  mit  dem  griechischen, 
dafs  wir  wij'sen,  ahd.  uizan,  goth.  ritan,  für  den  begriJF  des 
lat.  scire  verwenden,  vait  weiz  oida,  skr.  veda  rrr  scio,  wäh- 
rend id'eli/  idtßifai  noch  videre  ausdrücken ;  aber  das  slavische 
ridjed,  das  litth.  wcizdmi  folgen  der  lat.  bedeulung  videre. 
umgedreht,  das  lat.  scire  ist  buchstäblich  geradezu  unser 
sailiran  se/ian :  man  braucht  einen  vocal  einzuschalten  und 
begreift  die  gleichheit  beider,  C  entspricht  dem  H,  wie  in 
dicere  teihan.  decem  taihun,  also  sacire  secire  siciresaihran, 
das  V  nach  H  bricht  im  lat.  scivi  vor.  die  Verwandtschaft 
von  seco  secm^us  u.  s.  w.  lafse  ich  hier  liegen',    schlage  aber 

*  die  laleiiiisclie  spraelie  ist  »lein  laliiTnlarsen  des  «ui-zelvocals 
nacli  anlauleiidem  eonsouant  abliold,  anders  ausgedrückt,  itii-e  anlau- 
tenden verl)indungen  SC  CR  PL  PR  unterscheiden  sicli  genau  von  den 
formen  SEC  CER  PEL  PER,  oder  welclien  vocal  zwischen  die  couso- 
nanlen  man  schieben  wolle,     im  griechischen  und  gar  slavischen  ist  die 


DIE  Fünf  sinne.  3 

als  bedeutsam  an  dafs  im  alid.  nei:i,  ags.  ndt  aus  niweiz,  ne 
vät  z=.  nescto  ähnliche  kiirzung  eintrat :  der  häufige  gebrauch 
eines  solchen  worts  l'orderle  sie  in  den  sprachen  inslinct- 
mälsig. 

Auch  die  andern  Wörter  seien  kurz  angeführt,  schaue/t, 
goth.  skavjan,  altn.  skoda,  schwed.  sklida,  lett.  skaltiht, 
ahd.  scouwun.  speho/i,  spähen,  iat.  spicere,  spectare,  vgl. 
species  fidog,  speculum  specits  ani^og  u.  s.  w.  kiesen,  goth. 
kiusan,  gr.  yivHv  yeüauoOui,  Iat.  gustare  (gustus  ziz  goth. 
kustus,  ahd.  chtisi)  greill  also  in  den  vierten  sinn  über; 
doch  hat  das  ahd.  chiosan,  mhd.  kiesen  deutlich  den  begrill" 
des  blolsen  sehens  und  steht  zumal  gern  vom  erschauen  de.s 
lageslichts : 

ich  kiuse  nu  den  tar     Nib    2060,   1. 

nu  kiusich  den  tac     Wallh.  89,   18. 

kurn  den  lichten  tac     Erad.   187. 

kurn  den  tac     Greg.  805. 

unz  ich  den  tac  erkiese  (videam)  Gudr.  1351,  3. 

do  Parzivdl  den  tac  crkos     Parz.  282,  4. 

ich  kiuse  käme  hie  den  tac     Dietr.  drachenk.   193^ 

den  morgen  er  kos     gute  Trau  1543. 

kür  daz  morgenrot  Trist.  17333. 
wir  sagen  'ich  wittere,  spüre  den  tag,  morgenluft'  und  ich 
habe  gramm.  4,  848  bereits  die  beziehung  von  kiesen  auf 
weiter  und  naturerscheinungen  angegeben,  ein  ort  in  Ostreich 
hiel's  hei  der  weterchiesen  Rauch  1,  430,  und  ein  weisthum 
von  1539  0,  835)  braucht  dalür  sehen,    umb  x  vliren  vnge- 

vocaltilgung  an  solcher  stelle  dagegen  häufig:  ntrofiai  ntzj^vös  nrijvöi 
TiTtQov  {fedard),  ■d'avilv  &ärarog  ^ryamu  ^vtjiö?,  xäga  aäQTjvov  x^aviov 
zp«s  xqi]V7]  (caput  aguae,  Lobeck  s.  128  note,  vgl.  ahd.  baches  houbit, 
Ri'naha  houbit  u.  s.  w.)  und  viel  dergleichen,  der  frühere  stand  des 
lateins  mufs  indessen  die  syiicope  schon  gelitten  haben,  rührt  doch  la- 
tum  aus  tlatum.  rlrjröv  rr  tolatum  talatmn,  vgl.  tolero,  goth.  pula ; 
also  kann  ihm  ein  gleich  alles  secio  für  scio  zugetraut  werden,  der 
Italiäuer  macht  aus  seciiris  scure  und  für  die  abkunft  von  curis  quiris 
aus  seeiiris  stritte  mancherlei  allen  einwänden  zum  trotz,  seltsam  dafs 
der  Engländer  sein  aus  franz.  sür  stammendes  sure  ausspricht  als 
hafte  noch  die  gutturalis  dazwischen  ;  altfranz.  sagte  man  in  zwei  Sil- 
ben seil}',  prov.  segnr,  span.  segiiro,  ital.  sicuro.  serond  in  des  Fran- 
zosen mund  klingt  heute  fast  wie  seon, 

1* 


4  DIE  FÜNF  SINNE. 

uerlich  vor  millage,  wie  es  Im  weithein  felde  nach  ansichung 
der  luffl  zu  erachten  wäre',  von  einem  sterbenden  sagten  die 
Angelsachsen  godes  leoht  geceäs  Beov.  4934,  er  gieng  gottes 
licht  zu  schauen,  und  hierher  schlagen  die  bedeutungsvollen 
ausdrücke  ein  (Jon  tut  kiesen,  den  sige  kiesen,  wie  sie  gramm. 
4,  G08  niyth.  389  in  andrer  absieht  zusammen  gestellt  sind. 
An  den  begriff  des  sehens  reicht  ferner  unser  warten,  das 
gleich  dem  lat.  tueri  aufsehen,  bewahren,  pflegen  aussagt; 
daher  ist  den  romanischen  sprachen  ihr  gunrdare  riguardare, 
garder  regarder  entsprungen.  Dem  goth.  vleitaa  vlait, 
ags.  vlitan  vlat,  altn.  Uta  leit,  mit  der  bedeutung  {jUtihv 
(woher  das  goth.  vlits,  andavleiztis  n^ögconov,  ags.  andvlite, 
ahd.  antluZ'i,  nhd.  antlitz)  steht  zur  seite  das  sl.  gljadati, 
serb.  gledati,  böhm.  hlednli;  doch  fordert  zu  vlits  das  sl. 
litze  TT^ogomop  und  lat.  vtiltus  vergleichung.  Endlich  aus 
ahd.  iuoken,  arluoken  prospicere,  prominere,  mhd.  luogen, 
nhd.  lugen,  ags.  lörian,  engl,  look,  leitet  sicli  ahd.  luoc 
cubile,  specus  (speci/la  von  spicere),  schlupfliölile,  aus  der 
(las  wild  schaut. 

Unser  liauptwoit  für  den  zweiten  sinn  ist  hören,  goth. 
hausjan,  ahd.  horran  horan,  mhd.  kceren,  alts.  horian,  ags. 
hyran,  engl,  hear,  alln.  lieijra,  welches  Graff  4,  1001  fälsch- 
lich der  skr.  wurzel  srii  (soll  heifsen  shrii,  oder  wie  andre 
schreiben  fvv/)  überweist,  zu  welcher  das  nachher  zu  nen- 
nende hlosen  gehört,  mit  gröfserm  schein  hat  man  hinzuge- 
halten goth.  ausö,  ahd.  ora,  ags.  edr,  alln.  eyra,  litth.  aiisis, 
lat.  auris  (f.  ausis)  und  ai/dire,  dergestalt  dafs  entweder  in 
diesen  allen  II  abgefallen,  oder  in  hausjan  zugetreten  wäre, 
gleichwohl  ist  seltsam  dafs  niemals  weder  aiisjan  für  hausjan^ 
noch  weniger  hausu  für  aiisu  irgend  auftaucht,  und  mir  wohl 
eingefallen  ob  hier  nicht  deutsches  H  dem  lat.  H  (Avie  in 
himwadaga,  hiulu  hodie)  gleichstehn  und  haiirire  hausi  ver- 
glichen werden  dürfe?  haurire  bedeutet  oft  percipere,  sen- 
tire,  aurihas  haurire  geradezu  hören,  wobei  noch  zu  erwä- 
gen bliebe  dafs  im  altn.  ausa  haurire,  aiisa  haustrum,  «ihd. 
ösan  exhaui'ire,  mhd.  wse?t  vaslare  wiederum  aphaeresis  des 
H  staltfindet,  das  offenbare  Verhältnis  zwischen  ösan  vastare 
und  ödi  vacuus  vastatus  jenem  zwischen  auris  und  audio 
gleicht,     stärkere  kühnlieit  wäre,    dies  haurire  sentire  sogar 


DIE  FLNF  SINNE.  5 

zum  ^v.  boäv  zu  stellpii  (dessen  kurzes  0  sich  schon  erklä- 
ren iielse)  und  aus  dem  allgemeinen  percipere  in  das  beson- 
dere videre  überzuschreiten :  dann  stände  der  Wechsel  beider 
beji;riffe  vollends  gerechtfertigt ;  man  hat  längst  gesagt  dafs  im 
Oedip.  Col.   138 

ofjaf  uy.ovitv  vertrete.  Ahd,  hlosen  audire,  hlust  auditus, 
goth.  hliu/na  «xo/; ,  ahd.  hliumunt  rumor  und  mit  abgeleg- 
tem H  mhd.  losen  liument  liumet,  nhd.  lauschen,  leumund, 
bekennen  sich  zu  einer  wurzel  mit  xlvaiv  und  dem  litth. 
klausi/ti:  hier  scheint  das  skr.  shru  am  rechten  ort,  dessen 
R  dem  H  der  übrigen  gleichsteht. 

Welches  goth.  veibum  den  dritten  sinn  ausdrückte  ist 
in  den  bruchstücken  des  Lllilas  nicht  zu  entnehmen;  liefse 
sich  das  subst.  daitns  odor  lialten  zu  dem  noch  dunkeln  qf~ 
(lau/'ps  3Iatlh.  9,  36  exoletus?  evaporatus?  wenn  hier  das 
griech.  wort  auf  diese  begriffe  führen  kann;  ^/ff///?*  gehört  zum 
ahd.  ioum  vapor  (vgl.  skr.  dlima  flare),  tu/(ft  tunst  nebula, 
und  selbst  berührung  mit  touwati  mori,  exhalare,  exspirare, 
goth.  ilwan  dnu,  wäre  denkbar,  ausduften  grenzt  an  verduf- 
ten, welken,  absterben,  dies  daujan,  wenn  es  sich  bestätigt, 
böte  ein  schönes  wort  dar,  gleich  dem  lat.  halare,  spirare, 
odorem  emittere,  und  man  erinnere  sich  dafs  den  Gotheu  auch 
usanan  exspirare,  ausalhmen,  bedeutete. 

Die  Althochdeutschen  hatten  mehr  als  ein  wort,  drähan 
bedeutet  odorare,  spirare,  driisön  redolere,  sternutare ;  mhd. 
driehen.     Wolfram  Parz.  171,  23 

ir  kunnet  hmreii  unde  sehen, 

entsehen  unde  di'ivheti : 

daz  soll  hiL'h  witzvn  n(ehen. 
auch  Lamprecht  im  cod.  giss.  66''  verbindet  smecken  grifen 
unde  drcchen^  im  Renner  959.5.  9600  steht  drehen:  sehen, 
gewis  hängt  der  begriff  zusammen  mit  dem  des  drehens,  der 
duft  steigt  auf  und  dreht  sich,  volvitur,  fertur.  Ein  ande- 
res wort  ist  suehhan  olere  fragrare  foetere,  woher  ich  das 
adj.  suah  infirmus,  wiederum  exoletus,  leite  (gramm.  2,  27); 
sueh  ist  odor  sapor,  suehhav  foetidus,  mhd.  swecher,  übel 
swecher  Iw.  208  D,  suehhado  foetor;  ags.  sv'dc  odor;  altn. 
svak  flatus,  svaka  flare.       Mhd.  todzen  flare,  spirare  fundgr. 


6  DIE  FÜNF  SINNE. 

2,  144,  läfst  auf  ein  ahd.  lodzan  wiaz  oder  vielmehr  hitdzan 
hvias  schliefsen,  von  welchem  blofs  das  comp,  farhuiizan 
exsufflare  und  dann  abslract  abominari,  recusare  übrig  ist: 
das  häufige  %Q\\t\\^^w\,  farhuäzan,  mhd.  verwdzen,  muls  ur- 
sprünglich was  suah  und  afdauips  bedeutet  haben,  exoletus, 
verwünscht,  verflucht  (mythol.  s.  1173):  wenn  Lye  ein  ags. 
hvätung  divinatio  anführt,  so  sehe  ich  darin  die  Vorstellung 
von  afflatus  Inimoia.  ivuzamo  inanno  0.  iv.  31,  7  ist  noch 
eine  schelte,  fluch  der  menschen,  von  den  menschen  ver- 
flucht. Ahd.  stinchan  olere,  redolere,  stenchan  sufßre, 
fragrare,  ags.  stincan  odorare,  exhalare,  foetere,  stencan 
spargere ;  das  altn.  stöckva  ist  aufser  aspergere  auch  abigere, 
welche  bedeutung  gerade  dem  ahd.  ivdzan  zukommt  (Grafl" 
1,  1087).  goth.  stigqan  xönTftv,  tundere  olfendere  (nares?) 
Ahd.  riohhnn  olere,  lümigare,  ags.  reocan,  altn.  riuka, 
mhd.  riechen  fumare,  mit  rauch  funius  vapor,  wie  das  ver- 
mutete danjan  mit  dauna  odor,  verwandt:  mnl.  rieken  3Iaerl. 
1,  51.  2,  lül.  im  hochdeutschen  hersclite  die  neutrale  be- 
deutung vor,  die  active  scheint  mehr  niederdeutsch.  Das 
altfriesische  hrena  olfacere  (Richthofen  828"')  könnte  an  ^Ig 
Qivög  gemahnen,  näher  jedoch  liegt  das  ags.  hrinan,  ahd. 
hrinan  rinan  längere ;  nur  A>'äre  zu  schreiben  hrcna  rrr  rnui^ 
wo  nicht  hr6no  n:  hreAnan  gemeint  ist. 

Für  den  vierten  sinn  vermute  ich  keck  ein  goth.  snfjan, 
sof,  das  sich  zu  sapere,  wie  hafjan  zu  capere  verhält,  mit- 
hin ahd.  seffan,  sevan,  alts.  sebian  fordert;  es  ist  aber  nur 
ahd.  intscffan,  mhd.  entseben  übrig-,  in  der  angeführten  stelle 
Parz.  171,  24  noch  ausdrücklich  gustare,  sonst  aber  schon 
allgemein  sentire  intelligere  bedeutend.  Aufserdem  galt,  wie 
schon  vorhin  gesagt  wurde,  dem  yfvaunOui  und  gustare  ent- 
sprechend kitisan ;  wenn  Col.  2,  23  die  worte  ^o}  ai/'/;,  ^uidt 
yivo}],  fi}]dt  Oi'yttb  übersetzt  sind  ///  toiknis,  7n  atsiiarpjais, 
vi  kausjais  (vulg.  fie  tcfigerttis,  neqvc  gustnveritis,  ?icque 
contrectaveriti's),  so  sind  offenbar  im  gothisclien  text  die 
beiden  letzten  verba  verschoben,  denn  snairpan  (ahd.  snorfan) 
oder  snarpjan  ist  ^lyyccveip  confrectare.  Das  gewöhnliche 
verbum  ist  aber  ahd.  .mieccharf,  mhd.  smecken,  ags.  srnecgan, 
altn.  smacka;  die  goth.  form  wäre  smigqan  oder  smagqvjfi/i. 


DIE  FÜNF  SINNE.  7 

mhd.   haulig  smcchen,  und  noch  nlid,  schynecken  zuweilen  für 
riechen,  z.  h.  MS.  2,  200\ 

Auch  den  l'ünften  sinn  können  mehrere  verba  ausdrücken, 
worunter  das  älteste  und  nierk\\  ürdij^ste  das  gothische  t(ika?t 
taitök  ist;  dieser  reduplication  begegnet  das  gr.  rezu/otv  \o\\ 
einem  verlornen  TATi^l  und  noch  entscliiedner  das  lat.  tungo 
tctigi.  von  tekan  tailuk  weicht  im  vocal,  in  der  conjuga- 
tion  und  bedeutuiig  das  altn.  taka  tok  capere  accipere:  ahd. 
ist  weder  zdcha/i  ziah  noch  zahha/i  zitoh  vorhanden ;  am 
meisten  aber  befremdet  dafs  die  gothische  von  der  lateinischen 
und  griechischen  form  nicht  laulversclioben  ist,  was  das  T 
angeht:  G  und  K  verhalten  sich  nach  der  Ordnung,  hingegen 
die  anlaute  des  ags.  picgaii  peak  capere,  alts.  thiggean,  ahd. 
diccan,  altn.  pfggja  liefsen  vergleichung  zu.  die  begriffe 
längere  capere  impetrare  liegen  sich  verwandt.  Das  goth. 
grcipan  ist  ).u^(iuvtiv  und  x^ar^?!/,  das  ahd.  grifan  rapere, 
längere,  palpare,  das  ags.  gripan  capere,  rapere,  das  mhd. 
grifen  vorzugsweise  längere:  grifet  her!  palpate  MS.  2,  26"* 
179'';  nhd.  ergreifen,  arripere,  angreifen  attrectare,  appre- 
hendere,  palpare.  Ahd.  hrinan,  rinan  längere;  ags.  hri- 
nan,  altn.  aber  hrina  adhaerore  und  clamjue,  welche  bedeu- 
lungen  ich  nicht  wohl  zu  einigen  weifs,  es  sei  denn  in  bezug 
auf  jenes  fries.  hrena  riechen :  wie  die  blume  duftet,  kann 
der  laut  erschallen,  gleichsam  rufen.  Ahd.  fuolan  palpare, 
mhd.  vüelen,  nhd.  fühlen,  Jigs.  gefelan,  engl,  feel,  altfries. 
fela,  mnl.  nnl.  voelen  bevoelen  Maerl.  1,  80.  2,  65.  3,294. 
321  ;  dieser  ausdruck  gebricht  dem  nordischen  dialecl.  Ahd. 
hruoran  ruoran,  mhd.  rüeren,  ags.  hrernn,  engl,  rear,  altn. 
hroera,  movere,  commovere,  längere.  Altn.  preifa  palpare, 
längere,  schwed.  trefva  attrectare,  ahd.  tr'efan  längere,  per- 
cutere,  attingere  (Graff  5,  525),  auf  welches  sonst  das  altn. 
drepa  percutere,  ferire  anspruch  zu  haben  scheint;  auch  das 
poln.  traßac  traßc,  böhm.  trefiti,  ital.  trovare,  franz.  trou- 
ver,  prov.  trobar  antreflen,  finden*  kommen  in  betracht;  es 
ist  ein  überOufs  verwandter  formen  und  bedeutungen,  womit 
ich  diesmal  nicht  fertig  werde.  Dunkel  ist  mir  der  Ur- 
sprung des  ital.  tastarc,  prov.  laslar,  franz.  täter  palpare, 
welches  seil  dem  13n  jh.  gleichfalls  in  unsere  spräche  dringt, 
*  smecken  und  ervinden  Maria  149,  1. 


8  DIE  FÜNF  SINNE. 

mhd.  tasten  Parz.  285,  9.  Lachm.  Walth.  162.  gJ'ifeJi  nnde 
tasten  fragm.  32''  Amgb.  33' ;  es  ist  ein  seltenes  wort,  dessen 
sich  viele  dichter  nie  bedienen,  mnl.  tasten  Maerl.  1,  51.  91. 
2,  161.  nhd.  tasten,  betasten,  antasten,  alles  überlegt, 
scheint  mir  tasten  unmittelbar  mit  tangere  und  tactus  z\\- 
sammenhängend,  wieybreÄ^w?«  m\i  foreht,  castellum  mhschak- 
tel,  castellan  mit  schahteldn,  und  gerade  so  findet  sich  teh- 
tier  Wh.  412,  24.  Eracl.  4732.  MS.  2, 77"^  fiir  testier,  ital. 
provenz.  testier a,  franz.  tetiere ;  es  war  leicht  aus  dem  H 
in  S,  oder  umgekehrt,  zu  gelangen  und  romanische  denkmä- 
1er  frühster  zeit  müfsen  nachweisen  wie  aus  einem  tactare 
für  tangere  tastare  wurde.  fi\'inz.  hat  tätonner  auch  den 
sinn  des  lat.  palpare  =r  blandiri,  adulari,  liebkosen,  da  nun 
schwed.  smeka  mulcere  ausdrückt,  mhd.  stneichen  blandiri, 
smeih  blandiliae,  wäre  leicht  berührung  mit  smacka  gustare 
aufzufinden.    , 

Wie  sich  lieuto  die  verschiedenen  ausdrücke  abstufen, 
weifs  ich  wohl,  vor  alters  könyte  es  anders  darum  gestan- 
den haben,  gi'eifen  und  tasten  sind  uns  härter  als  fühlen  und 
rühren:  wer  an  die  band  rührt  und  fühlt,  thut  sanfter  als 
der  an  sie  greift  und  fastet,  lasten  ist  noch  gröberes  greifen, 
rühren  und  fühlen  können  innere  bewegung  anzeigen,  doch 
mag  auch  die  seele  ergriffen,  der  gedanke  angegriffen  sein, 
rechte  werden  gröblich  angetastet,  man  begreift  mit  dem  ver- 
stand, wie  man  mit  dem  herzen  fühlt,  empfinden  liegt  zwi- 
schen begreifen  und  fühlen,  der  geist  begreift  und  empfindet, 
das  herz  empfindet  und  fühlt,  empfinden  im  verliältnis  zu  fin- 
den macht  mir  jene  Verwandtschaft  zwischen  trorare  und  trej'- 
fen  preifa  sehr  wahrscheinlich,  leid  oder  freude,  wärme  oder 
kälte  kann  man  empfinden  und  fühlen,  nicht  begreifen  (aufser 
abstract  genommen),  einen  grund  begreifen  und  empfinden, 
nicht  fühlen,  fühlen  ist  also  sinnlicher,  empfinden  geistiger: 
wenn  ich  deine  band  in  der  meinen  fühle,  so  empfinde  ich 
freude ;  wenn  ich  deinen  schmerz  empfinde,  so  fühle  ich  eig- 
nen :  die  grenze  zwischen  beiden  ist  da  wo  das  äufserc  inner- 
lich, das   innere  äufserlich  wird. 

Wir  haben  manigfache  Übergänge  aus  einem  sinn  in  den 
andern  wahrgenommen,  wenn  das  sehen  ein  hören,  das  hö- 
ren ein  sehen,    das    kiesen  ein  wittern  und  schmecken,    das 


DIE  FÜNF  SINNE.  9 

riechen  ein  schmecken,  das  fühlen  ein  empfinden,  das  Reifen 
ein  begreifen  wird  und  die  ausdrücke  wechseln,  so  ist  den 
dichtem  von  selbst  das  recht  gegeben  einen  für  den  andern 
zu  setzen. 

Unter  allen  sinnen  der  edelste  ist  der  erste  und  es  liegt 
tiefer  grund  darin  dafs  die  sprachen  das  wifsen  vom  sehen 
ableiten ;  doch  gieng  von  früh  an  die  Weisheit  auch  vom  ge- 
schmack  aus,  sapientia  von  s apere ;  als  den  romanischen  spra- 
chen das  lat.  scire  ausstarb,  grifiFen  sie  zu  sapere  saher  sa- 
voir,  und  geschmack  wird  auch  von  dem  gefordert  der  etwas 
sehen  oder  hören  läfsl.  das  allgemeine  sentire  hat  im  ital. 
und  franz.  den  nebensinn  von  riechen,  alle  begriffe  und  em- 
pfindungcn  entspringen  aber  aus  dem  fünften  sinn  des  greifens 
und  fühlens. 

Die  verba  des  drilten  und  vierten  sinns  pflegen  aufser 
der  transitiven  auch  zugleich  intransitive  bedeutung  zu  zei- 
gen :  man  riecht  die  blume,  schmeckt  den  apfel  und  die  blume 
riecht,  der  apfel  schmeckt,  den  intransitiven  tritt  dann  ein 
bestimmendes  adverb  wohl  oder  übel  zu,  unterbleibt  es  aber, 
so  herscht  der  begriff  des  Übels  vor.  riecht,  schmeckt,  stinkt, 
ohne  beisatz,  sagen  aus  male  ölet,  male  sapit ;  ja  das  ur- 
sprünglich vom  guten  wie  vom  üblen  geruch  geltende  stinken 
hat  allmälich  den  guten  sinn  von  sich  ausgeschlofsen  und  wir 
dürfen  nicht  mehr  sagen,  wie  ahd.  zuläfsig  war,  suozo 
stinchan. 

Es  verlohnt  sich  auch  die  substantiva  zu  verzeichnen, 
visus  auditus  olfactiis  gustus  tactus  verdeutschen  wir  einför- 
mig gesiciit  gehör  geruch  geschmack  gefühl.  von  den  gothi- 
schen  Wörtern  sind  nur  die  vier  ersten  zu  haben :  I  siuns 
oipig  =z  saihvns.  II  hliurna  a/.or}.  III  daiins  ödjn/;.  IV  ku- 
stus  yevGig,  denn  gaviss  übersetzt  aqr??  in  der  bedeutung  von 
nexus,  nicht  von  tactus;  warum  sollte  man  nicht  vermuten 
teks  oder  tehts?     ahd.  I  siuni,  gisiuni.    II  gihori,  gihörida. 

III  stanh,  stunha.  suehhado.  hudzaino?  IV  smacch,  gismah- 
mo.     V  gihruorida.       ags.  I  gesyne.       II  hlyst.      III  sväc. 

IV  smäc.  V  hrin,  fries.  hrene.  altn.  I  syn.  II  heyrn. 
III  dann.  IV  smeckr.  V  dtak.  snertr.  mhd.  I  gesiht. 
II  gehwrdc.  III  wih  Maria  147,  32.  159,  40.  fundgr.  1,160. 
Wh.  2,  14.  Pfeiffers  pred.  1,362.  des  dses  wdz   Ottoc.  443^ 


10  DIE  FÜNF  SINNE. 

wdze  Bari.  48,  21.  sinac  füudgr.  1,  160.  Wh.  240,  9.  31S. 
2,  200\  Bari.  48,  18.  Pfeiffers  pred.  1,  321.  IV  gesmac, 
smac  Renn.  9595.  V  gerüp.rde,  zu  waz  und  smac  findet 
sich  meistentheils  giiot  edcle  süeze  oder  übele  gefügt,  und 
smac  kann  odor  wie  sapor  bedeuten,  nnl.  I  gezinkt.  II  ge- 
hoor.    III  reuk.  geur.  lucht  d.  i.  luft,  Witterung.    IV  smaak. 

V  gevoel.     schwed.    I  si/n.     11  hörsel.     III  lukt.     IV  *7««ä-. 

V  Aö/we/ z=:  sensus.  engl.  I  sight.  II  hearing.  III  smell. 
stink,  scent.     IV  smack.   taste.     N  feeliug*. 

In  allen  sprachen  drücken  eigne  adjectiva  abwesenheit 
oder  Verlust  der  beiden  ersten,  als  der  wichtigsten  sinne,  aus, 
gewissermafsen  auch  des  fünften;  warum  nicht  des  dritten 
und  vierten?  wer  nicht  riechen  oder  schraeken  kann,  leidet 
unverhältnismäfsig  geringere  einbufse  als  der  blinde  taube  und 
lahme  und  die  spräche  hat  keine  besonderen  Wörter  dafür. 
geruchlos,  geschmacklos  können  zwar  auf  den  riecher  und 
schmecker,  ebenso  aber  auch,  nach  der  voriiin  bemerkten  in- 
transitiven natur  solcher  ausdrücke,  auf  die  gegenstände  ge- 
hen, welche  gerochen  und  geschmeckt  werden  sollen,  ge- 
sichtlos, gehöj'los,  gefühllos  beziehen  sich  nur  auf  die  per- 
son,  nicht  die  sache.  statt  dieser  mangelnden  adjective  für 
die  abwesenheit  des  dritten  und  vierten  sinns  gesellt  sich 
aber  eins  hinzu,  welches  den  abgang  der  spräche  anzeigt,  de- 
ren vermögen  nicht  unter  die  sinne  gerechnet  wird. 

Eine  Zusammenstellung  der  vielfachen  wörler  für  die  feh- 
ler der  sinne,  wobei  ich  aber  etwas  mehr  in  fremde  sprachen 
eingehn  muls,  soll  den  in  der  spräche  unvermeidlichen  Über- 
gang der  einzelnen  sinne  in  einander  noch  anschaulicher  ma- 
chen, fast  alle  solche  adjectiva  schwanken  aus  dem  begriff 
des  einzelnen  Sinnfehlers  in  den  allgemeinen  des  Stumpfsinns 
oder  blödsinns  und  man  hegreift,  wie  sie  dann  wieder  auf 
jeden  andern  einzelnen  angewandt  werden  können. 

Unser  blifid  reicht  durch  alle  äsle  deutscher  zunge  fast 
unverändert  und  hängt  ohne  zweifei  zusammen  mit  der  Vor- 
stellung  blanda/i,  trüben,   mischen,     bedeutsam  finde  ich  das 


''  Poln.  I  wzrok.  U  slucfi.  III  «-fcA.  powonienie.  zapach.  euch, 
smrod.  IV  gtist.  smak.  \  cziicie.  loczucie.  böhni.  I  zrak.  II  sluch. 
III  eich,  wtine.  pueh.  smrad.     IV  ehut\  smak.     V  cyt.  tknutj. 


DIE  FÜNF  SINNE.  11 

schöne  nihd.    ez  enhlamlcn  (gramm.   4,  336)  zumal  von  den 

augcn  gesagt, 

Parz.  231,  25     daz  volc  von  drizec  landen 

inöhtz  den  ougen  niht  enblanden. 
Flore  7757  doch  enhlienden  siez  den  ougen. 
es  heilst  aber  auch  den  handen  und  liden.  unsere  der  coni- 
position  ergebene  spräche  hat  für  blind  alte  und  ausdrucks- 
volle: ahd.  staraplinl  (gramm,  2,  415),  alts.  reginhlind, 
altn.  helblindr,  miskor  blindr,  bei  welchen  allen  manche  nä- 
here erläuterung  zu  geben  wäre,  haihs,  das  nur  die  gothi- 
sche  nnuulart  aufweist,  setzt  Ulfilas  für  ^lOföq&uÄfiog,  es  ist 
buchstäblich  das  laf.  coecus,  doch  cooles  bestätigt  den  begriff 
der  einäugigkeit,  hängt  nun  cooles  auch  zusammen  mit  oou- 
lus,  hfiihs  mit  fiugo,  so  dal's  U  und  C  praefix  wären?  da 
fordert  wieder  betraciit  das  liltli.  r/klas  =3  blind,  alilatis  blin- 
der teul'el  (wie  cooles  coolilis)  von  dessen  blendung  der  my- 
thus  geht  (mythol.  s.  979),  und  an  den  einäugigen  Odin 
(Helblindi)  darf  erinnert  werden,  die  Letten  sagen  al,'ls. 
aber  im  franz.  avcugle,  prov.  aeogol  (Raynouard  4,  367), 
das  den  andern  Romanen  gebricht,  steckt  nochmals  oculus 
und  die  partikel  ab  scheint  in  der  wirkung  jenem  praefix  H 
und  C  analog,  für  goth.  haihs  zu  vermuten  stände  ein  ahd. 
heh,  hehil ;  wie  wenn  nach  diabetischer  abweichung  haohil 
gegolten  hätte  und  der  name  Haohilinc,  Haehili  einschlüge? 

Den  Griechen  ist  xvcfXög  der  übliche  ausdruck  und  sicher 
gehörig  zu  Tvcf.og  nebel  dampf  und  zu  xvq^M  dunsten  qualmen, 
aber  Tvcflbg  rcovg  bei  Euripides  ist  auch  der  lahme  fufs,  nicht, 
wie  Lobeck  s.  345  meint,  pes  hominis  luminibus  capti,  man 
kann  ez  enblanden  dem  fuoze  wie  dem  ouge,  und  der  my- 
thische teufel  erscheint  bald  blind,  bald  lahm,  ich  mufs  wei- 
ter gehn  und  TV(pk6g  seiner  Wurzel  nach  unmittelbar  ver- 
wandt erklären  mit  goth.  dumbs  y.otcfög  und  daubs  iioi^ög, 
wobei  die  scheinbar  mangelnde  lautverschiebung  nichts  hin- 
dert, denn  in  rj^qcco  fut.  -Ov^io),  aor.  inf.  \fvij.iai  waltet  der 
gewöhnliche  Wechsel  zwischen  T  und  0,  dem  0  aber  ent- 
spricht lautverschoben  goth.  D,  ahd.  T;  ich  werde  also  beim 
Vitium  des  zweiten  sinns  zurückkommen  auf  TvcfXög. 

Seltener  steht  ainalog  oder  oicplog  für  coecus,  dessen 
Übergang  in  die  bedeutung  lahm  und  stampf  (Lobeck  s.  346) 


12  DIE  FÜNF  SINNE. 

das  Verhältnis  von  rvcplög  bestätigt,  doch  blind  zeigt  sich 
auch  in  der  merkwürdigen  Verwandtschaft  des  slavischen  sljep, 
böhm.  slepfj,  poln.  slrpy,  wo  die  gr.  consonanten  nur  wie 
sonst  häufig  umgestellt  sind,  SLP  =:  ^TIA;  das  lilth.  silpnas 
bedeutet  nicht  blind,  sondern  schwach  debilis  ^},(j6g  gebrech- 
lich, was  auch  otncdog  aussagen  darf. 

Den  mangel  des  zweiten  sinns  bezeichnet  Ulfilas  wieder 
durch  ein  uns  späterhin  ausgestorbenes  baups,  das  nnl.  bot 
dumm,  stumpf,  müste  sich  denn  noch  hinzu  fügen  und  der 
Übergang  aus  DH  in  T,  aus  AV^  in  V,  0  (denn  die  flexion 
liefert  bolten,  botter)  sich  rechtfertigen,  aber  unmittelbar 
gehört  zu  b(u/[)s  aus  den  keltischen  sprachen  das  irische  bodhar, 
welsche  byihlar  surdus,  durch  welches  DD  die  vergleichung 
des  niederländischen  TT  gewinnt,  ich  bemerke  nun  weiter 
dafs  Ulfilas  banjts  bald  für  surdus,  bald  für  mulus  setzt,  wie 
aus  der  nähe  beider  gebrechen  höchst  erklärlich  ist. 

Daubs  hat  er  für  ^no^ög  jTfncofjwfiii'og  verstockt,  afdaub- 
iian  für  jtoj^ovoOui,  afdobnan  für  qtuova&ai  d.  i.  raaul  hal- 
ten, ahd.  toup  ist  surdus  absurdus  liebes  slolidus,  ags.  de('if 
surdus  sterilis,  alln.  dau/'r  surdus  insipidus,  dffi/J'r  litr  aber 
color  obscurus,  was  an  blind  und  trübe  reicht;  dafs  rrtf'/.og 
gleicher  wurzel  sei  sagte  ich  vorhin.  mit  eingeschaltetem 
oder  vielmehr  vor  dem  labiallaut  sich  einfindendem  31  ist 
goth.  dumbs  wiederum  xunfög,  afdumbnan  wiederum  -iiq.i- 
l^iMoOui  z=.  afdob/iait,  ahd.  iiiinp  mutus  liebes  stultus,  ags. 
diüiib  mutus,  alln.  dtimbr  mutus;  das  nhd.  dumm  blofs  liebes. 

Was  ist  nun  y.coqog,  dessen  etymon  Lobeck  s.  344  an- 
cipiti  conjectura  sucht?  ich  weifs  vorerst  dafs  wir  das  wort 
in  der  altsächsischen  spräche  besitzen,  im  Heliand  stehen  je- 
derzeit bo/t  endi  bäf  (oder  bdb)  verbunden  67,  23.  72,  7. 
115,  1  und  gemein!  ist  damit  claudus  et  mancus,  wodurch 
wir  also  auf  das  goth.  hanfs  -/.vllog  =  y^^-^?-'  ^^^^-  ^f^^f 
mancus  gelangen,  so  dals  man  mit  y.toqog  xaimvlog  und  y.uu- 
TTTO)  lieber  als  xonrco  zu  vergleichen  hat :  das  lat.  hcbcs  mufs 
aus  dem  spiel  bleiben,  den  Deutschen  diente  dies  adj.  für 
das  gebrechen  des  fünften  sinns,  den  Griechen  mehr  für  sur- 
dus und  mutus,  doch  mit  recht  sagt  Lobeck  'omnium  longis- 
sime  patet  xcoqjog'  und  die  xoicfMaig  tmv  oqix^u^.fiMv,  die  odores 


DIE  FÜNF  SINNE.  13 

surdi   coloresque  stimmen  zu  jenem  ihtufr  Utr,   wie  zu  dem 
was  ein  mlid.   dichter  (altd.  bl.   1,  244)  sagt, 
mit  dunkler  stimme  sprich, 
vor  lütcn  Worten  hüete  dich. 
kann  die  tfiopt]  ku^irt^ü,  die  og,«?}  ocq^fyyih'  nicht  auch  das  xw- 
gjov  KVI.IU,  ohne  alle  figur,  uns  verständigen  ?  der  fremde  war 
den    Griechen   'Eklädog   cfiwvijg   xuifog,    den    Slaven   ist    der 
Deutsche  ein  stummer,  poln.  Nie?niec  von  niemij  mutus,  weil 
ihrer  spräche  unkund.    ich  kenne  wohl  was  man  dieser  ablei- 
tung  entgegenstellt;  es  hält  keinen  stich,  man  vergleiche  das 
litth,  nebilka  und  ncbylijs. 

Auszulegen  schwer  ist  das  lat.  surdus,  Potts  se  ■\- (luri 
(etyra.  forsch.  2,567)  und  Benfeys  se  -\-  ur-  du-s  erleich- 
tern die  saehe  nicht,  käme  die  skr.  wurzel  shru  audire 
::=  Kh',  hlo  in  betracht,  dann  läge  das  sl.  glouch  xoq^o.;, 
poln.  gluchy,  böhm.  hluchij  nicht  mehr  fern,  aber  im  suffix 
D  miisle  die  privative  kraft  gesucht  werden,  worauf  ich  mich 
noch  nicht  verstehe. 

Ahd.  stinn  stummes,  alts.  stum  Hei.  5,  18,  mhd.  stum 
stumbes  Iw.  481.  2259.  7767,  nhd.  stumjn,  nnl.  stom,  man- 
gelt goth.  ags.  und  altn.,  doch  scheint  goth.  stamins  balbus, 
ahd.  stam,  stammalön  balbutire,  altn.  stnmr  balbus,  stoma 
balbutire  (vergl.  stumr  anhelitus,  stumm  anhelare)  unmittel- 
bar verwandt,  ich  zweifle  noch  ob  stibna  stimme. 

Mutus  hält  man  zu  lurrög  iivi^dög  und  leitet  von  uvm 
blinzen. 

Da  sich  das  gefiihl  überall  hin  ersti^ckt,  so  mufs  dessen 
beeinträchtigung  und  abwesenheit  durch  viele  adjectiva  aus- 
drückbar sein,  die  es  im  allgemeinen  aussagen,  zwei  glieder 
des  leibes  sind  aber  für  diesen  äufserlich  die  wichtigsten, 
band  und  fufs,  und  man  begreift  dafs  die  spräche  auf  beson- 
dere Wörter  bedacht  war  die  den  schaden  an  band  und  fufs 
bezeichnen. 

Im  goth.  hanjs,  ahd.  hamf,  alts,  huf=z  mancus  begeg- 
neten wir  dem  gr.  7ib)q,6g,  im  goth.  halts,  ags.  healt,  ahd. 
halz  ist  deutlich  das  lat.  ctaudus  clodus  (wovon  Claudius 
Clodius,  wie  von  coecus  Codes)  gelegen,  claudere,  claudi- 
care  ist  hinken ;  dem  griechischen  pjAd?  mangelt  der  schlie- 
fsende linguallaut,    aber  iuIum  laxo  (zu  welchem  hixo  ver- 


14  DIE  FÜNF  SINNE. 

renken  gehört)  berührt  sich,  doch  stimmt  X  weder  zum  deut- 
schen H,  noch  lateinischen  C. 

Bopp  hat  fvergl.  gramm.  s.  430  —  432  Scharfsinn  ver- 
schwendet um  den  anlaut  ha-  der  adj.  haihs  hanfs  und  halts 
{halbs  dimidius  geht  uns  hier  nichts  an)  aus  dem  skr.  eka 
=  ein  zu  deuten  und  in  diesen  Wörtern  den  begriff  einäugig, 
einhändig,  eingliedig  zu  finden,  freilich  gen^ahnt  der  ausgang 
von  haihs  und  cocles  an  ocuhis  und  der  gedanke  an  ein 
dunkles  praefix  ist  dabei  natürlich;  doch  wie  sollte  y.ioqög 
und  claiidus  den  begriff  band  und  fufs  in  sich  schliefsen? 
7iifa  aus  umgestelltem  piini  =  band  hat  alles  gegen  sich. 

Desto  deutlicher  meldet  sich  maniis  in  inancus ;  es  aus 
momi  truncus  zu  erklären  wäre  ungleich  härter  als  franz. 
poltron  aus  pollice  truncus.  hier  also  steckt  im  sußix  das 
geheimnis. 

Das  ahd.  lam,  lamo  ist  claudus  und  manciis,  dann  auch 
debilis,  und  wegen  der  Zusammensetzung  hanialam  claudus 
scheint  der  allgemeine  sinn  vorwaltend,  ags.  lam,  lama,  engl. 
lamo  paralylicus,  claudus.  alln.  lama  lami  membris  fraclus 
debilis,  Jotlamn  claudus.  litth.  himas  und  liiszas  lahm,  vor- 
züglich an  der  band,  da  fällt  mir  wieder  das  irische  lamh 
manus,  welsche  llaw  ein. 

Unter  den  allgemeineren  Wörtern  hebe  ich  hervor  das 
goth.  gamaids  mjQÖg  uvuTnjoog ,  ahd.  gimeit  obtusus  cassus 
stolidus  stultus  vanus,  welches  im  mhd.  gemeit  die  gute  be- 
deutung  von  laelus  annimmt. 

Debilis  soll  ü\\^ dehabilis  entspringen,  debeo  sogar  aus 
dehibeo.  im  slav.  findet  sich  debel  nuyvg  crassus,  nuyvg  und 
pinguis  weichen  aber  aus  in  die  Vorstellung  von  stumpf,  dumm 
blödsinnig:  diese  deutung  scheint  mir  den  vorziig  zu  verdienen. 

n>io6g  TTooög,  TTu^ju  t6  7Tr]{>co  7T)'jO0}.  Lobeck  s.  69.  70. 
es  hat  aufser  dem  allgemeinen  sinn  zumal  auch  den  von  blind. 
Lobeck  s.  346. 

Über  die  an  dieser  letzten  stelle  noch  angeführten  t/./.ög 
a).a6g  ipfög  weifs   ich  für  diesmal  ermüdet    nichts  zu  sagen. 

Welch  grofse  lebendige  berühruug  zwischen  deutscher  und 
lateinischer  spräche  in  vita/i  videre,  saihvan  scire,  hausjan 
haurire,  safjan  sapere,  taitok  tetigi,  kustus  gustus,  haihs 
coecus,  halts  claudus-,   geringere  mit  griechischer,  vait  oiöu. 


DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN.  15 

hausjnn  oqui',  hlosen  xlvfiv,  hanfs  UMq'og,  daiibs  xvcfXög. 
mit  keltischer  nur  bai/Jts  bodhar.  nicht  zu  übersehn  debüis 
debel,   mniO.dg  sljop.  JAC.   GRIMM. 


DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN. 

Tacitus  in  der  Germania  cap.  2  beruft  sich  um  seine  an- 
sieht von  dem  aulochthonischen  Ursprünge  der  Germanen  zu 
bekräftigen  auf  die  Sagendichtung  dieser  selbst:  'celebrant  car- 
rainibus  anli(|uis  —  Tuisconem  dcum  terra  editum  et  filium 
Mannum  originem  gentis  conditoresque.  31anno  Iris  filios  as- 
signant,  e  quorum  nominibus  proximi  Oceano  Ingaevones, 
medii  Herminones,  celeri  Iscaevones  vocenlur.' 

Es  scheint  nun  allerdings  als  seien  unter  den  Germanen 
wie  noch  unter  den  Deutschen  der  späteren  zeit  sagen  um- 
gegangen die  wenigstens  für  einzelne  Völker  solch  eine  au- 
tochlhonische  ansieht  aussprachen,  indem  sie  dieselben  aus 
einem  walde  oder  aus  einem  felsen  d.  h.  unmittelbar  aus 
dem  boden  der  heiraat  hervorwachsen  liefsen.  aus  einem 
walde  die  Sueven :  Tacitus  sagt  Germ.  39  von  dem  heiligen 
hain  der  Semnonen  'eoque  omuis  superstilio  respicit,  tanquam 
inde  initia  gentis.'  aus  wald  oder  fels  die  Sachsen:  'darauf 
so  bin  ich  gegangen  nach  Sachsen,  wo  die  schönen  mägdlein 
auf  den  bäumen  wachsen'  heilst  es  in  einem  liede  der  hand- 
werksgesellen  (ob  auch  das  obst  des  heiligen  forsles  in  Thü- 
ringen oder  Sachsen  Reinh.  s.  302  hieher  zu  ziehen?)  und  im 
FroschmeuselerRollenhagens  1,  2  'da  Aschanes  mit  seinen  Sach- 
sen aus  den  Hartzfelsen  ist  gewachsen.'  der  Aschanes  kommt 
schwerlich  anderswoher  als  von  denAskenas  der  genesis  10,  3, 
die  man  schon  frühzeitig  auf  die  Deutschen  ausgelegt  hat ; 
die  erzählung  vom  felsenursprunge  konnte  der  etymologische 
Zusammenhang  von  Sahsc  und  sahs  d.  i.  saxum,  wo  nicht 
veranlafsen,    doch   unterstützen.  *     ähnliche  Vorstellungen  be- 

'  auch  Isidor  und  Hroswilha  dachten,  jedoch  in  andererweise,  bei 
den  Sachsen  an  saxtnn :  Isid.  9,  2,  100  'Saxonum  gens  —  appellata  quod 
sit  durum  et  validissimuin  genus  hominum;'  Hrosw.  de  gestis  Oddonum 
(Reuber  16iJ)  'ad  claram  gentem  Saxouum  nomen  habentem  a  saxo  per 
duritiem  mentis  bene  firmam.'     bekannt   ist  die  gleichfalls  alte  herlei- 


16  DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN. 

gegnen  uns  bei  andern,  zum  theil  auch  bei  Völkern  germa- 
nisches oder  nah  verwandtes  Stammes.  Jemandes  3  von  den 
Crefennen  'tanta  paludibus  fetura  ponitur  ut  augmentum  prae- 
stent  generi.*  deuteron,  32,  18  'deinen  fels  der  dich  gezeu- 
gel  hat;'  Jesaia  51,  1  schauet  den  fels  an  davon  ihr  gehauen 
seid,  und  des  brunnen  gruft  daraus  ihr  gegraben  seid;'  ev. 
IMatth.  3,  9  'gott  vermag  dem  Abraham  aus  diesen  steinen 
kinder  zu  erwecken'*,  nach  scandinavischem  mylhus  sind 
die  ersten  menschen  aus  holz,  wie  es  scheint  aus  eschenholz, 
geschaffen,  da  ^aAv  der  name  des  ersten  mannes  ist;  ebenso 
nach  griechischem  (Hesiod.  o.  et  d.  129)  das  dritte  men- 
schengeschlecht  aus  eschen**  und  wieder  ein  neues  von  Deu- 
kalion  aus  steinen,  daher  mit  einer  Übereinstimmung  auf  die 
schon  Pindar  hinweist  (Olymp.  9,  66)  luoq  sowohl  stein  als 
volk  bedeute,  zwei  sprichwörtliche  redensarten  der  Griechen 
erklären  sich  aus  dieser  ihrer  mythischen  anschauung:  von  der 
eiche  und  vom  felsen  kommen  s.  v.  a.  vaterlos  sein  (Od. 
19,  163  u.  a.)  und  von  der  eiche  und  vom  felsen  schwatzen 

tung  von  sahs  d.  h.  mefser  oder  scbwert,  und  diese  wohl  die  eigenllich 
richtige  ;  ebenso  geht  Franke  auf  franca,  das  demiiiulivum  von  fra- 
viea,  Cherusciis  und  Hervlus  auf  hcru  (schwert),  Suardo  auf  suert 
zurück,  und  im  altnordischen  ist  Idngbardhr  auch  ein  schwert,  lung- 
bardlia  eine  Streitaxt. 

*  wahrscheinlich  hienach  im  Wälschen  gast  8,  7  'der  alle  werlt 
geniachet  hat  von  niht,  der  hat  noch  wol  den  rät  daz  er  mühte  machen 
hiute  uz  steinen  engel  unde  Hute.'  Jeremias  2,  27  bezieht  sich  auf  die 
götterbilder  von  holz  und  stein. 

'*  sogar  in  derselben  baumart  treffen  beide  völker  nur  deshalb  zu- 
sammen, weil  beiden  das  eschenholz  von  besonders  hervorstechendem 
nutzen  war,  zu  schiEfen,  zu  speerschäften  und  zum  brennen  :  ose  wird 
darum  auch  geradezu  für  schilf,  a.ic  und  fitUa  für  speer  gesetzt,  und 
blül's  mit  weiblicher  Umformung  bezeichnet  ascd  den  schwachen  rück- 
stand  des  verbrannten  holzcs,  die  asche.  letzteres  mag  der  gruud  ge- 
wesen sein  das  erste  weib  anderswoher  als  eben  auch  von  jenem  bäume 
zu  benennen:  es  heifst,  mit  dem  namen  des  mannes  nur  allitterierend, 
Embla,  die  arbeiterin  oder  dienerin  (raythol.  .^37).  unser  weibliches 
eschc  ist  aus  dem  plur.  des  alten  masculinums  hervorgegangen  :  hinse 
und  bincz,  bürste  und  borst,  gräte  und  grdt,  schlafe  und  sldf,  säte 
und  Site,  thräne  und  trahen,  tücke  und  ttic,  sähre  und  zäher  verhal- 
ten sich  ebenso,  und  ebenso  die  jetzigen  feuiinina  ähre  beere  mähre 
rippe  spreu  spur  waffe  loe/te  wölke  zu  den  alten  neutris  eher  ber 
jnwre  rippe  spriu  spor  wdfeu   wette  wölken. 


DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN.  17 

d.  h.  von  dingen  reden  die  man  nicht  kennt,  und  darum  aufs 
gerathewohl  und  ohne  nutzen  (II.  22,  126),  in  den  alten  kai- 
ser  hinein  reden,  wie  man  hier  zu  lande  mit  ähnlicher  bild- 
iichkeit  sagt. 

Indess  genauer  betrachtet  zeigen  schon  diese  vergleich  un- 
o-cn  nur  ein  halbes  zusammentreffen,  und  die  echtheit  und  ur- 

o 

spriinglichkeit  jener  sagen  der  Sueven  und  der  Sachsen  wird 
dadurch  eher  nur  verdächtigt  als  unterstützt,  denn  die  ver- 
glichenen mythen  und  mythischen  ausdrücke  der  Griechen 
und  der  Germanen  des  nordens  gehn  auf  die  Schöpfung  aller 
menschheit  überhaupt,  und  da  hat  die  erzählung  vom  Ursprünge 
aus  bäum  und  fcls  eher  noch  etwas  natürliches :  jene  sagen 
der  Sueven  und  der  Sachsen  aber  würden  nur  einzelne  Vol- 
ker zu  aulochthonen  machen,  während  alle  übrigen,  selbst 
die  den  Sachsen  und  den  Sueven  zunächst  verwandten  und 
benachbarten,  in  einer  mehr  als  beschränkten  weise  unbe- 
rücksichtigt blieben. 

Lafsen  wir  aber  dieses  noch  dahingestellt,  die  sage  von 
Tuisco  und  3Iannus  ist  sicherlich  keine  über  den  Ursprung 
des  germanischen  volkes  gewesen,  sondern  gleichfalls  eine 
über  den  Ursprung  alkr  menschheit,  ein  stück  aus  der  kos- 
mogonie  der  Germanen,  eine  anthropogonie,  eine  sage  mit- 
hin die  entweder  an  gar  keine  bestimmte  örtlichkeit  geknüpft 
war,  oder  wenn  an  eine,  dann  wohl  an  eine  dunkel  vorge- 
stellte asiatische ;  ein  stück  aus  der  germanischen  kosmogo- 
nie,  an  das  sich  erst  mit  der  erzählung  von  den  drei  söhnen 
des  Mannus  die  eigentlich  nationale  stammsage,  die  sage  vom 
Ursprung  der  einzelnen  deutschen  Völker  schlofs.  solch  eine 
auffafsung  ist  sowohl  die  einzige  mit  der  sich  die  von  Taci- 
lus  angegebenen  namen  vereinen  lafsen,  als  sie  auch  in  man- 
nigfachen anderen  mythen,  germanischen  wie  fremden,  die 
zutreffendste  bestätigung  findet. 

Die  jüngere  Edda  erzählt,  zu  der  zeit  da  die  weit  noch 
ungeschaffen  in  ihren  dementen  da  lag  und  nur  erst  licht 
und  finsternis,  wärme  und  kälte  sich  gesondert  hatten,  da  sei 
aus  dem  eise,  zu  welchem  die  ströme  des  mitten  iune  liegen- 
den Schöpfungsbrunnens  erhärtet  waren,  durch  die  herüber- 
scheinende wärme  des  lichtreiches  ein  riese  erweckt  worden, 
namens  Vmir.  der  habe  einmal  im  schlafe  gelegen,  und  wäh- 
Z.  F.  D.  A.  VI.  2 


18  DIE  ANTHROPOGOME  DER  GERMANEN. 

rend  dessen  seien  ihm  unter  der  linken  hand  mann  und  weib 
hervorgewaclisen  und  der  eine  Ms  habe  mit  dem  andern  einen 
söhn  erzeugt,  den  ahnherrn  der  riesen.  also  eine  gigantogo- 
nie.  die  Edda  schliefst  daran  gleich  ihre  theogonie :  aus  dem 
immer  noch  schmelzenden  eis  sei  eine  kuh  erstanden,  Audhum- 
bla ;  diese  habe  einen  mann  aus  dem  eise  hervorgeleckt,  des- 
sen enkel  nun  die  gölter  Odhinn,  Vili,  \e.  darauf  die  kos- 
mogonie:  Odhinn,  Vili  und  Ve  erschlagen  Vmir  und  schaffen 
aus  dessen  blut  und  gliedern  meer  und  himmel  und  festes 
land.  endlich  die  anlhropogonie  :  sie  bilden  und  beseelen  die 
ersten  menschen  aus  eschenbaumstäramen. 

Die  einzelnen  ziige  dieser  mythenreihe  kehren  noch  an- 
derweitig mehrfach  Avieder,  bald  nur  dieser,  bald  jener,  bald 
mehrere  vereint,  dann  jedoch  in  abweichender  combination : 
dergleichen  elementarsagen  haben,  wie  natürlich,  selbst  auch 
etwas  chaotisch  schwankendes.  Uranos  wird  von  Kronos. 
seinem  söhn,  cnlmaiinf;  aus  dem  blute  das  dabei  zur  erde 
trieft  entspringen  die  Erinnyen  und  die  riesen  und  die  nym- 
phen  welche  man  eschen  nennt  (Ilesiod.  thcog.  187).  beson- 
ders aber  kommt  für  uns  hier  folgendes  in  betracht.  Vmir 
ist  das  erste  belebte  wesen  zu  dem  die  rohen  Stoffe  sich  ge- 
stalten ;  zugleich  aber,  da  er  so  im  anbeginn  des  schöpfungs- 
werkes  steht,  steht  er  ganz  vereinzelt  da.  demgemäfs  bin- 
det er  noch  in  sich  beiderlei  naturkräfte,  die  männlich  zeu- 
gende mit  der  weiblich  empfangenden :  der  ausdruck  dafür  ist, 
dafs  seine  füfse  mit  einander  einen  söhn  erzeugen.  diese 
zwiegeschlechtigkeit.  so  verletzend  sie  für  den  reinen  nalur- 
sinn  ist,  bei  solchen  göttlich  -  uranfänglichen  wesen  erschien 
sie  allem  heidenthume  ganz  natürlich,  auch  der  Sivas  der 
Inder,  der  Phlha  der  Ägypter  waren  hermaphroditische  gotl- 
heiten;  die  gleiche  doppelnatur  legten  die  Pbrygier  dem  Ag- 
distis,  die  Perser  Kaiomorts  dem  Urmenschen  bei.  nament- 
lich diese  zwei  mytheu  stimmen  auf  das  überraschendste, 
wennschon  sie  die  beslandtheile  anders  ordnen,  zu  jenem  in 
der  Edda,  dem  schlafenden  Zeus,  erzählten  die  einwohner 
von  Pessinus  (Pausan.  7,  17)  sei  samen  auf  die  erde  ent- 
gangen ;  darauf  habe  diese  einen  zwiegeschlechtigen  dämou, 
den  Agdistis,  geboren,  die  götter,  die  ihn  fürchten,  entman- 
nen  ihn :    aus   dem  "eraubten  «liede  keimt  ein  mandelbaum. 


DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN.  19 

die  tochfor  des  fliifses  Sangarios  legt  von  der  gereiften  frucht 
in  den  busen :  alsbald  w  ird  sie  schwanger ;  ihr  kind  ist  der 
schöne  Attes.  auch  hier  also  geburt  ohne  mutter  und  dop- 
peltes geschlechl  und  ein  menschenzeugender  bäum,  eben  dies 
alles  und  zwar  als  eigentliche  anthropogonie,  und  so  dals 
auch  die  eddische  kuh  ein  gegenbild  findet,  im  Zend-Avesta, 
Bun-Dehesch  3  und  15.  das  erste  lebende  wesen  war  ein 
stier,  als  dieser  starb,  fiel  aus  seinem  rechten  arme  Kaio- 
morts  der  urmensch,  aus  dem  linken  Goschorun  die  seele  des 
Stiers,  vierzig  jähre  nachdem  Kaiomorts  gestorben  sprolste 
aus  seinem  samen  eine  baumhohe  reivaspHanze,  ein  zwitter- 
baum,  zwei  leiber  verbunden  wie  einer:  das  Avaren  Meschia 
und  Meschiane,  die  ersten  menschen,  mann  und  weih ;  als 
fruchte  trugen  sie  zehn  verschiedene  menschenarten. 

Durch  diese  letzteren  vergleichungen  treten  einmal  die 
verstreuten  sagen  von  dem  baumursprunge  der  menschheit, 
somit  auch  einzelner  Völker,  in  einen  gröfsern  mythischen 
Zusammenhang  ein ;  dann  aber  und  namentlich  fällt  von  hier 
aus  lichl  auf  den  germanischen  Tuisco.  auch  er  ist  ein  erd- 
geborenes wesen,  vaterlos  und  ohne  seines  gleichen,  darum 
auch  er  von  doppeltem  geschlecht,  eben  dies  und  nichts  an- 
deres sagt  auch  sein  name  aus.  denn  Tu/sco  ist  nur  die 
schwache  substantivbildung  zu  dem  ahd  zinsc,  mhd.  zwisch 
(zwiefach),  wovon  wir  noch  zwischen  und  ztvisch^old  ha- 
ben :  also  der  zwiefache ;  jede  andere  deutung  thut  den  über- 
lieferten lauten  und  selbst  der  grammatik  mehr  oder  weni- 
ger gewalt  an.  die  Variante  Tuistonem  hat  nur  denselben 
werth  als  gleich  nachher  Istaevones  für  Iscaevones. 

Tuisco  heilst  noch  ein  cleiis  terra  editus ;  der  söhn  aber 
den  er  aus  sich  selbst  erzeugt  ist  Mannus,  der  erste  mensch 
(primus  homo  venit  ad  Europam  Alanus'  San  Martes  Nen- 
nius  39),  dessen  weitre  nachkommen  einfach  eben  so  heifsen 
wie  er,  man  oder  vianna,  und  darum  die  ganze  erde  altn. 
mannheimr,  oder  mit  patronymischer  ableitung  mannisco, 
mhd.  mensch,  wie  sehr  also  Tacitus  geirrt  habe  indem  er 
jene  sagen  und  lieder  der  Germanen  auf  den  autochthoni- 
schen  Ursprung  derselben  und  auf  ihr  bewustsein  eines  au- 
tochthonischen  Ursprungs  deutete,  wird  fast  zum  überflufse 
dadurch  noch   bestätigt  dafs   die  Inder  den  einzigen  frommen 

2* 


20  DIE  ANTHROPOGONIE  DER  GERMANEN. 

der  sich  aus  der  grofsen  sündflut  rettet  und  so  der  ahnherr 
eines  neuen  menschengeschlechts  wird,  buchstäblich  ebenso 
Manus  nennen  und  dessen  nachkommen,  die  menschen,  pa- 
tronymisch  manudschas  manuschjas  mänuschas,  den  mann 
manawas,  das  weih  rndfiawi  (Bohlens  altes  Indien  1,  218  f.)- 

Mit  Mannus  aber  endigt  die  geschichte  der  menschen- 
schöpfung:  wie  aus  den  gliedern  des  indischen  Manus  die  \\tv 
stände  des  Indervolkes  kommen,  wie  die  söhne  Aoahs  die 
ahnherrn  dreier  völkerfamilien  sind,  wie  die  einzelnen  stamme 
der  Griechen  sich  selbst  und  ihre  namen  von  söhnen  und  en- 
keln  Deukalions  herleiteten,  ebenso  beginnt  auch  mit  den  söh- 
nen des  Mannus,  deren  jeder  der  namengebende  vater  eines 
germanischen  Stammes  ist,  gleich  die  sagengeschichte  der  Ger- 
manen selbst,  und  die  dichtung  tritt  aus  dem  allgemeinen  ge- 
biete der  anlhropogonie  in  das  enger  begrenzte  der  national- 
sage über. 

Auch  von  diesen  ersten  aller  Germanen  und  ihren  namen 
noch  zu  sprechen  ist  hier  nicht  mehr  der  ort :  nur  was  die 
Ingaevones  und  Iscaevones  belrifff,  möchte  ich  fragen  ob  bigo 
und  Isco,  da  beide  silben  als  patronymische  ableitungen  ge- 
braucht werden,  nicht  ursprünglich  auch  nur  appellative  eben 
dieses  sinnes,  worte  blols  für  den  begriff  des  Stammvaters 
gewesen  sein  können,  ähnlich  den  zu  eigennamen  gewordenen 
vater-  und  nnitternamen  die  Jac.  Grimm  im  ersten  bände  dieser 
Zeitschrift  s.  21 — 26  erläutert  hat;  und  dann  ob  (vvo  hier 
und  in  dem  Fri's(cvo  einer  römischen  inschrifl  (Gruter  522.7; 
vergl.  Fj^isiavones  oder  Frisiobones  Plin.  h.  n.  4,  12,  15) 
zurückgehe  auf  jenes  dem  griechischen  am  urverwandte  subst. 
eiba  (land)  das  schon  bei  Paulus  diac.  I.  13  in  den  länder- 
namen  Anthaib  Banthaib  Vurgundaib,  später  in  Weiareiba 
Wingarleiba  und  dergl.  (Graffs  sprachsch.  1,  89.  Renner 
245")  erscheint,  die  Svävee  des  Sachsenspiegels  (hmdr.  I . 
19.  29)  und  das  goth.  judüivisk  möchten  auf  eben  diesem 
wege  zu  erklären  sein.  WILH.  WACKERNAGEL. 


21 


ZWEI   MORDSÜHNEN  VON    1285  UIND    1288. 

I 

Ut  qiiiescat  animiis  litigantium  et  ut  bonum  pacis  et  con- 
cordie  solidetur,  totiusque  rancoris  et  discordie  materia  pe- 
nitus  ampuletur,  nos  .  .  dicti  de  Dridorf  et  nostri  complices 
ex  una  parte,  .  .  dicti  de  Nuveren  nostrique  complices  ex 
parte  altera,  cives  Welflarienses,  recognoscimus  et  universis 
presentes  litteras  inspecturis  volumus  iimotescat,  quod  super 
discordia  controversia  homicidiis  dampnis  gravaminibus  uni- 
versis ac  super  omnibus  causis  principalibus  et  earum  acce- 
soriis,  occasione  Ludewici  quoudani  dicti  Hauen  interfecti 
subortis  iulcr  nos  et  perpetratis  usque  in  presentem  diem, 
comproraislmus  in  discrelos  viros  Walterum  canonicum  Wet- 
flariensem  quoudam  plebanum  ibidem,  Gyselbcrtum  de  Deren- 
bach,  Brandanum  de  Calsmunt  milites,  et  Wigandum  de  Go- 
zelishusen  scabinum,  tanquam  in  arbitros  arbitratores  seu 
compositores  amicabiles,  et  in  Gerberlum  quoudam  advoca- 
tum,  tanquam  mediatorem,  fide  et  sacramento  corporali  pre- 
stito,  prominentes  nos  ratum  habituros  et  firmum  perpetuo 
quicquid  super  causis  omnibus  premissis  inter  nos  duxerint 
ordinandum.  Qui  ordinaverunt  arbitrando  inter  nos  et  com- 
ponendo  per  formam  compositionis  amicabilis  in  hunc  modum, 
\idelicet  quod  Heinricus  de  Nuveren  senior,  Wernherus  gener 
Gerhardi  de  Nuveren  et  Craftho  filius  Sänne  acquisiverunt 
et  obtinuerunt  diclo  quoudam  Ludewico  interfecto  fraternita- 
tem  in  duodecim  ceuobiis  et  duo  milia  missarum  pro  defun- 
ctis,  item  lampadem  in  monasterio  beate  Virginis  Welflar. 
lucentem  continue  et  perpetuo  procuraverunt.  Preterea  qui- 
libet  ipsorum  trium  assigna>it  redditus  unius  libre  Wetfla- 
riensis  monete  hiis  tribus,  scilicet  Wigando  diclo  Dytheren, 
Heinrico  de  Catzenfurt  et  Conrado  filio  Heinrici  de  Dridorf, 
consanguineis  ipsius  interfecti.  Hos  inquam  redditus  recepe- 
rant  ab  ipsis  in  feodo,  ab  eis  et  eorum  successoribns  here- 
ditarie  possidendo.  Hiis  itaque  factis,  interveniente  pacis 
osculo   et   concordie,    renunciavimus   plane   simpliciter  et  ex- 


22  ZWEI  MORDSUHNEX. 

presse,  ac  in  hiis  scriptis  renunciamus  tinaliter  et  precise, 
pro  nobis  et  heredibus  nostris  et  omnibus  amicis,  controver- 
siis  quibuslibet ,  homicidiis  dampnis  gravaminibus  et  causis 
omnibus  aliis,  actionibus  et  querelis,  occasione  predicta  inter 
nos  usque  in  hodiernum  diem  qualitercunque  habitis  sive 
factis.  Per  fidei  dationem  et  per  sacramentum  corporaliter 
preslilum  nos  firmiter  astringentes,  quod  predictam  ordinatio- 
nem  renunciacionem  seu  conipositionem  amicabilem  ralam  et 
firraam  habebimus  perpetuo  et  tenebimus,  et  conlra  venire 
facere  vel  attemptare  nullatenus  presumemus,  sed  amici  eri- 
mus  ex  nunc  et  in  perpetuum  in  invicem  et  fideles.  Si  quis 
vei'O  ausu  forte  quod  absit  temerario  contra  venerit  unquam 
aliquo  tempore,  fecerit  vel  altcmptaverit  ullo  modo,  verbis 
aliquibus  sive  factis,  cjuod  evidenter  constare  polerit :  ille  sla- 
tim  ipso  facto  periurus  sit,  violator  fidei  et  honoris,  et  nichi- 
lominus  penam  incidat  subscriptam,  \ndelicet  quod  ciWtatem 
Wetflariensem  exeat  ut  |»roscriptus,  banno  regio  interdiclus. 
nee  non  veneriibilis  doinini  Trevororum  .  .  archiepiscopi  et  .  . 
officiaiis  sui  cxcommunicalionum  sentcntiis  innodatus,  et  careat 
omnino  bonis  suis  mobilibus  et  immobilibus  universis,  que 
omnia  cedent  .  .  iudicibus  scabinis  et  consulibus  VVctflarien- 
sibus  penilus  absolute,  qui  potoslalom  habebunt  liberam  fa- 
ciendi ordinandi  seu  disponendi  de  hiis  quicquid  decreverint 
voluerint  et  viderint  expedire ;  nee  in  aliqua  civitatum  imperii 
rccipietur  commorabitur  aliquo  tempore  vel  manebit,  nee  ad 
civitalem  Wetflariensem  redibit  unquam  vel  intrabit,  uisi  prius 
secundum  iusficiam  vel  graciam  salisfecerit  competenler,  et 
nisi  de  prcdictorum  iudicum  scabinorum  et  consulum,  et  par- 
tis  alterius  in  hoc  lese,  voluntate  fuerit  et  consensu.  Quam 
penam  arbilramur  vokimus  et  in  eadem  pariter  consentimus. 
In  huius  compromissi  nostri  ordinal ionis  renunciacionis 
seu  compositionis  amioabilis  testimonium  et  robur  omnium 
premissorum,  conscribi  fecimus  tria  litterarum  paria  unins  et 
eiusdem  tcnoris  et  sub  eisdem  sigillis,  utrique  parti  unum, 
iudicibus  scabinis  et  consulibus  supradictis  unum,  nobilis  viri 
.  .  doniini  de  Merenberg,  ecclcsie  et  civitatis  Wetflariensis 
Frankenlordensis  Fridebergensis  et  Geylinhusensis  civitatum 
imperii  sigillis  ad  preces  nostras  et  instantiam  sigillata.  Et 
nos  H.  dominus  de  3Ierenberg,  decanus  et  capitulum  ecclesie 


ZWEI  MORDSÜHNEN.  23 

Wetflariensis,  .  .  iudices  scabini  et  consules  civitatis  ibidem, 
Fraiikenfordensis  Fridcberuensis  et  Geylinhiisensis  civitatiim 
civcs,  recognoscinius  quod  rogati  ab  ipsis  sij^ilia  noslra  duxi- 
mus  presentibus  appeiideuda.  Actum  et  datum  anno  domini 
m.cc.lxxx.v.  idus  ianuarii  (1285  jan.  13). 


II 

Nos  Rudolfus  dei  gratia  Ilomanonim  rex ,  semper  augu- 
stus,  et  frater  Heinricus  eadcm  gratia  sancte  Moguntinensis 
sedis  archiopiscopus,  sacri  imperii  per  Germaniam  archican- 
celiarius.  Scire  volumus  universos,  presentes  ac  posteros, 
quod  controversiam  sive  dissensionem,  que  hactenus  inter  no- 
bilem  virum  Emichonem  comitem  de  Liningen  ex  parte  una, 
et  strenuos  viros  videlicet  Heinricum  Wernberum  Johannem 
et  Arnoldum  fratres  dictos  Wiischiissel  et  eorum  consangui- 
neos  et  amicos  ex  altera  vertebalur,  pro  eo  quod  quidam  Hein- 
ricus ipsorum  consangnineus  sive  filius  sororis  dictorum  fra- 
trum  hoc  anno  apud  Viersheim  *  a  diclo  comite  et  suis  sequa- 
cibus  extitit  interfectus,  de  consensu  et  voluntate  diclarum 
parcium  composuimus  et  complanavimus  isto  modo.  Videlicet 
quod  idem  comes  tum  pro  salute  anime  dicti  interfecli  tum 
ad  emendam  dictis  consanguineis  suis  faciendam,  impetrabit 
et  faciet  hec  subscripta :  transmittet  enim  unum  famulum  ge- 
neris  militaris  ultra  mare  ad  crucem  sanctam  a  proximo  nunc 
marlio  usqne  ad  mensem  martium  deinde  proximo  affuturum, 
qui  si  postquam  iter  arripuit  ad  huiusmodi  transfretationem 
explendam,  quocunque  modo  decesserit  aut  occubuerit,  predicti 
sui  itineris  arreptiopro  transfretatione  habebitur  consumata,  vel 
si  predicabitur  crux  contra  Tartaros,  sicque  quod  contra  eos  com- 
munis fiat  transitus  aut  processus,  et  idem  famulus  contra 
predictos  Tartaros  ierit,  per  hoc  etiam  a  dicta  liberabitur 
transfretatione  omnino.  Item  idem  comes  procurabit  in  eccle- 
sia  cenobii  scilicet  ad  Coronam  beate  Marie  apud  Oppenheim 
Cisterciensis  ordinis  pro  remedio  dicti  anime  interfecti  mis- 
sam  coltidie  omni  tempore  celebrari,  et  luminare  perpetuum 
ibidem  infra  hinc  et  festum  beati  Joiiannis  baptiste  proximum, 
vel  pro  eisdem  dabit  infra  predictum  terminum  dicto  cenobio 
zivischen  ff^orms  und  Ahei. 


24  ZWEI  MORDSUHNEN. 

quinqiiaginta  marcas  colon.  den.  Item  idem  comes  inipetrabit 
in  quatuor  cenobiis  Cisterciensis  ordinis  quatuor  prebendas. 
quatuor  puellis  consaiij^iineabus  dicti  interfecti.  Item  impe- 
trabit  pro  salute  anime  eiusdera  communem  orationem  et  fra- 
ternitatem  in  viginti  cenobiis  ordinis  cuiuscunque.  Item  im- 
petrabit  pro  eo  quatuor  mille  raissas  celebrari.  Item  idem 
comes  conquiret  dictos  cjuatuor  fratres  in  vasallos  suos  dictos 
Wilschiisse!  ac  dabit  eisdem  usque  ad  festum  beati  Michahe- 
lis  nunc  proximum  octoginta  marcas  col.  den.,  vel  si  pecu* 
iiiam  ad  manum  non  habuerit,  deputabit  eis  loco  dicte  pecu- 
nie  de  bonis  suis  redditus  octo  marcarum  dicte  monete  infra 
dictum  festum,  quos  incipient  percipere  in  eodem  festo ;  hos 
redditus  dicti  fratres  et  eorum  heredes  utriusque  sexus  a  dicto 
comite  et  suis  heredibus  tamdiu  possidebunt  titulo  feodali, 
quouscjue  idem  comes  vei  sui  heredes  eis  octoginta  marcas 
col.  den.  duxerint  pcrsolvendas,  quibus  marcis  eisdem  et  suis 
heredibus  qui  pro  tempore  fuerint  aut  in  prefato  festo  aut 
quandocunque  in  poslerum  persolutis,  iidem  fratres  vel  sui 
heredes,  ut  prescriptum  est,  inde  allodium  sive  bona  proprie- 
taria  comparabunt,  per  eos  et  suos  heredes  utriusque  sexus 
a  dicto  comite  et  suis  heredibus  perpefuo  feodali  titulo  possi- 
denda.  Item  idem  comes  summo  opere  pi-ocurabit,  quod  soror 
predicti  iulerfecii  obtineat  feodum  pro  quo  contentio  extitit 
inter  memoratum  Heinricum  beate  memorie  et  virum  castren- 
sem  ipsius  comitis.  Quod  si  ipse  comes  impetrare  nequiverit 
aut  per  viam  amicabilem  aut  iure,  dabit  eidem  sorori  >'iginti 
marcas  col.  den.  in  civitate  Moguntiua  dativorum.  In  quo 
etiam  pagamento  erunt  omnes  den.  superius  raemorati,  vel 
assignabit  eidem  redditus  duarum  marcarum  percipiendos  tanto 
tempore  ([uousque  eidem  per  dictum  comitem  prefate  viginti 
marce  fuerint  integraliter  persolute,  harum  quoque  duarum 
marcariuu  redditus  eadem  soror  et  sui  heredes  utriusque  sexus 
a  dicto  comite  et  suis  heredibus  titulo  feodali  possidebunt ; 
solutis  vero  eidem  per  predictum  comitem  prelibatis  viginti 
marcis  allodium  sive  bona  proprietaria  comparabunt  a  dicto 
comite  et  suis  heredibus  feodali  titulo  perpetuo  possidenda. 
In  huiusmodi  compositionis  et  perpetuo  durature  reconciliatio- 
nis  inter  dictos  discordantes  per  nos  facte  robur  ac  testimonium 
presentibus  sigilla  nostra  duximus  appendenda. 


ZWEI  MORDSUHNEN.  25 

Nos  quoque  Emiclio  comes  antediclus  presentibus  proinit- 
timus,  quod  omnia  et  singula  suprascripta  tarn  impetranda  inipe- 
Irabiimis  quam  etiam  facienda  faciemus  perficiemus  etfideliterad- 
iinplebijuus  termiiiis  suprascriptis.  Et  ad  maiorem  etiam  certi- 
tudinem  de  hiis  omnibiis  per  nos  perducendis  ad  effectum,  ut 
premissum  extitit,  hos  subnotatos  dictis  quatuor  fratribus  con- 
stituimus  fideiussores,  videlicet  nobiles  Eberhardum  comitem 
de  Katzinelnbogen,  Adolfum  comitem  de  Nassawen*,  et  stre- 
nuos  viros  Heinricum  de  Bannalen,  Eberhardum  de  Rande- 
ken, Ludevvicum  Vicedominum,  Fridericum  de  Schonenberg, 
Ertphonem  de  Wingarten,  Silridum  dictum  Kranich,  Wilhel- 
mum  de  Milvesheim  et  Cunonem  de  Monfort  milites.  Qui 
fideiussores  si  omnia  et  singuta  premissa  dictis  terminis  ut 
prenotatum  est  non  adimpleverimus,  moniti  Wormalie  sine 
afiqua  captione  aut  malitia  in  altero  horum  hospitiorum,  sci- 
licet  aut  hospitio  Jacobi  dicti  Margrave  aut  hospitio  Wilhelmi 
dicti  Bunnen,  ins  fideiussorum  exolvent,  scilicet  quiiibet  eoruni 
per  famulum  et  equuni  tamdiu  quoadusque  omnia  adimpleve- 
rimus supradicta.  Promiltimus  nichilominus  dictos  fideiusso- 
res a  prefata  fideiussione  liberos  reddere  penilus  et  indempnes. 
Et  in  testimonium  etiam  premissorum  sigillum  nostrum  pre- 
sentibus duximus  appendendum.  Actum  anno  domini  m.cc. 
octuagesimo  octavo,  quarto  kal.   februarii.  (1288  jan.  29). 

Die  erste  der  beiden  vorstehenden  Urkunden,  denen  ich 
keine  ähnliche  dritte  an  die  seite  zu  setzen  weifs,  habe  ich 
am  6w  oct.  1838  aus  einem  der  drei  originale  abgeschrieben 
ivelche  sich  im  Stadtarchiv  zu  Wezlar  befinden,  die  zweite 
verdanke  ich  der  gute  des  herrn  pfarre.rs  Lehmann  zu 
Kerzenheim  in  der  bairischen  Rheinpfalz,  welcher  sie  mir 
im  juli  1846  abschriftlich  mittheilte,  die  Vorgänge  xcelche 
in  denselben  besprochen  iverden  liegen  sich  der  zeit  und 
dem  orte  nach  nahe,  die  sühne  des  mordes  ist  auch  in 
beiden,  obgleich  der  eine  fall  unter  ehrbaren  geschlech- 
tern  einer  reichsstadt,  der  andere  aber  unter  edeln  vor- 
kam, so  ganz  ähnlich  dafs  die  damalige  praxis  aus  der 
Verbindung  der  beideji  Urkunden  mit  Sicherheit  ivird  ent- 
nommen werden  können. 
*  nachher  röm.  hönin;. 


26  ZWEI  MORDSÜHNEN. 

Wenn  ein  mord  oder  todtscklag  geschehen  war,  so 
traten  znnächst  die  verwandten  nnd  freunde  des  getödte- 
ten  als  rächer  und  klüger  auf.  in  dein  ersten  der  beiden 
fälle  scheinen  sie  ohne  weiteres  zur  räche  geschritten  zu 
sein,  so  dafs  die  parteien  erst  nach  vielfachen  gegenseiti- 
gen heschädigungen  und  neuen  todtschlagen  durch  Schieds- 
richter zu  einer  sühne  gelangten,  welche  im  zweiten  fall 
der  römische  könig  und  der  erzbischof  von  Mainz  sofort 
nach  der  that  bewirkten. 

Die  sühne  selbst,  welche  dort  von  den  vier  reichsstäd- 
ten  der  Wetterau,  hier  von  könig  und  erzbischof  besiegelt, 
mithin  als  landesangelegenheit  behandelt  wurde,  wnfafst 
wesentlich  drei  hauptstücke. 

1.  Unordnungen  zum  Seelenheil  des  getödteten.  diese 
boManden  in  todtenmessen  bis  zum  belauf  mehrerer  tau- 
sende oder  auch  in  Stiftung  einer  ewigen  messe,  in  ge- 
winnung der  bruderschaft  in  einer  mchrzahl  von  klöstern, 
Stiftung  einer  ewigen  lampe,  absendung  eines  pilgers  nach 
einem  entfernten  Wallfahrtsort. 

2.  entschädigung  der  nächsten  verwandten  des  ge- 
tödteten durch  Verleihung  von  lehen  und  versorgenden  ein- 
kauf  in  klöster. 

3.  befestigung  der  sühne  aufser  dem  friedenskuss  und 
der  beschwörung  durch  eventuell  angedrohte  und  übernom- 
mene ehrloserklärung  Verbannung  ächtung  excommunication 
und  vc/Tnögensconfscafion,  sodann  durch  bürgenstellung. 

Einer  bufse  an  das  betreffende  gericht  und  einer  Ver- 
bannung, wie  .sie  der  Frankfurter  st adt frieden  von  1318 
auf  Jahresfrist  auch  dem  gesühnten  todtschläger  auflegte, 
ist  hier  nicht  gedacht,  beide  waren  kein  gegenständ  der 
sühne  unter  den  parteien.  jene  bufse  verstand  sich  wohl 
von  selbst,  und  diese  Verbannung  scheint  für  diesmal  in 
If^ezlar  nicht  verhängt  worden  sein,  weil  derselben  sonst 
da  wo  von  der  eventuellen  Verbannung  die  rede  ist  erwäh- 
nung  geschehen  tväre. 

Frankfurt  im  Jan.   1847.  FR.  BÖHMER. 


27 


BRIEFE    AUS    DEM   VIERZEHNTEN 
JAHRHUNDERT. 

Der  codex  philol.  71  zu  JVieji,  aus  tvelcheiti  die  nach- 
folgenden stäche  entnommen  sind,  ist  in  folio  auf  papier 
im  Jan/zehnten  Jahrhundert  sehr  schlecht  geschrieben,  er 
enthält  hinter  Petri  de  >'inca  Epp.  von  hlatt  104  bis  199, 
als  Suninia  Cancellariae  Karoli  quarti  iinperatoris,  eine.7i  aus 
den  entwarfen  eines  kanzlers  Aaiser  Karl  iv  gebildeten 
briefsteiler,  ob  dieser  kanzler  Johann  von  Neumarkt,  bi- 
sehof  von  Leutomischel,  war,  wie  Dobner  glaubt,  oder 
Rudolf  von  Friedberg  (in  der  ff^etterau),  bischof  von  Ver- 
den, wie  mir  ivahr scheinlicher  scheint,  oder  sonst  iver, 
wird  tvohl  dereinst  von  Palaeki/  festgestellt,  wenn  er  seine 
geschichte  Böhmens  mit  einer  Charakterisierung  der  Staats- 
männer Karls  IV  ergänzt,  bei  knapp  zugemefsener  zeit 
konnte  ich  im  jähr  1842  mir  diese  kürzeren  stücke  ab- 
schreiben, aus  ivelchen  man  den  kanzler  als  einen  freund 
der  dichtung  und  maierei  kennen  lernt.  —  die  tnark- 
gräßn  M  .  ,  welche  im  ersten  briefe  mit  Kriemhild  ver- 
glichen wird,  ist  niemand  anders  als  die  berühmte  Mar- 
gareta  Maultasch,  welche  mitwifserin  war  als  die  edeln 
Tirols  ihren  untüchtigen  ersten  gemahl,  den  jüngeren  bru- 
der  des  kaisers,  am  2n  nov.  1341  schimpflich  aus  Tirol  ver- 
trieben (Reg.  Lud.  Bav.  s.  345),  und  ivelche  später  (wahr- 
scheinlich nach  dem  am  \n  oct.  1361  erfolgten  tode  ihres 
zweiten  gemahls  Ludwig  markgrafens  von  Brandenburg) 
das  hoflager  des  kaisers,  ihres  ehemaligen  schwagej^s,  be- 
suchend, natürlich  eine  höchst  auffallende  erscheinung  war. 
in  einem  andern  an  den  bischof  von  Magdeburg  gerich- 
teten briefe  derselben  Sammlung,  der  sich  aus  einem  codex 
des  erzstifts  Prag  bei  Dobner  Mon.  4,  327  gedruckt  fin- 
det, spricht  der  kanzler  noch  weitläuftiger  über  ihr  da- 
maliges erscheinen.  —  ob  das  im,  zweiten  briefe  über- 
setzte gedickt  Johann  (sonst  gewöhnlich  Heimnch)  Fraue?i- 


28  BRIEFE  AUS  DEM  XIV  JH. 

lobs  noch  erhalten,  und  ob  die  hier  i'orkommenden  kunst- 
ausdrücke von  einigem  werthe  sind,  mögen  kenner  ent- 
sclieiden.  ein  so  stolzes  beivustsein  von  der  edelheit  der 
deutschen  rmittersprache  und  ein  so  altes  zeugnis  von  einem 
deutsch  -  czechischen  Sprachkampfe  wird  immerhin  einige 
ttufmerksamkeit  verdiefien.  —  Petrarcas  verhält?iisse  mit 
Hart  IV  sind  bekannt  genug,  dafs  der  dichter  auch  mit 
einem  geschäftsmanne  des  kaisers  in  freundschaftlichen  Ver- 
hältnissen gestanden  und  in  ihm  einen  gebildeten  Schätzer 
seiner  lateinischen  dichtungen  gefunden  hat,  zeigt  der 
dritte  brief  der  inhalt  eines  viel  umf an gsr eicher en  der- 
selben Sammlung  ist  im  Archiv  der  gesellschaft  für  ältere 
deutsche  gesch.  2,  456  so  angegeben,  Cancellarii  epislolae 
ad  Franciscum  Petrarcham  quibiis  desideriiim  suuin  ostendit 
eins  fieri  discipulus,  atque  cesaris  nomine  librum  virorum 
illustrium  sibi  transmitti  postulat.  —  der  letzte  brief  ist 
ein  Zeugnis  für  die  hohen  ziele  welche  die  malerschule 
Karls  IV  anstrebte,  aus  welcher  wir  den  Niclas  fVu?^mser 
von  Strafsburg,  den  Thomas  von  Modena  und  noch  einige 
andere  mit  namen  kennen,  die  höchst  ausgezeichneten  ar- 
beiten derselben,  die  ich  1845  zu  Prag  und  Wien  zu  be- 
tüundern  gelegenheit  hatte,  sind  noch  nicht  gehörig  ge- 
würdigt und  noch  so  gut  wie  gar  nicht  vervielfältigt. 
Frankfurt  a.  M.  im  Jan.   1847.  FR.  BÖH3IER. 

1.     CANCELLARIUS  SCRIBIT  DLCI  IN  THEÜTOxMCO  DE 
MARCHIOMSSA  M. 

Liber  gnediger  herre.  ist  das  waz  (war?)  nach  alder 
sagung  und  noch  urchunde  der  sijten  dij  an  uns  gewachsen 
seint,  das  die  vasnacht  ie  dester  wezzer  ist,  so  man  aller 
meist  fremdichail  darinne  übet  und  treibet,  so  hoff  ich  zu  got, 
is  sey  ein  rechte  merchleich  vasnacht  abenteure,  das  Crimholt 
zu  hofe  varen  weile,  und  wollet  ir  meines  herren  hoff  ver- 
säumen und  den  nicht  suchen,  durch  welch  hindernisse  daz 
gesein  mochte,  do  gelaubt  ich  ir  suUit  daz  nicht  lazen,  ir 
kumt  zu  uns,  nur  umb  dij  so  fremde  wunderliche  mere. 
wann  ich  glaube,  daz  ir  so  seltseines  nie  gehöret  habt,  als 
daz  dije  frawe  uns  gelawbet,  die  uns  und  land  und  leute  in 
chummer  und   in  arbeit  geseczl  hat.     und  gelaub  ich,   es  sei 


BRIEFE  AUS  DEM  XIV  JH.  29 

der  funfczechen  zeichen  aines,  dije  vor  dem  iungesten  tag 
schulleii  gescheeu.  wan  ich  nie  erfure  so  grofses  unmench- 
leiches  (so)  wunder. 


2.   CANCELLARIUS  TRANSTULIT    QUODDAM    CARMEN    DE 
THEUTONICO  IN  LATINUM  ET  MITTIT  EPISCOPO. 

Reverendissime  pater  et  doniine  metuende.  vulgaris  elo- 
quencie  priuceps,  qui  secundum  Reni  asperginem  linguam  ador- 
navit  Theutonicam  et  venusto  floris  germine  decoravit,  ma- 
gister  Johannes  dictus  Frawenlob,  condolens  exulanti  iuslicie, 
tam  notahile  tamquc  lamosum  carmen  elegiaco  slilo  in  mate- 
ria  tali  composuit,  quod  dum  ad  mei  pervenit  noticiam,  sce- 
lus  arbitrabar  eximium,  si  ex  mea  negligencia  dominus  mens 
tanti  carminis  dulcedinem  ignoraret.  cuius  quidem  deliciosi 
dietaminis  grata  sentenlia  sequitur  in  hec  verba.  * 

Carminis  huius  est  tripartita  divisio.  videlicet  duorum 
versuum  et  binus  gradualis  ascensus.  in  primo  versu  ma- 
gister  predictus,  per  anastropham  loquens,  iusticiam  sie  affa- 
tur :  0  iusticia  qualiter  modo  disparuisti  cum  sceptro  re- 
galibiis  et  cot^om's?  nemo  tibi  resistei'e  poterat  eo  tempore 
quo  iras  privatas  et  publicas  gubernabas.  in  secundi  ver- 
sus principio  iterum  magister  predictus  per  anastropham  lo- 
quitur  iuslicie,  et  ipsa  sfatim  post  in  prosopeya  respondit. 
et  sunt  hec  verba  que  secuntur:  quis  est  modo  tue  corone 
custos?  fare  iusticia!  certe  sei^vus  meus  iniqua  polestas, 
qui  me  annichilat,  et  adve?'sum  me  pugnat  Jortissime.  et 
in  eins  subsidimji  turmatim  veniunt  furta  rapine  incendia; 
nam  falsitas  confederavit  eidem  dominos  homines  atque  ter- 
ras.  qualiter  igitur  incedere  debeam  iam  ignoro.  tercia 
vero  pars,  que  ut  premisi  appellatur  gradualis  ascensus,  com- 
muni  modo  absqiie  figuris  incedit  in  hec  verba :  iusticia  fides 
atque  moralitas  sunt  perfidie  studiis  in  exilium  relegate, 
falsitas  hilarescit,  inßdelitas  dilatatur.  deus  creator  omnium 
in  adiutorium  tue  chiHstianitatis  intende,  ob  profundum  li- 
vorem  tuorum  vulnermu,  et  ejßce  quod  iusticia  ad  heredi- 
tatis  sue  locum  reveniat,  annis  fiostj'is  solacia  secum  ferens. 

*  hier  folgte   wohl   in   der  Urschrift   der  deutsche  text  welcher 
aber  im  codex  fehlt. 


30  BRIEFE  AUS  DEM  XIV  JH. 

Translacionem  huiusmodi  reverentie  paternali  non  fecit 
scribentis  sedulitas  tanquam  prelato  ignoranti  Theutonioum, 
cum  per  dei  graciam  nobilis  illius  lingiie  Gernianice  copiosam 
noticiam  habeatis.  sed  quamvis  a  vobis  plene  intelligatur  ma- 
teria  etiam  in  ipso  vulgari,  aperire  taineii  volui  modos  lo- 
qiiendi  lanti  et  tarn  famosi  decaiitautis,  qui  super  omiies  alios 
hanc  insignem  loquelam  floribus  et  senfentiis  redimivit,  ut  vi- 
deat  vestra  reverencia  non  esse  acceptatorem  peisonarum  ipsum 
creatorem  allissimura,  ut  vel  Bohemum  Theutonico,  aut  rur- 
sum  Theulonicum  Bohemico  preroget,  cum  ex  omni  gente  illi 
solum  accepti  sunt,  qui  sub  timoris  angustia  et  karitatis  (vin- 
culo)  divino  numini  famulantur.  hec  ante  festum  dicta  suf- 
ficiant.  et  ulinam  accepta  sint  presuli  cuius  reverencie  diri- 
guntur. 

3.    UOGAT  FRANCISCUM  PETRAHCAM   LT  Slßl  .AliTTAT 
EXPOSlTlüNEM  E(;L0GAUQI. 

Magister  et  domine.  rogo  vos  instantia  et  arte  qua  pos- 
sum,  quatenus  michi  exposilionem  eglogarum  vestrarum  quanto 
potoritis  velocius  dirigalis.  nam  vehcmenti  melancolia  et  dolore 
cordis  constringor,  legendo  tante  sonoritalis  dictamina  et  re- 
rum  sublilium  tam  apropriatas  methaphoras,  dum  non  inleliigo 
in  quos  fines  sermo  cultus  sua  venustate  perorel.  tollalis  igi- 
tur  tante  displicentie  et  adversitatis  raaterias  ab  amico,  gra- 
tum  in  boc  michi  ostendentes  benigne  pietatis  affectum,  cuius 
intendo   lotis  vite  mee    temporibus  in  gaudio  reminisci. 

4.   SCRIBIT  1MPERAT0RI  DE  QLOD.UI  PICTORE. 

Serenissime  ac  inviotissime  princeps  et  domine  pertimende. 
Presentis  pictoris  industria  artis  sue  suflragio  rite  depinxit 
ambas  potcstales,  regiam  videlicet  diguitatem  et  auctoritatcni 
pontiliciam,  ab  uno  dependere  principio,  dum  celestis  para- 
nymphus,  sicud  in  pictura  prospicitis,  divine  provisionis  de- 
mentia coronat  utrumque  ;  cesarem  videlicet  ut  caput  orbis,  et 
Romanum  ponlificem,  cui  ligandi  et  solvendi  potestas  ab  alto 
concedilur;  et  uterque  ipsorum  in  regnum  celorum  provehitur, 
sicud  superior  picture  declarat  Facies,  si  tarnen  uterque  ipso- 
rum bene  administraverit  Christiane  karitatis  officio,  quod  de 
rationibus  contingentibus  censeo  reperiri  etc. 


31 


DER   EHRENBRIEF    JACOB    PUTERICHS 
VON   REICHERZHAÜSEN. 

Wie  sich  aus  Duellius  cxcerpt.  geneal.  s.  175  e7it- 
nehmen  läfst,  tvar  die  handschrift  aus  welcher  er  den  eh- 
renhriof  Jacob  Püterichs  von  Reicherz  hausen  zuerst,  mit 
geringer  sorg/alt,  inittheilte  zu  seiner  zeit  eigenthurn  des 
kloslers  S,  Audreae  an  der  Traisen,  eines  der  ältesten  geist- 
lichen Stifter  Österreichs  unter  der  Enns.  dieses  stij't  der 
lateranensischcn  regulierten  Chorherren  des  h.  Augustin 
ward  nun  nach  dem  tode  des  probstes  Gregor  Gründler  im 
jähre  1783  dem  noch  jetzt  bestehenden  chorherrnstifte 
Her^ogenburg,  in  der  nähe  von  S.  Andreae  gelegen,  ein- 
verleibt, so  kamen  auch  die  handschriften  der  nicht  un- 
bedeutenden Stiftsbibliothek  nach  Herzogenburg  und  unter 
ihnen  auch  unsere  handschri/t  Püterichs. 

Sie  ist  in  folio  und  dem  turnierbuche  Rüa-ners,  und 
zwar  der  Frankfurter  ausgäbe  von  1578,  ?nit  den  bekann- 
ten Zusätzen  Frankolins  von  eben  diesem  jähre,  angebun- 
den, sie  gehört  dem  ausgehenden  \Qn  Jahrhundert  an  und 
ist  auf  gewöhnliches  nicht  sehr  starkes  papier  geschiv'eben, 
dessen  wafserzeichen  eine  art  P,  oben  mit  einem  blumcn- 
kelche,  darstellt,  die  schrift  ist  scheinbar  leicht  leserlich, 
macht  aber  manche  Schwierigkeit  bei  Unterscheidung  von 
a  und  0,  e  U7id  r,  e  und  n  und  dergleichen  mehr,  die 
Seite  hat  zwei  spalten  und  jede  spalte  drei  Strophen,  bis 
auf  die  blätter  wo  die  halben  spalten  durch  die  zierlich 
gemalten  wappen  ausgpfüllt  sind,  es  sind  dies  unter  den 
16  blättern  der  ganzen  handschrift  die  selten  3^,  4%  4'", 
ö'*,  5^  ujid  6^ ;  die  übrigen  selten  haben  je  sechs  Strophen 
bis  auf  s.  13'',  wo  Mo?itevillas  grabschrift  stört,  das  titel- 
blatt  zeigt  das  bei  Duellius  s.  263  schlecht  wiedergegebene 
bildnis  Püterichs  in  färben,  auf  unser  n  Puter  ich  folgt  die 
reimerei  des  herolds  Johann  Holland  nach  dessen  zierlichem 
bilde,  das  bei  Duellius  s.  253  ebeifalls  sehr  schlecht  ver- 
treten ist. 


32  PI  TERICHS  EHRENBRIEF. 

Ich  verdanke  die  tnittheilung  dieser  handschrift  dem 
löblichen  stifte  Herzogenbusch  auf  gütige  rermittelung  des 
herrn  stiftsdechanten  Fr.  Appel. 

fFien,   17  nov.   1844.  KARAJAN. 

Hienach  uolgendt  Lied  Ge  |  nandt  der  Ernbrief,  Hat  weillündt 
Jacob  I  Pütrich  voiiReichertzhaiisen  gemacht  |  Zeweilln  Frauen 
Machthilden,  Her  |  tzogin  zu  Osterreich,  Vnd  geborne  Pfaltzj 
graiiin,   In  des  von  Laber  gemainen  |  Thonn. 

1  Durchleichlig  Hochgeborne  1' 
Fürstin  werdt  aller  ehrn 

Anfz  treuen  die  erkhorne 

Peut  ich  mein  dienst  von  gantzen  herzen  gern 

Eur  gnaden  willig  vnderthenig 

Findt  Ir  mich  gar  mit  allem 

des  willens  wirdt  Ich  nimer  widerspenig 

2  Wie  woll  meins  leibs  Luceren 
Eur  gnaden  nie  gesachen 

So  hör  Ich  doch  von  feren 
wie  hoch  eur  lob  den  wirden  sich  thuel  nachen 
•    das  mir  der  gleich  im  hertzen  nie  ward  fundig 
\'nnd  wann  sich  endt  mein  leben 
das  mir  so  würdig  Nimermer  werd  khundig 

3  Eur  Durchleichtigkhaite 
Mag  frembden  disc  ding 
Was  mich   darczue  Beraite 

das  Ich  von  Euern  gnaden  Red  frag  vnd  sing 
Das  ist  auch  nit  an  Eur  gnad  zewundern 
Seydt  das  Ich  ye  mit  Augen 
das  Lob  gesach  das  sich  so  hoch  ledt  svnndern 

4  Für  manig  weib  auf  Erden 
Nun  wist  durchleichtige  Frau 
das  meines  hertzen  gcrden 

Euch  gern  ersäcii,  dann  aller  Pluemben  Au 
Vnd  mag  ich  das  in  khurtz  noch  schier  gefüegen 
So  will  ich  sehen  mit  Augen 
der  nie  gesiebt  von  hertzen  gewan  genüegen 

3,  5.  die  hs.  an  Eur  eur  gnad 


PÜTERICHS  EHRENBRIEF.  33 

5  3Iöcht  Ichs  gefiiegcii  trat 
Ich  blib  nit  laiiug  liirwar 
Wüst  fraii  mich  hat  beschaiden 
Eur  würdigs  lob  so  gar 

das  Ich  seit  Iraer  bin  gedennckhen 
Wie  Gott  so  Rainen  wünsche 
In  ain  Person  thet  senckhen 

6  Hielt  mich  nit  anf  geschaffte  l'' 
Ich  khäm  des  schier  zu  enndt 

was  mir  eur  Tugenfchrell'te 

von  Parfzperckh.    Gredl,  Eur  Puel  so  hat  beneut 

die  bei  euch  was  cinfzmals  im  Padt  zu  khälbe 

das  maniger  Frauen  Lobe 

Eur  lob  nil   wider  wegen  mag  mil   halbe 

7  Geboren  nie  del'z  gleiche 
sagt  sy  mir  mer  darczue 

Von  khunst  vnnd  thun  so  reiche 
Als  Ir  das  Ich  seindt  spat  vnnd  frue 
Euch  wünschend t  bin.   glickh  säldt  ern  guete 
Vnnd  das  der  voget  von  Himel  euch 
ßehüeten  thue  vor  allem  wider  miiete 

8  Von  eurem  hol"  Besonnder 
Sagt  sy  mir  wirdt  vnnd  Lehr 
Euer  Freulein  Pfalcz  darunter 

wie  das  Regieren  sey  trau  säldt  vnnd  ehr 

Eurer  Jungkhfrauen  drey  in  Gottes  dienst  Singent 

Introit  mit  vnnd  ende 

Das  es  zu  Himel  den  Engeln  gleich  sey  khlingendt 

9  Bayrn  Schwabm  vnd  Franckhen 
seindt  billich  des  gepundten 

Gott  Löblich  Y  mer  zedannckhen 

Das  Rotnburcckh  in  Im  sollich  wierd  hat  funden 

Gelegen  am  Negkher  ver  in  Schwabenlandt 

darumb  sie  Imermere 

der  wirde  haubtstat  soll   sein  benant 
10       Pfaltz  Caraer  vnnd  Sali 

Wie  gar  das  stehe  beraten 

Mit  tugent  vberall 
,  3.  nach  Ymer  ist  dar  diirclislrichen. 
Z.   F.   D.   A.   VI.  3 


34  PüTERICHS  EHRENBRIEF. 

Als  cur  gnad.  das  alles  khan  bcställon 

Sait  sie  viind  manigs  mer.  so  ich  nit  khan  schreiben 

der  tugenilicheii  ehrn 

Daruinb  lafz  Ichs  woll  halben  thail  beleiben 

11  Graf  Ritter  vnnd  khnechte 
wie  das  in  Zühten  leb 

Eur  gnaden  willig  rechte 

Eurer  Hofmaislerin  hab  der  ehren  geh 

An  eur  gnad  von  alter  her  beczalte 

Darumben  sey  sie  Muetler 

Von  euch  genannt  gar  vill  vnnd  niauiglalle 

12  Im  Closter  ains  versperet 
Eurer  Jungkhfrauen  aini  sich  geben 
vorm  Posen  geist  sich  weret 

die  Seil  sich  wollt  doch  was  Ir  nit  gar  eben 

den  Naniben   zti  nennen,   sy  deicht  von  Rliorslein   piirlij 

Ir  geschlechl   der  I-]dlen  lierren 

das  was  Ir  Ingedenckhen  gegenwüi'dig 

13  Bcy  nianigen  Iren  3Iärn 
Sagt  sie  mir  auch  dabey 
von  Nadln  vnnd  von  Schärn 

von  Füngerhiet  vnd  solcher  Cranierey 

von  Würfl  drein.    Aufz  scluiech  zwey  RinckI  khlaine 

Sy  euch  das  biet  geschickliet 

In  ainem  Peiill.  die  Gof  versperrel   Raine 

14  Rain  sie  das  schon  Glosierel 
Eur  gnaden  auf  haill  der  Seil 
der  (ilofz  doch  was  verirret 

Eur  gnaden  Puel  die  liebe  3iargarer 
Wann  sie  vergessen  het  des   sines  niaine 
dabey  niiigt  Ir  gedenncklien 
Ob  wür  Icht  Redten  von  eurn  gnaden  claine 

15  Erczenngl  vnnd  die  Princzen 

Eur  Fürstlich  gnaden  sein  pflegenl[enj 

Euch  crönen  mit  Rauten  vnnd  Münczen 

Mit  Edlem  geslain  vnnd  (Jold  enwider  Wegenf 

Des  ist  woll  werd  eur  wird  hoch  vngemefsen 

Iliet  Ir  gelebt  der  Zeiten 

der  Grall  het  eur  zu  Khunigen  nii  vergefsen 


PUTEUICIIS  EHRENBRIEF.  35 

IG       Ilcrczogiii  aller  Tiigcnt 
Mir  sagt  eur  Puel  zu  Letsst 
(lo  sy  von  dannen  was  ziigent 
Zu  Lannde  haimb  vnnd  wider  an  Ir  uesst 
wie  Ir  sy  klirönt  mit  ainem  Reisl  khlaine 
auFz  Nessel  ain  Tieclilein  schöne 
dafz  sy  gesehe  delzgleichen  nie  so  feine 

17  In  aller  diser  weite 

ihuet  Lob  eur  Puel  euch  inecrn 

da  mir  das  khäm  zu  melde 

Mein  hercz  mein  syn  vnd  alles  mein  begern 

das  stundl  darnach  wie  Ich  eur  lob  möcht  höhen 

So  khan  eur  wiierdt  mir  senndten 

Sich  als  ein  wildes  federspil  entpflöhen 

18  Ossterreich  vnnd  anndert  2'' 
die  Lanndt  in  manigcn  khraissen 

die  hat  eur  gnad  durchwandert 

das  sie  euch  nur  die  Tiigentreichen  haissen 

des  sey  euch  Lob  gesagt  zu  allen  weilln 

das  Ir  das  habt  erworben 

Wann  Tugent  in  khurcz  nit  laicht  ist  zu  ereiln 

19  Muetter  Ir  aller  Frauen 
die  Tugent  sich  zeseinen  (so) 
die  sollent  an  euch  schauen 

den  ernspiegl  also  dar  vnd  feinen 

den  Ir  tragt  hoch  vor  Manichen  werden  waiben 

das  nit  ein  wunder  wäre 

ob  all  vntugent  das  von  In  khunde  treiben 

20  Halb  noch  ganncz  zu  sagen 
Waifz  ich  eur  ehrn  tayll 
dann  das  Ich  ye  will  khlagen 

das  mich  vergangen  hat  das  glicklich  hayl 
Das  meiner  Jugent  sollich  ehrn  Reisse 
Mein  Zeit  mir  nie  wardt  khundig 
Darumb  Ich  billich  stehe  vor  alter  greise 

21  Vor  eur  gnad  eilen 
vermerckht  das  genediglich  nicht 
so  das  Ich  biet  wellen 

19,  3.   anschauen  7m't  durchstrichenem  an. 

3* 


36  PUTERICHS  EHRENBRIEF. 

Ain  diener  sein  das  war  nit  Tugentlicli 
Nur  sonnder  ein  diener  eur  dieniueten  diete 
vnnd  ob  Ich  annderst  gedennckhe 
do  sey  Gott  vor  der  Mir  auch  das  verpiete 

22  Sain  perndelz  Reisses  Geschueche 
Ich  biet  mich  gewest  vnwürdig 

die  Riem  eur  gnaden  schueche 
Zulefzen  auf.  vnd  darczue  auch  vngüetig 
gein  euch  gewefzen  aller  Argen  thäte 
dann  nur  eur  stuben  baicz 
Ob  das  eur  gnad  verguet  gebäht  häle 

23  Pfui  Ir  all  die  Besen 
die  Arges  mir  gedennckhen 

Lal   euch  mein  gedännckh  Zerlöfzen 

Sollt  mich   das  Alter  also  fhun   nit  khrenckheii 

So  müsl  der  windt  mich  freuen   herczelicheu 

der  von  dem  Landl   (huet  wäeii 

dar  Innen  da  wonnth  die  her  leiblichen 

24  Ein  man  von  Sechczig  Jaren 
Soll  Amorschafl'f  vermeiden 
Mein  Peicht  muefz  Ich  enntparn 

das  Ich  darumb  trag  ein  Iniclis   leiden 
das  Ich  nil  mer  soll  dienen  ainei"  fraueri 
die  souil  hat  der  ehren 
der  Jamer  tliuel   mein  heirz  diirclillniiMMi 

25  Enickhl  vafter  Khinde 
die  JNäm  seindl   mir  gemäfz 
dabej  Ich  noch  belindte 

Das  Venus  Amor  mir   ist  widersäfz 
vnnd  Cupido  Ir  Son  zu  allem  molc 
der  misset  mein  nun  selten 
Mit  seiner  feurin  od  gülden  Shale 

26  Des  ist  mein  Aviderwähe 
Mein  ehr  die  all  zu  scharf 
ob  in  die  wellt  Icht  sähe 

das  wendt  mir  an,  Mein  weih  von  Sackhendorl 
\  niul  sprich I  Laap  dich  soll  nun  gar  beniiegen 
\  lind  Lafz  ein  Jungen  werben 
Nach  werd(er)  Min  das  thuet  sich  bafz  im  luegen 


PUTERICHS  EHRENßWEF.  37 

27  Röniisclien  Reichs  Croiic 
V^iiiid  war  Ich  dei*  gewallig 
Näinh  Ich  nit  für  den  Lone 

den  mir  Leicht  Put  die  ehren  luauigfallig 

Das  war  ein  wort  La  dir  empfolhen  seine 

Mein  stuben  haiczen  khörn 

Darumb  gewinst  Leicht  die  huhll  vnnd  giiad  die  meine 

28  Khunig  Fürsten  allen  hefn 
wer  gnueg  Ir  gunst  zeriagen 
In  Nähennt  vnnd  in  verrn 

So  mecht  man  wol  geniueth  gancz  (hnrh  sie  tragen 
Ain  Lanndl  hat  mueth.   dar  Inen  woiidt  die  here 
druinb  Ir  Schwaben  alle 
Freüdt  euch  der  würdt.   \  eczundt  vnd  Imerniere 

29  Rue  wir  nie  gewunen. 
Eur  Piiell  vnnd  Ich  fürwar 
Bifz  vnndergaung  die  Sonnen 

Zu  reden  nicht,  dan  Lob  von  eurn  gnaden  dar, 
In  dem  so  sagt  sie  mir  mit  sonndern  märn 
Wie  das  vonn  gschlecht  die  Besten,  Im  Landt, 
Zu  Bayrn,  eur  gnad  vnkhundig  warn 

30  Brächt  euch  das  nit  verlangen  3"* 
so  nant  ich  euch  die  all 

Die  sich  in  Tornier  tranngen 

Mit   freiden  sehen  liefsen  vnd  mit  schall 

Das  sint  von  Bayrn  die  hochgebornen  Fürsten 

die  sich  durch  werde  Frauen 

Vill  gern  Je  nach  erhn  Liessen  dürsten 

31  Vnnd  von  dem  Leichtnberge 
Lanndtgrafen  vnnd  Graf  ze  Halfz 
Auch  Graf  zu  Ordenberge 

Ambsperckh  vnnd  Haideckh.   auch  des  mals 
Im  Ba\Tlanndt  für  herrn  frei  benent 
So  sey  euch  Fraunberg,  Töring,  Preysing 
Auch  mit  v.-ürdt  darin  erkhennt 

32  Tochter  hocher  ehrn 

Merckh  Fraunhof.  waldeckh,  weichs, 
Laining,  Torren,  mern 
58,  1.  Khunig  aus  Khunigen  corrigiert. 


38  PLTERICHS  EHRENBRIEF. 

die  Zale  thun.   so  thuet  Freundtsperg  des  gleichs 
Piennczenaw,  aiich  dcgenberg,  für  wäre 
Nusperg,  Ahaiin  Pochsau 
Die  bring  Ich  euch  Zehaufz  in  dise  schare 

33  Pafz  will  Ich  euch  entdeckhen 
des  Adls  noch  vill  mehr 

die  gueten  Trenbeckhen 

Von  Trenbach.   darczue  die  Ranistorfer. 

von  Johenstorf  ist  aus  ein  alter  Adl 

Die  Haufzner.  Mit  dem  wider 

Haben  Lanng  Turnirt  an  aller  schlachte  Zadel 

34  Lud  Ich  euch  nit  zelannde. 
Pranberg  die  gueten  von  Au 
Auch  eur  gnad  erkhannte 

Warfer  Ebs  Praitenstain  vnnd  Cammerau 
Puechperg  Camnier  Paulstorf  Mächslrainer 
Schmilzer  Muerach  Annberg  Pärbing 
Auch  die  gueten  Seiboltslorfer 

35  Solch  Schimpf  ersuechel 
Hat  Wolfslain  Parizperger 
Stauf  llainer  vngeruechct 

Ob  Zennger  Notthalft  Herlnberg  icht  wer 

In  Zail  auch  Nusdorf  wispeckh  von  der  Alben 

Trauner,  Mauttner  Closzner  TAufkhircher 

siecht  man  Turniern  allenthalben 
3G       Ain  geschlecht  haist  Lampollinger 

Von  alller  werdt  genannt 

Sie  wig  Ich  auch  nit  Ringer 

Wo  solches  Ritterspil  ye  wardt  erkhant 

darczue  die  Panichner  in  der  geleiche 

die  hat  mann  so  erkhennet 

In  Tornierscliranckhen  niemandl  nit  entweiche 
37       Pfalcz  hat  mannigen  Fromen 

Den  man  nit  Bayru  nennt 

So  Lat  in  Zall  her  khomen 

Haipeckh.   Schilbaczen  vnzutrennt 

Cammerberg  vnd  Gumppenperg  die  teurn 

Schönstet,  Satelpogen  Eisenhauer 

Turnner  die  ijeheurn 


PLTERICHS  EHRENBRIEF.  39 

38  Graf  Ritlcr  Khiiecht  viid  Frauen 
Hört  liier  der  werden  sagen 
Aichperg  vnnd  Rotauen 

Rorbegkli  Arhdorf  Leudenbegkh  gedagen 
Iso  nit  der  Pflueg.   Höfer  vnnd  Ecklier 
S<'liönstain  vnnd  PfeiFenliausen 
Staudaeh,  Sainzell  sind  an  dem  märe 

39  ßey  allen  den  vorgenanten  5' 
Ist  Khürner  vnnd  Judnian 

von  Absperckh.   die  bekhannten 

Haslang  Wildiistain  Srhwangau  vnd  Ebran 

Freudenberg  Hohenrain  LeubeUingen 

Pünezing  Olfensletten  vnd  Waler 

Sieht  man  in  dem  Tornay  dringen 

40  Olting  ist  lanng  herkhomen 
In  disem  Ritterspil 
Harfzkhircher  die  vill  frumen 
Fruemesl  als  Ich  fürbafz  Singen  will 

Die  gueten  Stradl,  mit  dem  gulten  Stern, 

Sindt  nun  mit  Todt  verganngen. 

Gott  well  in  dort,  in  eewigkhait  freudt  mein 

41  Rheinstromb  dickh  gesehen 
Hat  freyburg  Eglofstain 

wie  das  in  sey  zu  Jeheii 

Franckhen,   Schwab,  doch  in  Bayrn  ir  haimb, 

Also  was  Gundolfing  In  Bayrlannde 

des  sey  Gott  genedig 

Der  auch  mit  erb.   dar  Innen  war  bekhannte 

42  Hertzogin  durchfeinet  5'' 
Mer  ist  der  Lanndieiith  mein 

Appfenthall  sich  peinet, 
Trichtling  Saczenhof.  soll  auch  da  sein 
Rambstain  kbemenat  Hachfznagkher 
Hornpeckh,  Leberskhircher,   Schwarczenstain. 
Seindt  dickh  gesehen  wackher 

43  Von  welchenberg  Lengfelden 
die  gueten  wolbewart. 

Thue  Ich  auch  sonnder  melden 

dabei  desgleich,  auch  die  von  wildenwurth, 


40  PLTERICHS  EHRENBRIEF. 

von  Lautterbach,  Dachauer  Lang  herkhamen, 

Inner  vnnd  ausser  Lanndes. 

Hat  man  sich  dickh  gesehen,  als  die  fromben 

44  Ir  ist  auch  nit  zu  feirn 
der  Schänckhen  von  Neideckh 
Waldau  vnnd  Schönnckh  von  Geirn 

Im  Turnay,    freisam  thet  auch  Mistelbeckh 
Hauczndorf  vnnd  Slörn  verlagen  seilten 
Wiewoll  auch  des  zu  Zeiten,  Ir  haubt  vnd  Ruckh. 
Mit  sclileg.  miiest  des  enntgellten 

45  In  allen  disen  MUrn  6" 
Sündt  todt  bej  meiner  Zeit 

Laberer  RarabsPerger  Khuchlern 

Granfz  Schwennter  auch  da  Leit 

Stunipl'  vnnd  Egkher  Sciiläspeckh.  Hilkherfzhaufzn 

Vorssfer  Kliagrer  Wildrgkh.   Hohenfelfz 

Die  All  niuelz  Goll  ßehaulzon 

46  In  seinem  ewigen  Wesen 
Da  freiden  nie   ward  eiulf 
Noch  hab  ich   nier  gelelzeri 

Die  meiner  Zeit  hie  raumbten  das  ellendt 
Haldenberg  Allcnburg  Sfahel  Schenckh  aufz  der  Aue 
Mil  schildl  vnnd  Helm  vergangen 
Der  Pfleg  auch  dorl  mit  gnaden  vnser  Fraue 

47  Bayern  31uerz  mangl  haben 
der  Sibenczehen  geschlechte  i'all 
Mit  schuld  vnnd  Helm  vergraben 

bev  meiner  Zeit  sy  dennoch  lebten  all 

Nun  ist  Irs  namens  Layder  nit  mer  auf  erden 

So  helf  in  Golt  der  vatter 

das  sie  zu  Himel  erhöhet  muessen  werden 

48  Ey  Herrscham  Frey  von  Laber  6^ 
Ich  muefz  dich  Imer  dagen 

Durch  das  vnns  aufz  der  khlaber 

entzogen  ist  dein  Nam  von  dem  zue  sagen 

War  Imer  hie  durch  dein  gedieht  das  Edl 

Das  Teütsche  dicht  auf  erden 

Dergleichel  nicht  nur  halbs  alls  vmb  ain  3Iedl 

49  Das  Zeug  Ich  mil  seinem  gejaidle 


PLTERICHS  EHRENBRIEF.  41 

Das  von  Im  erst  emitsprang 

Er  was  ein  Man  der  waide 

Mit  dicht  er  auch  darin  vill  Lobs  errang 

Der  guelen  Puelschafft  auch  gar  Hipsch  genennet 

An  difz  drej  vorgenannten 

So  war  sein  Püch  der  wellt  Lanng  vnbekhennet 

50  Vnnd  das  er  war  nie  leben. 
Von  Laber  Herr  Hattmar 
Darumb  so  wollt  Ich  geben 

Das   mir  nuiest  schaden  noch  vil  manig  Jar 
Nur  das  Ich  biet  die  Glolz  seins  edln  dichtes 
Was  mir  daruan  khan  sagen 
Gar  Vemanndt  Icht  so  ist  es  alles  nichtes 

51  Frau  sennt  vor  Prag  was  ligundt 
Khunig  Sigmundt  Hocligeborn 

Die  Zeit  was  nit  verzigundt 

Zu  schreiben  her  von  Maria  auserkhorn 

Irres  Suncs  Purt,    Tausent  vierhundert  Zwainzigkh 

So  ist  der  Zall  nun  Tausent  vierhundert 

Sechzig  Zway  gezellt  zu  Ainzig. 

52  Dar  zwüschen  sindt  vergangen 
Zwai  vnnd  vierzig  Jar 

Auch  mecht  Frau  sehr  verlanngen 

Was  ich  maint  mit,  so  sag  ich  euch  es  gar 

Aufz  disen  geschliichten  allen  vorbenante 

So  sindt  die  Zeit  er  storbeu  vierhundert  zelieu 

Die  mir  waren  ßekhauute. 

53  jVun  siindt  der  Geschlecht  all  hundert 
Vnnd  Neun  vnnd  zwaintzig  darzue 
daraufz  hat  sich  besundert 

Zehen  vnnd  Siben  die  haben  ewig  Rhue 
Noch  ist  Ir  hundert.  Zwelf  in  leben  bleibundt 
Aufz  allen  in  vierzig  Jarn  vnnd  Zwai 
Der  Todt  ein  scholhe  schar  was  treibundt 

54  Die  all  mir  waren  khundig  7* 
Ir  Taufnam  all  mit  all 

In  ainer  Zetl  fundig 

Schickh   die   eurn  gnaden  hie  Zumall 

Dabei  Ir  findt  die  warhait  svnnderlijiren 


42  PÜTERICHS  EHRENBRIEF. 

Sie  wareu  aucli  so  gewachfzen 

Das  sie  gar  all  zii  Harnisch  waren  tiigen 
55       Zu  Schimpf  vnd  auch  zu  ernste 

Nun  secht  durchleichtge  Frau 

Was  wir  thun  aller  gernste 

In  diser  geschwindten  schweren  Weldes  Au 

So  khumbt  der  Todt  vnnd  Nimbt  vnns  dann  die   freydte 

Die  wir  Hoffen  haben  lannge 

Also  zergeht  der  argen  weite  geide. 
5(5       Auch  eurn  genaden  zu  ehrn 

Hab  Ich  die  Müe  genommen 

Durch  das  Ir  leicht  vill  gern 

der  Bayr  geschlecht,  woldt  haben  in  ainer  Sommen 

Als  mir  eur  Puel  von  Parsperg  grelh  ihet  Jchen 

Ir  biet  ir  khundt  ain  taille 

Durch  das  main  miiehe  Zu  Lieb  ist  euch  geschehen 

57  Auch   das  Ir  Seydt  des  Pluetes 
Von  Bayrn  Fiirtslich  durchl,^ 
Durch  solch  werdes  guetes 

Ist  euch  gemacht  zu  ehren 

Auch  eur  fruchl  der  Fürstin  wcrdt  wonhaft  in  Hessen  Landte 

Eur  Tochter  Hochgeborn 

Der  ehrn  Brief  svnnst  sollt  er  sein  bcwannde  (so) 

58  Ob  Ich  an  khrümppe  Punnde 
Difz  main  euch  biet  gekhundet 
Das  wer  Leicht  gewefzen  siinndc 
Nachdem  vnd  Ir  der  Hubschait  seit  erfündet 

So  war  nil  guet  das  schlecht  eur  gnad  zewalten 

Alsdann  von  Eschenbache 

Im  Titurell  Herr  Wolfram  das  khundt  haldon 

59  Vnd  Spricht  hie  Siindt  versuechet 
die  woifzen  vnnd  die  Thumen 

Vil  maniger  schlecht  vnruechet 
Vnd  habet  sich  nit  all  zu  den  khrumen 
Das  wierdt  an  den  gehoffen  wol  erfunden 
Herr  Neidhardl  war  der  khlagundt 
Vnnd  hietn  sichs  gcbaurn  vnnderwunden 
GO       Durch  das  so  ist  euch  zeraendt  7 

>  il  liere  Fraue  mein 


PÜTERICHS  EHRENBRIEF.  43 

Das  Löblich  Ziraer  nemendt 

Vnnd  auch  das  schwach  von  ruchveriiidten  (?)  stein 

Doch  dariimb  nit  das  diser  Brief  ein  Spiegi 

Sey  den  Eur  gnaden 

Er  mag  woll  haifzen  weisser  Leuth  ein  Triegl 

61  0  wehe  vnd  o  wehe  Leben 
Was  Bistu  hie  auf  erden 
Wie  gar  ist  vnns  vergeben 

Mit  deiner  Siiefz  das  findt  wir  an  den  werden 

Der  also  vill  in  khurz  ist  hingeschaiden 

Aufz  dir  du  weit  vnsläte 

das  möcht  noch  heut  dich  wellt  vnns  allen  Laiden 

62  Vnnd  dächten  bei  der  Zeite 
Wie  wir  werden  Imer 
Seindt  dise  weldt  nun  geithe 

Je  Siesser  hie  vnnd  dort  ewig  Je  grimer 
Drumb  Lueg  Jets  was  er  ZuschafFen  habe 
3Iit  Beicht  Bufz  Reu  der  Sünden 
ehe  das  der  Todt  mit  schnei  es  vnndertrabe 

63  Pradt  werde  Frau  von  Himel 
In  diser  weide  Äsen 

Kher  von  vnns  Sünden  Schimel 

Durch  das  wir  dort  nit  werden  Satonasen 

Ich  main  in  grundt  der  Schnellen  Pein  Abisses 

Ja  Bistu  trost  der   Sünder 

Wann  an  dein  hilfif  so  biet  wir  nichts  so  gewisses 

64  Ey  maniger  Schönen  Frauen 
aufz  disen  Rotten  allen 

Wann  die  3Iein  dännckh  anschauen 

Was  der  bei  meiner  Zeit  ist  gefallen 

In  des  vill  Ritterlichen  Todtes  Khlamer 

Wenn  ich  des  vberdennckhe 

So  muefz  mein  Herz  von  Laider  schreien  Jamer 

65  'Auch  wan  ich  mir  einpilde 
Ir  thun  Ir  Lohn  etleicher 

so  wirdt  mein  muelh  so  wülde 

das  Ich  von  Trost  von  Stund  an  bin  ein  entweicher 
Vnnd    mag  mein   Hertz   kliein   freidt   noch  wun  vmb- 
fahen 


44  PUTERICHS  EHRENBRIEF. 

Seiudt  so  uil  schöner  Frauen 

In  mein  gedannckhen  die  äugen  Ye  gesahen 

66  0  hoher  Gott  vnnd  Herre 
Nun  Bifz  Ir  ewig  schütz 
Das  In  des  Feindes  were 

erZaig  nit  seiner  falschen  grirahait  trutz 

Defz  bifz  Ir  voggt  Maria  3iaget  Raine 

durch  deines  khines  (so)  Liebe 

So  stehe  in  bei  nicht  sonnder  nur  aUain  gemaine 

67  Vnnd  Doch  ir  ainer  für  alle 
Des  Bit  Ich  sonnderleich 

Das  die  dein  gnad  Zu  malle 

Beuogten  thue  in  deines  khindes  Reich 

Vnnd  sie  vmbschrennckh  mit  deines  Mantels  fachen 

So  das  sy  sey  gefreyet 

vor  Imer  wer  des  fuers  Peines  Achen 

68  Da  Leiden  ist  vnnd  quelle 
In  fegfeur  3Iarler  flam 
Wann  wellich  syndt  die  Seile 

Die  nicht  ablilgeu  hie  der  Sünden  f;un 
Darumh  wir  hie  mit  deiner  gnaden  gunsle 
o  we  wenn  solt  erleschen 
Derselben  Arme  Seil  Peinliche  Prunste 

69  Der  geschlacht  Ist  noch  manig  annders 
Die  Turney  nicht  entwalden 

Vnnd  sollt  die  alle  sonnders 

In  Bayrlanndt  von  mir  sein  die  gezalden 

So  biet  die  Zall  nindert  Trum  noch  ende 

Nun  deunckh  ich  wann  es  werde 

Das  Ich   auch  haimb  zu  Lanndt  aufz  ellendt  wennde 

70  Wi«'  woll  Ich  mich  Ihun  schlachen 
Hab  Lau   in   Turnay  gschwündt 

So  weit  ich  doch  nit  nachen 

Die  wirde  mir  das  Ich  hiefz  Turnaifz  gschiudt 

In  disem  brief  den  Ich  eurn  gnaden  schickhe 

Wie  woll  Zu  manigen  malle 

Ich  hab  gesuecht  den  Turnay  offt  vnnd  dickhe 

71  Das  stehe  zu  all  den  werden 
ob  sy  mich  Lassen  Reyten 


PUTERICIIS  EHRENBRIEF.  45 

Es  was  (lo  Yc  mein  gerden 

Zum  Besten  nur  in  allen  meinen  Zeiten 

Nur  auf  die  Pannckh  vnd  drunter  nit  beleiben 

Ich  wannt  Ich  soll  das  geniessen 

So  khundt  mir  das  Zu  vnbilt  maniger  Scheiben 

72  Nun  möcht  vil  maniger  Sprechen  8'' 
Ob  ich  an  In  den  Ich  stehe 

Was  Ich  damit  main  Zerechen 

Das  Ich  der  Rechnung  also  Ir  gehe 

So  wail'z  Er  nit  das  mein  gedännckh  seien  freie 

Daraufz  so  khlaub  Ich  etwan  freidt 

Vnnd  Laid  vniid  darzue  manigerlaie 

73  Noch  ist  auch  nutz  dabeie 
Aul'  manig  hundert  Jar 

So  findt  man  wer  der  seie 

Der  Lobt  die  Zeit  mit  schilt  vnd  Helm  für  wahr 

In  disem  Brief  das  thuel  die  Jar  Zall  khennen 

Nun  secht  ob  main  vnmel'se 

Durch  dise  ding  vnbillich  sey  Zu  nennen 

74  Scharff  Sin  vnkliumert  muete 
Will  lichten  han  für  war 
Wer  die  Zwai  haben  thuete 

Des  Ticht  mag  Averden  schon  vnd  feielfar 
Das  Ich  nit  han  Ja  Laider  mir  geprisstet 
Vil  maniges  hie  auf  erden 
Darumb  mein  Thicht  nit  hoch  nur  nider  nisstet 

75  Ich  hab  mit  frembden  worden 
Eur  gnad  mein  Brief  geschriben 
Durch  das  Ir  mit  vnnd  orten 

Ir  rechte  ihuet  ob  da  Ichs  war  beliben 
Zu  vill  Zeclain  das  Ir  das  Richtig  machet 
Ich  liof  der  khunst  euch  maister 
Drurab  main  hertz  fro  eurn  gnaden  Achtet 

76  Ob  Ir  des  hie  verdriefsen 
Gepiet  wier  Ich  vom  Stain 
Das  er  mich  Lafz  geniessen 

Das  er  der  Puecher  Haubt  ist  allain 
Dj  von  der  Tafelrunde  wundersagen 
Das  er  mein  Brief  so  besser 


46  PUTERICHS  EHRENBRIEF. 

üas   Ich  sey  hinfur  gein  Im  sei  tragen 

77  Auch  Hannfz  von  Helmstate 
der  thue  sein   Steur  dabej 
Das  eur  Brief  wolgerate 

Des  dannckh  Ich  gern  Hern  Wierich  dem  Edlen  frey 

Wiewoll  Ich  khain  mit  sehen  nie  erkiiannte 

So  seindt  sie  doch  nach  sage 

dem  hertzen  mein  vill  theur  vnnd  hochgenannte 

78  Zwo  Schwester  Frei  vom  Stain  9* 
Hab  ich  gesehen  vor  Zeit 

Die  weill  Ich  was  in  31ain 

Das  Ich  die  Lanndtschafft  besach  die  nach  vnd  weil 

Zu  ainem  Turnay  hof.  Ze  cöln  gemachet 

Da  eur  gemahel  der  erste 

Von  Würdenberg  Mit  Helm  auch  was  Bedachlel 

79  Ich  glaub  sie  Schwester  seyen 
Herr  Wierich  von  dem  Stain 
des  Edlen  werden  freyen 

Gleicht  er  In  so  Ist  er  woll  der  Rain 
Wann  mir  gefiel  Ir  Pär  Ir  thun  Ir  lassen 
Vnnd  Lebtens  noch  auf  erden 
So  müest  gelickh  vnnd  ehr  zu  in  sassen 

80  Ains  tags  saget  sy  mir 
Eur  Puel  frau  Margareth 
Von  ainer  garten  Zier 

Wie  den  so  sehen  eur  gnad  erzaiget  het 

Vnnd  welch  khnab  ainen  khrantz  daraufz  ihet  bringen 

Mit  gunst  der  curn  gnaden 

Des  Mueih  vnnd  freydt  sich  müest  in  hoch  auf  sciiwingen 

81  3Iif  disen  worden  Sprechent 
Her  Her  Ir  Töchter  all 
Thuet  hilf  nur  darzue  Zehent 

Das  diser  khrancz  dem  khnaben  wol  gefall 
So  wirdt  der  dannkh  darumb  eur  algemaine 
Sonnst  wüU  main  gnad  das  haben 
das  khainer  der  Lan  darumb  Icht  bleib  allaine 

82  Ach  möcht  mir  aufz  dem  Garten 
der  ehrn  ein  khrantz  auch  werden 
Das  sollt  mein  freydt  mer  Zarten 


PUTERICHS  EHRENBRIEF.  47 

Dann  thet  der  khrantz  den  Gaban  der  gelierten 
Frau  Orgelusen  Pracli  durch  Liebes  niinne 
Ab  Gramoflanzes  Paiime 
Noch  hoher  freiidt  mir  das  Herz   muel  vnd  sine 

83  Eur  Puel  Zaige  mir  aines  malefz 
Ein  taill  eur  Brief  geschriben 

Das  fanndt  Ich  das  Riales 

Seiner  Lieben  brief  Nie  also  warn  beliben 

Gehn  Malie  seines  Herzen  Traute 

Dann  Hainz  von  Rechperg  Briefe 

der  Pllag  hie  nit  mit  Thicht  der  Hübschait  Laute 

84  Doch  ist  im  wolgeschlachte  9^ 
All  solcher  Briefe  Ticht 

Seint  er  verhaben  machte 

Khain  Khröppel  nie  als  eur  Puel  von  Im  vergichl 

Vnnd  etllch  Jungckh  frauen  auch  das  von  Im  Sagen 

Vermaint  er  des  sein  vnschuldig 

Khombt  er  zu  Hof  Eur  gnad  thue  in  das  fragen 

85  Frau  eurn  genaden  ich  schickhe 
Etwas  meines  werchs 

Eur  lieb  darein  Plickhe 

Zu  Zeit  so  cur  muet  stet  khrump  vnd  zwcrchs 

Ergezt  euch  mit  den  Märn  Mein  bedichter 

Mer  dann  vor  dreissig  Jaren 

In  Jungen  tagen  mein  das  werdt  berichter 
8G       Vier  Liedt  vnnd  Rede  Dreye 

Vnnd  sey  mein  Lon  darumb 

Das  Irhaist  mein  Araeie 

So  dise  fastnacht  schierst  Herzukhumbt 

Gehoffte  frau  eur  gnad   Zu  guet  sey  habendi 

Das  Ich  villi  armer  Semper 

Mein  dännckh  so  hoch  thue  in  die  Lüffte  drabent 
87       Doch  vnuerzigen  meines  Rechtes 

Seint  Ich  der  Bin  gesein 

Ir  treuer  diener  schlechtes 

So  wünsch  Ich  gnad  der  Heren  fraue  mein 

Das  die  von  Ir  dickh  gnad  mir  sey  Beschehent 

W^as  werder  man  von  Frauen 

Durch  gnad  nit  rechtes  halb  sich  soll  versehent 


48  PLTERICHS  EHRENBRIEF. 

88  Das  ist  ain  wort  gesprochen 
Wie  lebt  der  dienner  mein 
Hellt  er  das  vnzerbrochen 

Als  mir  thuet  khundt  die  gescliriflFl  des  Briefs  sein 
So  sey  mein  wiintsch  wo  er  hin  Pfleg  des  wanders 
das  Im  Gliickh  nachiiolge 
Doch  in  Gemain  sonnst  wiill  mein  gnad  nit  anders 

89  Eur  Puell  sagt  mir  gerüget 
Von  eurn  Füssen  khlain 

Sy  tracht  darnach  vnnd  füget 

Das  sy  die  sach  gar  wol  gestallt  vnnd  rain 

Das  was  Ich  danckh  Zu  Rom  in  Wälschen  Reichen 

Vnnd  khaulTt  den  Wunsches  Füessen 

Zway  Zogkhln  fein  Ich  inain  die  in  geleiclien 

90  Die  tragt  durch  eurn  khnechte  10'' 
Ob  Icii  sein  Mueln  tar 

Syndt  sy  eurn  gnaden  rechte 

Ich  hab  nit  gmefscn  das  malz  gnaue  fürwar 

Doch  hof  Ich  das  vnwifsen  mich  empinde 

Such  ich  die  Wunsches  fücl'se 

wer  wais  ob  Ich  gleich  ir  Zigkhl  linde. 

91  Als  Ich  nun  Schiedt  von  danen 
der  Lieben  Margareth 

Zu  meiner  Hausfrauen  Annaen 

die  mir  die  weill  ein  Brief  Behalten  het 

Von  Herczog  Ollen  dem  fürsten  Ilochgeborn 

Eur  gnad  vätter  aulz  Bayrn 

der  mir  da  schraib  sein  gnad  vnnd  grucs  Beuorn 

92  Das  Ich  im  leichen  solte 
Vom  Pockh  das  Ritter  Puech 
Wie  er  das  schreiben  'wolllc 

vnnd   mir  Herwider  schickhen  baldt  genueg 
Vnnd  mer  ain  Zell  all  mein  Puech  verzaichnet 
wie  er  von  Osterreich 
seiner  Schwester  die  in  khurz  wolt  sein  die  raichent 

93  Mit  mer  des  briefs  Inhalte 
Nun  ist  fürwar  das  Puech 
Nie  gwefzen  in  meiner  g^alte 

Doch  hab  ich  mir  dar  In  gelesen  gnueg 


PlITERICHS  EHRENBRIEF.  49 

Kill  Riller  Vlricli  Flüdnicz  geuenncl 

Pürlifj  in  Steirlamule 

Da  flndt  man  es  sonnst  was  Ichs  nit  bekliennet 

94  Doch  Piiecher  mein  die  Süne 
Sonnder  von  RitterschafJ't 
Schreib  Ich  euch  frau  dar  iimbe 

Ob  Ir  darin  Icht  fundt  das  l'reidenschafFl 
Eur  gnaden  war,  des  habt  gewalt  mit  alle 
V'nnd  nembt  daraus  den  Aoln 
Jedlichs  Besonnder  wellches  euch  gefalle 

95  Doch  auf  ainem  wechsl  wider 
Das  mir  ain  zedl  werd 

Eur  gnaden  Puechcr  Sieder 

der  habt  Ir  woU  den  wuntscli  auf  diser  erd 

Ob  Ir  die  Puecher  eurs  vatters  hebt  gewalte 

die  Ich  zu  Haydelberg 

In  seiner  Liberey  sach  sogar  vngezalde 

96  Die  sündt  mir  warden  khuiide  Kl' 
durch  gschrifft  von  eurn  gnaden 

do  mich  eur  Edler  munde 

Lie  biten  sehr  das  Ich  mich  soll  beladen 

Eurs  briefs  wart  zubringen  an  ein  ende 

Alfz  mir  von  Tor  erasmen 

In  Zorn  offt  darumb  ihet  schir  Prende 

97  Der  Pracht  mir  auch  dabeie 
ein  Zell  eur  gnaden  Puecli 

Da  fandt  Ich  zwainczig  vnd  dreie 

die  fant  Ich  nit,  das  war  mir  wunders  gnueg 

Aufz  diser  Zall  Neunczig  vnd  viere 

vnnd  welche  Ich  nit  erkhenne 

di  nen  Ich  eurn  gnaden  resch  vnnd  schiere 

98  Fiinffe  Lanczelundt 
der  Ich  nur  ainen  Han 
vnnd  auch  herr  Floramundt 
Flordomor  dasselb  Ich  auch  bin  an 
Malagis  Reinhart  Himpurg  vnd  die  Morein 
Khatrein  von  Serins 

Grisel  Melusin  vnd  Statschreibers  Püechlein 
94,  1.  Süne]  summe  ist  gemeint. 

Z.  F.  D.  A.    VI.  4 


50  PITERICHS  EHRENBRIEF. 

99       Von  wenden  wilhalbm 
Auch  Pantes  Goloes 
der  Zwaier  Püecher  Galbm 
gehört  Ich  nie  des  gleichen  Tuckhlales 
Margareth  von  Liinburg  vnnd  von  Engelandle 
die  khunigin  graf  Freine 
Leonen  weller  sindt  mir  nil  hekhandte 

100  Ich  hab  den  Tilurel 

das  Haubt  ab  Teutschen  Piiechern 

wer  mich  des  wider  Pell 

der  findet  khampf  ob  er  den  rucht  zu  succhen 

das  nie  sein  gleich  ward  funden  in  allen  sacheu 

Mit  Ticht  sogar  durch  feinet 

Als  In  dan   Hat  Wolfram   von  Escheiibachen 

101  Auch  mer  den  Parcziuale 
Sanndl   Wiihclbnis  Puccli  das  aiindor 
vnnd  Lohengreiii  mit  alle 

die  dreii  geniaclil  glaub  Ich  zesamen  Pannder 
von   Strafzburg  (Jolfridf  Trisirani   hat    Besachel 
So   lial   llarlnian   von  Aiii' 
Beym   Brun  Heir  Vbein   mit  dem  Leben  gemache» 

102  Das  erst  vnnd  auch  das  Leiste  11* 
Sanndt   Wilhalbms  Puecher  zway 

Hat  Sonnder  Rhue  vnnd  Reste 

Virich  von  Tiirnhaimb  ain   Hüblscherlav 

Sani  Hat  auch  Lanizilot.  von  Sähciihoueii 

Aufz  welisch   vIrich  gedichtet 

Das   mag  man  Leszen  schon   in  allen  Höfen 

103  Herr  wigileufz  vom  Ualh 
VVirent  von  Grafenbergkh 
vollichlet  sein  gelhal 

Samb  hat  gethan  der  Plair  auch  das  werckh 

Vom  Pliudenthal  Herr  Garell  auch  beUichtet 

So   hat  von  Orlanndl  Rupert 

Flor  Plandlschefflur  aufz  walisch  auch  schön   Berichtet 

104  Den  wälischen  Gast  gezieret 
Hat   Tomasin  von  Clär 

sam  hat  Ruedolf  grimsirel 

von  Montiart  Schon  Wilhalbms  niär 


PUTERICnS  EHRENBRIEF.  51 

vnnd  Amelcy  der  schönen  Slolzen  werden 

So  findl  Icli  Wiganiuren 

Seins  Ticlifers  nit  auf  all  diser  erden 

105  Wie  nun  Herr  Allexander 
Die  wellt  Bezwungen  hat 
vlrich  vill  woll  das  vannder 

Von  Eessenbach  dieselbig  seine  that 

So  hat  der  Strickher  woll  den  Heilling  kharl 

Bedichtet  Lobeleichen 

der  khunig  was  zu  Franckenreich  vnnd  zu  Ar! 

106  Von  der  Teiserbruckh  Hainreiche 
Ein  Hertzog  werd  vnnd  Rain 

des  Abentheuer  geleiche 

V'nns  dichtet  hat  Abbickh  von  Hohenstain 

So  wais  Ich  wer  Gotfridt  von  Prabant-Lande 

In  ticht  vnns  hab  besunnen 

Durch  den  vnns  Gott  .  sein  Heilligs  grab  Hersanndte 

107  Herr  Witich  vom  Jordan 
den  Tichtet  vnns  Cur  warer 
Sein  thun  vnnd  auch  sein  Lohn 
von  Hindihofen  Maister  Ruediger 

So  hat  Graf  May  seinen  Tichter  nit  Benenet 

Darumb  so  ist  er  Fraue 

Eurn  gnaden  nicht  noch  Nieniandt  sonnst  Bekhennel 

108  Wilhelbm  von   Osterreiche  ll' 
den  Tichtet  vnns  vil  schon 

Ein  Schreiber  Tugentliche 

von  Würzburg  Hannfz  gehaifzen  was  der  Mann 

So  ist  von  ßayrn  ain  Ernst  auch  getichtet 

Ein  Herzog  Lobeleiche 

Ich  wais  von   wem  sein  Puech  vns  sey  Berichte» 

109  So  ist  von  Turinger  Lannde 
Ludwig  Lanndtgraf  der  Hert 
Sanndt  Elspedt  man  erkhannde 

der  Starb  vor  Ackhers  auf  seiner  Rittersferdt 
das  Puech  Ich  han,  den  Tichter  findt  Ich  wenig 
So  ist  die  Tat  vor  Troia 
ßey  mir  sein  Tichter  ist  mir  Widerspenig 
HO       Vnnd  von  dem  Liechtenstain 


52  PLTERICHS   EHRENBRIEF. 

Virich  ein  Ritter  zier 

Von  Im  ain  Puech  so  Rain 

getichtet  hat,  das  hab  Ich  auch   bei  mir 

Vnnd  Ackhers  Störung  auch  zu  mafz  bereimet 

Wer  auch  das  hab  Befunden 

das  wais  Ich  nit  oder  zamen  hab  geleimet 

1 1 1  Gesanng  von  den  Gesanngen 
Ein  Puech  Ich  hab  der  Laut 
Thut  khundt  mit  giofz  vmbfangeu 

der  Christenhait  den  gemahel  vnnd  die  Praut 
Als   Saloman  den  Thechst  hat  auch  besynnet 
zu  Lieb  der  3Iörin  Edl 
die  Avider  Gott  zu  sehr  Im  was  gemynnel 

112  Die  (ilolz  auch  vmb  den  Salier 
All'z  Nicias  von  der  Leyrn 

die  hellt  auch  in  meim  Psalter 

Mit  seiner  khunsl.   daiin  er  lliel  nit   leirn 

von  Hessen   llainiicli   liaf  auch  schon  erlunden 

dui'cli  Herzog  AIhrechls  Liebe 

von  Österreich  ein  Puech  khantnulz  der  Sünden 

113  Von  Vier  vnd  zwainezigkh  allen 
Ein  Edl  Puech  vill  her 

Ist  auch  bej  mir  behallten 
von  Passau  Oll,  des  ordeos  Prediger 
ßerichlel,  das  so  hat  auch  gar  vill  schöne 
von  Regensj)urg  ßrueder  Lamprechl 
ßetichlet  woll  die  Tochter  von  Syone 

114  Sanndt  Seruassius  Legenndl  12" 
Ein  Bischof  zu  Masstricht 

Hat  woll  vnnd  schan  Bekhent 

Hainrich  von  Veldeckh  Bracht  zu  Heiigem  Tichl 

Sam  hat  von  Olmuncz  Bischof  Hannfz  erkhennel 

Iheronimufz  Heylligs  Leben 

vnnd  wie  auch  was  er  hab  die  khurz  gelernnet  (so) 

115  Das  hat  auch  hoch  ersächtel 
Johannes  von  Anndree 

In  Annder  weifz  Betrachtet 

Sein  Heilligs  Leben  Sandt  Iheronime 

Darumb  ich  in  zu  Herrn  Sunderlingen 


PUTERICHS  EHRExNBRIEF.  53 

niiet  hab  giuimen 
Das  er  zu  Hiinel  vor  Gott  mir  Helfl^  düngen 

116  Hainrich  vom  Purchliaul'z 
Ain  Puech  vom  Rath  der  Seil 
dem  feindt  zu  Widerstraufz 
erzeuget  hat  so  ist  sannt  Jeörge  schnei 
dem  Ritter  Hiilf  Beweifzen  in  der  Nöte 
zu  diennst  Pfalczgrauin  edl 

Bey  Rehin  hat  er  gedieht  der  herr  Reinbote 

117  Ist  das  von  Hof  gethan 
das  es  mir  Y'e  Beschach 
das  Ichs  versehen  hann 

das  Ich  die  weltlich  Puech  zu  ersten  Sprach 
vnnd  nit  die  Geistlich  Puech  hab  furgeruckhet 
Gebt  Im  das  hütl  wider 
Er  hat  ye  das  zu  sehr  hoUt  vberzuckhet    * 

118  Vergeben  sey  mir  das 
Vnnd  noch  vill  maniges  mehr 
das  alter  macht  mir  Lal'z 

die  Sünne  mein,  Darumb  betiirfl't  Ir  Lehr 
Wolt  fiirbal'z  Ich  die  weite  Lennger  Bauen 
Lat  stan  Lat  stan  Ja  Laider 
Mir  ist  holt  worden  sehr  ob  Ir  nur  grauen 

119  Puech  der  Ritterleichen 
der  hab  Ich  frau  nit  mehr 
Mir  zäm  nun  bafz  geistleichen 

Nun  Leel'zen  vill  dan  Ritterliche  ehr 

Doch  denckhen  macht  das  Ich  schau  dickh  Hinhindter 

an  die  vergangene  tag 

Darumb   mein  khlag  ist  vill  nun  dester  gschwinter 

120  Gnad  Frau  Ich  hab  besuudert  12*' 
In  Sün  die  Buech  mein 

Sechzig  vier  vnnd  Hundert 

Geistlich   weltlich  Jeczt  nit  mer  da  sein 

Als  Ir  die  findt  in  ainer  gschrilft  bezaichnet 

daraufz  was  euch  gefalle 

Bin  ich  eurn  gnaden  allzeit  willig  raichent 

121  Ich  gie  des  hie  mein  Beicht 
wie  ichs  erkhobert  hau 


54  PUTERICHS  EHRENBRIEF. 

Vierczig  Jar  mer  Leicht 

zusameln  mir  Ich  sy  aller  erst  began 

In  Brabannt  vnngern  zwischen  baider  Lannden 

Mit  frag  Ich  sy  ersuechet 

Bifz  das  Ich  Ir  souil  mir  bracht  zehannden 

122  Wie  woll  das  maniger  Asolt 
So  ist  er  doch  geschehen 

zu  samb  seind  sy  gerasolt 

Mit  stellen  Rauben  auch  darzue  mit  Lehen 

Geschennckht  geschriben  gekhauffl  vnnd  darzue  funden 

Doch  mär  die  Allten  Puecher 

der  Neuen  Acht  Ich  niet  zu  khainer  stunden 

123  Darumb  so  wart  auch  sider 
Ain  mär  auf  mich  gemefsen 
gab  es  mirn  sagkh  nur  wider 

der  Püecher  mein  wollt  Ich  gern  vergessen 
dar  In  Ich  sy  in  Lech  In  gueten  treuen 
von  Selicz  Jan  der  selbig 
dafselbig  mär  auf  Armen  mich  gundl  Freuen 

124  Die  Schälckh  zu  Hof  Sinnd  wanenndt 
die  Zellen  mir  das  zue 

Rosler  Cannczler  Schoneudt  gar  seilten 

Mein  mir  Lät  auch  ninderl  Rue 

Haller  Rasstal,  khunrat,  Ernreicher 

Nach  ainem  Buech  gar  allte 

So  schickhtenns  mich  so  wirdt  Ich  gämeleichen 

125  Wen  Ich  sein  nit  enlinde 
Sey  Frantzen  Nadler  schier 
aller  erst  Ich  dann   empfinde 

das  sy  geschaffet  haben  Ir  Hofier 

das  Leit  Ich  alles  durch  die  Puech  der  Allten 

Vnnd  war  sein  Billich  erlafzen 

Durch  manig  Jar  die  mir  da  synd  gezalten 

12G       Als  nun  des  briefes  ende  l«i'' 

Beschlofsen  wardt  mein  Frau 
So  khumbt  mir  zugelenndo 

das  Puech  vom  Pockh  das  Ich  von  stund  hinau 
dem  Fürsten  sannt  von  Bairn  Herczog  Ölten 

1'24,  3.   wohl  ist  gar  selten  sclionent 


PUTERICHS  EHRENBRIEF.  55 

das  tloch  mit  Ticlit  sich  geleichet 

gar  änderst  iiit  wan  geüchten  vnd  den  sotten 

127  Vnnd  auch  Ir  Jedlichs  mer 
Als  Ich  euch  hah  genant 
darumb  sey  Imer  ehr 

V^nnd  Lob  gesagt  Wolfram  der  Hochbekhannt 
3Iit  lichtes  khunst  sogar  in  teutschen  weiden 
das  Im  hallt  nit  geleichet 
Ich  main  von  Eschenbach  vnd  Pleienfelden 

128  Begraben  vnnd  besarkht 
Ist  sein  gebain  das  Edl 

In  Eschenbach  dem  Marckht 

fn    Vnnser  Frauen  Minster  Hat  er  Sedl 

Erhabens  grab  sein  schilt  darauf  erzeuget 

Epilalium  Besunder 

das  vnns  die  zeit  seins  Sterbens  gar  abtreugel 

129  Verwappent  mit  ainem  Hafen 
Im  Schilt  auf  Helm  begarb 

Ja  miiest  er  schnelle  drafen 

Der  vnns  erfur  derselben  clainot  färb 

Ein  Pusch  auf  Helm  der  Hafen  hat  vmbraiffet 

Als  mir  das  kham  zu  melde 

Mein  fart  dahin  mit  Reuten  wert  geschwaiffet 

130  In  manig  Khürchen  ferte 
Suechl  Ich  den  Ritter  Edl 
Zwainczig  meillen  Herte 

Rait  Ich  dahin,  das  wag   Ich  alfz   ein  Medl 
darumb  das  Ich  die  stat  seiner  grebnufz  sähe 
Vnnd  durch  mein  Pedt  andechtig 
In  ft'onem  Reich  Im   Gott  genedig  Jähe 

131  Sunst  mir  geschach  ein  mall 
So  Ich  aus  Brabant  Rait 

Ain  Minich  Conuentall 

Sanndt  wilhalbms  Ortten  mir  ain  solches  sait 

Wie  Hanns  von  Monlauila  sey  da  Lygundl 

vor  Lütich  in  einem  Closter 

Sein  grebnufz  sehe  niemandt  war  verzigundt 

132  Secht  herre  Fraue  mein  IS** 
129,  7.  wert  kann  auch  wort  sein. 


56  FÜTERICHS  EHRENBRIEF. 

Ich  khrumpt  mein  Raifz  für  wahr 
Zwelf  Meyll  Leicht  mer  der  sein 
Das  Ich  rait,   vmb  des  Haifz  Ich  mich  Albar 
Nor  das  Ich  such  die  grefl  des  Edlen  Ritters 
der  durch  sein  Lannges  faren 
vil  vngemachs  erlaid.   auch  siefz  vnd  Pitters 
133       Ich  kham  nach  seiner  sage 
vnnd  fandt  sein  grab  viill  schon 
Ein  sarchstain  auf  im  Lage 
Mit  ainer  vberscliriff't  in  solchem  dhan 
Als  euch  das  Epitafium  erkhenet 
Mit  Puechstah  von  Messinge 
So  was  der  Stain  mit  solcher  Laut  vmbrenuet 

Hie  iacet  Nobilis  Dominus  Joan- 
nes de  3Ionteuilla  Miles,  alias  dictus, 
ad  Barbani  Dominus  de  Compredri  natus 
de  Anglia  Mediciiuc  professor  et  de- 
uotissimus  oralor  et  bonorum  Suo- 
rum  Largissimus  pauperibus  erogator 
qui  totum  orbem  poragrauit  in  Siratu 
Leodij  diem  uifa'  Sua*  clausit  extremum 
Anno  Diu  3Iillesinio  Trecentesimo 
Septuagesimo  Secundo  3Iensis 
Februarij  Septime 

In  Teutsch  also  ge 
sprechen 
Ilie  Leit  der  Edl  man  Herr  Johan 
von  dem  Dorfperg  Ritter 
andermall  gesprochen  von  Pari 
ein  Herr  von  Campredi  geborn  von 
Enngellanndt,  der  Ercznei  ein 
gehorsamer  vnd  ein  diemiietiger 
better,   vnnd  seinei*  guetter  der 
armen  ein  Milder  ausgeber. 
der  die  ganncze  wellt  erfaren 
hat,  vnnd  sein  Jungcz  endl  Beschlossen 
zu  Lültich,  das  Jar  vnnsers  Herrn 
Tausent  Dreyhundert.   Zwaivnd, 
sibenczig  Jar.   Am  Sibendeu  tag 


PLTERICHS  EHRENBRIEF.  57 

des  Monats  FebruarJ 

134  Sein  Schilt  mit  ainem  leben 
der  Stern  gezwifacht  was 
sein  gil  mit  weitem  gewen 

dem  Helm  ob  ein  3Iörkhacz  safz 

dargegen  ain  sy  zugen  den   khaczen  khnebel 

samb  thun  zu  Hof  die  Pueben 

vil  dickh  das  SpüU  das  ainer  feilt  auf  den  gebl 

135  Also  was  gezimerf  14" 
des  Edlen  Ritters  zier 

Auf  seinem  Stain  so  schimert 

von  Mefsing  fein  die  obgenant  Manier 

Der  Leit  nun  da  vnnd  hat  sein  Raifz  ein  ende 

Nun  wünsch  Ir  alle  werden 

das  Im  dort  Gott  das  eewig  Leben  sende 

136  Nu  gib  ich  hie  ain  ennde 
Mein  dichten  eewiglich 

Ich  will  nun  mich  Behennde 

Berichten  hin  zu  meines  vatters  Rieh 

Da  findt  Ich  Lieb  an  Herzen  Laides  schmerzen 

Lusst  wun  vnnd  alle  freyde 

das  nie  all  mündt  volsprachen  gannz  von  Herzen 

137  Ich  hau  nun  hie  gewundert 
In  diser  wellte  zwar 

der  zeit  ein  Halbes  Hundert 

vnnd  zwelf  darzue  der  mainen  laugen  Jar 

Was  hab  Ich  dran  nun  hie  auf  erdreiche 

Mein  gwin  ist  zeit  verloren 

dasselbig  ich  auch  an  meinen  stain  nun  streiche 

138  0  meiner  tag  vergangen 
An  nuz  vnnd  Lohn  der  seil 
doch  Hoffet  mein  verlanngen 

dahin  der  Fürst  vnnd  engel  sant  Michel 

Ist  wegen  Arckh  vnnd  auch  die  gueten  thate 

wol  allen  den  auf  erden 

die  das  Bedennckhen  frue  vnd  nit  zuspate 

139  Zu  vesperzeit  belönet 
So  Avurden  alle  die 

Mit  vollem  Lohn  Bekhrönet 


58  PUTERICHS  EHRENBRIEF. 

Sam  die  vrab  Priiu  Zeit  auch  da  wärchten  hie 

Also  hin  ich  zu  weingart  spat  ersuechet 

Hülf  Maria  hhunigin  frone 

das  Langkhsam  Rue  die  mein  nit  werd  verfluechet 

140  Der  brief  ist  nit  gefüeret 
Mit  zier  Hinan  das  Höchst 
Ob  Yeniandt  das  Stol  zieret 

So  bit  Ich  eur  gnad  mich  des  erlöst 
Vnnd  schermbt  mich  vill  werde  Herzogiune 
Seint  Ich  in  allem  guete 
Euch  schick h  den  Brief  aufz  ainfaltigem  sine 

141  Vnnd  nembt  verguet  das  Krume  14' 
Alles  hie  vorgeschriben 

Es  ist  Beschehen  drumbe 

Das  dises  werch  von  euch  nit  werd  vertriben 

Mein  schlechter  Brief  der  war  euch  bald  gelesen. 

Damit  vill  schier  verwarffen 

Sonnst  Hof  Ich  der  hab  Lennger  bei  euch  wesen 

142  Es  spricht  in  ainem  Liede 
von  EschenPach  wolfram 
Damit  er  auch  Beschiede 

Das  sein  gedieht  soll  bleiben  one  schäm 

das  nit  Beschäch  vnnd   sag  Ich  euch  es  schlechte 

woll  dreifsig  Titurelen 

Hab  Ich  gesehen  der  khainer  nit  was  rechte 

143  Mit  Reimen  schon  Zwigeng 
Sint  dise  Lieder  gemcfsen  worden 
In  rechter  Lenng 

vill  Jar  gerecht  Nach  Maister  sanges  orden 
zu  vill  zu  ciain  so  wirdt  ein  Lied  verschwachet 
Ich  wolfram  Bin  vnschuldig 
Ein  Schreiber  dickh  gerecht  zu  vnrecht  machet 

144  Nun  secht  Ir  Schreiber  wilde 
Eur  Lob  ist  Inndert  hie 
gleich  in  dem  selben  Bilde 

So  bit  Ich  euch  Ir  wellet  warten  wie 
sich  silb  vnd  worl  khiirzen  lenngen  massen 
zu  dienst  meiner  werden  Frauen 
143,  1.  die  hs    Reinem 


PÜTERICHS  EHRENBRIEF.  59 

das  Ireni  Brief  khain  vnrecht  werd  verlassen 

145  Zu  Reicherfzhaurzen  gebeut 
Ist  diser  Brief  für  wahr 

Alfz  mau  vou  Christi  was  habeuf 

Thauseut  Huudert  Zwai  vnd  sechzig  Jar 

In  niainera  Haufz  darzue  drey  hundert  habeut 

Wart  dits  gemächt  vollendet 

An  sannt  Catharein  der  Heilligen  Jungkfrau  abendt 

146  Versigelt  vund  verpunden 
Sey  diser  Brief  mit  eu 
Also  das  Ich   hab  funden 

Eur  werde  güet  mit  stäter  treuer  treu 

Zu   vrkhundt  sey  mein  Herz  darauf  gedruckhet 

Das  euch  soll  Ymmer  Bleibunndt 

diennsllichen  ganz  vund  nindert  taill  zerstuckhet 

147  Eur  gnaden  vnnderthon  15" 
Jacob  von  Reicherfzhausen 

Piitrich  Zuenam  Ich  hau 

Der  euch  zu  mall  vüll  mehr  wan  manig  Tausent 

diennsllichen  soll  gehorsam  sein  mit  treuen 

also  die  Lenng  beleihen 

3Iit  diennst  gerecht  die   täglich  sich  thun  neuen 

148  Der  Durchleichtigen  Frauen 
Machthildt  mit  nam  genant 
Soll  diser  Brief  erPauen 

der  Fürstin  Wolgeborn  aufz  Bayrlafidt 

Erzherzogin  des  Landts  Osterreiche 

vund  Pfalzgräuin  Bei  Rheine 

Herr  Albrechts  gemahel  des  fürslen  Lobeleichen. 


RITTER   RADIROLT. 

Handschrift  des  17/f  oder  I8n  Jh.,  in  quart,  nachwei- 
sungen  über  das  geschlecht  deiner  von  Egmont,  Hirnheim, 
Katzenstein,  Flochberg,  Elfsenberg  ii.  a.,  zum  theil  aus 
gedruckten  werken  {z.  b.  JVig.  Hund,  Rüxner)  zusammen- 
getragen von  Johann  Wolf  gang  Fabincius,  tvürzburgischem 
geheimschreiber ;  zum  theil  dienten  auch  grabsteine,  todten- 


60  RITTER  RADIBOLT. 

registcr  und  der  gl.  als  quellen,  hl.  6''  bis  8'  das  nach- 
steke?ide  lied,  dessen  Orthographie  beim  abdruck  ohjie  scha- 
den vereinfacht  iverden  durfte,  die  hs.  zählt  im  ganzen 
76  unpaginierte  blätter.  der  zweite  theil  derselben  ist 
französisch  abgefafst  und  enthält  La  genealogie  de  tres 
illustre  maison  de  Hieruheim,  qui  prend  son  origine  des  mes- 
sieurs  les  Contes  d'Egmond  qu'ils  estoient  des  ducs  de  Frifs- 
lande.  Escritte  par  Monsieur  Wigule  huiid  le  Docleur,  et 
Conseillir  du  duc  de  Bauire  et  Commandeur  ä  Dachau. 

Die  hs.  war  im  j.  1841  in  Wien  auf  einer  bücher- 
versteigerung ;  wer  sie  erworben  weifs  ich  nicht. 

fVien.  KARAJAN. 


Ein  alt  lied  vom  ritter  Radibolt  und 
vesten  Hirschstain. 

1  Es  lebt  ein  ritter  im  Friesenland, 
Herr  Radibolt  von  Egenmont, 

auf  erd  war  kaum  seins  gleichen, 
an  stamm  und  tugend  königlich, 
keim  ritter  dorft  er  weichen. 

2  Eh  dals  der  vater  kam  ins  grab, 
dem  söhn  ein  reiche  frauen  gab, 
dem  ritter  wars  nif   eben, 

das  weib  krenkt  ihn  bis  an  den  tod. 
sie  war  untreu  darneben. 

3  Er  zog  vor  unmuth  aus  seim  land, 
kriegt  stark  wider  das  behmisch  land, 
manch  abenteur  triebe 

bis  dafs  eins  edlen  ritters  kind 
mit  ihm  fiel  in  grofs  liebe. 

4  Die  muetter  zu  der  tochter  sprichl 
'  trau  du  dem  frembden  ritter  nicht, 
deim  vatter  wolts  nit  gefallen : 
bistu  im  ganzen  Norgauer  land 

die  schönest  magd  vor  allen. ' 

5  Mit  ir  durch  manchen  wald  er  reit, 
in  lieb  vertrieben   sie  ihr  zeit, 

er  jagt  nach  wilden  thieren, 


RITTER  RADIBOLT.  61 

sein  liebste  fraiicii  inniglich 
tliet  er  im   wald  verlieren. 
C       Drei  monat  ers  nit  linden  mag', 
des  rührten  sie  baid  grofse  klag, 
sein  herz  laid  grol'se  quäle, 
sie  dacht  an  ihren  schwangern  leib, 
mit  ihm  weint  berg  und  thale. 

7  Sein  hündlein  jagten  auf  ein  spor 
drauf  erst  ein  hirsch  hergangen  war; 
der  hirsch  lief  schnell  zum  felse 

da  er  so  lang  ernähret  hat 
die  wunderschöne  Else. 

8  Der  rilter  eilt  dem  (den?)  hündlein  nach, 
im  fels  sein  liebste  frau  er  sach, 
züclitiglich  sie  umbfienge, 

desselben  tags  drei  knäblein  schön 
von  ihr  er  da  empfienge. 

9  Auf  erd  kein  mensch  aussprechen  mag 
wie  grofs  freud  ward  auf  ungemach 

im  wald  nach  lengs  und  zwerge ; 
sein  rilter  kamen  schreien  all : 
dan  heifsts  der  Elsenberge. 

10  Kein  hund  den  hirschen  mehr  anficht, 
der  hirsch  vom  knäblein  nimmer  wich : 
sie  dankten  Gott  gar  feine, 

und  fiengen  drauf  zu  bauen  an 
das  veste  schlofs  Hirschsteine. 

11  Er  bauts  für  seine  drei  söhne  klein, 
dafs  sie  guet  ritter  möchten  sein. 

drei  geschlechl  von  ihm  herkamen, 
Wart  Notiiaft  Hirneheim,    das  ist 
mit  Elsenberg  ein  stamen. 

12  Ein  jeder  kriegt  selbst  leut  und  schlofs, 
ein  gcschlecht  des  andern  schier  vergafs, 
nach  etlich  hundert  jähren 

wurden  herr  Rabolts  schlöfser  vil 
zerstört  und  meist  verloren. 

13  Drumb  merkt  und  hört  die  wundergeschichl, 
es  ist  gar  wahr  und  kein  gedieht. 


62  RITTER  RADIBOLT. 

wie  Hirsclistein  das  vest  schlofse 
mit  falsch  und  listen  ward  zerstört, 
vil  menschen  und  bluet  hats  kostet. 

14  Das  schlofs  lag  auf  eim  steinfels  hoch, 
ein  königreich  darvon  (fehlt  man?)  sach, 
vil  teutsche  land  noch  mehre ; 

es  bauts  der  ritter  Radiboll, 
aus  Friesenland  ein   iierre. 

15  Es  stund  wol  an  siben  hundert  jähr 
seit  das  vest  schlofs  gebauet  war, 

vil  reutter  förchtens  fehre : 

dem  Pfalzgrafen  schauts  in  sein  land  : 

das  verdrofs  ihn  so  sehre. 

16  Der  pfalzgraf  zog  mit  gwall  darvon. 
Hirsclisfain  solt  ihm  sein  underlhan: 
von  Ilirnheim  zwen  jung  ritter 
darwider  stritten  fast,   sie  warn 

von  Klsenberg  zweii  briider. 

17  Der  solche  gschicht  beschrieben  hat, 
isl  31eginhart  der  priester  alt 

in  seiner  chronik  fehre, 

vom  ritter  Radibolt  genant, 

aus  Friesenland  ein  herre. 
Disses  licd  isJ   in  der  vesten  Hirschstein,    in  einem  verfalle- 
nen tliurn  und  eisenen  blindfenstcr,  mit  etlichen  Hirnhaimbi- 
schen  vnd  Klsenbergisclien  documenten  gefunden  worden,  dar- 
über das  orijifinal  noch  vorhanden  isl. 


WADO. 

Die  Kudrunsage  ist  local  an  den  miindungen  des  Rheins, 
streift  aber  die  Nordseeküste  hinauf  bis  nach  Dänemark,  we- 
nigstens in  dem  mittelhochdeutschen  gedichte,  in  dem  ein  al- 
ter lield  Wafe  auftritt  und  bedeutend  in  die  handlung  ein- 
greift, er  soll  eine  mark  ze  Sturme  oder  ze  den  Stürmen 
besitzen,  man  hat  diese  auf  die  nordelbingischen  Sturmarii 
(bei  Adam  von  Bremen),  die  späteren  Stonnern,  gedeutet : 
allein  weder  der  name  ist  derselbe,    noch  auch  halte  die  un- 


WADO.  63 

lersclieiduug  der  Stunnarii  und  Holtsati  langen  bestand :  beide 
unler  einen  graten  längst  vereinigt  würde  die  sage  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  gewiss  nicht  gelrennt  haben,  man  wird 
daher  eher  an  die  Stunm  denken  dürfen,  in  deren  gau  Ver- 
den lag  und  die  den  im  gedichte  bekannten  Friesen  benach- 
bart waren. 

In  einer  ganz  andern  Verbindung  steht  Wate  in  der 
Vilkinasaga,  als  vater  Wielands  und  Eigels,  an  die  sich  noch 
die  ebenfalls  ganz  mythischen  heroen  Wittich  und  Orendel 
anschliefsen ;  doch  spielt  auch  diese  sagenreihe  um  die  untern 
Rlieingegenden,  an  der  Weser,  in  Jütland  und  Scandinavien. 
V  ade  soll  auf  dem  dänischen  Seeland  seinen  wohnsitz  haben : 
mau  darf  vielleicht  vermuten  dafs  die  zu  gründe  liegende  nie- 
derdeutsche Überlieferung,  wenn  nicht  mehr  im  dreizehnten 
Jahrhundert,  doch  früher  die  friesischen  scelande  darunter  ver- 
standen hat.  auch  der  Grcena  oder  Grwrnnga  sund  (cap.  20), 
da  Vade  in  die  Wesergegend  will,  könnte  eben  so  gut  an 
der  mündung  der  Huuse  in  der  nähe  des  friesischen  Groe- 
ningen  gesucht  werden,  als,  wie  der  nordische  bericht  will, 
zwischen  Seeland  Möen  und  Falster. 

Ein  noch  älteres  angelsächsisches  zeugnis  über  den  bei- 
den bietet  das  Wanderlied.  \  ada  herschte  über  die  Heisinge, 
Vitta  über  die  Svajfen,  v.  43.  beide  Völker  können  nach 
der  Ordnung  des  liedes  nur  an  der  Ostsee  gesucht  werden, 
die  Heisinge  wahrscheinlich  auf  beiden  seilen  des  Sundes 
(nordalb.  stud.  1,  151);  beide  beiden  müfsen  nach  der  angel- 
sächsischen sage  mit  einander  in  Verbindung  gestanden  haben, 
ihre  namen,  so  scheint  es,  kennt  merkwürdiger  weise  noch 
eine  nordschleswigische  volkssage,  überträgt  sie  aber  auf  ein 
paar  zwerge  (s.  meine  Sammlung  nr.  400,  vorr.  xlviii).  doch 
wohl  zufällig  stehen  in  niedersächsischer  gegend  ein  PFaden- 
berg  und  ein  ort  Wittinghc  neben  einander,  Falke  Irad. 
Corb.   s.  770  v.  j.    1203. 

Die  zeit  der  alten  friesischen  und  sächsischen  seezüge, 
auf  der  unsere  seeheldeusage  beruht,  muste  doch  bald  den 
Deutschen  selbst  einigermafsen  fremd  erscheinen  jemehr  sie 
selber  sich  der  see  entfremdeten,  es  folgten  in  kurzem  die 
Nordmannenzüge  und  ein  ihrem  eigenen  früheren  ähnliches 
leben    trat   ihnen   nur   allzu   sehr   vor   äugen;    Dänen  safsen 


64  WADO. 

mehrere  Jahrzehnte  des  neunten  Jahrhunderts  hindurch  an  den 
Rheinmiindungcn  und  in  Friesland,  es  ist  begreiflich  dafs 
nachmals,  ich  denke  seit  dem  zehnten  Jahrhundert,  die  sage 
rheinische  und  friesische  gegenden  mit  nordischen  zusammen- 
wirrte, dafs  in  der  Kudrun  es  ein  rheinisches  Teneland  giebt 
und  deutsche  helden  zu  Dänen  geworden  sind,  auf  diese 
weise  mufs  auch  Wade  in  den  Norden  gelangt  sein;  sein 
Charakter  mag  ohnehin  einer  jüngeren  zeit  fremdartig  vorge- 
kommen sein,  sein  vater  wird  Vilkinus  genannt :  man  hat 
dabei  an  den  lateinischen  Vulcanus  erinnert  (myth.  349); 
falsche  gelehrsamkeit  und  entstellung  trafen  den  namen  jedes 
falls.  Mone  (heldens.  s.  95)  findet  den  in  den  niederdeut- 
schen Urkunden  des  13n  14n  jh.  nicht  seltenen  namen  Wil- 
likinus  JVilkinus,  das  noch  heute  als  vorname  und  zuname 
gebräuchliche  ffllken,  darin  wieder,  allein  dies  deminuti- 
vum  wäre  für  den  ahn  eines  grofsen  heldengeschlechtcs  und 
herrn  eines  mächtigen  reiches  sonderbar,  ja  sinnlos,  weil 
einmal  für  das  land  der  Wilzen  VUkinnland  steht  (Wh. 
Grimm  heldens.  187),  wird  man  eine  entstellung  des  einen 
in  das  andere  nicht  annehmen  können.  Vilkinaland,  ein  im 
Norden  ganz  unbekannter  name,  umfafst  ganz  Schweden 
Dänemark  und  Wendenland  (cap.  45) ;  Wilkinus  thut  kriegs- 
züge  nach  Polen  und  Rufsland:  deutlich  ist  in  letzterem  die 
beziehung  auf  die  waldemarische  zeit,  wenn  auch  eine  frü- 
here schon  ähnliches  bietet.  des  Wilkinus  thaten  werden 
aber  in  so  allgemeinen  umrifsen  erzählt  dafs  offenbar  keine 
echte  sage  zu  gründe  liegt,  das  wichtigste  ist  dafs  er  dem 
ganzen  scandinavischen  Norden,  nach  norddeutscher  Vorstel- 
lung des  dreizehnten  Jahrhunderts,  den  namen  gegeben  haben 
soll ;  oder  vielmehr,  es  wird  hier  das  umgekehrte  stattfinden, 
aus  dem  gesamtnamen  des  landes  ist  der  könig  erst  entstan- 
den, nun  liegt  keine  erklärung  für  den  namen  Vilkinaland 
näher  als  ihn  aus  einem  altern  altsächsischen  Wikingoland 
entstellt  zu  denken,  die  quelle  aus  der  die  capitel  45  ff.  der 
saga  geschöpft  sind  war  augenscheinlich  ein  gedieht  das  wie 
der  Ruther  der  roheren  spielraannspoesie  angehörte;  daher 
auch  die  namen  Melias  Ilias  Juliane  Osantrix  u.s.w.  hiefs  nun 
Wade  des  Vilkinus  söhn,  so  raufs  man  ihn  einmal  wie  einen 
Wiking:  an  den  küsten  der  Nordsee  hausend  vorgestellt  haben. 


WADO.  65 

Auch  die  locale  denen  Wade  angehören  soll  beweisen 
dafs  man  ihn  in  steter  Verbindung  mit  der  see  fafste;  und 
nicht  ohne  bedacht,  sondern  mit  deutlicher  beziehung  auf  sei- 
nen Charakter  wurden  sie  gewählt,  die  nameu  der  mark  ze 
Stürmen  und  Sela/it  bedürfen  keiner  erklärung;  die  angel- 
sächsischen Helsingas,  altn.  Helsiugjar,  können  nur  nach 
hals  (coUum)  benannt  sein,  was  aber  auch  prora  und  den 
räum  des  schiffes  bedeutet  wo  die  rudernden  beiden  sitzen, 
eine  ähnliche  beziehung  enthalten  folgende  ortsnamcn.  in 
Northumberland  liiefs  eine  Öffnung  oder  kluft  im  Römerwall 
'in  old  time'  IVades  gap,  Ritson  melr.  rom.  3,  266.  mylh. 
350.  am  Niederrhein  kommt  ein  jradelache,  im  Avelgaii 
ein  IVatanhrunno,  noch  höher  hinauf  im  Saargau  ein  IVa- 
dengoza  oder  gozinga  vor,  Lacomblet  nr  229  v.  j.  1080, 
nr  103  V.  j.  948;  Brouwer  ann.  Trevir.  9,  443  urk.  v.  902. 
andere,  wie  IVadenheim  Lacomblet  nr  153  v.  j.  1019,  Wa- 
denstide,  Wadenhüson  Falcke  trad.  Corb.  s.  766  v.  j.  1147. 
s.  407,  mögen  hier  erwähnt  werden  weil  der  name  des  bei- 
den keineswegs  zu  den  häufigen  gehört,  Schannat  trad.  Fuld. 
nr  380  v.  j.  825,  nr  572  v.  j.  940,  Meichelbeck  nr  1345 
V.  j.   1170. 

Wie  wir  sahen  war  er  in  drei  verschiedene  sagen  ver- 
flochten; über  die  angelsächsische  gebrechen  alle  weiteren 
nachrichten.  allein  ältere  relationen  beweisen  dafs  weder 
dem  ersten  theil  der  Kudrunsage  noch  der  von  Wieland  und 
Eigel  er  ursprünglich  angehörte,  hinzu  treten  noch  verschie- 
dene äufsere  Zeugnisse  und  innere  kennzeichen  nach  welchen 
er  selbst  aus  der  zweiten  hälfte  der  Kudrun  wird  weichen 
müfsen ;  nur  als  möi^der  der  Gerlint  scheint  er  darin  eine 
feste  stelle  zu  haben :  allein  die  sage  hatte  vor  ihrer  Ver- 
knüpfung mit  dem  ersten  theile,  wie  leicht  nachzuweisen 
wäre,  eine  ganz  andere  gestalt,  bei  der  Wate  als  ganz  über- 
flüfsig  erscheinen  mufs.  der  norddeutsche  Wado  mufs  einst 
ein  durchaus  mythisches  wesen,  das  seinen  eigenen  besondern 
mythus  und  eine  ganz  eigenthümliche  bedeutung  halte,  gewe- 
sen sein,  stellen  wir  die  züge  zusammen  welche  näheren 
aufschlufs  über  ihn  gewähren. 

Wado  war  der  söhn  einer  meerminne,  wahrscheinlich 
der  Wakhilt  (wogenfrau)  der  Rabenschlacht  (heldens.  209); 
Z.  F.  D.  A.   VF.  5 


66  WADO. 

unbedenklich  setzen  wir  die  altdeutsche  meergöttin  an  ihre 
stelle,  wie  sie  auch  geheifseu  haben  mag.  Wado  ward  als 
ein  aller  grauer  gewaltiger  mann  mit  ellenbreitem  harte  oder 
richtiger  als  riese  vorgestellt;  er  haust  überall  an  den  mee- 
reskiislen :  er  war  also  ein  meerriese,  wild  und  jähzornig 
(vergl.  heldens.  55),  bösartig,  sagt  die  Vilkinasaga,  in  der 
raserei  seines  zornes  nach  der  Kudrun  unbändig  und  unwi- 
derstehlich, die  treffliche  Schilderung  (Kudr.  1494.  1496. 
1497.  1504.  1510.  1522)  beruht  doch  auf  altem  gefiihl.  er 
führt  ein  heerhorn  (Kudr.  898.  1392  —  1394),  bei  dessen 
schall  das  land  erbebt  und  das  meer  aufbraust  und  mauern 
umzusinken  drohen,  ein  solches  hat  ebenfalls  Roland  (10.  SIT.) 
und  es  kommt  in  märchen  verschiedentlich  vor.  bekannt  ist 
in  der  nordischen  mylhologie  das  gellende  hörn,  (Jiallarhorn. 
das  alle  weiten  durclilönt :  es  gehört  eigentlich  dem  Odinn 
(Scem.  90''),  Heinnlallr  ist  aber  hüler  desselben,  da  nun  in 
den  märchen  das  hörn  regelmäfsig  mit  dem  wünschelmantel 
und  hut  zusammen  genannt  wird,  auch  der  wilde  Jäger  (zur 
zeit  der  zwölften,  s.  meine  samml.  nr  493  vergl.  486.  487. 
599)  hornblasend  einherzieht,  so  möchte  ich  vermuten  dafs 
dies  allribut  in  der  deutschen  mylhologie  einst  dem  Wodan 
selbst  zukam,  für  den  mythischen  Wado  aber  ist  es  ohne 
bedeulung.  man  fühlte  das  dämonische  in  ihm  noch  im  drei- 
zehnlen  jahrluindert  sehr  bestimmt,  so  dafs  sogar  ein  sehr 
schlechter  interpolator  ihm  eine  zauberische  heilkunst  zu- 
schrieb, die  er  von  einem  wilden  waldweibe  soll  gelernt  ha- 
ben, s.  meine  abhandlung  s.  80.  daher,  wenn  man  ihm  frü- 
her das  hörn  nicht  allein  weil  er  der  heermeister  der  Hege- 
linge war  beigelegt  halte,  kann  man  nur  folgern  dafs  man 
dem  mythischen  Wado  eine  lautbrüllende  erschütternde  stimme 
zugeschrieben,  von  seinem  tode  erzählt  allein  die  Vilkina- 
saga :  er  habe  sich  schlafen  gelegt,  als  ein  unwetter  mit 
wolkenbruch  und  erdbeben  losgebi'ochen,  ein  berg  gestürzt 
und  er  darunter  begraben  worden  sei.  ein  blofser  zufall  kann 
es  nicht,  wie  erzählt  wird,  gewesen  sein,  sondern  wenn, 
wie  es  doch  scheint,  eine  echte  alle  Vorstellung  zu  gründe  liegt, 
waren  erdfall  und  unwetter  vielmehr  Wades  eigne  Wirkung. 

Nun  wüste   man  in  England  früher  vielerlei  von  Wade 
und   seinem  boot  und   den  wunderbaren  fahrten  die  er  darin 


WADO.  67 

gemacht  zu  bcriclilen*;  dagegen  legi  die  norddeutsche  sage 
seinem  angeblichen  söhn  Wieland  ein  boot  bei,  das  aber  so 
beschaffen  ist  dal's  man  mit  unrecht  an  eine  Übertragung  ge- 
dacht hat.  schon  in  der  angelsächsischen  sage,  wenn  es  heilst 
'Vada  waltete  der  Heisinge',  muls  er  für  einen  meisterlichen 
Seemann  gegolten  haben;  dieses  ruhmes  mufs  er  früh  auch 
in  Deutschland  genofsen  haben,  denn  nur  dadurch  wird  er 
zum  anführer  und  hauptheldeu  der  Hegelinge  in  der  Kudrun 
geworden  und  überhaupt^  in  diese  sage  gekommen  sein,  er 
befiehlt  Kudr.  255 

ir  helde,   heizet  gähen :   decken  man  uns  sol 
unser  schif  mit  dillcn :  jd  muoz  ez  unden  vot 
wescn  guotev  recken,  die  uns  helfen  striten, 
ob  uns  der  wilde  Hagene  mit  gemache  niht  welle  lazen 
riten, 
vergl.    1141,   und  der  vogel  meldet  der  Kudrun  1193 
dir  kumet  in  ditze  lant 
JVate  von  den  Stürmen:   der  hat  an  siner  haut 
ein  starkes  stiurruoder  in  einem  kiel  bi  Fruoten. 

Wenn  nun  in  dem  andern  cyclus  offenbar  absichtlich 
zusammengestellt  wurden  VVieland  der  beste  Waffenschmied, 
Witege  der  beste  kämpfe  und  reiter  (dem  selbst  Dieterich 
von  Bern  an  geschicklichkeit  in  der  waftenführung  nicht  über- 
legen ist),  Eigel  der  beste  bogenschütze  (Orendel  der  beste 
Schwimmer  und  Wades  wahrscheinlicher  bruder  Nordian  der 

*  myth.  350.  Ililsoa  melr.  roiii.  3,  265  anm.  'Cliaucer,  in  liis 
Merchaunts  täte,  has  this  couplet  (v.  9397) 

and  eke  thtse  olde  widewes  {got  it  wote) 
theij  connen  so  moch  craft  in  tf^ades  böte. 
upon  this  Speght  remariis  as  foliows  :  '^oncerning  Wade  aud  his  bolc 
called  Guingeiot,  as  also  his  straunge  exploils  ia  the  sanie,  because 
the  matter  is  long  and  fabulous,  I  passe  it  over."  noch  einmal  er- 
wähnt Chaucer  Wades,  Troilus  3,  61,  he  songe,  she  plaijde,  he  tolde 
a  tale  of  //'ade.  dafs  es  der  den  Nordseesagen  angehörende  ^^'ade  ist 
und  kein  anderer  geht  hervor  aus  ein^m  andern  von  Ritson  aus  einer 
bodlejanischen  handschrift  beigebrachten  zeugnis, 

ma7iy  speken  of  men,    that  romaunces  rede, 
of  Keveloke,  /lorne  and  of  //ade, 
in  romances  that  of  theni  be  made. 
so  gewiss  Keveloke  {Have/ok)   und  /lorne  einst  schon  der  angelsächsi- 
schen Nordseeheldensage  angehörten,  so  gewiss  auch  Wade. 

5* 


68  WADO, 

beste  Jäger),  so  mufs  man  den  Wado  einmal  für  den  besten 
Schiffer  und  fernen  angesehen  haben,  vergl.  Nib.  368.  1510. 
Roseng.  818.  heldens.  252.  aber  ich  glaube  nicht  dafs  auch 
die  deutsche  sage,  wie  die  englische,  ihm  darum  je  ein  eigen- 
ihiimliches  boot  zugeschrieben  hat,  vielmehr  war  die  fergen- 
kunsl  Wades  ursprünglichste  mythische  eigenschatt. 

Sein  name  bedeutet  einen  der  waten  kann  oder  watet 
(myth.  5.30).  nun  erzählt  die  Yilkinasaga  dafs  er,  als  er 
seinen  söhn  Wieland  nach  Deutschland  in  die  lehre  bringen 
wollte,  an  einen  neun  eilen  tiefen  sund  gekommen  und,  da 
er  kein  schiff  gefunden,  hindurch  gewatet  sei  und  den  söhn' 
hinüber  getragen  habe.  \\  ade  macht  dieselbe  reise  mehrere 
male,  aber  nur  einmal  wird  sein  hindurchwaten  berichtet,  und 
doch  war  er  sicherlich  ein  heidnischer  Christophorus.  die 
abgerifsene  nachricht  enthält  den  echtesten  wesentlichsten  zug 
für  seinen  mythischen  charakler.  war  Wado  ein  meerriese, 
so  niüfsen  die  allen  Sachsen  Friesen  und  Franken  von  ihm 
geglaubt  haben  dafs  er  regelmäfsig  im  meere  hin  und  her 
wate,  so  erzählt  nun  unsere  volkssage,  in  meiner  Sammlung 
nr  353.  da  wo  die  Elbe  mündet  wohnt  der  teufel  (d.  h.  ein 
alter  riese)  im  wafser.  der  mufs.  besonders  bei  stürmischem 
wetter,  wenn  leute  von  einem  ufer  zum  andern  wollen  und 
sonst  niemand  sie  übersetzen  will,  auf  iliren  ruf  herbeikom- 
men und  sie  über  den  meilenbreilen  ström  tragen,  er  nimmt 
kein  fährgeld,  hat  aber  viel  zu  thun  und  immer  hin  und  her 
zu  wandern,  nicht  selten  sind  in  localsagen,  wie  sich  an 
mehreren  beispielen  darlhun  liefse,  die  ursprünglichen  mythi- 
schen anschauungen  deutlich  erhalten ;  so  auch  hier,  wenig- 
stens wird  der  Elbteufel  den  alten  Wade  erklären  können : 
was  anders  kann  man  unter  ihm  vorgestellt  haben  als  den 
regelmäfsigen  Wechsel  von  ebbe  und  flut?  das  sinken  und 
anschwellen  des  meeres  sah  man  einst  an  unsern  Xordsee- 
küsten  ohne  zweifei  für  die  Wirkung  des  regelmäfsigen  hin 
und  her  wanderns  eines  alten  meerriesen,  des  Wade,  an. 
nun  ist  es  bogreidich  warum  er  für  den  besten  fährmann  und 
Schiffer  galt ;  weil  eben  auf  seinen  rücken  oder  seine  kunst 
jeder  der  übers  wafser  will  sich  verlafsen  mufs:  aber  auch 
A>  arum  er  ein  furchtbares  wildes  wesen  von  unwiderstehlicher 
irewalt  in  seinem  zorne   ist ;    wenn  Wade  rast,    erbebt   das 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  69 

land  vor  seiner  donnernden  stimme,  das  meer  braust,  die 
wälle,  die  bisher  die  wolinungen  und  Felder  der  menschen 
schirmten,  stürzen  ein,  und  unaufhaltsam,  alles  vernichtend 
was  sich  ihm  in  den  weg  stellt,  stürmt  der  alte  riese  einher. 
Kiel.  KARL  MÜLLENHOFF. 


ÜBER    NEIDHARTS    HOFISCHE     DORF- 
POESIE.   VON  R.  VON  LILIENCRON. 

EINLEITUNG. 

Die  nachfolgenden  benierkungon  über  die  unter  Neidharls 
namen  überlieferten  dichtungen  haben  nicht  den  zweck  die 
momente  erschöpfend  darzustellen  auf  welche  die  kritik  die- 
ser lieder  zu  fufsen  hat,  um  echtes  vom  unechten,  ursprüng- 
liche gestalt  von  späterer  Überarbeitung  zu  scheiden,  sondern 
es  ist  vielmehr  ihr  zweck  das  als  echt  erkannte  seinem  we- 
sen  nach  zu  schildern  und  zu  charakterisieren.  natürlich 
werden  sich  eben  dabei  auch  für  die  kritik  sehr  wesentliche 
bestimmungen  ergeben.  kaum  trägt  den  namen  irgend 
eines  der  sänger  jener  glänzendsten  periode  der  deut- 
schen Vorzeit  eine  solche  anzahl  von  gedichten  wie  den  des 
Neidhart ;  aber  schwerlich  hat  man  auch  bei  einem  der  an- 
dern die  reihe  so  unbarmherzig  zu  lichten  wie  eben  bei  ihm. 
der  grund  hiervon  liegt  theils  in  der  grofsen  beliebtheit  sei- 
ner lieder  im  allgemeinen,  die  zu  fälschungen  und  nachbil- 
dungen  reizte,  theils  in  der  Innern  geschichte  —  leider  einer 
allmählichen  Verderbnis  —  der  diese  ganze  gattung  von  dich- 
tungen im  laufe  mehrerer  Jahrhunderte  unterworfen  war. 
wird  es  nun  gleich  mitunter  schwer,  so  viel  und  theilweise 
an  sich  nicht  schlechtes  nach  dem  einmal  als  richtig  erkann- 
ten mafsstabe  verwerfen  zu  müfsen,  so  wird  man  doch  am 
ende  reichlich  belohnt  durch  das  unter  dem  abgewischten  staub 
und  den  später  aufgetragenen  färben  hervortretende  bild,  wel- 
ches in  seiner  tiefpoetischen  laune  ungleich  anziehender  ist 
als  die  zum  theil  widerlich  verzerrten  züge  die  dem  ober- 
flächlichen blick  aus  der  ungesonderten  masse  der  lieder  ent- 
gegentreten. 


70  NEIDHARTS    DORFPOESIE. 

Keine  bezeichnung  der  anmutigen  liebespoesie  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  ist  treffender  als  die  bekannte  des  Gott- 
fried von  Strafsburg:  so  wiederholen  sich  hier  in  tausend- 
fachen Wendungen  dieselben  gefühle,  liebeslust  und  leid,  blühen 
und  dahinwelken,  wie  im  schwellenden  frühling  der  chor  der 
vögel  in  gleichmäfsig  verschiedenen  weisen  das  eine  geheim- 
nis  der  keimenden  natur  verkündet.  —  aber  aus  der  inner- 
lich mannigfaltigen  einförmigkeit  des  minnesangs  treten  dann 
einzelne  sanger  durch  persönliche  eigenthümlichkeit  und  gröfse 
hervor,  deren  glänzende  erscheinung  und  scharfgezeichneter 
umrifs  um  so  wohlthuender  von  den  sanften  färben  und  for- 
men des  hintergrundes  absticht,  so  VValther,  dem  schon  Gott- 
fried das  panier  der  singenden  schar  zuweist,  so  Wolfram  io 
seinen  wenigen  tiefsinnig  ringenden  liedern,  so  Neidhart,  der 
mit  graziöser  derbheit  keck  und  lustig  in  den  sehnsüchtig 
klagenden  chor  hineintönl,  im  innersten  herzen  aber  bezau- 
bert von  demselben  wunder  der  liebe  wie  sie  alle. 

Während  nun  aber  anmut  der  darstellung,  feinheit  des 
Scherzes  und  ähnliche  eigenschallen  ausschliclslich  auf  die 
rechnung  der  dichterischen  persönlichkeit  des  verfafsers  zu 
setzen  sind,  bieten  uns  die  neidhartschen  poesien  noch  andre 
beziehungeil  dar,  die  ihre  betrachtung  besonders  interessant 
machen,  dadurch  nämlich  dafs  wii-  in  ilinen  nicht  die  erün- 
dung  eines  einzelnen  geistes,  sondern  offenbar  eine  auf  tra- 
dition  beruhende  galtung  der  poesie  erkennen,  einerseits  wird 
dies  für  Neidhiut  wiclitig,  indem  sich  dadurch  innerhalb  des 
buntscheckigen  kreises  der  Überlieferung  das  wesen  des  ech- 
ten sicherer  erkennen,  schärfer  charakterisieren  läfst ;  andrer- 
seits giebt  es  aufschlüfse  für  die  deutsche  lyrik  über  die  gren- 
zen des  uns  erhaltenen  minnegesangs  hinaus,  und  indem  man 
von  hier  aus,  wie  ich  zu  zeigen  hofle,  in  die  dem  minnesaiig 
voraufgehende  lyrik  in  umfangreicherem  mafse  als  bisher  an- 
genommen wurde,  einen  blick  werfen  kann,  legt  sich  zugleich 
eine  der  mannigfachen  wurzeln  des  minnesangs  selbst  blofs : 
denn  dessen  plötzliches  glänzendes  erscheinen  ganz  allgemein 
und  aus  einer  dichterisch  günstigen  disposition  des  Zeitalters 
erklären  zu  wollen  scheint  eben  so  unhistorisch  als  seinen 
breiten  ström  auf  eine  einzige  quelle  zurückzuführen. 

Einer  solchen  betrachtunsi  scheiut  nun  freilich  eine  vor- 


NEIDHARTS  DOKFPOESIE.  71 

lautige  ausscheidung  der  echten  lieder  vorausgelien  zu  niiilsen, 
da  sie  nur  für  diese  volle  Wahrheit  haben  kann,  aber  wenn 
es  auch  verslatlet  sein  niufs  das  resullat  anderweitiger  kritik 
von  vorne  herein  vorauszusetzen,  so  bezieht  sich  dies  doch 
hauptsächlich  nur  auf  eine  reihe  von  liedern  deren  unecht- 
heit  schon  durch  sprachliche  und  metrische  gründe  so  hand- 
greillich  bewiesen  wird  dafs  sie  keiner  Aveiteren  bestätigung 
bedürfte,  die  man  eben  deswegen  ohne  weitere  nachweisung 
gleicli  hier  als  unechte  bezeichnen  darf,  es  sind  nämlich  dies 
jene  lieder  in  denen  Neidhart  den  bauern  gegenüber  als  pos- 
seureifser,  meistens  als  wohlbestallter  hofnarr,  auftritt,  der 
sie  durch  allerlei  vorbereitete  streiche  neckt  und  quält,  oder 
wie  in  der  übelberüchtigten  veilchengeschichte  selbst  der  be- 
trogene ist.  dahin  geboren  Hg  1.  12.  13.  16.  43.  76  131 
(auch  78  kann  man  dazu  halten).  die  älteren  handschriflen 
dagegen  enthalten  nichts  der  art ;  nur  69  —  77  B  :=.  nr  1 1 
Hg  enthält  in  Neidharts  sitzen  im  fafs  die  andeutung  eines 
ähnlichen  aber  noch  nicht  durchgebildeten  Verhältnisses;  die 
unechtheit  auch  dieser  Strophen  wird  sich  weiter  zeigen.  — 
diese  lieder,  wie  gesagt,  sind  von  vorne  herein  aus  der  zahl 
der  echten  zu  streichen;  was  sonst  für  unsere  betrachtung 
auszusondern,  wird  sich  im  einzelnen  leicht  anführen  und 
rechtfertigen  lafsen.  es  kann  dabei  jedoch  hauptsächlich  nur 
auf  die  älteren  handschriflen  rücksicht  genommen  werden,  da 
alles  was  Hg  allein  überliefert  so  unzuverläfsig  ist  dafs  nur 
sehr  weniges  davon  und  mit  grofser  vorsieht  als  wirklich 
neidhartisch  anzuerkennen  ist.  in  mancher  andern  beziehung 
liefert  aber  auch  diese  handschrifl  einen  wichtigen  beitrag 
zum  richtigen  Verständnis  des  ganzen,  unter  den  altern  liand- 
schriften  ist  bei  weitem  das  meiste  aus  den  58  (oder  eigent- 
lich 56)  liedern  der  vortrefflichen  Riedegger  zu  lernen.  A 
hat  nur  bruchstücke,  aber  echte;  während  B  und  C  schon 
durch  Zusätze  und  fälschungen  entstellt  sind.* 
'■-'  zum  Verständnis  der  citate. 

A,  Heidelberger  liederhs.  357,  herausg.  von  Franz  Pfeiffer. 

B,  Weingartner  liederhs.,  herausg.  von  demselben. 

C,  Pariser  liederhs.,  üAch  den  minnesingern  des  hrn  von  der  Hagen, 
die  hinter  dem  namen  des  dichters  stehende  zahl  bedeutet  die  nummer 
der  Strophe  in  A  oder  B  oder  C :  wo  kein  uauie  genannt  ist,  ist  über- 
all Neidhart  zu  verstehen. 


72  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 


Frühling  und  herbst,  als  die  Wendepunkte  aller  Interes- 
sen die  das  jähr  dem  einfachen  naturmenschen  bietet,  sind 
die  festen  pnnkte  um  die  sich  zuerst  am  lebhaftesten  die  re- 
ligiösen empfindungen  der  menschen  sammeln,  wieder  und 
wieder  finden  wir  die  Segnungen  des  einen,  die  trauer  des 
andern  in  götter-  und  heroenmythen  ausgesprochen,  bald 
leuchtet  Freyjas  halsband  über  die  erde,  Siegfried  sprengt 
durch  die  waberlohe  und  weckt  die  jungfräuliche  Brunhilde 
aus  ihrem  schlaf;  oder  Gerdr,  deren  leuchtende  arme  über 
die  ganze  weit  hinglänzten,  verschwindet,  und  sehnsüchtig 
trauernd  sitzt  nun  Freyr  in  seinem  hain ;  Siegfried  der  held 
unterliegt  dem  hafse  der  finsteren  macht  die  unentfliehbar 
sein  geschick  beherscht.  —  und  innerlichst  verschmolzen 
mit  der  religion  entfaltet  zugleich  die  poesie  an  diesen  punkten 
ihre  ersten  bluten,  hier  wurzelt  die  erste  lyrik,  die  in  hei- 
ligen gesängen  den  nahenden  oder  scheidenden  gott  feiert, 
von  hieraus,  demselben  keime  entsprofsen,  verbreitet  das  epos 
seine  breiteren  zweige,  zwar  ist  nun  in  unserem  voLke  das 
nächste  weitere  Schicksal  beider  zu  Ungunsten  der  lyrik  sehr 
verschieden  ausgefallen,  aber  in  gewissen  punkten  dürfen  wir 
dennoch  wohl  ein  analoges  fortschreiten  beider  dichtungsar- 
len  annehmen. 

Nur  der  höchste  norden  der  germanischen  stamme  in 
seiner  längeren  unzugängliclikeit  und  abgcschlorsenlieit  hat  uns 
die  älteren  theile  des  epos  auf  einer  stufe  bewalirt  die  uns 
einen  blick  in  das  alte  mythische  dunkel  seiner  früheren  ge- 
stalt  thun  läfst.  dagegen  zeigen  uns  schon  die  frühsten  spu- 
ren aus  dem  beweglicheren  süden  den  stoff  auf  einer  neuen 
entwicklungsstufe,  die  in  den  grofsen  gestaltungen  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  ihren  höhepunkt  erreichte,  die  wesent- 
lichsten nierkmale  dieser  erseheinung  sind  folgende,  die  heroen 

MSII,  die  minuesinger  des  hrii  v.  d.  Hagen,  ciliert  nach  den  Sei- 
tenzahlen oder  naih  der  hagenscheu  zahl  der  lieder  und 
Strophen. 

R,  Riedegger  hs.  in   Beneckes   heiträgen. 

Ilg,  V.  d.   Hagens  Ncidharlhandschrift. 

a.  dr.,  alter  druck  neidharlischer  lieder.  R,  Hg,  a.  dr.  citiert 
nach  den  zahlen  der  lieder  und  Strophen. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  73 

treten  aus  ihrem  göttlichen  halblicht  in  die  klarheit  irdischer 
helden  herab,  ihre  mythische  bedeulung  weicht  einer  persön- 
lich charakteristischen ;  die  raotive  ihrer  handlungen  werden 
mehr  und  mehr  ethischer  natur.  Siegfried  wird  zum  minne 
und  rühm  suchenden  köuigssohn,  Hagen  zum  neidischen  von 
fremder  gröfse  gekränkten  mörder,  wenn  auch  immer  noch 
das  gewaltsam  grofsartige  seiner  erscheinung  an  den  alten 
Vertreter  der  finsteren  wintermUchte  mahnt,  wie  denn  über- 
haupt die  Umwandlung  des  Stoffes  am  schlufse  der  äufseren 
entwickelung  des  epos  noch  nicht  vollständig  vollzogen  ist; 
ihre  Vollendung  hätte  einem  drama  zufallen  miifsen,  für  des- 
sen erschaffuug  aber  leider  das  Zeitalter  noch  nicht  reif  war. 
Hans  Sachsens  etwas  spätere  dramatisierung  ist  ein  höchst 
mislungener  versuch,  der  nicht  einmal  manchen  andern  seiner 
tragödien  gleichkommt.  —  was  sich  nun  von  einer  analogie 
hierzu  in  der  geschiclite  jener  ältesten  lyrik  sagen  läfst,  be- 
ruht freilich  mehr  auf  Vermutungen  als  auf  sichtbaren  Zeug- 
nissen. *  den  wesentlich  dem  heidnischen  cultus  gewidmeten 
gesängen  trat  natürlich  das  christenlhum  sogleich  feindlich 
entgegen ;  indessen  die  feier  der  alten  heiligen  zeiten  war  zu 
eng  mit  dem  natürlichen  gange  des  täglichen  lebens  verwebt 
um  ganz  zu  verschwinden,  nur  dafs  allgemeinere  bezeichnun- 
gen  an  die  stelle  der  alten  götter  traten,  aber  der  Sinnlich- 
keit einfacher  naturbetrachtung  gemäfs  kaum  weniger  persön- 
lich gedacht  als  sie.  sommer  und  winter  (oder  tod)  sind  es 
die  wir  in  den  allgemein  verbreiteten  frühlingsfeiern  auftre- 
ten sehen,  wo  sie  wie  zwei  könige  mit  ihrem  gefolge  ein- 
herziehend den  uralten  kämpf  ritterlich  mit  einander  ausfech- 
ten, aber  auch  hier  wie  im  epos  schwindet  das  alte  mysti- 
sche dunkel,  nicht  mehr  in  unsichtbar  geahnter  gegenwart, 
sondern  leibhaftig  mehr  oder  minder  dramatisch  dargestellt, 
treten  die  kämpfenden  auf.  natürlich  erhielt  sich  für  solche 
feste  von  geschlecht  zu  geschlecht  eine  herkömmliche  art  von 

*  in  gewissem  sinne  kann  hier  wohlzumerken  von  einer  eigenen 
iyriii  dem  epos  gegenüber  noch  nicht  die  rede  sein,  beide  liegen  of- 
fenbar in  jenen  ältesten  festgesängen  adiakritisch  zusammen,  um  die 
eigentliche  lyrik  zu  schaffen  muste  nothwendig  ein  neues  dement  hin- 
zalreten ;  zu  zeigen  aber,  wie  dies  sich  an  das  vorhandene  anfügen 
mochte,  ist  eben  die  bestimmung  der  folgenden   bemerkungen. 


74  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

poesie,  wenn  auch  ihr  Inhalt  sich,  wie  das  bei  allen  eischei- 
nungen  der  art  naturgemäfs  ist,  allmählich  abstumpfte  und  ab- 
schwächte, ihre  form  sich  zu  reimereien  verschlechterte,  wie 
wir  sie  etwa  heute  bei  dergleichen  gelegenheilen  hören,  es 
ist  jedoch  nicht  gewagt,  wenn  man,  zurückgehend,  für  eine 
zeit  wo  ein  kräftiger  poetischer  sinn  das  ganze  volk  durch- 
dringt, etwas  in  beider  beziehung  befseres  voraussetzt,  mit 
der  Umwandlung  der  alten  feier  niuste  sich  aber  not h wendig 
auch  der  charakter  der  begleitenden  gesänge  ändern;  schon 
dadurch  dafs  von  jener  allein  die  tellurische  seile  nachblieb, 
trat  leicht  ein  mehr  fröhlicher  ton  ein,  um  so  mehr,  da  solche 
feste  jetzt  ihren  hauplsitz  unter  dem  derb  lustigen  landvolk 
aufschlugen,  für  das  sie  am  meisten  bedeutung  haben  musten. 
wie  nun  aber  ferner  im  epos  das  ethische  eleracnt  allmählich 
fufs  fafste,  so  muste  sich  ähnlich  zu  dieser  heitern  lyrik  leicht 
eine  neue  geistige  beziehung  fügen,  die  die  alte  religiöse  ge- 
wissermafsen  ersetzen  konnte,  frühling  und  herbst,  so  zu 
sagen  die  urmelapliern  für  alle  endlichen  gefühle  des  men- 
schen, sind  es  ganz  besonders  für  das  geistig-sinnlichste  der- 
selben, für  die  liebe,  in  dem  drängen  der  keimenden  natur 
sieht  der  mensch  das  drängen  und  die  wonne  der  eigenen 
brüst,  mit  den  welkenden  blättern  senkt  sein  unerhörtes  seh- 
nen das  liaupl,  oder  erhört  fühlt  es  sich  in  dem  beharrenden 
glück  seiner  empfindung  froh  erhaben  über  die  dem  Wechsel 
unterworfene  natur.  —  eingeführt  aber  in  den  kreis  fröhli- 
cher volkspoesie,  von  der  hier  die  rede  ist,  stellt  sich  natür- 
lich auch  dies  seinem  wesen  nach  ernstere  dement  in  einer 
heiteren  weise  dar,  wie  es  mehr  sinnlich  und  weniger  sen- 
limental  empfunden  wird,  nicht  glut  der  Icidcnschaft,  nicht 
tiefe  der  empfindung  kann  hier  seinen  charakter  bilden,  son- 
dern natürliches  hingeben  an  das  natürliche  gefühl,  naive 
freude  über  das  halb  verschleierte  glück  und  'ungevüege'  ei- 
fersucht  gegen  den  gefährlichen  mitbewerber.  —  freilich,  wie 
ich  wiederhole,  diese  skizze  mag  sich  mehr  errathen  als  be- 
weisen lafsen ;  aber  für  die  richtigkeit  der  an  sich  wahr- 
scheinlichen annähme  wird  es  zeugen,  wenn  wir  sogleich  von 
einer  andern  seite  her  auf  denselben  punkt  zurückgeführt 
werden. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  75 


2. 


Die  mythologie  macht  auf  den  Zusammenhang  aufmerk- 
sam der  die  so  häufig  bei  den  minnesängern  vorkommenden 
anftuigsstrophen,  auf  das  kommen  des  frühlings  oder  herbstes 
bezüglich,  mit  jener  uralten  frühlings-  und  herbstfeier  ver- 
bindet, noch  fühlt  man  in  vielen  dieser  Strophen  deutlich  die 
persönliche  auffafsung  von  sommer  und  winter,  von  bluten 
und  vögeln,  reif  und  schnee  als  ihrem  gefolge,  durch,  der  som- 
mer hat  den  winter  besiegt,  oder  er  unterlag  dem  streite  mit 
ihm;  von  diesem  streif,  mit  dem  winter  den  lieblichen  som- 
mer bedroht,  sprechen  auch  stellen  wie 

der  atiger  lit  an   allen  strtt    Ulr.  v.  Wintersteten  4,  2 

MSH. 
küene  g-räene  lit  der  anger  wlderstrit  Winli  9  C. 
die  vogel  singent  ividerstrit    Ulr.  v.   Lichtenstein  33  C. 
und  ähnliche  in  menge.     Neidharts  worte  5,  2  R 
sumer  iinde  winder 
sint  mir  doch  geliche  lanc, 
swie  st  under scheiden  sin  ; 
dise  rede  Idt  ir  iu  zeloese?i  dne  strit, 
obgleich  man  dne  strit  allgemeiner  fafsen  könnte,    sind  viel- 
leicht bedeutungsvoller  in  derselben  weise  zu  verstehn :    hier 
sei  einmal  nicht  wie    sonst  von  dem  streit  des  sommers  und 
winters  die  rede,  denn  dem  liebenden  steht  ja  der  eine  nicht 
höher  als    der  andere.  —     damit  ist  nun  dem  inhalte  dieser 
Wendung  ein  hohes  alter  zugesprochen ;  aber  man  mufs  offen- 
bar einen   schritt  weiter   thun,    und   in  ähnlicher  weise  auch 
für  die  form  derselben,  nämlich  für  ihre  bestimmung  den  ein- 
gang  von  liedern  zu  bilden,  einen  früheren  anknüpfungspunkt 
suchen,    das  heifst,    die  ältere  ländliche  poesie,  aus  der  jene 
ganze  anschauungsweise  der  streitenden  Jahreszeiten  geschöpft 
wurde,    wird   ohne  zweifei    in    ähnlicher  weise   ihre    gesänge 
mit    einer  solchen  bezugnahme    auf  die   wechselnden  Jahres- 
zeiten begonnen  haben,     in  diesem  Wechsel  fufste   sie:    was 
ist  also    natürlicher  als    dafs  sie  mit  tiner  kurzen  ausmalung 
des  punktes  anhebt   von  dem  aus  das  lyrisch  dargestellte  ge- 
fühl  sich  jedesmal   verbreitete,     diese   folgeriuig,    an  sich  zu 
wahrscheinlich  um  bedenken   zu  erregen,    wird  unzweifelhaft 


76  NEIDHARTS  DOUKPOESIE. 

durch  den  häufig  vorkommenden  ausdruck  '  den  sommer  em- 
pfangen', der  sich  offenbar  auf  festlichen  auszug  und  begrü- 
fsung  bezieht,  also  eben  auf  die  sitte  der  alten  maifeier.  * 
so  heifst  es  8,  6  R. 

du  si  den  vil  liehen  tröst  vernämen, 

dö  brähten  si  ir  geleite,  do  si  vf  den  anger  quämen, 

do  wart  der  meie  enpfangen  reol. 
dafs  in  den  bezeichneten  anfangswendungen  etwas  stereotypes 
liegt,  fühlt  man  auch  ohne  weitere  Untersuchung;  diese  aber 
ergiebt  dafs  dem  neidhartischen  Hede  das  anheben  von  der 
Jahreszeit  ein  durchaus  wesentlicher  theil  ist.  aus  R  ergiebt 
sich  das  mit  beslimmtheit :  unter  ihren  liedern  entbehrt  allein 
33  eines  solchen  einganges**,  denn  5  deutet  durch  die  schon 
angeführten  worte 

sumer  wide  winder 
sint  mir  doch  geliche  lanc 
selbst  an  dafs  es  absichtlich  von  der  regel  abweicht,  und  55, 
welches  die  betreffenden  Strophen  in  der  mitte  hat  (ganz  rich- 

*  merkwürdig  ist  in  dieser  beziehuog  124,  6  Hg:    zu  einem  herbst- 
lichen tanz,    einer  ernteleier  kommen  die  Tulner  gezogen: 
—  —  —  die  v'üerent  einen  Spiegel, 
ein  göfin 

darunder  get,  daz  ist  min  vroii  l'rideriin. 
auch  die  aus  dem  ^'orste  kommen,    und 

ir  götin  bringents  nnde  mangen  wallbariui. 
unter  der  götin  scheint  hier  eine  Jungfrau  gemeint,   die  etwa  den  som- 
mer darstellte. 

**  und  bei  dieser  einzigen  ausnähme  möchte  man  den  grund  erra- 
theu ;  das  lied   langt  nämlich  sehr  abgerifsen  so  an 

Sing  ein  guldln   hiion !  ich  gibe  dir  weize. 
schiere  do 
wart  ich  vro, 
nach  ir  hui  den  ich  vil  gerne  singe. 
Also  vreuf  den  ttimben  guot  geheize 
durch  daz  j'är. 
es  wurde  also    in    einem   speciellen    falle    gedichtet,    veranlafst   durch 
irgend    eine    holTnung    die  ihm  die  geliebte  gemacht  hatte,     um  andeu- 
ten zu  können  dafs  sein  gesang  der  dank  dafür,    geht  der  dichter  von 
der  sonstigen  regel  ab,    indem  er  der  ersten  strophe  diese  ihm  im  au- 
genblick  wichtigere    bestimmung  giebt.     übrigens  ist  das  lied  ein  win- 
terlied  :  wir  werden  sehen  dafs  der  besprochene  eingang  für  diese  eine 
weniger  wesentliche  bedeulung  hat. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  77 

95  C  nur  eine  Versetzung 
der  Strophen  ist),  spricht  vielmehr  für  die  regel ;  die  ersten 
Strophen  sagen  nämlich,  der  sänger  habe  seinen  früheren  ent- 
schkifs  nicht  mehr  zu  singen  wieder  aufgegeben;  dann  folgen 
eben  nur  drei  solcher  ft^ühlingsstrophen  und  str.  6  die  erkiä- 
rung,  hiemit  (er  muste  es  also  als  den  wesentlichsten  theil 
seiner  lieder  betrachten)  sei  nun  den  freudegehrenden  genügt, 
was  nun  die  übrigen  handschriften  betrifft,  so  können  hierbei 
natürlich  die  bruchstücke  in  A  nicht  in  betracht  kommen. 
B  entspricht  vollständig  der  regel.  C  verletzt  sie  nur  in  6 
unsichern  von  ihr  allein  überlieferten  liedern,  20  —  22, 
195  —  212.*  ferner  in  189  —  190  (unechte  Strophen,  die 
noch  dazu,  denn  so  allein  sind  sie  unvollständig,  leicht  einen 
andern  eingang  haben  mochten,  als  den  16,  1  MSH  aus  Hg 
eingeschobenen)  und  192  —  194,  einem  liede  von  abweichen- 
dem mehr  politischem  charakter.  das  lied  23  —  25  wird  durch 
Hg  ergänzt,  wie  sehr  man  diese  anfangsstrophen  als  gesetz 
wenigstens  in  dem  speciell  neidhartischen  zweige  der  lyrik 
anerkannte,  wird  dadurch  bewiesen  dafs  fast  sämtliche  spä- 
tere lieder  und  Umarbeitungen  in  Hg  und  den  alten  drucken 
sich  demselben  anschliefsen.  sonach  scheint  es  denn  keinem 
bedenken  unterworfen  in  diesem  in  der  neidhartischen  poesie 
consequent  durchgeführten  zuge  den  bewusten  anschlufs  an 
die  vorhin  besprochene  volkslyrik  anzuerkennen. 

Dies  wird  durch  einen  blick  auf  die  übrigen  minnesän- 
ger  bestätigt,  das  häufige  vorkommen  solcher  eingangsstro- 
phen  auch  bei  den  vorneidhartischen  sängern  bewährt  dafs 
Neidhart  darin  nur  etwas  hergebrachtes  weiter  fortführte,  in- 
dem er  aber  zugleich  den  formalen  Zusammenhang  auch  der 
übrigen  minnesänger  in  dem  besprochenen  punkte  mit  der 
volkspoesie   beweist,    wenn    wir   diese    richtig   als   Neidharts 

*  20  —  22,  193  —  205  werden  sich  weiterhin  als  sicher  UDneid- 
hartiscb  erg^ebeti.  von  206  —  212,  2  liedern,  die  übrigens  durch  den 
in  sicheren  liedern  auffallend  genug-  nirgends  vorkommenden  kehrreim 
bedenken  erregen,  könnten  die  betreifenden  Strophen  in  C  so  gut  ver- 
gefsen  sein,  wie  von  23  —  25  C.  es  ist  überhaupt  allgemeiner  in  an- 
schlag  zu  bringen  dafs  sich  gerade  diese  wiederkehrenden  Strophen  in 
der  Überlieferung  am  leichtesten  verlieren  mochten. 


78  NEIDHARTS   DORFPOESIE, 

quelle  erwiesen.  —  mau  entdeckt  in  der  Sammlung  der  miu- 
nesängcr  gewissermafsen  eine  geschichte  dieses  in  der  weise 
einer  epischen  formel  fortgepflanzten  zuges.  unter  den  Sän- 
gern bis  um  1220,  dem  punkte  wo  die  erste  und  zweite  pe- 
riode  der  dichtkunst  des  dreizehnten  Jahrhunderts  in  einan- 
der greifen,  tritt  er,  unsere  Vermutung  begünstigend,  grade 
bei  einigen  der  ältesten  sänger  am  häufigsten  hervor,  so  bei 
Dietmar  von  Aist,  Veldek,  Gresten;  dann  macht  ihn  der  ei- 
genthiimlich  minnesängerische  Charakter  des  gesangs  eine  weile 
vergefsen,  Friedrich  von  Hausen,  Heinrich  von  Rugge,  Blig- 
ger  von  Steinach,  Otto  von  Botenlauben  haben  nichts  der 
art,  Milo  von  Sevelingen,  der  markgraf  von  Hohenburg, 
3Iorungen,  Reimar  d.  ä.,  der  von  Johansdorf,  Hartmann, 
Gottfried,  Ulrich  von  Lichtenstein  und  selbst  verhältnismäfsig 
Walt  her  nur  weniges,  am  schlufs  dieser  periode  wendet  sich 
dann  Neidharl,  indem  er  noch  einmal  wieder  selbst  aus  der 
allen  quelle  schöpft,  der  alten  regel  mit  bewustsein  zu,  und 
die  bedeutendsten  sänger  der  zweiten  periode  des  dreizehn- 
ten Jahrhunderts  folgen  ihm.  unter  Neifens  liedern  versto- 
fsen  dagegen  nur  die  reimspielerei  113  — 116  C  und  IGO  — 
162  C.  in  92 — 95,  117—119  C  sind  die  Strophen  nur  ver- 
setzt, die  beiden  Volkslieder  153—  159  C  kommen  natürlich 
nicht  in  betracht.  ebenso  haben  sämtliche  lieder  Konrads 
von  Würzburg,  einige  ersichtlich  verstümmelte  abgerechnet, 
diese  eingänge;  die  Ulrichs  vonWinlersteten  in  überwiegen- 
der mehrzalil.  —  gegen  das  ende  des  Jahrhunderts,  wäh- 
rend überhaupt  das  lied  dem  spruch  und  seiner  manier  mehr 
und  mehr  weicht,  verwildert  diese  seile  wie  jede  andere.  * 

■■  auch  bei  den  altfranz.  lyrikern  findet  sieb  der  friihliügs-  und 
herbsteingang  als  regel;  auf  die  gleiche  grundlage  mehr  wie  auf  ir- 
gend eine  zu  mulinafsende  entlehnung  hindeutend  ;  man  darf  denn  doch 
auch  nicht  zu  sehr  alles  über  den  leisten  einer  erklärung  schlagen, 
vergl.  Wackernagel  altfranz.  lieder  s.  169.  wenn  übrigens  künig  Theo- 
bald  dies  als  eine  ärmlichkeit  in  der  erfindung  rügt,  so  beweist  das 
nur  dals  ihm  der  sinn  der  alten  form  nicht  mehr  lebendig  war.  auch 
Wackeruagels  eigenes  urtheil  dürfte  danach  etwas  zu  modificieren  sein. 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  79 

SOMMERLIED.     REIE. 

3. 

Die  sämtlichen  neidliarlischen  lieder  zerfallen  in  zwei 
kalegorien,  welche  sich  am  einfachsten  nach  den  so  eben 
besprochenen  eingangsstrophen  bezeichnen  lafsen  als  sommer- 
lied  (mit  dem  friihlingseingang)  und  winterlied  (mit  den  lierbst- 
eingang).  der  unterschied  zwischen  beiden  beschränkt  sich 
aber  keineswegs  als  ein  zulallig  äufserlicher  auf  die  ersten 
Strophen,  sondern  er  ist  ein  tiefeingreifender,  wesentlicher ; 
es  ■  ist  die  nächste  und  wichtigste  aufgäbe  der  weiteren  be- 
trachtungen  die  beiden  klassen  in  ihrem  unterschied  und  ihrer 
eigenthiimlichkeit  darzustellen,  wir  beginnen  hierbei  mit  der 
belraclitung  des  sommerliedes,  die  sich  eng  an  das  bisher  be- 
sprochene volksthiimliche  element  dieser  poesie  anzuschliefsen 
hat,  während  uns  weiterhin  das  winterlied  zu  Neidhart  selbst 
seiner  persönlichkeit  und  geschichte  zuriickleitet. 

Die  ausdrücke  tanz  tanzen,  den  tanz  treten  kommen 
den  bezeichnungen  reie  reien,  den  reien  springen  gegenüber 
in  zweifacher  oder  gar  dreifacher  Stellung  und  bedeutung  bei 
den  mhd.  dichtem  vor.  erstens  nämlich  als  gegensatz,  so 
dafs  tanz  eine  von  dem  reien  verschiedene  gattung  des  tan- 
zens  im  weitern  sinn  bezeichnet. 

ir  heize  klingent  nach  dem  trit, 

lüte  bi  dem  reien  nach   dem  sjyrunge   7,  2  R. 

tanzen  unde  reien  39,  1   Hg. 

der  wol  tanzen  unde  reien  kan  29,  10  Hg. 

tanzen  reien  des  ist  zit  39,  2  Hg. 

reien  und  üf  dem  anger  treten  48,  3  Hg. 

tanzten  und  ouch  sprangen  103,  1   Hg. 

tanzen  reien  bickelspil  125,  1   Hg. 

tanzen  springen  süln  die  jungen  Nifen  54  C. 

ivir  süln  —  tanzen  r eigen  ders.  59  C  u.  s.  w.  * 
zweitens  aber  hat  das  wort  auch  die  allgemeinere  bedeutung 
dafs  es  den  reien  als  unterart  mit  umfafst.     der  schenk  von 
Wintersteten  sagt 

'"  der  schenk  von  Landeg^ge  nimmt  die  ausdrücke  nicht  genau,  indem 
er  zweimal  tanzen  springen  reien  nebeneinander  stellt,    54  C,  79  C. 


80  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

nu  singen, 

dennoch  harte  ersp7'ingen 

den  reigen  3,  38  MSH. 
dagegen  heifst  es  in  demselben  leich  str.  44 

pin  bätet 

den  bringet  si  an  den  tanz-, 
beide  stellen  sprechen  von  einem  und  demselben  gegenwärtigen 
tanz,    der  also  das  eine  mal  ein  i^eie,    das    andre  mal   allge- 
meiner   ein    tanz  genannt  wird,     in  demselben  Verhältnis  zu 
einander  stehen  folgende  stellen 

daz  si  lerne  disen  tanz  Winterst.  4,  43  MSH. 

springent  vroelichen  an  den  tanz  das.  46. 
und  singent  den  reigen  das.  49. 

des  reigen  ist  ze  vil  das.   50. 

so  singent  und  springent  Konr.    von  Wiirzburg   2,   15 

MSH. 
und  diseji  tanz  hat  in  gesungen  u.  s.  w.  das.  17. 
ebenso  bei  Neidhart  selbst 

ir  inegde,   ir  siilt  reien   1,1   R. 
und  sich  hebt  ein  tanz  das.  2. 

wnb  die  linden  gel  der  tanz   11,  1    Hg. 
und  der  uns  disen  reien  sanc  das.  7. 

hii/re  süle  ivir  reie?i  51,  5  Hg. 
lind  ich  brech  ir  zeinem  kränze 

und  trag  in  zuo  de?n  tanze,   das. 

bi  de?n  reien  77,  10  Hg. 
und  bi  dem   tanz  das.    11. 

swer  nu  klunge  tenze  welle  schouwen  124,  4   Hg. 
und  die  da  mit  dem  pßuoge  sollen  botnven, 

die  wellen  reien  Cif  des  meien  Ion  das. 

Es  kann   als  ausgemacht  vorausgesetzt  werden  dafs  der 

reihe  ein  sehr  alter  und  dafs  er  ein  volkslhümlicher  tanz  ist. 

man  vergleiche  auch  die  beschreibung  des  ditmarschen  sprin- 

geltanzes  bei  Neocorus  (Dahlmanns  ausgäbe  1,  177)*  mit  der 

'"'  es  Iieifsl  unter  anderm  de  ander  lange  dantz  geiht  fast  in  spran- 
gen nnnd  kuppende it  kan  averst  nicht  imföglich  jene    trijm- 

meken-dantz  (der  gegciisatz  des  springeltanzes)  de  vordraff  unnd  dise 
de  Sprung,  wo  sonst  in  andern  dentzen  gebruklick,  genbhmet  werden, 
wo  se  dan  also  och  bi  etlichen  in  gebruke  gesettet  werden. 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  81 

ganz  ähnlichen  des  reien  bei  Ulr.  von  Winterst,  lied  3,  41  fF. 
MSH.  beide  sind  offenbar  derselbe  tanz,  wenn  es  nun  neben 
der  bemerkten  allgemeinen  bedeutung  des  wortes  tanz  heilst 
tanzen  und  reien,  so  konnte  man  dies  an  den  meisten  stel- 
len (man  vergleiche  die  angeführten)  für  synonyme  ausdrücke 
halten,  wie  dergleichen  tautologien  auf  andern  gebieten  der 
volksthümlicheu  spräche  sehr  häufig  sind ;  ich  erinnere  nur 
an  singen  und  sagen  und  an  vieles  ähnliche  in  der  recht s- 
sprache.  wo  aber,  wie  au  einigen  jener  stellen  nicht  zu  leug- 
nen, ein  ganz  bestimmter  gegensatz  der  zusammengestellten 
ausdrücke  hervortritt,  da  könnte  man  tanz  dem  volksmäfsi- 
gen  7'eien  gegenüber  als  hovetanz  fafsen,  welcher  letztere 
wirklich  mehrfach  in  diesem  gegensatz  genannt  wird,  so  z.  b. 

si  soiten    hoppaldeies  *  pßegen.     wer  gap  in  die  wir- 
dikeit 

daz  si  in  der  spilstuhen  horctanzen  künnen?  121,  9  Hg. 
33,  2  R.  heifst  es  hiute  sül  wir  tanzes  werden  müeder : 
und  in  derselben  Strophe  wird  dann  dieser  tanz  ein  hovetanz, 
genannt.  —  wahrscheinlicher  ist  es  indessen  da!s  innerhalb 
des  volksthümlicheu  tanzens  selbst  noch  ein  unterschied  zwi- 
schen tanz  und  reie  bestand ;  also  die  vermutete  dritte  be- 
deutung des  Wortes :  1)  tanz  als  allgemeine  bezeichnung, 
2)  ein  volksmäfsiger  tanz  im  gegensatz  des  reien,  3)  ein 
höfischer  tanz,  man  vergleiche  was  Neocorus  a.  a.  o.  von 
dem  zu  seiner  zeit  fast  vergefsenen  trymmekendanz  sagt, 
vielleicht  hatte  ein  entsprechender  tanz  in  Süddeutschland 
schon  zu  Neidharts  zeit  das  Schicksal  gegen  den  rascheren 
reien  oder  ausländische  tanze  beim  volke  in  den  hinterffrund 
zu  treten,  so  dafs  uns  aus  den  erhaltenen  tanzliedern  ein 
weniger  deutliches  bild  desselben  entgegentritt,  dem  sei  in- 
dessen wie  ihm  wolle,  das  worauf  es  hier  ankommt  ist  klar, 


''■'  lioppaldei,  wenu  auch  dem  nainen  nach  ein  aus  der  fremde  auf- 
geiiommeaer  tanz,  ist  doch  eine  art  des  volksmaTsiigen  tanzes,  und  zwar 
des  reien,  denn  er  wird  gesprungen.  13,  8  Hg.  (wenn  es  35,  3  Hg 
72,  5  Hg  heifst  den  hoppaldei  treten,  so  ist  das  kein  gegenbeweis, 
denn  Hg  sagt  auch  den  reien  treten,  gehen.  aber  umgekehrt  bleibt 
springen  immer  die  charakteristische  bezeichnung.)  —  hopelrei,  wie 
C  für  hoppaldei  hat,  ist  ein  willkührlicher  erklärungsversuch,  es  raüste 
hopelreie  und  entsprechend  in  Hg  hoppaldeie  heifsen. 
Z.   F.   D.   A.    VI.  6 


82  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

(lal's  eine  art  des  tanzes,  sei    es   nun  ein  hößscher  oder  ein 
volksmäfsiger,  im  gegeusatz  zum  reien  genannt  wird. 

Dazu  ist  nun  die  angeführte  stelle  121,  9  Hg  näher  ins 
äuge  zu  fafsen:  die  (die  bauern)  welche  nur  reien  sollten, 
Avollen  jetzt  verfeinert  auch  in  der  spielstube  hoftanzen,  d,  h. 
in  der  stube  wo  man  sich  im  winter  versammelt,  wenn  die 
kalten  winde,  reif  und  schnee  die  freudegchrenden  von  der 
linde  and  dem  grünen  plan  verdrängten,  dazu  stimmt  dafs 
das  oben  bei  derselben  gelegenheif  angeführte  lied  33  R,  wo 
nicht  vom  reien,  sondern  von  einem  tanz  die  rede  ist,  ein 
winterlied  ist,  und  ebenso  35  R,  welches  str.  2  zum  tanz 
auffordert,  dagegen  aber  sind  alle  lieder  welche  zum  reien 
oder  tanz  und  reien  auffordern  sommerlieder ;  die  beispiele 
aus  R  sind  8.  15.  19.  23.  53.  ö'i.  f  7.  durch  die  aufforderung 
zum  reien  geben  sich  diese  lieder  natürlich  selbst  als  für  den 
reien  bestimmte  zu  erkennen ;  dasselbe  thut  eine  reihe  ande- 
rer lieder  durcli  beziehung  verschiedener  art  auf  das  reien 
als  etwas  gegenwärtiges,  und  auch  diese  sind  sämmllich  som- 
merlieder; man  vergleiche  aus  R  12,  10.  25,2—5.  48,  4  f. 
(wo  der  sprmic  allegorisch  gedeutet  ist).  50,  1.  52,  5 — 8. 
56,  1  —  4.  58,2.  ferner  in  C  189.  224.  225.  258.  259. 
260''.  266.  die  meisten  dieser  lieder  führen  in  Hg  geradezu 
die  Überschrift  ein  reie.  —  wo  dagegen  in  einem  winter- 
liede  von  dem  reien  gesprochen  wird,  geschieht  es  nicht  als 
von  etwas  gegenwärtigem,  sondern  immer  nur  in  einer  er- 
zählung  aus  den  freuden  des  verflofsenen  sommers :  hiure, 
wie  es  oft  heifst,  begab  sich  das  erzählte,  kurz,  um  das 
ergebnis  mit  bestimmtem  wort  auszusprechen,  der  reie  ist 
der   nach    aller   sitte    der   frühlingsfeier   zukommende   tanz.  * 

•    bei  der  Hiilzlerin  (abtli.  '2,  57,  von  dem  Maijenkrantz,  \.  170  f.) 
heilst  es  von  einer  Jungfrau,  sie  setzte  sicli  den  maienkranz  auf  und 

trug  in  ir  hannd  ain  zwey, 

als  wolt  sy  springen  an  ain  tanfz. 
das  maifest  und  der  reie  (springen)  getiören  also  zusammen,  ob  dies 
übrigens  so  prägnant  zu  fafsen  ist  dafs  auch  nach  der  ritterliehen  sitte 
—  denn  als  tanz  war  der  reie  auch  bei  den  höfischen  berren  im 
sehwunge,  wie  aus  Nifens,  \\  interstelcns  und  anderer  reien  folgt,  wenn 
man  bei  denen  Neidharts  etwa  zweifeln  wollte  —  ob  wie  gesagt  auch 
bei  ihnen  die  rcienform  aussehliefslieh  dem  soninierlied  zukommt,  das 
ist  bis  jetzt  nicht  zu  bestimmen,    da,    wie    sich    zeigen    wird,     manche 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  83 

dafs  er  uänilich  ein  in  den  sonimer  gehöriger  tanz,  sahen 
wir  so  eben,  die  oben  besprochene  nalur  aber  der  Iriihlings- 
cingänge  ergiebt  das  weitere,  aber  noch  entscheidender  liir 
die  kritik  wie  für  Neidharts  Zusammenhang  mit  der  volks- 
niäfsigen  weise  wird  der  umstand  dals  wir  den  satz,  der  reie 
sei  ein  friihlingstanz,  für  ihn  auch  umkehren  können ;  alle 
seine  frühlingslieder  sind  reien,  und  als  solche  dem  inhalt 
wie  der  form  nach  von  dem  winterliede  verschieden,  so  ist 
es  in  sämmtlichen  älteren  handschriften ;  einige  ausnahmen, 
der  art  dafs  sie  nicht  irren  können,  sollen  sogleich  bei  der 
betrachtung  des  reien  im  einzelnen  besprochen  werden,  llg 
aber  verstöfst  gegen  diese  regel  in  einer  menge  von  liedern, 
für  die  wir  somit  ein  höchst  einfaches  merkmal  der  unecht- 
heil  gewinnen,  das  bewustsein  von  der  bedeutung  der  alten 
reienform  war  eben  verloren  gegangen,  was  nicht  verwundern 
kann,  da  es  selbst  in  der  besten  zeit  den  eigentlich  hölischen 
dichlern  nicht  lebendig  gewesen  zu  sein  scheint,  in  voller 
reinheit  stellt  eben  nur  Neidhart,  wie  es  scheint,  das  rich- 
tige Verhältnis  dar,  der  unmittelbar  aus  dem  herzen  des  Vol- 
kes selbst  schöpfte,  aus  der  quelle,  von  der  sich  der  breite 
Strom  des  minnesangs  schon  fast  durch  ein  halbes  Jahrhundert 
hindurch  entfernt  hatte. 


Was  erstlich  den  strophenbau  anbetrifft,  *  so  finden  wir 


oder  vielmehr  die  meisten  töne  doppelsinnig  sind,  das  einzige  winter- 
lied  was  sich  mit  bestimmtheit  selbst  für  einen  reien  ausgiebt  ist  132 
Hg,  aber  das  lied  ist  aus  sehr  später  und  schlechter  quelle,  dagegen, 
um  dies  gleich  vorweg  zu  nehmen,  da  sich  doch,  so  viel  ich  sehe, 
hierin  noch  kein  abschlul's  gewinnen  läfst,  272 — 275  C,  obgleich  es  ein 
winterlied  ist  und  sich  ausdrücklich  einen  stubentauz  nennt  {woldan  in 
die  Stuben  tanzen  273,  daz  mit  zühten  ge  der  tanz-  27i  ,  entspricht 
dennoch   nach   form  und  inhalt  genau  den  reien. 

*  Wackernagel  a.  a.  o.  s.  236  sagt  'diese'  (die  form  der  lieder 
Neidharts)  'schwankt  zwischen  kunst  und  unkunst;  bald  dreitheilig 
wohlgebaute,  bald  zweitheilige  oder  ganz  untheilige'  (also  nicht  wohl- 
gebaute?) 'strophen,  je  nachdem  das  höfische  oder  volksmäfsige  element 
überhand  gewonnen,   und  er  mehr  die  pastourelleu  der  Franzosen  oder 

6* 


84  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

darstellen,  und  unter  dem  was  sich  bei  andern  niinnesängern 
analoges  findet,  alle  jene  töne  die  durch  Ungleichheit  der  Stol- 
len der  minnesängerischen  regel  widersprechen,  und  zwar 
neben  anderen  die  dieser  regel  folge  leisten,  es  ist  nun  bei 
der  an  der  Überlieferung  in  jeder  beziehung  streng  festhal- 
tenden weise  der  höfischen  sänger  nicht  anzunehmen  dafs  ein 
unter  dem  einflufs  eines  so  durchgreifenden  gesetzes,  wie  das 
der  Stollengleichheit,  stehender  dichter  willkürlich  eine  diesem 
geselze  widersprechende  gattung  von  tönen  erfunden  haben 
sollte ;  und  so  dürfen  wir  bei  dem  anderweitigen  Zusammen- 
hang der  vorliegenden  liederart  (man  erwäge  dafs  es  grade 
die  frühlingslieder  sind)  mit  dem  volksgesang  wohl  in  dieser 
anscheinenden  unregelmäfsigkeit  eine  Überlieferung  von  der- 
selben Seite  her  zu  finden  erwarten,  und  zwar  ist  es  nun 
sehr  wohl  denkbar  dafs  eine  spätere  durchgreifende  regel  das 
ihr  nicht  entsprechende  älterer  formen  allmählich  abschliff,  so 
dafs  Avir  die  letzteren  endlich  nur  no<'h  als  ausnahmen  sehen, 
dagegen  anzunehmen,  das  letzte  habe  sich  als  das  jüngere 
aus  oder  neben  dem  ersten  entwickelt,  verbietet  uns  sowohl 
die  im  wesentlichen  klar  vorliegende  entwickelungsgeschichle 
des  höfischen  gesanges,  als  auch  das  wesen  der  volkspoesie 
selbst,  die  grade  in  diesem  punkte  von  der  kunstpoesie  ver- 
schieden ist,  welche  durch  ausweichungcn  solcher  arl  ihren 
Produkten  mitunter  etwas  überraschendes  anreizendes  zu  ver- 
leihen sucht,  wir  müfsen  deshalb  grade  jene  weise  der  nach 
späterer  minnesängerischer  ansieht  rcgelmäfsigen  gegenüber 
unstreitig  für  die  ältere  ursprünglichere  hallen,  die  sich  ver- 
mutlich eben  durch  höfischen  einilufs,  aber  schon  der  frühe- 
sten zeit,  z.  b.  bei  Veldeke,  der  späteren  höfischen  regel 
fügte,  ohne  darum  in  der  ihrem  volksthümlichen  leben  näch- 
sten periode  ganz  zu  verschwinden,    die  gemachte  einschrän- 

(lie  lieder  des  volkes  seihst  vor  äugen  hat.'  im  verlauf  des  obigen 
wird  dies  tlieils  besläligt  (die  zweillieiligkcit  gewisser  stroplieii)  grö- 
rscriiliieils  widerlegt,  wie  nameiillicli  die  völlige  uutheiligkeil  und  die 
iiukunst  der  iieidliiirliselien  slroplie.  wenn  sich  aber  das,  was  Wacker- 
nagel als  unknnst  und  zugleich  als  deutsch  volksthiimlich  bezeichnet, 
eben  als  die  zu  gründe  liegende  regel  voller  kunslmäfsigkeit  darstellen 
wird,  so  ist  stillschweigend  zugleich  der  beweis  geführt  dafs  \A'acker- 
nagels  vergleichung  der  höfischen  dorfpoesie  mit  der  französischen 
paslourelle  nicht  stichhaltig  ist. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  85 

kling  in  bezieluing  auf  die  zeit  ist  nölhig,  denn  der  spätere 
volksgesang  nimmt  das  gesetz  der  stoUengleichheit  in  sich  auf. 
Die  einfachste  darstellung  der  reienform  —  es  sei  er- 
laubt die  Strophen  die  dem  minnesängerischen  gesetz  auf  die 
besprochene  weise  widerstreben,  samt  dem  was  sich,  wie  sich 
zeigen  wird,  an  sie  anschliefst,  gleich  mit  diesem  namen  zu 
bezeiclmen  —  findet  man  nicht  bei  Neidharl  selbst,  sondern 
in  zwei  liedern  anderer  dichter,  nämlich 
Rubin  28  C 

f^il  liebin  suinenritnne, 
swer  dich  baz  dann  ich  geloben  kumie, 

der  helf  mir  loben  die  vrouwen  min ; 
ist  cz  im  liep,  ich  hilfe  im  loben  die  vrouwen  sin. 
also,  zur  leichteren  Übersicht  in  eine  formel  gebracht,  in  der 
die  zahlen  die  anzahl  der  hebungen  jeder  zeile  bezeichnen, 
-  und  ^  stumpfen  und  klingenden  versschlufs,  und  die  buch- 
stabeu  die  Stellung  der  reime, 
,3  u  a 


4_b 
6_b 
ferner  MSH.  3,  444 

Ich  hän  gesehen  daz  mir  in  dem  herzen  sanfte  luol, 
des  grüenen  loubes  bin  ich  worden  tcolgemuot. 

die  heide  tvunneclichen  st  dt, 
mir  ist  liep,  daz  si  also  vil  der  schcenen  bluomen  hat. 
oder  7  _  a 


4_b 
7_b. 


diesen    tönen   entsprechend,    aber  mit    gleichheit    der    ersten 
Zeilen 

Nith.  222  C    Der  meie  der  ist  riche, 
er  viieret  sicherliche 
den  walt  an  siner  hende, 
der  ist  nu  niuwes  lobes  vol,  der  winder  hat  ein  ende. 

also  3  u  a 

3  u  a 
3ub 
4-1  3  üb. 


86  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

Rubin  32  C 

fVol  im,  der  sin  fiep  mit  vuogp.  muc  gesehen  .- 
dem  künde  an  der  icerlte  liehers  iiiht  geschehen. 

Er  ist  sieleelich  gewert: 
sin  Ollgen  sehent  dicke  des  sin  herze  gert. 
(derselbe  ton  bei  Ulrich  von  Liohtensfein   120  C.)     dazu  ver- 
gleiche man   noch  folgende  töne. 
Nith. 


Lh.  232  C. 

H.v 

.  Veldeke  53  C. 

H.v.d.3Iaore7C, 

4_a 

6^a 

5ua 

4_a 

6ua 
4oa 

5ua 

4_b 

6_b 

4_l) 

G^a 

8_b 

Reimar  d. 

137  C. 

Hilteb.  V. 

Swanegöu  45  C. 

()  _ 

4  _  a 

6_ 

4_a 

4- 

4_a 

5_ 

0_a 

Die  charakteristischen  merkniale  dieser  töne  sind  erstens 
ursjjrünglich  unverschränktc  reime;  natürlich,  sobald  wir  ihr 
alter  über  das  letzte  viertel  des  12u  Jahrhunderts  hinauf- 
rücken; später  konnte  dies  aufgegeben  werden,  es  bleibt  nur 
wichtig  dafs  die  ganze  form  basiert  ist  auf  zwei  unverschränktc 
reimpaare.  sodann,  indem  wir  vorläufig  von  dem  begriff  des 
Stollen  ganz  absehen,  zweitheiligkeit,  nämlich  ein  gesang  und 
ein  abgesang  von  je  zwei  Zeilen,  nun  finden  wir  aber  noch 
ein  drittes,  unter  den  angeführten  einfachslen  beisiiielen  frei- 
lich nur  einmal,  nämlich  den  innerhalb  der  Zeilen  gestatteten 
einschnitt;  die  geschichle  dieser  cäsur  ist  freilich  noch  nicht 
genügend  aufgeklärt ;  auf  volksmäfsigkeit  derselben  weisen  aber 
die  wichtigsten  und  ältesten  beispiele,  Salman  und  Morolt, 
Spervogel,  die  Nibelunge,  die  Titurelstrophe  u.  s.  w.  dieser 
einschnitt  hat  sich  bei  den  minnesängern  nur  sehr  spar- 
sam erhalten,  grade  bei  Neidhart  aber  finden  wir  ihn  öfter, 
wie  in  der  vierten  zeile  des  angeführten  liedes  222  C.  be- 
trachten wir  nun  den  nächstliegenden  volksmäfsigen  ton,  die 
Nibclungestrophe  mit  ihren  sämtlichen  Variationen,  so  finden 
wir  in  ihr  die  genannten  merkmale  alle  drei  ungetrübt  aus- 
prägt:  -Suja-a 

3  u I 3_a 

3u I 3_b 

3  u  1  4  _  b 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  87 

Ez  troumih  Kn'emhilte  in  tilgenden  der  st  pßnc, 
lüie  st  einen  valken  wilden  züge  manegen  tac ; 
den  ir  ziven  am  erknnnmen,  daz  si  daz  mitoste  sehen  : 
ir  enkunde  in  dirre  werlde  nimmer  leider  sin  geschehen. 
an  diese  einschnitte  nun  knüpft  sich  die  weitere  entwickehmg 
und  geschichte  der  reinistrophen :  in  die  einschnitte  wurden 
reime  gesetzt,  und  so  aus  einer  zeile  mehrere  gemacht,  die 
aber  zusammen  als  eine  zu  denken  sind,  dies  konnte  gesche- 
hen ohne  den  charakter  des  sirophenhaues  aufzuheben,  eine 
weitere  Veränderung,  die  sich  leicht  an  die  vorige  anschlols, 
war  die  dafs  die  Stellung  der  reime  verändert  ward,  als 
auflösungen  solcher  art  stellen  sich  nun  sämtliche  reien  dar; 
bald  sind  nur  einzelne  zeilcn,  bald  alle  vier  in  zwei  oder 
mehr  iheile  zerlegt,  deren  zusammengehören  sich  bald  nach 
dem  bau  der  Strophe,  bald  nach  dem  sinn  der  Zeilen  erkennt, 
denn  auch  der  letzlere  giebt  meistens  ein  sicheres  criterium 
iur  die  reconstruction,  indem  namentlich  der  haupteinschnitt 
der  Strophe  nach  dem  aufgesang,  der  zweiten  reienzeile,  auch 
durch  den  sinn  deutlich  hervorzutreten  pflegt,  allerdings  mufs 
man  dies  nicht  für  eine  feste  regel  halten,  sondern  nur  für 
ein  meistens  natürlich  eintretendes  ergebnis,  in  ganz  ähnli- 
cher weise  wie  sich  auch  in  den  minnesängerischen  Strophen 
der  sinn  überwiegend  nach  Stollen  und  abgesang  einzutheilen 
pflegt.  —  man  vergleiche  die  folgenden  Strophen,  (ich  hebe 
aus  den  liedern  einige  der  bezeichnendsten  aus). 
9,  6  —  7  R 

Diu  hat  mit  ir  strale        mich  verwundet  in  den  16 1. 
waz  Sender  not      lide  ich,  manege  quäle! 
Si  ist  von  rotem  golde,  nicht  von  stdle. 
an  min  herze  schöz  si  seinem  male. 

'Sage  von  weihen  suchen  koni    daz   dich   diu  minne 

schöz ? 
'imsenften  kloz         kaji  si  linde  machen. 
Si  twinget  daz  man  swiiidet  ander  lachen, 
selten  sld/en,  dicke  in  truren  wachen. 
11,  4  —  5  R 

Nu  da  hin     nach  der  wa^te,  sit  ichs  in  dem  willen  bin 
daz  ich  leiste  mine  vart. 


88  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

Nu  gesag-e  ez  niemen,  liehiu  Irmengart : 
wol  mich  Sinei'  kü?{fte  wart. 

Sä  zehafit       brähte  man  der  megde  ir  süberlich  gewant  .- 

schiere  het  siz  an  geleit. 
'Zuo  der  grüenen  linden  jnich  min  wille  treit, 

ende  habent  miniu  leitV 
48,  2  —  3  R 

Allez  daz  diu  werlt  nü  hat  beslozzen 
vrevt  sich  siner  künfte  wol,  der  hab  wir  e  genozzeri :     7iu 

si  uns  allen  tcillikomen  ! 

Manegen  herzen  ist  benorncn        leit  und  ungemüete ; 
er  kumt  mit  maneger  blüete. 

Die  nu  sine  brieve  hceren  wellen, 
unt  sin  lop  mit  willen  helfen  in  diu  lant  erschellen,        die 

losen  der  lieben  nahtignl. 
Wan  ir  stimme  lüte  erhal         nü  sin  süeziu  m(ere. 
der  meie  habe  des  ere! 
51,  4  —  6  R 

Daz  gehurt  der  magde  muoter  tuugon. 
Si  sprach  'behalte  hinne  vür  din  laugen,         din  tvankel- 

muot  ist  offenbar.  * 
Wint  ein  hüetel  um  din  hur 
du  vmost  an  die  dinen  wiit,  teilt  an  die  schar.' 

'Muoter  min,  wer  gap  dir  daz  zc  lehen, 
daz  ich  iuch  minor  wwte  sohle  riehen?      dem  gespunnct 

ir  nie  rudern  ! 

Ldzet  ruoiüen  solchen  kradem. 
wd  nu  slüzzel?  sliuz  uf  balde  rnir  daz  gadem.^ 

Diu  wät  diu  was  in  einem  schrin  rersperret : 
daz  wart  bi  einem  Staffel  üf  gezerret.  diu  alte  ir 

leider  nie  gesach. 
Do  daz  kint  ir  kisten  brach, 
dö  gesweic  ir  sunge,  daz  si  niht  enspr^ach. 
'■■'  wem  solche  zeilen  etwa  übertrieben  lang;  scheinen,  der  bedenke 
dafs  z.  b.  in  Wolframs  Tilurelstrophe    die  letzte   zeile,   wenn  die  sie- 
bente halbzcile  vier  hebungen  hat,  der  obigen  vollkommen  gleichkommt. 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  89 

52,  4  —  5.  R. 

Ir  briset  iuch  zen  lanken,         stroufet  ab  die  risen. 

wir  süln  ez  üf  den  anger  wol  ivikisen. 
Vrideritn  als  ein  tocke        spranc  in  ir  reidem  rocke        bi 

der  schar: 

des  nam  anderthalben         Engelmär  vil  tougen  war. 

Du  sich  aller  liebes         gelich  begunde  zweien, 
dö  sold  ich  gesungen  haben  den  reien : 

If^an  daz  ich  der  stunde      niht  bescheiden  künde     gegen 

der  zit, 
so  diu  sumerwünne         rnanegem  herzen  vreude  git. 

54,  2  —  3  R. 

AI  der  werlde  höhe         ir  gemüele  stdt. 

bluomen  in  dem  lohe         min  ouge  hat         angesehen. 
Ich  mac  leider  niht  gejehen        daz  mir  min  lange  senediu 

sorge  swinde : 

diu  ist  min  ingesinde. 

Zwo  gespil  ir  mwre  begunden  sagen, 

herzensenediu  swwre  besunder  klagen,  einiu  sprach 
'  Trüren  leit  und  ungemach      hat  mir  verderbet  lip  und  al 

min  sinne; 

da  ist  niht  vreuden  inne. ' 

55,  3  —  4  R. 

ff^olt  ir  liebiu  mcere        gerne  hoeren? 

trüren  stceren         kumt  uns  lobebiere. 
Da  ist  der  meie  und  al  sin  kraß; 

er  unt  sin  geselleschaft         die  ringent  manege  swrere. 

Vruht  vf  al  der  erde         ist  betouwet, 

alle  schouwet,         aber  in  vollem  loerde. 
Daz  genuoge  ringe  wiget. 

meie  hat  im  angesiget         du  sich  diu  zit  verkerde. 
57,  4—5  R. 

ff^ie  holt         im  daz  herze  min  vor  allen  mannen  wcere' 

{sprach  Uodelhilt  ein  magt  unwandelbiere),      'der  mir 
löst  diu  miniu  bant: 
An  sin  er  hatit        ich  sprunge 

daz  im  sin  heize  erklunge. 


90  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

Min  hdr         an  dem  reien  sol  mit  sidcn  sin  beirunden, 
durch  des  icillen  der  min  zallen  stunden         wünschet 
hin  ze  Riuwcntol. 

Des  winders  znl         hat  ende; 
ich  minnc  in,  dcist  umwende.' 

Zunächst  an  diese  töne  schliefsen  sich  nun  mehrere  häu- 
figst wiederholte  töne  jüngerer  Volkslieder  mit  der  schon  er- 
wähnten eigenthiimlichkeit  dafs  ihnen  die  gleichheit  der  beiden 
Zeilen  des  aufgesangs  regel  ist.  folgende  zwei  finden  sich  bei 
Uhland  in  liedern,  die  sich  wiederum  selbst  als  reien  be- 
zeichnen. 

39,  s.  84        4  _  a  30,  s.  73  *  3  o  I  a  _  a 

4_a  3 w I 3^a 

3  u  b  3  o  I  3  _  1) 

4_|3ub  3u|3_b 

grade  die  beiden  gewöhnlichen  volksmäfsigen  töne,  der  letz- 
tere eine  Variation  der  Nibeluugesirophe.  —  diese  selbst 
wurde  schon  vorhin  erwähnt;  aber  eine  noch  interessantere 
einstimmung  bietet  zum  schlufs  ein  ton  eines  anerkannt  in  vielfa- 
cher hinsieht  volkslhümlichen  sängcrs,  Wolframs  von  Eschen- 
bach :  grade  die  oben  für  die  ursprünglichste  erkannte  geslalt 
der  reienformcn  findet  sich  in  seiner  wunderbar  schönen  Ti- 
turelstrophe  wieder,  und  Ottos  (wie  des  jüngeren  Titurels) 
durchreimung  dersell)en  liefert  den  einfachsten  historischen 
beweis  für  die  richtigkeit  der  behaupteten  Weiterbildung** 
solcher  Strophen : 

*  «1er  von  Hans  Detlev  (^Neocorus  2,  569,  Mülleiilioll'  niärchen  sa- 
gen und  licder  aus  Schleswig;  Holstein  und  Lauenburg  s.  482)  aufge- 
zeichnete springellanz  (reic)  hat  freilich  in  seiner  gegenwärtigen  ge- 
stalt  die  form  3  u 

3- 

3u 

3  — 
aber  er  scheint,  wie  nicht  minder  diese  form  selbst  als  die  ungenau 
abwechselnde  Stellung  der  reime  beweist,  schon  eine  auflösung  zu  ent- 
halten: ursprünglich  bildeten  je  zwei  seiner  jetzigen  Strophen  eine, 
wodurch  wir  denselben  ton  mit  dem  angeführten  Uhland  nr.  30  er- 
hallen. 

**  ähnliches  in  der  allfranz.  tyrili.  Wackernagel  s.  180  f.  man 
vergl.  auch  was  er  s.  214  anm.  3  über  Walth.  88,  9—90,  14  sagt. 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  91 


•am    3  u  1  3  u  a 

Otto  z.  Turne    3  u  a  |  3  u  b 

3  u  1  5  u  a 
ö  ob 

3  u  a  1  5  u  b 
5uc 

3  u  1  5  u  b. 

3  u  1  5  'wi  c 

Wolfram  lälst  in  der  In  3n  und  6n  lialbzeile  ganz  volks- 
niäfsig  4  liebungen  mit  den  angegebenen  3  abwechseln ;  nicht 
so  in  der  diirchgereinilen  sirophe  der  rein  minnesängerische 
Otto  zum  Turne. 

Was  endlich  die  leiche  betrifll,  die  hierher  gehören,  ob- 
wohl nicht  in  bezug  auf  Neidliart  selbst,  da  er  bekanntlich 
keine  gedichtet,  so  vermag  ich  diesen  punkt  leider  nur  an- 
zudeuten als  weiterer  Untersuchung  bedürftig.  —  mehrere 
leiche  nennen  sich  reien.  die  zweitheiligkeit  ihrer  Strophen, 
die  leicbligkeil  mit  der  sich  namentlich  ältere  unter  ihnen  in 
Systeme  den  obigen  ganz  äiinlich  aullösen  lafsen,  bietet  eine 
zu  entschiedene  analogie  dar  als  dafs  man  in  ihnen  eine  von 
der  dargestellten  wesentlich  verschiedene  art  der  reien  ver- 
muten sollte,  dies  läfst  weiter  auf  ihr  alter  und  ihre  ur- 
spriinglichkeit  schliefsen ;  und  so  gewagt  es  gleich  ist  an 
einer  behauplung  Lachmanns  zu  zweifeln,  so  möchte  man 
doch  den  leichen  schon  aus  diesem  gründe  einen  von  dem 
kirchlichen  verschiedenen  Ursprung  zuweisen,  vielleicht  wa- 
ren sie  und  die  Sequenzen  zwei  ursprünglich  ganz  gesonderte 
dichtungsarlen,  die  doch  in  ihrem  wesen  so  viel  übereinstim- 
mendes hatten  dafs  sie  später  zu  einer  form  verschmolzen, 
man  vergleiche  MüUenhoif  märchen  einl.   s.  xxi.  * 

Es  bleibt  übrig  die  vorkommenden  ausnahmen  von  der 
aufgestellten  regel  zu  betrachten.  A  bietet  keine.  R  nur 
eine  einzige,  nämlich  37  rz:  18  Hg  (die  übrigen  hss.  haben 
dies  lied  nicht),  offenbar  ist  diese  lange  strophe  kein  reien- 
ton,  wie  sie  es  doch  der  gemachten  beobachtung  zufolge  nach 
dem  sommereingange  des  liedes  sein  müste.  zugleich  ist  aber 
unter  allen  liedern  in  R  dieses  das  einzige,  welches  den  cha- 
rakteristisch neidhartischen  inhalt  nicht  hat;  es  ist  ein  ganz 
gewöhnliches  noch  dazu  etwas  langweiliges  minnelied,  wel- 
ches wir  schon  aus  diesem  gründe  unbedenklich  ausscheiden 
könnten,  in  Hg  ist  diesem  mangel  —  den  man  also  fühlte  — 
durch  fünf  angehängte  Strophen,  eine  matte  dörperliche  erzäh- 

*  neue  aufscblülse  bei  Wackernag;el. 


92  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

liing  enthaltend,  abgeholfen ;  aber  abgesehen  davon  dafs  es 
ganz  unneidhartisch  ist  ein  solches  lied  durch  eine  vierstro- 
phige  betrachtung  einzuleiten,  verräth  sich  dieser  zusatz  auch 
durch  sprachliche  und  andere  umstände  (z.  b.  Riuwental  ne- 
ben Botenbrunn  in  der  letzten  strophe,  wie  wir  später  sehen 
werden)  als  unecht,  die  vier  Strophen  in  R  sind  übrigens 
aus  guter  zeit;  es  läfst  sich  errathen,  was  den  sammler  von 
R  zur  aufnähme  derselben  bewog;  37,  4  heilst  es  nämlich: 

diu  liet  ich  der  iverlde  zeiiier  bezzerungc  sende. 
20,  2  R  aber  sagt  Neidhart 

si  nimt  immer  untnder,  ivaz-  diu  klage  si, 
dl  ich  durch  hezzerunge  minen  lieben  vriundon  hun 
geseit. 
der  Sammler  hielt  nun  offenbar  37  für  diese  durch  bezzerunge 
den  freunden  gesandte  klage,  erstlich  gehört  jedoch  20  in 
das  alter  des  dichters,  wozu  die  liebesklagen  in  37  nicht  pas- 
sen, sodann  hat  auch  das  wort  bezzerunge  in  beiden  liedern 
eine  verschiedene  beziehung:  in  37  nämlich  will  der  dichter 
seine  freunde  durch  die  angestellten  moralischen  belrachtungen 
befsern,  in  20  dagegen  heilst  durch  bezzerunge  um  mich  zu 
befsern,  wie  es  die  folgenden  verse  weiter  ausführen,  in  de- 
nen der  dichter  der  weit  den  dienst  aufsagt.  —  B  hat  drei 
ausnahmen:  str.  69  —  77,  das  schon  oben  aus  einem  andern 
gründe  als  verdächtig  bezeichnete  liod  der  Nithart  im  vaz ; 
es  werden  sich  weiterhin  noch  vielfache  beweise  seiner  un- 
echtheil finden,  ferner  64  —  68,  das  lied  vom  engerlin  aldd 
die  brvne?i  bluomen  stunt,  wie  es  Heinrich  von  Freiberg  im 
Tristan  bezeichnet  5  es  galt  also  schon  ziemlich  früh  für  neid- 
harlisch,  ohne  es  doch  zu  sein,  der  Inhalt  ist  ein  von  neid- 
hartischer  Meise  ganz  abweichender,  freilich,  der  dichter, 
möchte  man  sagen,  könnte  sich  ja  auch  einmal  in  einem  an- 
deren ebenfalls  heiteren  Stoffe  versucht  haben :  schwerlich  wäre 
er  doch  auf  einen  solchen  verfallen,  dessen  schmutzigkeit  durch 
eine  gewisse  der  durchführung  nicht  abzusprechende  Zierlich- 
keit nicht  geadelt  wird,  eben  durch  diese  verfeinerte  Schlüpf- 
rigkeit sticht  das  lied  von  Neidharls  immerhin  manchmal  sehr 
derber  aber  unumwundener  ausdrucksweise  ab.  aber  selbst 
angenommen,  dies  wie  das  vorige  lied  wären  echt,  so  wür- 
den sie  dennoch  gegen  die  reienregel  nichts  beweisen,  da  man 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  93 

sie  nicht  als  specifiscli  neidharlische  diclitungen  betrachten 
dürfte,  sondern  im  lieutigen  sinn  des  wortes  als  zwei  einzeln 
stehende  gedichte.  indessen  eben  dies,  um  im  zirkel  wieder 
zu  der  ersten  behauptung  zurückzukehren,  ist  überhaupt  für 
einen  dichter  jener  zeit  unzuläfsig;  man  darf  dem  Neidhart 
dergleichen  aufser  dem  kreise  seiner  ganzen  poetischen  weise 
stehende  producte  eben  so  wenig  zuschreiben  als  etwa  dem 
Neifen  die  beiden  lieder  ez  vuor  ein  bütteiuvre  und  von 
Walken  vuor  ein  pilgerim  153  — 157  C,  158.  159  C, 
oder  gar  Reimar  dem  alten  jenen  streit  des  alten  ehepaars, 
weit  ir  hoeren,  einen  gemellichen  strit  het  ein  alter  man 
mit  sinem  wibe  238  —  241  C.  der  dichter  ist  in  dieser  noch 
im  innersten  keime  lyrischen  zeit  zu  subjecliv  mit  seinem 
stofl"  verbunden,  um  solche  abschweü'ungen  machen  zu  kön- 
nen, es  versteht  sich  dals  Für  ein  genie  wie  Walthers  die 
Sphäre  bedeutend  erweitert  ist.  —  die  dritte  ausnähme  in 
B  sind  die  in  C  unter  dem  namen  Goelis  überlieferten  lieder 
52  —  63;  dals  sie  nicht  neidhartisch  sind,  wie  Wackernagel 
MSH.  4,  435  vermutet,  ist  leicht  zu  sehen;  ihre  geschraubte 
spräche,  *  um  anderes  unberührt  zu  lalsen,  v^erweist  sie  ganz 
unzweifelhaft  an  das  ende  des  13n  jh.  gegen  189  —  191  C 
finden  sich  von  selten  der  metrik  und  des  Inhalts  genügsame 
einwendungen ;  übrigens  fehlt  diesem  liede  noch  dazu  der 
frühlingseingang,  man  erkennt  es  nur  nach  dem  Inhalt  als 
sommerlied.  die  Strophen  255  —  257  C  (=31  Hg;  die  un- 
echtlieit  der  hier  zugesetzten  Strophen  bedarf  keines  bewei- 
ses)  sind  die  einzigen  für  deren  ausscheidung  sich  wenig 
mehr  anführen  zu  lafsen  scheint  als  eben  dafs  sie  eine  aus- 
nähme von  der  vorliegenden  regel  machen,  indem  sie  sich, 
offenbar  ohne  reienform  zu  haben,  für  einen  reien  ausgeben; 
aber  ihre  ausweisung  scheint  durch  die  gewonnene  evidenz  der 
regel  gerechtfertigt,  übrigens  sind  auch  die  ausdrücke  edeler 
kneht  (Neidhart  sagt  ein  riter)  und  Grözbreht  als  spöttische 
bezeichnung  eines   bauern  unneidhartisch. 

Damit  sind  alle  ausnahmen  der  älteren  handschriften  er- 

'■•'  eine  Daclialimung  und  verspoltung  höfelnder  bauernsprachc,  wie 
Wackern.  (allfr.  lieder  und  ieiclie)  meint,  Iiönnte  man  doch  höclistens 
in  den  stellen  sehen  wo  der  dichter  die  bauern  reden  läfst,  nicht  da 
wo  er  sie  beschreibt  .ils  sich,  dem  ritter,  entgegengesetzte  dörpel. 


94  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

schöpft,  ohne  dafs  man  eine  von  ihnen  als  wirkliclie  ausnähme 
neben  der  regel  gelten  lal'sen  miiste.  die  regel  bewährt  sich 
gegen  sie,  und  wir  haben  an  ihr  ein  wichtiges  moment  für 
die  krilik  des  dicliters.  es  versteht  sich  dals  die  Unterschei- 
dung der  reienlorm  vom  minnelied  in  solchen  fällen  schwer 
oder  ohne  anderweitige  kriterien  unmöglich  ist  wo  im  aufge- 
sang  gleichheit  der  zeilen  nach  stollenart  eingetreten,  zumal 
wo  diese  mit  auflösung  verbunden  ist.  dafs  aber  überhaupt 
auch  Strophen  dieser  art  ohne  die  reienregel  zu  verletzen 
wirklich  unter  dieselbe  zu  subsumieren  sind,  hoffe  ich  durch 
ihre  genetische  entwickelung  dargethan  zu  haben,  leichter 
sind  in  sehr  vielen  fällen  umgekehrt  nicht  reienmäfsige  töne 
durch  breite  der  stollen  oder  die  natur  des  abgesangs  zu  er- 
kennen, so  wüi'de  auch  ohne  weitere  beweise  ein  lied  wie 
15  Ilg,  welches  nach  dem  sommereingang  reienlorm  haben 
müste,  an  seinem  rein  minnesängerischen  ton  als  unecht  er- 
kannt. 


5. 

l'ber  den  Inhalt  der  reien,  den  übrigen  liedern  gegen- 
über können  wir  uns  kürzer  fafsen.  auch  in  dieser  beziehung 
treten  uns  in  der  neidhartischen  poesie,  mit  der  bisherigen 
eintheilung  zusammenfallend,  zwei  ganz  gesonderte  reihen  ent- 
gegen, deren  jede  für  sich  einen  abgeschlofsenen  kreis  bildet, 
nur  hin  und  wieder  drängt  sich  in  denselben  eine  persönliche 
beziehung  des  dichters  ein,  *  die  sich  dann  sogleich  durch  ih- 
ren loseren  Zusammenhang  mit  dem  weiteren  Inhalt  eines  sol- 
chen liedes  erkennen  läfst.  das  grundthema  der  einen  reihe 
ist  die  gogcllieit  der  dürpcr,  ihr  streit  unter  einander  und 
mil  dem  dichter,  wenn  er  als  liebender  in  ihrer  mitte  auf- 
Irill,  —  das  wiuterlied,  bald  schildernd,  bald  erzählend  aus 
den  freuden  des  verflofsenen  sommers,  das  sommerlied  dage- 
gen hat  seinen  charakteristischen  puukt  in  der  ankündigung 
und  feier  der  frohen  zeit,  welche  zur  linde  hinruft  zu  tanz 
und  liebeslusl  ;  und  zwar  knüpft  sich  daran  dann  eine  kleine 

'■'  eine  durchgehende  ausnähme  dieser  art,  die  miuaestrophen,  soll 
bei  dem  wintcriied  besprochen  werden,  denn  nur  in  diesem  findet  sie 
sich. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  95 

auf  denselben  gegenständ  bezügliche  oder  doch  mit  ihm  zu- 
sammenhängende Situation  oder  scene.  bald  ist  es  die  Jung- 
frau die  sich  für  die  kommenden  freuden  mit  kränz  und  fest- 
lichem gewand  schmückt,  bald  unterhalten  sich  zwei  gespielen 
über  liebe  und  geliebten,  bald  tritt  die  besorgliche  mutter  der 
liebeslustigen  tochter  vergeblich  mahnend  und  wehrend  in  den 
weg,  oder  sie  selbst,  die  alte,  von  dem  allgemeinen  taumel 
erfafst,  stürzt  sich  mit  den  jungen  bacchantisch  in  den  jubel 
hinein,  und  —  spranc  sider  als  ein  wider,  wie  es  239  C 
heifst.  *  eine  unbeschreibliche  anmut  und  naivetät  herscht 
in  diesen  gesängen,  die  der  kritik  jenen  unflätigkeiten  aller  arl 
gegenüber,  wie  sie  dem  Neidhart  aufgebürdet  werden,  den 
besten  ästhetischen  mafsslab  geben,  man  kann  die  einleiten- 
den Strophen,  überhaupt  eine  der  lieblichsten  selten  der  gan- 
zen mhd.  lyrik,  nicht  eigentlich  eine  beschreibung  des  früh- 
lings nennen ;  sie  suchen  nicht  nach  neuen  auffallenden  zü- 
gen,  nicht  nach  üppiger  maierei,  sondern  einfach  sind  sie, 
wie  das  gefühl  der  wonne  selbst,  in  deren  zauberkreis  sie 
den  hörer  emporheben  wollen ;  mau  möchte  sie  einer  äols- 
harfe  vergleichen,  die  in  ihren  wenigen  gleichgestimmten  sai- 
ten  dennoch  die  wunderbarsten  harmonien  erklingen  läfst.  — 
nach  solchem  eingang  wird  man  dann  in  der  eben  der  besten 
volkspoesie  eigenthümlichen  weise  mitten  hineinversetzt  in  die 
sich  daranschliefsende  scene,  durch  eine  rasche  einfache  Wen- 
dung, aber  noch  klingt  durch  die  bald  lustigen  bald  sehn- 
süchtig tändelnden  reden  und  gegenreden  hindurch  der  zuerst 
angeschlagene  frühlingston  leise  nach. 

Die  wenigen  hierher  gehörigen  ausnahmen  sind  aufser 
einigen  Strophen  in  52  R,  deren  unechllieit  später**  gezeigt 
werden  soll,  unter  den  im  Aorigen  paragraphen  angeführten 
zu  suchen ;  für  sie  gilt  also  das  dort  gesagte  auch  hier,  sie 
stellen  sich  folgendermafsen  zu  den  drei  festen  gesetzen,  de- 
nen sie  widersprechen: 

1)  kein  echtes  lied  behandelt  dörperliches  (der  ausdruck 
sei  gestattet   für  den  specifisch   dem  winterlied  zukommenden 


■■•'  alles  dies  ist  nach  Wackernagels  eignem  zeugnis  (a.  a.  o.   s.  237) 
der  altfr.  pastourelle  fremd. 
"*  vergl.  §.  7. 


96  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

inliall)  in  reienform,  wie  die  bezeichneten  unechten  Strophen 
52.  7-10  R, 

2)  noch  umgekehrt  reienraäfsigen  inhalt  in  der  entgegen- 
gesetzten form,  wie  255 — ^257  C. 

3)  ein  lied  dem  reieninhalt  wie  form  abgeht  kann  über- 
all für  keinen  wirklichen  reien  gelten,  wenn  es  sich  auch 
selbsl  durch  den  misverstand  des  dichters  so  nennt,  wie  189 
— 191  C,  und  52ff.  B  =:  Goeli  6ff.  C.  diese  lieder  werden 
also  durch  die  erste  regel,  dafs  alle  Neidharfs  sommerlieder 
reien  sind,  als  unechte  betroffen. 

WINTERLIED.   WESEN  DES  NEIDHARTISCHEN  WITZES.  - 
SEINE  BESUNGENEN  GEGNER  UND  FREUNDE. 

6. 

An  der  zweiten  liedergattung,  dem  winterliede,  haben 
wir  nur  den  Stoff  zu  betrachten,  der  strophenbau  hat  nichts 
eigenlhümliches.  tanzlieder  sind  auch  diese  5  ob  allein  dem 
höfischen  tanze  angemefsen,  oder  auch  dem  oben  vermuteten 
volksmäfsigen,  läfst  sich  nicht  bestimmen,  wenn  Neocorus 
in  beziehung  auf  den  letzteren,  wie  er  sich  zu  seiner  zeit 
bei  den  Ditmarschen  noch  fand,  sagt,  die  kunst  desselben 
läge  weniger  im  eigenlliclien  tanzen,  als  in  einer  mimischen 
ausfiihrung  der  gesungenen  worle.  so  miiste  man  sich  so  etwas 
bei  der  vorliegenden  liederart  allerdings  sehr  ergötzlich  den- 
ken, was  liefs  sich  im  tanzen  angemefsener  komisch  dar- 
sleilen  als  die  eben  beim  tanz  hervorbrechende  unmanier  und 
plumplieit  verspotteter  gegner,  als  der  zorn  des  liebenden, 
Avenn  er  gefefselt  von  den  Wendungen  des  tanzes  geduldig 
ansehen  mufs  Avie  die  zudringlichen  nebenbuhler  der  geliebten 
in  den  obren  liegen  alsam  diu  hie  (42,  2  R),  und  wenn  ihm 
dann  endlich  die  geduld  reifst  und  er  in  ungefüge  drohungen 
ausbricht,  während  ihn  äufserlich  fortwährend  der  tanz  in  die 
zierlichsten  manieren  einzwängt. 

Ländliche  lieder  der  art  könnten  sehr  wohl  die  ältere 
grundlage  der  neidliarlisclien  poesie  bilden,  nur  mufs  dabei  von 
vorne  herein  dem  misverständnisse  vorgebeugt  werden  dafs 
man  in  dieser  nicht  nach  einer  Überlieferung  des  stolFes  selbst 
im  epischen  siiinc  (nach  einem  dörfisch -epischen  liedercydus) 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  97 

suclip,  sondern  allein  der  charakter  der  gattung  als  solcher 
darf  traditionell  gefal'st  werden,  schon  die  betrachtung  der 
nanien  beweist  dies  unwiderleglich :  sie  alle  sind  in  persönli- 
cher gegenwärtiger  beziehung  zu  dem  dichter  zu  fafsen.  so 
sind  auch  die  Ortsnamen  lauter  wirkliche  durch  seinen  jewei- 
ligen aufenthalt  bedingte ;  dafs  dies  von  allen  übrigen  zu  tage 
liegt,  wie  sich  bei  aufmerksamer  betrachtung  zeigt,  ist  ein 
neuer  beweis  dafür  dafs  unzweifelhaft  auch  Riuwental*  so  zu 
verstehen   ist,**     eben  so  wenig  liegt    in  dem,    was  sich   in 

"^-  zu  dem  von  Wackeniagel  MSH.  4,  439"  angeführten  worlspiel 
mit  diesem  namen  bietet  31,  5  R  eine  analoffie,  wo  äiinlich  Siuflenecice 
als  allegorischer  name  verstanden  scheint,  gleichsam  ein  Iheil  des 
allegorischen  Riuwentals. 

mines  guotes  wart  ir  du  daz  beste  teil : 
da  liez  ich  der  vrouiren  Siuftenecke. 
der  Sammler  von   Hg  (82,  5)  verstand   freilich  anders. 

**  Neidhart  behielt,  nachdem  er  Buiern  verlafsen,  den  namen  der 
von  Riuwental,  wie  er  ihn  in  seinen  liedern  immer  geführt  hatte,  bei. 
darauf  bezieht  er  sich,   wenn  er  nach  dem  Verluste  des  gutes  sagt 

kint,  ir  heizet  iu   den    singen    der  sin    (Riuwentals    nämlich)    nu 
getoaltec  si; 

— —  nü  Idzet  mich  des  namen  vri  2,  7  R. 

aber  niemals  stellt  ein  echtes  lied  Riuwental  als  noch  im  besitze  des 
dichters  stehend  mit  österreichischen  namen  zusammen,  wie  z.  b.  18,  9 
Hg,  eine  zu  37  R  hinzu  gedichtete  Strophe,  wo  man  dem  dichter  nach 
Riuwental  hin  nachrichten  \on  dem  streit  der  bauern  zu  Botenbruiin 
bringt,  es  mag  hier  bemerkt  werden  dafs  sämtliche  ortsnamen  in  R 
aufser  Riuwental,  Landeshvot  und  jyitenbrüele  {?)  nach  Osterreich 
gehören  ;  und  zwar  liegen  die  meisten  der  genannten  localitälen  zwi- 
schen der  Donau  und  den  das  thal  der  Traisen  und  Persenicke  umge- 
benden bergen;  so  auch  des  dichters  späterer  wohnort  Medelicke  (nicht 
mit  Medling  an  der  strafse  von  Wien  nach  Baden,  welches  auch  wohl 
Medelicke  genannt  wird,  zu  verwechseln),  die  Mareh  liegt  bekannt- 
lich an  der  andern  seite  Wiens,  der  Forst  nördlich  von  der  Donau, 
daher  erscheint  der  von  dort  kommende  Madelwlc  als  fremdling  im 
Tulner  felde,  4,  5  R.  —  wie  die  Zusammenstellung  dieser  namen  mit 
Riuwental,  wo  es  nicht  blofs  als  name  des  dichters  gebraucht  ist  {der 
von  Riuwental),  so  ist  es  ebenfalls  ein  zeichen  von  unkunde  der  ge- 
gend  und  somit  von  unechtheit,  wenn  einzelne  Strophen  die  6 — 7  mei 
len  von  einander  entfernten  durch  flüfse  und  berge  getrennten  bewoh- 
ner  der  March  und  des  Tulnerfeldes  zu  einem  tanze  vereinigen. 

Was  des  dichters  namen  Nilhart  betrifft,  so  miiste  man  bedenken 
tragen    ihn    als   seinen    wirklichen    namen    anzuerkennen,    wenn    nicht 
Wolframs    frühzeitige  erwähnung   die  sache  aufser  zweifei  setzte,     er 
Z.   F.  D.   A.   VI.  7 


98  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

den  erzählten  geschieh ten  mit  den  dörpern  begiebt,  die  spur 
einer  Überlieferung,  diejenigen  unter  den  angeführten  perso- 
nen  —  welche  überall  wiederkehrend  auf  eine  nur  angedeu- 
tete im  hintergruude  liegende  begebenheit  hinweisen,  und  durch 
diese  Stellung  ganz  besonders  veranlafsung  geben  eine  art  epi- 
scher tradition  in  ihnen  zu  suchen  —  vor  allen  Engelmur 
Vriderüne  und  der  wigenande  —  stehen,  wie  sich  zeigen 
wird,  umgekehrt  in  noch  engerer  persönlicher  beziehung  zum 
dichter  wie  die  übrigen,  und  für  die  letzteren  liegt  ein  ne- 
gativer beweis  gegen  traditionelle  fortpflanzung  schon  darin 
dafs  sie  ohne  die  epischen  namen  eigenthümlichen  formen 
der  allitteration  oder  des  reimes  —  mit  wenigen  zufälligen 
ausnahmen  —  auftreten,  umgekehrt  treten  aber  diese  for- 
men wirklich  ein,  sobald  unter  der  band  der  nachbildenden 
Sänger  die  neidhartische  poesie  selbst  ihren  frischen  lebens- 
vollen Charakter  mit  einem  mehr  traditionellen  vertauscht; 
jetzt  finden  sich  neben  der  Wiederholung  ganzer  Wendungen 
auch  solche  Verhärtungen  der  form  an  den  namen  ein,  und 
liefern  einen  beweis  der  unechlheit.  von  diesem  criterium 
wird  z.  b.  wiederum  das  mehrfach  erwähnte  lied  69  —  77  B 
der  Nilhart  im  vaz  betroffen;  da  hcifst  es  sIr.  71 

Eppe  unl  Steppe  u/it  Reppe  unt  Leppe  u.  s.  w. 

Lumpolt  Rimipult  Cruwpolt  slr.  72. 

Engeldiech  unl  EngelJ'vit  das. 

Rösicin  Güsivin  das. 

Ezel  fVezzel  Brezzel  Bezzel  das. 
oder   man  vergleiche    die    zu    7  R    hinzu   gedichlelc    slrophe 
117,  7  Hg:  da  tanzt  Engeldiech  mit  Erigehnuot,    Adelvrit 
mit  Adelheil,    Willebreht  mit  Wille,  Enzemnn  mit  Enze- 
liep  u.   s.  w. 

In  dem  angedeuteten  sinne  aber  eine  ältere  von  dem  hö- 

koinmt  nämlich  in  den  älteren  handschriften  nnr  drei  mal  vor,  darun- 
ter gehört  77  ß  in  ein  entschieden  unechtes  lied.  in  -i?,  6  R  spielt 
der  dichter  offenbar  mit  dem  seiner  bedeulung  nach  verstandenen  na- 
men, ühnlich  wie  mit  Riuwental  an  jener  stelle,  denn  nicht  er  selbst 
nennt  sich,  sondern  einem  schellenden  gegner  legt  er  den  namen  in 
den  mund.  —  und  wenn  es  drittens  236  C  heifst  her  Nilhart  disen 
reien  saue,  so  ist  man  gewiss  berechtigt,  diese  art  von  selbslnennung 
für  unecht  zu  halten,  da  Neidhart  sich  in  solchen  beziehungen  sonst 
in  echten  liedern  niemals  so,  sondern  immer  den  von  Riuwental  nennt. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  99 

fischen  (lichter  nur  reprodiicierte  arl  solcher  heiteren  gesiinge 
anzunehmen,  dafür  spricht  der  anderweitig  überall  sichtbare 
anschlul's  dieses  sängers  an  eine  vorhandene  lyrik,  so  wie  die 
durchgelührle  regelmäfsigkeit  in  der  construction  dieser  lie- 
der :  wintereingang  —  minnestrophen  —  dörpererzählung. 
widersprechendes  aber  enthält  die  gattung  als  solche  nicht, 
angenommen  einmal,  es  gab  lieder  der  art  in  einer  ländlichen 
poesie,  niuste  nicht  ein  gegeusatz,  wie  er  sich  bei  Neidhart 
zufällig  in  der  form  von  ritter  und  bauer  ausspricht,  in  ganz 
analoger  Aveise  dasein  zwischen  dem  liebenden  träger  solcher 
erzählungen  und  seinen  nebenbuhlern?  wird  jener  diese  nicht 
auf  ähnliche  art  von  der  gunst  der  geliebten  fern  gehalten 
haben,  indem  er  ihre  schwächen  hervorkehrte,  ihre  lächer- 
lichkeiten  verspottete?  und  —  da  unstreitig  die  volkspoesie 
der  günstigste  boden  eines  harmlosen  humors  ist  —  muste 
nicht  dieser  humor  die  Zielscheibe  seines  witzes  grade  in 
nächster  Umgebung,  der  dichter  in  dem  eigenen  stände  su- 
chen? iu  der  that  thut  jeder  echte  humor  dies;  der  bäuer- 
liche witz  jener  zeit  immer  wiederkehrend  etwa  gegen  die 
ritter  z.  b.  gewendet,  wäre  eben  so  schmacklos,  als  wenn 
jemand  unter  uns  (ohne  uebenbeziehung)  die  Chinesen  oder 
Rothhäute  zum  gegenständ  seines  witzes  machen  wollte.  — 
diese  bemerkung  setzt  freilich  ganz  besonders  die  ausschei- 
dnng  der  echten  neidhartischen  poesie  voraus,  denn  jene  ge- 
flifsenllichen  Verhöhnungen  des  bäuerlichen  Standes,  wie  sie 
sich  die  verschiedenen  nach-  und  Weiterbildungen  recht  ei- 
gentlich zur  aufgäbe  setzen,  sind  allerdings  weit  entfernt  von 
dem  tone  einer  solchen  gutmütigen  selbstironie.  nach  einem 
nähereu   blick    auf  die   neidhartischen  lieder    selbst    wird  das 


Der  punkt  der  hier  nothwendig  der  angelpuukt  ist  wurde 
im  vorbeigehn  schon  angedeutet,  nämlich  Neidharts  Stellung 
zu  seinen  zuhörern  und  zu  den  bauern.  das  erste  betreffend, 
so  hat  schon  VVackernagel  vollständig  erwiesen  dafs  Neidhart 
von  ritterlichem  stände  war  und  seine  lieder  vor  den  hofleuten 

7* 


100  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

sang,  trolzdem  finden  wir  ihn  aber  in  echten  liedern  nie 
anders  als  in  der  mitte  der  bauern  und  als  ganz  in  ihren 
kreis  gehörend,  aus  ihrem  stände  ist  die  gefeierte  schöne, 
wie  tanzgenofsen  und  nebenbuhler:  und  des  dichters  eigner 
stand  wird  dem  bäurischen  in  echten  liedern  nirgends  in  der 
art  entgegengesetzt  dafs  der  eigentliche  Standesunterschied  her- 
vorerehoben  wäre,  sondern  nur  die  feinere  bildiing  des  lieben- 
den  seinen  unmanierlichen  nebenbuhlern  gegenüber:  wenn  er 
diese  dörper  schilt,  so  zielt  er  damit  nicht  auf  ihre  niedrige 
geburt,  sondern  auf  ihre  tölpelhaftigkeit  (um  das  heutige  worl 
zur  Umschreibung  des  damaligen  zu  gebrauchen),  es  wäre 
nun  an  sich  sonderbar,  wenn  wir  dies  verhällnis  als  ein  wirk- 
liches annehmen  müsten,  wenn  in  der  that  unter  den  im  mit- 
lelalter  doppelt  strenge  geschiedenen  standen  ein  verkehr  statt- 
gefunden hätte  wie  er  selbst  für  unsere  doch  etwas  humanere 
zeit  undenkbar  ist:  wenn  der  am  hofe  zweier  fiirsten  lebende 
Sänger  seine  liebe,  seine  freuden  nicht  dort  gehabt  hätte  wo 
er  sang,  sondern  wirklich  im  kreise  der  bauern.  aufser  der 
allgemeinen  grofsen  unwahrscheinlichkeit  spricht  noch  anderes 
dagegen,  was  nämlich  zuerst  den  gegenständ  der  liebe  des 
Sängers  betrifft,  so  hat  fast  jedes  winterlied  nach  der  einlei- 
tung  eine  oder  ein  paar  darauf  bezügliche  sfropiien.  diese 
aber  tragen  einen  von  der  übrigen  durchfiihrung  gänzlich  ver- 
schiedenen Charakter:  sie  gehören  in  ihrer  ganzen  manier 
vollkommen  dem  minnesang  an.  wenn  Neidhart,  wie  ver- 
mutet, in  diesen  gesängen  im  ganzen  ältere  weise  beibehielt, 
so  hat  er  jedesfalls  diesen  theil  der  lieder  als  höfischer  dich- 
ter nach  seiner  höfischen  liebe  umgewandelt,  denn  dafs  die 
in  den  eingangsstrophen  gefeierte  dame  nicht  wirklich  eine 
bäuerin  ist,  wie  es  doch  scheint,  wenn  sie  in  den  folgenden 
Strophen  als  solche  genannt  wird  und  bauern  mit  dem  dichter 
um  ihre  liebe  buhlen,  das  läfst  sich  beweisen,  aufserdem  dafs, 
wie  gesagt,  der  echt  höfische  ton  jener  Strophen  mit  seiner 
feineren  Sentimentalität  schlecht  zu  einer  derben  bauerdirne 
passen  würde,  weder  wo  der  dichter  die  gelieble  beschreibt 
wie  5,  8  R,  noch  wo  er  um  unerhörte  liebe  klagt,  aber  es 
läfst  sich  klar  genug  zeigen  dafs  hier  von  keiner  bäuerin  die 
rede  ist;  die  gelieble  wird  gegen  höfische  regel  im  verlauf 
der  lieder  meistens  genannt,    und  zwar  wiederholt,    nachdem 


xNEIDHARTS  DORFPOESIE.  101 

so  angeknüpft  ist  dal's  die  genannte  als  identisch  mit  der  in 
der  einleitiing  besungenen  auftritt,  dagegen  heilst  es  aber 
5,  7  R 

tutnber  Hute,  vräge 

müet  mich  sere  zaller  zit, 

we?^  diu  tüolgetdne  si 

von  der  ich  da  singe ;  ja  istz  in  ml  ungesagt.  * 
also  der  name  der  wirklichen  geliebten  ist  nicht  genannt. 

Ferner  finden  sich  zwei  lieder  in  R  in  denen  die  be- 
sungene ohne  zweifei  wirklich  eine  bäuerin  ist  (der  dichter 
hatte  sich  einmal,  um  Walthers  ausdruck  zu  brauchen,  einer 
nideren  minne  ergeben) :  hier  aber  nimmt  die  liebe  sogleich 
einen  andern  ausdruck  an.  man  vergleiche  30  und  31  R. 
und  was  das  schlagendste  ist,  jene  eingangsstrophen  klagen 
überall  über  unerhörte  liebe,  während  in  diesen  beiden  lie- 
dern  die  erhörung  auf  die  allernatürlichsle  weise  gewisser- 
mafsen  wie  etwas  sich  von  selbst  verstehendes  am  schlufs 
hinzugefügt  wird,  so  viel  ist  also  klar  dafs  hier  eine  art  von 
Widerspruch  steckt,  den  man  entweder  so  lösen  müste  dafs 
man  unter  der  scheinbar  einen  geliebten  überall  zwei  ver- 
steckt dächte,  die  höfische  in  den  eingangsstrophen,  die  bäu- 
rische in  der  Fortsetzung,  vermutlich  dann  eine  von  beiden 
fingiert,  —  eine  annähme  auf  die  wohl  niemand  leicht  im 
ernste  verfallen  wird  — ,  oder  es  steckt  hierin  noch  etwas 
anderes,     wir  werden  sogleich  sehen. 

Es  wäre  doch  in  der  that  wunderbar,  wenn  ein  bauer 
—  als  solcher  tritt  der  ungenande  auf  —  am  hofe  des  her- 
zogs  einen  so  grofsen  einflufs  gehabt  haben  sollte  dafs  er 
den  ritterlichen  sänger  um  die  gunst  des  fürsten,  ja  um  haus 
und  hof  bringen  konnte,  und  noch  unwahrscheinlicher  ist 
es  dafs  der  bauer  den  angefeindeten  dichter  sogar  noch  in 
Osterreich  durch  seine  mage  verfolgen  lafsen  konnte,  dafs  er 
auch  an  dem  hofe  eines  fremden  fürsten  gegen  ihn  zu  intri- 
guieren  vermochte. 

*  die  folgenden  worle 

hat  si  hohe  mäge 

der  belltet  si  eine  nit 
sind  zu  allgemein  um  etwas  zu  beweisen  ;    sie  könnten  als  scherz  ge- 
deutet eben  so  gut  auf  eine  bäuerin  jtassen. 


102  NEIDHARTS   DOKFPOESIE. 

Diese  Zweifel  an  der  Wahrheit  der  bäuerischen  Umgebung 
des  dichlers  liefsen  sich  leicht  vermehren,  man  könnte,  um 
ihnen  zu  entgehen,  nun  zunächst  die  ganze  sache,  personen, 
(larstellung  und  erzählung,  für  eine  blofse  fiction  halten  wol- 
len :  aber  das  geht  noch  weniger,  fictionen  der  art  wider- 
sprechen überhaupt  dem  dichterischen  charakter  jener  zeit, 
die  begebenheiten  mit  dem  ungenannten  lafsen  aber  auch  kei- 
nen zweifei  an  wirklichen  zu  gründe  liegenden  thatsachen  zu: 
ohne  diese  auffalsung  würden  sie  ganz  sinnlos  sein,  da  sie 
keine  dörperliche  erzählungen  im  eigentlichen  sinne  sind,  eben 
so  fordern  Engelmar  und  Vriderune  eine  ernsthaft  gemeinte 
beziehung.  schon  die  fortwährende  Wiederkehr  dieser  namen 
immer  in  ein  und  derselben  beziehung  beweist  das ;  denn  das 
factum  dafs  Engelmar  Vriderune  den  Spiegel  zerbrach  ist  zu 
unbedeutend  um  so  oft  wiederholt  für  nichts  als  eine  Ver- 
spottung seiner  plumpheit  gelten  zu  können,  ferner  nennen 
echle  lieder  Engelmar  und  Vriderune  immer  nur  als  Baiern; 
sie  kommen  in  österreichischen  liedern  nie  als  gegenwärtige 
personen  vor.  unter  den  baierischen  in  R  treten  sie  Aveiter 
nur  in  drei  liedern,  27.  35.  36,  anders  als  in  der  einen  be- 
ziehung (auf  den  zerbrochenen  spiegel)  auf;  wenn  man  diese 
stellen  genau  beobachtet,  thut  man  einen  blick  in  die  ge- 
schichte  des^dichters;  27  und  36  nämlich  sind  aus  seiner 
Irühsten  zeit,  denn  in  jenem  ist  er  nach  str.  6  noch  nicht 
lange  im  besitz  von  Riuwental  gewesen,  in  diesem  ist  er 
nach  Str.  7  noch  unverheiratet,  wie  z.  b.  in  35  R  nicht  mehr, 
welches  lied  also  etwas  später,  aber  doch  ebenfalls  aus  jener 
früheren  zeit  sein  wird,  zur  zeit  dieser  lieder  hat  nun  En- 
gelmar den  dichter  noch  nicht  um  Vriderunens  liebe  gebracht 
(denn  so  mufs  man  die  Spiegelgeschichte  verslehen),  und  mei'k- 
würdig  ist  es  —  mit  dem  über  den  ritterlich-bäuerlichen  ge- 
gensalz gesagten  zusammengehalten  —  dafs  gerade  diese  lie- 
der. in  denen  der  dichter  noch  ohne  persönlichen  gegensatz 
eines  nebenbuhlers  auftritt,  auch  der  erwähnung  des  ritterli- 
chen gegensatzes  ganz  entbehren,  mit  derselben  eigenthüm- 
lichkeit  schliefst  sich  nun  an  sie  52  R,  ein  reie ;  schon  wird 
hier  das  spätere  Verhältnis  angedeutet;  bald  darauf  mufs  Vri- 
derunens untreue  sich  entschieden  haben,  und  zum  erslen- 
inai  beklagt    sie  nun  der  dichter  mit  dem  später  immer  wie- 


xNEIDHARTS   DORFPOESIE.  103 

der  gebrauchten  ausdruck  in  einer  zu  eben  jenem  reien  hin- 
zugesetzlcn  strophe.  diese  aber  (str.  6)  deutet  wiederum 
durch  die  worte 

ich  muoz  ein  hüs  besorgen, 
daz  mich  sanges  wendet  manegen  morgen 
auf  dieselbe  zeit  hin  wo  dem  lebensfrohen  sänger  das  ernste 
häusliche  leben  zu  Riuwcntal  noch  neu  und  unbequem  war. 
mit  diesem  reien  —  er  enthält  die  Strophen  (7 — 10)  die  s.  95  f. 
als  unecht  bezeichnet  wurden,  weil  sie  wintermäfsigen  Inhalt 
in  reienform  behandeln  —  verhält  es  sich  offenbar  folgender- 
mafseu.  zu  dem  ursprünglichen  liede  gehören  nur  die  stro- 
1  —  5  (Hg  hat  eine  einleitungsstrophe  mehr,  die  sich  aber 
durch  müfsige  Wiederholung 

der  iralt  ist  tcol  gelouhel  diu  linde  gufdin  lolden 

treit  25,  1   Hg, 

der  finden  irenl  ir  tolden  von  nittwem  loube  riehen 
52,  1  R, 
als  unecht  zeigt,  auch  die  Stellung  der  stropheu  in  R  ist 
die  richtige,  Hg  ändert  nur  um  zugesetzte  Strophen  einrei- 
hen zu  können,  noch  dazu  mit  wenig  geschick).  in  dieser 
gestalt  haben  wir  einen  echten  reien  vor  uns,  und  zwar,  wie 
gesagt,  fängt  des  dichters  liebe  zu  Vriderunen  schon  an  ge- 
fährdet zu  werden  (strophe  2  sendet  er  ihr  noch  einen  kränz) : 
sie  sprang  wie  ein  püppchen  beim  tanz, 

des  nam  anderthalben  Engehnär   vil  tougen  war 

Str.  4. 
der  Sänger  ist  hierüber  bekümmert  und  schliefst  das  lied  mit 
der  klage,  er  solle  den  reien  singen,  aber  sein  trübsinn  passe 
nicht  in  die  frühlingslust,  er  könne  der  frohen  stunde  nicht 
'bescheiden',  seine  schlimme  ahnung  wird  bald  erfüllt,  seine 
Jugendliebe  ist  dahin,  sein  haushält  will  den  sorgenlosen  froh- 
sinn  von  ihm  verscheuchen ;  so  ist  ihm,  als  wenn  er  mit  Ju- 
gend und  lust  abgeschlofsen  hätte,  und  schwermütig  singt  er 
jetzt,  indem  er  die  klage  der  letzten  strophe  seines  letzten 
reien  wieder  aufnimmt, 

Nu   heizent   si  mich   singen.  ich  muoz  ein  hüs  be- 

sorgen, 

daz  mich  sanges  wendet  manegen  ynorgen. 


104  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

IKie  sol  ich  gebäre?/?       mir  ist  an  Engelmären         un- 

gemach 
claz  er  Vridcrünen         ir  spiegel  von  der  siten  brach. 

Str.  6. 
die  weitereil  stropheu  aber  sind  sämtlich  unecht.  Strophe  10 
erstlich  erkennt  man  sogleich  als  eine  blol'se  Variation  von  7 : 
er  ist  ein  toerscher  Beter  in  dieser  und  er  was  ein  vrether 
becke  in  jener  kann  nicht  neben  einander  in  demselben  liede 
stehn ;  die  spiegelschnur  von  Iberne  widerspricht  der  spie- 
gelschnur,  die  si  selbe  vläht  äz  glänzen  siden  24,  5  R, 
der  reim  tier  :  mir  findet  sich  sonst  nicht  in  echten  liedern.  — 
die  zusammen  gehörigen  Strophen  8  —  9  ferner  passen  nir- 
gends anders  hin  als  —  wohin  auch  Hg  Strophe  8  stellt  — 
hinter  2,  widersprechen  dann  aber  str.  4,  wo  Engelmar  noch 
bescheiden  und  heimlich  aus  der  ferne  nach  der  geliebten  hin- 
blickt ;  und  beide  stropheu  schliefsen  fälschlich  die  erste  halb- 
zeile  mit  2  kurzen  silben  {aber  ;  genojne?i)  gegen  den  klin- 
genden einschnitt  der  echten  zcilen.  (dies  ist  bei  Neidharl 
nicht  gestattet  wie  in  einigen  liedern  der  Nibelungen,  vergl. 
Lachm.  zu  Nib.  118,  2.  das  einzige  beispiel  in  R  wären 
diese  unechten  Strophen ;  und  damit  vergleichen  könnte  man 
57,  6.  7,  wo  im  einschnitt  der  ersten  zeilen  klingend  bäu- 
me :  schöne  steht,  während  die  andern  stropheu  stumpfen  ein- 
schnitt haben ;  es  ist  aber  ganz  ersichtlich  dafs  diese  beiden 
übrigens  guten  stropheu  ein  zusatz  sind,  da  sie  nirgends  in 
das  mit  str.  5  schliefsende  lied  hineinpassen  und  den  vogel- 
sang, das  blühen  der  bäume  aus  str.  1.  2  müfsig  wiederho- 
len), dafs  auch  str.  7  dem  sinne  nach  str.  4  widerspricht, 
würde  sie  an  sich  noch  nicht  verdammen,  denn  sie  könnte 
mit  Str.  6,  an  die  sie  sich  anschliefst,  ein  späterer  zusatz 
sein ;  aber  auch  sie  verstöfst  gegen  den  versbau  durch  den 
stumpfen  einschnitt  vriant  in  der  letzten  zeile ;  und  aufser- 
dein  sieht  man  ihrer  construction  zu  deutlich  die  intention 
des  verfafsers  an  mit  ihr  den  Übergang  zu  einer  erzählen- 
den weiteren  ausführung  in  der  art  der  winterlieder  zu  ma- 
chen :  gerade  wie  in  den  diese  einleitenden  Strophen  wird 
nämlich  auch  hier  dem  Engelmar  noch  ein  zweiter  an  die 
seile  gestellt,  der  mit  ihm  als  des  dichters  nebenbuhler  auf- 
Irill :   rr  unt  der  Junge  meier  tnnnt  ir  leil.     das  wiuterlied 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  105 

würde  hierauf  eine  weitere  aiisfiihrung  folgen  lafsen,  die  denn 
auch,  aber  wie  gezeigt,  höchst  ungeschickt,  in  den  weiteren 
Strophen  angehängt  ist,  so  wenig  diese  ganze  darstellung  in 
einen  reien  geliört  (es  ist  für  die  bewährung  der  regel  ein 
glücklicher  zufall  dals  gerade  dies  einzige  beispiel  in  R  durch 
so  viele  schlagende  gründe  widerlegt  wird),  so  wenig  passt 
sie  für  die  beiden  überall  sonst  mit  einem  gewissen  dunkel 
umgebenen  personen.  nach  ihrer  untreue  kommt  A  riderune 
nie  wieder  als  die  geliebte  des  dichters  vor.  es  ist  leicht 
begreiflich  dafs  ein  sänger  der  die  historische  beziehung  der 
beiden  namen  nicht  mehr  verstand  auf  den  einfall  kam  die 
so  oft  angedeutete  begebenheit  in  der  art  der  übrigen  dorf- 
^eschichten  auszuführen,  um  ihrem  Verständnis  zu  hilfe  zu 
kommen.  —  V  riderune  also  bezeichnet  des  dichters  erste  liebe  ; 
sie  zu  verlieren  war  der  aui'ang  aller  seiner  leiden : 
Sit  daz  der  ungeviiege  dürpcr  Engclmär 
der  vil  lieben  Vridertui  ir  spiegel  ?iam, 
du  begunde  trvren  vreude  uz  al  den  landen  jagen 
u.  s.  w.  40,  5  R. 
durch  den  dichter  aber  wurden  diese  beiden  personen  bald 
zu  einer  epischen  berühmtheit  erhoben,  und  nun  konnte  er 
auch  wohl  in  Österreich  fragen 

sack  ab  ieman  den  der  Vriderün  ir  spiegel  nam? 
4,  3R.' 
Wenn  man  nun  also  gezwungen  ist  vielfache  Wirklichkeit 
in  Neidharts  gesängen  anzuerkennen,  und  doch  daneben  über- 
all anstöfst,  wenn  man  die  bauern  und  ihr  leben  selbst  für 
diese  Wirklichkeit  hält,  was  bleibt  da  anders  übrig,  und  was 
ist  im  gründe  an  sich  wahrscheinlicher  und  natürlicher,  als 
dafs  man  unter  der  maske  der  bauern  niemand  anders  zu 
suchen  hat,  als  des  dichters  eigne  höfische  Umgebung?  so 
kann  die  einheit  in  der  person  der  geliebten  bewahrt  werden, 
so  das  verschweigen  ihres  wahren  namens  mit  der  nennung 
auf  jedem  blatt  vereinigt,  so  erklärt  sich  einfach  des  unge- 
nannten  feindselige    macht,     es  erhöht   das    komische,    wenn 

■-•  aber  seht  an  Engelmdre  18,  4  R,  welches  Engelmars  gegenwart 
voraussitzt,  passt  nicht  in  ein  österreichisches  lied  :  119  C  und  113,7 
Hg  lesen  richtig  seht  an  Hillemarc.  —  auch  dies  keonzeichen  der 
unechlheil  trifl'l  wieder  den  iXithart  im  vaz  69  —  77  B. 


106  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

Neid  hart  den  letzteren  den  im  gründe  eben  so  ungenannten 
übrigen  gegenüber  dennoch  speciell  durch  diesen  namen  aus- 
zeichnet, der  nun  einen  bedeutsameren  fingerzeig  enthält  als 
ein  erdichteter  bäurischer  name.  und  erst  in  diesem  lichte 
versteht  man  umgekehrt  wieder  den  scherz  richtig  der  darin 
liegt  wenn  der  dichter  sagt,  sein  unmut  presse  ihm  endlich 
den  lange  verschwiegenen  namen  heraus  er  ist  geheizen 
Grülle  30,  10  Hg  (übrigens  ist  diese  Strophe  schwerlich  von 
Neidhart  selbst),  auch  18,  7  R  erhält  durch  solche  betrach- 
tungsart  erst  das  richtige  Verständnis,  wo  es  von  einem  an- 
geblichen dörper  heilst 

er  wil  ebenhiuzen  sich  ze  werde??}  ingesinde 
daz  bi  hoveliuten  ist  gewahsen  unt  gezogen: 
begrifent  si  in,    si  zei^ent  im  die  hüben  also  swinde 
u.  s.  w. 
ein  wirklicher   bauer  konnte   sich    doch    nicht   unter  die  hof- 
leule  mischen :  und  wenn  mit  ebenhiuzen  nichts  gemeint  wäre, 
als  dals  der  eitle  sich  unter  seines  gleichen  das  ansehn  eines 
hofmanns  zu  geben  suchte,  so  ist  wieder  nicht  abzusehn  wes- 
halb die  hodeute    daran    ein  so    misliebiges  interesse  nehmen 
sollten    dafs    sie    den  narren   so  derb  züchtigten,     ebenso  auf 
ritterliche  freunde  wie  gegner  deutet  47,  5  R  hin, 
mine   rriunt,  nü  get  her  dnn  -. 


der  in    (d.   h.   den  genannten  nebenbuhlern)   durch   den 

willen  min  sin  dienest  widersagt, 
dem  gestüende  ich  iemer  bi  mit  übe  und  ouch  mit  guote 
al  die  wile  unt  mir  der  stegreif  zc  hove  waget. 
\  on  ästhetischer  seite  verdient  die  gemachte  annähme  vor 
der  entgegengesetzten  unbedenklich  den  vorzug.  in  der  nalur 
des  neidiiarlisch(Mi  witzes  liegt  nichts  was  ihr  widerspräche: 
man  kann  im  gegentheil  nicht  zweifeln  dafs  die  Schilderungen 
des  Sängers,   wenn   sie    der  gezierten    plumpheit   der    hofher- 
ren,    den  rittern   und   ihrer  ki\iutjunkerei  gelten,    einen  viel 
pikanteren  eindruck  machen,    als  auf  wirkliche   bauern  bezo- 
gen ;  so  wenn  er  von  seinen  nebenbuhlern  sagt 

ich  geliche  sin  gepfncete  ze  einer  säten  tüben 
diu   mit   volle7n   kröpfe    itf  einem    kornkasten  stdt 
3,  5  R. 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  107 

zwcin  vi'l  oeden  ganzen  gcnt  si  vil  gelich 

gein  einander  al  den  tac.  27,  7  R; 
oder  man  ver-^leiche  die  höchst  launige  Schilderung  von  herrn 
(innderanis  einst  beim  Würfelspiel  16,  1.2  R.  —  im  allge- 
meinen aber  gilt  hier  umgekehrt  was  oben  von  einer  bäuer- 
lichen poesie  gesagt  wurde  die  etwa  die  ritter  verspottet 
hätte :  schwerlich  würde  der  feine  geschmack  der  höfischen 
Zuhörer  jener  zeit  lange  an  der  Verhöhnung  eines  Standes 
vergnügen  gefunden  haben  mit  dem  sie  selbst  gesellschaftlich 
in  gar  keiner  berührung  standen,  dafs  dies  im  14n  und  15n 
Jahrhundert  möglich  war  kann  nicht  weiter  auffallend  erschei- 
nen, da  der  mehr  und  mehr  verderbte  geschmack  dieser  Zei- 
ten sich  an  jeder  rohheit  vergnügte,  und  selbst  damals  be- 
gnügte man  sich  damit  nicht  lange,  sondern  suchte  den  ent- 
stellten liedern  dinrli  das  hineinfügcn  jener  hofuarrenschwänke 
einen  neuen  reiz  zu  geben,  der  freilich  im  ganzen  höchst 
reizlos  ausfiel,  mit  unrecht  würde  man  sich  aber  etwa  daran 
stofsen  dafs  nicht  alle  züge  selbst  der  echten  lieder  genau 
auf  ritter  und  höfische  Verhältnisse  passen  ;  das  würde  einen 
misverstand  dieser  ganzen  art  von  satire  verrathen.  so  schlug 
wohl  schwerlich  einer  der  hofherren  die  dame  die  ihn  im 
Würfelspiele  störte,  wie  der  eifrige  Gunderam,  u.  dergl.  m. 
aber  es  ist  eben  ein  zeichen  des  echt  satiiischen  humors,  die 
ähnlichkeit  seiner  parallelen  nicht  ängstlicli  zug  für  zug  ab- 
zuwägen und  auszuführen,  sondern  nur  im  grofsen  und  gan- 
zen legt  er  sie  zu  gründe,  um  dann  das  einzelne  sich  selbst 
—  nicht  seinem  gegenstück  —  gemäfs  frei  und  unbekümmert 
auszumalen.  Neidhart  führt  uns  ganz  und  ohne  fremde  bei- 
mischung  das  bäurische  leben  vor,  und  jemehr  Avir  uns  hier 
heimisch  fühlen,  desto  schlagender  ist  das  komische,  wenn 
irgend  ein  hervorstechender  zug  uns  plötzlich  an  den  ver- 
kappten wirklichen  gegenständ  des  spottes  mahnt,  wenn  aus 
dem  getreuen  bild  des  plumpen  bauers  das  eben  so  getreue 
des  durch  diese  älmliclikeit  doppelt  witzig  verspotteten  hof- 
herrn  hervorblickt.  —  ein  gewisses  mafshalten  der  ausfüh- 
rung  zu  gunsten  der  verborgenen  parallele  war  freilich  dem 
kuustwerk  als  solchem  zuträglich,  und  Neidhart  wüste  es 
sehr  gut  mit  der  Ungezwungenheit  seiner  darstellung  zu  ver- 
einigen,   man  gewinnt  daran  ein  criterium  gegen  manche  lieder 


108  iNEIDHARTS  DORFPOESIE. 

und  Strophen  denen  diese  Feinheit  abgeht,  jene  Schlägereien 
in  denen  sich  die  erhitzten  zu  hunderten  erschlagen,  in  denen 
man  nasen  und  ohren,  arme  und  beine  massenweise  umher- 
gestreut sieht,  und  die  so  die  drohungen  auf  die  sich  echte 
lieder  beschränken  —  es  sollen  eben  nur  leere  renommiste- 
reien sein  —  in  colossaler  weise  zur  Wirklichkeit  machen, 
dergleichen  heifst  den  humor  überhumoren.  unter  den  liedern 
von  R  konmmt  nur  eine  analoge  andeutung  vor,  Aom  Hilde- 
bolt,  der  da  wart  crslagen  mnbe  ein  ingewer  (2 1 ,  6),  aber 
eben  nur  eine  leicht  vorübergehende  andeutung  ist  dies,  ja 
es  wäre  sogar  sehr  möglich  dafs  der  dichter  damit  auf  ein 
wirkliches  ereignis  anspielte,  auf  eine  durch  ein  nichts  erregte 
aber  bis  aufs  blut  durchgeführte  eifersucht. 


Wenn  man  schon  frühe  den  kleiderspott  als  die  haupt- 
seite  des  neidharlischen  wilzcs  betrachtete,  so  beweist  das 
nur  dafs  man  schon  früh  anlieng  ihn  ungenau  aufzufafsen. 
sein  witz  hat  eine  viel  innerlichere  bedeutung,  der  gegenständ 
desselben  ist  ethisch  tiefer  und  weitgreifender  gefafst.  —  das 
in  sich  kleinliche  und  erbärmliche  ist  es  über  das  er  die  gei- 
sel  seines  spottes  schwingt,  wie  es,  weit  entfernt  seine  ohn- 
macht  zu  fühlen,  sich  vielmehr  spreizt,  wie  es,  was  ihm  an 
innerem  gehalt  abgeht,  durch  den  übel  gelungenen  schein  äu- 
fserer  würde  zu  ersetzen,  seine  anerkennung  durch  plumpe 
forderuug  zu  ertrotzen  wähnt,  es  ist  der  kern  und  die  seele 
jedes  wahren  humors  das  menschliche  treiben  so  darzustel- 
len dafs  eben  das  kleinliche  vergänglichste  daran  sich  mit 
der  prätension  eines  absoluten  werthes  brüstet,  wem  der 
blick  über  die  endliclieu  formen  des  lebens  hinausreicht  zu 
der  unendlichen  grundlage  von  der  jene  getragen  werden,  der 
wird  sich  der  bedeutung  des  individuums  nur  in  diesem  ewi- 
gen zusammenhange  bewust,  von  dem  losgerifsen  sein  dasein 
und  sein  streben  verschwindet  wie  der  tropfen  an  der  sonne, 
wer  aber  in  der  bedeutsamkeit  des  eigenen  werthes  befangen 
bleibt,  der  verliert  für  sein  ganzes  thun  und  treiben  den  ein- 
zig richtigen  mafsstab  und  legt  deshalb  dem  relativ  unwich- 
tigsten in  dem   engen   kreise  seiner  empfindung  den  gleichen 


xNEIDHARTS  DORFPOESIE.  109 

werlli  mit  dem  wiclitigslen  bei.  nichts  anderes  bestimmt  iinii 
die  bedeuliing  irgend  welcher  sache  als  der  grad  des  geluhls 
den  sie  in  iiim  erregt,  und  was  nicht  in  diese  engste  per- 
sönlichste beriihrung  mit  ihm  tritt,  das  vermag  er  überhaupt 
nicht  zu  begreifen.  —  so  prahlt  der  neidhartische  bauer  mit 
dem  stolzen  gefühle  des  höchsten  werthes,  und  doch  existiert 
dieser  für  niemand  als  ihn  selbst ;  so  läfst  er  seine  vortreff- 
lichkeit, von  der  er  fest  überzeugt  ist,  auch  äufserlich  in  zier- 
lichster gebärde  und  haltung  erscheinen,  und  doch  geht  es 
ihm  damit  nicht  glücklicher  als  Don  Quixote  mit  seinem  rit- 
terlichen anstand,  was  sein  gemüt  zu  freude  und  bosheit 
bewegt  ist  immer  grade  das  an  sich  allergeringfügigste,  aber 
in  seinem  gefühl  nimmt  es  einen  solchen  umfang  ein  dafs  es 
seine  ganze  person  in  anspruch  nimmt,  eben  darin  liegt  die 
witzige  spitze,  wenn  es  z.  b.  von  den  zweien  heifst  die  sich 
um  irgend  einer  albernheit  wegen  anfeinden :  sie  giengen  den 
ganzen  tag  —  ohne  an  etwas  anderes  denken  zu  können  — 
um  einander  herum  wie  ein  paar  bifsige  hengsfe.  oder  wenn 
der  dichter  von  anderen  mit  dem  scheine  wichtigen  ernstes 
erzählt 

ez  trehsel  lihtc  zwischen  in  ein  ungevüeger  huz  —  : 
weil  der  eine  dem  vater  des  andern  seinen  knecht  raufte,  und 
zwar 

lunbe  anders  niht 

tvan  daz    er    ein    krenzel   truoc,    daz   was    von    bbto- 
meri  rot, 

daz  verseif  er  da  zehant  den  meiden  7,  5  R. 
in  den  launigen  zügen  dieser  art  liegt  Neidharts  gröste  kunst : 
durch  sie  weifs  er  seine  bildcr  mit  wenigen  pinselstrichen 
scharf  und  unübertrefflich  lebendig  zu  malen,  so  läfst  er  einen 
tanzenden  gecken  im  entzücken  über  die  eigene  kunst  den 
fufs  so  überzierlich  drehen  dafs  er  sich  das  bein  dabei  ver- 
renkt, und  wie  witzig  trifft  es  (man  mufs  sich  daran  erin- 
nern wie  der  ritterlichen  sitte  ein  leiser  abgemefsener  gang 
für  den  ausdruck  innerer  hoheit  galt:  so  wenn  Walther  in 
jener  wundervollen  Strophe  von  Philipp  und  Irene  sagt 

er  trat  vil  lise,   im  was  niht  gäch; 

im  s/eich  ein  hohgeborniu  küneginne  nach), 
wie    schlagend   komisch    ist   es,   wenn  Neidhart  den    hehren 


HO  NEIDHARTS   DORFPOESIE. 

j^ang  der  bauern   bei   ihren    festen  in  den  voll  fönig  malenden 
versen  beschreibt 


Es  liegt  auf  der  hand,  wie  sehr  der  sinkende  glänz  der 
höfischen  bildung  einen  mit  tiefen  humor  begabten  dichter  zu 
solchen  Verspottungen  reizen  muste,  und  ganz  besonders  der 
hof  des  letzten  Babenbergers,  an  dem  Neidhart  seine  laufbahn 
beschlofs :  an  der  spitze  der  priinksiichtige  fürst  voll  jugend- 
licher energie,  aber  eben  so  voll  trotz  und  hoclimut  in  der 
aufrechthallung  seiner  fürstlichen  würde,  der  lieber  sein  gan- 
zes land  bis  auf  drei  bürgen  besiegt  sieht  als  dafs  er  sich 
gegen  den  kaiser  demütigt,  und  daneben  seine  vasallen.  über- 
mütig wie  er,  aber  roher,  immer  zu  Unruhen  und  abfali  ge- 
neigt, und  dabei  voll  furcht  vor  dem  kaiser,  sobald  er  als 
gegner  ihres  entschlofseneren  lierren  vor  ^\  ien  erscheint, 
welches  ihm  die  thore  öffnet  und  ihn  festlich  beherbergt,  schon 
damals,  wie  es  scheint,  dem  vergnügen  holder  als  der  poli- 
tik.  schon  spürt  man  die  ganze  rohheit  des  bald  kommenden 
gänzlichen  Verfalls  höfischer  zuclit  in  jenen  wilden  Kuiuingcn 
die  ungestraft  von  ihren  bürgen  aus  die  Donau  eigenmächtig 
beherschen.  aber  noch  waltet  daneben  im  äufsern  der  schein 
aller  feinhcit,  altes  glanzes,  der  eben  jene  mischung  hervor- 
bringt wie  sie  die  neidharlischen  personen  darstellen.  —  seit 
des  keiscrs  komcti  (50,  3  Rj,  seit  jenem  unglücklichen  Über- 
zug Friederich  2n  umdüstern  sich  die  Verhältnisse  des  Baben- 
bergers mehr  und  mehr;  selbst  dem  noch  im  späteren  mau- 
nesalter  unter  mancherlei  eignen  und  fremden  bedrängnissen 
unerschöllich  heiteren  sänger  entfällt  endlich  die  frohe  laune. 
seine  letzten  lieder  verrathen  eine  ernste  gedrückte  Stimmung; 
man  fragt  ihn  wohin  die  dörper  gekommen  die  sonst  auf  deju 
Tulnerfeld  gehaust,  und  er  läfst  sie  noch  einmal  erscheinen, 
aber  es  ist  nur  ein  matter  nachklang  der  alten  lust.  man 
will  ein  neues  mailied  von  ihm;  er  giebt  auch  wirklich  den 
gefalsten  vorsatz  auf,  nicht  mehr  zu  singen,  er  grüfst  noch 
einmal  den  neuen  frühling,  aber  es  ist  als  ob  er  es  nur 
schnell  abthun  möchte,  scherz  und  poesie  sind  entflohn,  der 
mut  ist  gebrochen;  wie  des  verzagenden  dichters  abschieds- 
wort  klingt  es  wenn  er  singt  (55,  6  R) 


iNEIDHAUTS   DORFPOESIE.  111 

Hiemite  si  gesungen         den  ze  hulden, 
die  von  schulden         ie  nach  vreuden  rungen, 
Unt  ouch  lugende  teuren  wei^t:         swd  diu  jugent  niht 

vreude  gert, 
da  ist  Ere  Hz  pfade  gedrungen. 


NEIDHARTS  STELLUNG  INNERHALB  DES  MINNESANGS 
UND  SELNE  NACHAHMER. 

9. 

Werfen  Avir  zum  schluls  von  dem  gewonnenen  Stand- 
punkte aus  noch  einen  blick  auf  Neidbarts  inneren  zusam- 
menbang mit  den  ihn  umgebenden  sängern  und  mit  den  fort- 
bildern seiner  eigenen  manier.  er  steht  bedeutungsvoll  gerade 
an  einem  Wendepunkte  der  die  gesammte  lyrik  des  13n  jh. 
trifft;  sein  wesen  leitet  gewissermafsen  aus  einer  periode  in 
die  andere  hinüber,  indem  er  von  beiden  charakteristische 
merkmale  an  sich  trägt,  wie  die  zeit  seines  dicbtens  in  beide 
fällt.  * 

Zweierlei  ist  es  was  ganz  allgemein  die  Verschiedenheit 
der  Sängergruppe  bis  um  das  jähr  1220  und  der  nächstfol- 
genden in  ihrem  gegensatz  charakterisiert,  das  eine  betrifft 
den  Inhalt,  das  andere  die  form  ihrer  minnelieder;  in  beider 
beziehung  ist  es  ein  analoges  moment.  der  inhalt  der  älte- 
ren lieder  den  jüngeren  gegenüber  ist  unstreitig  der  tiefere 
ernstere,  man  fühlt  es  ihnen  an  wie  das  gefühl  der  liebe 
welches  sie  besingen  aus  innerster  seele  hervorquillt,  wie  es 
vergeblich  nach  dem  adäquaten  ausdruck  für  seine  freuden  und 
leiden  ringt,  das  oft  gesagte  in  ihnen  ist  dennoch  wieder 
neu  in  dem  neuen  liede,  weil  es  aus  unmittelbarer  emptin- 
dung  heraus  so  zart,  so  innig  gesungen  wird,  nirgends  tritt 
dies  sichtlicher  hervor  als  in  Wolframs  liedern,  nirgends  ist 
es  bis  zu  so  künstlerischer  durchbildung  gekommen  als  bei 
Walther.  Bodenlaubens  ernste  abschiedslieder,  Reinmars  schwer- 

'"  ungefähr  von  1210  bis  1240  ;  denn  wenigstens  so  früh  mufs  man 
ihn  hinaufrücken,  da  er  zur  zeit  seiner  letzten  lieder  alt  ist,  wie  er 
wiederholt  sagt,  während  die  frühsten  der  erhaltenen  —  die  um  die 
zeit  der  erwerbung  Riuwentals  gedichteten  —  auf  frische  Jugend  deuten. 


112  NEIDHARTS  DORFPOESIE. 

mutige  klagen  haben  diesen  charakler,  selbst  der  leichtmiili- 
gere  Gottfried  macht  keine  ausnähme,  wie  denn  auch  sein 
Tristan,  Aon  dem  unergründlichen  zauber  durchglüht,  eben 
dies  nie  befriedigte  immer  von  neuem  und  immer  unwider- 
stehlicher heraufdringende  sehnsüchtige  ringen  darstellt,  die 
ganze  zeit  aber  bietet  uns  das  bild  eines  unglaublich  rasch 
anschwellenden  aufblühens  und  eines  eben  so  schnellen  ab- 
sterbens.  Wahhers  und  seiner  zeitgenolsen  klagen  und  ernste 
strafreden  über  den  verfall  der  zucht,  über  die  zunehmende 
Sittenverderbnis  sind  bekannt,  wie  schnell  sich  das  in  sei- 
nem keim  so  heimlich  zarte  wesen  der  minne  zu  alltäglicher 
genieinheit  hinneigte  (es  lag  freilich  in  der  natur  der  sache) 
beweist  sehr  anschaulich  Lichlensteins  buch  der  fraucn.  da- 
mit verglichen  hielt  sich  die  dichtkunst  freilich  ziemlich  viel 
länger  auf  einer  feineren  höhe,  aber  auch  in  ihr  sehen  wir 
zu  ende  jener  ersten  periode  die  tiefe  der  enipfindung  wei- 
chen, eine  lei 
uns  entgegen. 

lernden  färben  gemalt,  aber  in  demselben  mafse  geht  die  alte 
innigkeit  verloren,  die  klagen  scheinen  nur  noch  auf  der 
Oberfläche  des  gefühls  zu  spielen  und  die  dichter  spielen  mit 
ihren  klagen  (welchem  unbefangenen  gefülil  wird  z.  b.  Ulr. 
\()n  Liclilenstein  in  leben  und  dichten  einen  andern  eindruck 
machen  ?) :  sie  hören  auf  uns  wirklich  zu  rühren,  jetzt  fühlt 
man  allmählich  ein  lästiges  einerlei,  was  nun  in  den  neid- 
harlischen  liedern  eigentlich  minnesängerisches  ist,  das  kann 
man  von  dem  vorwürfe  nicht  freisprechen  der  letztern  gat- 
lung  näher  zu  stehn  als  der  ersteren :  niemand  wird  die  min- 
nestrophen  der  winterlieder  eben  sehr  tief  und  ergreifend  lin- 
den, aber  um  so  höher  steht  er  in  derselben  beziehung  in 
den  frühlingsliedern :  in  ihnen  ist  alles  tiefes  wahres  gefühl. 
die  einfache  concrele  darstellung,  die  hier  am  rechten  orte 
war,  sagte  seiner  dichterischen  persönlichkeit  mehr  zu  als 
das  formlosere  gefühlslehen  des  minnesangs. 

Umgekehrt  scheint  aber  der  nicht  minder  als  ihr  Inhalt 
vortreflliche  strophenbau  dieser  reien,  so  sonderbar  es  klingen 
mag,  eine  analogie  mit  der  Verschlechterung  des  Versbaues 
der  gleichzeitigen  und  nächstfolgenden  dichter  zu  bieten,  der 
reie  verlangt  seiner  natur  nach  eine  leichtere  bewegung,  ein 


NEIDHARTS   DORFPOESIE.  113 

flüfsigercs  versniafs.  von  Neidharl  gilt  das  nur  in  der  besten 
bedeutung,  denn  er  weils  eben  dies  moment  vortrefflich  mit 
innerer  wesentlichkeit  des  strophenbaues  zu  verbinden,  nicht 
so  aber  die  rcpräsentanten  der  zweiten  periode,  wie  Neifen, 
Konrad  von  Würzburg,  der  schenk  von  Wintersteten,  *  um 
nur  die  bedeutendsten  zu  nennen,  ihr  versbau  hat  meisten- 
theils  etwas  aufserordentlich  glatt  hinfliefsendes  (z.  b.  Kon- 
rads lied  28,  3ISH.  2,  326,  ist  ein  muster  von  Zierlichkeit;, 
oft,  eine  glänzende  leichtigkeit  unter  den  schwierigsten  reim- 
verschlingungen.  aber  das  ist  um  ein  viel  wesentlicheres  er- 
kauft :  der  Strophenbau  verliert  seine  alte  bedeutsamkeit.  wäh- 
rend die  altern  sänger  mit  grolser  kunst  jedem  lieae  durch 
den  vers  so  zu  sagen  eine  bestimmte  Individualität  zu  geben 
trachten,  flielst  hier  alles  in  gleichmälsig  gefälligem  ströme 
hin.  ein  rhythmus  klingt  wie  der  andere,  das  charakteristi- 
sche wird  durch  reimspielereien  und  andere  äufserlichkeiten 
zu  erreichen  gesucht. 

Man  irrt  gewiss  nicht,  wenn  man  Neidhart,  dessen  lie- 
der  früh  bekannt  und  beliebt  waren,  einigen  einflufs  auf  die- 
sen Umschwung  zuschreibt,  seine  ganze  heitere  art  und  weise 
niuste  dazu  mitwirken,  der  hauptsache  nach  ist  freilich  der 
grund  desselben  tiefer  und  allgemeiner  in  dem  geiste  der  zeit 
zu  suchen,  wie  denn  auch  Neidhart  selbst,  wie  wir  angedeu- 
tet, nicht  unberührt  davon  bleibt. 

Was  die  nächsten  nachahmer**  der  höfischen  dorfpoesie 
anlangt,  so  ist  manches  sie  betreffende  schon  im  verlaufe  des 

*  eiuem  von  ilinen  mag  das  Neidtiart  untergeschobene  lied  20 — 22 
C  gehören. 

**'  nicht  unter  die  nachahmung,  im  eigentlichen  sinn,  gehören  ei- 
nige lieder  in  B  und  C  die  gar  nichts  neidhartisches  haben,  sondern 
ihm  nur  beigelegt  wurden,  weil  der  heitere  dichter  einmal  Für  den  ver- 
faTser  alles  dessen  galt  was  sich  an  launiger  poesie  vorfand,  über  das 
lied  vom  rosenängerlein  ist  schon  gesprochen,  in  dieselbe  kategorie 
gehören  195 — 197  C  (es  verlos  ein  ritter  sine  scheide)  und  201 — 205 
C  (dei'  gimpel  gempel);  dafs  beide  nicht  von  JVeidhart  sind,  kann, 
wem  seine  weise  gegenwärtig  ist,  nicht  bezweifeln,  ungeachtet  es  50,  2 
R  heifst 

der  wiiohs  von  sinem  reien  üf  ir  wempel, 

iint  gewan  ein  kint,  daz  hiez  si  Lempel  —  also  lerte  er  sl. 

den  gimpel  gempel. 
in  C  hat  der  gimpel  gempel  eine  ganz  andere  bedeutung  wie  hier,  wo 
Z.   F.   D.   A.    VI.  8 


114  NEIDHARTS    DORFPOESIE. 

vorigen  gesagt.  JVeidharl  selbst  sang  offenbar  im  selben  liede 
nicht  immer  dieselben  Strophen,  es  finden  sich  zuweilen  un- 
ter einem  tone  Strophen  die  verschiedenen  ausfiihrungen  an- 
gehören, ohne  dafs  man  grund  hätte  einzelne  für  unecht  zu 
halten,  so  z.  b.  in  2  R  str.  9,  in  21  R,  wo  str.  8  und  9 
einander  parallel  stehen ;  so  27.  5  R :  der  Sammler  hat  die 
anfangsworte  dieser  strophe 

hie  mit  disen  dingen  si  din  rede  also  Bescheiden 
unrichtig  auf  die  Schlichtung  des  Streites  in  der  4n  strophe 
bezogen ;  es  ist  der  Übergang  von  den  einleitenden  sfrophen 
des  winterliedes  zu  einer  neuen  dörperlichen  erzählung.  die 
wieder  an  str.  2  anknüpil,  freilich  unvollständig  erhalten,  ganz 
in  ähnlicher  weise  macht  diesen  Übergang  von  der  minneslro- 
phe  zu  der  eigentlichen  erzählung  5,  3  R 

Waz  ist  der  ml  m^re? 

solher  rede  ist  nu  genuoc, 

trahten  unih  ein  ander  dinc! 
ebenso  21,  3  R 

Disit/  rede  lige  ahn. 

läzen  irirs  beliben. 
Hg  bietet  noch  manche  ähnliche  beispiele.  in  derselben  arl 
begannen  nun  die  nachahmer,  sänger  die  Neidharfs  poesien 
vortrugen,  an  dem  inhalt  der  lieder  zu  ändern ;  je  näher  sie 
dem  dichter  noch  stehen,  um  so  mehr  in  seinem  eigenen  stil, 
so  dafs  oft  nur  unkunde  der  gegenden  (z.  b.  Riuwenlal  ins 
Tulnerfeld  verlegt)  oder  das  misverständnis  biograpiiisch  hi- 
storischer Verhältnisse  die  unechtheit  verrätli.  so  18,  9  Hg 
(zu  37  R),  38,  9  Hg  (zu  8  R),  31,  10  Hg  (zu  40  R,  wel- 
ches lied  als  im  alter  gesungen  ein  österreichisches  isl),  101, 
13.  14  (zu  38  R),  117,  7  Hg  (zu  7  R).  —  die  begeben- 
heit  mit  Engelmar  und  Vriderune  insbesondere,  als  man  ihre 
wirkliche  bezieluiui;  nicht  mehr  aufzufafsen   verstand,    schien 


er,  wenn  auch  mit  nebenbeziehung,  der  uanie  eines  liedes  oik-r  tanzes 
ist,  dessen  wirkliche  existenz  gar  nicht  einmal  vorausgesetzt  zu  wer- 
den braucht,  aber  eben  diese  stelle  reizte  vielleicht  jemand  das  sei- 
ner meinung  nach  verlorene  lied  durch  ein  Stückchen  hnmor  von  sei- 
nem eigenen  zuschnitt  zu  ersetzen,  der  sich  neben  IVcidhart  ungefähr 
ausnimmt  wie  in  liebes  leid  und  iust  des  ehrlichen  Schädels  Schlag- 
wort nach   Marias  wilz. 


iNEIDHARTS  DORFPOESIE.  115 

zu  nnhestimml  iiiul  uiivollcndot.  m;ui  führio  sie  den  übrigen 
dortgescliicliten  ganz  gleicli  als  gegenwärtig  geschehend  in 
die  erzählungen  ein.  so  in  den  besprochenen  Strophen  52,  7 
—  10  R,  so  in  117,  17  Hg,  in  2,  3  Hg,  wo  es  nicht  einmal 
Engclmur  ist  der  die  berüchtigte  that  begeht  u.  s.  w.  ferner 
setzte  man  sie  mannigfach  fort,  es  schien  zu  unwahrschein- 
lich dafs  sich  Engelmar  bei  der  handgreiflichkeit  der  dörper- 
lichen  eifersucht  so  unversehrt  sollte  aus  dem  spiele  gezogen 
liaben,  man  liefs  ihm  daher  zur  Vergeltung  das  linke  bein 
abgeschlagen  werden  (die  holzsclinitte  des  alten  drucks  stellen 
ihn  gar  nicht  anders  dar  als  mit  dem  stelzfufs).  so  in  den 
Str.  G9— 77  B,  die  wie  man  sieht  allmählich  zu  einer  muster- 
karte alles  dessen  werden  was  nicht  für  neidharlisch  zu  hal- 
ten ist,  und  häufigst  in  Hg.  man  liefs  ihn  sich  mit  Vrideru- 
nen  wieder  versöhnen  (das  spiegelbrechen  wird  aber  nicht 
der  anfang  eines  langen  zornes  der  schönen  gewesen  sein), 
47,  7  Hg.  ja  4,  5  Hg  erzählt  sogar  wie  der  renommierte  dör- 
per  in  einer  Schlägerei  seinen  tod  findet.  —  bald  geht  nun 
auch  der  sinn  für  das  feinere  des  witzes  verloren,  das  offen 
derbe  wird  in  nachbildungen  zum  schlüpfrig  schmutzigen: 
man  vergl.  die  zu  31  R  zugesetzte  Strophe  82,  6  Hg,  oder 
227  —  231  C,  offenbar  eine  nachbildung  des  vortrefflichen  lie- 
des  31  R,  deren  anfangsstrophen  man  mit  A  (Seven  26.  27) 
und  C  selbst  (Kneht  5.  6)  einem  andern  dichter  der  heiseren 
zeit  vindicieren  mag,*  die  hauptpointe  wird  jetzt  statt  inne- 
rer plumpheit  die  äufsere ;  alle  jene  unmanierlichen  prügel- 
scenen  entstehen,  wie  die  lieder  4.  6.  14.  32.  33.  40.  43 
(wo  Neidhart  förmlich  belagert  wird).  44.  118.  122. 124.  125. 
126  Hg.** —  die  aufzählungen  der  bäuerlichen  gegner  wer- 
den mit  merkwürdiger  geschmacklosigkeit  zu  endlosen  namen- 
reihen erweitert;  zu  69  —  77  B  werden  ihrer  51  hergezählt, 
in  40  Hg  gar  79.  —  dazu  wird  für  den  winter  ein  neuer 
gegenständ  des  spottes  aufgenommen,  die  frefslust  der  bauern. 
dies  mag  ein  aus  wirklich  volksthümlichen  liedern  hergenom- 
mener zug  sein,  wie  es  der  hauptgegenstand  der  fastnachts- 
und  raartinslieder  blieb,    auch  Hans  Sachs  charakterisiert  die 

*  mit  solchen  liedern  ist  zu  vergl.    Cl.   Hätzlerin  abth.   1.    nr  37. 
nr  89. 

'"  *^  dazu  die  drei  Volkslieder  bei  Uüland  nr  245  —  348. 

8* 


IIG  NEIDIIARTS  DORFPOESIE, 

bauern  gerne  durch  ihr  frelsen.  in  der  zweiten  hälfte  des 
13n  jh.  fängt  dieser  zog  an  in  den  entarteten  minnesang 
einzudringen;  so  bei  Steiraar  1 — 5  C,  Buwenberg  1.  4.  7. 
13  C  (er  deutet  nur  noch  an),  Hadloup  75  —  78.  83  —  85. 
164. 165  C.  Wizlav46  Jen.  hs.  (31SH.  3,85).  für  neidhartiseh 
hielt  man  dergleichen  jedoch  erst  sehr  spät:  nr7.  nr32  a.  dr.; 
Uhlands  drei  Neidharte  nr  245 — 248  ;  Neidharfs  gefräl's  Hätz- 
lerin  abth.  1.  nr  91. 

Eine  neue  zulhat  wurde  durch  die  hofnarrenschwänke 
hinzugefügt;  die  beispiele  in  Hg  sind  s.  71  bereits  angeführt, 
auch  Hans  Sachs  fafst  den  Neidhart  so  auf.  er  erscheint  jetzt 
als  geflifsentlicher  feind  der  bauern  und  sieht  mit  ihnen  in 
keiner  andern  Verbindung  als  dafs  er  sie  zur  Unterhaltung  sei- 
nes fürsten  zu  necken  und  zu  quälen  sucht,  manche  dieser 
scherze,  obgleich  roh  und  plump,  und  durchgangig  schlecht 
ausgeführt,  sind  nicht  ohne  laune.  es  flofsen  in  ihnen  viel- 
fache demente  zusammen :  bekannte  hofnarrenschwänke  (ei- 
nige sind  3ISII.  4,  s.  4'il  nachgewiesen),  die  manier  des 
Kalenbergers,  meier  Helmbrechls.  Salomon  undMarkolfs,  die 
Eulenspiegeleien :  auch  von  faliremlen  schülern  gab  es  ähn- 
liche schwanke;  Hans  Sachs  erzählt  einen  solchen,  indem  er 
von  dem  beiden  desselben  und  seines  gleichen  sagt 
v'f'p  sie  denn  umhgicngcn  vor  faren, 
vnd  lauter  bciirronbescheifser  waren. 
aber  bis  in  diese  äufsersle  Verderbnis  hinein  erhallen  sich 
noch  immer  echte  elemente;  der  alte  druck  hat  noch  drei  lie- 
der  mit  R  gemein,  die  ein  interessantes  beispiel  für  die  all- 
mähliche Verderbnis  darbieten,  nämlich  23  a.  dr.  rr  7  R, 
24  a.  dr.  =r  32  R,  28  a.  dr.  =  35  R.  das  letzte  lied  lin- 
det  sich  sogar  nirgends  sonst  wieder. 

Bis  hierher  behalten  die  neidharlischen  dichtiingen  noch 
immer  das  ihnen  ursprünglich  eigen ihümliche  gewand  der  lie- 
derpoesie,  die  strophenform,  bei.  nun  läfst  sich  aber  noch 
eine  weitere  autlösung  nachweisen,  in  der  ihnen  auch  dies 
entzogen  wird,  bei  der  Hätzlerin  abth.  2.  nr  67  fon  mayr 
Setzen,  eine  erzählung  deren  Inhalt  ganz  und  gar  der  ver- 
derbten neidharlischen  manier  entspricht;  sie  führt  also  deren 
Zersetzung  fort,  indem  sie  sie  auch  der  form  nach  jenen  an- 
dern dementen  gleichmacht,  die  sie  allmählich  in  sich  aufge- 


NEIDHARTS  DORFPOESIE.  117 

nominell  halle,  mit  einem  exodus  ähnlicher  arl  beschliefst 
ebenfalls  der  alle  druck  seine  erzählungen.  hält  man  hierzu 
uart  noch  die  dramatische  Gestaltung  die  Hans  Sachs  einem 
der  schwanke  in  seinem  Neidhart  mit  dem  feyel  gegeben  hat, 
nebst  mehreren  andern  seiner  spiele  die  ohne  Neidharts  namen 
doch  denselben  charakter  tragen,  so  kann  man  in  gewissem 
sinne  sagen  dafs  diese  dichtungen  einen  ähnlichen  kreis  durch- 
laufen haben  wie  das  epos  (und  damit  sei  zum  schlufs  die 
erste  behauptung  wieder  aufgenommen) :  von  der  friihlingsfeier 
zum  zusammenhängenden  liedercomplex,  und  von  diesem  zur 
aufgelöslen  erzählung,  bis  sie  sich  endlich  in  den  frühesten 
mislungenen  versuchen  dramatischer  Schöpfungen  verlieren. 

Nnchschriß.  Wackernageis  altfranzösische  lieder  und 
leiche  sind  mir  erst  nach  beendignng  der  vorliegenden  arbeit 
zugekommen,  ich  habe  mich  deshalb  nur  in  einigen  nachträg- 
lichen anmerkungen  darauf  beziehen  können.  Wackernagels 
hübsche  und  scharfsinnige  abhandlungen  suchen  überall  nach 
fremdem  Ursprung,  ich  habe  nach  dem  einheimischen  geforscht; 
so  ist  es  nicht  anders  möglich,  als  dafs  die  resultate  theil- 
weise  von  einander  abweichen,  ich  mufs  es  meiner  deduction 
in  solchen  fällen  überlafsen  ihre  richtigkeit  selbst  zu  be- 
haupten, beiderseitiges  entgegenkommen  wird  vielleicht  manch-, 
mal  zu  dem  wahren  führen.       R.  VON  LILIENCRON.  ' 


ZUR   MYTHOLOGIE*. 

Unsere  sagen  lafsen  den  wilden  Jäger  stets  in  begleitung 
von  hunden  auftreten,  deren  überirdische  natur  sich  gewöhn- 
lich durch  das  ausathmen  von  funken  und  flammen  kund  thut. 
oft  ist  die  zahl  derselben  eine  bestimmte  :  so  wird  nament- 
lich vom  Hackelberg  erzählt,  er  jage  mit  zwei  leithunden  an 
langen  rienien    den  Harz    auf  und  ab ;   die  westfälische  sage 

*  in  dem  aufsatze  über  WoJan,  im  5a  bände  dieser  Zeitschrift  ist 
zu  lesen  s.  475  z.  1  proceed         476,  8  v.  u.  geschrieben  (Tür  gespro- 
chen)        478,  13  u.  21   harke         480,  8  v.  u.  wifh         481,  I   chartot 
481,  8  V.  u.   Übereinstimmungen         485,  3  dramafisch  (Tür  bildlich) 
488,  21  einst  (für  nichf)  490,  10  v.  u.  vedisches  (für  vocalisches) 


118  ZUR  MYTHOLOGIE. 

vom  Hackelbäreiid  (mylh.  873)  legt  ihm  bald  nur  einen,  bald 
mehrere  bei,  erzälilt  aber  auch  zugleich  wie  er  einen  dersel- 
ben in  Fehrmanns  scheune  zurückgelafsen,  der  bis  zum  nai;h- 
sten  jähre  da  gelegen,  als  aber  der  wilde  Jäger  da  wieder 
vorüber  gezogen,  sei  der  hund  plötzlich  aufgesprungen  und 
dem  beere  bellend  und  kleffend  nachgerannt,  ebenso  berichten 
sagen  von  dem  des  Heljägcrs  im  Hannoverschen,  wenn  man 
am  Christabend  das  thor  nicht  schliefse,  laufe  er  ins  haus, 
lege  sich  am  herd  nieder  und  sei  dort  nicht  fort  zu  bringen  : 
alltäglich  irefse  er  nichts  als  asche  oder  kohlen,  und  erst 
wenn  der  Heijäger  im  nächsten  jähr  wieder  umziehe,  springe 
er  auf  und  gehe  wieder  davon,  andre  sagen  auch,  er  werde 
sobald  er  ins  haus  laufe  zu  stein,  aber  sobald  das  jähr  um 
sei  und  der  Heijäger  vorbei  ziehe,  bekomme  er  wieder  leben 
und  laufe  der  jagd  nach,  endlich  erzählt  Lisch  von  der  an 
*\Vodans  stelle  getretenen  frau  Gauden  wie  ihre  vier  und 
zwanzig  töchter  in  Iiunde  verwandelt  seien  und  sie  nun  mit 
denselben  in  alle  ewigkeit,  nach  ihrem  verlangen,  dahin  jage. 
in  den  twölven  lenkt  sie  ihren  jagdzug  zu  den  Wohnungen 
der  leute;  am  liebsten  fährt  sie  christuachts  oder  alljahrsnächls 
über  die  slrafsen  des  dorfs.  und  wo  sie  eine  haustliür  offen 
lindet,  da  sendet  sie  eine  hiindin  liinein.  ein  kleiner  hund 
wedelt  nun  am  andern  morgen  die  bcwohner  des  hauses  an: 
er  fügt  niemand  ein  anderes  leid  zu  als  dafs  er  durch  sein 
gewinsel  die  nächtliche  ruhe  stört,  beschwichtigen  läfst  er 
sich  nicht,  auch  nicht  verjagen  tödtet  man  ihn,  so  verwan- 
delt er  sicli  am  tage  in  einen  stein  der  weggeworfen  durch 
unmittelbare  gewall  ins  haus  zurückkehrt  und  nachts  wieder 
zum  hunde  wird,  dieser  hund  wimmert  und  winselt  nun  das 
ganze  jähr  hindurch,  bringt  "krankheit  und  sterben  über  men- 
schen und  vieh  und  feuersgefahr  über  das  haus :  erst  mit  der 
Wiederkehr  der  twö/ren  kehrt  des  hauses  ruhe  ziu'ück. 

Diese  Übereinstimmung  in  den  sagen  zeigt  deutlich  dafs 
wir  es  hier  mit  einem  uralten  zuge  derselben  zu  thuri  haben, 
und  die  mythen  der  verwandten  indogermanischen  völker  ma- 
chen dies  unwiderleglich,  ich  gehe  von  den  altindischen  aus. 
da*  diese  durch  ihre  klarheil  am  besten  geeignet  sind  licht  so- 
wohl auf  das  alterthum  der  Griechen  und  Römer  als  auf  das 
unsre  zu  werfen. 


V 


ZUR  MYTHOLOGIE.  119 

In  den  vedisclien  hymnen,  soweit  sie  bis  jetzt  vorliegen, 
wird  mehrmals  eines  mythus  erwähnung  gellian  dessen  ver- 
schiedene aber  in  den  hauptpunkten  übereinstimme'nde  fafsun- 
gen  Rosen  nach  den  schollen  in  den  anmerkungen  zu  h.  6,  5 
zusammengestellt  hat;  ich  gebe  daher  hier  sogleich  die  deut- 
sche Übersetzung  derselben,  schol.  zu  6,  5".  'es  giebt  eine 
sage  die  Pani's  hätten  aus  dem  götterhimmel  kiihe  geraubt 
und  in  einer  fiifstern  höhle  verborgen,  diese  habe  aber  Indras* 
mit  den  3Iaruts  wieder  erobert,  dies  wird  auch  .in  der  Anu- 
kramanika  (dem  inhaltsverzeichnis  zum  Rigvcdas)  angegeben: 
Saramä,  die  götlerhündin,  ward  vom  Indras  abgeschickt  um 
die  von  den  Pani's  verborgenen  kiihe  zu  suchen ;  zu  ihr  spra- 
chen die  Pani's,  um  sie  zu  ge^^•innen,  in  den  ungleichen  ver- 
sen.'  die  letzten  worte  sind  dem*  im  text  genannten  Inhalts-  • 
Verzeichnisse  zum  achten  buche  (cap.  6,  5.  6)  entnommen, 
wo  sich  ein  gedieht  rindet  in  welchem  Sarama  und  die  Pani's 
ein  Zwiegespräch  halten,  zu  diesem  erzählt  der  scholiast  fol- 
gendes :  des  Briihaspatis,  priester  des  Indras,  kiihe  waren  von 
Asuren,  Pani's  genannt,  kriegern  des  Balas  .geraubt  und  in 
einer  höhle  verborgen  worden ;  daher  schickte  Indras  auf  an- 
trieb des  Brihaspatis  die  götterhündin  mit  namen  Saramä  ab 
um  die  kiihe. zu  suchen,  als  diese  den  flul's  RasA.*  übersohrit- 

**  der  text  nennt  den  Aufs  nicht,  ist  überhaupt  von  Rosen  mehr- 
fach nur  durch  conjectur  hergestellt;  in  dem  gedieht  selber  aber  (Rigv. 
VllI,  6,  5,  l)  fragen  dife  Pani's  die  Saramä  'katam  Rasdyd  atarah  pa- 
ydiisi,  wie  bist  du  über  die  wafser  der  Rasa  geschritten?'  Saramä  sagt 
darauf,  dafs  sie  als  botin  des  Indras 'komme,  um  die  groXsen  schütze 
der  Pani's  zu  fordern,  sie  antworten,  er  solle  selbst  kommen,  sie  wollen 
ihn  zum  freumj  annehmen  und  er  solle  ihr  kuh,hirt  sein.,  Saramä  sagt 
'er  ist  gewaltig,  erschlagen  von  Indras  werdet  ihr  daliegen.'  die  pani's 
sagen  'die  kühe  welche  du  begehrst  fliegen  an  den  enden  des  himmels; 
•  wer  möchte  sie  dir  ohne  kämpf  herausgeben?  auch  uns4-e  waEFen  siujd 
.scharf.'  im  weitern  verlauf  des  gesprächs  sagen  die  Pani's  noch,  der 
schätz  liege  am  boden  des  berges  {adribud' nah)  und  werd^  von  den 
^^rachsamen  Pani's  geschützt.  —  ich  kann  bei  gelegenheit' dieses  Jiedes 
nicht' unterlafsen  etwas  über  die  form  zu  sagen,  diese  ist  bis  zum 
schlufs  dialogisch,  und  es  finden  sich  mehrfache  beispiele  einer  solchen  im  • 
Rigv.,  wobei  es  auch  an  solchen  nicht  fehlt  wo  mehrere  personen  ab- 
wechselnd sprechen,  namentlich  sind  es  gerade  oft  götter  die  sich  mit 
einander  unterhalten,  wie  Yanias  mit  seiner  Schwester  Yami  u.  a.  es 
kann  wohl  keinem  zweifei  unterliegen  dafs  wir  in  diesen  stücken  die 
ällesten  reste  der  dramatischen  poesie  der  lader  vor  was  habeuj  zumal  ein 


120  ZUR  MYTHOLOGIE. 

ten  halle  und  zur  sladl  des  Bala  gelangt  war,  erblickte  sie 
die  an  einen  verborgenen  ort  geführten  kühe.  als  die  Pani's 
aber  dessen  inne  wurden,  versuchten  sie  dieselbe  sich  geneigt 
zu  machen  und  hielten,  dies  gespräch  mit  ihr.'  eine  etwas 
andere  fafsung  der  sage  liefert  der  scholiast  zu  Rigveda  111, 
2,  5  :  'einst  waren  die  kühe  der  Angirasen  von  den  Pani's 
genannten  Asuren  geraubt  und  in  einem  entlegenen  berge  ver- 
borgen worden ;  die  Angirasen  priesen,  um  s!e  wieder  zu  er- 
langen, den  Indras ;  darauf  schickte  Indras  die  götterhündin, 
um  die  kühe  zu  suchen,  ab :  diese  vernahm  beim  suchen  der 
kühe  das  gebrüll  derselben,  benachrichtigte  den  Indras  davon, 
der  dieselben  herausführte  und  sie  den  Angirasen  wieder  zu- 
stellte, so  ist  die  alte  sage.'  -»-  die  hier  mitgetheilten  ver- 
schiedenen Versionen  der  sage  zeigen  sich  im  ganzen  als  ver- 
schiedene Veränderungen  einer  einzigen,  die  nur  nach  der  je- 
desmal im  gedieht  enthaltenen  anspielung  gemodelt  sind;  denn 
die  von  dem  scholiastcn  aufgezeichneten  sagen  bringen  im 
ganzen  sehr  selten  neue  zyge  der  mylhen  bei,  und  es  scheint 
dafs  sie  erst'aus  einer  combination  der  verschiedenen  stellen, 
an  Avclchen  eines  mythus  erwiihnung  geschieht  hervorgegan- 
ge'n  sind.  daJier  erklärt  sich  denn  auch  die  Verschiedenheit 
in  der  erzählung  des  oben  beigebrachten  scholiaslen  an  drei 
verschiedenen  stellen,  weil  jedesmal  neue  züge  der  sage  im 
gedieht  exwähnt  werden,  von  bedeutun^  ist  bei  di^S^  Ver- 
schiedenheit nur  dafs  einmal  Bnhusp^trs  \\  'die^  stelle  des  In- 
dras tritt,  dann  dal's  in  der  letzten  sage' erzählt  wird,  es  seien 
nicht  die  götterkülic,.  sondern  die  der  Angirasen,  eines  ural-" 
ten,  seinen  Ursprung  vom  Agnis  herleitenden  geschlechtes, 
welche  geraubt  worden,  was  den  ersten  punkt  iJ^trifft,  so' ist 
dies  eine  weitere  fortbildung»des  mythus,  über  die  bereits  Roth 
(ieitschr.  der  deutschen  morgenl.  gesellschaft  1,  66  ff.)  ge- * 
sprochen  hat:  Bnhaspalis  ist  hier  an  die  stelle  des  Indras  ge-  . 
treten,  'denn  in  andern  gedichten  ist  er  es  allein  welcher  die 
kühe  wieder  holt ;  auf  eine  gleiche  mythenentwickelung  weist 
drama  der  späteren  zeit,  die  Urvaci,  auf  ein  solches  vedisches  stück, 
Vrvactpururavasch  samvudak,  lib.  VIII  c.  5,  begründet  zu  sein  scheint, 
so  ist  denn  auch  das  eben  erwähnte  gespräch  zwischen  der  Saraiiia  und 
den  Pani's  offenbar  ein  stück  einer  gröfseren  dramatischen  darstellung, 
deren  ganzes  ohne  zweifei  der  raub  und  die  Wiederholung  der  kühe  war 
und  sicher  alljährlich  an  einem  bestimmten  tage  aufgerührt  wurde. 


ZUR  MYTHOLOGIE.  121 

dafs  die  Anglrasen  an  die  stelle  der  götter  getreten  sind,  da 
die  dem  niylluis  zu  gründe  liegende  naturanschanung,  die  so- 
gleich besprochen  werden  soll,  deutlich  zeigt  dal's  götler  und 
menschen  gleicherweise  von  dem  raube  betroffen  wurden,  eine 
im  ganzen  mit  dem  obigen  übereinstimmende  erzählung  findet 
sich  ferner  in  einem  wie  es  scheint  nur  in  einem  einzigen 
exemplare  in  Europa  vorhandenen  werke,  der  Bnhaddevatä 
(cod.  Chambers  nr  192  der  Berliner  Sammlung),  es  ist  dies 
eine  im  epischen  malse  abgefalste,  dem  (^aunaka  zugeschrie- 
bene angäbe  der  in  jedem  hymnus  des  Rigvedas  angerufenen 
gottheiten,  wobei  zugleich  häufig  mythen  und  anderes  auf  die 
keuntnis  der  vedischen  götter  bezügliche  milgetheilt  werden, 
der  te.xt  der  handschrift  ist  aber  so  verdorben  dafs  an  eine 
Wiederherstellung  ohne  hilfe  anderer  handschriften  kaum  zu 
denken  ist,  ich  führe  deshalb  nur  den  abweichenden  inhalt 
dessen  was  das  werk  zu  dem  oben  erwähnten  Zwiegespräch 
zwischen  der  Saramä  und  den  Pani's  beibringt  im  allgemeinen 
an  (buch  8  cap.  5—7).  nachdem  die  Pani's  die  Saramä  nach  • 
ihrem  begehren  gefragt  und  diese  ts  genannt,  fordern  sie  die- 
selbe auf  nicht  zum  Indras  zurückzukehren,  sondern  ihre 
Schwester  zu  sefh,  dort  zu  bleiben  und  die  beute  mit  ihnen 
zu  Iheilen  {viditve' ndrasya  tarn  düthn,  asurnh  päpacetasah\ 
ücitr,  mä  sarame  gas  Ivnm,  ihd  "'smäkam  svasd  haha  |]" 
vihagama  dvuin  bdgain  *)  "Sajama  aber  .antwortet  dafs  sie 
weder  nach  ihrer  schwesterschaft  noch  nach-  ihrßn  schätzen 
verlangen  trage,  sondern  nur  die  milch  der  von  ihnen  ver- 
borgenen kühe  zu  trinken  begehre  {su'bravin  na  -i'dm  icd- 
mi  svasrtvaih  vd  dandni  vd,  \  pibei/am  [tu]  paijas  tdsdn'i  ga- 
vdrn,  i/ds  td  nigühata  ||  )**.  die  Pani's' geben'  ihr  darauf  die 
milc4i  zu  trinken,  welche  sie  nach  gieriger  hunde  art  trinkt, ' 
über  die  hundert  yogana's  breite  Rasa  setzt,  an  deren  ufer 
die  schwer  einnehnibare  Stadt  der  Pani's  lag,  und  zum  Indras 
zurückkehrt,  dieser  fragt  sie  ob  sie  die  kühe  gesehen,  was' 
sie  verneint,  worauf  sie  der  gott  erzürnt  mit  dem  fufse  stöfst 
und  sie  die  milch  ausspjeit.  sie  flieht  darauf  zu  den  Pani's 
zurück,  wohin  ihr  Indras  folgt,  die  Asuren  erschlägt  und  die 
•kühe  zurückbringt,     an  den  in  dieser  fafsung  erwähnten  um- 

*  cod.-  düt&m  —  sva^d  —  vibagdmo  navum. 
**  cod.  sdbravindmi'cdiin  —  vandni. 


122  ZUR  MYTHOLOGIE. 

stand,  (lafs  die  Saramä  die  milch  der  kühe  zu  trinken  begehrt, 
schliefst  sich  eine  andere  erzählung  des  scholiasten  zu  Rigv.  1 
h.  62,  3,  wo  gesagt  wird,  'als  Indras  und  die  Angirasen  die 
kühe  gesucht,  habe  Saramä  für  ihr  kind  die  nahrung  gefunden.' 
der  scholiast  sagt  dazu:  ntre  'dam  ukijänaxn  Saramä  näma  de- 
vaci/ni;  panibir  gosv  apahrtdsu  tadgaresandija  tum  saramdm 
indrah  prdhaisit,  yatä  lokevyddo  vandntargatamvgdnvesand- 
ya  cvdnam  visrgati,  tadvat;  sä  ca  saramaivam  avocat:  he 
indra,  asmadiydya  cicave  tad  gosambandi  xirddy  annam 
yadi  prayacasi.  tarhi  gamikydmV  'ti ;  sa  tate'ty  abravit. 
tatd.  c.a  cddydyanakam :  a/i/tddmim  sarame  pragdm  karomi, 
yd  no  gd  anvavinda  iti;  lato  gatud  gaväin  stdnatii  agnd- 
sit,  ghdlvd  cd  'smai  nyavedayat;  tatd  nivpditäsu  gosu, 
tarn  amrain  hatvd,  td  gdh  sa  indroUabate  ti.  d.  h.  hienzu 
folgende  sage  :  Saramä  mit  namen  ist  die  götterhiindin :  als  von 
den  Pani's  die  "kühe  geraubt  waren,  schickte  Indras  diese. 
Saramä  ab  die  kühe  zu  suchen,  wie  auf  der  erde  «in  Jäger 
seinen  hund  abschickt  um  ein  im  walde  verborgenes  wild  auf- 
zuspüren;  die  Saramä  aber  sprach'  he  Indras,  wenn  du  die 
mFlch  der  kühe  und  die  andere  von  ihnen  stammende  speise 
meinem  kinde  giebst,  dann  will  ich  gehen. "Indras  versprach 
es.  so  heifst  es  auch  in  dem  Cädyäyana  'speise  efsend  will 
ich  deinen  sprofs,  o  Saramä,  machen,  wenn  du  d^e  kühe  ge- 
funden hast.'  darauf  gieng  sie^  fand  die  statte  der  kühe,  und 
verkündete  es,  als  sie  dies  erfahren,  jenem,  darauf  als  Indras 
über  die  kühe  benachrichtigt  war,  tödtete  er  den  Asuren  und 
erlangte  die  kühe.       '  . 

Dies  sind  die  verschiedenen  narhrichtcn  über  iiicsen- my- 
thus  die  mir  zu  geböte  stehen,  und  man  sieht,  auch  die  bei- 
den letzten  ander«  an  der  hauptsache  der  erzählung  nivhts,. 
sondern  bringen  nur  noch  nebenumstande,  die  freilich  nicht 
unwichtig  sind,  bei.  bemerkenswerlh.  ist  besonders  auch  die 
erklärung  des  scholiasten  dafs  Indras  die  Saramä  wie  ein  '^- 
ger  seinen  hund  gebrauche,  und  damit  stimmt  ein  anderer 
commentator,  nämlich  Schadgurucischyas  zur  Anukramani  über- 
ein, welcher  die  worte  saramdm  deracunim  erklärt  durch 
svagdtiydm  deratdm  mrgayädi  'ndrasya  sddanabutäni  d.  h. 
eine  zu  seinem  eigenen  geschlecht  gehörige,  von  Indras  zur 
Jagd    und   anderen  zwecken  verwendete  göttin.     beide   scho- 


ZUR  MYTHOLOGIE.  •  \n 

liasten  sind  nun  zwar  erst  aus  sehr  später  zeit,  indem  der 
erste,  Säyanas,  nachweislich  erst  im  vierzehnten  Jahrhundert 
gelebt  hat,  der  letzte  vielleicht  noch  später;  dessen  ungeach- 
tet kann  diese  aulTalsung  eine  uralte  und  volksthümliche  sein, 
da  sich  wohl  mancherlei  auch  in  Indien  in  der  sage  fortge- 
pflanzt hat  wovon  die  schriftlichen  denkmäler  nichts  wifsen. 
Gehen  wir  nun  zu  der  hedeulung  des  mythus  über,  so 
ist  diese  im  ganzen  klar,  die  kuh  heifst  im  sanskrit  g-o,  ein  wort 
Jessen  casus  bald  von  g-o,  bald  von  einem  volleren  stamme  g-av, 
bald  von  einem  verkürzten  gfi  gebildet  werden  (sg.  n.  gaux,  a. 
^dffi,  i.  gavä,  d.  gai'c,  g.  abl.  gos,  loc.  gnvi,  voc.  gaus ; 
du.  n.  a.  y.  gdvau,  i.  abl.  gohydni,  g.  1.  gacos ;  pl.  n.  v. 
gävas  und  gas,  a.  gas,  i.  gobis,  d.  abl.  gobi/as,  g.  gavdm 
und  gondm,  loc.  gos?/),  zu  dem  noch  in  der  composition  ein- 
neuer für  den  nominativ,  nämlich  ^'7/,  z.  b.  in  acln'g'us,  tritt, 
an  mehreren  stellen  des  Rigvedas  hat  das  woft  nun  neben 
seiner  gewöhnlichen  bedeutung  noch  eine  andere,  offenbar 
ursprünglichere,  indem  es  gehend,  wandelnd,  eilend  bedeutet, 
z.  b.  I  h.  95,  8  sam-prncdnah  sadanc  gobir  adhih  gesellt  den 
die  lull  durchwandelnden  wafsern.  diese  bedeutung  führt  uns 
denn  a^ich  auf  die  etymologie  des  Wortes,  indem  es  offenbar 
von  der  wurzel  gam  gehen  stammt,  deren  auslautender  con- 
sonant  in  den  halbvocal  v  übei'gegangen  ist,  ein  Wechsel  der  so 
oft  erscheint  dal's  ich  der  anführung  weiterer  beispiele  überhoben 
zu  sein  glaube  und  nur  noch  das  ebenfjdts  im  Rigvedas  sich  ^x\- 
AenAepi/rogara,-  dasAorangehende  (aus purogama),  hinzufügen 
will,  aus  dieser  grundbedeutung  erklären  sich  dann  auch  die 
dem  Worte  sonst  von  den  auslegern  gegebenen  bedeutungen 
aufs  beste,  wonach  es  häufig  durch  '  lichtstralen'  und  durch 
'wandelnde  wafser  d.  i.  wölken'  erklärt  wird.  namentlich 
für  die  letztere  bedeutung  finden  sich  zahlreiche  belege  in  den 
vedischen  hymnen,  und  wenn  auch  die  erstere  nicht  fehlt,  so 
lafsen  solche  stellen  doch  oft  eine  deutung  gleichfalls  auf  wöl- 
ken, namentlich  helle  und  leichte  wölkchen,  zu.  so  sehen  wir  denn 
hier  wie  durch  die  Übereinstimmung  des  wortes  ein  bild  ents-teht 
und  daraus  sich  der  mythus  bildet,  denn  auf  diese  weise  heifst 
es  nun  von  Indras,  dem  gewaltigen  schleuderer  des  blitzes,  dafs 
er  die  wölken  oder  die  kühe  mit  seinem  strale  melke  und  so  ihre 
milch,  den  regen,  auf  dieerde  hinabsende,  vergl.  RV.  I  h.  33, 10 


124  •  ZUR  MYTHOLOGIE. 

und  a.  a.  o.  diese  kiilie  sind  es  nuu  aber  welche  Balas,  oder, 
wie  er  häußger  und  richtiger  heifst,  Valas,  geraubt  und  in 
seiner  felsenhöhle  verborgen  hat.  Valas  führen  aber  die  aus- 
leger,  mit  Wechsel  von  /•  und  /,  auf  die  wurzel  vr  (var)  be- 
decken, verhüllen,  zurück,  so  dafs  es  in  seiner  bedeutung  mit 
Vrltras  (vergl.  diese  zeitschr.  5,  485)  übereinstimmt,  an 
einigen  stellen  wird  daher  Valas  auch  geradezu  wie  Vritras 
durch  wölke  erklärt,  und  die  mythen  von  beiden  scheinen 
noch  vielfältig,  wie  es  bei  noch  lebendiger  naturanschauung 
leicht  erklärlich  ist,  in  einander  über  zu  gehen,  im  ganzen 
scheint  aber  die  aufFafsung  des  Valas,  wonach  er  der  riese 
ist  welcher  die  wafser  in  seiner  bergeshöhle  gefangen  hält, 
die  vorwiegende,  während  in  Vritras  mehr  die  Verhüllung  des 
lichtes  und  die  fefselung  des  regens  in  der  wölke  hervortritt, 
haben  wir  nun  bereits  in  dem  Indras  als  vernichter  des  Vritras 
den  gott  welcher  den  sommer  zurückführt  erkannt  (a.  a.  o.),  so 
werden  wir  auch  nicht  anstehen  in  diesem  niythus  eine  gleiche 
Vorstellung  zu  erkennen,  und  es  bleibt  hierbei  gleichgiltig  ob 
wir  die  kühe  als  lichlstralen  oder  als  wölken  auflafsen,  denn 
in  beiden  kämpfen  wird  stets  die  entfefselung  der  wafser  und 
die  wiederenlhüUung  des  lichtes  gefeiert,  so  dafs,  wie  bereits 
oben  angedeutet,  die  beste  erklärung  der  kühe  sein  möchte, 
dafs  sie  die  nach  Zerstreuung  des  schweren  gewölkes  oder 
des  am  berge  hangenden  umhüllenden  nebcls  sich  bildenden 
dünnen  und  lichten  wolkchen  sind,  die  gewissermafsen  das 
licht  wieder  herauf  führen,  dafs  aber  den  alten  liedern  die 
auffafsung  dieses  kampfes  zwischen  Indras  und  Valas  als  eines 
kampfes  zwischen  sommer  und  winter  noch  lebendig  war, 
zeigt  eine  stelle  des  8n  buches  des  lligvedas  (8,  2,  1),  wo 
es  von  den  Angirasen  heifst  ija  uddgan  pitaro  gomayain 
rasa  rtcna^bindan  parivatsaro  Valam,  die  väter  die  den 
schätz  der  kühe  heraustrieben,  durch  ihr  opfer  beim  Umlauf 
des  Jahres  den  Valas  spalteten,  so  ergeben  sich  denn  die 
anscheinend  verschiedenen  mythen  als  auf  einem  gründe  be- 
ruhend, und  es  zeigt  sich,  wie  bereits  oben  gesagt,  dafs  göt- 
ter  und  menschen  bei  dem  raube  der  kühe  gleich  betheiligt 
waren,  denn  die  götter  stehen  in  einem  fortwährenden  käm- 
pfe mit  den  riesen  der  linsternis,  sie  sind  die  götter  des  lich- 
tes und  heifsen  darum  deva's,   die  menschen  aber  stehen  ih- 


ZUR  MYTHOLOGIE.  125 

nen  in  diesem  kämpfe  bei,  durch  opfer  stärken  sie  dieselben, 
und  sobald  Iiulras  den  somatrank  getrunken,  zieht  er  gegen 
die  riesen  und  erhält  durch  ihn  solche  stärke  dafs  er  sie  ver- 
nichtet; dafür  verleihen  die  götter  den  menschen  fülle  irdi- 
scher guter,  und  so  sind  sie  gegenseitig  von  einander  abhän- 
gig, gleich  betheiligte  genofsen  in  ihrem  kämpfe,  so  viel  über 
die  hauptidee  des  kampfes. 

Wenden  wir  uns  jetzt  zur  Saramä,  von  der  wir  aus- 
giengen,  zurück,  so  kann  es  wohl  kaum  zweifelhaft  sein  dafs 
die  in  unseren  sagen  auftretende  hündin  ihr  identisch  sei. 
denn  einmal  tritt  sie  in  begleitung  des  Wodan,  wie  jene  in 
der  des  ihm  gleichstehenden  Indras,  auf,  dann  sehen  wir  ^ie 
spürend  bald  in  dieses  bald  in  jenes  haus  laufen,  wie  jene 
von  Indras  zur  aufspürung  der  külie  ausgeschickt  wird,  und 
es  ist,  wie  oben  bereits  gesagt,  die  auffalsung  der  scholiastcn, 
wonach  sie  des  Indras  Jagdhund  ist,  wenn  Auch  sehr  später 
zeit  entstammend,  doch  wegen  der  Übereinstimmung  mit  un- 
sern  sagen  keinesfalls  ganz  von  der  band  zu  weisen,  allein 
noch  andere  züge  stellen  sich  dazu  welche  beweisen  dafs  die 
götterhündin  eine  gemeinsame  gestalt  der  vier  bedeutendsten 
indogermanischen  vÖlker  gewesen  sei.  in  einem  hymnus  an  den 
Yarnas  (RV.  Vtl,  6,  15.  16)  werden  nämlich  zwei  ^ieräugige 
hunde*,  Sarameya's  mit  namen,  genannt,  welche  seine  Wäch- 
ter sind  {raxitärau)  und  als  seine  holen  zu  den  sterblichen 
gehen  (yamasya  dütau  iarato  gafid/i  a/n/).  Särameyas,ist 
nun  aber  ein  patronymicum  oder  vielmehr  ein  metronvmicum 
von  Saramä,  sie  müfsen  deshalb  söhne  derselben  sein,  worü- 
ber die  scholien,  welche  mir  zu  diesem  theile  des  Rigvedas 
nicht  zu  geböte  stehen,  sichere  auskunfl  geben  werden ;  doch 
w:eist  auch  schon  eine  spätere  nachricht  im  Mahäbhärata  b.  1 
s.  23  ff.  darüber  aus,  wo  erzählt  wird  wie  Särameyas,  als  er 
zum  opfer  des  Ganamegayas  gekommen  sei,  von  den  brüdern 
desselben  geschlagen  wurde,  weshalb  seine  mutter  Saramä, 
als  er  es  ihr  heulend  geklagt,  den  Ganamegayas  verflucht  habe. 
ob  dieser  Särameyas  einer  von  jenen  beiden  sei  oder  ob  Sa- 
ramä noch  mehrere  söhne  gehabt  habe  mufs  vorläufig  dahin- 

*  särameyau  c.vdnau  cafuraxau  cahalau,  die  Saraineya's,  die  vier- 
äugigen  hunde.  was  cahalau  sei  weifs  icli  nicht;  ist  es  aus  cam  heil 
und  hala  kraft  zusammengesetzt,  so  würen  es  die  heiikraftigeu. 


126  ZUR  MYTHOLOGIE. 

gestellt  bleiben  und  ist  auch  gleicligiltig-,  nun  finden  sich  aber 
RV.  V,  4,  21.  22  zwei  hyninen  an  den  Vastospalis,  oder 
Schützer  des  hauses,  in  denen  der  name  Särameyas  abermals 
wiederkehrt,  den  ersten  derselben  hat  Colebrooke  bereits 
mitgetheilt  (Mise.  ess.  s.  30.  31);  von  dem  zweiten  bemerkt 
er  'the  legend  belonging  to  the  second  of  these  hymus  is  Sin- 
gular :  Vasishtha  Coming  at  night  to  the  house  of  \'aruna 
(with  the  intention  of  sleeping  there,  say  some;  but  as  olhers 
affirm,  with  the  design  of  stealing  grain  to  appease  bis  hun- 
ger  after  a  fast  of  three  days)  was  assailed  by  the  house- 
dog.  he  uttered  this  prayer  or  incantation  to  lay  asleep  the 
dog,  who  was  barking  at  him  and  attempting  to  bite  him.' 
in  dem  hymnus  finde  ich  keine  andeutung  auf  den  \  arunas 
und  wir  müfsen  deshalb  erst  eine  vollständigere  Veröffentli- 
chung der  vedischen  denkmäler  abwarten  um  darüber  entschei- 
den zu  können  ob  er  wirklich  mit  dem  angegebenen  mythus 
in  Zusammenhang  stehe;  die  möglichkeit  eines  solchen  könnte 
man  jedoch  im  voraus  zugeben,  da  \  arunas  in  den  \'eden 
einmal  mit  dem  ihm  auch  im  namen  gleichstehenden  ()t-(ju- 
vög,  dann  aber  auch  mit  dem  die  erde  umfliefsenden  'Siy.ruvö^ 
zusammenfallt  und  jenseits  desselben  der  eingang  in  das  reich 
des  Yamas  ist,  in  die  Unterwelt,  als  deren  ihorlüiter  demnach 
der  haushund  des  Yarunas  anzusehen  wäre,  aufserdein  aber 
auch  im  7n  buche  des  RV  .  (VH,  6,  15)  sich  eine  stelle  findet 
wo  beide  unmittelbar  verbunden  werden :  es  wird  dort  dem 
lodten  zugerufen  uöd  rägunau  svadaijä  madantau  Yamarn 
pacydsi  Varunam  ca  devain,  die  beiden  der  opferspeise  sich 
freuenden  könige  Y^imas  und  den  glänzenden  Yarunas  wirst 
du  erblicken,  doch,  wie  gesagt,  in  dem  liede  selbst  ist  keine 
andeufung  auf  eine  solche  Verbindung;  indess  sind  noch  an- 
dere hemerkenswerthe  punkle  in  demselben  die  eine  vollslän- 
dige  miltheilung  noihwendig  machen,  ich  lafse  deshalb  das- 
selbe hier  folgen. 

1.  amivahd  västospate    n'crd  vüpdiuj  dcica/i    \   sakd  suceva 

edi  nah  \\ 

2.  yad  orguna  Sdramet/a  drtah  picanga  ijacnse  j  viva  brd- 

ga/ita  rstai/a  upa  srakve'su  bapsato  ni  su  svapa\\ 

3.  steil  am  rdi/a  Sdrameya  laskaram  vd  punahsara  \  stotrn 

indrasya  Vdyasi  kirn  asmdn  diicundynse  ni  hu  svapa  )  | 


ZUR  MYTFIOLOGIE.  127 

4 .  trani  sükarasya  dardrhi  tava  dardavtu  sükarah  \  stotrn  i.  u. 

5.  sastu  mdid  saslii  pitd  sastu  am  sasttt  i'icpatili  |  .sa.sa//lu 

sarve  g/lutayah  sastc  ayam  abito  ganah  \\ 

6.  ya  aste  ijac  ca  carati  yac  ca  pacyati  no  ganah  \  tesum 

sanilia/imo  a.väni  yatcdain    hariiujain  tatä^ 

7.  sahasracr/igo  vrsabo  yah  samudrdd  uddcarat\  tend  saha- 

syend  vayain  ni  gaiidnt  svdpaydmnsi\\ 

8.  prohtecayd    vohyecayd   ndrir  yds    talpacivarih   \  striyo 

ydh  piüiyogandds  tdh  sarvdh  sväpaydmasi\\ 

1.  vernichter   der  kranklieit,    hüler   des    Iiauses,    der  du  alle 

gestalten  annimmst,  sei  uns  ein  heilbringender  freund. 

2.  wenn  du,  o  glänzender,  rothbrauner  Särameyas,  dich  gür- 

test, stralen  gewallig  die  waffen  über  der  rüstung  (?), 
die  leuchtenden,     sclilummre  ein. 

3.  den  rJiubcr  belle  an,    Särameyas,    oder   den  dieb,     du  hin 

und  wieder  laufender  (?).  was  bellst  du  gegen  die 
Sänger  des  ludras,  was  bist  du  zornig  gegen  uns? 
schlumnire  ein. 

4.  du  zerreifse  das  seh  wein,   dich  zerreifse  das  schwein.   was 

bellst  du  u.  s.  w. 

5.  es    schlafe  die   mutier,     es  schlafe  der  vater,    schlafe  der 

hund,  schlafe  der  herr  des  Stammes;  die  ganze  familie 
schlafe ;  es  schlafe  überall  jedermann, 

6.  wer  da  sitzt  und  wer  da  wandelt,    und  welcher  mann  uns 

anblickt;   ihre  äugen  schliefsen  wir,  wie  dieses  haus. 

7.  der  tausendhörnige  stier,    der   aus  dem    meere  herbeikam, 

mit  ihm  dem  starken  bringen  wir  in  Schlummer  die  men- 
schen. 

8.  die    bei    den    ochsen   schlafenden    und   die   bei    den  wagen 

schlafenden,  die  frauen  die  auf  dem  bett  liegen,  die  rein- 
lich duftenden,  sie  alle  bringen  wir  in  Schlummer. 
Es  kann  wohl  keinem  zweifei  unterliegen  dafs  der  in  die- 
sem liede  angerufene  Särameyas  der  gott  des  schlafes  ist, 
der  zu  gleicher  zeit  als  hüter  des  hauses  und  bewahrer  vor 
krankheit  erscheint ;  in  dem  andern  von  Colebrooke  mitge- 
theilten  liede  erscheint  er  zugleich  als  erhalter  und  mehrer 
des  reichlhums  an  kühen  und  pferden  und  wird  gebeten  gnä- 
dig zu  sein  wie  ein  vater  gegen  seine  söhne,  für  den  an- 
dern Särameyas  halte  ich  den  genius  des  todes,  da  dieser  ja 


128  ZUR  MYTHOLOGIE. 

bekanntlich  auch  sonst  als  bruder  des  schlafes  auftritt ;  au- 
fserdem  wird  aber  dem  Mrtyus  oder  tode  auch  vom  Yaskas 
Nir.  XI,  6  dasselbe  dunkle  beiwort  cabaluxa,  welches  an  der 
oben  angeführten  stelle  dem  Särameyas  gegeben  wird,  bei- 
gelegt. 

Nehmen  wir  diese  züge  zusammen  und  betrachten  den 
namen,  so  ergiebt  sich  die  augenscheinliche  identität  der  Sä- 
rameyas mit  dem  Hermes,  denn  'Uouf]g  ist  erst  aus  'Eouflag 
entstanden,  und  dies  stimmt  fast  genau  mit  Sdramef/as ;  der 
accent  hat  zunächst  die  ausstofsung  des  a  der  zweiten  silbe 
bewirkt,  diese  hat  die  Verkürzung  des  ä  der  ersten  nach  sich 
gezogen,  und  sanskrit-.y  im  anlaut  findet  sich  bekanntlich  im 
griechischen  häufig  durch  den  spiritus  asper  vertreten.  Her- 
mes tritt  nun  aber  ganz  wie  Särameyas  als  Schützer  der  Woh- 
nung auf  (Spanheim  zu  Callim.  hymn.  in  Dian.  142.  'jEout^:^ 
n()07iv)Mto^'),  als  golt  des  Schlafes,  der  die  träume  sendet,  als 
Seelenführer  (vergl.  die  belege  in  Jacobis  myth.  wörterb. 
s.  439  f.).  jedenfalls  wird  auch  in  dem  mythus  über  die  ent- 
führung  der  von  Apollon  geweideten  götterkühe  durch  Her- 
mes eine  ursprüngliche  übcreinstinimuug  mit  uiiscrm  mythus 
von  dem  raub  der  götterkühe  und  ihrer  aufsuchung  durch  die 
Sarama,  des  Hermeias  multer,  gewesen  sein,  der  ursprüng- 
lichen fafsung  derselben,  wie  sie  ofl'enbar  in  der  indischen- 
mythologie  vorliegt,  stehen  die  sagen  von  Herakles  uml  Ge- 
rvones,  sowie  namentlich  jene  römische  von  Hercules  oder 
Recaranus  und  Cacus  noch  näiicr  (vergl.  Härtung  myth.  der 
Römer  1,21  ff.,  der  bereits  richtig,  ohne  die  indische  sage 
zu  kennen,  im  Recaranus  den  Jupiter  erkannt  hat)  5  schon 
Rosen  hat  in  den  anmerkungen  zu  h.  6,  5  auf  die  grofse 
Übereinstimmung  der  indischen  und  römischen  sage  aufmerk- 
sam gemacht,  die  sich  sogar  auf  einzelheitcn  erstreckt,  wie 
z.  b.  die  dafs  die  kühe  ihren  aufenthalt  durch  gebrüU  verra- 
then  (s.  oben  die  drille  fafsung  des  scholiasleu  zu  Rigvedas 
III,  2,  5);  ein  zug  der  nicht  etwa  erst  in  späterer  zeit  hin- 
zu gekommen  ist,  sondern  bereits  in  dem  hymnus  selbst  vor- 
kommt, wo  es  §.  6  V.  1  heifst  acd  rai'a?/i  pralamu  gdnati 
gut,  herzu  gieng  sie  zuerst  das  gebrüU  verneiimend.  diese 
bis  in  das  einzelne  gehenden  übereinslimmungen  zeigen  dafs 
Griechen  und  Römer  den  indischen  mvlhus  vom  raub  uiul  von 


ZUR  MYTHOLOGIE.  129 

(1er  zuriickfnlining  der  gölterkülie  gleichfalls  ursprünglich  ge- 
habt haben  und  ihn  auch  noch  später,  wenn  auch  mit  man- 
chen entstellungen,  bewahrten,  des  hundes  geschieht  bei  bei- 
den keine  erwähnung;  allein  die  identität  des  Särameyas 
mit  dem  Hermeias  zeigt  dafs  ihn  die  Griechen  ebenfalls  ein- 
mal gekannt  haben  miifsen,  und  es  ist  leicht  denkbar  dafs 
Kerberos,  vielleicht  zuerst  ein  beiwort  des  Hermes  (jene  Sa- 
rameya's  heifsen  nämlich  auch  patiraxi,  die  den  pfad  zum 
Vamas  bewachenden),  bei  der  eigenlhiimlich  hellenischen  aus- 
bildung  der  griechischen  götter  als  eine  besondere  gestalt  neben 
diesem  stehen  blieb,  dazu  kommt  dafs  die  Griechen  indem  ägypti- 
schen Thot,  der  mit  einem  hundskopfe  erscheint,  ihren  Her- 
mes zu  erkennen  glaubten,  und  so  möchte  vielleicht  nicht 
unwahrscheinlich  sein  d;ifs  auch  vom  Hermes  in  älterer  zeit 
abbildungen  mit  einem  hundskopfe  oder  ähnlichen  vom  hunde 
hergenommenen  attributen  vorhanden  waren,  aber  auch  bei 
den  Römern  finden  sich  unzweifelhafte  spuren  von  der  Sa- 
ramä.  wir  sahen  oben  dafs  ihre  beiden  söhne  als  boten,  die 
Yamas,  der  gott  der  unterweit,  zu  den  menschen  schickt, 
erscheinen,  und  es  zeigte  sich  dafs  der  eine  der  den  schlaf, 
der  andere  wahrscheinlich  der  den  tod  bringende  böte  sei. 
Yamas  herscht  aber  als  gott  der  unterweit  über  die  Pitar's, 
die  väter,  welche  sich  den  römischen  Manen  oder  Laren  voll- 
ständig zur  Seite  stellen,  und  nun  spricht  Ovid  fast.  2,  615. 
5,  137,  Cicero  de  nat.  deor.  3,  25,  und  P.  Victor  reg.  urb. 
10  von  zwei  lares  praestites  die  als  Zwillinge  in  der  kapelle 
der  Laren  auf  dem  Palatium  erblickt  wurden,  der  eine  von 
ihnen  stellte  einen  knaben,  der  andere  einen  jüngling  vor; 
sie  waren  mit  hundefellen  bekleidet  und  halten  auch  einen 
hund  zu  ihren  füfsen  auch  sie  hüteten  sowohl  die  wtfhnun- 
gen  als  auch  die  slral'sen  und  kreuzwege,  ganz  wie  Hermes 
und  Särameyas,  und  nach  einer  sage  welche  Ovid  berichtet 
waren  sie  die  söhne  des  Mercurius  und  der  Aegeria  (vergl.' 
Härtung  1  s.  61),  also  des  gottes  der  auch  nach  römischem 
glauben  die  todten  mit  seiner  rute  zur  unterweit  hinabtrieb 
und  sich  so  dem  indischen  Yamas  mit  seinem  stabe  {dandas), 
der  in  der  epischen  poesie  besonders  fromme  menschen  selbst 
in  sein  reich  hinabholt  (Mahabh.  III,  16754),  zur  seite 
stellt,  diese  ovidische  nachricht  über  ihren  Ursprung  scheint 
Z.  F.  D.  A.  VI.  9 


130  ZUH  MYTHOLOGIE. 

indess  ersl  jüngerer  zeit  zu  entstammen,  und  ihre  bekleidung- 
mit  hundefellon  weist  jedesfalls  auf  eine  ältere  der  indischen 
fafsung  der  sage  nähere  gestalt.  Härtung  hat  die  ähn- 
lichkeit  dieser  beiden  Lares  praestites  mit  den  Dioskuren 
hervorgehoben,  und  es  ist  eine  beachtenswerthe  notiz  dafs 
die  Sarvanukramani  zu  den  oben  angeführten  versen,  in  wei- 
chen die  beiden  Sarameyas  erwähnt  werden,  sagt  dafs  die 
gottheit  des  verses  welcher  urünasau  beginnt  die  beiden 
Acvinen  seien,  die  sich  den  griechischen  und  römischen  Diosku- 
ren gleichfalls  eng  zur  seile  stellen. 

Die  bisher  zusammengestellten  züge  machen  es  unzwei- 
felhaft dafs  auch  in  unsern  sagen  vom  umzug  Wuotans  und 
seiner  Vertreter  die  hunde  uralt  sind  und  dafs  sich  nament- 
lich jene  ins  haus  laufende  hiindin  offenbar  der  Saramä  zur 
Seite  stellt,  um  so  wahrscheinlicher  dünkt  mich  aber  auch 
die  Vermutung  dafs  dieselbe  in  der  klaren  natursymbolik  des 
mylhus  eben  so  gut  ursprünglich  ihre  noihwendige  slelle  ge- 
habt haben  werde  wie  alles  übrige,  hierbei  ist  es  nun  von 
gewicht  dafs  eine  reihe  von  hymnen  im  2n  Ashlakam  des 
UV.  mit  dem  verse  cunnm  hufemn  mngavünam  Indram 
u.  s.  w.  schliefst  und  dafs  die  scholien  zu  Anukr.  III,  8.  9 
ferner  angeben,  Cunah  sei  ein  beiwort  des  Väyus  und  Siiryas, 
nach  einigen  auch  des  Indras.  ich  halte  deshalb  cunah  für 
eine  aus  den  casibus  obliquis  in  den  nom.  und  acc.  einge- 
drungene schwache  form  lur  cva  der  hund,  zumal  auch  Wil- 
son dem  Worte  diese  bcdeutung  giebt,  und  ich  glaube,  Indras 
sowie  der  ofl  ganz  in  sein  wesen  aufgehende  Väyus,  der  gott 
des  windes,  sind  wegen  ihrer  Schnelligkeit  unter  dem  bilde 
des  hundes  gedacht  worden,  dazu  kommt  dafs  das  in  dem 
oben  mitgetheilten  hymnus  dem  Saramevas  gegebene  beiwort 
punalisaras,  der  hin  und  wieder  laufende,  sich  wahrschein- 
lich in  einer  stelle  der  Bnhaddevata  2,  1,  4  findet,  wo  es  heilst 
mitras  tu  crutjate  (cod.  cryate)  devo  varunena  sahasakrt 
I  rudreua  somah  püsnd  ca  punahsakd  ca  väyunä.  statt 
punahsakd  wird  punahsurac  zu  lesen  sein,  woraus  sich  er- 
geben w  ürde  dafs  dieser  Punahsaras  dem  Väyus  seinem  wesen 
nach  aufs  engste  verwandt  gewesen,  da  in  der  regel  nur  sol- 
che götter  einer  gemeinsamen  anrufung  theilhaftig  werden, 
berücksichtigen  wir  nun  dafs  jener  Punahsaras  eben  der  hund 


ZIR  iMVTHOLOGIE.  131 

Sjirameyas  ist,  so  ergiebf  sich  auch  in  verbiiuliing  mit  dem 
beinamen  Cunas  für  Indras  und  Vayus  noch  eine  erhöhte 
wahrscheinlichkeil  dafs  sie  ebenfalls  einst  als  hunde  gedacht 
worden  seien,  umgekehrt  aber  wird  wahrscheinlich  dafs  die 
Saramä  ursprünglich  der  wind  sei,  was  durch  ein  verwandtes 
wort,  Sarnnyi/s^  welches  wieder  luft,  wind,  heifst,  noch  mehr 
gewicht  erhält,  die  wurzel  beider  ist  sr  ire,  adire,  von  der 
Saramä  durch  suff.  ind  ■=.  gr.  ft?;*  gebildet,  während  Sara- 
nyüs  erst  ein  abgeleitetes  wort  ist  und  vom  abstr.  sarana 
mittelst  des  suff.  yu,  welches  liebend  bedeutet,  gebildet  ist. 
Saramä  heifst  demnach  die  wandelnde,  während  Saranyüs 
die  das  wandeln  liebende  ist ;  beides  bedeutungen  die  mit  den 
dem  Väyus  oft  gegebenen  beivvörtern  Sadäg-atis,  Satatagatis, 
der  stets  wandelnde,  augenscheinlich  übereinstimmen,  wir 
dürfen  daher  wohl  mit  einiger  Zuversicht  glauben  der  Wahr- 
heit nicht  allzu  fern  zu  stehen,  wenn  wir  die  Saramä  als  den 
wind  auffafseu. 

Nun  kehren  wir  zur  deutschen  mythologie  zurück,  wo 
sich  mancherlei  findet  das  einmal  die  gewonnene  ansieht  be- 
stätigt, dann  aber  auch  licht  durch  sie  erhält.  Grimm  hat 
es  bereits  ausgesprochen  dafs  in  dem  umzuge  des  wilden  hee- 
res  nur  eine  personification  des  Sturmes  gegeben  sei,  und  die 
kämpfe  des  Indras  mit  den  31aruts,  den  wind-  und  sturmgei- 
stern, gegen  die  riesen  der  tinsternis  machen  dies  unzweifel- 
haft, wenn  nun  auch  nicht  allein  mit  dem  Wodan,  sondern 
auch  mit  den  an  seine  stelle  getretenen  göttinnen  Frick  und 
Gode  immer  die  hunde  erscheinen,  und  in  der  in  dieser  Zeit- 
schrift 5,  373  über  die  Frick  mitgelheilten  sage  von  den 
mehlfrefsenden  hunden  ihre  gefräfsigkeit  deutlich  hervortritt, 
der  wind  aber  andrerseits  als  ein  hungriges  gefräi'siges  wesen 
erscheint  das  man  ebenfalls  mit  mehl  sättigt,  so  ist  es  wohl 
klar  dafs  eben  in  jenen  hunden  der  wind  ursprünglich  per- 
sonificiert  worden  ist  und  dafs,  jemehr  aus  dem  ihnen  anfangs 
gleichen  gotte  ein  gebietender  menschlich  gestalteter  herscher 
wurde,  um  so  mehr  auch  die  naturbedeutung  der  mythen  nur 
an  seinen  begleitern,  den  hunden,  haften  blieb,  ein  altmy- 
thischer zug  scheint  es  dabei,  wenn  dem  winde  das  mehl  mit 
den  Worten  hingeworfen  wird  sieh  da,  wind,  koch  ein  mus 
*  dem  skr.  saramd  entspricht  Renau  ÖQ^itj. 

9* 


132  ZUR  MYTHOLOGIE. 

für  dein  kind'  (abergl.  282)  oder  'leg  dich,  lieber  wind,  bring 
das  deinem  kind'  (myth.  602).  dazu  stellt  sich  ganz  das 
obige  'Sarania  fand  speise  für  ihr  kind'  mit  den  dort  aus  den 
scholien  beigebrachten  sagen,  aber  es  scheint  auch  fast  als 
habe  bei  uns  wie  bei  den  Indern  die  gottheit  selber  als  hund 
an  der  spitze  des  zuges  gestanden;  daher  möchte  sich  we- 
nigstens am  besten  der  lange  schwänz  der  um  Jul  an  der 
spitze  des  wilden  heeres  fahrenden  Gurorysse  (myth.  897), 
sowie  der  schwänz  der  Huldra  (myth.  249),  den  sie  sorgsam 
zu  verbergen  sucht,  erklären.  unwillkürlich  wird  man  bei 
der  sage  von  der  Saramä  und  dem  Indras  an  das  myth.  633 
mitgetheilte  angelsächsische  saga  me  heile  man  erost  vivre 
cid  hund  sprecendo't  —  ic  pc  secge,  sanctus  Petri/s,  erin- 
nert, da  Petrus  meistens  an  Wuotans  stelle  getreten  ist  und 
man  z.  b.  im  Saterland  das  in  der  Altmark  f^e7'-Godendeel 
genannte  roggenopfer  bei  der  ernte  Peterbült  nennt ;  auch 
werden  dem  Odinn  bereits  in  der  älteren  Kdda  hunde  beige- 
legt (myth.  633).  —  auf  die  beziehungen  in  welchen  Sara- 
mä durch  ihre  söhne  zum  todesgotte  steht,  scheint  es  ferner 
zu  deuten,  wenn  die  einkehr  des  hundes  in  ein  haus  krank- 
heit  und  sterben  über  menschen  und  vieh  bringt:  ebenso  heilst 
es  vom  winde  der  in  der  neujahrsnachl  weht,  dafs  er  pest 
bedeute  (myth.  330),  und  liundegeheul  bedeutet  tod  oder  feuer, 
die  hunde  merken  die  umgehende  Hei  (myth.  633);  auch  jener 
einkehrende  hund  bringt  feuersgefahr  über  das  haus,  und  dies 
steht  alles  mit  dem  gotte  der  Unterwelt  in  nächster  beziehung, 
denn  der  indische  Vamas  ist  ursprünglich  dem  feuergott  Agnis 
gleich  (Rigv.  1  h.  66,  4),  offenbar  weil  dem  feuer  der  todte 
körper  übergeben  wird,  wenn  wir  aber  schon  so  in  dem  mit 
dem  wilden  beer  fahrenden  hunde  jene  indische  Saramä  er- 
kennen und  auch  Indras  und  die  3Iaruls  dem  ^^  odan  nebst 
seinem  gefolge  gleichstehen,  ferner  auch  die  zeit  zu  welcher 
jener  umzug  gedacht  wurde  übereinzustimmen  scheint,  so  ist 
es  auch  wahrscheinlich  dafs  der  zweck  um  dessen  willen  In- 
dras jenen  zug  unternimmt  uusern  vorfahren  ebenfalls  bekannt 
gewesen  sei,  obgleich,  so  viel  ich  weifs,  kein  älterer  mythus 
jener  geraubten  kühe  erwähnung  thut.  eine  schwache  erin- 
nerung  daran  scheint  mir  aber  in  einer  hannoverschen  sage 
zu   liegen,    welche    folgendes    erzählt,     in  Ostenholz  befindet 


ZUR  MYTHOLOGIE.  133 

sich  ein  haus  welches  das  Heihaus  heifsl.  da  soll  in  alter 
zeit  einmal  am  Christabend  eine  jagd  gehalten  worden  sein  • 
und  der  söhn  des  wirtes,  der  ein  reh  verfolgte,  hat  gesagt, 
wenn  er  das  schöfse,  wolle  er  ewig  alle  Christabend  jagen, 
da  hat  crs  erlegl :  aber  als  er  gestorben,  hat  er  nun  immer 
inn  die  besagte  zeit  jagen  miil'sen,  und  das  ist  der  Hefjäger. 
jedesmal  aber  haben  die  bewohner  dieses  hauses  am  Christ- 
abend eine  kuh  hinauslafsen  miifsen,  und  sobald  sie  draufsen 
war,  ist  sie  fort  gewesen ;  man  hat  es  aber  stets  vorher  wi- 
fsen  können,  welches  stück  der  herde  die  reihe  treffen  würde, 
denn  das  hat  sich,  wenn  es  zum  Michaelis-  oder  Martinstag 
kam,  zusehends  vernommen,  und  ist  so  glatt  und  rund  ge- 
worden wie  kein  anderes  im  stall.  —  von  demselben  hause 
erzählen  nun  auch  andere  dal's  man  einmal  am  Christabend 
die  thür  zu  schliefsen  vergefsen  habe  und  dal's  da  des  Hei- 
jägers hund  hineingelaufen  sei  und  bis  zum  nächsten  jähre 
am  herd  gelegen  und  sich  dort  nur  von  aschc  genährt  habe; 
nach  Jahresfrist,  als  der  Heijäger  wieder  vorübergezogen,  sei 
er  auf  und  wieder  mit  davon  gegangen. —  beide  sagen  schei- 
nen ursprünglich  mit  einander  in  Verbindung  zu  stehen,  so 
dafs  die  letzte  der  ersten  vorangieng  und  dieser  der  eingang 
fehlte ;  in  diesem  falle  würde  man  wohl  kaum  anstehen  hier 
eine  directe  erinnerung  an  den  alten  mythus  anzuerkennen, 
vielleicht  lafsen  sich  noch  andere  Versionen  der  sage  auffin- 
den, die  den  vermuteten  Zusammenhang  zeigen. 

Zum  schlufs  will  ich  noch  einen  zug  des  indischen  my- 
thus besprechen  der  vielleicht  von  dem  deutschen  alterthum 
aus  seine  erklärung  erhält,  wir  sahen  oben  dafs  Valas  die 
kühe  raubte  und  zu  hütern  derselben  die  Panis  bestellt  hatte, 
von  denen  Saramä  deshalb  den  ihnen  anvertrauten  schätz 
{nidi  steht  ausdrücklich  in  dem  angeführten  liede  des  achten 
buches)  verlangte ;  an  anderen  stellen  tritt  dagegen  Panis  di- 
rect  an  die  stelle  des  Valas.  wenn  nun  die  in  dem  mythus 
auftretenden  eigennamen,  wie  wir  sahen,  eine  bedeutung  zeig- 
ten die  in  unmittelbarer  beziehung  zu  demselben  stand,  so  ist 
dies  doch  mit  Panis  nicht  der  fall,  die  diesem  worte  RV.  I, 
33,  3,  Nir,  VI,  26  gegebene  bedeutung  'mercator',  nach  wel- 
cher es  auf  die  wurzel  pa?t  kaufen,  gewinn  ziehen,  mit  dem 
Würfel  spielen,  zurückgeführt  wird,  kann  hier  durchaus  nicht 


134       GLUCKSKAD  UND  GLICKSKIGEL. 

genügen  ;  dagegen  bietet  das  gothische  fani,  altn.  fen,  uhd, 
J'enn,  der  sumpf,  erwünschten  aufschlufs  und  stellt  sich  genau 
dazu,  da  das  linguale  ti  erst  eine  herabsinkung  des  dentalen 
71  ist  und  das  skr,  mmii  mit  demselben  n  genau  dem  deut- 
schen mani  niene  entspricht,  weshalb  auch  RV.  I,  33,  8 
hiranyena  maninä  cMinbamäimh  statt  mit  '  von  gold  und  edel- 
stein  glänzend'  durch  'von  goldenem  geschmeide  glänzend' 
zu  übersetzen  sein  wird,  aul'serdem  hat  das  sanskrit  noch 
das  wort  panka  der  sumpf,  welches  ebenfalls  auf  ein  älteres 
jtani  mit  suff.  ka  zurückzuführen  scheint,  danach  wären  denn 
die  Pa//f''s  die  sümpfe  welche  die  von  Valas  entführten  wöl- 
ken oder  kühe  bewachen  und  der  ganze  niythus  beruhte  auf 
der  naturanschauung  der  auf  den  sümpfen  lastenden  iiebel, 
die  vom  winde  als  wölken  fortgetrieben  werden,  worauf  dann 
das  Sonnenlicht  der  erde  wiedergegeben  wird,  ist  diese  Ver- 
mutung gegründet,  so  findet  daher  auch  das  fanigold  nebst 
der  Fetija  (die  mühle  die  gold  mahlt  steht  ja  auf  dem  gründe 
des  meeres),  mylh.  498,  sowie  der  Nibehingeshort,  mjlh. 
9301".,  als  der  schätz  welchen  des  nebeis  söhn  hütet,  seine 
erklärung,  und  auch  die  mannigfachen  sagen  von  drachen, 
die  in  sümpfen  lagernd  schätze  hüten,  gewinnen  dadurch  lichl, 
da,  wie  wir  sahen,  wieder  \'alas  und  Vntras  in  einander 
übergehen  und  der  letztere  als  licht  und  wafser  entführender 
drache  dai-gestelll   wird. 

IJerlin  im  februar   1847.  A.   KUHN. 


DAS    GLÜCKSRAD    UJND     DIE    KUGEL    DES 
GLÜCKS. 

Die  bildende  kunsl  und  die  dichtkunst  der  antiken  well 
geben  den  gotlheiten  des  geschickes,  der  Tyche,  der  Fortuna, 
der  Nemesis,  als  symhol  ein  rad  bei  oder  auch  eine  kugel: 
in  bildwerken  liegen  diese  neben  den  füfsen  der  göttin,  oder 
ihr  unter  den  füfsen  und  sie  schwebt  darauf,  oder  die  kugel 
ihr  auch  auf  dem  haupte,  vergl.  Otfr.  31üllers  archäol.  d. 
kunst  398,  2  und  Paulys  realencycl.  d.  alterlhumsw.  3,  511  : 
dichter  und  redner,  wie  es  scheint  jedoch  erst  der  späteren 
zeit,  fügen  dazu  noch  die  andere  Vorstellung  dafs  Fortuna  die 


GLllCKSRAD  UND  GLICKSKI  GEL.  135 

jncnsclien  auf  ihr  rad  setze  und  sie  mit  dessen  umscliwung 
auf  und  nieder  steigen  lafse:  anschaulich  genug,  aber  doch 
von  der  bildenden  kunst  aus  Schönheitssinne  verschmäht,  es 
sagt  also,  um  jede  der  beiden  auffafsungen  mit  einer  schrift- 
stelle zu  belegen,  Tibull  1,  5,  70  ve?'satur  ccleri  Fors  levis 
orbe  rotae  und  Boelhius  de  consol.  phil.  2  pr.  2  rotam  vo- 
lubili  ovbe  rei^samus  (ich  die  Fortuna) ;  infima  sinnmis,  sum- 
ma iiifunis  mutarc  gaudemus.  nsccndc,  si  placet,  sed  ea 
lege  uti  ite,  cum  ludicri  mei  ratio  poscet,  descendere 
iniuriam  putes.  noch  andere  slellen  in  Jac.  Grimms  my- 
Ihol.  825. 

Die  Vorstellung  von  einem  rade  des  gliickes  pflanzte  sich 
aus  der  antiken  weit  in  die  mittelalterliche  fort;  sie  gehörte 
da  in  kunst  und  dichtung  zu  den  beliebtesten :  ihre  entleh- 
nung  aber  aus  einer  fremden  vorzeit  *  giebt  sich  besonders  da- 
durch zu  erkennen  dafs  unsre  dichter  hiebei  nur  selten  den 
heimischen  eigeunamen  des  gliickes,  das  wort  swlde,  gebrau- 
chen, gewöhnlicher  das  leblose  abslractum  glück,  wo  nicht 
gar  das  lateinische  Fortuna,  und  dafs  ihnen  selbst  nicht  im- 
mer klar  zu  sein  scheint  ob  sie  das  rad  von  der  göttin  rol- 
lend umgetrieben  oder  gar  das  glück  selber  sich  in  radform 
denken  sollen:  die  auf  und  mit  dem  rade  schwebende  Fortuna 
kommt  jetzt  nicht  mehr  vor.  orbita  Fortiatae  ducit  utrogue 
rotam  Reinard.  1,  1494.  daz  stät  an  gelückes  rade:  eist 
als  lihte  guot  als  schade  Freidank  110,  17.  wolde  gliickes 
rat  vf  minen  gwin  sich  schiben  Müller  3,  XLIV''.  so  vilrhte 
ich  daz  gelückes  rat  noch  vor  dem  riche  stille  ste  br. 
VVernher  vdHag.  MS.  2,  229^  solhiu  stücke  diu  im  ge- 
lückes rat  da  künde  loalzea  Titurel  3918.  innerhalp  den 
landen  kan  uns  gelücke  riden  daz  rat  zuo  beiden  handen 
^1^1 .  also  daz  uns  gelückes  rat,  ob  got  wil,  loufct  su- 
mer   und  die  winder  Lohengrin   119.     als   sich  zuo  unsem 

*  die  miihle  die  dem  könige  Frodhi  gold  und  frieden  mahlt  (my- 
tliol.  498.  827.  1227,  vergl.  die  kriegsmühle  der  Araber  ia  Rückerts 
Haniasa  1,  5.  49)  kann  hier  nicht  in  belracht  kommen,  da  man  sich 
dieselbe  noch  ohne  rad  mufs  getrieben  denken,  ebenso  wird  die  et- 
wanige  annähme  eines  rades  der  spinnenden  schicksalsgöttinnen  dadurch 
unmöglich  dafs  es  Spinnräder  erst  seit  dem  15n  jh.  giebt;  weshalb 
auch  Berlha  den  breiten  fufs  anderswoher  haben  mufs  als  vom  treten 
des  Spinnrades. 


136       GLUCKSRAD  UND  GLUCKSKUGEL. 

heile  keret  ouch  des  gl'dckes  rat  an  einer  anderen  stat 
Passional  32,  62.  das  glücksrad  uirds  wol  Scheiben  dnfs 
es  wird  alles  gut  lied  v.  1525,  Sclmieller  bair.  wb.  3,  307. 
und  das  glück  selber  rund  genannt,  geläcke  ist  sinewel  Wolfr. 
Wilh.  246,  28.  Heinr.  kröne  129.  salde  diu  ist  sinewel 
und  walzet  umbe  als  ein  rat  üb.  weib  242.  der  beider  hoch 
geläcke  was  wunderlich  gewalzet  in  ein  su  krankez  stücke 
Titurel  1445.  geläcke  daz gel  wunderlichen  an  unt  übe  Gottfr. 
vdH.  MS.  2,  277'\  mit  hereinziehung  derselben  sentenz  des 
Publius  Syrus  die  weiterhin  auch  Gottfried  benutzt  hat  (foi^- 
tuna  vitrea  est:  turn,  cum  splendet,  frangitur :  daz  glesin 
glücke  u.  s.  w.  278^)  das  gelucke  rade  gelichet  sich  dem 
gelase:  so  du  sunne  aller  luter liehest  derdur  schinet,  so 
cerspringet  es  aller  schierest  Basier  hs.  B  IX.  15,  bl.  22  F. 
auf  Marien  übertragen,  du  heiles  und  geläckes  rat  vdH. 
MS.  2,  268\  sprichwörtlich  abgekürzt  waz  danne?  ez  muoz 
nu  walzen  Titurel  3658.  vergl.  die  jetzt  noch  übliche  rc- 
densart  das  rädlein  laufen  laj'scn  d.  h.  es  gehen  lalsen  wie 
es  geht,  unbekümmert  sein  (Schmeller  3,  47). 

Mit  besonderer  vorliebc  aber  ergrilF  man  jenes  bild  von 
den  auf  das  glücksrad  gesetzten  oder  gestiegenen  und  mit  ihm 
auf  und  ab  geführten  menschen :  das  fiel  mehr  und  abenteuer- 
licher in  die  sinne,  und  war  zudem  durch  den  Vorgang  eines 
allgelesenen  Schriftstellers  wie  Boethius  empfohlen  (in  Notkers 
Übersetzung  42  f.  45  Graff).  Fortuna  di  ist  so  getan:  ir 
schibe  Idzet  si  umbe  gän;  si  hilfit  den  armen  so  si  wile: 
den  riehen  hat  si  ze  spile ;  umbe  loufet  ir  rat:  dicke  vel- 
let  der  dd  vaste  saz  Lamprechts  Alex.  99''  Mafsm.  we, 
geläckes  rat!  wenne  sol  ich  mine  stat  uf  dir  linden!  Nith. 
Ben.  1 ,  5.  geläckes  rat  hat  in  den  pfat  geleret  so  daz  er 
sol  ho  dar  uj'e  sweben  mit  frUuden  leben  vdHag.  MS.  1,  20. 
sie  vuoren  üf  geläckes  rade  Flore  845.  sie  waren  höhe 
gestigen  vf  des  geläckes  rat:  7m  mäezen  sie  von  der  stat 
aber,  nider  rucken  6148.  lig  ich  under,  er  lig  obe  an  der 
swlekeite  rade  Heinr.  kröne  60.  er  ist  komen  iif  geläckes 
rat:  daz  muoz  im  iemer  stille  sten  Georg  3^  nu  stehet 
dir  des  gläckes  rat  undo  setzet  dich  enbor,  also  ez  tete 
hie  vor  den  mitten  Alexander  24*".  daz  in  Fortuna  brüht 
zem    höhsten    sitze   uf  gläckes   rat.     die   Irnge   stuont  im 


GLÜCKSRAD  UND  GLÜCKSKLGEL.       137 

duz  nngfhalzet  Til.  122.  123.  enmitten  üf  gcl'dckes  rade 
nu  ride  dich  diu  scelde  und  nimmer  dir  geioalze  2417. 
got  werfe  in  von  getückes  rat,  der  sich  busheil  iinderstdt 
liol.  cod.  74.  ausführlicher  und  zu  einem  ganzen  spruch  er- 
weitert bei  Keinmar  von  Zweier  vdH.  2,  igS**.  3,  69r. 
Geläckes  rat  ist  sinewel. 

im  laufet  maneger  nach :  doch  ist  ez  vor  im  gar  ze  snel, 
und  Idt  sich  doch  erlaufen  williclich  den  ez  betriegen  wil. 
swer  stiget  lif  geläckes  rat, 

der  darf  wol  guoter  sinne  wier  behalte  glückes  stat, 
deiz  ander  im    iht  wenk,    waud   ir   daz    rat   hin   ab  im 

zücket  vil. 
die  müezen  danne  sigen  mit  unwerde, 
wand  si  mit  schänden  ligcnt  üf  der  erde. 

"elücke  wenket  unbesar<>et. 
o  o 

ez  git  vil  manegem  e  der  zit, 

und  nimt  hin  wider  waz  ez  git. 

ez  toeret  den  dem  ez  ze  vil  geborget* . 

Besonders  noch  hervorzuheben  sind  solche  stellen  welche 
die  anschauung  entweder  ausdrücklich  als  eine  sprichwörtlich 
überliel'erte  bezeichnen:  tot  si  com  oeis  conteir  de  Fortune 
ke  a  son  tor  inet  Vun  en  bais,  Vautre  desor,  puet  ma  dame 
de  moi  Jueir  altfr.  lieder  s.  50.  qui  plus  haut  morte  qu'il 
ne  doit,  de  plus  haut  chiet  qu'il  ne  voudroit :  par  main- 
tes  foiz  Vai  oi  dire  la  roe  de  Fortune,  Jongleurs  et  trou- 
v^res  par  Jubinal  177.  ich  hain  vil  ducke  hören  sagen 
'geluckes  rait  gcit  up  ind  neder;  ein  velt,  der  ander  sti- 
git  weder'  Hagens  reimchr.  v.  Köln.  1769  ;  oder  ein  beweis 
der  sprichwörllichkeit  dadurch  sind  dafs  sie  ohne  die  Fortuna, 
ja  selbst  ohne  das  rad  zu  nennen  doch  auf  jene  auschauung 
sich  beziehen,  dieselbe  mithin  als  allen  bekannt  voraussetzen. 
tost  monte  uns  hom  comme  amiraus,  et  tost  rechiet  comme 
orinaus;  tost  a  changie  cire  por  siu;  com  plus  fui  en  la 
i'oe  haus,  et  foi  fet  toz  mes  enviaus,  lors  me  covint  pardre 
le  gilt  Jehan  Bodel   bei  Barbazan  u.  Meon,    conles  1,  139. 

*  die  letzten  vier  verse  nach  Gottfried  von  Strafsburg:  ez  wenket 
da  man  es  niht  wol  besorget,  swen  ez  beswcereri  wil,  dem  git  ez  e 
der  zit,  und  nimt  ouch  wider  e  der  zit  swaz  ez  gegit.  ez  tumbet 
den  swem  ez  ze  vil  geborget  vdH.  MS.  2,  277''. 


138       GLICKSRAD  l  >D  GLLCKSKLGEL. 

so  stige  ich  üf  und  ninder  abe  Parz.  9,  22.  weitere  belege 
in  Grimms  mythol.   826. 

Es  blieb  jedoch  das  gliicicsrad  nicht  so  innerhalb  der 
poetischen  spräche  als  blofser  redeschmuck  und  tropus  stehn : 
es  trat  auch,  und  zwar  eben  dieses  von  menschen  erklom- 
mene und  die  menschen  wiederum  abwerfende,  in  die  leben- 
dige sage  über:  vergl.  die  erzählung  von  den  zwölf  lands- 
knechten  welche  der  teufel  unter  der  Vorspiegelung,  sie  wür- 
den dann  weissagen  und  schätze  graben  lernen,  auf  ein 
glücksrad  lockt  und  sie  damit  umdreht  zwölf  stunden  lang 
zwischen  wafser  und  feuer,  bis  er  einen  der  zahl  durch  die 
flammen  mit  sich  führt  (sagen  der  br.  Grimm  1,  286  f.)  und 
die  andre  damit  eng  verwandte  von  den  zwölf  Johansen  die 
auf  einer  glücksscheibe  durch  die  lande  fahren  und  alles  er- 
kunden was  in  der  ganzen  weit  geschieht*,  von  denen  aber 
auch  der  teufel  alljährlich  einen  hinunterfallen  läfst  (ebenda 
437);  es  trat  in  die  sinnlich  anschauliche  darstellung  auf  der 
bühne:  vergl.  das  altfr.  Adamsspiel  (thealrc  fran^ais  au  moyen 
äge  par  Monmerque  et  Michel  82.  83),  wo  mit  einer  dem 
mittelalter  sonst  ungeläufigen  auffafsung  Fortuna  (ekele  que 
le  roe  tie/it)  blind  genannt  wird,  stumm  taub  und  geblendet 
{muiele  soitrde  et  avulee) ;  es  trat  endlich,  häutiger  noch 
und  schon  früher  und  fort  bis  über  das  mittelalter,  auch  in 
die   bildende  kunst  ein. 

Tafelgemälde  dieser  arl  kenne  icli  selber  nicht,  wohl 
aber  durch  freundliche  mitlheilung  solch  eine  mosaik  im  dome 
von  Perugia  ;  häufiger  sind  die  Zeichnungen  in  handschriften 
und  holzschnitte  in  allgedrucklen  biichern.  so  aus  dem  zwölf- 
ten jh.  im  Hortus  deliciarum  der  Herrad  von  Laudsberg,  wo 
auf  dem  blatte  welches  in  allerhand  bildern  die  Vanitas  va- 
nitatum  veranschaulicht  auch  Fortuna  erscheint  mit  ihrem  rade 
das  königc  auf  und  ab  wälzt,  sitzen  und  stürzen  läfst;  dazu 
lateinische  verse  (Engelhardi  44.  160).  eben  eine  solche  dar- 
stellung  aus    dem    vierzehnten    in    der   Berliner  Tristanhand- 

*  die  sage  bezeichnet  sie  als  deutsche  schüler,  die  jedoch  im  dienst 
eines  fränkischen  d.  h.  wohl  eines  königs  von  Frankreich,  stehn.  vergl. 
ackermann  v.  Böheim  cap.  18  da  du  zu  Paris  auf  das  glücksrad  .va- 
fscsf,  auf  den  händen  tanztest,  in  der  schwarzen  kunst  lerntest  und 
bann  lest  die  teufel  in  ein  seltsam  glas. 


GLUCKSRAD  l  Nu  CLICKSKLGEL.       139 

sclirilt;  ein  holzschnilt  des  rünfzehnteu  zeigt  mit  der  iiiiter- 
schrill  Rota  uite  quo.  fovtuna  uocatur  das  rad  umgeben  von 
den  acht  lebensaltern,  dem  kind  in  der  wiege  und  so  fort  bis 
zum  sarge  (Aufsefs,  anz.  1,  253)'.  schon  hier  ist  das  rocht 
einer  freien  Weiterbildung  geübt:  noch  freiere  und  zwar  sa- 
tirische, wenn  ein  holzschnitt  im  narrenschiff  Seb.  Brants 
(Basler  ausg.  1495.  f  vj  r\v.  und  i  iiij  rw.  vergl.  den  texl 
dazu  in  StrobeJs  ausg.  143  f.)  an  dem  rade  das  eine  aus  den 
wölken  reichende  band  umtreibt  menschen  mit  eselsköpfen 
auf  und  nieder  steigen  läfst,  und  in  den  Zeichnungen  die  dem 
schlufsabschnitte  des  Kenart  le  nouvel  beigegeben  sind  (die 
hss.  sämtlich  noch  vom  ende  des  13n  jh.)  hoch  oben  auf  dem 
rade  meister  Reinhard  thront  und  ilim  zu  den  seilen  der  Hoch- 
mut und  der  Trug  (le  roman  du  Kenarl  par  31eon  J ,  X ;  der 
text  dazu  4,  459  —  461). 

Namentlich  aber  wüsten  die  baumeister  das  gliicksrad 
gut  zu  bildhauerischem  schmucke  zu  verwenden  und  brauch- 
ten es  öfter  als  einfafsung  der  runden  giebelfenster  über  den 
portalen  ihrer  kirchen.  so  hier  in  Basel  an  dem  älteren,  nooh 
romanischen  theile  des  münsters :  das  rad  ist  sechzehnspei- 
chig;  in  dem  mittleren  kreise,  welcher  die  nahe  bezeichnet, 
steht  jetzt  unser  ßaselstab  :  ursprünglich  wird  ihn  etwas  an- 
deres ausgefüllt  haben;  der  äufsere  reif  trägt  zehn  figuren, 
links  vier  emporklimmende,  zu  oberst  sitzend  und  gekrönt  ein 
könig,  rechts  wiederum  vier  fallende,  unten  endlich  einen 
ganz  erlegnen.  **  ein  ebenso  angebrachtes  rad  an  der  cathe- 
drale  Aon  Chartres,  dessen  ferligung  man  gleichfalls  in  das 
12e  jh.  setzt,  vertauscht  bedeutungsvoll  die  irdischen  und  ir- 
disch gesinnten  menschen  gegen  Christum  und  seine  heiligen : 
jener  steht  über  der  nahe  als  dem  unbeweglich  festen  mittel- 
punkte;  diese,  gleichfalls  noch  innerhalb  des  kranzes,  stehn 
oder  ruhen  ihm  zur  seite  und  zu  füfsen  (histoire  de  dien  par 

'■'■'-  die  späterhin  uud  jetzt  noch  übliche  darstellung,  nach  welcher 
die  lebensalter  pyramidalisch  auf  und  ab  gestuft  sind,  mag  erst  eine 
abünderung  jener  alteren  kreisförmigen  sein. 

=^"  das  aussehen  der  figuren  erlaubt  es  nicht  auch  hier  etwa  an  die 
lebensalter  zu  denken  :  die  zahl  würde  sehr  wohl  dazu  stimmen.  So- 
Ion  14  unterscheidet  ihrer  zehn  von  je  sieben  jähren,  und  die  sieben- 
jährigen Perioden  sind  auch  in  Deutschland  älter  uud  echter  als  die 
zehnjährigen. 


140       GLUCKSRAD  UND  GLUCKSKUGEL. 

Didron  119J.  eia  dem  ähnliches  bild  der  Verklärung  Christi 
hat  die  bronzethür  von  s.  Paul  in  Rom,  welche  noch  älter 
schon  aus  dem  eilften  Jahrhundert  herrührt  (d'Agincourt,  scult. 
tav.    13.   14). 

Den  anstoFs  zu  diesen  und  dergleichen  darstellungen  hatte 
die  spräche  der  dichter  und  nicht  etwa  der  Vorgang  antiker 
bildnerei  gegeben :  natürlich  blieb  die  rückwirkung  auf  die 
poesie  nicht  aus :  es  klingt  wie  die  beschreibung  eines  jener 
kirchenfenster  oder  sonstiger  bilder,  wenn  wiederholendlich 
nun  auch  von  dichtem  die  am  glücksrad  schwebenden  perso- 
nen  in  bestimmterer  anschaulicherer  weise  gezählt  und  ver- 
theilt  werden,  solche  stellen  sind  bei  meister  Sigeher  Ge- 
lückes  rat  daz  treit  vier  man :  der  eine  stiget  vf,  dpr  an- 
der stigel  abe,  der  dritte  ist  ohe,  der  vierde  ist  under 
vdIL  MS.  2,  362\  bei  Johans  von  Rinkenberg  Gelürkes 
rat  niht  stille  stdt :  vrou  Saide  diu  ez  tribet  daz  erzeiget 
hat  an  vieren  die  da  woncnt  bi  daz  ez  wol  umbe  laufet 
zaller  stunt.  dem  örsten  gut  uf  an  deni  guot,  der  ander 
der  hat  vollen  schrin  und  riehen  muot,  dem  dritten  swint 
Sin  richeit  abe,  dem  vierden  ganz  armuot  ist  worden  kunt 
MS.  2,  3401'.  im  Renner  195"  Geliicke  daz  ist  sinewel  und 
blibel  niht  a?i  einer  stat:  des  triuget  mangen  man  sin  rat. 
einr  stigt :  den  ivil  ez  machen  i'ithen ;  der  nid  er  sigt,  dem 
wilz  entwichen;  jener  sitzet:  wer  könd  im  geliehen?  dirr 
muoz  in  d'aschen  j'wmerlichen*.  ditz  rat  betriuget  uns 
alsiis :  wan  ez  ist  wilder  danne  ein  Jus.  wart  ich  sin  hie, 
SU  ist  ez  dort;  hiur  rinde  ich  niht  da  vert  lac  hört,  ez 
gaukelt  mit  uns  allen:  die  nu  vil  ho  hie  schallen,  swenn 
ez  beginnet  vallen,  der  honic  wirt  ze  gallen.  Lorenz  von 
Medici  iu  einem  sonetto  semiletterato  (Crescimbeni,  Tistoria 
della  volgar  poesia  1,  364.  V^en.  1731)  knüpft  seine  Schilde- 
rung ausdrücklich  an  ein  vorliegendes  bild. 

Amico,  mira  ben  questa  figura, 
et  in  arcano  mentis  reponatur, 

*  als  aschman  (Hartm,  Greg;.  2866)  und  wie  der  eschengrüdel 
oder  aschenpöfsel  oder  aschenbrödel  des  märcheos  (br.  Grimm  3,  38  f.)? 
vergl.  jedocli  248"  so  sprichet  gol  ' widr  in  die.  aschen  von  der  ir  alle 
Sit  bekomen,  rieh  und  arm,   btrsc  mit  den  /romen.'' 


GLUCKSRAD  UND  GLL'CKSKÜGEL.  141 

tit  magniis  i/ide  fructiis  oxtrahatnr 

considerntuh)  hon  la  sua  natura, 
amico,  questa  c  ruola  di  ve7itura, 

que  in  eodem  statu  non  firmatur, 

sed  casibus  aversis  variatur, 

e  quäl  abbassa  e  quäl  pone  in  altura. 
mira  che  Vuno  in  cima  e  gia  montato, 

et  alter  est  ea^positus  ruine, 

e'l  terzo  e  in  fondo  cPogni  ben  privato; 
quartus  ascendit  iam,  nee  quisque  sine 

ragion  di  quel  che  oprando  ha  meritato 

secundum  legis  ordineni  dii'ine. 
namentllcli  aber  kommt  hier  Konrad  von  Würzburg  in  be- 
tracht.  er  hatte  in  Basel,  wo  er  lebte,  an  der  kirche  wo 
er  sich  sein  begräbnis  erlesen*  täglich  solch  ein  bild  vor  äu- 
gen :  da  wird  es  kaum  ein  zufall  sein  dafs  er  häufiger  als 
irgend  ein  anderer  dichter,  wenn  man  nur  den  des  jüngeren 
Titurel  ausnimmt,  vom  glücksrade  spricht,  blol's  in  dem  ge- 
druckten theile  des  Trojanerkriegs  nicht  weniger  als  viermal. 
Ja  walzet  ir  (der  Sajide)  gelückes  rat  vil  sUeteclich  uf 
unde  nider ;  her  unde  hin,  dan  unde  wider  lovfet  ez  2349. 
im  dienet  des  gelückes  rat,  daz  im  nach  eren  umbe  lief 
7229.  daz  im  der  stclekeite  rat  mit  willen  umbe  lief  9471. 
swer  hiute  sitzet  üfmc  rade,  der  sitzet  morgen  drnnder 
18395;  dann  auch  in  seinem  ersten  leiche  hilf  uns  von  dem 
wäge  unreine  klebender  sünden  zuome  Stade,  daz  uns  iht 
ir  agetsteine  ziehen  eon  gelückes  rade  vdH.  MS.  2,  311. 
eben  so  scheint  ein  abschnitt  des  Wigalois,  in  welchem  gar 
ein  goldenes  glücksrad  beschrieben  wird,  auf  den  wirklich 
vorhergegangenen  anblick  eines  mechanischen  kunstwerkes  hin- 
zudeuten, mag  auch  der  dichter  seiner  art  gemäfs  das  gese- 
hene romanhaft  überbieten;  die  stelle  lautet  103Gff.  üf  des 
küneges  veste  was  daz  aller  beste  werc,  von  rotem  golde 

*  vergl.  die  stelle  des  über  vitae  eccl.  Basil.  iii  Hahns  vorrede 
zu  Otte  m.  d.  harte  10.  da  dieser  über  vitae  ein  jalirzeitenbuch  des 
münsters  ist,  so  kann  das  latus  b.  Mariae  Magdalenae  in  welchem 
Konrad  begraben  sei  nicht  nach  der  ausiegung  Mones  die  abseile  des 
Marien-Magdalenenklosters,  sondern  nur  die  seitencapelie  des  Münsters 
meinen  die  jener  heiligen  geweiht  war. 


142  GLÜCKSRAD  ITVD  GLUCKSKI  GEL. 

gegozzen  als  er  wolJe,  ein  rat  eninitten  üf  dem  sah  ilaz 
gie  üf  und  ze  tal.  da  vmren  bilde  gegozzen  an,  i'^glichez 
geschaffen  als  ein  man ;  hie  sigen  die  mit  dem  rade  nider, 
so  stigen  die  andern  iif  ivider ;  sus  gie  ez  umhe  an  der 
stat.  daz  ivas  des  geläckes  rat.  ez  hete  ein  pfaffe  ge- 
meistert dar.  von  rotem  golde  was  es  gar.  ez  bezeichent 
daz  dem  wirte  nie  an  deheinem  dinge  missegie  ;  iran  daz 
gelücke  volgte  im  ic :  also  in  dankbarer  Zuversicht  auf  den 
bestand  des  glückes.  der  ihm  selbst  geworden,  hatte  er  den 
sonstigen  unbestand  künstlerisch  darsteilen  lal'seu.  die  reichste 
aber  und  anschaulichst  belebte,  die  ausführlichste  ausführung 
des  bildes  findet  sich  in  einer  von  1444  bis  1450  verfafsten 
schritt  Felix  Hemmerlins  von  Zürich,  seinem  dialogus  de  no- 
bilitate  et  ruslicitate  cap.  21.  wer  sich  begnügend  mit  dem 
was  ihm  beschieden  in  der  festen  mitte  des  rades  stehen 
bleibe,  der  stehe  selbst  auch  fest;  wer  jedoch  darüber  hinaus 
auf  die  Speichen  und  nach  dem  umkreis  strebe,  der  werde, 
je  weiter  er  gelange,  desto  heftiger  von  dem  schwingenden 
rad  mit  umgeschwungen,  stehe  bald  oben  auf  der  höhe  alles 
stolzes,  liege  bald  unten  im  abgrund  alles  elends.  es  wird 
das  an  beispielen  nachgewiesen  aus  der  Zeitgeschichte  des  adels 
umher  und  der  stadt  Basel ;  aufserdem  sucht  sich  der  spre- 
chende seinem  zuiiörer  durch  eine  Zeichnung  noch  verständ- 
licher zu  machen:  der  alte  druck  bl.  67  vw.  giebt  sie  in  ro- 
her nachbildung  wieder,  da  aber  jenes  streben  und  steigen 
und  stürzen  immer  nur  durch  göttliches  Verhängnis  geschehe 
und  nicht  durch  blinden  zufall  (vergl.  oben  Lorenzo  di  Me- 
dici).  so  nennt  Hemmerlin  dies  sein  rad  nicht  wie  die  andern 
rota  fortunao,  sondern  rola  fatalis ;  auch  thut  er  sich  nach 
biblischer  begründung  des  ganzen  bildes  um  und  citiert  zu 
dem  behuf  eine  reihe  von  psalmiston-  und  prophetenslelleu 
wo  gleichfalls  in  bedeutsamer  weise  von  rädern  gesprochen 
wird. 

Also  das  rad  ein  sinnbild  des  glückes  und  gewiss  schon 
für  sich  ein  durch  natürlichkeit  bestens  zutrelTendes.  aber  da- 
mit begnügte  sich  das  in  symbolischen  combinationen  uner- 
schöpfliche mittelalter  nicht,  man  brachte,  da  ja  das  glück 
die  weit  regiert,  das  rad  des  glückes  auch  noch  in  bezug  auf 
den  kreislauf  und  die  Wechsel   in  dem  grofsen   überirdischen 


GLÜCKSRAD  UND  GLICKSKÜGEL.       143 

Weltall;*  und  wie  man  sonst  schon  gewohnt  war  die  wan- 
delbarkeit des  gliiekes  mit  den  mondphasen  zu  vergleichen  {ein 
glücke,  cid  heil,  nu  hast  du  mir  daz  swnrze  teil  allenthal- 
ben zuo  gekalbt;  mir  sint  die  wizen  wege  verspart  dd  ich 
wilen  ane  gienc.  —  mich  blendet  finster nisse  i  die  trüeben 
zit  ich  meine,  nu  bin  ich  leider  eine:  dö  ich  hete  der  scel- 
den  schin,  do  tvas  al  diu  werlt  min  Herbort  \11^)^  ja  als 
abhängig  davon  zu  betrachten  (Schmeller  4,  22.  Grimms  my- 
thol.  671  ff.),  so  nun  auch  das  glücksrad  dem  rade  des  mon- 
des  *  * :  so  sprichet  ein  meister  denne  deti  ich  ivol  erkenne 
'est  rota  fortunae  variabilis  ut  rota  lunae :  crescit,  de- 
crescit,  in  eodem  sistere  nesciC  diz  sprichet  'glücke  ist 
sinetvel,  ez  ist  ze  icenkenne  snel ;  ist  ez  ieze  in  der  hant, 
ez  ist  balde  in  ein  ander  Innt  der  Minne  lehre  1989ft'. 
aus  solcher  Zusammenstellung  des  glucks  und  des  nioudenlau- 
fes  erklärt  sich  wie  das  wort  lune,  das  erstlich  seinem  Ur- 
sprünge gemäfs  der  mond  (Georg  4844,  vergl.  5226),  dann 
die  mondphasen  (Berthold  302.  ahd.  niuuilune  neomenia 
Graffs  sprachsch.  2,  Uli),  sodann  jegliche  constellation  be- 
zeichnet (Strickers  Karl  IT.  Georg  2118.  4337),  wie  die- 
ses wort  nun  mit  dem  namen  des  glucks  geradezu  in  einen 
ausdruck  verbunden,  wie  es  sogar  für  sich  allein  im  sinne 
von  glück  konnte  gesetzt  werden:  der  Salden  lüne  Til. 
1008.  2'i94.  41501".  5773.  diu  scelderirh  Fortune  und  ir 
gelückes  liine  hat  an  im  gewelzet  Martina  218''.  diu  lune 
diu    in    der   stelekeit   beriet   und  in    von  dem  meile   schiel 

'^'  ein  iirkel  heizt  zodiacus :  dei'nt  ah  ein  rat  gcrndltt ;  derselbe 
niht  entwdlet,  er  zhihet  urnbe  dez  himelrat  und  bringet  wider  an  ir 
stat  die  sunnen  zuo  des  ju'res  zii  Georg  35'.  und  ge't  der  selbe  hi- 
mel  ze  alten  zilen  unibe  sam  ein  rat.  —  do  unser  herre  daz  ßr- 
mament  gesefiuof,  do  Itiez  er  daz  ez  umbe  tiefe  als  ein  scliibe,  und 
zwar  (nach  schon  antiker  Vorstellung)  von  osten  nach  vvesten,  während 
die  planeten  um  seinen  uiuschwuiig  in  etwas  aufzuhalten  ^  on  westen 
nach  Osten  strebeu  :   Berthold  287,  vergl.   altd.   leseb.   770. 

*'""  sonne  und  mond  als  räder  gedacht  und  dargestellt:  niythol. 
586  ff.  664.  daz  rat  der  liehten  sunnen  Tit.  2993.  beide  bestimmen 
den  jahresIauF,  und  das  jähr  mit  seinem  rcgelmäfsig  wiederkehrenden 
Wechsel  von  monaten  und  zeiten  erscheint  selbst  auch  als  ein  ring 
(mythol.  716)  :  deshalb  wird  das  rad  mit  den  zwei  bildern  das  man  in 
Baiern  am  pfingstmontag  umlrägt  und  sich  drehen  läfst  (Schm.  I,  320) 
wohl  das  jähr  mit  sommer  und  winter  bedeuten  sollen. 


144       GLÜCKSRAD  UND  GLLCKSKUGEL. 

Heinr.  kröne  7;  laune  des  glückes.  diese  redensart  mochte 
der  anlafs  sein  zuletzt  auch  die  wechselnden  gemiilsslininiun- 
gen  des  menschen  laune  zu  nennen,  wie  das  bereits  Frauen- 
lob gethan  (Ettmüllers  ausg.  leich  1,  10,  24.  spruch  213,  3) 
und  mit  einer  im  reim  begründeten  Überhäufung  der  verfalser 
des  jüngeren  Tilurel  681.  2373.  3558.  5063.  5739  u.  a.  in 
eben  dieser  Zusammenstellung  des  glucks  mit  dem  monde  liegt 
auch  der  grund  aus  welchem  das  glücksrad  in  der  wirklichen 
ausführung  wie  in  der  beschreibung  der  dichter  mit  vier  per- 
sonen  pflegt  besetzt  zu  sein :  es  entspricht  diese  zahl  um  so 
unzweifelhafter  den  vier  mondsvierteln,  als  es  nach  eigentli- 
cher meinung  nicht  vier  verschiedene  menschen  sein  sollten, 
sondern  ein  und  derselbe  mensch  blofs  im  fortschreitenden 
Wechsel  verschiedener  zustände:  die  kunst  jedoch  mit  alter- 
Ihümlicher  naivetät  zeichnete  den  einen  wirklich  viermal  hin, 
und  die  dichter  sahen  dann  nur  und  brachten  in  worte  was 
der  augenschein  gab.  den  beweis  hierfür  giebt  der  Hortus 
deliciarum.  das  glücksrad  ist  da  ganz  in  gewohnter  weise 
gemalt :  rechts  und  links,  oben  und  unten  schweben  vier 
männer  an  ihm,  und  zwar  könige:  die  beigesetzte  erklärung 
aber  lautet  so. 

Vox  illius  qui  in  rata  sedet,    qiii  modo    ad   alla   rehilur, 
modo  in  ima  derolritur. 

Glorior  elatus,  doscendo  inhiorijicatu.s, 

inßmu.s  aae  premor,  rursus  ad  alta  vchor. 

quid  sibi  pauper  hämo  promittit  tempore  longo  ? 
incertus  ccrtum  quid  sibi  mundus  habet? 

labilis  ut  ventus  sie  fransit  laeta  iuventus, 
omnia  mors  tollit,  omnia  morte  cadunt. 
und  nicht  allein  an  den  mond,  an  die  erde  selbst  auch  diirflc 
man  bei  dem  glücksrad  denken,  da  auch  sie  dem  allherkömm- 
lichen und  natürlichen  begrilFe  für  kreisförmig  galt,  auch  dem 
niittelalter  noch  für  eine  scheibe  festen  landcs,  rings  umllofsen 
vom  ocean.  daher  die  deutschen  benennungen,  des  continents 
midjungards  u.  s.  f.,  des  oceans  wendilmeri  (mythol.  754. 
sprachsch.  1,  764.  2,  819).  sie  war  nur  der  mittelste  kreis 
vieler  andern  die  um  sie  her  sich  lagerten :  eine  freske  des 
14n  jh.  im  campo  santo  zu  Pisa  (Didron,  histoire  de  dien 
5,  98)  zeigt  gott  eine  grofse  scheibe  vor  sich  haltend,  in  deren 


GLÜCKSRAD  UND  GLl  CKSKl'GEL.  145 

mitte  (1.18  festlaiid  ist,  niul  dariim  her  in  immer  weiter  ge- 
schlagenen kreisen  der  ocean,  die  sonne,  der  mond.  die  sterne, 
der  zodiacus,  die  neun  engelchöre.  von  diesem  erdring  aber 
oder  weltring,  wie  man  glcichlalls  sagte  (mythol.  754),  und 
von  der  kreisenden  sonnen-  und  sternenwelt  übertrug  sich  der 
begriff  der  radform  und  der  radbcwegung  einfach  auch  auf  die 
weit  im  geistlichen  verstand  des  wortes.  Otfried  sagt  3,  7,  17 
uuio  sih  zerhit  joh  thüu  viiörolt  mierbit,  und  der  sancl- 
gallische  Übersetzer  des  Boethius  konnte  das  rad  das  Ixion 
stäts  vergeblich  zu  berge  treibt  (er  vermengt  Ixion  und  Sisy- 
phus)  auf  sie  ausdeuten,  täz  ist  oxeinphim  dero  die  mit  tero 
uuerltc  ri/igent,  tiii  io  se  täle  gdt  ände  i?'o  sectatores 
mite  fi'iorct  Graffl70;  so  wird  auch  auf  jenen  bildern  die 
(^Jiristum  in  das  rad  stellen  damit  eher  die  weit  gemeint  sein, 
rad  der  weit  und  rad  ilcs  glückes,  eigentlich  ist  aber  nur  der 
ausdruck  verschieden,  die  sache  jedoch  beidemal  dieselbe: 
wirklich  fafst  auch  Seb.  Braut  jenes  rad  des  Ixion  als  glücks- 
rad  auf,  har  bij  mercken^  ir  gwaWgen  all!  ir  sitzen  zwoi^ 
in  glückes  fall:  sin  dt  icitzig  und  trachtend  das  end,  das 
gott  das  radt  üch  nit  umb  wend.  —  Ixion  blibl  syn  rad  nit 
stnn :  dann  es  Ion  ff t  nnib  von  irinden  klein  narrensch.  171. 
172.  der  könig  im  Hortus  deliciarum  spricht  um  das  bild  des 
glücksrades  zu  erklären  incerlns  certum  quid  sibi  mundus 
habet?  und  Johannes  von  Rinkenberg  fährt  nach  der  Schil- 
derung desselben  erklärend  fort  hie  bi  ist  uns  bezeichenlich 
der  weite  manicvalt  und  gröz  unstwfe  vdll.  1,  341^. 

Indess  schon  im  mittelalter  dachte  man  sich  die  erde 
nicht  immer  nur  in  gestalt  eines  kreises :  seit  dem  zwölften 
Jahrhundert  gelangte,  trotz  den  einreden  heiliger  kirchenvä- 
ter,  die  aus  dem  griechisch-römischen  alterthum  überkom- 
mene erkenntnis  dafs  die  erde  kugeleht  sei  unter  den  gelehr- 
ten wenigstens  zu  stäts  allgemeinerer  gellung :  wir  finden  sie 
im  Lucidarius,  dann  wieder  in  einer  predigt  br.  Bertholds, 
dann  in  der  Meinauer  naturlehre  ausgesprochen,  am  letzteren 
orte  fast  wörtlich  mit  eben  sojchen  beweisgründen  als  noch 
jetzt  dabei  gäng  und  gäbe  sind  (die  altd.  hss.  d.  Basler  bibl. 
s.  20.  altd.  leseb.  767  f.).  hiedurch  nun  ward  den  dichtem 
die  aneignung  auch  des  anderen  Sinnbildes  empfohlen,  das  die 
antike  kunst  der  glücksgöttin  beigiebt,  der  kugel,  obschon 
Z.  F.   D.   A.  VI.  10 


146       GLÜCKSRAD  UND  GLLCKSKUGEL. 

ihnen  dieses  nie  so  geläufig  geworden  ist  als  das  rad.  denn 
auch  die  kenntnis  von  der  kugelgeslall  der  erde  war  ihnen, 
den  meist  ungelehrten,  lange  nicht  so  geläufig  als  die  alter- 
thiimlichere  meinung  des  volkes  dals  die  erde  ein  flachrund 
sei;  zudem  war  die  kugel  des  glückes  nicht  in  gleich  male- 
rischer und  abenteuerlicher  weise  mit  klimmenden  und  stür- 
zenden menschen  zu  besetzen,  und  so  nahm  sich  ihrer  dar- 
stellung  auch  die  bildende  kunst  nicht  an:  ein  bedeutender 
antrieb  weniger  für  die  dichtkunst. 

Es  nennen  aber  die  dichter  diese  kugel  des  gUickes  ent- 
weder einen  bal! :  gclücke  ist  rehte  als  ein  bal:  swer  sti- 
get  der  so/  vürhteii  val  Freidank  114,  27.  gelückes  balle* 
und  ouch  das  reht  het  inz  gercelzet  hazzcr  Tit.  2368;  oder 
aber,  und  dies  häufiger,  eine  Scheibe :  Forliina  di  ist  so  ge- 
tan :  ir  schihe  Idzet  si  uinhe  gdn  Lampr.  Alex.  99''.  die 
hcten  sich  geluzen  zuo  töde  und  zuo  libe,  dar  nach  daz 
diu  schibe  des  glückes  loufet  nnde  get  und  übervert  und 
entstet  nach  glücke  und  nach  heile  Herbort  150''.  ich  wil 
der  Sa'lde?i  schiben  ril  irilliclichen  triben,  sit  si  mir  so 
gerne  gdt  Amis  2053.  ?///;■  get  der  Sirlden  schibe  Engelh. 
4400.  sines  gelückes  schibe  gie  im  allez  entwerhes  Mai'- 
tina  218"''.  du  Ufiser  schibe  ensanit  gie  warnung  30 ^iS. 
swie  krumbe  so  min  schibe  gc  Gottfr.  Trist.  14474.  dem 
sin  schihe  als  eben  gie  Neidh.  5,  5.  daz  ze  wünsche  get 
so  wol  min  schibe  19,7.  dem  get  tcol  sin  schibe  enzell 
slehtes  unde  krtimbes  21,  7.  suie  so  mir  min  schibe  ze 
wünsche  niht  enloufe  39,  3.  trip  dine  schiben  so  si  gdt 
der  Minne  lehre  2012.  //•  schibe  lief  gar  ebene  Elisab. 
Diut.  1,  347.  SU  so It  er  die  schiben  allez  ßir  sich  triben, 
die  wil  si  gieng  so  eben  Ottoc.  454".  guot  State  er  des 
het,  ob  er  wolle  triben,  die  wil  si  gie,  die  schiben  527'. 
die  Lnger  haben  bewwret  ein  altez  Sprichwort  an  in :  daz 
g^t  uf  den  sin :   die  wil  daz  dinc  also  stet  daz  diu  schibe 

■■'■'  im  reime  auf  valle,  also  ein  schwaches  masc.  wie  Lanz.  21ü. 
8105  (vergl,  8125),  wie  mundartlich  noch  jetzt,  und  wie  auch  in  der 
Schriftsprache  ivaarcnballen  ;  mit  letzlerer  bcdeutung  schon  im  mhd.  : 
des  ein  künegin  bedarf,  manegen  hallen  man  da  warf  in  den  kiel 
Ulr.  V.  d.  Thürlein  Wilh.  62*.  vergl.  GrafTs  sprachseh.  3,  93  und 
Hahn  zum  Lanz.  s.  224. 


GLIJCKSRAU  UND  GLUCKSKLGEL.  147 

eben  get,  so  sol  man  si  niht  sten  hin  686\  und  mit  der- 
selben Übertragung  vom  glück  auf  den  lauf  der  weit  wie  dort 
beim  rade  schön  du  min,  so  schon  ich  din,  sit  wir  beide 
schuldic  sin:  ditz  ist  der  werlde  schibe  Renner  91''.  denn 
schibe  gilt  im  all-  und  mittclhoclideutschen  wie  noch  jetzt  in 
mundarten  auch  lür  den  begriff  der  kugel  und  den  des  cylin- 
ders,  gleich  den  adj.  sinewel  und  rund* -^  ja  es  scheint  häu- 
liger  eine  kugei  als  eine  scheibe  im  jetzigen  sinn  des  wortes 
bezeichnet  zu  haben,  während  diese  bei  genauerer  bezeich- 
nung  eine  radscheibe  hiels,  vergl.  Schmeiler  3,  309.  nur  ein- 
mal, in  einer  stelle  von  Gottfrieds  Tristan,  ist  mit  dem  wort 
schibe  unzweifelhaft  auch  eine  radscheibe,  ein  rad  des  glückes 
gemeint :  diu  schibe  diu  sin  ere  truoc,  die  Mörolt  friliche 
sluoc  in  den  bilanden  allen,  diu  was  dö  nider  gevallen 
7165;  sonst  jedoch  wo  von  der  Scelden  schibe  und  nament- 
lich da  wo  blofs  von  einer  schibe  ohne  nennung  des  glückes 
die  rede  ist  (und  letzterer  stellen  ist  die  mehrzahl)  wird  man 
•es  mit  kugel  übersetzen  müfsen,  indem  hier  meist  und  ganz 
deutlich  noch  eine  nebenbeziehung  hinzukommt,  ja  den  ge- 
danken  an  Fortuna  und  die  weit  vielleicht  noch  überwiegt, 
eine  beziehung  nämlich  auf  ein  beliebtes  gesellschaftsspiel  wo- 
bei man  Scheiben  d.  h.  kugeln  nach  einem  ziele  laufen  liefs ; 
auch  im  verbalen  ausdruck  ward  das  schiben  genannt,  eben 
wie  man  noch  jetzt  in  Baiern  auf  die  kegel  scheibt  i  Schmei- 
ler 3,  307.  das  hauptsächlichste  unter  den  alten  Zeugnissen 
Hndet  sich  im  Renner  132'';  auf  das  kegelspiel  läfst  es  sich 
nicht  ausdeuten. 

noch  ist  ein  ander  affenheit 

diu  schaden  bringet  unde  leit, 

nnd  ist  doch  leider  inanic  man 

der  wenic  daz  bedenken  kan. 

so  zwene  schibent  zeinem  zil, 

lauft  die  kugel  iht  ze  vil, 

so  wil  einer  uf  haben  den  wint 

und  neigt  sich  nider  als  ein  kint 

und  denet  den  mantel  vaste  nider. 

•"  selbst  ring  ist  gelegentlich  soviel  als  kugel:  Marc.  Cap.  44  Gr. 
wird  sphaera  damit  übersetzt;  ringet  paternosterkügelchen  Schmeiler 
:i,   109. 

10* 


148       GLÜCKSRAD  IND  GLLCKSKUGEL. 

f/rtfr  nach  schibt  der  ander  hin  wider, 

und  ist  der  kugeln  iht  vil  ze  gäch, 

so  louj't  er  balde  hinden  nach 

und  schriet  'louf,  kugel,  vrouwe! 

zomv  din,   liehiu  fron,  nu  zouweV 

siht  man  die  kugeln  gliche  ligen 

gen  dem  zil,  s6  wirt  genigen, 

tveiz  gut,  i'il  jnichels  tiefer  dar 

dan  da  man  gotes  selp  nimt  war. 

si  streckent  sich  nidr  uf  den  liit 

zer  erden  als  ein  allcz  wip 

die  lange  wiirme  hizcnt ; 

si  kristent  unde  krizent, 

si  mezzent  unde  mezzenl, 

biz  daz  si  gar  vergezzent 

daz  si  witzig  Hute  sint : 

si  ligent  hie  reht  als  diu  kint 

diu  grüeblin  grabent  an  der  sfräzen, 

wie  mac  ein  wiser  man  geldzen, 

er  müezp  lachen  swenn  er  daz  siht? 

nu  hoert  waz  jnere  dd  geschiht. 

so  si  geloufent  hin  unt  her, 

so  machent  si  den  biutel  her 

und  gwinnent  dar  zun  müediu  bein  ■ 

sold  Juan  taglon  geben  in  zwein, 

in  würden  die  zwen  Schilling  sur. 

des  sprichet  manic  vilzgcbiir 

sim  wib  dd  heirn  ril  bcesiu  wort, 

der  die  kugeln  heizet  frouwen  dort. 
ein  spiel  also  bei  dem  viel  darauf  ankam  ob  die  kugel  ebene 
und  slehtes  oder  krumbe  und  entwerhes  gieng,  ob  sie  über- 
vuor  oder  entstuont,  das  mit  eben  solcher  leidenscliaft  um 
gewinn  und  verlust  getrieben  ward  wie  das  Schachspiel,  und 
deshalb  ebenso  wie  dieses  (vergl.  meine  abhandlung  über  das 
Schachspiel  in  den  beitragen  aus  den  bibl.  d.  Aargaus  1,  38  1". 
44  f.)  geeignet  war  bildliche  ausdrücke  für  glück  und  unglück 
der  menschen  herzugeben,  dasselbe  oder  ein  dem  ähnliches 
spielte  man  auf  der  eisbahn,  und  dieses  eisschieben  ist  denn 
auch  zu  vergleichungen  gebraucht  worden  welche  dicht  neben 


HELLEGIUVE.  149 

der  mit  dem  glücke  und  seiner  fliichtigkeit  und  belriiglichkeit 
liegen,    zu    vergleichungen    mit    der  untreue   in    freundschaft 
und  in  liebe:  s.   die  anm.  zu  Sirarocks  Walther  2,  171. 
WILH.  WACKERNAGEL. 


HELLEGRAVE. 

In  der  apocalypse  heifst  es  20,  12  libri  aperti  svnt  — 
et  iudicati  sunt  mortui  ex  his  quae  scripta  erant  in  libris 
secundum  opera  ipsormn:  danach  in  dem  bruchstücke  vom 
jüngsten  gericht  fundgr.  2,  136  so  dut  man  tif  di  buch;  do 
ane  stet  unsir  dat,  si  si  ubil  oder  gut.  danne  toirt  irshei- 
nit  wer  nu  got  mit  herein  meinit.  di  herein  unde  Hb  nu 
intreinijit,  wi  heizze  di  danne  tveinint,  so  si  ror  in  ge- 
scribin  sehint  wi  si  dunt,  wi  si  nu  lebint.  ez  in  ist  nit 
so  hele,  ez  in  werde  wol  uffinbere,  ez  si  ubil  odir  gut, 
so  man  di  buch  uf  dut.  so  man  di  buch  insluzit  unde 
breidit  unde  di  dodin  urtdeilit  al  darnach  di  buch  sagint, 
so  vrowint  sich  di  wol  gelebit  hant;  und  weiterhin  so  got 
di  buch  ane  gesihit  unde  einis  igelichin  menschin  lebin 
gelisit,  so  kerit  er  sich  zu  der  cesiwin  haut  zu  den  di  imc 
gedinit  haut  u.  s.  f.  und  eben  darauf  zurückgehend  bei  Pe- 
trus Alfonsi  in  der  discipl.  cleric.  39,  2  ad  portam  loci  iu- 
dicii,  ubi  leges  in  rolulo  quicquid  tua  manus  egit  in  hoc 
saeculo  und  bei  br.  Berthold  136  du  stest  ouch  allenthal- 
ben an  dem  blate  bi  den  bcesten.  es  wird  also  das  leben 
des  menschen  hindurch  aufgeschrieben  was  er  gutes  und  was 
er  böses  thut*:  jenes  ist  das  geschält  seines  engeis,  dieses 
das  gern  und  aufmerksam  geübte  amt  des  teufeis.  so  zeigen 
sich  beide  in  Steinbildern  rechts  und  links  an  dem  romani- 
schen portale  des  Bonner  münsters,  sitzend  und  jeder  in  ein 

*  ähnlich,  jedoch  nicht  eins  mit  der  röiuischeü  Vorstellung  wonach 
bei  der  geburt  eines  menschen  die  Parcen  dessen  zukiioftige  geschicke 
niederschreiben:  Otfr.  Müllers  arcbäol.  d.  kunst  398,  1.  dieselbe  Vor- 
stellung war  auch  deutsch  :  vergl.  Jac.  Grimms  mythol.  377  f.  ;  nur 
kann  prievard  Marc.  Cap.  39.  44  Gr.  nicht  wohl  unter  die  belege  ge- 
rechnet werden,  da  hier  schon  das  laf.  original  die  ausdrücke  srriha 
und  Ubraria  bat. 


150  HELLEGRAVE. 

blatt  schreibend  das  er  auf  den  knieen  hält:  am  kirchenpor- 
tal  durch  das  die  Christen  zum  bekenntnis  ihrer  sünden  ein- 
gehen und  das  vorbildlich  an  jene  porta  loci  iudicü  mit  ih- 
rem rotulus  mahnt,  und  im  münster  von  Basel  kauert  zwi- 
schen dem  bogengeripp  der  im  j.  1486  aus  stein  «gehauenen 
kanzel  gleichfalls  ein  teufel  und  schreibt  in  ein  aufgerolltes 
blatt;  eine  weiter  unten  stehende  inschrift  endigt  mit  den  Wor- 
ten -prope  est  dies  domini.  dieser  schreibende  teufel  ist  aber 
eine  schon  sehr  alte  Vorstellung,  bereits  in  dem  althochdeut- 
schen gedieht  vom  jüngsten  tage  (altd.  leseb.  73,  33)  wird 
von  dem  siindlichcn  thun  des  menschen  gesagt  </«^  der  tiuval 
dar  pi  kitarnit  stctitit,  der  hapet  in  ruocu  rahhöno  iiuelihha, 
das  der  man  upiles  kij'rurnita,  daz  er  iz  allaz  kisngel 
denne  er  ze  dem  siionu  quimit.  —  ruaba  ruova  ist  eigent- 
lich s.  V.  a.  zahl:  in  ruoru  hapen  ist  wie  in  zale  hnven 
Wernh.  v.  Niederrh.  4,31  (1.  der  sterren  gitet  und  havet 
in  zale)  und  eben  auch  mit  beziehung  auf  den  acht  geben- 
den teufel  heifst  es  im  buch  der  r  igen  (zeitschr.  f.  d.  a.  2,  77) 
wer  jnöht  7iu  haben  in  der  zal  iuwer  veikheit  über  al? 
der  i'int  zel,  ob  er  iril,  dem  ir  dienet  dne  zil.  natürlich 
aber  fallen  überhaupt  uiul  besonders  hier  zählen  und  schrei- 
ben in  eins  zusammen:  der  rechnende  schreibt  auch,  und 
auch  seine  zeichen  sind  bucjistaben. 

Dafs  von  diesem  ruova  das  verbum  brüeven  prüercn, 
syncopiert  aus  berüeven,  herstammen  möge  habe  ich  schon 
im  glossar  zum  altd.  lesebuch  lxxii  angenommen :  mit  dem 
lat.  prubare  und  dem  fr.  prourer,  von  denen  man  es  sonst 
abzuleiten  pflegt,  hat  es  nur  einen  theil  seiner  bedeutungen 
gemein,  der  sich  doch  auch  sehr  wohl  auf  den  grundbegrilf 
des  Schreibens  und  zählens  zurückführen  läfst  (vergl.  das  nihd. 
schriben  anordnen  Aen.  3530*  und  das  alts.  biscriban  beach- 
ten Heliand  22,  24.  161,  24).  und  erst  der  Ursprung  aus 
ruova  läfst  es  begreiflich  werden  dafs  anstatt  brüeven  und  in 
dessen  sinne  öfters  brieven  geschrieben  steht,  z.  b.  Ruolant 
248,11.  Nib.2170,  2.   klage  2154.   das  althochdeulsche  kennt 

*  wunder  schriben  (Lacbniatins  ausw.  292.  Jac.  Griinms  Andr.  und 
Eleiie  162)  ist  weder  hiermit  noch  mit  jenem  schreiben  der  schicksals- 
f^Öltinncn  zusammenzustellen  :  es  bezeichnet  ^anz  eiiientlich  das  aul- 
schreiben  bereits  {geschehener  wunder. 


DER  WELT  LOHN.  151 

uufser  dem  subst.  nur  noch  ein  verLum  ruaboii  garuabu/i 
(numerare  diniunerare  leniinisci :  Grafts  sprachsch.  2,  3G1): 
letzterem  zunächst  liegt  in  all  seinen  lauten  das  ags.  gcrefa 
graf.  und  so  könnte  auch  das  ahd.  garäveo  garäoo,  syn- 
copiert  griiveo  grdro  (gnraven  comitis  Greilhs  spicil.  V^atic. 
32)  mit  dem  nicht  ungewohnten  und  in  der  lautgeschichte 
wohlbegründeten  wechsel  von  ua  und  ä  (vergl.  z.  b.  ruaivn 
und  räwa^  iinver  und  aber  cebor,  bluojen  und  blüjan,  iiuoha 
und  ndha/i)  zu  eben  dieser  wurzel  gehören,  und  grdceo  und 
gerefa  würden,  wenn  auch  entstellungen  (Schmellers  bair. 
wh.  2,  104),  doch  zugleich  richtig  verdeutschende  entstel- 
lungen des  griech.  lateinischen  graphio  sein,  damit  wäre 
denn  auch,  um  schliefslich  wieder  auf  jenen  schreibenden  teu- 
fel  zurückzukommen,  der  name  he/Zcgräre  erklärt  den  das 
gedieht  vom  anegenge  39,46  dem  teufel  giebt;  er  bezeich- 
net ihn  eben  als  den  höUeuschreiber.  das  wort  mul's  ein  nicht 
ungebräucliliches  gewesen  sein,  da  in  der  zeit  von  Klinsors 
besuche  ein  bürger  von  Eisenach  denselben  beinamen  führte: 
Koberstein  über  d.  gedieht  v.  Wartburger  kriege  67.  in 
späterem  gegensatze  dazu  nennt  der  ackermann  von  Böheim 
cap.  9  gott  den  hiinmelgrafen. 

WILH.  VV ACKERNAGEL. 


DEK   WELT    LOHN. 

Der  deutsche  Volksglaube  weils  von  dämonischen  wei- 
bern  der  nacht  imd  des  waldes  die  vornen  jung  und  stolz  und 
verführerisch,  am  rücken  jedoch  häfslich  geschwänzt  seien 
oder  anzuschauen  wie  ein  wüster  hohler  bäum:  Jac.  Grimms 
mythol.  418.  898.  1033;  damit  läfst  sich  die  schottische  sage 
vom  Thomas  von  Erceldoune  zusammenstellen  dem  in  den 
armen  die  feenkönigin  auf  einmal  zu  einem  scheul'slichen  alten 
weihe  wird:  vdHagens  MS.  4,  598.  gewohnt  nun  wie  das 
mittelalter  war  die  weit  zu  personificieren  und  im  sinne  des 
christenthums  sie  mit  der  häfslichen  und  nur  schön  geschmink- 
ten königin  Jesabel  zu  vergleichen  (4  reg.  9,  30.  Ze  glicher 
wis  alz  div  kü/igin  Jesabel  die  livt  an  sich  zoh  mit  ge- 
mähter schceni.     Aso  tvot  och  div  weit,     div  hat  nivt  na- 


152  DEH  WELT  LOHN. 

tivr Hoher  scfueni.  si  .strichet  aber  välsch  achoeni  an.  dax- 
ist zergaulilith  schceni  vnd  vrwde.  vnd  hohfart.  des  libes 
gemach,  giot.  vnd  ere.  vnd  alle  div  vppekeit  div  in  der 
weit  ist.  daz  ist  nit  anders  won  ain  vdrwlin.  daz  hivt  ist 
vnd  mor?i  nit.  Mit  den  dingen  zivhet  si  die  livt  an  sich : 
Albrechts  des  Kolben  predigtsaramL  88^)  oder  mit  einem  schö- 
nen, aber  bald  entseelten  und  entstellten  bilde  (Walth.  67. 
32  ff.  *)  oder  mit  den  übertünchten  gräbern  in  der  strafrede 
Christi  'welche  auswendig  hübsch  scheinen,  aber  inwendig 
sind  sie  voll  todtenbeine  und  alles  unflats'  (ev.  Matth.  23,  27. 
diu  werlt  ist  iizen  schcene,  wiz  grüen  unde  rot,  und  in- 
nän  swarzer  varwe,  vinster  sarn  der  tot  Walth.  124,  37  f.**), 
lag  es  nahe  genug  die  personification  unter  benutzung  jener 
volksniäl'sigen  und  ursprünglich  nicht  christlichen  sagen  und 
anschauungen  noch  bestimmter  zu  gestalten  und  auch  von  der 
Welt  zu  erzählen  wie  sie  ihren  freunden  zuerst  ein  liebliches 
angesicht  zeige,  bis  sie  sich  auf  einmal  wende  und  die  Schänd- 
lichkeit ihrer  rückseite  oflenbar  werde :  frö  freit,  —  do  ich 
dich  gesach  reht  vnder  ougen,  dö  was  din  schowen  wun- 
derlich al  sunder  laugen :  doch  was  der  schänden  alse  vil, 
da  ich  din  hinden  wart  gewar,  daz  ich  dich  iemer  schel- 
ten teil  Walth.  101.  9n".  ***  selbst  die  bildende  kunst,   da  sie 

'■  den  anstofs  biezu  mocbtc  die  fabel  des  Roniulus  rfe  lupo  et  ea- 
pite  hominis  (2,  14  des  alten  druckes,  beiNielant  s.  134)  geben,  auch 
in  ßoners  verdeutscbung  derselben  mischen  sich,  nur  etwas  unklar  vor- 
gebracht, anklänge  an  sagen  der  oben  besprochenen  art :  er  legt  rfas 
bilde  auf  die  kiuder  der  weit  aus,  diu  noch  erdenken f  rnanigen  list 
wie  si  der  loelt  gevailen  wol.  ir  srhin  ist  als  ein  br'ünnent  kol,  der 
uj  der  stat  ze  eschen  wirt,  und  mist  und  würrn  ir  li'p  gebirt  38,  38  ff. 
*^  vcrgl.  Renner  205"  swes  herze  ist  aber  untriuwen  vol,  der  dient 
ze  blick  durch  sin  geniczcn  und  kan  sin  dienst  mit  Worten  uz  gie- 
zen  vil  mer  denn  mit  getriuwen  werken;  den  sol  man  glichen  den 
toten  serken  die  uzen  sint  gezieret  wol  und  innen  manges  unßdtes 
vol.  bei  den  färben  die  er  nennt  mag  Walther  an  den  grünen  wald 
und  die  blumen  der  beide  gedacht  haben,  wie  eben  diese  anderswo  auch 
einer  personification  der  weit  vorangebn  :  dar  zuo  die  bluomen  manic- 
valt,  diu  heide  rot,  der  grüene  tvalt  (sind  in  ihrer  schöne  dahin)  — 
so  we'  dir,  ff'erlt,  wie  dirz  gebende  stall   12'2,  30  ff. 

-*='*^  mit  ähnlicher  Mntiliihkeit  des  ausdrucks  klagt  derselbe  dichter 
r)5  f.  dafs  ihm  fro  Sirlde  stäts  nur  den  rücken  zukehre  und  es  ihm 
nie  gelinge  ihr  in  das  antlitz  zu  schauen. 


DER  WELT  LOHN.  153 

weniger  des  schönen  als  des  bedeutsamen  beflilsen  war,  gieng 
auf  diese  Vorstellung  ein:  an  den  niünslerportalen  zu  Worms 
und  zu  Basel,  dort  schon  aus  dem  dreizehnten  Jahrhundert, 
steht  unter  anderen  bildern  auch  das  der  Welt,  ein  schönes, 
siils  lächelndes,  üppig  gekleidetes,  königlich  gekröntes  weih : 
aber  der  rücken  wimmelt  ihr  von  schlangen  und  kröten  und 
anderem  Ungeziefer,    und  es  züngeln  flammen  daran  empor. 

Besonderen  einflufs  mag  hier  noch  die  alle  Überlieferung 
von  den  Sirenen  geübt  haben,  auch  sie  dachte  schon  die  an- 
tike weit  aus  jungfraulicher  schöne  und  der  fremdartigsten 
thierheit  zusammengesetzt,  und  auch  sie  zuerst  verlockend, 
dann  verderbend;  auch  sie  wurden  deshalb  im  mittelalter  auf 
die  weit  und  ihre  lust  gedeutet  (phvsiologus  fundgr.  I,  19. 
25.  Konr.  v.  Würzb.  31S.  vdH.  2,  311')  und  in  solchem 
sinne  auch  künstlerisch  dargestellt :  im  horlus  deliciarum  der 
Herrad  von  Landsberg  (Engelhardt  46.  taf.  V)  sind  es  musi- 
cierende  Jungfrauen  denen  nur  aus  dem  gewand  unten  vogel- 
füfse  schauen;  auf  einem  romanischen  capitell  des  münster- 
chores  von  Basel  ist  die  Sirene  richtiger  halb  weib  halb  fisch, 
und  auch  das  junge  an  ihren  brüsten  hält  zugleich  einen  fisch 
in  der  band. 

31an  blieb  jedoch  bei  jener  vereinzelten  anschauung  der 
Welt  nicht  stehen,  sondern  brachte  sie  ganz  nach  dem  vor- 
bilde der  anfangs  berührten  volkserzählungen  in  sagenhafte 
Verbindung  mit  den  lebensereignissen  benannter  oder  unbe- 
nannter historischer  personen,  und  berichtete  nun  von  de- 
nen wie  sie  der  schönen  Welt  lange  gedient,  endlich  aber 
auch  von  hinten  sie  gesehen  und  nun  von  ihr  ab  und  einem 
andern  befseren  herren  sich  zugewandt  hätten,  bei  dem  Guo- 
t«re  wird  das  noch  ohne  namensangabe  nur  von  einem  'wer- 
then  ritter'  erzählt  und  erscheinung  und  bekehrung  an  dessen 
todtbette  versetzt,  vdH.  31S.  3,  41.  Konrad  von  Würzburg 
dagegen  in  der  Werlte  Ion  legt  nach  geschriebenen  quellen 
wie  er  sagt  (44 f.)  dem  diener  der  Welt  einen  bekannten 
dichternamen  bei,  Wirnt  von  Gravenberg:  ihm  erscheint  die 
Welt  da  er  eben  in  einer  kemenate  sitzt  und  erzählungen 
von  der  minne  liest,  und  da  sie  ihm  ihre  scheufslichkeit  ge- 
wiesen, scheidet  er  von  weib  und  kind  und  nimmt  das  kreuz 
gegen  die  heidenschaft  und  besorgt  mit  beständiger  bufse  sei- 


154  DER  WELT  LOHN. 

ner  seele  heil.  Konrad  von  Wiirzburg  lebte  in  Basel :  kann 
demnach  jenes  Basler  Steinbild  auch  in  äufsereni  bezog  auf 
seine  dichtung  stehen?  doch  scheint  dasselbe  beträchtlich  jün- 
ger, nach  Konrad,  wenigstens  mit  beibehaltung  des  von  ihm 
bezeichneten  namens  wiedererzählt  und  in  prosa  übertragen, 
findet  sich  die  gleiche  sage  endlich  noch  zum  dritten  mal  in 
einer  Züricher  handschrift  des  vierzehnten  Jahrhunderts  und 
daraus  im  altd.  lesebuche  9^i5  —  948:  hier  ist  es,  mit  einer 
art  von  rückkehr  zu  der  volksmäl'sigen  grundanscliauung,  ein 
wald  in  welchem  der  ritter  auf  die  herrin  trifft  der  er  nun 
schon  fünfundzwanzig  jähre  gedient  hat;  von  einer  kreuzfahrt 
berichtet  diese  erzählung  nichts :  eine  solche  lag  nicht  mehr 
in  dem  gedankenkreise  der  späteren  zeit. 

Ist  aber  der  narae  Wirnts  von  Gravenberg  echt  und  ur- 
sprünglich in  dieser  sage?  ich  glaube  kaum:  er  gehörte  nicht 
grade  zu  den  berühmteren,  und  sein  einziges  werk,  der  Wi- 
galois,  bot  dafür  keinen  anlafs  dar.  wie,  wenn  hier  eine 
Verwechselung  geschehen  wäre,  eine  Verwechselung  Wirnts 
und  eines  andern  gleichfalls  fränkischen  dichters,  Walthers 
von  der  Vogelweide?  keiner  berührt  die  idee  um  die  es  hier 
sich  handelt  so  oll  als  Walther,  und  grade  die  Vorstellung 
vom  schönen  augesicht  und  dem  häfslichen  rücken  der  Welt 
lindet  zuerst  bei  ihm  sich  ausgesprochen,  noch  ein  umstand 
kommt  hinzu,  bei  dem  GuotaTC  und  in  Konrads  dichtung 
nennt  die  Welt,  indem  sie  nun  auch  ihren  rücken  zeigt,  die- 
sen anblick  den  lohn  den  sie  für  so  lange  treue  dienste  ge- 
währen Avolle,  also  nur  die  ekelhafte  entleuschung :  offenbar 
etwas  schiefes  und  ungenügendes,  wie  auch  der  verfafser  der 
späteren  prosa  wohl  eingesehen  hat,  der  die  weit  mit  schick- 
licher abänderung  den  ewigen  tod  als  ihren  lohn  bezeichnen 
läfst.  die  veranlafsung  zu  dieser  Schiefheit  liegt  in  densel- 
ben Worten  Walfhers,  in  denen  zugleich  wohl  die  erste  und 
nächste  veranlafsung  der  ganzen  sage  gelegen  hat.  er  beginnt 
nämlich  ein  anderes  an  die  Welt  gerichtetes  gedieht,  worin 
er  über  deren  unbestand  und  Undankbarkeit,  ihr  zurückneh- 
men alles  früher  gegebenen,  ihren  höhn  und  spoft*  nach  lan- 

*  WM  bin  ich  alt,  und  hast  mit  mir  diu  gampelspil :  die  Welt 
als  eiu  spielweib  aufgefafsf,  fiier  mit  bezug  auf  die  gaukelkünste  wie 
aijjerswo    auf  das    saiteuspicl  solcher  weiber:    vergl.    den  Jdmcrleich 


DEK  WELT  LOHN.  155 

geni,  leib  und  seele  ragenden  dienste  zornig  und  droliend* 
klagt,  dies  gedieht  nnn  mit  den  worten  fVelt,  ich  hau  dinen 
Ion  ersehen  67,  8.  hier  aber  passt  das  wort:  denn  der  lohn 
der  Welt  ist  sünde  und  krankheit  (Reinm.  v.  Zweter  vdH. 
2,  213"),  ist  kunimer  (Parz.  475,  17)  und  noth  {ir  süc^ie?' 
tun  ein  bitter  nut  arm.  Heinr.  711)  und  zuletzt  der  tod  {der 
künic  mit  ßize  tcarf  eins  er  wurd  bestatet  schon :  daz  ist 
aller  der  Ion  den  diu  loelt  git  Ottocar  781*') ;  undank  ist  der 
weit  lohn :  do  leart  gezigcn  des  diu  selbe  Agnes,  si  gteb 
im  der  weite  Ion  Ottoc.  741''. 

Sei  aber  dem  Avie  ihm  wolle,  sei  jene  sage  zuerst  an 
Wallhers  oder  an  einen  andern  namen  geknüpft  worden,  sie 
gehörte  jedesfalls  zu  den  beliebtesten  Vorstellungen  des  mit- 
telalters  und  ward  so  weif  durch  die  lande  getragen  dafs  sie 
selbst  in  den  Orient  gelangte,  und  erst  da,  aulserhalb  des 
christenthums,  vollendete  sich  die  Christianisierung  des  in  sei- 
nem Ursprung  unchristlichen  stoiFcs,  indem  ein  Perser  die  ge- 
schichte  von  der  Versuchung  Christi  in  eben  ein  solches  zu- 
sammentreffen desselben  mit  der  Welt  umdichlete :  s.  Ham- 
mers gesch.   d.   schönen  redekiinsle  Persiens  236  ff. 

WILH.  WACKERNAGEL. 

der  nach  den  freuden  der  weit  komme  Berlb.  24*2.  er  rüeret  j'dmers 
Seiten  üf  dirre  weife  harpfen  und  hwret  mengen  seharpfen  ddn  uf 
ir  gigen  altd.  lesebuch  757,  10.  besonders  aber  Parz.  475,  13  ff.  6we, 
Jf^erlt,  wie  tuostu  so  ?  du  gist  den  Hüten  herzeser  unt  riwebceres 
kumbors  mer  dan  der  freu d.  wie  stet  di'n  Ion!  sus  endet  sich  dtns 
mceres  don. 

*  diu  jdmertac  wil  schiere  kamen  und  nimet  dir  swazt  uns  hast 
benomen  und  brennet  dich  dar  unibe  iedoch,  wie  dort  am  bilde  der 
Welt  auch  flammen  empor  schlagen  und,  wieder  hiemit  zu  vergleichen, 
in  des  von  Wiirtemberg  buch  574(1.  flammen  aus  dem  leib  des  gespen- 
stischen weibes  brechen. 


156 


DIE    DEUTSCHE    HELDEINSAGE    IM    LANDE 
DER   ZÄHRINGER   UND    IIN    BASEL. 

Bekanntlich  liiefs  Verona  bei  den  Deutschen  des  mittelal- 
lers  Berna,  mhd.  Berne ;  selbst  Thoniasin,  obgleich  ein  Ita- 
liäner,  giebt  wo  er  deutsch  spricht  der  italiänischea  Stadt  den 
deutschen  namen :  und  gedenke  wol,  deisl  ivdr,  das  Betone 
an  ere  truoc  den  kränz ;  ir  turne,  ir  hiuser  wären  ganz : 
diu  sint  hestreuwet  lif  der  ert ;  ir  pris  ist  worden  ouch 
unwert  welsch,  gast  2,  6.  mit  dem  sechzehnten  Jahrhundert 
trat  an  dessen  stelle  die  Zusammensetzung  Dieterichsbern 
(Wilh.  Grimms  d.  heldens.  304)  und  blieb  in  geltung  bis  zu 
anfang  des  achtzehnten:  sie  wies  auf  den  Dietrich  von  Bern, 
Theodoricus  \  eronensis,  der  deutschen  heldensage  hin*,  und 
sollte,  wie  es  denn  besonders  die  Schweizer  waren  die  sich 
ihrer  bedienten  **,  die  benachbarte  lombardische  stadt  von  dem 
Bern  der  eigenen  heimat  befser  unterscheiden  helfen. 

•■  lu  f'erona  ßndt  man  ein  irol  würdig  zu  besehen,  wärkhaft, 
mechtig  gebuwen  des  Dietrichs  von  Bern  hus,  als  die  Tütschen  nen- 
nen;  strnst  ist  es  ein  theatrum  colliseum  oder  rena  (arena),  als  ich 
mein,  von  Feronesern  geheißen:  reise  einiger  Zürcher  von  1545,  bei- 
trage aus  den  bibl.  d.  Aargaus  1,  286.  vergl.  heldens.  4Ö.  2ü4.  auch 
zu  lloni  gab  es  ein  Dietrichshaus,  die  heutige  Cngelsburg  (Jac.  Grimms 
mythol.  1135):  dies  aber  hatte  seinen  namen  von  dem  schiinen  Dietrich 
der  Crescentiensage  :  Kol.  cod.  '247.  altd.  bl.  1,  301  f.  ein  zweites  noch 
unbeachtetes  zeugnis  aus  der  Schweiz  giebt  Konr.  Gesner  in  seinem 
Milhridates  1555  s.  42,  cantilenis  fere  comprehendehant  et  celebrahant 
veteres  Gerinani  quae  memoriae  tradere  volebant :  sed  hae  etiani  omnes 
piifo  iniuria  temporum  et  incuria  hominuni  in  oblivioncm  abierunt. 
apud  nos  quidem  nullinn  est  vetustius  carnien  quam  quod  Thcodorici 
f'eronensis  et  Ilildebrandi  gesta  celebrat.  sunt  et  illa  forte  7nedio- 
criler  antiqua  quae  in  templis  germanice  a  tota  plebe  decantata  sunt 
hactenus,  cum  cetera  latine  contarentur,  ut  illud  de  resurrecfione 
domini  ' Christ  ist  erstanden  von  der  tnarter  allen.' 

'^'*  Sebastian  Münster  (heldens.  304)  zu  Basel,  Äg.  Tschudi  von  Gla- 
rus  {Dietrichsberner  Rhetia  1538.  C  rw.),  Reinhold  von  Frcientahl,  ein 
Aiipenzcllor  (poet.  s|iazierwaldlein   1700.  s.  161)  u.   a. 


DEUTSCHE  HELDENSAGE.  157 

Woher  aber  hatte  das  iichtländische  Bern  seinen  namen? 
ich  ghiuhe,  von  jenem  loinbardischen,  indem  guter  Vorbedeu- 
tung wegen  dessen  geschichtlich  und  sagenhaft  berühmter  name 
ebenso  auf  die  neue  Stiftung  übertragen  ward  wie  es  überall 
und  grade  auch  auf  helvetischem  boden  sitte  war  einzelne 
personell  und  ganze  geschlechler  nach  beiden  der  sage  und 
der  dichtung  zu  benennen :  vergl.  meine  abhandlung  über  die 
Schrutane  von  Winkelried  in  den  beitragen  d.  histor.  gesellsch, 
zu  Basel  3,  369  fr.  zwar  pflegt  man  bei  dem  namen  Bern 
in  Übereinstimmung  mit  dem  wappen  der  stadt  an  hären  zu 
denken:  geschichtliche  lieder  schon  von  1368  an  brauchen 
dies  thier  als  beständiges  symbol  von  Berns  kriegslustiger 
bürgerschaft  (Rochholz,  eidgenöfs.  liederchronik  11  ff.)  und 
bereits  Juslinger  erzählt,  s.  10  der  ausg.  von  Wyfs,  der  Stif- 
ter habe  sich  vorgenommen  seine  Stadt  nach  dem  ersten  ihiere 
zu  benennen  das  in  dem  wald  würde  gefangen  werden,  das 
sei  aber  ein  bär  gewesen,  indess  wird  diese  chronistenety- 
mologie  uns  nicht  irren  dürfen,  der  gründer  Berns,  im  j. 
1191,  war  Berthold  V  herzog  von  Zähringen :  der  aber  hatte 
zwiefach  triftigen  grund  der  alten  Verona  zu  gedenken:  sein 
ahn,  der  erste  Berthold,  war  durch  Verleihung  kaiser  Hein- 
richs 111  auch  markgraf  von  Verona  gewesen,  und  dann,  was 
jedesfalls  noch  wirksamer  war,  da  der  markgrafentitel  von 
Verona  zu  dieser  zeit  schon  an  die  badische  Seitenlinie  über- 
gegangen, keinem  fürstenhause  lag  so  wie  dem  der  Zährin- 
ger die  erinnerung  an  die  deutsche  heldensage  beständig  und 
lebendig  nah  vor  äugen,  eine  hauptstadt  ihres  landes  war 
Breisach,  in  der  sage  der  vielgenannte  sitz  der  Harlungen 
und  ihres  pflegers,  des  treuen  Eckehard ;  ein  berg  in  der 
nähe  Breisachs  trug  von  letzterem  damals  wie  noch  heut  den 
namen  Eggehai'tberch  (urk.  v.  1185  in  Herrgotts  cod.  probat. 
s.  195),  und  in  dem  Bürglenberge,  von  dessen  klösterlichem 
schlofse  an  schönen  abenden  die  fenster  bis  herab  nach  Basel 
funkeln,  sollte  ein  schätz  alter  beiden  vergraben  liegen  {der 
Ymelunge  —  1.  Amelunge?  —  hoi't  lit  in  dem  Biirte/iberge 
m  bi  MS.  vdH.  2,  24r.  vergl.  mythol.  933)  der,  wenn  Sim- 
rocks  Vermutung  ebenso  richtig  als  schön  ist,  unter  dem  na- 
men me?i  Bi^isinga  (entstellt  Brosinga  mene),  d.  h.  der  Brei- 
sacher  schätz,  bis  in  den  scandinavischcn  Norden  und  zu  den 


158  DEUTSCFIE  HELDENSAGE. 

Angelsachsen  hin  berühmt  war:  Sinirocks  Rheinland  74.  in 
dem  gedichte  von  Alpharts  lod  74  kommt  ein  Avielger  von 
Brijscn  vor. 

Von  eben  solcher  sagenhaften  erinnerung  war  Berlhold 
erst  das  jähr  zuvor  und  ganz  in  der  nähe  Berns  berührt  wor- 
den, als  er  Burgdorf,  bis  dahin  einen  offnen  ort  an?  fufse  eines 
allen  erbschlofses,  zur  stadt  erhob,  an  diesem  schlofs  näm- 
lich haftete  folgende  sage.  '  Burgdorff  soll  —  vor  vilen  100 
Jahren  erbawet  seyn,  von  zweyen  brüderen,  der  eine  Syntram, 
der  andre  Baltram  genannt,  beyd  hertzogen  zu  Lentzburg; 
als  nun  anff  dem  berg,  da  jetzund  das  schlofs  vnd  s.  Mar- 
garetlien  capel,  neben  der  statt  stehet,  ein  vngehewrer  drach 


gedrolfen,  haben  sie  sich  mit  jhme  in  kamplf  begeben,  Baltram 
aber,  so  den  ersten  angriff  getlian,  von  dem  drachen  ver- 
schluckt, der  junger  bruder  aber,  Syntram,  dem  drachen  so 
hart  zugesetzt,  dafs  er  jhne  vmbgebracht,  der  bauch  also  bald 
geöffnet,  vnd  den  bruder  erlediget,  das  geschah  anno  712  eben 
an  dem  orth,  da  jetzund  s.  Margaretha  capel  stehet,  Avelche 
zu  gedächtnus  der  sachen  von  diesen  fürsten  dahin  gebawen 
vnd  gestifflet.  auch  die  liistorj  darin  gemahlet  worden*.'  so 
Cysal  in  seiner  Beschreibung  defs  berühmbten  Lucerner-  oder 
4.  Waldslätten  sees  1661.  s.  175  f.:  bei  andern  (s.  deutsche 
sagen  d.  br.  Clrimm  I,  301)  das  gleiche,  nur  bald  weitläufli- 
ger,  bald  kürzer;  am  kürzesten  und  zuerst  in  Justingers  Ber- 
nerchronik  8  :  die  feste  Burgdorf  sei  gebaut  von  zwei  her- 
zogen von  Lenzburg,  Sintram  und  Baltram,  die  'einen  grofsen 
wurm  und  tracken  zuo  tode  ersluogen,  als  man  das  in  den 
alten  buechereu  lindet.  und  in  s.  Margreten  capell  uf  der  veste 
zuo  Burgdorf  gemalel  slat.'  Hans  Rudolf  Grimm,  '  buchbin- 
der,  trompeler  und  llachmahler  in  Burgdorf  ,  tlieilt  s.  42.  43 
seiner  Kleinen  Schweitzer -cronica  1733  auch  zweierlei  alle 
reime  auf  jenes  wunderbare  ereignis  mit ;  das  capellengemälde 
war  schon  zu  seiner  zeit  'mit  kalch  verweifsget  worden', 
aber  ein  andres  am  kaufliause  war  annoch  zu  sehen,  jetzo 
ist   anch    dies    letztere    verschwunden    und    die   capelle   abge- 

*   s.   Margaret.!    pdegt    eben    selbst    mit  einem  gefersellen   drachen 
unter  den   füfsen  abgebildet  zu  werden. 


DEUTSCHE  HELDENSAGE.  159 

brochen ;  was  mau  bedauern  darf,  da  eher  die  gemälde  als 
eine  noch  lebendij^  lortbesleliende  sage  die  quelle  und  gewälir- 
schaFt  jener  gedruckten  berichte  werden  gewesen   sein. 

Die  gleiche  sage  aber  und  die  gleichen  namen  waren 
einsl  noch  weiterhin  bekannt:  sie  waren  hineingezogen  in 
den  grofsen  kreis  der  allgemeinen  deutschen  heldensage.  die 
landesgeschichle  kennt  keine  grafen  von  Lenzburg  (denn  es 
niüsten  graten  gewesen  sein)*  die  in  so  frühen  zeiten  gelebt 
und  Sintram  und  Baltram  geheilsen  häWen  :  w  ohl  aber  erzählt 
am  andern  ende  des  deutschen  Sprachgebietes  die  Vilkina- 
saga  von  einem  beiden  namens  Sintram,  der  ein  söhn  Her- 
brands  (cap.  34),  ein  bruder  Hildebrands  ist  (cap.  44),  und 
nachdem  ihn  ein  drache  verschlungen  durch  plötzliche  hilfe 
Dietrichs  von  Bern  wieder  befreit  wird  (cap.  44) :  es  ist  also 
mit  einer  Verwechselung  die  leicht  geschehen  konnte  der  name 
Sintram  von  dem  erretter  auf  den  erretteten  übergegangen, 
und  auch  Baltram,  an  dessen  stelle  hier  Dieterich  getreten, 
ist  darum  der  heldensage  nicht  entfremdet:  es  heilst  so  in 
Dietrichs  flucht  und  in  der  Ravennaschlacht  einer  von  Etzels 
mannen. 

Die  sage  vom  Sintram  sei  in  den  allgemeinen  deutschen 
Sagenkreis  erst  hineingezogen  worden :  allerdings  hat  sie  in 
diesem  ein  etwas  überwüchsiges  aussehn,  und  man  wird  das 
umgekehrte,  dafs  also  ein  theil  der  allgemeinen  heldensage 
sich  in  Burgdorf  nur  localisiert  habe,  nicht  so  leicht  anneh- 
men dürfen,  mit  anderen  localsagen  ist  ja  ganz  das  gleiche 
geschehn,  mit  denen  vom  markgrafen  Rüdiger  in  Österreich 
und  mit  den  zwergen-  und  drachen-  und  entführungssagen 
der  Langobarden;  und  wenn  im  Biterolf  und  Dietleib  ein 
Berthold  erscheint  welcher  der  Sicdbe  herre  und  fürste  von 
der  Swdbe  lande  heilst  (heldens.  138),  so  ist  damit  gar  ein 
name  aus  der  zeitgeschichle,  der  erbname  eben  unsrer  Zährin- 

*  so  ändert  auch  Stumpff  in  seiner  schweizerchruniic  229"  still- 
scbweigends  ihren  tilel  :  'statt  vnd  schiolTz  ßurgdorlf,  vor  zejten  ein 
hauptstatt  des  kleinem  Burgunds,  ist  erstlich  gestitftet  vnd  das  schloflz 
daselbst  gebanwen  von  zweyen  grauen  von  Lentzburg,  Sintramo  vnd 
Baltramo  gebrüdern.  das  bezüget  der  Berner  chronica,  dorcb  wirt  kein 
jarzal  anzeigt.'  den  drachenkanipf  iäfst  er  vorsichtiger  weise  ganz 
unerwähnt. 


160  DEUTSCHE  HELDENSAGE. 

ger,  in  die  sage  geriicict ;  ja  in  Dietrichs  flucht  8611  und  in 
der  liavcnnaschlacht  716  kommen  selbst  ein  Fridunc  und  ein 
Sigcher  vo/i  ZeTingen  unter  den  beiden  Ermenrichs  vor.  als 
aber  Berthold  V  den  Burgdorfern  stadtrecht  gab,  war  die  Ver- 
allgemeinerung ihrer  sage  schon  vor  sich  gegangen,  und  es 
nuiste  ihm  dieselbe  eine  poetische  erinnerung  von  weiterem 
beziige  sein :  das  ist  aus  der  entstehungszeit  und  entstehungs- 
art  der  hier  einschlagenden  liauplurkunde,  der  \'ilkina-saga, 
mit  noch  grölserer  Sicherheit  aber  aus  einem  altbaslerischen 
kunstwerk  zu  schlielsen,  das  zugleich  auf  diesem  gebiete  das 
früheste  ist:  Verona  selbst  hat  in  dem  basrelief  der  s.  Ze- 
noskirche,  das  den  letzten  jagdzug  könig  Dietrichs  darstellt, 
kein  älteres  denkmal,  und  wohl  auch  nicht  das  schönere*. 

Nämlich  in  Basel,  einst  einer  hauptstadt  des  burgundi- 
sclien  reiches,  wie  das  alte  schlofs  ßurgdorf  in  demselben  ge- 
legen war,  zeigt  sich  an  einem  säulencapitell  des  münster- 
chores,  nahe  bei  andern  welche  die  antike  sage  von  Pvra- 
mus  und  Thisbe  und  Alexanders  greifenfahrt  (Anno  214.  Konr. 
V.  Würzb.  MS.  vdH.  2,  33  4'')  erneuen,  auch  jenes  Burgdor- 
fcr  abenfeuer  abgebildet,  hier  jedoch  schon  mit  solcher  Wen- 
dung dafs  der  rettende  held  Dietrich  von  Bern  ist.  und  dies 
capilell,  ein  ganz  wohl  gelungenes  stück  arbeit,  rührt  unzwei- 
feliiaft  aus  dem  anfange  des  zwölften  jahrliunderls  her.  die 
darstellung  vcrtheilt  sich  über  drei  zusammenstofsende  seilen : 
auf  der  ersten  kämpft  ein  riüer  mit  wilden  stieren:  auf  der 
zweiten  mit  baren  und  einem  fischgestaltigen  ungelhüm;  auf 
der  dritten  endlich  wird  eben  derselbe  (es  kennzeichnet  ihn 
sein  geflochtenes  walTenhemd)  von  einem  andern  aus  dem 
Schlund  eines  drachen  gezogen,  das  schildzeichen  des  erret- 
ters  ist  ein  löwe,  während  der  gerettete  in  seinem  schilde 
kein  zeichen  hat:  einen  löwen  aber  in  schild  und  faline  führt 
überall  wo  die  wappen  der  beiden  beschrieben  werden  Dietrich 
von  Bern     heldens.  142  f.  237j,  und  auch    hier,   in  der  abbil- 

'■'  s.  Zeiio  ist  im  j.  1138  durchaus  erneuert  worden,  auf  der  inuern 
seile  der  vorderwand  findet  sicti  unter  anderem  bilderschrauck,  dessen 
Zeichnung  'goffissimo'  sei,  'uomo  a  cavallo,  che  va  a  caccia,  cou  cla- 
mide,  e  staffe,  quali  non  mi  sovviene  aver  osservate  in  monumento  piü 
antico';  eine  Überschrift  in  versen  bezeichne  den  reiler  als  könig Theo- 
doricus:  Malfei,  Verona  illustrata  3,  66.  67. 


NIEDERLANDISCHE  REIMSPRÜCHE.  161 

düng  solch  eines  drachenkampfes,  war  er  daran  ebenso  leicht 
und  sicher  zu  erkennen,  und  jedes  andere  Verständnis  und 
jeder  zweifei  war  damit  für  die  Deutschen  des  mittelalters 
ebenso  bestimmt  ausgeschlolscn,  als  wenn  man  den  Griechen 
einen  beiden  zeigte  in  der  löwenhaut  und  mit  der  hydra  käm- 
pfend, die  Zähringer  hatten  das  gleiche  wappenthier,  viel- 
leicht auch  dies  in  erinnerung  an  Verona  und  Dietrich,  ob- 
schon  Leichtlen  (Zähringer  48)  eine  andere  erklärung  giebl: 
Berthold  I  habe  bei  verzichtung  auf  den  herzogstitel  von 
Schwaben  wenigstens  noch  einen  von  den  drei  löwen  des 
schwäbischen  wappens  beibehalten. 

Also  Dietrich  schon  zu  anfange  des  zwölften  Jahrhunderts 
der  erretter  Sintrams,  in  der  geographie  der  deutschen  hel- 
densage  die  äufserslen  punkte  gegen  Südwesten  hin  Burgdorf 
und  Bern,  und  das  älteste  denkmal  bildlicher  darstellung  der- 
selben hier  in  Basel.  WILH.  WACKERNAGEL. 


NIEDERLÄNDISCHE    REIMSPRUCHE. 

DEN  HERREN  DOCTOREN  JONCKBLOET  UND  DE  VRIES  IN 
LEIDEN  ZU  DANK  UND  ERLNNERUNG. 
Schon  in  meinem  programm  über'  die  altdeutschen  hand- 
schriften  dej^  Basler  Universitätsbibliothek  60.  61  habe  ich 
nachricht  von  den  niederländischen  sprächen  des  cod.  F. 
IV.  38  gegeben  und  einige  derselben  zur  probe  beigejugt. 
auf  antrieb  der  freunde  denen  diese  blätter  gewidmet  sind 
gehe  ich  Jetzt  an  die  vollständige  mittheilung ;  die  latei- 
nischen verse  jedoch,  die  je  auf  einen  deutschen  reimspruch 
folgen,  lafse  ich  hier  wie  im  programm  und  aus  eben  den- 
selben gründen,  hier  auch  noch  um  der  raumersparnis  wil- 
len fort:  nur  zuweilen  wird  es  zweckdienlich  sein  sie  mit 
abzudrucken. 

1  En  kanstu  komen  ton  hoghesten  nicht  bl.  V 
Begheres  doch,  des  hefstu  plicht 

2  Et  ne  wart  ny  mensch,  zo  wret  van  zynnen 
Deme  mit  ghe  dult  nicht  mochte  wynnen 

2,  L  wret  in  der  hs.  aus  wert  gebefsert. 

Z.  F.  D.  A.    VI.  11 


162  NIEDERLANDISCHE  REIMSPRUCHE. 

3  Du  en  nemes.  dy  des  besten  an  7'' 
Hat  eder  leue  besteyt  die  dan 

4  De  en  is  nicht,  en  arm  Man 
Der  zieh  tome  zinen  halden  kan 

5  Lat  allen  dach  dio  lesten  sin 

So  kompt.  vnvonvan  heitere  schin 

6  Wat  doch  mi  al  ghelucke  dan 
Wan  ich  nicht  des  gebruken  kan 

7  Soke  den  market  des  morgens,  wyes 
Dat  hus  des  auendes.  so  hefstu  pryes 

8  Snode  ist  dat  hus  dar  nicht  ouer  en  konie 
Dat.   den  heren  sfulc.  vnd  den  denen  vrome 

9  Wat  malke  voge.    dar.   lat  heel  by 
So  ist  he.   mengher  sorghen.  vry 

10  Ghyfl  dy  got  geluckes  spei 
Vnversprocken.  cnphaet  snel 

1 1  Byst  du  zunt  en  wert  dy  nicht 
Mer  engheuen  de  koninghe  gyfl 

12  Goed  vnd  wyes  de  dar  spreken 
Her  peucheu  richter  lat  in  sfeken 

V^ir  bonus  et  prudens.  audebil  dicore  poulheu 
Rector  thebarum.  quid  nie  perferri  pati  est 
Indignum  temptäs. 

13  We  se  ete  kol  in  duldicheyt 
De  vor  smade  der  heren  arbeyt 

14  Kompt  al  menschen  to  corinthen  nicht  8' 
Wat  nu  den.  voghe.  dar  an  licht 

Non  cuiuis  homini  contingit  adire  corinthuni 

15  Kon  de  rauen  eten  vnd  swighen  alleyne 
So  hedde  mim.  moyghet.  vnd  hates  cleyne 

16  We  se  vil  lucht  den  en  louet  men  nicht 
Ok  ist  w^ol.  dat  he  de  wareyt  spricht 

9,  1.   lies  malken         12,  2.  lies  pentheu  —  lat  mi         3.  lies  pentbeu 
4.   lies  perferre  palique       15,  2  lies  min       16,  1.  vil  aiis  wil  gebefsert. 


NIEDERLANDISCHE  REIMSPRUCHE.  136 

17  Swe  nemet  loser  liereii  cleyder 

Hie  en  sie  sich  vor  it  wert  ein  ieyder 

18  Wat  vnd  wen  du  sprekes  to 

Dat  merk,  vnd  holt  dat  vmmer  also 
Dat  he  nicht  en  vrage  van  dy 
Dat  openbar  inschemenden  sy 
Wente  ensghesproken.  dat  ist  gheschen 
Vnd  kan  ok  neman  weder  teyn 

19  Wen  du  loues.  da  proue  na 

Dat  vroinede  schemede  dy  nicht,  ensla 

20  Wan  dy  is  vür  tor  neghesten  dore 
Went  er  sich  meret.  so  hode  dich  vore 

21  Vnvorsocht  sin  heren  sote 
Vorsocht.  de  vruchit  ere  ghe  mote 

22  Wan  ghelucke  din  scliep  voret 

So  se  dat  et  nicht,   en  werde  vorstoret 

23  Nimst  du  et  neder  If  te  ho  8'' 
ghelich  in  seden 

Oderunt  ylarem.  tristes  tristemque  iocosi 
Sedatum  seleres.  agilem  grauiumque  remissi 

24  Nim  dan  ich  hebbe  si  mi  ghenoch 
So  heb  ich.  vroliches  leuendes  roch 

25  Men  achtit  menghes  leuendich  nicht 
Dar  sich  doch  mennich  in  dode  na  rieht 

26  Malk  de  redet  na  siner  art 
Also  he  van  kinde  hat  ghelart 

27  Grot  ghelofte  lichtet  de  truwe 

Dat  wiset  de  tromere  vnd  ist  nicht  nuwe 
Multa  fidem  promissa  leuant  vbi  plenius  equo 
Laudat  venales.  qui  wlt  extrudere  merces 

28  De  jar  berouet  vns  allen  Suel 
V^roude  lust  vnd  minnen  Spei 


21,2.  lies  vruchtit  23,2.  so.        4.  lies  celeres  —  guavumque 

24,  1.  lies  Min        27,  2.  lies  cremere 

11* 


104  NIEDERLÄNDISCHE  REIMSPRICHE. 

29  Noch  wnder  noch  leue.  is  en  ouer  al 
Ein  iewelich.  houet  heuet  sunderen  scal 

30  Ich  wil  des  mines  ein  here  sin 
Wat  ok  de  kiudere  spreken  min 

31  De  wolust  vlu  dar  schade  af  kome 
Does  du  dat,  dat  ist  din  vrome 

32  Te  sistu  alder.  werlde  got 
Mer  enheftus  den  notruft  bloc 

33  We  penninghe  hefl  vnd  nut  der  nicht 
De  ist  in  dogheden  en  snoder  wicht 

34  En  westu  nicht  wor  gelt  tu  licht  9" 
Tor  nut  tor  not,   to  anders  nicht 

35  Vruwen  dar  mer  schaden  is  wen  win 
Vli  balde  mit  tlite  dat  ist  min  sin 

36  Des  singher  sede  ist  also 
Vnghe  beden  singhet  se  ho 

37  We  dichten  kan  vTid  swigen  cleyne 
mit  dem  hebbich  neyn  ding  ghemcyno 

38  De  wcrlt  ist  nu  also  ghe  stah 
In  allen  heuet  de  rike  walt 

39  We  en  bekrumpen  herte  hat 
Wat  doch  em  des  arsten  rat 

40  Din  Icyt  to  den  ersten  vore  di 
Dar  na  so  claghet  to  wrekenc  mi 

41  Sal  man  prisen  dyne  rede 
Nacht  den  worden  richte  de  sede 

42  Nicht  alle  din  wille  sehnt  to  hau 
Vil  dicke  wert  et  vm  ghe  want 

43  We  des  speles  nicht  enkan  9"' 
De  lat  af  men  laghedene  an 

44  Enes  ghe  misset  en  rekene  ek  nicht 
Vil  dicke  dat  dem  wisen  schit 

29,  1.  aus  wndert  gebefsert.         32,  2.  lies  enhefstu         35,  2.  aus  sim 
gebefsert.         36,  1.   lies  Der         41,2.  lies  Nach       42,  1.  lies  to  hant 


NIEDERLÄNDISCHE  REIMSPRUCHE.  165 

45  De  danken  vnder  vosses  velle 
En  lat  di  nummer  dreghen  seile 
Nunquam  te  fallent  animi  sub  wlpe.  latentes 

46  Sve  leret  de  eghestern  vnd  maket  se  tarn 
De  meister  hunger.  vnd  nemet  sich  an 

47  Dar  na  dat  penninghe.   halt  din  käste 
Holt  dy  malk.  den  louen  vaste 

48  Vinstu  ienighen  swarten  Swanen 
So  machtu  vrouwen  truwe  maneu 

49  Wat.  er  is.  de  willen  neten 
Voghe  er  is.  de  willen  scheten 

Nosce  volunt  onines  mercedem  soluere  nemo 

50  Wil  ghelucke  so  werstu  ho 
En  willet  et  auer.  so  blif  also 

51  De  sunde  wert  gherekenet  grot 
Nach  deme.  de  dar  sunde  dot 

52  Ich  loue  den  sone  vm  sine  dat 
Nicht  dorch  dat  de  vader  hat 

53  De  rike  \TUchtet.  al  dat  waghet 
De  arme  singhet.  vnvorsaghet 

54  Like  sunde.  werdet  dicke  dan  10" 
De  sere  vnlich.  doch  Ion  vntfan 

55  Sveghestu  et  blas,  dat  vur  wert  grot 
Heldestu  et  stille,   et  steruet  dot 

56  Lechstu  \Tir  by  dore  stro 
Nicht  lange  blift  dat  stro  also 

57  Nach,  leue,  win  en  matet  nicht 

Si  sint  van  schemeden.  vnd  angestes  plicht 

58  Wat  man  gyft.  van  gunsten  dar 
Des  salman  dancken  dat  ist  war 


45,  3.  lies  fallant        46,  1.  lies  We      2.  lies  en  nemet  49,  2.  lies 

Noghe         3.  lies  Nosse         50,  1.  lies  verstu?         53,2.  d.  h.  unvor- 

zaghet          55,  1.  lies  Weghestu          56,  1,  d.  h.  dorre  57,  1.  lies 
Nacht 


166  NIEDERLANDISCHE  REIMSPRUCHE. 

59  War  man  minne.  kopen  sai 
Dar  ist  dal  spei  vor  loren  al 

60  En  hedde  sich  Rome  mit  manheyt  nicht  ghe  wegel 
So  wer  aller  hus  dak  mit  stro  ghe  leghet 

61  Methige  dy  slapes.  vnd  heb  dir  walt 
De  tyt  wert  lang  de  du  rouwen  salt 

62  Vil  dicke  wert  vor  meden 
De  sunde  in  vryen  steden 

63  Wat  man.  vorbut  des  ger  we  io 
Vor  Stollen  dink  dat  machet  vro 

64  Argus  de  hat  oghen  vel 

Noch  dan  bedroch  en  minnen  spei  10'' 

65  We  nicht   en  geuet.    vnd  nemet  io 
Dem  slut  ich  iummer  de  dore  to 

66  Dicke  dat  anliat  maket  kunt 
Vorborgliencn  hat  des  herlen  grünt 

67  Maghcre   lüde  allen  sint  se  licht 

Se  sint  doch  ta  vnd  van  senen  dicht 

68  Wor  twe  wol  dreghen  in  ein 
Seiden  ist  dat  nicht  ghe  sehen 

69  De  iegherc  iaghet  dat  dar  vlet 
Sin  mote  iummer  vor  went  stet 

70  Ich  vle  dal  dar  volghet  mich 
Dat  dar  vlet  dat  iaghe  ich 

71  Wat  en  ander  vor  dinet  sich 
Wor  vmme  sal  dat  scaden  mich 

72  De  vruwe  is  vville   sets  vnd  vor  wäret 
Mit  wu  groter  hude  men  varet 

Nee  custodiri  ni  vellit  vUa  potest 

73  Dat.  dorheyt  is.  dat  ghe  openbaret 

De  hemelich  mach  bliuen.   vn  vor  kart 


08,  1.   lies  droghen  (i9,  '2.    lies  inoet  —  vorwert  72,  1.   lies  en 

willcj  se  is  unvorwaret         3.  lies  velit         73,  1.  lies  Dat 


NIEDERLÄNDISCHE  REIMSPRUCHE.  167 

Quis  furor  est  (|ue  nocte  latent,  in  luce  fateri 
Et  que  clam  facias  facta  referre  palam 

74  De  wnden  heb  ich  seinen  dan 
Dar  ich  grot  lidem  mut  af  han 

75  En  loue  nicht  dn  en  seyst  den  ende 
Wo  lichte  eft  it  sich  vmme  wende 

76  De  vngheiuckege  iaghet  dicke 
Dar  vnghelucke  em  leghet  stricke 

77  Wat  ghe  metet  werl.  van  tid  11" 
Des  werstu  vf  de  lenghe  quit 

78  Of  du  mi  nicht  sconen  wult 

Scone  den  minnen  vnd  hebbe  gedult 

79  Ich  iide  lichte  dat  recht  mi  doet 
Vnscnldich  liden  mi  suaret  den  mut 

80  Tu  den  boghen  nicht  to  ser 
Ift  du  des  willes  bruken  mer 

81  Ost  vnd  Westen  louet  di 
Wan  du  bist  in  dogheden  vry 

82  Echtstap  soke  din  ghelich 
Wlt  tu  bliuen  in  vrouden  rieh 

83  Hopene  sterket  manghen  man 

De  is  mit  ghe  dult  vor  beyden  kan 

84  Wy  ropen  alrest  de  gode  an 

Dat  se  vnghelucke  vns  worpen  van 

85  Vrolicher  drome  beyde  ich  dan 
Wan  ich.  war  vroude  nicht  enhan 

86  In  körten,  worden  bore  mir 
Roke  du  mir.  so  roke  ich  dir 

87  Swighen  lengher.  ist  mi  swar 
Dat  vur  wil  sin  openbar 

88  De  iuncvrouwe  nemet  scaden 
De  volghen  wel  losen  manen 

74,  2.  lies  liden  82,  1.  lies  Echtscap         2.  aus  wrouden  rieht  ge- 

befsert.        2.  manen]  lies  raden 


168  NIEDERLANDISCHE  REIMSPRUCHE. 

89  Lere  schone  vrouwen.  vlen  11'' 
Dar  an  so  wil  ich  dy  dogede  ghen 

90  War.  de  mere  sint  to  grot 
Dar  ist  vil  dicke  de  loue  dot 

91  Nyer  leue  ist  licht  wederstan 
Went  lieh  en  cleyne  vur.  ut  ghedan 

92  In  ghesten  is  de  leue  vn  wis 

So  du.  wenest  euen.  so  vindestu  mis 

Certus  in  hospitihus  non  est  amor,  errat  ut  ipsi 

Cumque  nichil  speres.  firmius  esse  fugit 

93  Du  bist  mer  der  minnen  unecht 
Lat  de  vapen.  des  hefstu  recht 

94  En  iaghe  nicht  dat  rade  ich  dy 
Beyde.  wentz  körn  ripe  sy 

95  Aller  stunde  hebbe  we.  vor  dreet 
De  vns  de  vToude  lang  vor  teet 

96  AI  iuncvrouwen  lif  ist  kranc 
Also  ist  ok  der  dancke  wank 

97  Wan  ich  des  nicht  kan  vramegan 

So  niot  ich  weder  de  wapene  an  van 

98  Vil  dicke  de  arsten  den  >Touwen  gad 
Dar  sie  dan  blancke  arm  au  vad 

99  Kus  de  nemcn  anderen  hat 
Dostu  dat.   dat  is  min  rat 

Elige  de  vacujs.  que  non  sibi  vendicet  aller 
Si   nescis  dominum,  res  habet  ista  suum 

100  Ein  heyl  wonet  vns  beyden  by 
Lit  mit  mi.  ich  lide  mit  dy 

101  Wor  leue  dut  vnd  nicht,  dat  laut  12' 
Dar  werdet  schone  sake  nant 

Nee  te  lar  proprius  sed  amor  reuocauit  amice 
Preteudens  culpe  splendida  verba  tue 

102  Wor  oghen  sen  de  kranken  an 
De  werden  dicke  krank  da.  van 

'Jl,  3.  lies  Hehl  is         93,  2.  lies  wapen         99,  1.  de]  lies  dat 


NIEDERLÄNDISCHE  REIMSPRUCHE.  169 

103  Swe  roret  dat.  vur  mit  sweuele  gicht 
Vel  mer  he  den  des  vures  kricht 
Aldus  schut  dem  de  nicht,  vor  tyget 
Aldat  in  em  de  leue  vor  nyget 

Et  pene  extinclum  ignem  si  sulfure  tangas 
Crescit  et  exminimo  maximus  ignis  erit 
Sit  nisi  tu  A-ites.  quidquid  reuocabit  amorem 
Fiamma  recandescit  que  modo  nuUa  fuit. 

104  Hopene.  de  vor  beydet  noch 
Is  se  walsch.  se  vrowet  doch 

105  Troyen  win  sich  lang,  vor  toch 
mit  herdeue  wart  en  wunnen  doch 
Capta  vides  sero.  pergama  capta  tarnen 

106  Recht  heft  dat  ghewesen  ie 
We  pine  dichtet  de  lide  sie 

107  Wem  du  louest  truwe  best 

In  minnen  spei  dar  hot  dich  raest 

108  Wan  ich  gaue  nicht  gheuen  en  kan 
So  gheue  ich  scone  wort  en  dan 

109  Mit  listen  boghestu  telghen  wol 
Anders  mit  macht,  so  brekestu  se  al 

110  Wan  vnstede  dat.   weder  is 

So  liden  de  lichamme  des  wes  wis 

111  Ouer  spei,  vil  dicke  liet 

Dar  men  stede  gyst  mit  tiet  12 

Cogis  adulterium  dando  tempusque  locum 

112  Ghelucke  grot  vnd  over  vlodich 
Maket  manghen  man  ouer  modich 

113  Swighe  der  dink  dat  is  nicht  grot 
Mer  spreken.  vorborgen,  dat  is  de  dot 

114  Hodet  iu  iuncvrowen.  de  man  de  dreghet 
Et  ist  ghemeyne  dat  sie  leghet 


103,  7.  lies  Sic  104,  3.  lies  valsch  111,  3.  lies  locumque 

113,  1.  lies  SwigheD 


170  NIEDERLANDISCHE  REIMSPRUCHE. 

115  Mit  (Iroghene  mach  man  droghene  angau 
Mit  wapene  den  wapenden  weder  stan 

116  Erde  gift  cmt  got  vnd  quat 
Vil  dicke  bi  rosen  netele  stat 

117  Bösem  beghinne.  sta.  weder  vro 
Dat  et  nicht,  argher  werde  io 

118  Nacht  tyt  sal  man  drincken.  wien 
He  dot  en  anders  scaden  schien 

Temporibus  medicina.  valet.  data  tempore  prosunl 
El  data  non  apto.  tempore  vina  nocent 

119  En  wullu  nicht  in  minnen  strich 

So  en  wes  nicht  ledich.  dat  rade  ich 

120  Van  not  ich  dicke  lide 
Des  ik  in  nut  vor  mide 

121  Enen  groten  euer  to  mengher  stunt 
Leitet  vil  dicke  eyn  cleyne   hnut 

122  Dar  en  is  nicht  so  vele  quat 

Es  nc  möge  mit  gode  werden  rat  13" 

123  Vmme  iuncvrowen  scrigen  heb  ik  gunsl 
Wente  tu  scriende  hebben  sie  kunst 

124  Vntkusche  leue.  vodet  dat  goed 
Des  en  beret  er.  dicke  armol 

125  Noch  lilie  viole  eder  Rose  sin 
Holdet  lange  eren  ersten  schin 

126  De  lyd  komet  snel  dar  to  seet 
Das  spegelen  is  vns  al  vor  dreet 

127  Trösten  de  moder.  want  kinl  is  dol 
Dat  ist  in  wareyt.  dorheit  grot 

128  War.  vnvrede  van  samede  is 
De  Schede  so  ist  dar  vrode  wis 

129  Des  menschen  antlat  is  ho  van  art 
Van  anderen  deren  to  hemele  kart 

115,  1.  aus  engan  gebefsert.         118,  1.  lies  Nach         124,  1.  lies  Vu- 
kusche         2.  er  aus  et  gebefsert.  125,  1.  lies  fin  126,  1.  tyd 

aus  tod  gebefsert. 


iNlEDERLÄNDISCHE  REIMSPRLCHE.  171 

130  Den  middel  wech  in  allen  best 
Dar  ist  de  mensche  velich  mest 

131  Ich  proiie  dat  beste  vnd  gheiies  rede 
Doch  dicke  in  bösen  volgik  mede 

132  En  krank,   beghin  ^il  dicke  hat 
Ghe  lucke  want  to  dem  ende  gat 

133  Wy  louen  also  der  alden  sede 
Dar  we  der  tyd  doch  bruken  mede 

134  Men  eret  vns  allen  vm  dat  gelt 

De  arme  in  allen  dar  neder  velt  IS** 

135  Malk  de  louet  den  anderen  des 
Des  he  seinen  vor  vullet  es 

136  Den  starken  dunket  al  lant  got 
Also  den  visschen  dat  vater  dot 

137  Vnsculdich.   heft  dar  mede  sin  spot 
Vnd  bndet  allen  legheren  trot 

138  De  bilde  den  vnd  ordel  rechte  weidet 
Van  et  de  bedere  suluen.  halden 

Sic  agitur  censura  et  sie  exempla  parantur 
Cum  judex  alios  que  monet  ipse  facit 

139  VVolde  mi  io  en  den  don  lede 

Ich  ghenghe  to  den  anderen  de  helpe  dede 

140  Ghelucke  heuet  vreude  vel 
Vnghelucke  ver  werpt  se  Snel 

Dum  fueris  felix  multos  numerabis  amicos 
Tempora  si  fuerint.   nubila  sohis  eris 

141  Solde  got  al  sundere  slan 

So  en  dorchte.  he  nummer  ledich  gan 

142  Enes  lewen  herte.  is  ghe  noch 
Neder  gheslagen.    vnd  hebben  voch 
Corpora  magnanimo  satis  est  prostrasse  leoni 
Pugna  suum  finem.  cum  iacet  hostis  habet 

nO,  1.  lies  De  —  is  aller         2.  d.  h.  vellich         136,  %.    lies  water 
138,  1.  bilden  deu]  lies  bilden         2.   lies  Wan  140,  I.  lies  vrunde 

2.  aus  wer  werpt  gehefsert. 


172  NIEDERLAxNDISCHE  REIMSPRÜCHE. 

143  Ergher  ist  de  gast  vor  dreuen 
Dan  of  he  were  dar  vte  bleuen 

144  Du  lachest  nu  mit  dinen  vromen 
Hir  na  mach  et  di  suluen  körnen 

145  Lank  vndult  maket  stupen  sin 
Leyf  vnd  ere  is  sinnes  ghewin 

146  Wan  et  mi  lucket.  so  hebbe  ek  pris  14' 
Gheit  et  anders,  so  ne  hete  ich  nicht  wis 

147  Van  stediger  sorghe.  vor  gheit  min  mot 
Also  nye  was  van  ^•^l^e  dot 

148  Sunder  des  arsten  vunt 
Wert  dicke  de  seke  sunt 

149  Ek  en  wet  des  nicht,  vat  et  dot 
Dat  aller  maik  seghet  sin  lant  got 

150  In  wisheyt  vor  hoge  ik  mi  den  mot 
Doch  beken  ek  mit  bei.  den  de  arste  dot 

151  De  seke  dancke  in  allen  tiden 

En  kan  nicht  swares  mit  dult  ghe  lideu 

152  De  wnden  de  van  tastene  werdet,  quat 
De  en  rore  me  nicht,  dat  ist  min  rat 

153  Tunghe  swich  vnd  sprek  nicht  vor 
Diu  wort  ist  nu  nicht  mer  ghe  bort 

154  Snode  eset  doch  mot  maus  ghen 
De  leue  ist  vmme  gelt  ghe  men 

155  Wan  enes  van  anghele.  de  wische  hat  seer  14'' 
So  vruttet  he  vort  al  spise  mer 

156  Wort  eyn  allen  van  donre  slaghen 

Den  vrochten  mot  doch  vil  manich  traghen 

157  Der  suke  de  men  mach.  Ant  fan 
Sai  nemant  to  na  gan  slan 

158  De  macht  sy  krank,  de  wille  got 

Dat  louet  men  doch  wan  men  rechte  dot 

145,  1.  lies  Stumpen         149,  1.  lies  wat         152,  2.  me]  lies  men 
153,  I.  lies  vort        165,  1.  lies  visch        2.  lies  vruchtet 


NIEDERL.4NDISSHE  REIMSPRUCHE.  173 

159  Sote  water  daf  nieu  drink 
Aniiemest  esel  dar  daret  an  sprink 

160  Vel  dicke  de  godde.  den  ghenen  slael 
De  es  ui  mit  scul  vor  dinet  haet 

101  Nach  der  lyd  So  bin  ich  vro 
Nu  aldus  vnd  morghene  so 

162  Do  min  schep  ghelucke  druch 
Do  was  de  westen  by  mi  voch 
Nu  sich  dat  lucke  wendet 

De  >Tuntschap  ok  sich  endet 

163  Des  menschen  lucke  is  kranck  ghehangheii 

Nu  ist  hebere  morghene  vanghen  lö" 

Omnia  sunt  hominum  tenui  pendencia  filo 
Et  subito  casu  que  valere  ruunt 

164  Heren  bände  de  de  slat  lank 
De  dar  gheuet  de  heuet  dank 

165  Leuer  wil  ich  eten  bonen 

Den  wol  varen  mit  sorghen  Ionen 

166  Vor  alle  oucle  is  dat.  we 

Dar  dancke  vnd  wort  dreghet  entwe 

167  Bliuenden  vrede  en  makestu  nicht 
Vnder  catten  vnd  roden  des  we  bericht 

168  Wo  suuerlich  diu  vare  sy 

Du  ne  blift  dar  doch  nicht  lange  by 

169  En  kan  ek  nicht  den.  heren  dynen 
So  do  ich  mi  neder  to  den  nienen 

170  De  leue  werket  al  in  sich 
Wike  wi  er  dat  rade  ich 

171  Vel  dicke  by  goden  crude  stat 
Drespe  vnd  ok.  hauer  sat 

172  Here  mach,  dy  bidden  gycht 
Su  vns  an  dat  ist  di  licht 

160,  2.  lies  scult  162,  2.  lies  der  menscea  by  mi  noch  163,  4.  lies 
valuere  167,  2.  lies  wes  168,  2.  lies  blifst  169,  2.  lies  minen 
172,  1.  Here  aus  He  ere  gebefsert. 


174  SCHRETEL  UND  WASSERBÄR. 

173  Men  dar  nicht  maken.  dar  den  wal 
Dar  men  gyft  ghe  noch  oueral 

Non  opus  est  vallo.  quos  dextra  dapsilis  ambit 

174  We  wisheyt  heft  au  sinenn  mode 
De  is  rike  noch  van  anderen  gode 

175  Sin  eghene  viant  ist  de  man 

Die  sinen  vianden  des  leuendes  gan  15'' 

176  Wese  wat  vor  lesen  mach 
Dene  heft  nin  selich  lach 

177  Wultu  wesen.  ein  gut  richtere  slicht 
Gut,  vrunt,  anghest  en  beweghe  di  nicht 

178  Vuuordreliker  en  wet  ik  nicht 

Dan  dar.   de  snode  vulle  macht  kricht 

173,  3.   //('*  (lextera  17  4,  1.   lies  sincm  oder  sinen  176,  1.  lies 

WILH.  WACKERNAGEL. 


SCHRETEL    UND    WASSERBAR. 

Dllz    ist  von   einem   sehretel   und    von   eineni 
wazzerbärn . 

Swer  hovelicher  nuere  ger, 

der  neige  herze  und  ore  her : 

dem  git  dis  avcnliure 

ein  lachen  ze  stiure. 

ich  lache  euch  swenne  des  Avirt  zit,  5 

ob  sorge  mir  die  muoze  git, 

der  ich  von  rehte  ie  muoste  phlegen. 

nu  hoert  wie  der  von  Norwegen. 

ein  künic  edel  und  hoch  geborn, 

eim  andern  künige  üz  erkorn,  10 

an  adele  sinem  genozen, 

an  richeil  dem  grozen 

und  an  gewalt  dem  starken 

3.  in  der  liandschrijt  gibet  dise  7.    von  rehte]  von  sorge 

8.  bore 


SCHRETEL  UND  WASSERBAR.  175 

künige  von  Tenemarken 

saiile  ein  zamen  wazzerbern.  15 

zwar,  ich  wil  iuch  der  warheit  w  ern : 

er  was  der  wizeu  einer, 

ein  grozer,  niht  ein  kleiner. 

dem  bern  da  gegeben  wart 

gein  Tenemarken  iif  die   vart  20 

ein  wegewiser  villän, 

von  dem  laude  ein  Norman, 

der  in  viieren  solde 

und  sin  durch  miete  wolde 

schon  üf  der  selben  verte  phlegen.  25 

hin  vuoren  sie  von  Norwegen 

über  den  se  den  starken 

und  quämen  ze  Tenemarken 

in  des  edelen  küniges  lant. 

dö  sie  von  stade  üf  den  saut  30 

quämen  beide  dirre  und  der, 

des  bern  meister  und  der  ber, 

des  bern  pfleger  nam  den  bern 

bi  der  lannen,  hin  vuort  ern. 

er  sumte  deine  sinen  ganc,  35 

wan  in  der  äbent  des  tages  twanc 

daz  er  ilte  vaste 

gein  herbergen  durch  raste. 

er  gähte  sere  durch  gemach, 

unz  daz  er  ligen  vor  im  sach  40 

ein  schoene  dorf.  da  hin  k^rt  er; 

im  volgte  an  siner  hant  der  ber. 

dö  er  in  daz  dorf  quam, 

da  sach  er  wit  und  wünnesam 

in  einem  hove  guot  husgemach.  45 

und  er  den  hof  so  schoenen  sach, 

er  dähte  in  sinem  sinne, 

da  saize  ein  ritter  inne 

oder  sus  ein  guoter  bände  man. 

dar  kerte  der  villän  50 

15.  einen  2G.  vuren  28.  zv  32.  absatz.  41.  scL6n  — 

kerte  er 


176  SCHRETEL  UND  WASSERBÄR. 

mit  dem  bern  siizehant. 

den  wirt  des  hoves  er  da  vant 

gar  trüric  vor  dem  hove  stän. 

er  was  eia  guot  einvaltic  man, 

von  art  ein  rehter  gebür.  55 

swie  ofte  im  hart  unde  sür 

wart  sin  lipnar  mit  not, 

er  gap  doch  guetlich  sin  bröl 

ieslichem  der  sin  mochte 

und  in  mit  ziihten  suochte.  60 

Mit  dem  bern  der  Norman 
den  wirt  do  griiezen  began. 
der  wirt  im  dankte  schone ; 
er  jach  'daz  iu  got  lone' 

und  hiez  in  willekomen  sin.  65 

er  sprach  'vil  lieber  vriunt  min, 
durch  iuwer  zuht  tuot  mir  bekant, 
waz  tieres  viiert  ir  an  der  hant  ? 
ist  diu  selbe  crealiure 

gehiure  oder  ungchiure?  70 

daz  eisliche  kunder, 
ist  ez  ein  merwunder? 
muoz  ich  mich  vor  im  viirhten  ihl?' 
der  Norman  sprach  'nein,  herre,  niht: 
ez  ist  ein  zamer  wazzerber.  75 

min  herre  der  künic  sant  in  her, 
der  eren  riebe  von  Norwegen, 
disem  küniclichem  degen 
hat  er  in  ze  presant 

her  gesendet  in  ditz  laut,  80 

dem  ich  in  viiern  und  bringen  sol. 
vil  lieber  wirt,  nu  tuot  so  wol, 
als  iuwern  lügenden  si  geslahl, 
und  lat  mich  mit  iu  über  naht 
bliben  under  dache  85 

in  iuwerm  hüsgemache.' 

51.  saiitzehaiit         56.  hart]  wart         57.  wart  fehlt.         58.  gäbe 

59.  Itslichem  —  gervchte         05.  willekvmen        08.  vuret       81.  vuren 

84.  macht         80.  hvsgeinacii 


SCHRETEL  UND  WASSERBAR.         177 

Der  guole  Tene  einvallic 
sprach  'ich  bin  ungewaltic 
des  hüses  und  des  hoves  min.' 
der  Norman  sprach  'wie  mac  daz  sin?'  90 

des  antwurt  im  der  wirt  zehant; 
er  jach  'der  tiuvels  välant 
und  sin  gespenste  ist  zuo  mir  komen 
in  minen  hof  und  hat  benomen 
mir  swaz  ich  vreuden  ie  gewan.  95 

mit  niht  ich  daz  ervaren  kan, 
waz  creatiure  ez  si. 
sin  hant  ist  swa?r  alsam  ein  bli : 
swen  ez  erreichet  mit  dem  slage, 
swie  groz  er  si,   swie  starc  sin  klage,  100 

ez  sieht  in,  daz  er  vellet  nider. 
sin  gestalt  und  siniu  lider 
diu  moht  ich  leider  nie  gesehen, 
wan  daz  ich  des  fürwär  muoz  jehen, 
und  sage  ez  iu  ze  wunder,  105 

daz  ich  gevriesch  nie  kunder 
so  starc  noch  so  gelenke. 
tische  stüele  und  benke 
die  sint  im  ringe  alsam  ein  bal. 
ez  wirfet  üF  und  ze  tal  110 

die  schüzzeln  und  die  topfe  gar. 
ez  rumpelt  statte  vür  sich  dar. 
ovenbret  und  ovensteine, 
körbe  kisten  algemeine, 

die  wirfet  ez  hin  unde  her.  115 

ez  get  6t  allez  daz  entwer, 
swaz  ist  in  dem  hove  min. 
nu  hau  ouch  ich  die  vreise  sin 
und  sin  untät  geviogen 

und  han  mich  gar  von  im  gezogen,  120 

des  ich  mich  an  iuch  selben  zie. 
seht,  min  gesinde  und  al  min  vie 

91.  antwort         92.  der]  des         03.  94.  kvmen  :  benvmen         97.  crea- 
Ivren         100.  ez  si         101.  Er         102.  Sine  —  sine  gelider         110.  er 
113.   Oven  brete         118.   120.   hab         121.  122.  zieh  :  vich 
Z.   F.  D.   A.   VI.  12 


178  SCHRETEL  UND  WASSERBÄR. 

liät  ez  her  uz  von  im  gelriben 
und  ist  aleine  driune  bliben. 

von  im  ich  grozen  kumber   doi.  125 

vil  lieber  gast,   ir  seht  euch  wol 
daz  mir  hüsrät  ist  wilde, 
ich  hän  ilf  diz  gevilde 
vür  disen  hof  gehüttet. 

zestoeret  und  zeriittet  130 

ist  leider  al  min  husgemach.' 
der  gast  gezogenlichen  sprach 
vil  lieber  wirt,  daz  ist  mir  leit. 
lät  mich  durch  iuwer  hövischeit 
und  durch  iuwer  zuht  hin  in  135 

und  lät  mich  hint  dar  inne  sin. 
waz  ob  mir  lihte  hilfet  got, 
daz  der  tiuvel  und  sin  spot 
und  sin  trucnüsse  mich  verbirt?' 
'turrl  irz  gewagen'  sprach  der  wirt,  140 

'  ich  gans  iu  innenclichen  wol. 
ob  ich  die  wärheit  sprechen  sol, 
so  dunket  ez  mich  tumplich. ' 
der  Norman  sprach  'nu  sliurel  mich 
und  minen  bern  mit  der  spise.  145 

ich  dunke  iuch  tump  oder  wise, 
ich  wägez,  swie  mirz  halt  ergal. 
'  Sit  ir  sin  niht  mcU  haben  rat' 
sprach  der  wirt,  der  guote  man. 
'ich  teile  iu  mite  swaz  ich  hau.  150 

min  einvjiltigez  armuol, 
vil  lieber  gast,  daz  nemt  vür  giiot.' 

Der  wirt  ez  im  güellich  erbot : 
er  gap  im  hier  unde  brot. 

vleisch  ruoben  unde  salz,  155 

er  gap  im  eier  unde  smalz 
und  vrischer  buttern  gnuoc  da  mite 
ze  spise  nach  des  landes  site, 
und  sinem  bern  einen  wider; 

124.  darinne        129.  vor        136.  tiieiit        140.   Turrel        141.  g:an  ez  vch 
148.  sint         157.   pvttern 


SCHRETEL  UND  WASSERBÄR.        179 

des  im  doch  sider  gnuoc  wart  wider.  IGü 

der  ^ast  im  seile  grözen  danc, 
er  nam  die  spise  und  den  tranc. 
in  gotes  namen  dar  gienc  er 
hin  in  den  hof,  mit  im  der  her. 

Der  guote  man  von  Norwegen  J65 

tet  vür  sich  den  gotes  scgen, 
hin  gienc  er  in  ein  bachhus  : 
er  ahte  klein  lif  sohhen  gras, 
als  im  der  wirt  da  seife  : 

ein  Hur  er  bereite,  170 

als  im  der  hunger  geriet : 
sin  kost  er  söt  unde  briet, 
dö  nu  diu  koste  was  bereit, 
er  az  und  tranc  und  was  gemeit 
und  gap  ouch  sinem  born  genuoc.  17.5 

dar  nach  diu  miiede  in  dar  zuo  truoc, 
daz  er  sich  leit  üf  ein  banc, 
und  der  släf  in  des  belwanc. 
der  ber  was  von  dem  gene  laz : 
do  er  im  gnuoc  des  widers  gaz,  180 

er  leit  sich  bi  daz  fiur  nider; 
im  wären  miiede  siniu  lider. 

Dö  nu  der  guote  man  gelac 
und  shifes  nach  der  miiede  pflac, 
und  ouch  der  miiede  ber  entslief,  185 

beert  wie  ein  schretel  dort  her  lief; 
daz  was  küm  drier  spannen  lanc. 
gein  dem  fiur  ez  vaste  spranc. 
ez  was  gar  eislich  getan 

und  bei  ein  rotez  keppel  an.  190 

daz  ir  die  wärheit  wizzet, 
ez  het  ein  vleisch  gespizzet 
an  einen  spiz  iscuin ; 
den  truoc  ez  in  der  hende  sin.      ^ 
daz  schrefel  ungehiure  195 

160.  der  iin  doch  sower  gnvn  wart  sider  163.   da         166.  vor 

167.  bakhvs         168.  svichen  172.  Sine         173.  kost         182.  sine 

gelider         186.  hßret         187.  kovnie         193.  einem 

12* 


180  SCHRETEL  UND  WASSERBÄR. 

sich  salzte  zuo  dem  fiure 

und  briet  sin  vleisch  durch  lipnar. 

und  ez  des  bern  wart  gewar, 

ez  dähte  in  sineni  sinne 

'  waz  luot  ditz  kunder  hinne?  200 

ez  ist  so  griulich  getan, 

und  sol  ez  bi  dir  hie  bestan, 

du  muost  sin  lihle  schaden  nenien. 

nein,  bh'bens  darf  ez  niht  gezenien. 

ich  han  die  andern  gar  verjaget:  205 

ich  bin  ouch  noch  so  niht  verzaget, 

ez  muoz  mir  rümen  ditz  gemach.' 

nitlich  ez  üf  den  bern  sach. 

ez  sach  6t  dar  und  aliez  dar; 

ze  lest  erwac  ez  sich  sin  gar  210 

und  gap  dem  bern  einen  slac 

mit  dem  spizze  nf  den  nac. 

er  rampr  sich   unde  grein  oz  an. 

daz  schrelel  spranc  von  im   hiiidan. 

und  briet  sin  vleischel  fiirbaz,  215 

unz  daz  ez  wart  von  smalze  naz. 

den  bern  ez  aber  einez  sluoc; 

der  ber  im  aber  daz  vertnioc. 

Ez  briet  sin  vleisch  vür  sich  dar, 
unz  daz  ez  rehte  wart  gewar  220 

daz  nu  der  bräle  süsle 
und  in  der  hitze  brüste, 
den  spiz  ez  mit  dem  braten  zöch 
vaste  üf  tiber  daz  houbet  hoch  : 
daz  btesc  tusler  ungcslaht  225 

sluoc  üz  aller  siner  maiil 
den  müeden  bern  über  daz  mül. 
nu  was  der  ber  doch  niht  so  fül, 
er  vuor  üf  und  lief  ez  an. 

daz  sclw^lel  im  da  niht  entran.  230 

er  begreif  ez  mit  den  tatzen ; 
bizen  krimmen  unde  kratzen 

211.  ein  221.  222.    svsle  :  prvs(e  227.  228.  nivl  :  fvl 

2?9.  vur 


SCHRETEL  UND  VVASSERBÄR.  18t 

bpgonde  er  ez  so  grimme, 

daz  ez  in  grimmer  stimme 

und  über  lüt  engestlichen  schre  235 

'  we  herre  we !  we  herre  we!' 

Swie  kleine  im  wären  siniu  iider, 
ez  was  doch  starc,  und  greif  hin  wider 
dem  müeden  bern  in   den  giel. 

ez  zezerret  im  den  triei ;  240 

ez  beiz,  ez  kratzte  in  unde  kram, 
daz  er  vor  zorne  lüte  erbram, 
und  schrei  in  grözem  grimme 
sin  an  geborne  stimme, 

diu  also  grimmiclich  erhal  245 

daz  allez  daz  da  von  erschal, 
daz  in  dem  witen  hove  was. 
ob  ir  ietwederz  da  genas, 
fiirwär  daz  was  ein  wunder. 

der  her  und  ditz  unkuuder  250 

begonden  grimmiclichen  toben, 
iezunt  lac  daz  schretel  oben, 
bi  einer  wil  lac  ob  der  ber. 
sie  wielkenz  hin  unde  her. 

die  zwene  kampfgeverlen  255 

sich  beide  vaste  werten, 
nu  bizä  biz !  nu  limma  lim  ! 
nu  kratzä  kratz !  nu  krimmä  krim ! 
sie  bizzen  unde  luramen, 

sie  kratzten  unde  krummen  260 

einander  also  grimmiclich, 
daz  als  harte  ervorhte  sich 
des  bern  meister,  daz  er  vlöch 
und  in  den  bachoven  kroch. 

er  kroch  hin  in  und  sach  her  vür  265 

gar  trilric  uz  des  ovens  tür ; 
er  luoi^et  üz  dem  luoee, 
und  sach  die  gröze  unfuoge 


234.  Daz  iz  237.  sine  gelidet  240.  zv  zcirel  —  giiel 

253.  wile  264.  bakoven 


182  SCHRETEL  UND  WASSERBAR. 

diu  an  dem  bern  da  geschacb. 

daz  was  suis  herzen  ungemach.  270 

Daz  schretel  mit  dem  bern  vaht 
vil  vaste  hin  gein  mitter  naht, 
zuo  lest  er  ez  doch  iiberwant. 
ez  vlöch  von  im  und  verswant. 
war  ez  quam,  wer  weiz  daz?  275 

der  her  was  von  dem  strite  laz : 
er  leit  sich  üf  den  estrich  wider 
und  rast  diu  kampfmüeden  lider. 
der  Norman  sach  wol  dise  geschiht : 
er  quam  6t  üz  dem  oven  niht:  280 

mit  vorhten  er  dar  inne  lac, 
unz  daz  er  sach  den  liebten  tac. 
dö  alrerst  kroch  er  her  vür 
gar  ruozic  üz   des  ovens  tür. 

dö  er  üz  dem  oven  quam.  285 

sinen  bern  er  dö  nam 
und  vuort  in  üz  dem  bove  bin  vür. 
der  wirt  des  boves  stuont  vor  der  für: 
dem  gaste  er  guoten  morgen  bot. 
er  het  gehört  wol  dise  not,  290 

diu  in  dem  bove  da  geschacb. 
der  guote  wirt  güellichen  spracii 
und  lebt  ir  noch,  vil  guoter  man?' 
'ja.  Sit  mir  got  des  lebens  gan, 
so  lebe  ich  gerne  vür  baz.'  295 

ze  vil  geredet,  waz  touc  daz? 
mit  kurzen  werten  überslagen, 
er  dankte  im  gröze,  hört  ich  sagen, 
und  nam  urloup.   bin  gienc  er: 
mit  im  gienc  der  zekratzte  her.  300 

Der  guote  wirt  der  villan 
dö  sinen  piluoc  rüsten  began. 
des  pflac  er,  unde  was  sin  site : 
wan  er  betruoc  sich  da  mite, 
er  vuor  üf  daz  gevilde  hin  305 

*270.  sines         274.  er         278.  raste  der         287.  288.   vor  :  dem  tor 
2')4.  sint         298.  groz 


SCHRETEL  UND  WASSERBÄR.  183 

durch  siner  lipnar  gewin. 

sinen  pfliioc   er  da  gevienc, 

ze  acker  er  da  mite  gienc. 

er  ment  sin  ohsen,  hin  treip  er. 

nu  lief  daz  schretei  dort  her  310 

und  trat  ob  im  uf  einen  stein. 

mit  bluote  wären  siniu  bein 

berunnen  ul"  und  ze  tal. 

sin  libel  daz  was  liberal 

zekratzet  und  zebizzen.  315 

zezerret  und  zerizzen 

was  sin  keppel  daz  ez  truoc. 

ez  riet'  eislich  und  lüte  gnuoc 

und  sprach  dem  bümanne  zuo ; 

ez  rief  wol  dristunt  '  hoerst  duz  duo?  320 

hoerst  duz  du?  hoerst  duz  iedoch? 

lebet  din  gröziu  katze  noch?' 

er  luoget  üf  und  sach  ez  an. 
sus  antwurt  im  der  büman. 

'ja  ja,  min  gröziu  katze,  325 

dir  ze  trutze  und  ze  tratze 
lebt  sie,  du  boesez  wihlel,  noch, 
sam  mir  daz  öhsel  und  daz  joch, 
fünf  jungen  sie  mir  hint  gewan. 
diu  sint  schoene  und  wol  getan,  330 

lancsitic  wiz  und  herlich, 
der  alten  katzen  alliu  glich.' 
'fünf  jungen?'  sprach  daz  schretelin. 
'ja'  sprach  er  '  üf  die  triuwe  min: 
loufe  hin  und  schouwe  sie.  335 

dun  gesffh  so  schoener  katzen  nie. 
besieh  doch  ob  ez  war  si.' 
'pfi  dich'  sprach  daz  schretei,  'pfi!' 
sol  ich  sie  schouwen?  we  mir  wart, 
nein  nein,  ich  kum  niht  üf  die  vart.  340 

307.  enpfienc         309.  menle         315.   zekralzl         316.  zvzerret 
317.  er         318.  genvc         320.  321.   hörest         324.  Sust  aulworl 
325.  inine  331.  Lanlsilik  332.  alle  gelich  336.    dviien 

gesehe 


184         SCHRETEL  LXÜ  WASSERBAU. 

sint  ir  nu  sehse  worden, 

sie  begönden  mich  ermorden : 

diu  eine  tet  mir  e  so  we. 

in  dinen  hof  ich  nimmer  me 

kume  die  wile  ich  hän  min  leben.'  345 

diu  rede  quam  dem  büman  eben. 

Daz  schretel  sä  vor  im  verswant. 
der  böman  kerte  beim  zehant. 
in  sinen  hof  zoch  er  sich  wider, 
und  was  da  mit  gemache  sider.  350 

er  und  sin  wip  und  siniu  kint 
diu  lebten  da  mit  vreuden  sint. 
341.  Sechs  348.  karte 

y^us  der  Heidelberger  handschriß  341.  bl.  371'  — 372' 
(z.  1 — 312)  u?id  370*  {z.  313  bis  zum  schliiße):  sie  ist 
nämlich  verbunden. 

Der  abdi^uck  ändert  nur  soviel  uUthig  war  um  augen- 
scheinliche fehler  zu  beseitigen  und  aus  der  ungenauig- 
keit  und  deti  späten  und  mundartlichen  formen  des  scJwei- 
bers  die  reinere  hofsprache  des  dreizehnten  Jahrhunderts 
herzustellen :  es  kennt  dieser  Schreiber  z.  b.  kein  weibli- 
ches und  neutrales  iu  mehr,  statt  dessen  nur  noch  e ;  vch 
gilt  ihm  für  iuch  und  für  iu ;  da  für  do  und  do  für  da : 
V  zugleich  für  kurzes  u,  für  ii  und  uo ;  langes  li  ist  durch- 
weg gegen    den    diphthongen    ov    und  demgemäfs  der  unt- 


bezeichnet ;  endlich  ür  und  iur  dehnen  sich  in  zweisilbiges 
öwer  und  ewer. 

Auszüge  dieses  gedieh tes  stehen  bereits  in  der  vor- 
rede zu  den  irischen  elfenmärchen  der  br.  Grimm :  der  ge- 
wandte, frisch  lebendige,  durchweg  wohlgemefsne  vortrug 
(ze  vil  geredet,  waz  touc  daz?  296),  wenn  schon  der  Vers- 
bau nicht  der  beste  ist,  schien  es  auch  einer  vollständigen 
mittheilung  werth  zu  machen.  dem  Inhalte  nach  ist  es 
ansprechend  durch  die  zwiefache  belehrung  die  es  uns  ge- 
währt, als  hauptbeleg  des  alten  glaubens  an  schädliche 
liai/skoholde  und   als    ausgeführteres    zeugnis  für  den  ge- 


SCHRETEL  UND  WASSERBAR.  185 

brauch  den  alteinheiinischen  thierkönig  zur  Schaustellung 
einzufangen  und  zum  spiele  zu  zähmen,  nur  über  letz- 
teres noch  einige  worte. 

Schoft  im  neunten  jahrh.  zogen  spielleute  mit  baren 
um :  Hinkmar  erzbischof  von  Rheims  gebot  den  pfarrern 
seines  sprengeis  nee  turpia  ioca  cum  urso  vel  tornatricibus 
ante  se  facere  perraittat  {cnpit.  ad  prcsbyt.  14.  ebenso  mit 
beinah  wörtlicher  iviederholung  Regino  de  eccl.  discipl. 
2,  213);  auf  einem  basrelief  am  portal  des  grofsmü/tsters 
von  Zürich  geigt  ein  solcher  in  der  mitte  zweier  baren, 
und  die  Vilkina-saga  erzählt  120.  121  wie  der  hehl  Vil- 
difer,  in  eine  bärcnhaut  eingenäht,  sich  von  einem  spiel- 
?nann  führen  llifst  und  nach  dessen  harfenspiele  tanzt, 
also  tanz  zum  saitenspiel :  aber  singen,  wie  das  sonst  zu 
den  beiden  noch  gehört,  lernt  der  ungeschickte  dock  nicht : 
daher  die  spiichwörtlichen  Wendungen  man  lerte  ein  beren 
e  den  salter  IVolfr.  Tit.  87.  ich  wil  in  sagen  daz  der  her 
nimmer  wirt  ein  guot  singer  welscher  gast  1,  2:  dem  ent- 
gegen ist  an  dem  fries  der  crypta  des  Basler  münsters  ein 
bär  abgebildet  welcher  geigend  vor  einem  gekrönten  löwen 
steht,  und  ein  haus  in  Breslau  hat  zum  heiteren  zeichen 
einen  orgelspielenden  baren,  und  wie  in  unserm  gedichte 
der  bär  ein  königsgeschenk  an  einen  könig  ist,  so  auch 
die  zum  tanz  und  andrer  kurzweil  abgerichteten  und  gleich- 
falls weißen  baren  in  Ruodlieb  3,  84/'.  172.  207  und  die 
lewen  unde  bern  im  Rolandsliede  14,  29  ;  ebenda  21,9  sieht 
man  in  dem  thiergarten  Karls  die  lewen  also  grimme  mit 
dem  beren  rechten,  und  110,  itff.  kommt  ein  bär  mit  zwain 
cheten  ?)o;':  unser  dichter  Zh  sagt  dafür  mit  dem  üblichem 
ausdruck  lanne :  vergl.  als  ein  ber  der  an  einer  lannen 
strebt  üb.  weib  769.  den  gezähmten  löwen  am  hofe  Con- 
stantins  den  Asprian  gegen  die  wand  zerwarf  {Rother 
Mafsm.  179'')  sah  dieser  ebenfalls  für  einen  jung  e?i  bäreiu 
ein  berwelf,  an  (ISl'') :  mit  einer  noch  weiter  gehenden  ko- 
mischen abstuf ung  nennt  unser  kobold  den  baren  eine  katze. 
dafs  aber  auch  andre  als  blofs  fürsten  sich  zur  belusti- 
gung  baren  hielten,  zeigen  die  rcchtsvorschriften  im  Sach- 
sensp.  landr.  2,  62.  Sehwabensp.  landr.  202  und  Augsb. 
stadtr.  1 1 2 ;  den  klöstern  war  die  Unterhaltung  dieser  wie 


186  DER  TLGENDHAFl'E  SCHREIBER. 

anderer  ivitde/i  thiere  verboten -.  Raumers  Hohenst.  6,  410. 
423.  Augsburg  hatte  vor  Zeiten  einen  berleich  (Jac.  Grimins 
Mythol.  274),  Bern  noch  jetzt  seinen  bärengraben. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


DER   TUGENDHAFTE    SCHREIBER. 

1. 

Wie  in  der  spräche  überhaupt  viele  wörfer  erkalten,  ih- 
rer Wurzel  vergefsen  oder  sie  gar  verleugnen,  eigennamen 
sinnlos  werden  und  bei  manchen  benennungen  nicht  mehr  zu 
spüren  ist  aus  welchen  lebendigen  appellativen  sie  einst  her- 
vorgiengen,  so  giebt  es  auch  gangbare  und  allgemein  ver- 
ständlich gebliebne  ausdrücke  die  in  gewissen  fällen  oder  für 
einzelne  bezüge  ins  leere  und  abstracte  geralhen.  ich  denke 
hier  vorzugsweise  an  adjectiva,  die  von  natur  immer  eine 
Irische  bedcutung  haben,  allmählich  ganz  titelhaff  werden  kön- 
nen, und  es  leuchtet  ein  warum  in  der  fefselnden  Zusam- 
mensetzung die  abstraclion  schneller  als  bei  dem  losen  unge- 
bundncn  worte  ergeht;  z.  b.  edler  mann,  freier  herr  sind 
stärker  als  edelmnnn,  freiherr,  die  blofs  den  stand  bezeich- 
nen, und  einer  der  sich  nicht  selljst  loben  würde  'ich  bin  ein 
edler  mann,'  darf  unbedenklich  aussprechen  'ich  bin  ein  edel- 
mann.'  aber  auch  das  unzusammengesetzte  adjectiv  kann  in 
den  titel  übergehen,  und  dafür  sei  ein  beispiel  aus  der  alten 
spräche  entnommen. 

Unter  unsern  minnesängern  kommt  bekannllich  einer  vor 
der  nicht  anders  als  der  tugenthafte  schriber  heifst  und 
den  der  Wartburger  krieg  31S.  2,  l''  sich  selbst  so  benen- 
nen läfst, 

her  ff 'alt her  Idt  in  tdlanc  vri: 

ich  iugcnihaftcr  schriber  tHte  im  zuo  mit  sanges  gir. 
wäre  das  nichl  ein  von  jedermann  beigelegter  titel  gewesen, 
der  dicliler  hätte  sich  solcher  bezeichnung  sicher  enthalten, 
sie  mag  damals  einem  öfftMillichen,  in  ehre  und  amt  stehen- 
den notar  überhaupt  gebührt  haben,  ohne  dafs  sich  daraus 
seine  besondere  trelBichkeit  beweisen  liefse.  die  schreibe- 
kunst  stand  im  mittelalter  an  den  holen  noch  in  grofsem  an- 


DER  TUGENDHAFTE  SCHREIBER.  187 

sehn,  und  es  käme  darauf  an  in  lateinischen  Urkunden  ein 
scriba  virtuosus  (virtuosen  heil'sen  uns  nur  musiker)  zu  ent- 
decken, das  dem  deutschen  titel  zum  vorhild  gereiclit  hätte. 
tugenthaft  soll  blols  sagen  laudabilis,  honestus,  wie  wir  noch 
heute  löblich  für  manches  amt  und  hantwerk  brauchen,  in 
den  Jahren  1345.  1346  kommt  der  nämliche  titel  im  ober- 
bairischen  Städtchen  Rain  vor,  wo  damals  ein  Andre  iJer 
tugentlich  schreibet'  lebte,  MB.  16,  400.  402.  405.  will  man 
aufmerken,  so  werden  sich  bald  noch  mehr  beispiele  linden, 
sehr  häufig  sind  auch  die  bezeichnungen  offen  schriber,  ge- 
stvorn  schriber,  obinste  schriber.  im  Reinhart  1525  wird 
Briin  an-jeredet  edile  scribwre.  JAC.  GRIMJVI. 


2. 

Den  tugendhaften  Schreiber  nennen  bekanntlich  chroniken 
des  15n  jh.  Heinrich  (Hag.  MS.  4,  463  f.  878),  so  dafs  die 
hergebrachte  Vermutung,  er  sei  der  Heinricus  scriptor  oder 
notarius  mehrerer  Urkunden  der  landgrafen  Hermann  und  Lud- 
wig, allerdings  nicht  aus  der  luft  gegriffen  ist.  aber  Adelungs 
einfall,  Heinrich  der  tugendhafte  Schreiber  sei  eins  mit  dem 
Heinrich  von  Reisbach  dessen  Wolfr.  Parz.  297,  29  gedenkt, 
sollte  längst  der  vergefsenheit  verfallen  sein,  ich  will  ver- 
suchen ihn  zu  beseitigen,  nicht  durch  die  bemerkung  dafs 
Heinrich  von  Reisbach  nirgend  als  dichter  erwähnt  Avird, 
sondern  durch  unbefangne  auslegung  der  einzigen  stelle  die 
überhaupt  von  ihm  redet. 

Wolfram  beschliefst  Keies  ehrenrettung  mit  den  worlen 

voti  Bürgen  Jurste  Herman, 

etslich  din  ingesinde  ich  maz- 

das  Msgesinde  hieze  baz. 

dir  wcere  och  eines  Keien  not, 

sit  tu  drill  mitte  dir  gebot 

so  manecvaltcn  anehnnc, 

etsu'd  S7ntehlich  gedranc, 

tmd  etswd  loerdez  dringen. 

des  muoz  her  IValther  singen 

'guoten  tac,   bws  unde  guot. ' 


188  DER  TUGENDHAFTE  SCHREIBER. 

swd  man  solhen  sanc  nu  tiiot, 

des  sint  die  valschen  g-erel. 

Hei  heis  in  niht  geleret, 

noch  her  Heinrich  von  Rispach. 
i\.  i.  solchen  gesang  wie  ihn  die  gemischte  gesellschafl  am 
Thüringer  hofe  herrn  Walther  abnöthigt,  den  schlechten  zu 
unverdienter  ehre,  würde  den  sänger  weder  Keie  noch  herr 
Heinrich  von  Reisbach  gelehrt  haben,  dieser  conjuncJivus  des 
plusquaniperfectums  (denn  nach  dem  präsens  7nuoz  lälst  sich 
het  nicht  indicativisch  tafsen)  zeigt  dals  Heinrich  von  Reis- 
bach als  VValther  jenes  lied  dichtete,  1205  oder  wenig  spä- 
ter (Lachniaon  zu  Walther  20,  4),  und  als  Wollram  nicht 
lange  darauf  im  sechsten  buche  seines  Parzival  es  neckend 
erwähnte,  nicht  am  thüringischen  hofe  lebte,  ja  dafs  er  über- 
haupt nicht  mehr  am  leben  war.  aber  nicht  nur  der  gram- 
niatik  spottet  mit  leerer  Vermutung  die  annähme  Heinrich  von 
Reisbach  werde  als  ein  noch  lebender  hofteamter  des  land- 
grafen  Hermann  angeführt,  sondern  auch  des  ganzen  sinnes 
und  Zusammenhanges  jener  stelle.  Heinrich  von  Reisbach 
und  Keie  werden  von  Wolfram  als  strenge  hüter  höfischer 
zucht  einander  gleichgestellt :  wenn  also  landgraf  Hermann 
den  Reisbacher  an  seinem  hofe  hatte,  wie  konnte  Wolfram 
sagen  'du  hättest  auch,  wie  Artus,  einen  Keie  nöthig?' 

Herren  von  Reisbach  sind  bis  jetzt  nur  unter  der  bairi- 
schen  ritterschart  nachgewiesen:  Reisbach  (Rispach)  liegt  an 
der  Vils  in  der  gegend  von  Landshut.  Heinrich  von  Reis- 
bach, der  vielleicht  noch  einmal  aus  einer  Urkunde  auftaucht,* 
mag  also  an  dem  hofe  eines  bairischen  herzogs  strenge  zucht 
geübt  haben.  H. 

*  die  Worte  des  lin  \o(i  der  llageii  (4,  46t'')  der  ebd.'  (moii. 
Boie.)  'VlI  genannte  Heinrich  1170  Iicifsl  in  der  urk.  von  Uisaclie'  be- 
ziehen sich  auf  den  \^  iderspiui  h  der  wahrscheinlich  rchlerhaflen  na- 
inensangabc  im  index   und   der  Urkunde  s.  451. 


189 


BISLEHT. 

Gäbe  unsre  heulige  krilik  noch  gerne  lohn  aus  (aber  sie 
nimmt  sich  fast  nur  zu  tadel  zeit),  so  hätte  sie  Grieshabers 
sorgsamer  uneigennütziger  bekanntmachung  seiner  bandschrift 
von  alten  predigten  den  wärmsten  dank  zollen  müfsen.  es 
ist  aus  dem  buche  so  viel  neues  zu  lernen  für  unsre  spräche 
dafs  man  nicht  einmal  von  der  innigkeit  und  der  menge  sin- 
niger gedanken  in  diesen  predigten  angezogen  zu  sein  braucht, 
wie  ich  es  bin,  um  sie  mit  wiederholter  aufmerksamkeil  zu 
lesen,  diesmal  will  ich  ein  rechtes  «t«^  ).fy6iifi'ov  ausheben 
und  so  gut  ich  vermag  erläutern. 

2,  16  oder  bl.  146"  heifst  es  bei  crzählung  der  hochzeit 
von  Cana  'füllent  die  züber  mit  wazzer!  also  fulton  si  die 
züber  hinz  si  biscleht  wurden.'  nach  der  vulgata  Job.  2,  7: 
'implete  hydrias  aqua!  el  impleverunl  eas  usque  ad  summum 
(toyg  ttvo}).'  über  den  sinn  des  worts  kann  kein  zweifei  wal- 
ten, es  soll  gesagt  sein  'bis  sie  voll  an  den  rand  wurden.' 
das  SGL  ist  nach  der  durchgängigen  weise  dieser  hs.  aufzu- 
lösen in  übliches  SL,  und  weil  sie  gleich  andern  mhd.  denk- 
mälern  zwischen  bi  und  be  unterscheidet,  dem  adjecliv  die 
genauere  Schreibung  bisleht  zu  ertheilen.  sieht  nämlich  ist 
das  nhd.  schlicht,  aequus,  planus,  und  bisleht  auf  ein  nafses 
oder  trocknes  gemäl's  angewandt  soll  ausdrücken  dafs  der  fül- 
lende Stoff"  mit  dem  rand  des  gefäfses,  worin  gemefsen  wird, 
oben  ganz  gleich  stehe,  ich  kenne  das  wort  sonst  nur  in 
einer  späteren  verderbten  form  aus  Schmids  schwäbischem 
Wörterbuch  s.  54,  wo  eine  Ulmer  Verordnung  von  1317  an- 
geführt wird,  wonach  sechs  aufgemefsne  metzen  acht  bein- 
schlechte gleich  kommen;  offenbar  beischlechte,  denn  was 
hätte  hier  bein  zu  schaffen?  das  bi  halte  ich  zu  dem  gr. 
ini  in  tniHKy]g  aequus,  welcher  begriff  schon  im  einfachen 
finög  liegt  und  nur  durch  die  präposition  befestigt  wird. 

Die  griechische  spräche  besitzt  für  die  randfülle  bei  be- 
chern das  schöne,  unserm  bisleht  allenfalls  vergleichbare  wort 
iniaTeqtjg,  und  arecf^^avt}  ist  rand  oder  kränz ;  lieblich  klingt 
aber  auch  die  unserm  alterthum  geläufige   Umschreibung    der 


190  BISLEHT. 

eimer  soll  so  voll  methes  sein  dafs  eine  fliege  an  seinem 
äufsersten  rande  trinken  könne'  (weisth.  2  s.  IV);  das  ist 
der  KQr]rrjo  imareq^^g  oYi'oio  II.  8,  232.  Od.  2,  431.  eigentlich 
wird  es  geheifsen  haben  'die  biene'  (altn.  bifluga)^  denn  auch 
ein  wafsergerichtsweisthum  (2,  464.  467)  läfst  die  biene,  un- 
senetzt  und  unverletzt  ihrer  fiifse,  des  wafsers  trinken,  das 
sanskrit  nennt  die  biene  madhupn  d.  i.  mel  bibens,  darum 
trinkt  sie  auch  den  süFsen  meth  und  aus  der  zeit  des  meth- 
trinkens  mufs  jene  redensart  hergeleitet  werden. 

Hiermit  könnte  ich  schliefsen,  quälten  mich  nicht  ein 
paar  ahd.  glossen.  Graff  hat  6,  778  pisleht  bei^illus,  sogar 
mit  der  vollends  unsinnigen  Variante  pilent.  aber  was  soll 
berülus?  ist  der  von  allen  seilen  glatt  geschliffene  edelstein 
(ßt^ovXkog)  gemeint?  oder  führt  berillus  auf  ein  aus  unsrer 
spräche  in  die  lateinische  des  mittelalters  aufgenommenes  wort 
berilus,  birilus  mit  der  bedeutung  von  schale  oder  gefäfs? 
Ducange  hat  nichts  dergleichen,  aber  ahd.  bedeutet  biral  urna, 
biril  cophinus  (GrafF  3,  156):  es  ist  ein  fragbarer  eimer  oder 
korb  (von  beran  ferre).  pisleht  (oder  verderbt  pislnht)  wird 
nun  auch  zu  Verdeutschung  von  statov  und  dra^ma  gebraucht 
(GrafF  6,  777)  und  gleichbedeutig  gesetzt  mit  spaiu  was  in 
neue  Unsicherheiten  stürzt,  denn  span  ist  sonst  annulus,  mo- 
nile,  spinlher  (Graö'6,  347),  spaiifin  cuhitus,  palma,  was  an 
drogma  manij)ulus  reicht,  wo  nicht  dragma  mit  drachna 
verwechselt  wurde,  wie  das  daneben  stehende  stater  glauben 
macht,  von  stater  auf  statera  wäre  nur  ein  schritt  und 
statero  kann  wie  lanx  auch  eine  runde  schale  bezeichnen, 
also  wieder  eine  urne. 

Die  Verwirrung  steigt  aufs  höchste,  wenn  nach  einer  an- 
dern glosse  (6,  71%)  pisleht  zn^\e\c\\  pestis^  das  einfache  sieht 
clades  wieder  giebt.  sieht  verderbt  aus  slaht  caedcs  begriffe 
sich.  Ducange  ge\\ährt  pestis  auch  in  der  bedeutung  von 
pesiillum^  pistillunt  und  ein  solches  Werkzeug  könnte  von 
seiner  glätte  pisleht  heifseu.  ich  komme  aber  damit  zu  kei- 
nem ende,  und  es  mag  genügen  jetzt  auf  diese  seltsamen  ahd. 
pisleht  gewiesen  zu  haben ;  vielleicht  dafs  der  Zusammenhang 
der  glossen  befser  erforscht  und  der  wortsinn  gesichert  wer- 
den kann. 

Weil    ich    vorhin   ein  mlat.   birilus  zu  vermuten   wagte. 


DAS  TODTEiNREICH  IN  BRITANNIEN.  191 

sei  hier  noch  eines  bisher  unerläuterlcn  ags.  und  altn.  Wor- 
tes gedacht,  ags.  ist  hijrel  pincerna  Beov.  2316,  hyrlian 
propinare  vinum  cod.  Exon.  161,  8,  desgleichen  altn.  byrill 
pincerna,  bijrla  miscere,  propinare,  vergl.  Sa-m.  67"  hyrladi 
mii'nl.  man  hat  doch  unbedenklich  heran  ferre  als  wurzel  zu 
betrachten,  der  hyrel  ist  wer  den  trank  schöpft,  trägt,  wie 
sonst  hladan  haurire  bedeutet  und  hl'dst  onus  z=  bürde.  Joh. 
2,  7  hiadad  and  berad,  haurite  et  ferte.  der  bi/rel  ist  also 
ein  tragender,  holender,  wie  jenes  birü  ein  gefäfs,  worin  ge- 
tragen wird,  gleichviel  ob  wal'ser  oder  etwas  trocknes.  byrel 
mag  also  allgemein  einen  promus  condus  bezeichnen  und  her- 
nach auf  das  schenkenamt,  als  das  wichtigste  im  altertlium, 
eingeschränkt  werden,  piticerna  führt  man  auf  ein  mittel- 
griechisches TTiyxf'iJvtjg  für  inixi()r7Jg  von  inixoiinui  olvov  zu- 
rück, unser  schettk  und  schenAe/i  beziehen  höchst  wahr- 
scheinlich sich  auf  den  knochen  (ags.  scanca)  der  am  gefäfs 
angebracht  war,  aus  welchem  man  einschenkte. 

JAC.  GRIMM. 


DAS    TODTENREICH    IN   BRITANNIEN. 

Procopius  de  hello  Golh.  4,  20  berichtet  dafs  von  der 
nordküste  Galliens  ans  die  seelen  der  verstoi-benen  nach  einer 
insel  bei  Brittia  (nicht  nach  Britlia  selbst)  übergefahren  wür- 
den. Brittia  ist  ihm  das  sonst  sogenannte  Britannien,  wäh- 
rend er  unter  letzterem  namen  Irland  zu  verstehen  scheint, 
die  einwohner  von  Brittia  nennt  er  BglrrcDi/fg,  die  notilia 
imp.  39  hat  den  gen.  Brütonnn,  Widukind  1,  8  Bretti  (mit 
e  wie  BQiTxavog) ;  andere  pflegen  die  einwohner  der  Bretagne 
Brittones  zu  heifsen.  diese  einfachere  form  ist  als  name  der 
Britannen  auch  in  die  hochdeutsche  spräche  übergegangen : 
Dovmoiiiam  (d.  i.  Damnonia)  prettonolant  Wessobr.  gl.  den 
kunic  von  brüten  hiezen  sie  manen  unde  bitten  Heidelb. 
kaiserchr,  43".  der  künc  von  den  brüten  Ruol.  57,  25 ;  da- 
neben die  Zusammensetzung  brittlandari  hrittones  gl.  Trev. 
11,24.  Brittones Brithndra  {^V^XXBridendra)  gl.  SBlas.  79''. 

Mit  festhaltung  nun  eben  dieses  einfacheren  namens  zeigt 
sich,    was  noch  viel  wichtiger  ist,    auch    die  Vorstellung  von 


192        ZU  RARAJANS  DEUTSCHEN  SPRACHDENKMALEN. 

jenem  britaimisclien  todtenreiche  bis  in  das  13e  jh.  hinein 
unter  den  Deutschen  festgehalten,  das  zeugnis  steht  in  einer 
erzählung  der  Heidelberger  hs.  341,  bl.  360^  ein  ritter,  dem 
statt  seiner  längst  gestorbenen  mutier  ein  anderes  altes  weib 
die  ihn  für  ihren  söhn  ansieht  durch  kaiserliches  urtheil  als 
multer  zugesprochen  wird,  sagt  endlich  da  ihm  alle  Vorstel- 
lungen nichts  helfen 

wol  her,  liebiu  muoter  min! 

in  sult  mir  willekomca  sin. 

doch  envriesch  ich  solher  mccre  nie, 

daz  also  lange  ein  vrouive  ie 

hin  en  Priten  si  gewesen 

und  alsus  manec  jar  genesen. 

si  sol  uns  dennoch  sagen  me 

wie  ez  in  jener  werlde  ste. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


ZU   KARAJANS   DEUTSCHEN  SPRACHDENK- 
MALEN. 

Herr  doctor  K.  lloth  in  München  hat  mich  brieflich  und 
das  publicum  der  Bayerischen  landbötin  in  nr  37,  vom  27n 
merz  1847,  darauf  aufmerksam  gemacht  dafs  in  meinen  deut- 
schen Sprachdenkmalen  des  12n  jh.  s.  62  z.  4—19  mit  Graffs 
Diutiska  2,  298  f.  (und,  setze  ich  hinzu,  mit  dieser  Zeitschrift 
3,  520  f.  z.  31 — 57)  ziemlich  genau  übereinstimmt,  ferner 
s.  65  z.  5  —  19  mitDiut.  297 f.  (zcitschr.  519f.  z.  1  —  30), 
und  s.  65  z.  20  —  s.  67  z.  6  mit  Diut.  299  ff.  (zeitschr. 
521  ff.  z.  58 — 127).  von  den  hundert  textseiten  meines 
büchleins  sind  also  allerdings  drei  halbe  selten  nicht  zum  er- 
sten male  von  mir  herausgegeben.  KARAJAN. 


193 


PANTALEON 
VON   KONRAD    VON   WÜRZBLRG. 

Bafs  die  Wiener  handschriß  2884  (ehemals  Philol. 
120)  hinter  Rudolfs  Barlaam  und  erzahlungen  des  Strickers 
ein  gedickt  über  den  heiligen  Pantaleon  enthalte  war  mir 
aus  dem  Museum  für  altd.  lit.  und  kunst  1,  599,  Graffs 
Diutiska  3,  352  und  Hoffmanns  Verzeichnis  der  altd.  hss. 
der  JFicner  hofbibliothek  s.  92  längst  bekannt-,  aber  ich 
mufs  die  schlufszeilen  dieses  gedichtes  gar  nicht  oder  so 
unaufmerksam  gelesen  haben  rvie  die  tcelche  sie  abdrucken 
liefsen  und  in  dem  dort  erwähnten  Johannes  von  Arguel 
den  verfafser  erblickten,  ein  zufall  liefs  mich  neulich  in 
Hoffmanns  buche  jene  verse  genauer  ansehen,  und  nunmuste 
ich  wohl  den  dichter  erkennen,  mein  freund  Karajan, 
dem  ich  die  kleine  entdeckung  meldete,  liefs  sogleich  eine 
abschrift  für  mich  nehmen,  aus  der  ich  das  gedieht  in 
wenigen  tagen  und  mit  geringer  mühe  für  die  herausgäbe 
reinlich  darstellen  konnte,  denn  die  handschriß,  perga- 
ment,   aus  dem  vierzehnten  Jahrhundert,  verdient  alles  lob. 

Johannes  von  Arguel,  für  den  Konrad  von  Würzburg 
die  legende  vom  heiligen Pantaleonin  deutsche  reime  brachte, 
tritt  als  ein  fünfter  Baseler  beför derer  seiner  dichtkunst 
zu  den  bereits  bekannten,  den  domherren  Leutold  von  Ro- 
tenleim,  auf  dessen  bitten  er  den  Silvester  reimte,  und 
Dietrich  an  dem  Orte,  für  den  er  den  trojanischen  krieg 
verfafste,  und  den  beiden  bürgern  Johannes  von  Bermes- 
weil  und  Heinrich  Iselin,  denen  er  den  Alexius  dichtete, 
der  sogenannte  Albert  von  Strafsburg,  bei  Ursfisius  Germ, 
hist.  2,  113,  erzählt  von  Johannes  von  Arguel  und  vom 
Baseler  bischof  Peter  Reich  (Petrus  Divitis),  der  nach  Ochs 
gesch.  von  Basel  2,  6  von  1286  bis  1296  bischof  war,  qui 
episcopus  cum  quadam  vice  quaedam  in  consilio  Basil.  pete- 
ret,  loannes  de  Arguel,  cui  plebs  adhaesit.  contradiceos  ab 
episcopo  dicente  'ego  l'aciam  tibi  erui  oculos  tuos'  illa  vice  de 
Z.   F.   D.   A.   Vf.  13 


194  PANTALEON. 

loco  consulum  est  expulsus.  cui  etiam  civi  de  Arguel  Petrus 
Scalarii  senior,  iniles  valentissimus,  in  consilio  sibi  resistenti 
respondit  '  nescis  quod  in  una  domo  paterfamilias  et  scrof'a 
morentur,  sed  aliler  et  aliter  leneantur?'  die  folgenden 
nachdichten  verdanke  ich  durch  Wilhelm  Wackernagels 
freundliche  verrnittelung  herrn  doctor  Fechter  in  Basel. 
Johannes  de  Arguel  bosafs  im  j.  1297  einen  garten  uf  Kö- 
lehusern  d.  h.  bei  der  Leonhardskirche ,  nach  einer  angäbe 
in  der  registratur  dieser  kirche ;  einer  des  gleichen  na- 
mens, aber  ohne  jahrzahl,  kommt  als  bewohner  des  hau- 
ses  zem  tor  {am  Eschemer  thor)  in  Vrstisius  handschrift- 
lichen analecten  vor.  sonst  aber  gehörte  denen  von  Argiiet 
das  spätere  haus  der  bäckerzunft  {an  der  freien  strafse) : 
domus  dicta  Arguel  nunc  zunfla  pistorum,  excerpt  einer  ur- 
kunde  von  1363  in  denselben  analecten.  —  ich  setze  hin- 
zu dafs  die  von  Arguel  seit  1264  außer  besitz  der  bürg 
Arguel  {jetzt  Ergüel)  gewesen  zu  sein  scheinen;  wenig- 
stens trat  in  diesem  jähre,  nach  einer  Urkunde  des  Base- 
ler bischofs  Heimlich,  bei  Herrgott  geneal.  Habsb.  2,  387. 
Otto  von  Arguel  parteni  casfri  de  Arguel  ipsum  conlingen- 
lem,  advocatiani  ibidem  et  omnia  leoda  quae  ab  ci-clesia  no- 
slra  Basiliensi  vel  eo  iure  quod  burclein  dicifur  vel  alio  quo- 
cunque  tenebat  in  valle  sancli  Vmerii,  praeter  ea  feoda  quae 
alii  tenent,  ab  ipso  vulgariter  dicta  manlein,  gegen  die  quarta 
decimarum  apud  Rolzdorf  an  das  bisthum  Basel  ab.  —  auch 
für  die  bczeichnung  der  Winharten  tohter  kint  {z.  2141) 
theilt  Wackernagel  mir  erläuterungen  mit.  der  name 
Winbarl  ist  im  allen  Basel  häufig,  die  jetzige  hutgaj'se 
hiej's  im  13/?  jh.  Winliarles  gazze;  es  stand  da  die  domus 
Winliarlin  lius  {urk.  von  1258  im  archiv  des  Petersstiftes), 
einen  VValther  Winhart  nennt  die  registratur  von  S.  Leon- 
hard  im  j.  1290  als  bereits  verstorben:  hinder  Walthers 
seligen  W'inarts  garten  und  noch  einmal  orlus  quondam  Wal- 
iheri  V\  inhart.  —  jenes  \\  iniiarlin  hus  zeigt  daj's  man  im 
genitivus  pluralis  Winharten  sagte :  Konrads  zeile  ist  also 
zu  erklären  'kind  einer  tochter  des  geschlechtes  der  Win- 
harten. —  einen  Waltherus  Winhardi  ^V?f/e  ich  unter  den 
zeugen  einer  Baseler  Urkunde   von    1263    bei  Ochs  1,  385 


PANTALEON.  195 

Ixonrad  hat  ohne  zweifei  die  lateinische  legende  vom 
h.  Panialeon  bearbeitet  von  welchev  die  Acta  sanctorum 
im  6n  bände  des  Julius  s.  400''  handschriften  anßihren. 
sie  ist,  wie  dort  bemerkt  wird,  aus  dem  griechischen  über- 
setzt:  unter  anderem  bestätigt  dies  eine  s.  414''  ausgeho- 
bene stelle,  fili,  nihil  est  Asclepius  ncc  Hippocrates  nee  Gal- 
lienus  nee  ceteri  dii  quos  colit  3Iaximianus,  und  hieraus  er- 
klärt sich  bei  Konrad  s.  231  und  1065  die  form  Ascle- 
pius. —  wenn  in  Konrads  erzählung  Rom  statt  Nicome- 
dia der  Schauplatz  der  begebenheiten  ist,  so  wird  er  auch 
hierin  einem  irrthume  seiner  quelle  gefolgt  sein :  ebenso 
lafsen  die  Acta  s.  Hermolai  {Acta  sanetor.  jul,  6,  ^11  ff.) 
alles  in  Rom  geschehen. 

17  april  1847.  HAUPT. 

148"  Ez  ist  ein  nütze  dinc  vernomen 
und  mac  ze  sa'lden  wol  gevromen 
daz  man  der  liute  kuniber  saget 
die  mit  ir  marter  hant  bejaget 
der  eweclichen  wunne  leben.  5 

bischaft  ze  reinen  tagenden  geben 
kan  ir  reineclicher  tot. 
swä  man  ir  angest  unde  ir  not 
des  libes  oren  kündet, 

da  wirt  vil  schiere  enzündet  10 

des  herzen  sin  üf  edele  tat. 
swer  muot  ze  reinen  werken  hat. 
der  mac  vil  gerne  beeren 
wie  si  zer  himele  koeren 

mit  ir  marter  komen  sinl  15 

und  wie  des  reinen  gotes  kint 
vergozzen  haut  ir  reinez  bluot. 
ez  ist  für  houbetsünde  guot 
daz  man  ir  tugende  merket, 
ein  herze  wirt  gesterket  20 

an  reines  willen  krefte 
von  guoter  bischefte, 
und  wirt  im  sünde  wilde. 

Die  handschrift  16.   reine 

18* 


196  PANTALEON. 

von  guoter  liule  bilde 

den  liuten  allez  guol  geschiht.  25 

uf  also  riche  zuoversibt 
wil  ich  ein  wärez  msere  sagen 
von  einem  herren  der  bejagen 
mit  siner  tagende  künde 

daz  im  got  fröude  gunde  30 

und  eweclichen  fride  dort, 
er  bat  den  liebten  himelbort 
mit  maneger  not  verschuldet 
diu  von  im  wart  geduldet 

durch  siner  tugende  reinekeit.  35 

148''  er  vabt  mit  noeten  unde  streit 
der  beiden  ungelouben  an, 
da  mite  er  seien  vil  gewan 
dem  werden  hochgelobten  gote, 
und  mac  gewinnen  sime  geböte  40 

ze  dienste  noch  vil  manegen  lip. 
sin  marler  sol  man  unde  wip 
hie  scheiden  von  ir  missetat. 
swer  sinen  tot  vor  ougen  bat 
und  in  iif  erden  eret,  45 

der  wirt  von  ime  bekerel 
unde  erlost  von  arebeit. 
er  ist  ein  lieht  der  cristenhcit 
daz  in  des  herzen  sinne 

den  glänz  der  waren  minne  50 

kan  bieten  unde  reichen, 
da  von  ich  siniu  zeichen 
und  sine  marter  wil  enbarn. 
daz  Avunder  sol  zc  lieble  varn 
daz  got  durch  sine  tugent  begic.  55 

mit  rede  wil  ich  entsliezen  hie 
den  namen  und  die  helfe  sin, 
durch  daz  den  liuten  werde  schin 
daz  sin  genade  manicvalt 
si  müge  erloesen  mit  gewall  60 

?8.  Lerzeii  31.  eweclicher  fröde  35.  sine  il.  inaniger 

49.  daz]  der 


PAiYTALEON.  197 

von  allem  ungevelle. 

swer  Uli  sin  leben  welle 

vernemen  hie  mit  reiner  ger, 

der  biete  herze  und  ören  her, 

so  wirt  im  offen  diu  getäl,  65 

daz  got  durch  in  begangen  hai. 

Ein  keiser  hiez  3Iaximiän. 
bi  des  ziten  wart  getan 
der  oristenheite  schaden  genuoo. 
swer  ie  geloubic  herze  truoc,  70 

148'^  der  wart  durch  sin  gebot  erslageu: 
er  hiez  in  von  dem  lebetagen 
erbemieclichen  scheiden, 
der  übele  arge  beiden 

was  ze  Röme  sezhatl.  75 

sin  keiserlichiu  magenkralt 
diu  schein  gar  michel  unde  breit, 
da  von  hiez  er  die  cristeuheit 
dur;iehlen  mit  gewalte, 

mort  unde  mein  er  stalte  80 

mit  grimme  an  den  geteuften, 
vor  ime  sich  gnuoge  slouften 
ze  walde  in  manic  tieiez  hol. 
ir  eteliche  jämers  vol 

verborgen  säzen  in  den  steten,  85 

durch  daz  er  si  niht  hieze  treten 
gewalteclichen  sinen  zorn. 
ze  leide  er  manegem  was  geborn 
den  er  des  libes  roubte  : 

wan  swer  an  Crist  geloubte,  90 

der  leit  von  ime  die  marter. 
dar  umbe  in  deste  harter 
entsäzen  alle  kristen 
und  wolten  gerne  \Tisten 

vor  ime  ir  leben  unde  ir  lide.  95 

si  bürgen  sich  durch  guoten  fride 
in  weiden  unde  in  wüesten 

73.  vn  erberineclichen         82.  genuog  sich         84.  etlicher         88.  ma- 
iiigen         90.  wer         94.  wolle         95,   von         96.  goten 


198  PANTALEON. 

durch  (laz  si  driniie  müesten 
vil  strenger  ncete  sich  entsagen, 
nü  was  ze  Rome  bi  den  tagen  100 

ein  herre  Eustorius  genant, 
des  herze  man  gereinet  vant 
von  schamelicher  missetät. 
er  was  ein  richer  senät 

der  ziihte  und  eren  sich  versan.  105 

der  selbe  tugende  riebe  man 
HS**  het  einen  schoenen  sun  erzogen, 
des  muot  geneiget  unde  gebogen 
wart  ze  kristenlicher  tugent. 
geblüemet  stuont  sin  reiniu  jugent  110 

mit  durliuhtiger  werdekeit. 
diu  swlde  was  lif  in  geleit 
daz  er  sich   meines  muoste  schämen. 
Panlab^ön  hiez  er  ze  namen 
und  bete  sin  gemiiele  115 

gezieret  wol  mit  güele 
und  mit  rilicher  milte. 
sin  herze  in  eren  spüle 
alsam  ein  rose  in  touwe. 

Mäz,  aller  tugende  frouwe,  120 

lert  in  bescbeidenlichiu  dinc. 
er  was  ein  glanzer  jüngelinc 
und  ein  so  gar  lintsa-iic  knabe 
daz  ich  von  ime  gelesen  habe 
er  Iriiege  lüterbieren  schin.  125 

Euslorius  der  vater  sin 
hielt  in  mit  grozen  eren. 
er  wolte  in  heizen  leren 
diu  buoch  von  arzenie. 

da  von  der  wandeis  vrie  130 

kos  einen  meister  in  der  stat. 
den  hiez  der  edele  unde  bat 
daz  kint  do  leren  disen  lisl. 

lOÜ.   xc  J'e/ilt.  101.  Eustorius  s/alt  Eustorgius  /ia(  z.   b.  Hrabanus 

Maiirns  unter  dem    ISn  fcbrtiar    acia  ss.  Jul.   0,  3'.I9).  104.   saiiat 

105.  schuhte         111.  durlühler         li;$.   nieines         i:i3.  da,  o/^/wr  dö 


PANTALEON.  199 

der  selbe  meisler  alle  vrisl 

wont  üf  des  keisers  palas,  135 

wan  er  sin  Hofgesinde  was 
und  in  het  in  der  huote  sin. 
er  was  geheizen  Eüfrosin, 
und  lac  an  im  witz  unde  vernunsl. 
von  arzenie  erweite  kunsl  1 40 

sin  herze  vinden  künde, 
den  jiingelinc  begunde 
!49'  der  meisler  wisen  da  zelianl. 
des  knaben  er  sich  underwanl 
und  16rle  in  siner  buoche  schrifl.  145 

nu  was  ein  priester  in  der  slifl 
gesezzen  bi  der  jare  tagen 
des  lip  gereinet  unde  gelwagen 
mit  deme  vil  bereu  toufe  was. 
von  Crisle  sang  er  unde  las  150 

daz  beste  daz  er  wolle, 
swaz  gote  zeren  solle, 
daz  let  er  willecliche  su^. 
man  seit  daz  Ermoläus 

genant  der  priester  wa;re,  155 

doch  niht  was  offenbare 
den  Roemern  allen  worden 
sin  kristenlicher  orden. 

Er  hal  sin  leben  und  sin  6, 
wan  er  entsaz  den  keiser  me  160 

denn  in  der  werlte  deheinen  man. 
sin  herze  in  goles  minne  bran 
und  was  an  Crist  geloubehaft. 
diz  bare  er  vor  der  heidenschaft 
durch  angestlicher  vorhte  grüs.  165 

141.  binden         145.  sine  147.  den  iaren  tagen  152.  ze  gottes 

eren  154.  Ermoläus  ohne  H,  das  z.  b.  auch  bei  Hrabanus  fehlt, 

ist  365  und  1722  durch  den  vers  sicher,  nur  1858.  1889.  1931  hat 
die  hs.  H,  wie  in  Hermippus  1744.  1785.  1890.  1930  und  an  drei  die- 
ser stellen  in  Hermoerates,  daneben  ist  1891  Ermocrates  durch  die 
hs.  angedeutet  und  durch  den  vers  gefordert,  in  allen  drei  namen 
das  H  zu  tilgen  erlaubt  überall  der  vers,  aber  es  ist  mir  glaublich 
dqfs  Konrad  selbst  schwankte.         165.  d.  angestliche  vorhte  groz 


200  PANTALEON. 

Pantaleon  gienc  durch  sin  hüs 
swenn  er  ze  schuole  solle  gäu. 
da  von  der  reine  capellän 
den  knaben  dicke  und  ofte  sach. 
zeimäl  gruozt  er  in  unde  sprach  170 

kint  liebez,  fröuwe  dich  in  gote.' 
Pantaleon,  der  Salden  böte, 
gap  im  der  rede  antwürte  dö. 
'nü  sint  ouch  ir  in  gote  frö, 
vil  sselic  herre  min'  sprach  er:  175 

'siD  gnade  fröuden  iuch  gewer 
mit  liebe  sunder  ende.' 
sus  bot  im  sine  hende 
149''  der  priester  dö  mit  witzen. 

er  hiez  in  nider  sitzen  180 

vil  nähe  siner  siten. 

si  wurden  bi  den  zilen 

mit  einander  redehall. 

sich  huop  ein  trütgeselleschaft 

unde  ein  kosen  under  in.  185 

des  wart  ir  heil  und  ir  gewin 

von  gote  sit  genieret. 

der  priester  wol  geleret, 

geheizen   Ermolaus, 

sprach  ze  deme  kinde  alsus.  l*JO 

'sage  mir,  trutgcselle,  nü, 

von  welher  kiiuste  lernest  dii? 

waz  ist  diu  leben  und  diu  6? 

wie  dins  gelouben  orden  ste, 

daz  tuo  mir  hie  mit  rede  schin.  195 

den  namen  und  daz  kiinne  diu, 

gar  willecliche  ich  daz  vernime. ' 

'triitherre'  sprach  der  knabe  zime, 

'  Pantaleon  bin  ich  genant, 

und  ist  daz  herze  min  gewant  200 

üf  höher  arzenie  list. 

min  valer  noch  ein  beiden  ist 

lt)7.  wcune  170.  zc  einem  mal  173.  aiit>>url  J80.  war 

1<J3.  isl  Je /ilf. 


PANTALEON.  201 

und  was  getoufl  diu  muoter  min. 

diu  muoz  erstorben  leider  sin 

und  ist  nu  lange  tot  gelegen.  205 

ich  ger  der  hohen  künste  pflegen 

diu  siechen  heilet  unde  nert. 

ob  mir  diu  sielde  wirt  beschert 

daz  ich  si  wol  gelerne, 

so  tribe  ich  si  vil  gerne.'  210 

Des  antwurt  ime  der  priester  wis, 
'kint'  sprach  er,  'daz  du  sa;lic  sis, 
wiltu  der  arzenie  gern 
diu  sieche  liute  kan  gewern 
149"  gesuntheit  uude  geniste,  215 

so  kere  dich  ze  Criste 
und  wirt  an  in  geloubehafl. 
er  leret  dich  die  meisterschaft 
diu  manegem  hiliet  für  den  tot 
der  in  vil  herzeclicher  not  220 

gedorret  unde  geswarzet. 
er  ist  der  oberste  arzet 
der  eines  blinden  ougen 
erliuhten  künde  tougen 

und  die  töten  tete  erstän.  225 

er  lie  den  betterisen  gän 
mit  siner  helfe  rwten. 
dar  zuo  kund  er  verstreiten 
daz  bluot  dem  armen  wibe 

und  half  ir  siechem  libe  230 

daz  er  von  siner  saht  genas. 
Asclepius  und  Vpocras, 
die  der  keiser  ruofet  an, 
die  sint  ein  wiht,  wan  dir  enkan 
ir  tröst  gehelfen  noch  gefromen.  235 

du  solt  üz  ir  geböte  komen 
und  6re  Crist,  der  megede  kint. 
swaz  abgote  üf  erden  sint, 

200.  ^er  fehlt.         207.  heilen         210.  inanigen         225.   lele  fehlt. 
231.   ascalapines,  und  vorher  \sch  getilgt:   vergl.   1065.       233.  ruofte 
an  sich 


202  PANTALEON. 

die  länt  sich  alle  vinden  loup. 
ir  helfe  swinet  als  ein  stoup  240 

den  starke  winde  riierent 
und  in  mit  stürme  füerent 
über  tal  und  über  berc. 
geloube  an  keines  menschen  werc 
und  lä  dich  gerne  toufen ;  245 

so  mahtü  swlde  koufen 
und  eweclicher  wunne  Ion.' 
die  Rre  enphie  Pantaleön 
in  sin  gemiiete  dö  mit  kraft, 
alsam  ein  erde  wuocherhafl  250 

149*^  enphähet  guoten  sämen, 
swenn  ir  beginnet  rämen 
mit  siner  saete  ein  ackerman. 
sin  edel  herze  daz  enbran 

und  wart  von  gotes  geiste  255 

reht  als  ein   fiures  gneiste 
entflammet  unde  schone  enzunt. 
üf  tel  er  sinen  kiuschen  munt 
gezogenlichen  unde  sprach 

des  selben  dinges  mir  verjacli  260 

min  muoter  daz  ir  haut  gesaget. 
da  von  mir  deste  baz  behaget 
iuwer  16re  und  iuwer  bete, 
si  diinket  micfc  süez  als  ein  mete. 
wan  ich  si  gerne  ervüUen  wil  265 

mit  werken  iemer  ane  zil.' 

Hie  mite  was  diu  rede  hin 
die  si  do  triben  under  in 

Pantaleön  der  k^rle  sich  270 

ze  schuole  sam  er  tet  da  vor. 

im  was  durch  siner  ören  tor 

geslichen  uf  des  herzen  grünt 

der  rät  den  ime  der  priester  kunt 

gemachet  hele  bi  der  frist.  275 

252.  swer  ir         260.  mich         261.  ir]  ir  mir        262.   deste]  daz 
269.  270.  Phanthaleon  kerte  sich  Alsamich  sage  vii  och  sprich 


PANTALEON.  203 

versigelt  Avart  der  siieze  Crist 
mit  kuiisl  in  sin  gemiiete  dö. 
uu  kam  ez  zeiner  zit  also 
(laz  der  junkherre  wol  getan 
ze  sime  raeister  solte  gän :  280 

do  sacli  er  an  der  sträze  ligea 
ein  kint  daz  nider  was  gesigen 
von   herzelicher  swaere. 
sin  not  schein  angestbciere, 

wan  ez  was  umbevangen  285 

mit  eime  grözen  slangen  ; 
der  hete  umb  ez  geslozzen  sich. 
150*  da  von  sin  raarter  grimmelich 
erschein  und  al  sin  ungemach. 
nü  daz  Panlaleon  gesach  290 

daz  kint  alsus  beswieret, 
dö  wart  an  ime  bewahret 
milt  unde  erbarmeherzekeit. 
des  kindes  niarter  was  im  leit, 
wan  er  begunde  tougen  jehen  295 

'  noch  hiute  soi  min  ouge  gesehen 
ob  Ermoläus  hat  geseit 
von  Criste  mir  die  warheit : 
ich  wil  versuochen  sine  kraft. " 
sus  gie  der  knappe  tugenthaft  300 

dar  näher  zuo  dem  kinde. 
die  blanken   hende  linde 
zein  ander  leite  er  unde  vielt, 
sin  ougen  er  ze  gote  üf  hielt 
mit  inneclichem  muote.  305 

'Crist  herre'  sprach  der  guote, 
'  lä  dine  gnade  werden  schin. 
Sit  daz  du  mit  der  krefte  din 
mäht  heilen  blinden  unde   lamen, 
und  der  töte  in  dime  namen  310 

vil  schiere  wirt  erquicket, 
so  werde  ouch  hiute  entstricket 

kiol  fehlt         '287  noch  288.         292.  geweret         MO.  dinem 


204  PANTALEON. 

(liz  kint  von  sime  twange, 
so  daz  der  veige  slange 

zerbreche  und  oiich  zerspringe  315 

und  ez  niht  langer  twinge 
mit  siner  grimmen  krefte. 
entloese  im  unde  enthefle 
den  lip  von  dirre  marter, 

durch  daz  ich  deste  harter  320 

geloube  an  dine  goteheit. 
beware  ob  mir  si  war  geseit 
150''  unde  erzeige  dine  kraft, 

dar  umbe  daz  ich  dienesthalt 

dir  welle  sin  üf  erden  325 

und  ich  dir  müeze  werden 

vil  underla'nic  miniu  jar. 

unt  wirt  daz  offcnliche  war 

daz  Ermolaiis  seile  mir, 

s6  diene  ich  eweclichen  dir  330 

durch  diner  hohen  fugende  reht. 

vernim  mich  armen,  dinen  knehl. 

unde  erhoere  mich  zehant, 

also  daz  dirre  serpant 

diz  kint  niht  langer  drücke.  335 

zerspringet  er  in  stücke, 

so  weiz  ich  wol  daz  diu  gewalt 

ist  vorhtesam  und  manicvait.' 

Nu  der  vil  reine  guote 
mit  durnehtigem  muote  340 

die  rede  und  disiu  wort  getcte, 
dö  wart  erhoeret  an  der  stete 
sin  flehelichiu  stimme, 
der  slange  unmazen  grimme 
begunde  sich  entheften  345 

und  wart  von  gotes  krefleu 
zerteilet  und  zerschrenzet 
und  also  vasle  entgenzet 
daz  er  in  kleiniu  stüppe  spranc 

317.   grime         318.  Entlösen  vn  cnllieftc  340.   durchsuchtlicbeii 


PANTALEON.  205 

und  daz  kint  niht  mere  twanc  350 

daz  do  vil  schone  wart  gesunt 
und  dannen  kerle  bi  der  stunt 
als  ime  nie  leit  erswa?re. 
diz  zeichen  offenbaire 

daz  wolle  got  erscheinen  355 

durch  sinen  kueht  den  reinen 
der  ungetoufet  dannoch  was. 
und  dö  daz  arme  kint  genas 
150'^  durch  Pantaleönes  bete, 

und  er  an  im  erkennet  bete  360 

diz  zeichen  und  diz  wunder, 

do  Seite  er  do  besunder 

lop  und  pris  dem  werden  gote. 

er  dankte  sere  sinie  geböte 

und  ilte  zErmolao.  365 

waz  ime  geschehen  wcere  dö, 

daz  tele  er  ime  mit  rede  erkant 

und  hiez  sich  toufen  alzehant, 

Diz  wart  getan  vil  schiere  dö. 
der  priester  wart  der  seiden  frö  370 

daz  got  durch  in  besunder 
diu  zeichenlichen  wunder 
dem  kinde  eröuget  hwte. 
Pantaleön  der  sta'te 

mit  gotes  geiste  erfüllet  wart.  375 

wie  von  der  heidenischen  arl 
sin  vater  würde  enbunden, 
dar  ZUG  wart  bi  den  stunden 
der  jüngelinc  gedankhaft. 

er  leite  dar  üf  sine  kraft  380 

in  herzen  unde  in  niuote 
daz  in  der  reine  guote 
bekeren  möhte  bi  der  vrist 
also  daz  er  den  wären  Crist 
in  sin  gemüete  naime  385 

und  von  den  goten  k*me 

352.  Vü  da  man  k.  358.  dö  fehlt.  365.  zu  ermolao 

367.  reden        'i'i%.  Die  zeichenliche         381.  herze         384.  wäre 


206  PANTALEON. 

der  ungetoufteii  beiden, 
den  Herren  wol  bescheiden 
berespen  er  begunde 

er  sprach  üz  wisem  munde  390 

'  wie  flieget  sich  daz,  vater  min, 
daz  die  vertanen  gote  din 
so  relite  wandelbare  sint? 
si  diinkent  mich  toup  unde  blinl 
150''  an  kreften  unde  an  witzen.  395 

man  siht  ir  einen  sitzen, 
swenn  alle  zit  der  ander  slät, 
und  der  sich  da  gesetzet  hat, 
des  lip  enkan  niht  uf  gestän, 
noch  mac  der  stände  niht  gehan  400 

die  mäht  daz  er  gesitzet  nidor : 
in  beiden  sint  lip  unde  lider 
kreft  unde  lebender  fugende  bloz. 
ez  ist  ein  missewende  groz 

daz  iemen  an  die  touben  405 

abgote  wil  gelouben 
den  alliu  sliure  ist  gar  benomen. 
swaz  niht  im  selben  mac  gefromen, 
wie  künde  mir  gehelfen  daz? 
man  sol  den  goten  sin  gehaz  410 

die  menschen  lip  gewirket  hat. 
wer  wolde  siner  hantgetät 
die  wirde  bieten  alle  stunt 
daz  ir  sin  opher  würde  kunt 
und  er  si  lobte  als  einen  got?  415 

ez  ist  ein  üppidicher  spot 
daz  man  ein  werc  sol  ane  beten 
daz  abe  der  stete  niht  mac  getreten 
einen  fuoz  noch  einen  schrit. 
daz  niht  geriiercn  kau  diu  lit,  420 

als  dine  gote,   vater  min, 
daz  mac  wol  ein  gestüppe  sin.' 
Der  herre  des  antwürte  bot, 
sun'  sprach  er,    du  hast  mich  ze  not 
3'.M».   kau  'lOO.  slvnde  'il2.  \voh\e  fehlt  418.   der  stellen 


PANTALEON.  207 

mit  dirre  teidinge  bräht.  425 

mm  herze  ist  niht  so  wol  bedälit 
daz  ich  gantwürten  kiinne  dir. 
diu  rede  ist  gar  ze  swsere  mir 
und  alze  starc  diu  frage  diu, 
wan  ich  an  deme  gelouben  min  430 

15r  von  diner  worte  lere 
beginne  wanken  s^re 
und  vaste  zwivelhaft  bestän. 
ein  rede  ist  von  dir  hie  getAn 
diu  minen  witzen  ist  ze  groz.'  435 

mit  disen  Worten  ime  entslöz 
der  vater  und  tet  irae  kunt 
daz  gotes  geist  in  hete  enzunt 
und  sin  gemiiete  erhlhte. 

den  jiingelinc  bedühte  440 

schier  an  des  alten  bihte 
daz  er  in  möhle  lihte 
gewisen  von  der  heidenschaft. 
Sit  er  ein  wfenic  zwivelhaft 
an  deme  gelouben  sin  bestuont,  445 

als  alle  die  vil  schiere  tuont 
die  von  ir  orden  wellent  gan, 
so  künde  sich  des  wol  verstdn 
Pantaleön  der  wise 

daz  er  sanft  unde  lise  450 

bekeret  würde  und  überredet, 
swer  zwivel  in  sin  herze  ledet 
mit  sinne  und  mit  gedanken, 
der  wil  ouch  lihte  wanken 

von  siner  ordenunge.  455 

daz  hete  wol  der  junge 
Pantaleön  erkennet. 
Eustorius  enbrennet 
was  von  gotes  geiste  dö. 

des  wart  in  sime  herzen  vrö  460 

sin  lieber  sun  vil  dräte, 

425.  redinge         438.  Dez  g.  g.  hette  in  ime  entzvnt         444.  enwenig 
446.  Also         453.  sinnen         457.  Der  h. 


208  PANTALEON. 

durch  daz  von  sime  rate 
der  herre  solle  werden 
gereinet  uf  der  erden 

von  allem  itewize.  465 

er  warp  mit   hohem  llize 
15l''  und  leite  dar  üf  sinen  pin 
daz  dö  die  valschen  gote  sin 
der  vater  hieze  brechen. 

iedoch  wolt  er  niht  sprechen,  470 

wan  er  mit  leiden  maren 
getorste  niht  beswwren 
den  herren  missewende  bar, 
e  daz  er  in  bekerle  gar 

ze  cristenlichem  orden.  475 

er  dähte  'swenne  er  worden 
ist  ein  durnehtic  cristen, 
so  enläze  ich  in  niht  vristen 
sin  abgote  langer  mß, 

wan  ich  und  er  tuonl  in  so  we  480 

daz  wir  si  brechen  beide 
und  werfen  si  mit  leide 
für  daz  hüs  und  abe  der  siele." 
Pantaleon  die  rede   tele 

vil  tougen  und  vil  stille.  485 

ze  gote  stuont  sin  wille, 
wan  er  in  sime  geiste  bran. 
nü  was  ein  liehteloser  man 
ze  Rönie  sunder  lougen 

der  niht  an  beiden  ougen  490 

mohl  einen  bnescu  stich  gesehen, 
er  horle   sprechen  unde  jolien. 
Pantaleon  der  wa-re 
ein  arzät  so  gewahre 

daz  er  mit  sinen  listen  495 

kiind  alle  siechen  fristen 
von  schedeliciier  swa-re. 
im  wart  geseit  ze  ma^re 
daz  er  mit  sime  tröste 
478.  in /('/(//.  179.  apgöHen  491.  Eiiieu  h.   stick  uilil  mölite  g. 


PAiNTALEON.  209 

daz  arme  kinf  erlöste  500 

von  (lerne   unreinen  slangen 
151"   da  von  kam  er  gegangen 
ze  sime  hiise  drate. 
nach  wiser  Hute  rate 

wart  er  für  in  geleitet.  505 

da  von  was  ime  bereitet 
helf  unde  trost  vil  schiere. 
Pantal^on  der  ziere 
liez  im  dö  guoten  rät  geschehen, 
wan  dö  er  in  begunde  sehen,  510 

dö  sprach  im   der  getriuwe  zuo 
'waz  wiltü,  friuut,  daz  ich  dir  tuo?' 

Des  autwurle  irae  der  blinde, 
ze  deme  erweiten  kinde 

sprach  der  liehtelöse  kneht  515 

'ich  suoche  diner  gnade  reht 
und  dinen  helfelichen  tröst, 
so  daz  ich  armer  werde  erlöst 
von  miner  siechen  blintheit 

und  ich  von  diner  tugende  breit  520 

min  lieht  müeze  wider  hau. 
mit  arzenie  ich  hän  vertan 
min  guot  und  alle  mine  habe, 
mir  hat  vil  manic  arzät  abe 

gebrochen  swaz  ich  hwte,  525 

und  hänt  mich  sine  raete 
geholfen  harte  kleine  doch, 
ich  bete  ein  wfenic  lichtes  noch  : 
daz  selbe  ist  mir  benomen  gar. 
ich  bin  des   guotes  worden  bar  530 

und  der  gesihte  leider: 
der  täten  vri  mich  beider 
die  raeister  mit  ir  lere, 
da  von  beganc  din  ere 

an  mir  und  dine  saelekeit.  535 

Sit  daz  ein  wunder  si  geleit 

510.  do  fehlt.  515.  der  lichtloser  523  nach  524. 

526.  hat 

Z.   F.   D.   A.    VI.  14 


210  PANTALEON. 

an  dich  von  hoher  künste, 
so  lä  von  (liner  günste 
ISl*^  die  grozen  sselde  mir  geschehen 

(laz  ich  müge  den  tac  gesehen.  540 

Pantalöon  sprach  aber  dö 
'  war  unibe  sol  ich  machen  vro 
mit  miner  helfe  dinen  muot, 
Sit  du  deheiner  slahte  guot 

ze  lone  mäht  gegeben  mir?  545 

waz  miete  enphienge  ich  nü  von  dir, 
und  würdestü  gesehende? 
du  wsere  mir  verjehende 
du  habest  dine  habe  verzert 

und  habest  dich  doch  niht  generl  550 

mit  arzetuome,   als  ich  vernime.' 
'  trüflierre'    sprach  der  blinde  zime, 
daz  selbe  kleine  güetelin 
daz  noch  in  deme  gewalte  min 
beliben  si,  daz  soltii  nemen,  555 

durch  daz  du  lazest  mir  gezemen 
hell'  unde  dine  stiure.' 
'nein'  sprach  der  knabe  gehiure, 
'  ich  enger  dins  guoles  niht. 
swaz  du  habest  in  diner  phliht,  560 

daz  gip  enwec  den  armen, 
din  breste  sol  erbarmen 
den  waren  unde  den  siiezen  Crist. 
der  machet  dich  in  kurzer  vrist 
gesehende  sunder  lougen  565 

und  reinet  dir  din  ougen 
von  liehteloser  blinlheit. 
sin  helfe  wirt  an  dich  geleit 
und  sin  geniedeclicher  trost. 
so  daz  dii  schaden  wirst  erlöst.'  570 

Der  rede  wart  der  blinde  vrö. 
Panlaleönes  vater  dö 
gedahte  Mie  daz  möhte  sin 

540.  den  tag  möge         547.  Vii  w.  von  mir  geseben  548.  Du  liast 

doch  mir  hie  veriehcn      550.  Vn  euhast      557.    Dine  helfe      560.  dine 


PANTALEON.  211 

daz  lulerlicher  ougen  schin 

der  blinde  enphienge  sa  zehanl.  575 

152"  ze  deine  junkherren  wise  erkant 
der  alte   ininnecliche  sprach 
'  wie  mac  des  siechen  ungemach 
von  dir  gebiiezel  werden, 

Sil  meister  vil  uf  erden  580 

ir  kunst  an  ime  versuochet  hant, 
und  si  doch  keine  helfe  länt 
an  sinen  ougen  schinen? 
dii  will  vergebene  pinen 

din   herze  und  dinen  willen,  585 

Sit  daz  du  warnest  stillen 
daz  leit  mit  dime  rate 
daz  weder  t'ruo  noch  späte 
kein  arzät  mac  gebiiezen.' 

der  rede  von  dem  siiezen  590 

antworte  wart  gegeben  do. 
Pantaleön  sprach  also, 
der  meister  der  mich  lerte 
und  mine  liste  merte, 

der  ist  so  richer  künste  vol  595 

daz  ich  mit  siner  helfe  wol 
dem  blinden  sinen  kumber  nime. ' 
'sun'  sprach  der  vater  aber  zirae, 
'  waz  seistü  von  dem  meister  din  ? 
dem  liehtelösen  mohte  schin  600 

niht  werden  siner  helfe  rät. 
swie  vaste  er  sich  versuochet  hat 
an  ime,  er  künde  niht  genesen, 
wiltü  nü  künste  richer  wesen 
denn  er,  daz  ist  ein  fremdez  dinc'  605 

'swic'  sprach  der  edele  jüngelinc, 
'  und  lä  beliben  disiu  wort, 
du  soll  hie  gi'özer  lügende  hört 
und  niichel  ere  an  gole  sehen, 
der  läl  daz  wunder  da  geschehen  610 

580,  so  vil        599.  Daz  s.         600.  machte        ()04.  kunstreicher 

14* 


212  PANTALEON. 

daz  dirre  man  gesihte  bar 
152''  gewinnet  ougen  liehtgevar 

unde  gesehende  schone  wirt. 

Krist  Jesus  ime  die  helfe  birl 

mit  hohen  kreften  üz  erlesen  615 

daz  er  vil  schiere  sol  genesen/ 
Mit  disen  Worten  unde  also 

der  gutes  wundertere  do 

greif  an  des  blinden  ougen. 

er  liez  ze  himele  tougen  620 

erhellen  siner  stimme  dön. 

der  jüngelinc  Pantaleon 

begunde  sprechen  disiu  wort. 

'got  herre  der  ze  himele  dort 

unde  üf  erden  hast  gewalt,  625 

Vd  dine  güete  raanicvalt 

und  dine  gnade  werden  schin. 

Sit  daz  du  mit  der  krefte  din 

die  vinsternisse  erliuhten  mäht, 

SO  tuo  din  wunder  maneger  slaiil  630 

den  liulen  offenbaire. 

erzeige  in  unde  bewiere 

daz  din  almehlic  goteheil 

sich  läze  kreftic  unde  breit 

an  allen  steten  vinden.  635 

erliuhte  disem  blinden 

sin  ougen  ungesihtec, 

durch  daz  man  werde  gihtec 

dir  raanicvalter  wirde. 

geruoche  sine  girde  640 

und  mine  bete  erhoeren, 

so  daz  du  wellest  stoeren 

sin  leit  daz  ime  da  wirret. 

sin  lieht  daz  ime  verirret 

von  touber  missewende  si,  645 

daz  mache  im  lüter  unde  fri 
1 52"  vor  wandelbseren  dingen ; 

618.  windere  f)2i.  n^  fehlt.         639.  nianig;valti,ner 


PANTALEON.  213 

so  mac  din  lop  erklingen 

und  vvirt  din  name  erhoerel. 

lästu  sin  leit  zerstoeret  650 

von  diner  helfe  werden, 

so  priset  man  üf  erden, 

got  herre,  diue  magenkraft, 

diu  starc  ist  unde  sigehaft. 

Mit  dirre  flizeclichen  bete  655 

Pantaleön  erl'röuwel  hete 
den  liehtelösen  dräte. 
von  siner  helfe  rate 
sin  ougen  wurden  üf  getan, 
daz  lieht  begunde  er  wider  han  660 

daz  inie  da  vor  gezücket  was. 
gar  lüter  sam  ein  Spiegelglas 
wart  ime  gemachet  sin  gesiht. 
da  von  sümt  er  sich  langer  niht, 
er  Seite  pris  dem  werden  gote.  665 

der  tugende  dankte  er  sime  geböte 
daz  im  sin  ungemach  verswein, 
mit  fröuden  kerte  er  wider  hein 
schon  unde  wol  gesehende. 

des  wart  man  lobes  jehende  670 

Pantaleöne  hi  der  zit. 
vil  maneger  sprach  euwiderstrit 
daz  er  ben.imen  wsere 
ein  arzäthelfsere 

unde  ein  meister  üz  erkorn.  675 

sin  werder  vater  hochgeborn 
sich  fröute  siner  werdekeit. 
sin  muot  ganzlichen  wart  geleit 
an  Jesum  Crist  den  reinen, 
wan  er  begunde  meinen  680 

sunder  allen  wandel  in. 
sin  sun  und  er  die  körten  hin 
ze  priester  Ermoläo. 
152'^  dem  Seiten  si  ze  maere  do 

('>5Ü.  sin  lieht  zerstören         664.  sumet  sich         672.  im  widerstrit 
682.  er  kerte  h. 


214  PANTALEON. 

(laz  wunder  daz  do  was  geschehen.  685 

wie  got  den  blinden  lie  gesehen, 

daz  wart  im  do  gekündet. 

des  wart  sin  muot  durchgründet 

vil  gar  mit  fröude  richer  art. 

Pantalßönes  vater  wart  690 

von  ime  getoufet  hi  der  zit. 

ze  sime  hüse  giengen  sit 

die  gotes  trüten  alle  dri. 

daz  wart  gereinet  unde  fri 

vor  wandeibseren  Sachen,  695 

wan  si  begunden  swachen 

die  valschen  gote  sin  iesä. 

die  brächen  si  ze  stücken  da 

noch  liezen  si  niht  ane  beten. 

si  wurden  in  daz  hör  getreten  700 

und  üz  dem  hüs  gescheiden. 

der  priester  discn  beiden 

daz  beste  willeclichen  riet. 

sin  rät  sun  unde  vater  schiel 

von  aller  zwivelunge,  705 

wan  sin  erweltiu  zunge 

lie  si  vil  tugende  merken. 

ir  muot  began  sich  sterken 

an  cristenlichem  orden. 

si  waren  schiere  worden  710 

durch  sine  wisen  ra;te 

an  deme  gelouben  st?ete. 

Si  lobet en  Krist  an  allen  mein, 
ir  muot  an  ime  durliuhlic  schein 
als  ein  crisfalle  bi  der  zit.  715 

Pantalßones  vater  sit 
nam  ein  vil  sselic  ende, 
an  alle  missewende 
153"  gelac  der  edele  herre  toi. 

den  geist  den  sante  er  unde  bot  720 

mit  fröuden  in  den  himeltrön. 

087.   ime  doch  708.   begviide         713.   an]  in 


PANTALEON.  215 

und  (16  sin  guot  Panlal^ön 

hesaz  und  alle  sine  habe, 

dö  lie  der  lugende  riebe  kiiabe 

zeslifen  sin  gesinde.  725 

von  dem  erweiten  kinde 

den  knehten  wart  gelonet  wo!. 

er  scbiet  si  von  im  liebes  vol 

und  fröuden  riclies  muotes. 

daz  ander  teil  des  guotes  730 

daz  im  über  was  beliben, 

daz  wart  nach  sa.'lden  ouch  vertriben, 

wau  er  gap  ez  den  armen 

und  lie  sich  gnuoge  erbarmen 

die  da  gevangen  lagen  735 

durch  daz  si  rehtes  pflagen 

und  Jesum  Crist  an  riefen. 

er  sante  in  zuo  den  tiefen 

kerkeren  sine  spise. 

Pantaleon  der  wise  740 

die  siechen  wol  beruochte. 

swer  sine  helfe  suochte, 

der  wart  zehant  von  ime  ernert. 

den  blinden  wart  sin  trost  beschert 

unde  den  krumben  unde  den  lamen.  745 

er  heilles  alle  in  Cristes  namen 

die  für  in  kerten  ungesunt. 

gesuochet  wart  dö  bi  der  stunt 

kein  ander  meister  wan  eht  er. 

des  truoc  vil  grimmes   herzen  ger  750 

und  einen  vientlichen  sin 

vil  manic  arzät  wider  in. 

Die  meister  alle  von  der  stifl 
die  kämen  üf  des  nides  trift 
153''  daz  sin  begunden  hazzen.  755 

sich  huop  in  einer  gazzen 
ir  samenunge  an  eime  tage, 
also  daz  si  mit  leides  klage 

7'22.  do  fehlt.        730.  anderu         756.  in]   ao  in 


216  PAiNTALEON. 

zein  auder  kämen  von  geschiht 
und  unberedet  liezen  niht  760 

daz  in  so  grozen  schaden  tele 
Pantaleön  an  maneger  stete 
da  si  gewinnes  solten  pflegen, 
in  allen  üf  der  sträze  wegen 
der  man  begegente  alzehant  765 

üf  den  Pantaleön  gewant 
het  also  helfe  riehen  tröst 
daz  er  mit  sime  rate  erlöst 
von  siner  blintheite  wart. 

nü  daz  die  meister  üf  der  vart  770 

den  selben  man  gesahen, 
dö  sprächens  unde  jähen 
'diz  ist  der  man  der  6  was  blint 
und  den  Pantaleön  daz  kint 
ernerte  mit  der  helfe  sin.  775 

er  hat  nü  glanzer  ougen  schin 
und  was  im  6  sin  lieht  benomeu.' 
sus  hiezens  in  dar  näher  komen 
und  für  sich   gän  des  raäles  hin. 
si  sprächen  alle  wider  in  780 

friunt,  wirt  uns  hie  verjehende, 
wer  machte  alsus  gesellende 
mit  siner  höhen  stiure  dich?' 
'Pantaleön  generle  mich' 

sprach  er  dö  sunder  lougen,  785 

'  wan  er  zwei  lüter  ougen 
her  wider  gap  mit  helfe  mir. ' 
waz  arzenie  tete  er  dir' 
begunden  si  dö  sprechen, 

'da  mite  er  dich  gerechen  790 

an  der  gesihte  machte  also?' 
153"  des  antwurte  er  in  aber  dö 
gezogenlicheu  unde  sprach 
'swaz  rätes  mir  von  ime  geschach, 
dar  zuo  Icit  er  deheinen  list,  795 

707.  licireuiicliL'ti  708.   tliiz  ci]   Der         703.   Gezogenlichc 


PANTALEON.  217 

wan  daz  er  bat  den  süezen  Crist 
daz  er  mir  helfe  twte  scliin. 
er  ruorle  in  deme  namen  sin 
min  ougen  beidiu  mit  der  hant. 
da  von  ich  die  geuäde  vant  800 

daz  ich  von  miner  blinden  art 
durch  sin  gebot  erloeset  wart." 
Diz  mrere  in  allen  misseviel. 
ir  nidic  muot  in  zorne  wiel 

üf  den  vil  reinen  jiingelinc  805 

der  so  genisbarlichiu  dinc 
dem  siechen  lie  do  werden  schin. 
si  sprachen  '  zwäre,  sol  er  sin 
iht  lange  in  dirre  guoten  stat, 
er  tuot  uns  alle  an  eren  mat,  810 

wan  er  uns  wirde  roubet. 
daz  volc  an  in  geloubet 
und  hat  der  gote  kunst  für  uiht. 
swer  disen  beeret  unde  siht 
den  er  gesehende  mähte,  815 

der  hat  üf  uns  kein  ahte 
und  ruochet  unser  kleine, 
wir  sulen  alle  gemeine 
dem  keiser  von  im  künden 

daz  er  mit  valschen  fünden  820 

so  fremdez  wunder  üebet.' 
sus  giengen  si  betrüebet 
do  für  Maximianen, 
üf  den  vil  wol  getanen 

ir  nidic  muot  in  zorne  brau.  825 

do  si  den  keiser  blikten  an, 
153''  do  sprachen  alle  wider  in 
'die  gote  lident  ungewin, 
den  briuwet  in  Pantaleön. 

er  krenket  vaste  ir  lobes  döu  830 

und  swechet  in  ir  werdekeit. 
wan  swen  du,  herre,  hast  geleil 

807.  Diu  siech  811.  wirder  814.  disen  luau  höret 

829.  Die  br. 


218  PANTALEON. 

in  (lin  gebende  durch  daz  er 

ze  Krisle  keret  sine  ger, 

den  spisel  er  mit  siner  habe.  835 

daz  er  die  mit  tröste  labe 

die  din  gebot  versma^hent  hie, 

des  flizet  er  sich,  wände  er  nie 

den  goten  wolle  bi  gestän. 

er  hat  vil  wunders  hie  getan  840 

mit  zouber  daz  er  Iribet. 

ist  daz  er  hie  belibet 

und  nihl  hinnen  wirt  gejaget,  ,^ 

daz  volc  an  diner  e  verzaget 

und  wirt  an  Crist  geloubehaft.  845 

sin  rät  mit  valscher  meisterschaft 

unbilde  kan  verenden. 

la,  herre,  den  besenden 

den  er  gesehende  mähte, 

durch  daz  du  maneger  slahle  850 

geliuschc  an  ime  beginnest  sehen, 

wan  ez  von  gougel  nuioz  geschehen 

daz  er  die  siechen  alle  sinnt 

mit  siner  helfe  tuot  gesunt.' 

Dem  keiser  was  diu  rede  leit.  855 

er  hicz  in  siner  grimmekeit 
den  man  für  sich  besenden 
der  von  des  knaben  henden 
sin  lieht  vil  schiere  wider  nam. 
und  also  er  ze  hove  kam  860 

mit  unverzagtes  herzen  ger, 
dö  sprach  der  keiser  '  bislü  der 
154''  der  von  Pantaleone 

gesehende  wart  vil  schone 

und  ein  sus  klarez  lieht  gewan?'  865 

ja,  herre'  sprach  der  guole  man, 
'  ich  bin  der  suuder  lougeu 
dem  er  zwei  liiter  ougen 
mit  siner  helfe  hat  gegeben. 

838.  gebeil  839.   sinen  851.    begiuuest  au  ime  s. 

805.  uud  fe/tlL 


PANTALEON.  219 

sin  rat  mir  lip  herz  unde  leben  870 

genaedecliche  machte  vrö. ' 
'  nü  sage  mir'  sprach  der  keiser  dö, 
'wie  machte  er  dich  gesunthaft? 
hat  er  dich  mit  der  gote  kraft 
alsus  erliuhtet  oder  wie?'  875 

'nein'  sprach  er,  'dine  gote  nie 
gehulfen  ime  ze  dirre  getät 
diu  mich  alsus  erloeset  hat 
von  der  vii  starken  swsere  min, 
wie  sollen  mich  die  gote  din  880 

erliuhten  mit  ir  stiure, 
Sit  daz  in  allen  tiure 
lieht  unde  lüter  ougen  sint? 
swaz  selbe  toup  ist  unde  blint, 
wie  möhte  mir  daz  iht  gefromeu  ?  885 

mir  hänt  die  meister  abe  genomen 
min  guot  mit  arzenie  gar, 
also  daz  ich  ir  helfe  bar 
gestuont  an  beiden  ougen  doch, 
ich  bete  ein  w6nic  lichtes  noch :  890 

daz  nämen  si  mir  unde  den  Ion. 
dö  nerte  mich  Pantaleon, 
als  ez  gebot  sin  herre  Crist, 
der  gotes  sun  von  himel  ist 
und  Wunders  vil  begangen  hat.  895 

er  lät  an  ime  sin  hantgetat 
riliche  stiure  ^^nden. 
die  lamen  und  die  blinden 
154''  mac  heilen  sin  vil  starc  gebot, 

wan  er  ist  ein  almehtic  got,  900 

der  wazzer  fiur  luft  erden 
und  alliu  dinc  liez  werden.' 

Der  keiser  zallen  orten 
wart  sere  von  den  Worten 

erzürnet  alse  ein  tobic  bunt.  905 

mit  grimme  sprach  er  sä  zestunt 

870.  mir]  min  879.  starker         880.  der  g.         883.  daz  fehlt. 

883.  unde]  von         895  nach  896.         897.  Rigelicbe        000.  ein  fehlt. 


220  PANTALEON. 

'alrest  prüef  ich  die  wärheit. 
swaz  mir  nü  lange  wart  geseit 
von  Pantaleone, 

des  bin  ich  komen  schöne  910 

zeim  ende  ml  bi  dirre  frist. 
sin  gougel  und  sin  zouberlist 
den  golen  vil  geschadet  hat. 
der  disen  menschen  leben  lät 
der  von  der  helfe  sin  gesiht  915 

und  in  zehant  verderbet  niht, 
min  volc  daz  wirt  bek^ret, 
wan  ez  mit  opher  feret 
deheinen  got  von  miner  e. 

man  sol  niht  langer  unde  m^  920 

genesen  lazen  disen  man, 
der  ein  Urkunde  geben  kan 
daz  er  gesellende  worden  si. 
nu  machenf  in  bar  unde  fri 
des  libes  unde  des  lebetagen.'  925 

seht,  also  wart  im  abe  geslagen 
daz  houbet  bi  den  stunden, 
des  wart  sin  sele  funden 
schier  in  dem  paradise. 

Panfaleön  der  aWsc  930 

rilichen  solt  ze  lone  gap, 
daz  er  in  sines  vater  grap 
verborgenliche  wart  geleit. 
der  im  den  lip  ze  töde  sneil 
154'^  und  ime  da  sluoc  daz  houbet  abe,  935 

der  truoc  in  selbe  hin  ze  grabe, 
durch  daz  man  gap  im  liuren  Ion. 
dar  nach  wart  Pantalecin 
hin  zuo  dem  keiser  ouch  besanJ. 
er  kam  dö  für  in  alzehant  940 

gegangen  uf  den  palas. 
daz  er  vor  ime  verleidet   was, 
dar  uf  aht  er  vil  kleine. 

1)15.  geschiht         910.   in  fehlt.         923.  gesehen         93().  hin  fehlt. 
940.  dar  kam         9i2.   von 


PANTALEON.  221 

der  gotes  kemphe  reine 

die  marter  liden  wolte  945 

durch  daz  er  tragen  solte 

der  sigenünfte  palnien. 

er  sprach  zehant  den  sahnen 

üf  riches  lones  zuoversiht. 

'min  lop  verswic,  got  herre,  niht ;  950 

du  mache  ez  offen  unde  kunl, 

wau  die  sündeere  haut  ir  munt 

durch  haz  entslozzen  über  mich. 

mit  nides  Worten  vientlich 

hänt  mich  bevangen  iibelc  man  955 

die  mich  vergebene  stritent  an.' 

Den  salmen  der  getriuwe  sprach, 
der  keiser  in  do  komen  sach 
mit  willediches  herzen  ger. 

'du  bist  Pantaleon'  sprach  er :  9C0 

'dar  umbe  entsliuz  die  rede  mir 
ob  daz  si  war  daz  ich  von  dir 
nü  lange  zit  vernomen  han.' 
do  sprach  der  knappe  wol  getan 
'waz  hat  man  dir  von  mir  gesaget?'  965 

'  mir  hänt  die  meister  hie  geklaget' 
sprach  aber  zime  der  beiden  arc, 
'daz  du  mit  zouberie  starc 
den  goten  vil  geschadet  habest, 
und  daz  du  fuorest  unde  labest  970 

154''  vil  manegen  den  ich  heize  queln. 
ich  hoere  sprechen  unde  zeln, 
swer  lige  in  minen  banden, 
daz  du  mit  dinen  banden 

den  salbest  unde  heilest.  975 

du  fröuwest  unde  ergeilest 
die  kristen  algemeine, 
die  minen  goten  reine 
ze  lobelichen  dingen 
niht  ophers  wellent  bringen.'  980 

950  —  956.  ps.  108,  1  —  3. 


222  PANTALEON. 

Des  antwurte  ime  Pantaleön. 
er  lie  vil  siiezer  stimme  dön 
erklingen  vou  dem  munde  sin. 
er  sprach  'die  valsclien  gote  din 
die  spulgent  snoeder  meisterschaft.  985 

den  liimel  kiinde  nilit  ir  kraft 
geschepfen  Doch  dis  erden, 
hie  sol  erzeiget  werden 
waz  üf  si  lügende  si  gewant.' 
'wie  mac  daz  werden  uns  hekant?'  990 

sprach  aber  do  Maximian, 
'da  soll  du  für  dich  bringen  lan 
bald  einen  siechen  man'  sprach  er. 
'  heiz  einen  betterisen  her 

vil  schiere  dinseu  unde  tragen  995 

des  lip  von  sinem  siechetagen 
niht  gerüeren  künne  sich, 
so  der  gefiieret  si  für  dich 
und  du  beschouwest  sinen  pin, 
so  la  zehant  die  priester  din  1000 

al  dine  gote  schrien  an 
daz  si  dem  lidesiechen  man 
hie  wider  geben  sine  genist, 
dar  ZUG  so  wirt  min  herre  Crisl 
von  mir  gevlehel  ouch  zestuni  1005 

daz  er  in  mache  wo!  gcsunl 
155'  und  ime  rehtiu  lil  beschere, 
swer  dcnne  sinen  lip  gencre 
und  in  erfröuwe  an  allen  spof, 
den  ere  man  für  einen  got  10 10 

der  Stare  ist  unde  sigehaft. 
ist  daz  im  diner  gote  krall 
gebieten  mac  gesunthcit, 
so  werde  ir  lop  wit  unde  breit 
gemachet  üf  der  erden.  1015 

müg  aber  er  niht  werden 
genert  durcli  diner  gote  list, 

082.  süsze         9<)8.  mich         1004.   zuo  fehlt. 


PANTALEON.  223 

und  heilet  in  min  herre  Crist, 

so  Iti  din  e  versmoehet  sin 

und  üebe  den  gelouben  min  1020 

der  alse  ein  reliter  orden 

bewteret  denne  ist  worden.' 

Maximian  der  keiser, 
ämehtio  unde  heiser 

an  cristenlicher  sielekeit,  1025 

liez  ime  niht  sin  die  rede  ieit, 
wan  im  diu  wort  gevielen  wol. 
er  sprach  'ja  wil  ich  unde  sol 
hie  volgen  dime  rate.' 

sus  hiez  er  für  in  dräte  1030 

dö  bringen  einen  menschen  lam. 
der  ^^art  getragen  unde  kam 
ze  hove  in  sinem  bette  swach. 
dö  von  der  iibele  beiden  sprach 
dem  wisen  jüngelinge  zuo  1035 

'den  goten  kunt  dis  6re  tuo 
daz  wir  von  erste  ir  kraft  gesehen, 
und  so  daz  denne  si  geschehen 
daz  ir  gewalt  versuochet  ist, 
so  läz  erkennen  waz  din  Crist  1040 

mit  helfe  riehen  henden 
hie  Wunders  müge  verenden 
an  deme  vil  siechen  manne. 
155''  swer  in  geheile  danne, 

der  si  gepriset  iemer  rae.'  1045 

Pantaleön  sprach  'diz  erge 

nach  dines  herzen  muote  gar.' 

sus  hiez  dö  sine  priester  dar 

der  keiser  ilen  zeme  lamen. 

er  sprach  daz  si  der  gote  namen  1050 

ser  unde  lüte  riefen  an, 

durch  daz  si  deme  vil  siechen  man 

benahmen  da  sin  ungemach. 

diz  wart  getan  und  diz  geschach. 

1018.   heile  1030.  für  in]  bringeo  1038.  denne  si]  dine  ist 

1040.  erken         1034.   vri  sprach  mit  übergeschriebenem  diz. 


22/1  PANTALEON. 

si  wurden  alle  bi  der  zit  1055 

gar  inneclichen  an  geschrit: 
daz  wenic  half  den  betterisen. 
der  eine  den,  der  ander  disen 
begunde  tiure  d5  beswern 

daz  si  den  siechen  man  genern  1060 

geruochten  üf  dem  palas. 
her  Gallien  und  Vpocras 
vil  maneger  hande  bete  liten. 
ouch  hörte  man  genuoge  biten 
Asciepium  der  bete  sin,  10(55 

do  wart  ein  lüt  gebrehte  schin 
von  maneger  stimme  schalle, 
swaz  si  geriefen  alle, 
daz  was  ein  üppeclich  geschrei. 
den  lamen  half  niht  umbe  ein  ei  1070 

swaz  bete  umb  in  alda  geschach. 
und  do  3Iaximian  ersach 
daz  von  den  goten  bi  der  stunt 
niht  wart  der  sieche  man  gesunl, 
dö  wart  Pantaleön  zehant  1075 

von  ime  geheizen  unde  gemanf 
daz  er  da  biete  Jesum  Krist 
daz  er  geruochte  sinen  list 
155'   an  deme  vil  siecheba-ren 

orzeigen  unde  bewieren.  1080 

Pantaleön  der  guote  lie 
dö  nider  si<h  uf  siniu  knie 
diemüeleclichen  alzehant. 
der  süeze  Crist  von  ime  gemani 
wart  inneclichen  bi  der  stunt.  1085 

sin  kiuscher  und   sin  röter  munt 
alsus  begunde  sprechen  zini. 
gol  hcrre,  min  gebet  vcrnim 
unde  erhnere  miniu  wort. 

uf  dine  höhen  himele  dort  1090 

la  mine  stimme  komen  ze  dir. 

1057.  geslril         10(19.   ein  /V'/;/A.         1083.   Die  iiiuterlich         108S.   Be- 
gvnde  alsus 


PANTALEON.  225 

din  bilde  kere  nilit  von  mir 
und  neige  mir  daz  öre  din, 
swenn  ich  dir  klage  die  swiere  min 
und  mich  gröz  angest  twinge.  1095 

dar  umbe  daz  erklinge 
lop  unde  pris  dem  dinen  namen, 
so  tuo  gesunt  hie  disen  iamen 
und  ia  bewahren  din  gebot 

daz  äne  dich  kein  ander  got  1 1 00 

ze  himele  noch  üf  erden  ist. 
erzeige  an  ime,  vil  süezer  Krist, 
die  manicvalte  sterke  din.' 
hie  mite  er  bot  die  hende  sin 
dem  betlerisen  unde  sprach  1105 

stant  üf  an  allez  ungemach 
in  Crisles  namen  unde  ganc 
also  daz  diniu  lider  kranc 
von  siner  helfe  sin  gesunt,' 

ür  machte  sich  dö  hi  der  slunt  1110 

der  sieche  an  allen  smerzen. 
an  liden  unde  an  herzen 
was  er  gerech  do  worden, 
da  von  der  cristen  orden 
ir)5''  vil  sere  wart  genieret.  1 1 1  •> 

vil  beiden  wart  bekeret 
die  sich  geswinde  louften 
und  mit  ir  niarter  kouiteu 
den  ewedichen  gotes  Ion. 

sus  hiTte  do  Pantaleon  1120 

gewunnen  manege  sele  gote 
die  der  keiser  mit  geböte 
lie  von  dem  libe  scheiden, 
die  touben  argen  beiden 

Pantaleone  wurden  gram.  1125 

nach  sime  schaden  freissam 
wolt  ir  gemiiete  sich  do  senen, 
wan  si  begunden  mit  den  zenen 

1Ü97.  dem  diüen]  dinie         1109.  si 

Z.   F.   D.   A.   VI.  l'T 


226  PANTALEON. 

ür  in  grisgramen  alzehant. 

der  keiser  wart  von  in  gemant  1130 

üf  sines  libes  ungewin. 

die  meister  sprächen  wider  in 

lastü  den  zoubera?re 

heliben  äne  swa?re, 

so  muoz  verdorben  iemer  sin  1135 

daz  opher  al  der  gote  din, 

wan  er  si  wirde  roubel. 

daz  volc  an  in  geloubet, 

und  lit  an  im  ir  zuovcrsihl. 

du  selbe  an  in  geloube  nilit,  1140 

wan  er  mit  valschen  Sachen 

daz  wunder  künde  machen 

daz  er  helfe  an  dirre  stete 

dem  ungesunden  manne  tele. 

Der  keiser  wände  ez   wa're  war  1145 

des  inio  die  meister  offenbar 
verj Alien  von  dem  guoten. 
dem  jungen  ricligemuoten 
Pantaleone  sprach  er  zuo 

friunt  lieber,   minen  willen  tue»  1150 

156'  durch  dine  lobelichen  lugenl. 
erloese  dine  klaren  jugent 
von  angeslba'ren  dingen, 
din  opher  ruoche  bringen 

den  goten  algeliche,  1155 

durch  daz  du  werdest   riche 
gemachel  von  den  hcnden  min. 
gedenke  wie  des  todes  pin 
vil  maneiier  hat  erlilen  hie 


noch  in  niht  woltc  dienen  mer. 
dem  keiser  übel  unde  her 
Panfaleon  antwürte  bot. 
er  sprach  's  wer  hie  gelegen  lol 


1160 


16; 


1129.  \ü  fehlt.         1133.  disen         1130.  aller  der         1137.  wider 
1148.  Die  mvtegeii  rieh  geiniiten         1154.   Geruelie  din  o.  br. 


PANTALEON.  227 

den  machet  dort  min   herrc   Crist 
mit  snier  helle  lebende, 
wan  er  wirt  im  da  gebende 
l'röud  unde  wiinneclich  gemach/ 
der  keiser  dö  mit  zorne  sprach  1170 

'swic  unde  nenne  Cristes  niht. 
läz  unde  mit  die  zuoversiht 
die  du  ze  siner  helfe  treist. 
du  merkest  doch  wol  unde  weist 
waz  durch  in  in  kurzen  tagen  1175 

noet  unde  pines   hat  getragen 
Anthimiän  der   alte 
dem  du  mit  dinie  gewalte 
sin  engen  machtest  lüter.' 

der  gotes  kempfe  trüter,  1180 

Pantaleon,  sprach  aber  do 
min  iierze  ist  des  gedinges  vro 
daz  ich  die  raarter  liden  sol. 
ich  junger  billich  unde  wol 

durch  Crist  vil  noete  dulde.  1185 

sit  daz  an  alle  schulde 
Anthimiän  der  alte  leit 
156''  durch  in  vil  strenger  arbeit.' 

Nu  daz  der  keiser  daz  vernam 
von  deme  junkherren  wunnesam  1100 

daz  er  durch  allez  sin  gebot 
Krist  Jesum  den  erweiten  got 
üz  sinem  muote  niht  enliez. 
seht,  do  gebot  er  unde  hiez 
daz  er  gehenket  würde  enbor  1195 

und  man  im  binden  unde  vor 
mit  fiure  ta.'te  unmäzen  we. 
sin  lip  reht  alse  ein  niuwer  sne 
wiz  unde  blanc  geverwet 

wart  jiemerliche  engerwet  1200 

und  üf  gehangen  also  bloz. 
den  schaden  bitter  unde  gröz 

1177.  Aulinian  :  geändert  nach  1187.     in  den  actis  ss.  ÄDthinius. 
1185.  Cvhl  fehlt.         1194.  er  fehlt. 

15* 


228  PANTALEON. 

vil  harte  liitzel  er  enlsaz. 
mit  liehte  manic  glasevaz 

ser  unde  tobeliche  enbrant  1205 

gehenket  wart  umb  in  zehant 
so  daz  die  flammen  liurm 
ir  hitze  gaben  unde  ir  schin 
an  sine  wünneclichen  hut, 

Pantaleon  truoc  über  lüt  1210 

die  marler  mit  gedultekeit. 
den  pin  er  senfteclichen  leit, 
wan  er  im  harte  kleine  war. 
do  man  die  lampen  h*te  gar 
enziindet  unde  enbrennet,  1215 

dö  wart  er  frö  bekennet 
und  äne  leides  sraerzen. 
er  sante  üz  sime  herzen 
ze  gote   manegen   siufzen  lief. 
Crist  herre'  sprach  er  unde  rief,  1220 

als  du  mir  hast  gehoH'en  ie, 
sus  lä  mir  konien  aber  hie 
die  helfe  diu  ze  tröste. 
156"  von  dirre  lampen  roste 

geruoche  erloesen  mine  jugenl.  1225 

durch  dine  veterlichen  tugent 

mir  hilf  mit  diner  stiure 

von  dirre  liehte  fiure 

daz  in  den  glesern  ist  enbrant 

und  mir  vil  nähe  lif  gewanl.'  1230 

Nu   daz  er  disiu  wort  gesprach, 
Crist  Jesum  er  dö  komen  sach 
in  eines  phaffen  bilde  alsus 
als  ob  ez  Ermolaus, 

der  reine   priester,  solte  sin.  12.35 

got,   unser  aller  Irehtin. 
sprach  wider  in  liepliche  dö 
friunt  guoler,  wis  von  herzen  \rö, 
wan  ich  in  al  der  noele  diu 

1221.  ie]  e  1222.   nie  1228.   lichten  1234.   also 

1239.  aller  der 


PANTALEOiN.  229 

wil  mit  dir  wesen  unde  sin  1240 

also  daz  icli  erloese  dich 
von  strenger  svvyere  grimmellch 
und  ich  din  äugest  büeze. ' 
nach  disen  worten  süeze 

die  lampeu  und  diu  glasevaz  1245 

erläschen  alliu,   wizzent  daz; 
ir  glenzen  unde  ir  schin  verdarp. 
got  selber  schuof  daz  unde  erwarp 
mit  siner  golclichen  kunst 

daz  der  vil  heizen  liehte  brunst  1250 

Pantaleöne  do  niht  war. 
die  knehle  die  bekomen  dar 
durch  sine  marter  wären 
und  sin  da  wollen  varen 

mit  strenger  nnete  freissani,  1255 

die  wurden  bi  der  zile   lam 
gemachet  an  ir  hende  iiden. 
seht,  also  künde  do  bevriden 
156''  got,  unser  herre,   sinen  kneht. 

durch  siner  hohen  tugende  reht  1260 

liez  er  im  arges  niht  geschehen. 

und  dö  der  keiser  ha;te  ersehen 

daz  ime  niht  war  der  hitze  not, 

weiz  got  do   hiez  er  unde  gebot 

daz  man  enbünde  siniu  lider  1265 

und  er  geläzen  würde  nider 

zer  erden  bi  der  stunde. 

üz  einem  valschen  munde 

sprach  er  mit  zorne  wider  in 

'sag  an,  wie  bistü  komen  hin  1270 

der  marter  angestbsere? 

waz  mohte  vor  der  swaere 

din  leben  hie  gefristen? 

mit  welher  hande  listen 

hastü  die  knehte  min  erlernet  1275 

und  daz  wilde  fiur  gezemet 

l'l'il.  g4enlz  l'2i9.   gotlieher         1256.  sam         1271.  vh  angest  bere 


230  PANTALEON. 

(laz  dir  süi  liitze  iiiht  enwar 
noch  dir  deheinen  schaden  bar?' 

Pantaleön  antwürte  bot 
der  rede,   er  sprach  '  ze  dirre  not  1280 

half  mich  deheiner  slalite  list, 
wan  der  gelriuwe  süeze  Crist 
der  hat  mich  aleine  erlöst, 
er  ist  der  arzenie  tröst 

der  ich  ze  miner  sw?ere  pflige  1285 

und  hilfet  mich  daz  ich  gesige 
an  dime  zorne  vreissam. 
er  machte  dine  knehte  lam 
an  henden  unde  an  armen. 

die  heizen  und  die  warmen  I29ü 

lampen  er  erleschet  hat. 
sin  helfe  dringet  unde  gat 
für  aller  kiinste  lere. ' 
von  disen  worten  s6re 
157"  Maximian  hesv\.Tret  wart.  1295 

durch  sine  grinimelichen  art 
begnnde  er  zornic  schinen 
und  wolle  vasler  pinon 
den  jiingelinc  an  sinen  iidoii. 
üz  isen  einen  zuber  smiden  1300 

der  ungetoufte  keiser  hiez. 
ein  wunder  blies  man  zerliez 
mit  fiure  drinne,  als   er  gebot, 
und   do  daz  bli  wiel  unde  sot. 
dö  wart  Pantaleön  dar  in  1305 

durch  marterlicher  nrete  pin 
gesetzet  nacket  unde  bar. 
sin  hüt  alsaui  ein  sne  gevar 
wart  von  dem  heizen  blie  naz 
dar  innc  er  ane  vorhte  saz  1310 

und  engestlicher  ncete  fri. 
daz  wallende  und  daz  heize  bli 
(iulil   in  siiez  alse  ein  houicmete. 


Jehll. 


PANTALEON.  231 

mit  llize  saute  er  sin  gebele 

uf  zuo  den  himelkoeren.  1315 

er  sprach  'geruoche  erhoerea, 

got  Iierre,  mine  stimme. 

liz  aller  vorhte  grimme 

des  leiden  widersaohen 

sollu  mich  ledic  machen  1320 

unde  enbint  die  sele  min 

von  ime  durch  al  die  güelo  diu. 

Der  reine  marterare, 
nu  daz  er  äue  swajre 

ze  gote  dise  rede  getele,  1325 

dö  dühte  in  aber  an  der  stete 
daz  Ermolaus  ka'me  da. 
Jesus  begegente  ime  iesä 
vroeliche  in  sinem  bilde. 

des  wart  im  trüren  wilde,  1330 

wan  Crist  der  guote  selbe  trat 
157''  ze  deme  junkherren  in  daz  bat 
daz  von  dem  heizen  blie  sot. 
sin  haut  er  ime  ze  helfe  bot : 
von  der  enpfienc  er  stiure.  1335 

daz  bli  daz  von  dem  fiure 
wiel  unde  tobeliche  brau, 
daz  wart  erleschet  unde  gewan 
Pantaleon  sin  fri  gemach, 

daz  ime  dö  leides  niht  geschach  1340 

von  siner  hitze  manicvalt. 
er  wart  erküelet  unde  kalt 
alsam  ein  süezer  meien  ton. 
da  von  den  klären  niht  gerou 
sin  dienest  den  er  Criste  bar.  1345 

swer  dirre  zeichen  wart   gewar 
diu  got  durch  sinen  willen  tete, 
den  nam  des  wunder  an  der  stete 
daz  er  die  marter  iiberwant. 
der  keiser  aber  do  zehant  1350 


nn.  alle  die 


n2  PANTALEOiN. 

von  Zorne  tobic  wart  gesehen, 
er  sprach  'wie  mohte  ez  ie  geschehen 
daz  er  alsus  genesen  ist? 
weiz  iemen  welher  hande  list 
in  löste  von  der  noete?  1355 

wä  mite  ich  in  ertoete, 
daz  rätent  al  die  mine. 
und  vinden  im  die  pine 
die  von  dem  libe  in  scheiden/ 
seht,  also  bat  der  beiden  1360 

dö  rätes  sine  hovediet 
diu  des  junkherren  schaden  riet 
und  sines  übes  ungemacb. 
sin  rät  der  lerte  in  unde  sprach, 
er  solte  in  sunder  alle  \ser  13(35 

versenken  heizen  in  daz  mer: 
so  niöhte  er  wol  verderben 
157"  und  müeste  drinne  sterben 

vil  schiere   ä«  allen  widerstrit. 

sus  fuorle  man  in  bi  der  zit  1370 

gebunden  an  des  meres  stat. 

der  keiser  im  do  henken  bat 

an  sine  kelen  einen  stein 

der  michel  unde  groz  erschein. 

Mit  dem  so  wart  er  in  den  se  1375 

geworfen,  daz  im  doch  nibt  we 
ze  herzen  noch  ze  libe  lete, 
wan  im  bogegente  an  der  stete 
Crist  Jesus  aber  sa  zehant. 

der  het  ein  bilde  und  ein  gewant  1380 

als  Ermolans  an  im  truoc. 
er  was  gelich  dem  priester  gnuoc 
an  anllitze  unde  an  kleide, 
von  sorgen  und  von  leide 

löst  er  zehant  den  jüngelinc.  1385 

an  ime  ein  wunderlichez  dinc 
von  siner  lielle  dö  geschach. 

\:mi    \\\  fehlt.  i:5()'..    ihr  fe/ilf.  \M'2.   in    (In 


PANTALEON.  233 

der  stein  im  abe  der  keien  brach: 

v'ou  derae  wart  er  enbunden. 

in  fiiorte  bi  den  stunden  1390 

got,  unser  lierre,  zeme  Stade, 

so  daz  im  keiner  slahte  schade 

von  deme  wiMen  se  geschach. 

da  von  lobt  er  in  unde  sprach 

mit  fröuden  sunder  smerzen  1395 

'  in  allem  minem  herzen 

sol  ich  dir  bihten,  herre  got. 

ich  prise  din  vil  starc  gebot 

und  wil  in  minor  jare  tagen 

din  wunder  künden  unde  sagen.  1400 

Der  keiser  zornic  wart  erkant. 
'Pantalcon'  sprach  er  zehant, 
157''  'hat  aber  dir  din  zouberlisl 
geholfen  daz  dii  komen  bist 
gesunt  uz  diseme  wäge?'  1405 

der  jüngelinc  der  vriige 
bot  im  antwürte  sunder  wän. 
er  sprach  'daz  mer  daz  hat  getan 
daz  ime  gebot  sin  herre  nü.' 
'ja'  sprach  der  beiden,  'so  mäht  du  1410 

des  wäges  ouch   gewaltic  sin. 
Sit  daz  er  deme  geböte  din 
gar  undertwnic  worden  ist?' 
'nein'  sprach  er,  'der  gelriuwe  Crist, 
dem  ich  da  diene  sunder  wer,  1413 

der  kan  gebieten  ouch  dem  mer 
und  disem  wage  wilde, 
sin  götelichez  bilde 
mac  aller  dinge  hän  gewalt. 
der  keiser  aber  dö  gestalt  1420 

wart  von  der  rede  in  tobeheit. 
sin  grimmez  herze  wart  geleit 
in  argen  willen  schiere, 
vil  engestlicher  tiere 

1;J88.   Den  1300.   iaren  t.  I  ilti.   ocli  sebiclcii 


23i  PANTALEON. 

bereiten  hiez   er  unde  bat  1425 

den  Herren  bringen  zuo  der  slal 
da  si  gesament  wären. 
si  sollen  sin  da  vären 
und  in  der  strengen  noele  gewern. 
lebarte  löuwen  trachen  beru  1430 

und  maneger  bände  wiirme 
lie  man  durch  grimme  stürme 
zuo  dem  üz  erweiten, 
dar  umbe  daz  si  quelten 

vil  marterliche  sinen  lip.  1435 

des  kamen  dar  man  unde  wip 
gemeinlich   unde  wolten  sehen 
daz  jämer  daz  an  ime  geschehen 
löS''  da  solle  von  den  tieren  arc. 

dö  wart  ein  samenunge  starc  14i0 

unde  ein  gröz  gedrenge. 

diu  tier  grimm  unde  strenge 

du  wurden  an  den  jiingelinc 

gelazen  al  in  einen  rinc 

der  in  da  was  bereitet.  1445 

doch  wart  von  in  geleitet 

Panlal66n  dö  wol  gesunt, 

wan  in  gol  löste  bi  der  stunt 

von  sorgen  und  von  pine. 

der  kam  dar  in  dem  schine  1450 

des  prieslers  schiere  gegangen 

von  deme  er  bete  enphangen 

den  touf  der  kristenlichen  e. 

reht  alse  im  was  geholfen  nie, 

sus  wart  er  aber  dö  genert.  1455 

den  grimmen  tieren  wart  bescherl 

von  gole  ein  also  milter  sin 

daz  si  vür  in  dö  giengen  hin 

güetliche  an  allez  dröuwen. 

Ißbarlen   unde  löuwen  1460 

nihl  sluoudeu  ime  ze  vare. 

1429.  der  strenger  1432.  Die  man  1433.  verserwellen 

1437.   Gemeiiilicheu         1444.  alle         14  47.  vol         1451.  schin  g. 


PANT  ALEON.  235 

man  sach  si  mit  gebäre 

den  jüngelinc  dö  grüezen. 

an  licnden  iinde  an  fiiezen 

begimdeu  si  dö  lecken  1465 

den  herren  äne  flecken 

und  aller  missewende  blöz. 

sich  huop  ein  vehten  harte  gröz 

unde  ein  vientlicher  strit 

von  al  den  tieren  bi  der  zit.  1470 

Si  kriegten  welhez  under  in 
von  erste  solte  keren  hin 
ze  deme  junklierren  üz  genomen. 
kein  lier  von  ime  dö  wolle  komen 
158''  6  daz  der  reine  gotes  degen  1475 

gjeb  ime  sinen  siiezen  segen 
und  ez  von  dannen  hieze  gAn. 
diz  fremde  wunder  wart  getan 
durch  den  vil  tugendeb2eren. 

daz  liez  sich  dö  beswseren  1480 

der  keiser  unde  miiejen. 
Panlaleon  dö  blüejen 
begunde  in  höher  werdekeit, 
durchliuhtic  pris  wart  ime  geseil 
mit  lobelichem  schalle.  1485 

die  Hute  meistic  alle 
riefen  sunder  allen  spot 
'  gröz  ist  der  cristenheite  gol 
der  diz  unbilde  hat  getan. 

man  sol  gesunt  von  hinnen  lau  1490 

Pantaleönen,  sinen  kneht: 
daz  ist  billich  unde  reht.' 

Der  keiser  alse  ein  tobic  hunt 
begunde  wiieten  an  der  stunt 
durch  daz  geschrei  daz  dö  geschacli.  1  495 

swaz  liute  dö  rief  unde  sprach, 
man  solte   lan  den  jüngelinc, 
den  wurden  marterlichiu  dinc 

li/Ü.  allen  den  147'2.  da  solle  li74.   wolle  von  im  da  k. 

l'tSi.   war         1490.   von  iiinnan  gan 


236  PANTALEON. 

durch  sin  gebot  erzeiget. 

gevellet  unde  geveiget  1500 

vil  schiere  wurden  tüsent  mau. 

den  hiez  der  keiser  legen  an 

gar  einen  bitterlichen  tot. 

seht,  also  wart  ir  bluoles  rot 

vergozzen  dö  vil  manic  trahen.  1505 

Maximian  der  hiez  erslahen 

diu  wilden  tier  durch  sinen  zorn 

diu  den  junkherren  wol  geborn 

niht  wollen  frezzen  bi  der  frisl. 

Pantaleou  der  lobte  Crist  1510 

der  manicvalten  helfe  sin. 
158"  er  sprach  'vil  süezer  trehtiu, 

pris  unde  lop  si  dir  geseit 

der  gnaden  unde  der  saelekeit 

daz  dil  geruochtest,   herre  gol,  1515 

daz  maneger  hie  durch  diu  gebot 

ein  marterlicliez  ende  lile. 

du  wollest  niht  gnuoc  hau  da  mite 

daz  liule  durch  den  willen  diu 

hie  Irüegen  strenger  nrele  pin,  1520 

du  enliezesl  ouch  diu  lier  durch  dich 

hie  liden  marter  engesllich.' 

Pantaleön  die  rede  treip. 
da  von  der  keiser  do  beleip 

vil  zornic  unde  sprach  also  1525 

niil  einem  argen  munde  do 
ze  sinem  ingesinde. 
'  waz  luon  ich  diseme  kinde 
daz  hie  mit  zouber  wundert 

und   von  den  guten  sunderl  1530 

alt  unde  junc,   man  unde  wip? 
hie  wirt  verkerel  manic  lip, 
ob  ich  im  niht  daz  leben  nime. 
der  rede  antwiirte  gaben  inie 
die  besten  alle  von  der  stal.  1535 

1514.   pnade  1531.   unAc  J'eh/t.  lyXS.   nilil  liiuier  leben. 


PANTALEON.  237 

si  spnu'lien  '  lierre,  läz  ein  rat 
und  eine  schiben  machen 
von  kiinstebwren  Sachen 
und  heiz  in  dar  in  binden ; 

so  muoz  er  sinen  linden  1540 

und  sinen  weichen  lip  verzern. 
wiltü  des  lebenes  in  verhern 
und  gar  zefiieren  siniu  lider, 
so  werde  ab  einem  berge  nider 
geläzen  beide  schibe  und  er.  J545 

da  von  sin  verch  hin  unde  her 
158''  beginnet  sich  engenzen. 

ja  muoz  sich  dö  verschrenzen 

sin  fleisch  und  sin  gebeine. 

die  stocke  und  ouch  die  steine  1550 

zerfiierent  ime  hilt  unde  vel, 

wan  swie  diu  schibe  sinewel 

beginnet  walzen  hin  ze  tal, 

so  wirt  zerteilet  über  al 

sin  lip  in  kleiniu  stiickelin.  1555 

daz  schulde  riebe  leben  sin 

muoz  er  zehant  Verliesen. 

sol  er  sin  ende  kiesen, 

daz  mac  geschehen,  herre,  also.' 

der  rat  Maximiane  dö  1560 

vil  uzer  mazen  wol  geviel, 

wan  sin  gemiiete  in  zorne  wiel 

üf  den  erweiten  gotes  kneht. 

der  keiser  durch  sin  unreht 

den  jiingelinc  gehalten  bat  1565 

biz  ime  gesmidet  würde  ein  rat 

iiz  isen  unde  ein  schibe, 

da  mite  er  sime  libe 

do  nieren  wolle  leides  klage. 

er  Avart  beslozzen  drizic  tage  1570 

in  eirae  liefen  kerker, 

durch  daz  sin  angest  sterker 

1542.  tebnden  1545.  scFiiben         1546.  werk         1551.  iine  oeh  liut 

1552.  swie]  swen         1567.   eine  schiben         1568.  üben 


238  1>ANTALE0N. 

da  würde  und  al  siu  arbeit. 

ouch  was  diu  schibe  dö  bereit 

da  man  zerfüeren  wolle  mite  1  575 

sin  verch  wol  reine  und  wol  gesite. 

Si  wart  erziuget  schöne 
mit  richer  koste  lone, 
als  ez  gebot  3Iaximiän. 

Pantaleon  der  muoste  gän  1580 

des  endes  da  diu  schibe  was. 
ze  gote  er  sin  gebete  las 
159*  und  bat  in  der  genäden  sin. 
er  sprach  '  vil  lieber  trehtin, 
dil  neige  mir  din  ore  1585 

von  dime  himelköre 
und  stiure  minen  ungewin. 
Sit  ich  arm  unde  diirftic  bin, 
so  werde  mir  din  tröst  gesant. 
du  lä  mir  dine  zeswen  haut  1590 

sliur  unde  helfe  reichen, 
beganc  an  mir  ein  zeichen 
durch  die  götliciien  giiete  din, 
so  daz  die  Midersachcn  min 

und  die  mich  hazzent  miiezen  sehen  1595 

daz  mir   diu  gnade  si  geschehen 
duz  mich  din  helfe  richer  trosi 
uz  minen  sorgen  habe  erlöst.' 

Nu  der  junkherre  diz  gebete 
gesprochen  flizedicheu  hete  1600 

dö  was  er  bi  den  stunden 
vil  schiere  da  gebunden 
mit  starken  riemen  uf  daz  rat. 
sin  reiner  lip  wiz  unde  glat 

geuzlichcn  wart  enblecket  1G05 

und  also  blöz  gcstreekot 
uf  die  vertanen  schibeu, 
die  man  begunde  triben 
zehant  uf  einen  höhen  berc, 

ir)7().   weiTli  IJOfi.   «Hu  l'rhlf.  1508.    iiiine 


PANTALEON.  239 

durch  daz  man  griuwelichiu  werc  IG  10 

begienge  an  deme  vil  reinen, 
an  stocken  unde  an  steinen 
zerbrechen  wolte  man  den  hell 
den  got  ze  kemphen  heele  erweif 
und  ime  geruochte  bi  gestän.  1615 

diu  schibe  diu  wart  an  gelän 
dar  umbe  daz  si  liefe  nider 
und  ime  zerfuorte  siniu  lider 
159''  mit  scharpfer  und  mit  strenger  not. 

man  wolle  im  einen  grimmen  tot  1G20 

do  stiften  unde  briuwen. 

do  löste  in  uz  den  riuwcn 

sin  herre,  der  vil  süeze  Krist, 

der  ime  begegenle  an  der  frist 

und  in  generte  sä  zehant.  1625 

die  stricke  brachen  und  diu  baut 

da  mite  er  was  gebunden, 

und  wart  er  ane  wunden 

des  lihes  und  des  herzen 

erlcesel  von  dem  smerzen  1630 

der  marterlichen  quäle. 

diu  schibe  zuo  dem  male 

schuof  dö  vil  ungcwiunes, 

wan  si  lief  Widersinnes 

an  die  verworhten  beiden,  1635 

der  si  begunde  scheiden 

ein  wunder  von  dem  lebetagen. 

fünf  hundert  man  ze  lode  erslagen 

do  wurden  von  ir  loufe  snel. 

Pantaleön  lid  unde  vel  1640 

ganz  unde  wol  gesunt  behielt. 

da  von  der  keiser  zornes  wiell 

den  ime  sin  arkheit  worhte. 

vil  engestlicher  vorhte 

die  burger  liten  von  der  stat,  1645 

do  man  daz  griuweliche  rat 

1616.  das  zweite  (\\u  fehlt.       1020.  An  ime  einen  gr.  t.        16-20.  slölct; 
1639.  wurde 


240  PANTALEON. 

die  grimmen  slahte  briuweu  sach 

diu  gnuogen  dö  von  ime  geschach. 
Nu  diz  unbilde  was  geschehen 

und  dö  der  keiser  hete  ersehen  1G50 

daz  in  da  half  niht  an  der  stete 

daz  er  Pantaleone  tele, 

dö  sprach  der  heiden  wider  in 

'  sag  an,  wer  hat  die  kiinste  din 

und  disen  list  geleret  dich  1055 

159"  daz  dir  kein  marter  engestlich 

enwin-et  noch  kein  argez  dinc?' 

'mich  lerte'  sprach  der  jüngelinc, 

'der  priester  Ermoläus. 

er  hat  mich  underwiset  sus  IGfiO 

und  ist  der  meister  min  gewesen. 

swaz  ich  ze  herzen  han  gelesen 

witz  unde  guoter  kiinste, 

daz  ist  von  siner  giinste 

mir  widervaren  unde  geschehen.'  1005 

'  nu  sprich,  möht  ich  in  hie  gesehen? 

sprach  aber  do  3Iaximian. 
ich  w  ölte  ouch  sine  lere  han 

und  siner  meisterschel'te  gunst, 

durch  daz   ich  eteliche  kunst  1670 

von  ime  gelernen  möhfe 

diu  miner  sele  töhte 

und  mir  zen  ^ren  wa^re 

nütz  unde  helfeba^re.' 

Die   rede  treip  durch  äkust  1075 

der  keiser,  wände  in  siner  brüst 

\crsigelt  lac  valsch  unde  mein. 

den  priester,  der  geliulert  schein 

vor  wandelha^ren  sinnen, 

wolt  er  alsus  gewinnen  1080 

159''  und  für  sich  bringen  alzehanl. 

den  valsch  den  ha>te  an  ime  erkant 

Panfaleön  vi!  schiere  do. 

im).   ]nafe/iU. 


PANTALEON.  241 

do  sprach  er  wider  in  also. 

gebiulest  duz,  ich  bringe  dir  1685 

mit  willecliches  herzen  gir 

den  nieister  unde  den  herren  min 

der  mit  der  höhen  i^re  sin 

dir  mac  gehelfen  unde  gefromen.' 

'ja'  sprach  der  keiser,  'heiz  in  komen  1690 

und  läz  in  werden  her  besant. ' 

sus  gienc  Pantaleön  zehant 

enwec  schier  unde  snelle 

und  ilte  zuo  der  zelle 

da  der  priester  inne  was  1695 

und  alle  zit  sanc  unde  las 

ze  prise  dem  erweiten  gote. 

doch  gie  Maximiänes  böte 

mit  Pantaleöne  dar, 

durch  daz  er  sin  name  war  1700 

und  er  in  bete  in  siner  pfliht, 

daz  er  entrinnen  möble  niht. 

Nu  daz  er  in  die  zelle  kam 
für  sinen  meister  lobesam, 

do  wart  er  siner  kiinfte  frö.  1705 

'diu  zit  ist  komen'  sprach  er  do, 
'daz  man  mich  kroenen  sol  mit  dir. 
ein  stimme  kam  hinaht  ze  mir, 
diu  Seite,  ich  solte  striten 

den  kämpf  in  kurzen  ziten  1710 

den  Pantaleön  ouch  strite. 
hie  weiz  ich  unde  erkenne  mite 
daz  ich  die  marter  liden  sol.' 
sus  giengen  si  dö  fröuden  vol 
hin  zuo  dem  keiser  alzehant.  1715 

und  dö  er  bete  alrörsl  bekant 
daz  für  in  kam   der  priester  hin, 
dö  sprach  der  keiser  wider  in 
'friunt,  sage  mir  ze  diute, 
wie  nennent  dich  die  liute?'  1720 

1089.  helfen         1093.  sicher 

Z.   F.   D.   A.    VI.  16 


242  PANTALEON. 

Des  gap  er  im  antwiirte  alsus. 
'  herr,  ich  heiz  Erniolaus' 
sprach  er  gezogenliche  do. 
'  von  erste  ich  wart  genant  also 
von  niinen  friunden  lobesam.  1725 

noch  zieret  mich  ein  bezzer  nam 
160'  mit  siner  tagende  listen: 
ich  bin  genant  ein  cristen 
und  wil  ouch  ienier  einer  sin.' 
'ml  tuo  mir  hie  mit  worlen  schin  1730 

sprach  aber  do  Maximian, 
'sihel  man  dich  bi  dir  hän 
ihl  bruoder  unde  gesellen 
die  gerne  erfüllen  wellen 

al  dine  lere  und  diniu  wort?'  1735 

'ja'  sprach  er,  'ich  hän  zwßne  dort 
die  niine  bruoder  sint  in  gote. 
si  lebent  wol  nach  mime  geböte 
und  habent  mir  gevolget  ie.' 
der  keiser  sprach    wie  heizent  die?  1740 

daz  lä  mich  wizzen  unde  enstan.' 
der  kiusche  reine  capellan 
bot  ime  balde  antworte  des. 
'  Hermippus  und  Hermoerates 
si  zwene  sint  genant"  sprach  er.  1745 

'nu  la  si  beide  komen  her' 
sprach  do  der  keiser  wider  in. 
sus  wart  nach  in  gesendet  hin 
da  man  si  bi  der  zite  vant, 

ze  hove  kamen  si  zehant  1750 

mit  ein  ander  do  gezogel, 
da  si  der  heidenische  voget 
mit  Worten  und  mit  rede  enphie. 
er  sprach  'ir  herren,  ir  sit  die 
der  rat  Pantaleonen,  1755 

den  werden  uiul  den  vrönen 
goleu  hat  also  genomen 

1724.  \on  erst  warl  icli  genemet  also 


PANTALEON.  243 

daz  er  ist  von  ir  opher  komen 
und  er  niht  heizen  wil  ir  kneht. ' 
'herr,  ez  ist  billicli  unde  reht'  1760 

sprächen  si  do  beide, 
daz  er  sich  von  in  scheide 
160''  und  daz  er  Criste  dienesthaft 
si  mit  aller  siner  kraft. ' 

'  Ir  herren,  redent  niht  also'  1765 

sprach  der  gebietaere  aber  dö 
schon  unde  minnedichen  zin. 
'sit  rilich  kunst  und  edel  sin 
iuch  zierenl  beide  und  erent, 
so  rätent  unde  lerent  1770 

daz  iuAver  friunt  Pantaleon 
den  goten  heilic  unde  vron 
mit  sime  dienste  bi  geste. 
swie  daz  geschiht  daz  unser  e 
der  jüngelinc  wil  halten,  1775 

ich  läze  iuch  beide  walten 
riiiches  guotes  ane  zal. 
ir  miiezent  sin  ilf  mime  sal 
liep  unde  wert  spät  unde  fruo. 
da  von  so  flizent  iuch  dar  zuo  1780 

daz  er  durch  iuwer  lere 
zen  goten  wider  kere 
und  gebe  in  sinen  prisant.' 
nein  herre'  sprächen  si  zehant, 
Hermippus  und  Hermoerates,  1785 

'wir  sulen  in  niht  heizen  des 
daz  sime  heile  unrehte  kome. 
der  rät  waer  ime  ze  nihle  frome 
daz  wir  in  hiezen  bringen 

als  üppeclichen  dingen  1790 

sin  opher  und  die  gäbe  sin. 
got,  unser  aller  trehtin, 
der  himel  schuof  und  erden, 
der  sol  gepriset  werden 

1764.  Ist,  aber-  I  sieht  vor  ausgestrichenem  S.  170,").   nihter 

1783.  Vü  geben  s.  pr.  178().   Wir  ensullen 

16* 


244  PANTALEON. 

von  ime  in  allen  enden.  1795 

mit  herzen  und  mit  henden 
sol  er  sin  opher  bringen  deme, 
als  ez  dem  namen  sin  gezeme." 
160''       Hie  mite  was  diu  rede  hin. 

die  vier  gesellen  under  in  1800 

von  gotes  geiste  wielen. 
an  ir  gebete  si  vielen 
des  si  mit  flize  pllägen. 
diu  stat  an  der  si  lägen 

erbibente  unde  erwagete,  1805 

daz  iibele  dö  behagete 
dem  keiser  an  der  stunde, 
mit  eime  valschen  munde 
begunde  er  sprechen  aber  dar 
'die  gote  sint  erzürnet  gar.  1810 

da  von  diz  wunder  hie  geschihl 
daz  man  daz  ertriche  siht 
erschüten  sich  durch  die  getät 
daz  man  ir  muot  betrüebet  hat 
mit  Sünden  und  mit  meine.'  1815 

Pantaleön  der  reine 
gap  ime  der  rede  anlwürte  do. 
wisliche  sprach  er  zime  also. 
'  Maximian,  du  sagest  w.^r. 

die  gole  die  sint  offenbar  1820 

erzürnet  unde  betrüebet, 
wan  ez  ist  an  in  güebel 
diu  lästerliche  smaheit 
daz  si  gevallen  unde  geleit 

sint  zuo  dem  ertriche  nider.  1825 

ir  touben  unde  ir  lamen  lider, 
an  aller  sielekeite  blint, 
zerstücket  und  zebrochen  sint 
und  ligent  üt"  der  erde 

in  schamelichem  werde.'  1830 

Der  keiser  do  niht  wolte 

1797.  deine]  dar         1798.  er 


PANTALEON.  245 

gelouben  daz  er  solle 
gesmaehel  an  den  goten  sin. 
er  sprach  '  geswic  der  klelFe  din, 
160'^  vil  sinneloser  jiingelinc.  1835 

du  redest  üppeclichiu  dinc. 
du  gouch,  war  umbe  tuostii  daz?' 
nü  daz  er  in  der  rede  saz 
mit  deme  junkherren  wol  getan, 
dö  kam  zehant  für  in  gegän  1840 

ein  böte,  der  seit  ime  iesä 
daz  sine  gote  wteren  da 
zervallen  und  zerflecket, 
des  wart  sin  muot  erschrecket 
mit  zornc  bi  der  stunde.  1845 

von  grimmes  herzen  gründe 
sprach  der  vil  arge  jieiden 
'  ich  sol  benamen  scheiden 
die  zouberaire  üz  dirre  stat 
die  mine  gote  an  eren  mat  1850 

und  an  ir  wirde  tuont  also.' 
mit  disen  Worten  hiez  er  do 
den  kerker  üf  entsliezen 
und  dar  in  balde  schiezen 

den  helt  Pantaleönen  1855 

der  nach  der  hiraele  krönen 
vaht  verwegenliche  alsus. 
der  priester  Hermolaus 
und  die  zwene  bruoder  sin 

die  muosten  angestbaeren  pin  1860 

da  liden  vil  gemeine, 
ir  fleisch  und  ir  gebeine 
Maximian  hiez  villen. 
in  wart  durch  gotes  willen 

vil  manic  marter  an  geleit.  1865 

ze  jungest  sluoc  man  unde  sneit 
in  allen  drin  ir  houbet  abe. 
heinliche  wurden  si  ze  grabe 
gefüeret  von  den  cristen. 
die  stälen  si  mit  listen  1870 


246  PANTALEON. 

161"  und  hiezen  si  bestaten  sider. 

Pantaleön  wart  aber  wider 

gefiieret  für  den  keiser  hin. 

der  sprach  mit  zorne  wider  in 

'Vil  tumber,  unde  waenest  du  1875 

daz  du  von  miner  hende  nü 

gar  äne  swsere  entrinnest? 

nein  zwäre,  du  gewinnest 

vil  marterlicher  ungeschiht, 

ob  du  den  goten  bringest  niht  1880 

daz  opher  unde  den  prisant  din. 

da  vor  soltü  gewarnet  sin, 

und  überhebe  dich  der  not. 

vermit  den  angestbeeren  tot 

und  kere  zuo  den  lebetagen  1885 

wiltu  iht  saelden  hie  bejagen, 

so  tuo  dich  dins  gelouben  abe. 

gehiige  wie  sich  bekeret  habe 

din  meister  Hermohius. 

gedenke  daz  Hermippus  1890 

und  sin  geselle  Ermocrates 

sicii  wellent  flizen  alles  des 

daz  minen  goten  6re  si. 

ja  volgent  si  mir  alle  dri 

mit  willeclicher  andaht.  1895 

ich  hän  si  von  ir  muote  bräht 

in  mins  gelouben  orden. 

vil  underlgenic  worden 

sint  mir  die  selben  liute. 

si  tuont  swaz  ich  gebiute  1900 

mit  herzen  und  mit  munde. 

da  von  si  zailer  stunde 

enphahent  hoher  wirde  Ion. 

da  sich  du  an,   Pantaleön, 

und  volge  den  gesellen  din.  1905 

belip  hie  mit  in  allen  drin 
161**  liep  unde  wert  in  mime  sal 
1879.  marterliclu-  1886.  iht]  mit         18<)1.   emocratcs         1894.  Jocli 

1907.  iiiincn 


PANTALEON.  247 

und  l)iul  den  golen  über  al 

pris  linde  lop,  daz  ist  miu  rät, 

wan  ez  dir  au  dm  leben  gät,  1910 

ob  du  dich  niht  bekerest 

und  si  mit  ophcr  eresl.' 

Mit  disen  worten  unde  also 
der  übele  keiser  wolle  do 

den  jiingelinc  betriegen,  1915 

wan  er  begunde  im  liegen 
von  den  drin  marterairen. 
er  Seite  im  daz  si  wairen 
vil  gar  in  sinen  willen  konien : 
dö  was  daz  leben  in  beiiomen,  1920 

als  ich  da  vor  bescheiden  hän. 
der  lüge  begunde  sich  enlstan 
Pautaleöu  der  guote. 
ez  was  im  in  dem  muole 

von  gotes  geiste  worden  schin  1925 

wie  den  gesellen  allen  drin 
von  strenger  marter  w6  geschach. 
da  von  er  zuo  dem  beiden  sprach 
'  Sit  du  mir  hast  verjehen  des, 
Hermippus  und  Herraocrates  1930 

und  Hermoläus  leben  noch, 
so  lä  mich  si  geschouwen  doch 
vor  diner  ougen  angesiht.' 
'  nein'  sprach  er,  'du  niaht  ir  niht 
vor  mir  gesehen  nü  zehant.  1935 

ich  hän  ze  boten  si  gesant 
ze  fremden  steten  anderswar. 
da  nement  si  des  dinges  war 
daz  in  von  mir  bevolhen  ist.' 
sä  zehant  und  an  der  vrist  1940 

der  jüngelinc  antwurte. 
den  valsch  er  balde  spurte 
des  ime  der  keiser  do  verjach. 
161"   dar  umbe  er  wider  in  do  sprach 

'Boeser  bunt,  ez  ist  din  site  1945 

daz  valscher  munt  dir  volget  mite 


248  PANTALEON. 

und  daz  du  dicke  iriugest, 

swaz  aber  du  geliugest, 

doch  hast  du  mir  nü  war  geseit. 

ez  ist  ein  ganziu  wärheit  1950 

daz  du  ze  holen  hast  gesant 

den  raeister  min  in  fremdiu  lant 

und  sine  gesellen  beide. 

in  spilender  ougenweide 

siht  man  die  werden  alle  dri.  1955 

diu  stat  ist  missewende  vri 

dar  in  si  von  dir  sint  gevarn. 

ze  himele  in  der  engel  scharn 

sint  si  gekroenet  schöne 

und  ist  ouch  mir  ein  kröne  1960 

rilich  unde  wol  bereit. 

diu  sol  mir  werden  üf  geleit 

so  daz  ich  si  beginne  tragen 

schiere  in  kurzeclichen  tagen. ' 

Maximian,  als  der  vernam  1965 

an  deme  junkherren  wunnesam 
daz  er  sich  weder  sus  noch  so 
von  Jesu  Crislö  wolle  dö 
mit  sinem  muote  scheiden, 

dö  gebot  der  beiden  1970 

den  sinen  dura'hUeren 
daz  si  den  tugendebsereu 
ze  velde  balde  l'uorlen  hin 
und  im  daz  houbet  under  in 
mit  eime  swerle  slüegen  abe  1975 

und  uf  des  griienen  planes  habe 
den  lip  ze  pulver  brauten, 
die  kneble  die  volanlen 
161''  daz  in  gebot  Maximian. 

er  wart  ze  velde  uf  einen  plan  1980 

gefüerel  under  einen  boum 
der  einen  wünnedichen  soum 
von  loube  in  siner  zite  bar. 

11)57.  geuar         l'.löH.  schar         1970.  der  übel  beiden 


PANTALEON.  249 

ein  diirsehtwre  gienc  aldar 

mit  eime  scharpfen  swerte  bloz.  1985 

dem  kiuscheii  marterwre  gröz 

wolt  er  daz  houbet  abe  slaheii 

und  sines  bluotes  manegen  Irahen 

unscliuldeliche  reren. 

do  enwolte  sin  niht  seren  1990 

daz  edele  und  daz  tiure  sahs. 

lind  unde  weich  reht  als  ein  wahs 

wart  daz  vil  guote  harte  swert. 

den  gotes  kemphen  lobes  wert 

moht  ez   do   niht  verwunden.  1995 

und  do  die  knehte  enphunden 

die  sines  tödes  wolten  gern 

daz  in  daz  swert  do  niht  gewern 

Verluste  mohte  bi  der  zit, 

do  vielens  üf  dem  plane  wit  2000 

ze  fuoze  dem  getriuwen. 

mit  herzenlichen  riuwen 

den  reinen  batens  under  in 

daz  er  durch  siner  tugende  sin 

den  süezen  Crist  do  ba?te  2005 

daz  er  in  gnade  taite 

mit  veterlicher  hulde 

und  in  vergebe  ir  schulde. 

Pantaleön  der  guote 
mit  lüterbserem  muote  2010 

die  knehte  do  gewerte 
des  äne  wandel  gerte 
ir  wille  bi  der  stunde, 
mit  herzen  und  mit  munde 
162"  rief  er  ze  himele  unde  sprach  2015 

'got,  aller  seiden  oberdach 
und  aller  tugende  ein  überhört, 
geruoche  erhoeren  miniu  wort 
und  ere  mich  des  ich  hie  ger. 
dis  armen  liute  du  gewer  2020 

1984.    Der  durehter  gieog  einer  dar  198G.    Den  marterer  kvsche 

vü  groz 


250  PANTALEON. 

der  gnaden  und  der  hulde  din. 

ir  schult  läz  in  vergeben  sin 

und  swaz  ir  lip  begangen  hat. 

verkius  ir  grözen  missetät 

und  hilf  in  dort  üz  aller  not.  2025 

swer  uf  der  erde  minen  tot 

und  mine  marter  ere, 

dem  hilf  daz  er  bekere 

von  Sünden  und  von  meine  sich. 

vil  siiezer  Crist,  erbarme  dich  2030 

über  die  mich  ruofen  an. 

swer  miner  swwre  mich  erman 

und  miner  grözen  pine, 

gol  herre,  deme  erschine 

gensediclichiu  milte.  2035 

Sit  daz  dich  nie  bevilte 

güet  unde  erbarmeherzekeit, 

so  stille  im  hie  die  arbeit 

an   libe  und  an  der  sele  dort 

und  gip  im  sta'ter  fröuden  bort. '  2040 

Nu  daz  er  diz  gebete  getete, 
do  wart  erhoeret  an  der  stete 
ein  stimme  diu  von  himele  sprach 
'Pantaleon,   din  ungemach 

ein  ende  wii  enphahen.  2045 

din  sßle  diu  sol  gaben 
uf  zuo  der  himele  kneren. 
got  wil  dich  erhoeren 
der  dinge  diu  du  hast  begerl, 
wau  du  wirst  alles  des  gewerl  2050 

des  in  diu  munl  gebeten  hat. 
162''  din  tron  vil  wol  gezieret  stät. 
der  engel  schar  din  beitet. 
ein  kröne  ist  dir  bereitet 

diu  dich  an  ende  zieren  muoz.  2055 

du  soll  den  kumberhaften  buoz 
sw»r  unde  sorge  machen. 

2031.  Vber  alle  die         2035.  Genedig  vn  inille        2037.  gute  erb. 
2038.  hie  fehlt. 


PANTALEON.  251 

die  siechen  und  die  swachen 

din  arzenie  wol  ernert. 

swcr  üF  dem  wäge  in  noeten  vert,  2060 

dem  hilfestii  ze  lande  wol. 

din  trosl  üz  banden  Icesen  sol 

den  armen  der  gevangen  ist. 

vertriben  mac  din  hoher  list 

vil  maneger  hande   sühte  pin.  2065 

du  soll  ein  duraihtaere  sin 

der  tiuvel  zallen  stunden : 

swer  mit  in  ist  gebunden, 

den  loeset  din  erbarmekeit. 

din  tröst  ist  allen  den  bereit,  2070 

ez  sin  frouwen  oder  man, 

die  dich  in  noeten  ruofent  an.' 

Diu  gotes  stimme  reine, 
dö  si  die  rede  gemeine 

vil  gar  nach   sines  herzen  kür  2075 

bescheidenliche  briilite  für, 
do  sprach  Pantaleon  ze  jenen 
der  haut  in  schaden  solle  wenen 
'  ir  herren  die  vor  mir  hie  stant, 
swaz  iu  geboten  si,  daz  lant  2080 

erfüllet  an  mir  werden.' 
sus  viel  er  zuo  der  erden 
diemüetecliche  in  kriuzestal. 
und  alse  er  do  getet  den  vai, 
do  gienc  ir  einer  da  zehant  2085 

die  mit  im  wären  üz  gesant 
und  sluoc  im  abe  daz  houbet, 
162^  als  ez  im  wart  erloubet 
do  von  dem  martersere. 

der  reine  tugendebaere  2090 

ze  himele  sante  sinen  geist. 
durch  hoher  wunne  volleist 
kam  er  vür  gotes  ougen. 
da  wart  er  sunder  lougen 

2ÜÜ7.  zc  alle  stunde       3Ü71.  si       2074.  die  fehlt.       2084.2088.  also 


252  PANTALEON. 

enphangen  von  der  engel  schar.  2095 

sin  verch  alsam  ein  sue  gevar 

und  alse  ein  blankiu  lilje  wart. 

dö  floz  nach  heileclicher  art 

von  sime  kiuschen  libe  guot 

gar  wiziu  milch  für  rotez  bluot.  2100 

Sich  huop  dö  fremdez  wunder, 
der  boum  da  man  im  under 
het  abe  sin  houbet  dö  geslagen 
begunde  bringen  unde  tragen 
des  selben  mäles  niuwe  fruht.  2105 

an  im  wuohs  obez  mit  genuht 
bi  der  wnle  und  bi  der  stunt 
dö  sin  vil  reiner  lip  verwunt 
mit  einem  scharpfen  swerte  wart, 
diz  groze  unbilde  niht  verspart  2110 

vor  den  burga-ren  mohte  sin : 
ez  wart  in  olfenliche  schin, 
wände  ir  kam  vil  manic  schar 
gedrungen  unde  gcloufcn  dar 
daz  si  daz  wunder  sa'hcn  2115 

und  heilekeite  jiehen 
dem  edelen  marterwre. 
der  keiser  von  dem  ma?re 
wart  vil  trüric  unde  unfrö. 

den  selben  boum  den  hiez  er  dö  2120 

zersclnten  und  zerschroten 
und  bat  da  mite  des  töten 
162'*  junkhcrren  lip  verbrennen, 
die  knehte  got  erkennen 

begunden  schiere  und  alzehant  2125 

die  mit  im  waren  uz  gesaut 
durch  daz  si  merten  sinen  schaden, 
sie  liezen  netzen  unde  baden 
sich  in  des  touFes  bruunen. 

ir  sele  wart  gewonnen  2130 

got  äne  misse  wende. 

'201)8.  Daz  lloz         -2121.  Zerschitten 


PANTALEON.  253 

seilt,  also  nam  ein  ende 

Pantaleon  der  reine, 

den  al  diu  werlt  gemeine 

soll  eren  unde  prisen.  2135 

er  kan  die  liute  wisen 

von  kuniberlichen  sachen 

und  mac  die  not  geswachen 

des  wibes  und  des  mannes. 

von  Arguel  Johannes,  2140 

der  Winharten  toliter  kint, 

geschuof  daz  siniu  wunder  sint 

alsus  gelilitel  schöne. 

mit  siner  miete  löne 

bräht  er  si  von  latine  2145 

ze  liuscher  worte  schine 

dar  umbe  daz  die  liute 

verna-men  dran  ze  diute 

daz  er  kan  trüren  sloeren. 

die  diz  getihte  hoeren,  2150 

und  swer  die  marter  sin  verneme, 

die  wünschen  heiles  alle  deme 

der  diz  werc  gefrumet  hat, 

und  wizzent  daz  hell"  unde  rat 

der  reine  marlera-re  fuot  2155 

in  allen  die  getriuwen  muot 

ze  herzen  tragcnt  wider  in : 

er  stoerel  leides  ungewin. 

2144.  sine         2140.   tuschen         .2153.  gescliriben  vü  gefrüniel 


254 


DIE    SPOTTNAMEN   DER   VOLKER. 

Das  liohe  alter  des  germanischen  volkes  und  seiner  stamm- 
eintheilung  wird  auch  dadurch  bewiesen  dafs  wir  schon  zu 
den  ältesten  zelten  aus  denen  wir  genauere  künde  von  ihnen 
haben  einzelne  stamme  in  zwist  und  fehde  mit  einander  sehn, 
dafs  schon  Tacitus  den  römerwunsch  aussprechen  konnte 
'  maneat,  quaeso,  duretque  gentibus,  si  non  amor  nostri,  at 
carte  odium  sui,  quando  urgentibus  imperii  fatis  nihil  iam 
praeslare  Fortuna  maius  polest  quam  hostium  discordiam' 
(Germ.  33). 

Ein  fortdauernder  ausfluls  dieser  Feindseligkeit  sind  die 
Spottnamen  welche  einzelnen,  bald  grölseren,  bald  kleineren 
theilen  der  nation  vom  allgemeinen  munde  gegeben  werden, 
manche  sind  beinamen  geblieben,  manche  bis  zu  eigennamen 
erwachsen;  der  Ursprung  einiger  wird  von  dem  Avitz  und  der 
sage  selbst  erklärt*;  in  anderen  liegen  noch  unenträthselte 
bcziehungen,  wie  wenn  die  Schlesier  Jahrhunderte  lang  esel- 
frefser  geheifsen  haben**,  oder  sie  rühren  nicht  sowohl  von 
einem  bestimmten  geschichtlichen  anlafse  her,  sondern  gehen 
mit  sittlicher  beurtheilung  nur  auf  den  hervorstechenden  haupt- 
zug  eines  Stammcharakters :  so  die  blinden  d.  h.  tollkühnen 
Hessen,  die  wilden  Sachsen  (Jac.  Grimm,  lat.  ged.  86),  die 

'^'  so  der  Ursprung  der  sechs  SchwabenoaineD  Seehaas  Blitzschwab 
Neslelschwab  Spiegelsehwab  Knöpfleschwab  und  Gelbfiifsler  (nur  für 
den  siebenlen,  den  Allgäuer,  hat  sich  kein  würdiges  beiwort  finden  wol- 
len) und  der  flascheltrager  von  Wien,  der  stierwascher  von  Salzburg: 
Büschings  wöchentl.  nachr.  4,  10  f.  :  die  erklärung  ähnlicher  beinamen 
der  Stralsunder  Greifswalder  Anklamer  und  Cösliner  s.  halt.  sind. 
3,  1,  ^34fr. 

*""  ich  besitze  ein  blatt  des   L'in  jh.   mit  folgenden   distichen 
Hippophagus  vetercs  non  mulal  Sarmata  mora 

Cid  dedit  insipidus  nomi'na  dira  cibus 
Nuper  eram  placido  conviua  vocatiis  amico 

Et  erat  laiitis  cena  parata  cibis 
nie  hisontinas  ratiis  me  mandere  carnes 

Et  dedit  invisum  laneibus  hospes  equtim 
(Ji.am  bcne  zelizita  coniunctus  sarmate  fertur 
Ederat  hie  asiniim  dum  vorat  aller  eqiium 


DIE  SPOTTNAMEN  DER  VOLKER.  255 

dummen  Hirschauer  Stliöppenstädtcr  Schildbiirger  Polkwitzcr* 
und  rriilicrliin  auch  die  Uiörichteii  Baiern :  er  ist  ein  twrscher 
Beier  Nilh.  Ben.  52,  7.  ein  pris  den  wir  Beier  tragen  muoz 
ich  von  fFdleisen  sagen :  die  sint  teerscher  denne  beiersch 
her  Parz.  121,  14.  der  Welsche  zwar  in  der  Casseler  glosse 
stulti  sunt  Romani,  sapienti  smit  Paioari :  tole  sint  Vualha, 
spähe  sint  Peigira  (Eckharts  Franc,  or.  1,  855'')  rühmt  viel- 
mehr an  ihnen  das  grade  gegentheil:  er  mochte  schmeicheln 
wollen,  oder  noch  lieber,  ein  schalk  aus  Baiern,  um  sich 
und  den  seinen  eine  genugthuung  zu  verschaffen,  hatte  dem 
ausländer  das  Sprüchlein  verkehrt  beigebracht,  das  abenleuer 
mit  den  fünf  eselsfüfsen  worauf  ein  altes  gedieht  nur  gar  zu 
kurz  anspielt  {hi  den  fünf  eseles  Juezen  di  di  Beiger  brüh- 
ten über  mer  Rüdiger  von  zwei  gesellen  1366)  scheint  solch 
ein  bairischer  Ihorenstreich  gewesen  zu  sein,  überhaupt  wa- 
ren die  Baiern  vor  zeiten  eben  nicht  beliebt,  und  es  hieng 
ihnen  auch  sonst  noch  mancher  schimpf  an:  sie  galten  für 
räuberisch  (Jac.  Grimms  rechtsalterth.  948.  Helbling  1,443  ff.), 
für  geizig  (Helbling  1,  450.  mo?iacus  Boheniicus,  pons  Po- 
lonicus,  monialis  Suevica,  vestis  ruratica?  largitas  Bava- 
rica,  castitas  Austriaca,  fides  ludaica,  ieiunia  Italica, 
glosa  ludaica?  merdam  valent  oinnia  Hormayrs  bist,  ta- 
schenb.  1842  s.  123  aus  einer  3Iünchener  hs.  des  15n.  jh.), 
für  rauh  an  spräche  {stridula  Bavarico  gutture  rerba  li- 
quens  Reiuard.  4,  382.  Bavarus  loquens  boat  ut  bos,  exal- 
tans  rocem  crassani  niinis  atque  ferocem  Aufsefs  anzeiger 
1,  292.  vergl.  Renner  245"),  für  trunksüchtig  und  gefräfsig 
{so  mac  ein  Beier  sprechen  wol,  des  lip  ouch  magen  freude 
ist  vol,  'wanne  kamst  du,  molle?  da  guotes  was  der  volle, 
da  hdn  ich  g-etrunken  unde  geszen,  bis  ich  min  selbes  hän 
vergezzen'   Renner  114"**.    vreidic   sam   die  Beier  si  wir 

*  zwei  gedicLte  des  mittelalters  geben  in  lang  fortlaufender  reihe 
dergleichen  spöttische  volkseharakteristiken,  das  14e  tlelblings  und  das 
lateinische  leoninische  in  Mones  anzeiger  7,  507  f.,  womit  noch  aus  dem 
Renner  s.243  die  aufzählung  und  kennzeichnung  der  einzelnen  deutschen 
mundarten  zusammenzustellen. 

**  s.  120  desselben  gedichtes  wird  demgemäfs  auf  eine  gesellschaft 
Baiern  übertragen,  was  zuerst  Atheuäus  2,  5  von  Agrigentinern,  dann 
der  Freudenleere  von  Wienern  und  später  Abraham  a  S.  Clara  (be- 
scheidefsen   1836  s.  384)  von  Strafsburgern  erzählt. 


256  DIE  SPOTTNAMEN  DER  VÖLKER. 

mit  gevrteze  HelLl.  14,  40),  obschon  ihr  getränke  birnenmost 
war  (Hclbl.  3,  233)  oder  ein  wein  von  dem  man  sagen  durfte 
daz  beirisch  umi,  Juden  und  jung  wölveän  aller  best  sin 
in  der  jugent  Renner  249*.  was  man  an  ihnen  lobte  war 
einzig  ihr  tapferer  Jcriegslustiger  sinn  (Feiere  vuorin  ie  ci 
ivige  gerno  Anno  319.  di  Baignre  hdn  ich  (Karl)  selbe  er- 
chorn  ze  vorderlicher  chnechtnite  —  chuoner  voic  newart 
nimere  Ruol.  266,  10.  16.)  und  die  guten  Schwerter  die  ih- 
nen dabei  zu  statten  kamen :  ivilichi  knechti  die  wcerin,  deist 
in  heidnischin  buochin  mceri.  da  liset  man  Noricus  ensis 
(Hör.  od.  1,  16,  9.  epod.  17,  71):  daz  diudit  ein  suert 
beierisch ;  wanti  si  woldin  wizen  daz  nigeinniu  baz  ni  biz- 
zin;  die  man  dikke  durch  den  heim  sluog :  demo  Hute  was 
ie  diz  eilen  guot  Anno  302  ff.  Baire  di  stritegen  mit  ir 
scarphen  swerten  Ruol.  238,  4.  266,  13;  aber  auch  Gene- 
luns  des  treulosen  schwert  war  ein  bairisches  :  Ruol.  58,  14  ff. 
lob  und  tadel  gegen  einander  ab  und  aufgewogen  finden  sich 
in  einer  stelle  des  gedichles  von  Riterolf  und  Dietleib  6624  ff. 
Hute  niender  anders wä  hän  ich  so  frevellich  vcrnomen. 
ist  ez  von  alten  siten  kamen,  so  hdnt  sin  noch  die  Beier 
reht:  von  strite  redet  da  mer  ein  kneht  dan  drizic  ritler 
anderswä.  der  site  muoz  iemer  wesen  da:  giuden  undc 
schallen  muoz  in  wol  gevallen;  daz  kunnen  si  also  sere. 
si  wellen  des  hän  ere  daz  maneger  4  erhangen  luirt  e  daz 
er  den  roup  verbirt,  und  in  den  lateinischen  spruchversen 
prodiga,  lasciva  Bavaria  laetaque,  fallax,  nee  est  s^ubtilis 
gens,  constans  at  socialis  3Iones  anzeiger  7,  507. 

Die  thöricliten  Raiorn  sind,  falls  ich  jeneCasseler  glosse 
recht  verstehe,  ein  schon  tausendjähriges  beispiel ;  andere 
haben  ein  noch  viel  höheres  alter,  von  den  Cheruskern  be- 
richlel  Tacilus  Germ.  86  'qui  oliin  boni  aequiquo  Cherusci, 
nunc  inertes  ac  stulli  vocanlur',  und  nach  Jornandcs  17  war 
der  name  der  Gepiden  eigentlich  ein  spoltname:  'de  Scanziac 
insulae  gremio  Gothos  —  tribus  tantum  navibus  vectos  ad 
citeriorls  Oceani  ripam;  quarum  trium  una  navis,  ut  assolet, 
tardius  vecta  nomen  genti  fertur  dedisse.  nam  lingua  eomm 
pigra  gepanta  dibitur.  hinc  factum  est  ut  paulatim  et  coi- 
rupte  nomen  eis  ex  convicio  nasceretur.  Gepidae  nauKiue 
sine  dubio  ex  Gothorum  prosapia  ducunt  originem,  scd  quia. 


DIE  SPOTTNAMEN  DER  VOLKER.  257 

ut  (lixi,  g'opanta  pigrum  aliquid  lardmnque  significal,  pro 
gi'aluito  convicio  Gepülannn  nonien  exortiini  est.  quod  nee 
ipsum  credo  ralsissinmni.  sunt  enim  tardioris  ingenii,  gra- 
viores  corporum  velocitate.'  also  Gc'pida  oder  Gipida  (vergl. 
Zeufs,  die  Deutschen  436)  auf  ein  partic.  gepands  oder  gi- 
pands,  ein  verbum  gepan  oder  gipan  bezogen,  dessen  ange- 
gebene bedeutung  sich  auch  ganz  wohl  mit  den  verwandten 
Wörtern,  altn.  gap  gapa^  ahd.  gafan  gaphan*,  nhd.  gaf- 
fen, mhd.  kapfe?i,  vereinigen  läfst.  denn  gaffen  heifst  ei- 
gentlich und  auch  noch  im  nhd.  das  maul  aufsperren  {schon 
gaffen  jetzt  und  giencn  die  blämlein  allerlei,  auf  auf! 
die  blämlein  gaff'en  Spee) :  das  aber  ist  die  bezeichnende 
gebärde  geistiger  trägheit  und  einer  thorheit  nach  weise  der 
äffen,  die  auch  sitzen  können  um  das  maul  noch  weiter  auf- 
zusperren als  vor  ihnen  das  ofenloch,  um  des  sldtes  zu  spot- 
ten (Georg  1918)  und  den  ofen  zu  überginen  (Freidank  126, 
20  vergl.  374),  und  von  denen  noch  heut  die  maulaffen  ge- 
nannt sind  und  die  redensart  herkommt  maulaffen  feil  ha- 
ben, im  mhd.  hielsen  dergleichen  staunende  thoren  gief 
(Reinh.  s.  56.  108.  Kol.  cod.  115.  Renner  189'),  auf  gothisch 
also  gepida  oder  gipida,  und  ebenso  nun  dieser  Gothen- 
stamm.  andre  deutungen  versuchen  Zeufs  a.  a.  o.  und  Jac. 
Grimm  gr.  4,  930,  mythol.  831  ;  Isidor  giebt  eine  nach  seiner 
art,  Gipedes  pedestri  proelio  magis  quam  equestri  sunt  usi, 
et  ex  hac  causa  sunt  vocati  orig.  9,  2,  92. 

Führten  die  Heruler  einen  ähnlich  herabsetzenden  bei- 
namen?  denn  ihr  eigenname  hat  den  besten  sinn,  da  er  gleich 
dem  der  Cherusker  von  hei^u  genommen  ist.  wenigstens  er- 
zählt die  sage  auch  von  ihnen  eine  thorheit,  zwar  eine  sol- 
che die  tragisch  genug  ist  um  nicht  blofs  lächerlich  zu  sein. 
Herulorum  exercitus  dum  hac  illacque  diffugeret  (von 
Tato  dem  Langobardenkönige    geschlagen),  tanta  super   eos 

■'  ich  halle  nämlich  das  gafatidus  und  gaplians  (haeres)  der  lan- 
gobardischen  und  noch  der  späteren  rechtssprache  nicht  für  compo- 
niert  mit  ga  (Graffs  sprachsch.  3,  520),  um  so  weniger  als  Gralf  selbst 
noch  die  andere  form  gafar  verzeichnet,  sondern  als  partic.  jenes  Zeit- 
wortes für  ebenso  eine  bildliche  bezeichnung  des  wartenden  erben  wie 
haeres  von  yeiQ  den  greifenden  und  ergreifenden  bezeichnet,  gleicher 
weise  könnte  ganerbe  (rechtsallerth.  478  —  48'i)  auf  der  wurzel  ginan 
beruhen. 

Z.   F.   D.   A.  VI.  17 


258  DIE  SPOTTNAMEN  DER  VOLKER. 

caelitits  ira  respe.vit  ut  viridantia  camporiim  Irna  cernen- 
tes  natatiles  uquas  esse  putarent.  dumqr/e  quasi  nalaturi 
hruchia  cxlendereiit,  crudeliter  hostium  feriebantvr  a  gla- 
diis  Paul.  diac.  1,20  und  nach  ihm  Ainioiu2, 13.  das  alle  testa- 
nient  leitet  einmal  (2  kön.  3,  22  ff.)  eine  niederlage  der  3Ioa- 
biter  aus  einer  ähnlichen  teuschung  her:  im  149n  märchen 
der  br.  Grimm  hält  ein  durch  zauber  bethörtes  mädchen  gleich- 
falls blühenden  flachs  für  wafser;  sonst  aber  hat  die  volkssage 
jene  Verblendung  der  Heruler  jetzt  auf  die  sieben  Schwaben 
übertragen,  volksbüchlein   1835  s.  226  f. 

Und  die  Schwaben  selbst?  bekannter  mafsen  brauchen  sie 
vierzig  jähr  um  gescheidt  zu  werden,  seit  wann  aber  hält 
man  sie  für  so  dumm?  und  seit  wann  erzählt  mau  von  den 
streichen  der  sieben  Schwaben,  dieser  gegenbilder  der  sieben 
weisen  die  Hellas  zählte?  palriotische  nachforschungen  haben 
nicht  weiter  als  bis  auf  Bebeis  Facetiae  und  Kirchhofs  Wen- 
diinmut  zurückgelangen  können  (volksbüchlein  283.  286j : 
aus  dem  miltelalter  ist  mir  kein  zeugnis.  überhaupt  keine 
äufserung  der  art  bekannt*,  man  müsle  denn  hielier  ziehen 
wollen  dafs  Heinrich  Suso.  selbst  ein  Schwabe  von  Coustanz. 
den  durchbruch  des  geistlichen  mannesalters  auf  das  vierzigste 
jähr  ansetzt  (Schmidt  über  Suso  23).  aber  dies  jähr  ward 
auch  aufserhalb  der  geistlichen  erkenntnis  für  den  beginn  des 
mannesalters,  den  schlufs  der  eigentlichen  Jugend  genommen 
(Renner  llO**.  232''):  es  bleiben  also  die  Schwaben  nur  dumm 
so  lang  sie  noch  jung  sind:  junc  und  tump  sind  in  der  al- 
tern spräche  synonym,  auch  stellen  wie  die  gegen  den  31ar- 
ner  gerichteten  worte  meister  liaumelands  daz  ander  rat  dir 
swa'hisch  melt :  din  dii/tsch  ist  uns  ze  drwte  und  ja  g-it  er 
(golt)  einte  Sahsen  also  eil  als  eime  Siräbe  (vdHag.  MS. 
3,  56"')  enthalten  nur  eine  eifersüchtige  vergleicliuug  ober- 
und  niederdeutscher  spräche  und  kunst,  jede  durch  das  haupl- 
volk  vertreten**;  sonst  jedoch  werden  die  Schwaben  stäts 
•■  Bonerius  1*9  erzäiilt  die  alliernlu'it  mit  dem  monde  die  man  jetzt 
den  Mcmmiiifteru  anliängt  nocli  ohne  die  beimat  zu  benennen  von  dem 
studierten  söhn  eines  ritters. 

'"''  in  gleichem  sinne  nennt  Sachsen  und  Schwaben  neben  den  Scy- 
then  der  dichter  des  Ileinardus  1,  126,  und  Berthold  315  veranschau- 
licht den  gegensatz  von  Ober-  und  Mederlandern  durch  nennung  derer 
von  Zürich  und  dem  Bodensee  und  derer  von  Sachsen. 


DIE  SPOTTNAMEN  DER  VÖLKER.  259 

ihrer  milde,  ihrer  Weisheit,  ihrer  feinen  zucht  und  rede,  über- 
haupt ihrer  toerdekeit  wegen  gepriesen  {Swabeti  di  millcn 
Ruol.  2(58,  5.  do  enpßengen  si  die  Swäbe  mit  lohelicher 
gäbe:  das  ivas  ir  tvilleclichrr  gruoz.  got  wetz  wol,  den 
Swäben  inuoz  ioglich  biderber  man  jehen,  der  si  da  keime 
hat  gesehen,  daz  bezzers  willen  fiiene  wart  Hartm.  Heinr. 
1420.  ein  Hut  ci  rädi  mllin  guot,  redispa^he  genuog 
Anno  290.  ich  hdn  der  Swdbe  werdekeit  in  vremden  lan- 
den vil  gesehen :  da  würben  si  nach  prise  also  daz  man 
in  xvirde  muoste  jehen  (br.  Wernher  vdH.  MS.  2,  230^ 
vergl.  Helbl.  1,  455 ff.),  und  tapfer,  wie  sie  gleichfalls  w^a- 
ren,  hatten  sie  in  reichskriegen  das  Vorgefecht :  die  sich  dikke 
des  vure  nämin  daz  sie  guode  rekkin  wärin,  woli  vertig 
unti  wighaft  Anno  293.  si  sint  vil  guote  knechte:  ich  wil 
das  si  vor  vechten  Ruol.  268,  7,  vergl.  XCVII.  CHI.  Schwa- 
bensp.  landr.  31.  zwar  heilst  es  im  Reinardus  3,  734  per- 
fidior  Suevo  iudicer  atque  Geta,  und  anderswo  in  eben  die- 
sem gedichte  haben  die  säue  ihren  chorgesang  von  den  Schwa- 
ben gelernt,  hoc  gr aduale  boni  nos  edocuere  Suari  4,  747; 
wahrscheinlich  aber  meint  hier  der  undeutsche  dichter  mit 
den  Schwaben  die  ihm  verhafsten  Deutschen  überhaupt  (vergl. 
Reinhart  LXXIX) ;  und  wenn  sie  ein  anderer  gar  um  treulo- 
ser wortbriichigkeit  willen  tadelt,  so  stellt  er  selber  gleich 
ein  hohes  lob  daneben :  Suevia  promissa  percepto  mmiere 
frangit,  Vitat  turpe  loqui,  quia  nobilis  atque  supcrba 
(Mones  anz.  7,  507);  zudem  ist  es  ein  Sachse  der  also  spricht, 
denn  von  diesen  allein  weifs  er  blofs  rühmliches  zu  sagen 
{stultitiam  vital  Saxonia,  casta,  pudica;  non  indiscrete 
tribuit,  quia  prodiga  non  est  508),  gerade  wie  der  oben 
angeführte  schimpf  der  bairischen  mundart  (Aufsefs  1,  292) 
verbunden  ist  mit  gerechter  lobpreisung  der  sächsischen.* 
selbst  der  gar  unfreundliche  spruch  (Schmeller  3,  524) 
doch  ist  ain  Sprichwort, 
die  Swaben  seien  von  hohem  stam : 

■■'■'  eine  priamel  des  15n  jh.  in  Schmellers  bair.  wb.  4,  2Ü6  giebt 
den  Sachsen  ihren  hochmut  heim  :  het  ich  herzog  Jörgen  von  Baiern 
gut,  und  der  von  Ulme  mut,  und  herzog  Christoffels  von  München 
leip,  und  herzog  Sigemunts  von  Oeslreich  weip,  und  der  von  Nürn- 
bereh  tvitz :  ich  gwb  umb  alle  Sachsen  nicht  ein  switz. 

17* 


260  DIE  SPOTTNAMEN  DER  VOLKER. 

sie  schaifs  ain  raiger  ab  ainem  paum 

nider  auf  die  erden  bei  dem  Rein, 

davon  die  Schwaben  körnen  sein.  * 

t/nd  von  der  Swaben  stank 

sin  dt  körnen  die  Frank, 

und  aus  der  Franken  air 

sin  dt  können  die  unsauber  n  Pair, 
selbst  dieser  spruch,  der  übrigens,  wie  man  siebt,  die  Fran- 
ken und  Baiern  noch  viel  schlimmer  mishandelt,  sagt  wenig- 
stens von   der  dummheit  der  Schwaben  nichts. 

Dennoch  möchte  ich  solche  beurtheilung  und  benennung 
derselben,  die  einmal  doch  ihren  anfang  mul's  genommen  ha- 
ben, gleich  bis  hinauf  in  die  allerfrühesten  Zeiten  rücken,  in- 
dem ich  glaube  dafs  schon  ihr  eigenname  wesentlich  nichts 
andres  besagen  solle,  es  liifst  sich  dieser  (die  Römer  schrei- 
ben ihn  Suevi,  die  Griechen  2!ovy]3ot)  mur  mit  der  wurzel 
sviban,  altn.  sofa  svaf  svafum  soßnn,  d.  h.  schlafen,  in  Ver- 
einigung bringen:  also  Swdb,  altn.  Svqfr,  ags.  Sr(Ff,  der 
schläfrige,  ähnlich  wie  vorher  inertes  ac  stulti  Cherusci. 
der  kern  der  Sueven  waren  die  Setnnones:  ihr  name  scheint 
mit  ableitendem  n  wie  das  alts.  suelhan,  altn.  svefn  schlaf, 
mit  beseitigung  des  v  w  ie  das  alln.  sef  ich  schlafe,  und  mit 
einer  assimilalion  von  bn  in  mn  wie  das  lat.  somnus  (gr. 
i'mvog)  und  wie  in  Du/gubini  Joi'Xyov^ivioi,  von  eben  dersel- 
ben Wurzel  herzurühren,  so  dafs  zwischen  Suevus  und  Senino 
in  gleicher  weise  unterschied  und  einklang  waltete  wie  in 
Italien  zwischen  Sabinus  und  Sa/nnis.  ja  die  vollständige 
form  des  namens  der  Semnonen  liegt  noch  bei  Strabo  vor: 
denn  wenn  er  7,  1  als  Völker  welche  3Iaroboduus  behersche 
auch  2.'if3ii'0iig  xal  t6  tup  ^ov^jihv  uvtmv  ftr/u  fthog  ^Vufo)- 
vag  neben  einander  nennt,  so  sind  das  schwerlich  verschie- 
dene Völker  gewesen  {—tjjtvol  werden  sonst  nirgend  mehr  er- 
wähnt), sondern  nur  verschiedene  namen  oder  namensformen 
eines  und  desselben  volkes. 

Somit  wären  schon  die  Sueven  dumm  gewesen,  und  man 
hätte  es  den  Schwaben  des  mitlelalters  nur  ihres  ritterlichen 
kampfes   und   sanges  wegen   vergefsen  und  verziehn,    einge- 

■■'  vergl.  pessfma  qiiae  j>otuil  monsira  cacarc  Satan  Reioard  4,  780. 


METE  BIER  \MN  LIT  LUTERTRANC.  261 

(lenk  der  worte  jenes  beichtigers,  dals  es,  wenn   auch    nicht 
schön,  doch  keine  sünde  sei  ein  Schwabe  zu  heifsen. 

WILH    WACKERNAGEL. 


METE    BIER   WIN    LIT    LUTERTRANC. 

Die  einzigen  durch  kunst  bereilelen  getränke  welche  bei 
den  germanischen  Völkern  schon  ursprünglich  und  allgemein 
in  gebrauch  gewesen,  sind  melh  und  hier :  den  stoft"  dazu  ge- 
währte die  heimat  selbst  in  ihren  feldfrüchten  und  dem  honig 
ihrer  wälder  und  beiden,  den  meth  bezeugt  schon  eine  stelle 
des  Pylheas  bei  Strabo  4,  5;  sein  name,  da  er  durch  alle 
germanischen  sprachen  geht  (ahd.  motu,  mhd.  niete  oder  met, 
ags.  iiieclu,  meodu,  altn.  jm'ödr,  mlat.  medus,  medo)  und 
buchstäblich  zu  dem  griechischen  ^uOv  wein  und  dem  slav. 
med,  litlh.  meddus  honig  stimmt  ohne  doch  ganz  das  gleiche 
zu  besagen,  scheint  uralt,  des  bieres  gedenkt  Pytheas  gleich- 
falls und  nach  ihm  wieder  Tacitus  Genn.  23.  doch  möchte 
diese  benennung  des  getränkes  nicht  die  eigentlich  deutsche, 
sondern  erst  aus  dem  romanischen  bere  d.  h.  hibere  gebil- 
det sein ;  *  zwar  gilt  sie  auch  im  angelsächsischen  und  alt- 
nordischen {beor,  bior)^  daneben  aber  in  eben  denselben  noch 
ein  zweiter  ausdruck,  altn.  aul  öl  d.  h.  alu,  ags.  ealu,  engl. 
ah,  und  dieser  darf,  wie  auch  er  mit  einem  pelasgischen 
Worte  von  nur  halber  sinnverwandtschafl,  dem  gr.  tluiov,  iat. 
oleum,  etymologisch  doch  zusammenhängt,  **   vielleicht  ältere 

*  alt-  und  mlat.  hiher  und  hiheris  getränk  und  getränkmafs  :  s. 
Du  Gange,  das  mlid.  trinken  wird  ebenso  gebrauchl:  eine  hauptstelle 
im  Augsb.  sladtr.  s.  116  er  {der  bttrcgrdve)  hat  ouch  daz  reht,  swer 
ein  fuoder  ivins  verschenkt,  der  sol  im  ein  trinken  wtns  geben;  ist 
aber  daz  vaz  halpfüederc,  so  sol  man  im  ein  sidlfn  wins  geben.  — 
elliu  tüinschaf,  alle  eimer,  alle  halb  eimer,  elliu  grözen  vierteil,  elliu 
trinken  vnde  elliu  sldlin.  also  ein  trinken  gleich  zwei  seidlein  oder 
einer  mafs. 

**  das  neu-  und  mittelhd.  umlautende  ol  kommt  durch  ahd.  oli  und 
ahd.  mhd.  olei  vom  Iat.  oleum,  während  die  seltenere  form  ol  (bei 
Oltocar  u.  a.  ;  boumol  statt  des  unmöglichen  boumwol  Erec  7702) 
naher  bei  jenem  deutschen  alu  liegt;  das  goth.  ale'v  hat  noch  ein  un- 
verändertes a,     es    dient   zur    vermittelung    beider   begriffe  dafs  unser 


262  METE  BIER  WIN 

echtere  deutschheit  ansprechen,  es  passt  zu  der  undcatsch- 
heit  des  Wortes  hier  daCs  auch  brauen  auf  eine  fremde,  eine 
celfische  wurzel  zurückgeht,  das  von  Plinius  h.  n.  18,  7  als 
ein  gallischer  getreidename  angeführte  brace  (Jac.  Grimm  über 
diphth.  25) :  der  deutschere  name  dieser  thätigkeit  ist  wahr- 
scheinlich blandem  gewesen.* 

Meth  und  hier  blieben  bei  den  Völkern  des  äufseren  Nor- 
dens noch  bis  tief  in  das  mittelalter  hinab  fast  die  einzig 
üblichen  getränke:  sie  selbst  erzeugten  keinen  wein,  und  der 
anderswo  erzeugte  kam  ihnen  nur  seltener  und  stäts  ver- 
theuert  zu.  potian  Normanm's  et  in  hoc  et  in  omnibus  an- 
nis  praebebit  culmus,  non  baiula  palmitis  ulinus  3Iones  anz. 
7,  507.  anders  in  Deutschland,  zwar  in  Cäsars  zeiten  schlofs 
man  sich  da  noch  ab  gegen  die  fremden  weine  (b.  Gall. 
2,  15.  4,2),  aber  schon  nicht  mehr  als  Tacitus  schrieb: 
proximi  ripae  et  vinum  mercantur  (Germ.  23) :  und  dann 
kam  durch  das  geschenk  des  kaisers  Probus  (Vopiscus  Prob. 
18)  der  weinbau  nach  Deutschland  selbst**,  und  wiederum 
nach  nicht  gar  langer  zeit  wurden  die  gepriesenen  rebberge 
der  3Iosel  deutsches  eigenthum.  nun  ward  das  weinlrinken 
immer  allgemeiner,  und  stäts  weiter  nach  Norden  und  nach 
Westen  hin  verpflanzte  sich  der  weinstock ;  auch  in  dieser 
beziehung  werden  die  anordnungen  und  das  beispiel  Karls  des 
grofsen  (cap.  de  villis  8.  48)  besonders  gewirkt  haben,  aber 
es  scheint  hier  nicht  am  ort  in  die  geschichte  der  deutschen 

Ö7  roundarllicli  jede  flüfsige  und  durchsictitige  arzoei  bezeichnet;  in 
Baiern  wird  auch  eine  art  hier  wirklieb  '61  genannt :  Schmellers  bair. 
wb.    1,  45. 

'"  goth.  blandan,  ahd.  plantan  mischen  (ein  getränlc)  und  bildli- 
cher weise  planfan,  ninl.  7nede  blanden  s.  v.  a.  böses  stiften,  grade 
wie  auch  und  zwar  häufiger  brhiwen  gebraucht  wird  :  Jac.  Grimm  Reinh. 
s. '279.  gramm.  4,  336;  enblanden  mühselig  werden  talsen,  eigentlich 
nicht  zu  trinken  geben,  noch  stärker  hat  sich  der  begriff  von  brauen 
(goth.  brigy;van?)  entfärbt,  falls  bringen,  goth.  briggan  bralita  ur- 
sprünglich dasselbe  wort  ist. 

'*  daher  auch  die  spräche  des  Weinbaues  fast  durchweg  auf  dem 
lateinischen  beruht:  wein  selbst  auf  vinum,  tvinzer  abd.  winzuril  auf 
vinitor,  windemon  mundartlich  wimmen  auf  vindemiare,  presse  torkel 
und  kelter  auf  pressa  torcular  calcitrare,  während  ein  viertes  syno- 
nym der  letzleren,  trotte  AhA.  irota,  von  deutscher  wurzel  ist:  treten, 
goth.  trudan. 


LIT  LUTERTRAiNC.  263 

weincullur  des  näheren  einzutreten :  statt  alles  andern  genügt 
die  hinweisung  anl'  Ulm.  dort  war  das  spätere  mittelalter 
hindurch  ein  eigentlicher  weinmarkt,  auf  welchem  Rheinwein, 
Alainwein,  Neckarwein,  Breisgauer  und  Elsäfser  zusammen- 
traf mit  wein  von  Bozen  und  andern  italiänischen  (Jäger, 
Ulms  mittelalter  715  ff.),  unter  solchen  umständen  traten  meth 
uiul  hier  immer  mehr  zurück,  wurden  namentlich  im  Süden 
Deutschlands  immer  seltener  bereitet  und  getrunken,  sanken 
bei  denen  die  vornehmer  und  vermöglicher  w  aren  immer  mehr 
in  Verachtung,  das  zeigt  vor  allem  deutlich  die  art  in  wel- 
cher Freidank  vom  meth  und  vom  weine  spricht  und  die  Stei- 
gerung zu  der  er  die  möglichen  und  üblichen  getränke  ordnet  : 
wazzer  hier  rnete  win  9,  5.  gcdichtc  des  elften  und  zwölf- 
ten Jahrhunderts  nennen  meih  und  wein  noch  ganz  geläufig 
neben  einander  als  gleich  angesehene  getränke  auch  bei  herr- 
schaftlichen gastmälern  (Ruodlieb  5,  13.  10,17.  16,2.  18'', 2. 
Hartm.  v.  glauben  2467.  Warnung  261 .  2461.  3361.  vimim 
pugnat  cum  medo/ie  Jac.  Grimms  Friedr.  1 ,  92'') :  die  höll- 
schen  epiker  des  dreizehnten,  also  auch  die  höfe  dieser  zeit, 
kennen  den  meth  beinah  gar  nicht  mehr  (einige  stellen  im 
weitem  verlaufe  dieser  abhandlung),  und  es  gehört  zu  den 
volksmäfsigkeiten  des  Nibelungenliedes  dafs  er  hier  sogar  ein 
fürstliches  trinken  ist  (251.  909.  1127).  man  überliefs  ihn 
also  jetzt  mehr  den  niederen  ständen :  dafs  diese  auch  im 
südlichen  Deutschland  noch  einstweilen  bei  ihm  blieben  zei- 
gen z.  b.  die  Zollsätze  im  stadtrecht  von  Augsburg  21 — 25 
und  die  jährliche  methspeisung  welche  Adelheid  von  Sulmen- 
lingen  1388  für  die  ulmischen  lindelkinder  stiftete  (Jäger  619); 
bei  vornehmem  aber  wird  es  nur  als  ein  zeichen  der  Völlerei 
angeführt,  wenn  auch  sie  ihn  tranken :  wie  ivi'l  rfer  ew  kerre 
si/i,  dem  da  herschet  rnet  unt  win  welscher  gast  4,  2. 
Helbling  7,  832.  scelc  ist  der  man  der  sich  des  went  daz 
er  nach  wollust  sich  niht  sent,  nach  wine,  mete,  nach  zar- 
ter spise  Renner  119'',  wobei  auch  in  betracht  kommen  mag 
dafs  er  für  ein  reizmittel  zur  liebe  galt:  vina  valent  forti, 
rerevisia  grata  cubanti,  fons  valet  oranti,  sed  medo  hasia 
danti  Hormayrs  bist,  taschenb.  1842  s.  138  aus  einer  Em- 
meramer  hs.  des  15n  jh,  in  noch  viel  geringerem  ansehen 
stand  das  hier:    Kourad  von  Würzburg,    der  den  meth  noch 


264  METE  BIER  WIN 

nennen  mag,  stellt  diesen  das  eine  mal  mit  dem  efsig,  das 
andre  mal  ebenso  mit  dem  hier  zusammen,  Engelh.  2116. 
3892;  vergl.  Parz.  201,  G  ich  irter  da  nu  tvol  soldiev.  wan 
da  trinket  nieman  hier  ;  si  haut  wins  und  spise  vil.  zwar 
Rudolf  von  Habsburg  war  ein  grofser  freund  davon  und  lief 
einmal  mit  dem  bierglase  in  der  band  und  das  gute  getränk 
laut  preisend  durch  die  strafsen  von  Erfurt  (Mencken  scr. 
2,  563) :  aber  zu  eben  derselben  zeit  schildert  ein  dichter 
der  das  leben  in  einer  niedern  und  verdächtigen  schenke  dar- 
stellen will  diese  nur  als  eine  bierschenke  (zeitschr.  f,  d.  al- 
terth.  1,  27  f.)  und  der  Unverzagte  beantwortet  die  frage  wo 
man  geizigen  herren  am  schicklichsten  mit  einem  loblied  danke, 
daz  sol  man  in  dem  piere :  da  ist  daz  lop  gar  eren  vi^i  — 
pierloterlop  dazn  ist  niht  icit  bekant  vdH.  3IS.  3,  46".  wei- 
terhin ist  das  biertrinken  immer  mehr  eine  bezeichnende  ei- 
genheit  von  Norddeutschland  geworden,  weshalb  auch  Seb. 
lirant  im  narrenspiegel  (s.  115  Slrohel)  die  niederdeutsche 
form  biersiipper  gebraucht :  an  den  ßaiern,  jetzt  biertrinkern 
vor  allen,  war  im  miftelalter  noch  der  birnenmost  sprichwört- 
lich (Helbling  3,  233)  und  der  schlechte  wein:  selbst  der 
Miinchener  bock  stammt  aus  dem  Norden,  aus  Einbeck 
(Schmeller  1,  151).  zu  eigenen  bierliederu  aber  gleich  jenem 
normannischen  bei  \soVi  über  die  lais  439  f.  hat  sich  weder 
in  oberen  noch  in  niederen  landen  die  altdeutsche  poesie  je- 
mals verirrt. 

Indessen  trotz  dem  zunehmenden  Übergewicht  des  Wein- 
baues und  des  weintrinkens  dürfen  wir  uns  von  den  gewach- 
sen die  der  deutsche  boden  während  des  mittelalters  trug  keine 
allzu  günstige  Vorstellung  machen,  eigentlich  guten  wein  scheint 
man  nur  eben  da  gezogen  zu  haben  wo  dem  milderen  dima 
noch  eine  von  den  Römern  her  überlieferte  sorgsamere  pflege 
der  reben  und  des  bodens  zu  hilfe  kam,  also  namentlich  an 
Rhein  und  Mosel,  das  lob  dieser  weine  geht  von  Jahrhun- 
dert zu  Jahrhundert  fort:  auf  Ausonius  der  im  vierten,  auf 
Venantius  Fortunatus  der  im  sechsten  den  Moselwein  dich- 
terisch gepriesen  (s.  Böckings  3Ioselgediclite)  folgt  mit  dem 
zehnten  der  verfafser  der  ecbasis  733 

nd  te  cum  redii,   Trcrirensia  vinu  probavi. 

ex  bis  se.viarium  san.vi  tibi  fcrre  bibendum. 


LIT  LLTERTRANC.  265 

ihilcius  ac  ynelius  nee  habet  scrutnrier  ullus, 
(juod  ciiras  ahigit,  quod  linguae  verbn  ministral, 
morbos  avertit,  metuenda  ])ericula  pellit. 
Trevirici  calices  qnos  non  fecere  loquaces? 
und  mit  dem  zwölften  oder  dreizehnten  das  zierliche  strophen- 
paar  eines    lateinisch -deutsch -französischen  trinkliedes   (Do- 
cens  misc.  2,  192  f.) 

Trevir  metropolis, 

urbs  amenissma, 

quae  Bacchum  rccolis 

Baccho  gratissima, 

da  Ulis  incolis 

vi/ia  fortissima        per  duhor. 

her  teirt,  tragent  her  nu  ivin! 

vrolich  Silin  wir  bi  dem  sin. 
Ars  dialectica 

nil  probat  verius, 

gens  teotonica 

nil  portat  melius 

et  plus  mtinißca 

sua  dans  largius  per  dulzor  u.  s.  \v. 
die  sage  des  volkes  aber  nahm  gar  für  die  ersten  zeiten  des 
Trierer  Weinbaues  auch  eine  solche  fülle  der  erzeugnisse  an 
dafs  sie  aus  den  alten  wafserleitungen  von  Trier  alte  wcin- 
leitungen  machte:  Triere  was  ein  bürg  alt:  si  cierti  Ra- 
inere gewalt;  dannin  man  unter  dir  erdin  den  win  santi 
verri  mit  steinin  rinnin  den  herrin  al  ci  minnin  di  ci  Nolni 
wdrin  sedilhaft  Anno  512  ff.  vergl.  Rettbergs  kirchengesch. 
Deutschi.  1,  544 f.  dichterstellen  über  den  Rheinwein  sind  im 
Nibelungenliede  str.  369  guoten  win,  den  besten  den  man 
künde  vinden  umben  Rin,  1127  den  besten  win  den  man 
künde  vinden  in  dem  lande  alum  den  Rin;  im  Renner  ISl'' 
al  der  win  der  ie  gwuohs  bi  dem  Rin  und  jenhalp  iners ; 
ein  jüngeres  loblied  in  der  Sammlung  der  Clara  Hätzlerin  66  f. 
hebt  namentlich  den  von  Bacharach  hervor,  ein  lateinischer 
spruchvers  den  aus  dem  Speiergau,  circa  Spirenam  Rhenus 
rinosus  abundat  Mones  anzeiger  7,  508.  auch  die  oberrhei- 
nischen weine  genofsen  schon  damals  ihren  ruf,  der  Elsäfser 
(Grimms  Friedr.  92^*)  wie  der  Breisgauer :  dafs  man  hier  mit 


266  METE  BIER  WIN 

freudigem  stolze,  wennschon  in  schwächerer  abschattiing,  so- 
gar den  aufzug  Kalebs  nachbilden  mochte  zeigt  die  herbstord- 
nung  von  Haltingen  (31ones  anzeiger  4,  24)  och  sollent  die 
hanwart  einem  herren  (dem  bischofe)  t^on  Basel  und  nu 
semol  einem  bumeister  (dem  aufseher  der  münsterfabrik)  zuo 
end  des  herbstes  ein  hengefin  *  triublen  (nämlich  bringe/i), 
der  besten  die  sie  in  allen  bann  von  iedei^iuan  gemeinlich 
schniden  iingevorlich,  tind  die  selbe  hengel  sol  an  einer 
Stangen  zuo  Basel  über  die  Bynbruck  von  zweyn  bannwar- 
ten getragen  iverde/i,  und  sol  also  lang  sin  ah  von  iren 
achslen  ein  gemünd  von  dem  herd  ist.**  nächst  solchen 
gewachsen  ehemaligen  Römerbodens  war  nur  noch  das  wiirz- 
bnrgische  \6htnii^\er{\\:  franconicum  et  forte  (d.  i.  italicum) 
vinum  velut  procellas  in  sanguine  parat,  et  ideo  qui  euui 
bibere  voluerit,  aqua  temperet  s.  Hildegardis  physica  45 
Reufs.  swenneWürzeburc  niht  wines  hat  vdH.  MS.  2,  384''. 
7nultum  Franconia  sublilis  habet  bona  vina  3Ionesanz.  5,  507; 
und  hin  und  wieder  auch  das  von  Osterreich  :  schon  das  Ni- 
belungenlied nennt  str.  1268  mit  Vorliebe  den  31ölker  wein, 
überall  anderswo  aber  ist,  wie  es  scheint,  die  menge  des  er- 
zeugten getränkes  das  beste  oder  das  einzig  gute  daran  ge- 
wesen :  Baiern  z.  b.  war  von  einem  ende  zum  andern  voll 
von  reben  und  die  gemeinen  leute  salsen  beim  weine  tag  und 
nacht  (Schmeller  4,  85 — 87):  doch  welchen  wein  trank  man 
da !  es  gieng  der  spruch  daz  boirisch  win,  jaden  und  jung 
wölvelin  aller  best  sin  in  der  jugent  (Renner  249").  viel- 
leicht dafs  man  sich  selbst  zu  wenig  aufmerksamkeit  und  krafl- 
anstrengung  zumutete,  obschon  grade  ein  bairischer  dichter, 
der  Winsbeke  67,  von  buwen  (d.  h.  düngen)  houwen  unde 
jeten  des  Weingartens  spricht:  jedesfalls  lag  über  dem  mitlel- 

*  '  hcnkcl  nennt  man  zwei  und  mehrere  trauben,  die  mit  dem  reb- 
holz  abgeschnitten  werden,  so  dal's  man  sie  daran  aufhängen  kann' 
Mone.  in  einer  hcrbstverordnung  bischof  Ottos  von  Würzburg,  Würzb. 
miscellanhs.  zu  München  bl.  25*2''  ist  hengel  ein  korb  (zum  aufhängen): 
swelche  wingartman  on  des  herren  ivizzende  deheine  bere  heim  freit 
oder  zechet  getragen,  der  git  ie  von  dem  kreben  oder  hengelen  seh- 
tzig  Pfennige;  und  nur  ein  solcher  kann  auch  hier  gemeint   sein. 

*"  Mone  erklärt  'so  lang  als  der  rauchfang  (das  gemüiid)  von  der 
achsel  absteht ;'  richtiger  wohl,  dafs  sie  von  ihren  achseln  handbreit 
über  den  erdboden  reicht. 


LIT  LUTERTRANC.  267 

alterlichen  Deutschland  ein  viel  rauherer  himmel  als  jetzt  über 
uns.  Johann  von  VVinterlhur  berichtet  in  seiner  chronik 
wörtlich  uiiil  ausdrücklich  folgendes,  anno  domini  mcccxwfi. 
inncta  ciriinn  Thi/?'fcc/mum  contra  naturae  suae  antiquarn 
consuetudinem  tarn  bonum  vinum  proUdoruni  quod  vino  Al- 
satico  multorum  iudicio  aequiparabatur.  ante  vero  adeo  acre 
et  durum  erat  quod  ferrea  rostra  vasorum  in  quibus  con- 
tinehatur  et  de  quibus  fundebatur  abrasit.  tantum  autevi 
fuit  tunc  mitigatym  et  dulcoratum  quod  postea  pristinam 
usque  in  hodiormim  diem  acredinem  non  resumpsit-,  thesaur. 
bist.  Helvet.  39^  jnitii>atum  et  dulcoratum :  und  doch  muslcn 
die  Züricher  noch  um  das  jähr  1450  ihre  keUerbäume  aus 
den  länj;;sten  und  dicksten  stammen  des  waldes  machen,  so 
hart  waren  die  trauben  ;  und  war  dann  der  wein  mit  riesen- 
hafter austrenguufi;  ausgepresst,  so  musfe  man  noch  dreifsig 
jähr  warten  bis  er  zu  trinken  war:  Fei.  Hemmerlin  (H.  war 
selbst  ein  Zürcher)  de  arbore  tnrculari  ducenda  in  die  J'esto. 
Der  beste  beweis  von  wie  geringem  werthe  fast  aller 
wein  gewesen  den  man  in  Deutschland  selbst  erzeugte  ist  ein- 
mal der  umstand  dafs  die  vornehmeren  und  die  mehr  nur  zu 
ihrem  vergnügen  trinken  durften  solchem  weine  der  aus  Un- 
garn oder  Italien  oder  sonst  von  Süden  her  eingeführt  ward 
den  Vorzug  vor  dem  einheimischen  gaben,  so  vielmal  er  auch 
diesen  an  theuernis  übertreffen  muste.  der  Ungerwein  hiefs, 
da  er  von  Osten  herkam,  in  Österreich  selber  osterwin  (Helb- 
ling3,*238ff.  Suclienwirt  4,  115),  sonst  auch  heu/iischer  wein 
(Rosenblut  in  Canzlers  und  3Ieifsners  quartalschrift  7,  31), 
hunonicum  vinum  Hildeg.  phys.  45),  falls  letzteres  nicht  eher 
ein  wein  von  der  traubenart  war  die  schon  auf  ahd.  Mnisc 
drübo  genannt  ward  (Graffs  sprachsch.  4,  960).  welscher 
wein  kommt  (ich  beschränke  mich  überall  wo  die  sache  es 
erlaubt  geflifsentlich  auf  dichterstellen)  in  Heinrichs  Tristan 
3363  vor,  bei  Steinmar  vdH.  3IS.  2,  154'*  und  bei  Suchen- 
wirt a.  a.  0, ;  mit  genauerer  bezeichnung  wein  von  Chia- 
venna  {Cleven)  Engelh.  3894,  von  Bozen  üb.  weih  554,  von 
Rivoglio  (Rainfal)  Suchenw.  4,  116.  408.  griechischer  wein : 
daz  fröut  mich  baz  dann  al  der  win  der  ie  gewuohs  in 
Kricchenlant  Müller  3,  xvi".  wyn  von  Romenie  farbenbuch 
des  15n  jh.  auf  der  bibliothek  von  Trier ;  Kipper  undVinepopel 


268  METE  BIER  WIN 

(Pliilippopelj  Wilh.  448,  8,  edelen  kiprischen  whi  Heiiir. 
Trist.  908,  cipperwin  Weckherlins  beitr.  89 ;  hieher  nach 
Basel  kam  Cyperwein  zuerst  im  j.  1288  (Annal  dominic. 
Colin.)  .der  haupthandelsplatz  für  diese  Siidweine  war,  wie 
zu  erwarten  ist,  Venedig:  vergl.  Ottocar  eap.  352,  wo  noch 
ein  viel  längeres  namenverzeichnis. 

Was  aber  w^ird  nun  aus  all  der  menge  des  in  Deutsch- 
land selbst  gewachsenen  weines?  rein  wie  er  von  der  kelter 
kam  scheint  ihn  zunächst  nur  der  gemeine  mann  getrunken 
zu  haben,  obwohl  dieser  sein  bediirfnis  noch  gewöhnlicher  mit 
meth  oder  hier  oder  eider  befriedigen  mochte :  apfeltranc 
opffltranc  Neidh.  34,  1  Ben.  Engelh.  3895 ;  bim  most  vdH. 
MS.  2,  118'',  als  übliches  getränk  der  Baiern  Helbl.  3,  233. 
die  reicheren  aber,  damit  er  auch  ihnen  geniefsbar  werde, 
pflegten  ihn  mit  allerlei  zuthaten  künstlich  anzumachen,  mit 
honig,  mit  kräutern,  mit  fruchten,  mit  gewürzeu.  und  das 
geschah  nicht  blofs  mit  den  geringeren  arten,  nicht  etwa  blofs 
um  einen  zürclierischen  haiinenbeifscr  zu  zähmen :  selbst  der 
Rheinwein  ward  einer  solchen  behandlung  noch  für  bedürftig 
und  fähig  gehalten,  wie  aus  dem  s.  g.  maitrank  zu  schliefsen 
ist  den  man  noch  jetzl  bereitet;  ja  auch  die  Südweine,  die 
doch  an  sich  schon  heifs  und  süfs  und  wohlriechend  genug 
waren,  verschonte  man  damit  nicht:  vi/mm  cypj^icum pignien- 
taturn  et  clarificntuvi  Du  Gange  wxA^v  pigmentum;  und  von 
Kiper  trinket  ivin,  der  sol  ivol  geniischet  sin  Eracl.  3391. 
denn  es  stand  einmal  fest,  künstlicher  wein  sei  befser  als 
natürlicher:  cläret ist bezzer danne win  (Heinrichs  kröne  39)*. 
Es  kamen  um  diesen  brauch  zu  begünstigen  zu  der  schwä- 
che und  säure  und  kälte  der  einheimischen  weine  noch  man- 
cherlei andere  umstände,  die  luft  war  eben  kalt,  der  winter 
streng :  da  meinte  man  zu  befserer  gegcnwehr  selbst  gute 
weine  noch  verstärken  zu  müfsen ;  und  wenn  man  aus  dem 
gleichen  gruiule  die  speisen  in  unsinnigem  übermafs  würzte, 
so  führte  auch  dies  wieder  zu  einer  entsprechenden  würzuug 
der  getränke.  die  trunksucht  steigerte  diese  reizung  noch : 
man  iiefs,  nur  um  desto  mehr  trinken  zu  können,  viel  gewürz 
in  die  speisen  thun  (Steinmar  in  vdHagens  MS.  2, 154.  Wie- 
"  ich  eitlere  dieses  gedieht   naeh    den  absäUen  der  Wiener  liaod- 


LIT  LUTERTRANC.  269 

ner  meerfahrl  95);  ja  man  afs  zum  Irinken  die  blofsen  ge- 
würze  selbst,  roh  oder  eingemacht :  lactwarje  muschute  in- 
i^eher  galgen  kubebon  nelikin  Wiener  meerf.  227  ff.  *;  eine 
unschuldigere  aber  auch  nicht  unwirksame  zukost  war  das 
begofsenc  d.  h.  mit  fett  beträufelte  brot  (zeitschr.  f.  d.  a. 
4,  578.  vdH.  MS.  2,  299.  Martina  altd.  leseb.  758,  19.  Ren- 
ner 198".  Graffs  Diut.  1,  325):  in  all  solchen  fällen  hätte  ein 
natürlicher  ungesüfstcr  ungewürzter  wein  keinen  geschmack 
mehr  gehabt  oder  schlechten,  und  endlich  trank  man  die  an- 
gemachten weine  gelegentlich  noch  zur  arznei  oder  doch  un- 
ter dem  vorwand  einer  solchen,  so  dafs  auch  die  alten  heil- 
mittellehren von  ihnen  sprechen  und  anweisungen  zu  ihrer 
bereitung  geben,  z.  b.  eine  Zürcher  hs.  des  12n  jh.  folgende, 
srut  die  riitiin  mit  (Imn  wine  imde  viache  ein  lutertranc  mit 
der  poleiün  unde  mit  dem  honeg-c  unde  gib  daz  zi  triti- 
chenne  Diut.  2,  177.** 

Diese  liebhaberei  nun,  man  könnte  vermuten,  sie  sei  ur- 
alt, sie  habe  wenigstens  im  vierten  Jahrhundert  schon  be- 
standen, denn  dasselbe  wort  welches  im  dreizehnten  Hein- 
rich von  dem  Thürlein  gleichbedeutend  und  abwechselnd  mit 
claret  und  pigmeiit  und  lütertrane,  also  zur  bezeichnung 
eines  so  gemischten  weines  braucht  (kröne  31 — 55.  süezez  lit 
iion  pigmenten  riche?i  162),  dasselbe  kennen  auch  schon  im 
neunten  Jahrhundert  der  Übersetzer  des  Ammonius  und  andre 
Althochdeutsche,  dasselbe  zu  gleicher  zeit  die  Sachsen  und 
die  Scandinaven,  dasselbe  schon  Ulphilas,  nämlich  leithu  lidhr 
Utk  Ud  lit.  und  da  in  den  ländern  bairischen  Stammes  jede 
schenke  ein  lithüs,  der  wirt  einer  solchen  litgebe,  der  ge- 
löbnistrunk  beim  abschlufse  eines  handeis  iitkouj' hiefs  (Schmel- 
1er  3,  520  f.),  so  würde  sich  noch  die  zweite  folgerung  erge- 
ben dafs  man  namentlich  in  Baiern  ganz  allgemein  und  bis 
auf  den  niedersten  herab  nur  angemachte  weine  getrunken 
habe,     indess  gegen  beides  ist  mit  triftigkeit  mancherlei  ein- 

*  hier  lieget  \vol)l  auch  die  eiklärung  der  öfter  erwähnten  sitte 
ingwer  oder  sonst  gewürze  bei  sieh  zu  führen  und  zu  naschen:  Neidh. 
Ben.  2,  5.  31,  6.  Engelh.  SlGff. 

**■  auch  der  branutwein,  dessen  älteste  erwähnung  nach  Frankfurt 
und  in  das  jähr  1360  Tällt  (Seukenbergs  selecta  1,  44.  45),  hat  ursprüng- 
lich  nur  eine  arznei  sein  sollen. 


270  METE  BIER  WIN 

zuwenden,  einmal  dals  sich  nicht  annehmen  läfst,  es  sei  schon 
in  so  frühen  zeiten  der  wein  überall  hin  verbreitet  gewesen, 
sodann,  Ulphilas  und  der  Übersetzer  des  Ammonius  3,  6  und 
der  dichter  der  altsächsichen  evangelienharmonie  4,  12  ver- 
deutschen mit  dem  worte  leithu  lid  das  griechisch -lateinische 
sicera  Luc.  1,  15:  vein  jah  leithu  ni  drigkith;  man  noh 
lid  ni  trinkit;  that  ni  scal  an  is  liva  gio  lides  anhitan, 
uuines  an  is  uueroldi) :  Ulphilas  aber  konnte  und  muste  aus 
dem  lebendigen  Sprachgebrauch  und  die  zwei  andern  musten 
es  wenigstens  aus  dem  Isidorus  wifsen  dafs  der  wein,  ge- 
mischt oder  ungemischt,  ausdrücklich  nicht  zu  den  getränken 
gehörte  die  unter  den  gattungsnaiuen  sicera  begriffen  wurden : 
sicp.ra  est  omnis  potio  quae  extra  viniim  inebriare  potest ; 
caius  licet  nomcn  Hebraeum  sit,  tarnen  Latinum  sonat,  pro 
eo  quod  ex  succo  frumenti  vcl  pomorum  conßciatur,  aut 
palmarum  fructus  in  liquorem  exprimantur,  coctisque  fru- 
gibus  aquae  pinguior  quasi  succus  colatur:  et  ipsa  potio 
sicera  nuncupatur  Isid,  orig.  20,  3.  also  hier,  apfelwein, 
palmenwein :  letzterer  fiel  für  die  Deutschen  natürlich  weg: 
auf  die  beiden  ersleren  wendet  auch  das  capitulare  de  villis 
den  biblischen  namcn  an :  siceratores,  id  est  qui  cervisam 
vel  pomatiuvi  sire  piratium,  vel  aliud  quodrumque  liqua- 
men  ad  bibendum  aptuni  J'uerit,  facero  sciunt  cap.  45;  vgl. 
appeldranc  sicera  hör.  Belg.  7,  8\  während  nun  der  an- 
gelsächsische Übersetzer  des  evangeliums  unter  sicera  nur  hier 
verstand  {he  ne  drincd  vin  ne  beor),  an  welches  ihrer  hei- 
matlich gewohnten  getränke  dachte  der  Gothc,  der  Franke, 
der  Sachse  bei  dem  worte  lid?  an  wein  also  nicht,  auch 
nicht  an  hier  oder  meth :  denn  letztere  führten  eben  schon 
diese  nanien ;  es  bleibt  nur  der  apfelwein  übrig,  und  somit 
käme  zu  hier  und  raeth  als  drittes  allcinheimisches  getränk, 
nur  als  ein  minder  allgemein  verbreitetes  (denn  nicht  überall 
gab  es  obsl),  der  ausgeprefste  und  gegohrue  saft  der  äpfcl 
und  birnen.  blofs  auf  solchen,  da  von  gewürztem  weine  so 
grofse  vorräihe  unmöglicli  waren,  passen  auch  die  worte  Not- 
kers  ps.  143,  13  promptuaria  eorum  plena,  eructantia  e.r 
hoc  in  illud :  iro  chcl/era  sint  Jolle,  muzönde  da::  lid  Jone 
einemo  zc  andermo.  und  leithu  lid  ist  dafür  eine  ganz 
schickliche  benennung.  da  leithan  lidan  näciisl  dem  urbegriffe 


LIT  LUTERTRANC.  271 

des  gelieiis  auch  den  des  Vergehens  und  Verderbens  lial  (\  il- 
niar,  allerlh.  im  Heliand  22),  dies  getränk  aber  nur  aus  ver- 
dorbenem obsle  entsteht;  oder  bezieht  sich  der  naine  auf  das 
durchgehen  des  sattes  durch  ein  tuch?  seim  kommt  ebenso 
von  seihen  her. 

Lit  also  ein  obstwein.  diese  erklärung  wird  dadurch 
unterstützt  dal's  dieselben  ßaiern  bei  denen  das  wort  so  be- 
sonders üblich  war  ausdrücklich  als  obstweintrinker  bezeich- 
net werden  (Helbl.  3,  233).  dabei  ist  jedoch  zuzugeben  dafs 
man  schon  früh,  schon  in  der  Merovingerzeit,  gelegentlich 
den  rebenwein  mit  einlachen  zuthalen.  ja  selbst  mit  würzen 
gemischt,  und  dann  mit  nahe  gelegter  Übertragung  auch  der- 
gleichen gelränke  lid  genannt  habe:  Gregor.  Tur,  7,29  spricht 
von  weinen  die  mit  odoramcntis  stärker  gemacht,  8,  31  von 
solchen  die  mit  honig  und  wermut  versetzt  seien,  und  im 
Ludwigsliede  von  881  heilst  es  Äer  skancta  ce  hanton  si- 
7i(in  fianton  bitteres  Udos,  so  denn  nun  auch  Jahrhunderte 
später  an  jenen  stellen  Heinrichs  v.  d.  Thüriein.  ja  das  wort 
mufs  allmählich  den  ganz  allgemeinen  sinn  von  wein  ange- 
nommen haben :  nur  so  erklärt  sich  dafs  die  häuser  in  denen 
die  Baiern  tag  und  nacht  bei  ihrem  wolfsweine  salsen  eben- 
falls lithiis,  und  die  kauftränke  sowohl  litkouf  als  winkonf 
genannt  wurden.  *  das  konnte  aber  deshalb  leicht  geschehen 
weil  lit  als  selbständiges  und  selbstverständliches  wort  schon 
mit  dem  zwölften  Jahrhundert  so  gut  als  abgekommen  war: 
das  Trierer  glossar  z.  b.  wo  es  die  getränknamen  anführt 
kennt  es  bereits  nicht  mehr,  wohl  aber  ephiltranc  als  Über- 
setzung \on  hydroinellwn  oder  hi/dro?nali  15,  32;  Hartmann 
V.  glauben  3104  irrt  schon  im  geschlecht  und  setzt  es  männ- 
lich statt  neutral:  den  allir  bezisten  lit;  das  weitere  mlid. 
hat  es  fast  nur  nur  noch  in  jenen  zusammentzungen  lithits  lit- 
gebc  Uthoiif.  daneben  kam  als  neue  benennung  dessen  was 
ursprünglich  lit  geheifsen  most  in  gebrauch :  most  uzzen  rö- 
ten epfelen  gedithtan  Williram  LXIX,  19;  ebenso  bim  7nost 


=■■■  die  lafsbergische  handschrift  des  Schwabenspiegels  unterscheidet 
win/ius  und  litfius,  landr.  255,  aber  wohl  nur  durch  ausspinnung  eines 
Schreibfehlers,  indem  die  übrigen  (cap.  210  meiner  ausg.)  entweder  nur 
Hthüs  oder  winhus  haben. 


272  METE  BIER  WIN 

an  schon  oben  citierten  stellen*,  endlich  heut  zu  tage  wird 
in  den  baierschen  leithäusern  alles  getrunken  was  berauschen 
kann ;  oder  vielmehr  in  den  leuthäusern :  denn  auch  hier  hat 
die  neuere  spräche  einem  unverstandenen  alten  worte  durch 
entstellung  wieder  einen  sinn  zu  geben  gesucht.  ** 

Würzung  des  von  reben  gezogenen  weines  kann  als  all- 
gemeinerer gebrauch  nicht  vor  dem  eilften  Jahrhundert  nach- 
gewiesen werden,  wäre  sie  es  z.  b.  schon  in  den  zeiten 
Karls  des  grofsen  gewesen,  sein  capitulare  de  villis  würde 
sich  darauf  beziehen,  in  den  abschnitten  wo  es  vom  wein  und 
von  den  kräutern  handelt,  aber  nichts  der  art:  es  macht 
nur  cap.  34  unter  andern  dingen  die  mit  Sorgfalt  zu  bereiten 
seien  und  neben  dem  meth  und  dem  hier  auch  vininn,  mora- 
tum  und  vinum  coctum  namhaft,  und  ebenso  spricht  es  cap. 
62  nur  de  morato,  vino  cocto,  medo  et  aceto,  de  cervisa, 
de  vino  novo  et  vetere.  hier  erscheinen  als  etwas  beson- 
deres und  gekünsteltes  nur  das  moratwn  und  das  vinum  coc- 
tum. letzteres  könnte  eben  dasselbe  sein  was  man  jetzt 
noch  hin  und  wieder  am  Rheine  macht  und  vor  zeiten  noch 
öfter  gemacht  hat,  neuer  noch  süfser  wein  der  im  fafse  selbst 
an  und  über  lebhafte  glut  gestellt  und  so  gekocht  und  süfs 
erhalten  wird,  sogenannter  feuerwein,  verschieden  also  von 
dem  blofs  gelegentlich  bereiteten  glühweine,  den  man  übrigens 
im  mittelailer  auch  schon  kannte :  dai'  nach  trunken  st  den 
win,  den  gewennet,  disen  kalt  Wiener  meerf.  233  ;  vergl. 
vinum  album  bullitum  cum  ruta  bei  Du  Gange  unter  vinum, 
und  Notk.  ps.  10,  6  kalix  {stouph)  ist  gesprochen  föne  ca- 
Hdo  liquore  (uuannemo  lide).  moratum  aber,  gleich  dem 
maulbeerblutc  3Iaccab.  1,  6,  14,  war  entweder  der  gegohrene 
saft  der  maulbeeren,  ein  feineres  lid  also,  oder  wein  über 
maulbeeren  abgezogen:  der  name,  jedoch  eben  nur  der  name, 
kommt  auch  späterhin  in  lateinischen  schriflcn  wie  in  fran- 
zösischen und  deutschen  so  häufig  vor  dafs  man  sieht,  dieses 
getränke  sei   fort  und   fort    eines   der   beliebtesten  gewesen. 

*  noch   jetzt    wird    landschaftlich    der   eider  most  genannt,     sonst 

aber  hat   dieses    wort   auch  im  altdeutschen,  z.  b.  gl.  Trevir.   15,  29. 

Müller  3,  xxx**".    Renner  109",    den  sinu  seines  grundwortes  viustuui. 

**  die    entstellung    beginnt    übrigens  schon  im  mhd.  :    Schwabensp. 

landr.  210,  3.  5  hat  die  beste  hs.   litithus. 


LIT  LUTERTRANC.  273 

auf  französisch  ward  es  mores,  auf  deutsch  viöraz  genannt : 
letzteres  z.  b.  in  einem  botanischen  vocabuiar  des  12n  jh. 
Diut.  3,  339  morus  miilboum,  moratum  möras;  bei  Hartmann 
V.  glauben  2468  beide  inete  unde  win,  mors  unde  lütertratic ; 
im  Parz.  244,  13  möraz  win  unt  lütertranc ;  in  den  Nib. 
1750  dö  schände  man  den  gesten  in  witen  goldes  schallen 
met  muraz  unde  win;  in  der  weinprobe  lieders.  3,  333  ich 
bruoft  eins  andern  trunkes  kraft:  dem  gab  ich  die  meis- 
terschaft  an  süeze  für  den  muraz;  in  Dieterichs  ahnen 
4934  7nanc  guldin  schenkvaz :  dar  in  was  win  und  muraz. 
rechnet  man  zu  diesem  maulbeertrank  und  zu  dem  feuerweiu 
noch  die  mischung  von  wein  und  honig  die  mit  antikem  na- 
nien  mulsum  oder  mulsa  hiefs  (s.  Du  Gange),  so  wirU  man 
ziemlich  alles  bei  einander  haben  womit  die  trinker  früherer 
Jahrhunderte  allgemeiner  gewohnt  waren  den  geringen  hei- 
matlichen Avein  theils  zu  verbefsern  theils  zu  ersetzen. 

Erst  mit  dem  elften  zwölften  Jahrhundert,  als  vor  und 
mit  den  kreuzzügen  der  südöstliche  handel  einen  höheren  auf- 
schwung  nahm  und  die  weine  des  Südens  und  die  gewürze 
des  Ostens  in  gröfseren  massen  auch  durch  Deutschland  an- 
fieug  zu  vertreiben,  erst  da  ward  es  zur  eigentlichen  sitte  den 
wein  auch  zu  würzen  und,  während  man  ihn  früherhin  blofs 
jnit  honig  gesüfst  halte,  ihn  jetzt  vermittelst  noch  anderer 
zuthaten  auch  stark  und  heifs  und  dullig  zu  machen  gleich 
jenen  südweinen,  es  scheinen  aber  die  Deutschen  nicht  aus 
sich  selbst  darauf  verfallen  zu  sein,  wenigstens  nicht  ganz 
aus  sich  selbst :  in  eben  dieser  zeit  begann  ihr  engerer  ver- 
kehr mit  den  nachbarn  im  Westen  einen  umgestaltenden  ein- 
tiufs  auf  die  gesammte  lebensweise,  namentlich  der  höheren 
stände  auszuüben,  auch  die  Franzosen  liebten  den  künstli- 
chen wein  (Le  Grand  und  Roquefort,  vie  privee  des  Fran- 
Qois  3,  63 ff.),  und  die  kunst weine  der  Deutschen  tragen  na- 
men  die  entweder  selbst  französisch  oder  doch  dem  französi- 
schen nachgebildet  sind,  verschiedene  namen  in  denen  allein 
schon  mehr  oder  weniger  deutlich  auch  verschiedene  berei- 
tungsarten  sich  zu  erkennen  geben. 

Der  alterthümlichste  und  im  deutschen  selbst  der  am  we- 
nigsten gebrauchte  ist  lat.  pigmentiim  pimentum,  fr.  piment, 
mhd.  pigmenti    ez  {daz  claret)  ist  liiter  unde  dünne,    ge- 
Z.  F.   D.   A.    VI.  18 


274  METE  BIER  WIN 

smac  unde  7^(cze,  unde  sint  sin  icwze  süeze  unde  inl  starc  .- 
cz  muoz  kosten  viange  marc  ditz  vil  edel  pigment  Heinr. 
kröne  55  ;  vcrgl.  gepimenteler  win  Williram  LXIX,  19  {vi- 
nvm  conditiim  cant.  8,  3)  und  pime/itatos  cfateres  Walthar. 
301.  d?L  p?g/}ie//ti///i  eigentlich  ein  stark  und  wohlriechendes 
gewürz  (aroma,  spezerei)  bezeichnet  und  ebenso  das  alt-  und 
miltelhochd.  pigment  pigmento  pimento  bimente*,  so  mag 
zuerst  ein  solcher  wein  so  geheil'sen  haben  der  blofs  oder  doch 
vorzüglich  mit  gewürzen  versetzt  war:  vergl.  im  Ruodlieb 
5,  13  vimim  piperatinn,  in  der  ecbasis  806  potus  piperotus. 
indessen  wird  ausdrücklich  auch  des  honigs  als  einer  haupf- 
zuthat  und  des  milden  geschmackes  erwähnt  (Du  Gange),  und 
Heiurfch  an  der  oben  angeführten  stelle  braucht  pigtnent  ganz 
in  der  gleichen  bedeulung  mit  rlnret,  so  dals  wenigstens  nicht 
immer  und  überall  die  stärkere  würzung  ein  unterscheidendes 
merkmal  abgegeben  hat. 

Häufiger  auch  bei  den  Deutschen  ist  das  schon  früher 
und  eben  jetzt  wieder  verglichene  wort  cfnret:  es  findet  sich 
nächst  Heinrich  v.  d.  Thürlein,  der  claret  pigment  lit  und 
lätertranc  alle  zur  bezcichnung  einer  und  derselben  sache  ver- 
wendet und  clnret  mehrmals  in  bestimmten  gegensatz  zum 
blofsen  weine  bringt  {nemt  claret  aide  win  36.  claret  ist 
bezzer  danne  win  39.  mins  herren  win  und  sin  claret  54), 
im  Nicodemus  56*  so  im  die  genade  gesehach  ende  er  dar- 
nach ef  gesach  gein  dinern  tissek  da  de  swzze,  beider  tninch 
vnde  irzze,  swes  din  lip  erdenchen  jnohte,  daz  riehen  manne 
tohte  ze  habn  vf  sinem  tische,  wiltpro't  ende  rische,  cla- 
ret 7noraz  inet  nnde  rein ,-  noch  in  Friedbergs  Tristan  4802, 
in  Wolframs  Parz.  809,  29  und  bei  Reinbot  im  Georg  2089, 
hier  jedoch  mit  ungenauer  Verkürzung  der  schlulssilbe  und 
verlängernder  belonung  auch  der  ersten  (Gahmaret,  met ;  cla- 
ret), während  Heinrich  richtiger  claret  aussprach  (:  stet  54); 
im  h.  Wilhelm  des  Thürheimers  wird  die  schlulssilbe  auch 
verkürzt,  aber  doch  nur  sie  betont  {met  ;  claret).  zum  gründe 
liegt  nämlich  das  allfranzösische  clares,  acc.  claret,  auf  la- 
teinisch claratum  oder  auch,  näher  angeschlofsen  jener  fran- 

*  pigmenttim  s.  Eckh.  Franc,  or.  2,  517  f.;  pigment  Parz.  789, 
26;  Pigmente  altd.  lescb.  197,22.  Ruol.  260,27;  pimento  Wiliirani; 
pimentc  fundgr.  2,  83,  24.    bimente  33,  31.  gl.  Herrad.   186  u.  a. 


LIT  LUTERTRANC.  275 

zösischeu  form,  claretuin,  grade  wie  neben  einander  moratmn 
und  moretum  gelten,  jetzt  bezeichnet  clairet  im  französi- 
schen einen  blafsrothen  wein,  s.  g.  bleicher  oder  schiller, 
claret  in  England  einen  französischen  rothwein,  mau  hat  mit- 
hin zu  dem  claret  des  mittelalters  gewöhnlich  oder  gar  immer 
rothen  wein  genommen;  die  weitere  raischung  und  behandlung* 
zeigt  eine  von  Du  Gange  angeführte  stelle  des  Bartholomaeus 
Anglicus  (de  proprietatibus  rerum  19,  56)  die  es  erlaubt  sein 
wird  hier  zu  wiederholen,  claretum  ex  vino  et  melle  et 
speciebus  aromaticis  confectum :  navi  species  aromaticae 
in  sttbtilissiinum  pulverem  contcrujitur  et  in  sacco  lineo  vel 
mundo  cum  melle  vel  ziicara  repnuuntur.  vino  autcm  opti- 
ma species  pcrfumhintur  et  reperfundiintur,  quemadJnodum 
fit  lexivia,  et  tamdiit  renovatur  perfusio  donec  virtus  spe- 
cierum  vino  iyicorporetur  et  optime  clarificetur  ,•  unde  a  vino 
contrnhit  fortitudinem  et  acumen,  a  speciebus  autem  reti- 
net aromaticitatem  et  odorem,  sed  a  melle  dulcedinem  mu- 
tuatur  et  saporem.    also  donec  clarificetur  i  daher  der  name. 

Eine  art  des  clareles  mochte  vorzugsweise  auf  arznei- 
liche Wirkung  berechnet  sein,  da  man  ihr  den  namen  des 
sprichwörtlich  berühmtesten  arztes,  des  Hippocrates,  gab,  nur 
auch  hier  wie  sonst  in  Hippocras  entstellt:  vergl.  Pasicra- 
tes  und  Passecras  Reinb.  Georg  s.  v  f.  das  getränk  war  in 
Frankreich,  es  war  auch  in  Deutschland  üblich:  als  Hein- 
rich VI  von  England  in  Paris  einzog,  war  bei  der  brücke  von 
S.  Denis  ein  Springbrunnen  angebracht,  jettant  hjpocras  et 
trois  seraines  dedans  (3Ionstrelet,  chroniques  2,  77);  gleich- 
zeitig fafst  ein  deutscher  dichter  den  namen  noch  persönlich 
auf:  die  knaben  laben  kanst  du  bas  (der  Rheinwein  näm- 
lich) dann  herr  Yppocras  liederb.  d.  Hätzlerin  &Q.  und  noch 
jetzt  wird  es  unter  der  alten  benennung  hier  in  Basel  und 
iu  Frankreich  bereitet,  aus  rothem  wein  und  duftigen  ge- 
würzen. 

Der  rothe  wein  ist  schon  von  natur  befser  für  solche 
anwendung  geeignet:  sicherlich  aber  gab  mau  ihm  auch  den 
Vorzug  seiner  lebhafteren  färbe  wegen,  denn  die  färbe  des 
Weines  ward  nicht  mit  gleichgültigkeit  betrachtet :  ein  gedieht 

*  für  diese  gebraucht  Heinrich  kröne  37.  55.  das  zeitw.  brimven, 
das  sonst  und  eigentlich  nur  von  der  bereitung  des  bieres  gilt. 

18* 


27(5  METE  BIER  WIN 

der  Würzburger  raiscellanhandsclirift  bl.  42"  rechiicl    sie  mit 
zu  den  iiauptmcrkmalen  eines  guten  weines. 

f^ei'sus  de  comidej^acione  boni  vel  mali  vi/ii. 

Hec  est  doctrina.  que  descrihit  bona  vi/ia. 

Uini  constat  honor  in  odore.  colore,  sapore. 

Spuma  boni  vini  medio  stat.    marginc  praui. 

Vinum  spumosum.  cito  ne  fluat.  est  uiciosum. 

Clangit  subtile  fusum.  reticet  tibi  vile. 

Dum  saltnnt  athomi.  patet  excellencia  vini. 
die  Trierer  glossen  i^ut  win,  goltjar  witi,  wi:i  win  (Hoffni. 
15,  29.  30)  geben  nur  noch  eine  technische  Unterscheidung: 
aber  dichlerworte  wie  das  im  weinschwelg  alld.  leseb.  583,  7 
swenne  er  schcene  als  ein  golt  von  dem  zaphen  schiuzet 
und  das  jüngere  des  schon  mehr  citierten  Rheinweinliedes 
Hätzl.  66  du  scheinst  durch  ain  glas  gramer  dann  gras* 
zeigen  über  die  technik  hinaus  eine  herzensfreude.  und  so 
gab  es  auch  eine  art  claret  deren  rolh  man  zu  besonderer 
kraft  und  helle  brachte,  und  die  man  eben  dieser  färbe  we- 
gen sinopel  hiefs.  zwar  könnte  man,  wenn  blofs  solche  stel- 
len vorlägen  wie  Parz.  809,  29  mit  zuht  man  vorevi  gräle 
nam  spise  wilde  unde  zam,  disevi  den  niet  und  dem  den  win, 
als  ez  ir  site  wolde  sin,  möraz  sinopel  claret,  eher  an  ein 
getränk  von  grüner  färbe,  z.  b.  an  wermutswein  denken :  denn 
das  buchstäblich  übereinstimmende  französische  wort  sinople 
bedeutet  so  viel  als  grün,  indess  andere  nennen  den  sinopel 
ausdrücklich  roth :  Parz.  239,  1  möraz,  win,  sinopel  rot ; 
Thurh.  Willi.  (Lanzelet  s.  251)  den  röten  sinopel,  und  brau- 
chen eben  dies  wort  als  namen  eines  rotlien  farhslofles :  Lan- 
zelet 4421  sin  schilt  was  ron  sinopele  röl  genuoc.  und  das 
wird  unzweifelhaft  derselbe  farbslofF  sein  der  auf  lat.  cinna- 
baris  oder  cinnabar  und  mit  geringerer  entstellung  auf  neu- 
hochdeutsch und  scJion  im  15n  16n  jh.  (z.  h.  in  dem  Trierer 
farbenbuch  und  der  Wiener  hs.  des  Erec  2295)  zinober  ge- 
nannt wird ;  wirklich  hat  auch  in  jener  stelle  des  Lanzelet 
die  hs.  zinopel.  es  scheint  jedoch  der  sinopel,  wie  er  ver- 
hältnismäfsig  nicht  gar  oft  bei  den  dichtem  vorkommt,    kein 

*  danach  wäre  der  Rheinwein  früher  noch  entschiedener  und  schö- 
ner grün  gewesen  als  jetzt;  kommt  daher  die  grüne  färbe  der  Rhein- 
weingläscr? 


LIT  LÜTERTRANC.  277 

gar  häufiges  und  gleich  anderen  allbekanntes  getränk  gewesen 
zu  sein:  man  darf  das  aus  der  Verderbnis  schliefsen  in  wel- 
cher die  Schreiber  öfters  den  namen  wiedergeben:  siropel 
dort  in  mehreren  handschriften  des  Parzival,  und  ebenso  im 
h.  Georg  2089  moraz  wi?i  oder  met,  sijropcl  oder  cldret 
und  im  Wigamur  81  ivin  unde  lülertrauc,  siroppcl  und  ouch 
moraz,  des  waren  do  diu  goltvaz  roll  zallen  stunden  da 
zer  tavelrtinden.  sie  mochten  dabei  an  syrup  denken,  oder 
gab  es  wirklich  auch  ein  getränk  das  vom  syrup  (fr.  sirop, 
miltellat.  siruppus)  seinen  namen  hatte? 

Am  öftersten  jedoch,  öfter  als  moraz  pigment  claret 
hippocras  sinopel  und  siropel,  erscheint  in  unsern  quellen 
der  angemachte  wein  unter  dem  namen  lutertranc.  noch 
einige  citatc  zu  den  andern  die  gelegentlich  schon  früher  vor- 
gekommen :  der  künec  j4rtüs  hiez  in  gehen  lutertranc  met 
U7ide  win  Lanzelet  8603 ;  lutertranc,  cldrer  win  Flore  3005; 
man  g'oz  in  diu  trincvaz  hUertrunc  und  moraz  und  edelen 
kiprischen  unn  Heiur.  Trist.  908 :  lutertranc :  üz  einein  velse 
der  entspranc ;  den  trunken  die  gelieben  hie,  tvwrlick,  unde 
dühte  sie  der  beste  weihische  win  der  in  den  landen  mohte 
sin  3359  5  er  (der  wunderbrunnen)  ist  win,  so  einer  wines 
gert;  wil  er  met,  so  ist  er  ouch  gewert;  dem  aber  dar 
stät  sin  gedanc,  dem^t  er  moraz  oder  lutertranc  Wigam. 
1631  ;  da  wart  der  win  niht  gespart,  moraz  unde  luter- 
tranc :  der  kamercere  habe  danc  der  in  hiez  da  für  tra- 
gen 4551 ;  endlich  eine  stelle  der  h.  Martina  die  uns  zugleich 
den  technischen  namen  des  künstlich  gemischten  stofFes  ken- 
nen lehrt  mit  welchem  versetzt  der  wein  zu  lautertrank  ward : 
"^heiz  schenken  unde  giezen  her  min  (des  teufeis)  altez  lu- 
tertranc! daz  sol  er  (der  verdammte)  haben  wol  ze  dancV 
sus  heizet  er  im  schenken  und  dne  durst  irenken.  nu  hce- 
rent  ouch  da  bi  toie  diz  lutertranc  si.  ez  ist  bech  Wide 
swebel,  daz  da  riuchet  dur  den  gebet;  diu  salbe  diu  dar 
innne  sivebet,  diu  ouch  stwteclichen  lebet,  als  ich  mich  kan 
i'ersin7ien,    daz  sint  kroten   und  spinnen  217"''*.     schon  im 

'■■  anderswo  spricht  derselbe  dichter  auch  von  einer  salben  im  biere, 
woraus  jedoch  bei  dem  Ungeschick  und  der  wilikiirlichkeit  seiner  rede 
weder  zu  schliefsen  ist  dafs  hier  mit  lutertranc  gleich  bedeutend  noch 
dafs  es  sitte  gewesen  sei  das  bier  ebenso  mit  zuthaten  zu  mischen  wie 


278  METE  BIER  WIN 

ahd.  sind  salbä  selßalbd  phninzsalba  s.  v.  a.  temperamen- 
tum  migma  arorna  (Graffs  sprachsch.  6,  191  f.).  der  name 
lütertranc  aber  ist  sichtlich  dem  ausländischen  clarH  clara- 
tum  nachgebildet:  eine  Schlettstädter  glosse  (zeitschr.  f.  d.  a. 
5,  Se?*")  stellt  das  lateinische  und  das  deutsche  wort  zusam- 
men*, und  Heinrich  in  der  kröne  31 — 46  wechselt  mit  dar  et 
und  lütertranc  als  völlig  gleichbedeutenden  ausdrücken  ab, 
demnach  mufs  zwischen  beiden  ein  unterschied  bestanden  ha- 
ben, da  Ulrich  von  Thurheim  in  einer  stelle  seines  h.  Wil- 
helm (Lanzelet  s.  251)  sie  neben  einander  als  zweierlei  ge- 
tränke  aufführt :  si  heten  win  und  de?i  met,  den  lütertranc 
und  daz  claret,  dar  zuo  den  röten  sinopel;  Heinrichs  rede- 
weise  hat  dem  gegenüber  nur  wenig  geltung :  denn  auch 
pigment  und  sogar  lit  sind  ihm  Synonyma  von  lütertranc. 
der  unterschied  war  etwa  dieser,  claret  ward  nur  aus  rotheni 
weine  bereitet:  lautertrank  zwar  auch  in  den  meisten  fällen, 
wie  sich  aus  einer  Vorschrift  des  Zürcher  richtcbriefes  (hel- 
vet.  bibl.  2,  47)  entnehmen  läfst :  swer  ze  wine  rüejet,  der 
sol  niht  ivan  zeinem  wine  rüefen,  ez  ensi  daz  ein  man  in 
eirn  kelre  habe  lütern  und  röten  win  teile :  denn  hier  kann 
der  lüter  win  doch  wohl  nur  ein  aus  dem  rothweine  gemach- 
tes lütertranc  bezeichnen**,  der  maitrank  aber,  den  man 
noch  jetzt  am  Rheine  macht,  wird  gemacht  aus  weifsem  weine, 
und  doch  ist  er  um  so  sicherer  für  einen  auf  den  raainionat 
beschränkten  Überrest  des  mittelalterlichen  lautcrtrankes  an- 
zusehen, als  er  mit  diesem  noch  ein  zweites  Unterscheidungs- 
merkmal thcilt,  die  kräuterzuthat  nämlich,  von  claret  und  all 

den  wein,  daz  helle  traue  er  sufei,  swie  l'dtzel  in  doch  dürste.  — 
dar  zuo  wil  im  hriuwen  der  helleschenke  ein  sunder  hier.  —  ein 
salbe  (hs.  salbcie)  hccret  ouch  dar  zuo,  dar  abe  si  spat  unde  fruo 
über  mäht  sun  trinken.  —  ich  wil  die  salben  (hs.  salbeien)  nennen: 
die  sunt  ir  sus  erkennen:  muggen  unde  spinnen  u.  s.  w.  bl,  00''. 

'*  es  folgen  sich  da  in  bezeichnender  Verbindung  Finum  win,  Medo 
meto,  Claratum  luttirtranc,  Botrus  trubo,  Ceruisia  bier,  Piper  phefir. 
'•*"  sonst  freilich  ist  later  win,  verschieden  von  lütertranc,  nur  ein 
heller  reiner  wein  :  liiter  ivi'n  rein  unde  guot  der  junget  alter  Hute 
mtiot:  kranker  tv/'n  trüeb  unde  kalt  der  machet  schiere  Jungen  alt 
Freid.  132,  16.  die  Trierer  glossen  15,  30.  31  haben  Inter  w/n,  lim- 
pidum  vinum  und  lütertranc,  mulsum.  die  worte  der  warnung  (zeitschr. 
1,  440)  der  süezc  met,  der  lüter  wi'n  muoz  iu  du  vil  tiwer  sin  sind 
unentschieden  und  unentscheidbar. 


LIT  LUTERTHANC.  279 

den  übiiyeii  rrcni(lbeuaniilcn  gctränkeu  wilseu  wir  nur,  so  viel 
wir  überhaupt  von  ihnen  wilsen,  dafs  sie  aus  wein  houig  und 
gewürzen  seien  gemischt  worden :  also  gewürz  im  wein,  wie 
man  auch  zum  weine  gewürz  als.  dagegen  wie  in  Deutscii- 
land  auch  die  sitle  galt  mit  dem  genulse  scharl'er  und  wohl- 
riechender kräuler  sich  auf  das  trinken  vorzubereiten  (Loheugr. 
s.  2G),  ebenso  war  auch  bei  dem  deutschen  lauterlranke  die 
einmischung  frischgewachsener  oder  auch  gedörrter  kriiuter 
die  hauplsache  und  überwog,  wennschon  die  gewürze  nicht 
fehlen  durften,  diese  doch  um  ein  betrachtliches,  es  ist  schon 
oben  eine  kurze  anweisung  zur  Verfertigung  solches  kräuter- 
weines  mitgelheilt  worden 5  jetzt  noch  eine  zweite,  ausge- 
führtere,  und  bisher  ungedruckte :  sie  stammt  mit  jeuer  aus 
derselben  quelle,  dem  Liber  de  naluruli  Jacnltate  in  der 
handschrift  C  ^^sts  auf  der  wafserkirchbibliothek  in  Zürich, 
und  damit  möge  denn  der  ganze  excurs  über  eine  angelegen- 
heit  geschlofsen  sein  die  nicht  zu  den  unwichtigsten  im  leben 
unserer  väter  gehört  hat. 

(s.  91'')  IN  flirre  stete  ist  geseihm  (so)  .v.  geordonol. 
wie  man  inei/ieme  icgelichen  vianote  sol  lutcr traue  machon. 
vzzer  ervteren.  imde  picmentis.  Diz  Ivtertranc  ist  vil  gvot. 
iK  hcilil.  V.  gehaltet,  v  gedovbit  die  vberfluzzigen  humo- 
res.   die  dir  sint  indem  menneschin. 

Zidirre  wis  sol  man  ez  machon.  In  martio.  *  sol  man 
ez  machon  uzir  einem  teile  saluiun.  v  sol  man  da  zvo  nen 
XII.  com  pipci'is.  pertheram.  gingiber.  spie,  lool  gesotin 
honec.  vnde.  xxx.  mez  umies.  Disv  alliv  suln  wol  gemilwet 
sin.  dar  nach  gestan  daz  sie  gelvteren,  v  daz  div  clara 
potio  svze  si  zitrinchifine.  Man  sol  si  ovch  uastende  trin- 
chin.  V  nach  nwose  aller  tegclich.  indisen  manodin.  so  wirt 
er  vil  gesiint.  In  aprile  sol  man  zvo  disime  tranche  tvon 
die  wormate.  v  allez  daz  da  vor  gcscribin  ist.  In  maio. 
sol  man  Ivbcsteehil  dir  zvo  tvon.  et  pr^dicta.  In  iunio.  be- 
toniam.  et pr^dicta.  In  iiilio  gamandream.  In  augusto  agri- 
moniam**.    In  octobre.  ßmbrate.  In  nouembre.  millefolium. 

■■■■  der  alte  Jahresanfang  mit  dem  frübling,  den  aufser  andrem  schon 
die  Sprache  bezeugt,  da  unser  j'ar  dasselbe  wort  ist  mit  dem  gr.  («q 
und  dem  lat.  ver. 

■■'*  der  September  fehlt. 


280  DAS  LEBENSLICHT. 

In  decembre.  hagvn  die  die  (so)  dir  toahsint  vfen  de  ivizin 
hegene.  In  ianuario.  seuimim  et  poleium  (so).  In  februario . 
lorber.  vjide  cost.  Der  disis  lutrrtra nahes  spvigit.  der  wirf 
vil  gesvnt.  WILH.  WACKERJXAGEL. 


DAS    LEBENSLICHT. 

Die  Nornagestssage  erzählt  cap.  10  und  11  wie  ihrem 
titelhelden  da  er  noch  in  der  wiege  lag  die  zwei  älteren  der 
von  seinem  vater  eingeladenen  Nomen  glück  und  ehre  ge- 
weilsagt,  die  jüngste  aber  im  zorn  über  vermeintlich  erlitte- 
nen schimpf  nur  so  langes  leben  zugesprochen  habe  bis  eine 
eben  an  der  wiege  brennende  kerze  zu  ende  gebrannt  sei. 
sogleich  löscht  eine  der  älteren  Nornen  das  licht  aus ;  die 
mutier  und  dann  der  söhn  bewahren  es  mit  Sorgfalt,  und  erst 
als  dieser  nach  dreihundert  jähren  endlich  doch  lebenssatt  ist. 
läfst  er  es  wieder  brennen,  und  es  brennt  auf  und  er  stirbt. 

Die  Nornagestssage  ist  bekanntlich  von  sehr  jungem  Ur- 
sprünge und  vielleicht  erst  im  14n  Jahrhundert  aufgezeichnet; 
Nornagest  selber  scheint  eine  lediglich  erfundene  person  :  jedes- 
falls  bildet  was  von  ihm  erzählt  wird  nur  einen  rahmen  für 
den  eigentlichen  inhalt  des  buches  und  sein  dreihunderljähri- 
ges  leben  nur  den  faden  um  eine  menge  andrer  älterer  sa- 
gen daran  aufzureihen,  dies  wunderbar  lange  leben  hatte  sein 
Vorbild  und  seine  beglaubiguug  in  sagen  ähnlicher  art  die 
sonst  schon  umgiengen,  z.  b.  der  von  Johannes  a  Stampis 
(vergl.  Gräfses  ewigen  Juden  50) ;  woher  aber  ist  die  moli- 
vierung  desselben  geschöpft  worden?  ich  glaube,  aus  der  an- 
tiken dichtung,  aus  der  sage  von  31eleager  und  der  eberjagd. 
die  Übereinstimmung  hiemit  ist  allzu  grofs,  und  die  abfafsung 
der  Nornagestssage  fällt  in  eine  zeit  wo  ganz  Europa  mit  der 
antiken  sagenweit  längst  wieder  vertraut  geworden,  wo  zahl- 
reiche theile  derselben  in  die  dichtende  wie  in  die  bildende 
kunst  neu  eingetreten  waren,  wo  man  an  das  lebensscheit 
Meleagers  denken  muste  wenn  vom  Nornagest  nun  eben  der- 
gleichen erzählt  Avard.  sclieint  doch  3Ieleagers  eberjagd  sogar 
schon  um  das  jähr  1000  in  deutsche  verse  gebracht  zu  sein: 
denn   jene    reime   der  s. gallischen  rhelorik  (bd  4  dieser  zeit- 


DAS  LEBENSLICHT.  281 

schrill  s.  470.  471)  werden  wohl  am  schicklichsten  heinige- 
wiesen, wenn  man  sie  anf  den  nngeheueren  eher  von  Kalydon 
und  dessen  jagd  am  waldigen  hergabhange  bezieht :  also  freie 
Verdeutschung  OAidischer  verse  {imo  sint  fiioze  fuodermdze 
vergl.  metam.  8,  282 ff.  der  heber  gut  in  litun  vergl.  329  ff. 
415ff.)*,  wie  mitten  innen  verse  von  Virgil,  diese  jedoch  auf 
lateinisch,   angeführt  sind. 

Es  fand  aber,  falls  nämlicli  letztere  Vermutung  richtig  ist, 
die  eberjagd  31eleagers  nur  darum  ihren  neuen  dichter  in  S. 
Gallen,  weil  der  eher  auch  in  Deutschland  ein  angesehenes 
jagdthier  und  das  episch  beliebte  gleichnis  tapferer  beiden  war 
(vergl.  Jac.  Grimms  Jemandes  4):  ebenso  konnte  die  sage 
von  Meleagers  gehurt  und  tod  nur  deshalb  so  leicht  im  mit- 
telalter  und  im  germanischen  Norden  aufgefrischt  werden, 
weil  die  hauptziige  derselben,  der  besuch  der  schicksalsgöt- 
tinnen  und  das  lebensscheit  oder  lebenslicht,  beide  mit  früher 
schon  einheimischen  und  allgemein  verbreiteten  Vorstellungen 
zusammentrafen,  über  den  ersteren  kann  ich  nach  Jac.  Grimms 
mythol.  376  fr.  kurz  sein  und  brauche  näherer  vergleichung 
wegen  nur  auf  zwei  märchen  zu  verweisen,  das  vom  dorn- 
röschen  (br.  Grimm  nr  50),  in  welchem  auch  die  verwün- 
schende Prophezeiung  von  der  zurückgesetzten  Norne  kommt, 
die  Nornen  aber  vermenschlicht  sind  zu  weisen  frauen,  und 
das  von  den  drei  Spinnerinnen  nr  14,  wo  mit  noch  weiter  ge- 
hender modernisierung  gar  das  spinnrad  getreten  und  der 
platschfufs  des  einen  weibes  daraus  erklärt  wird :  auch  die 
Nornagestssage  braucht  zwar  noch  den  namen  der  Nornen, 
aber  gleichbedeutend  damit  auch  den  der  Völven,  und  be- 
zeichnet diese  als  landfiihrende  Wahrsagerinnen  die  für  bewir- 
tung  und  geschenke  prophezein.  die  Vorstellung  vom  lebens- 
lichte  ist  einer  weiteren  besprechung  fähig,  und  fordert  sie 
um  so  mehr,  da  sie  im  sprichwörtlichen  ausdrucke  und  in 
spielen  der  kinder  wie  der  alten  noch  jetzt  besteht. 

Am  nächsten  den  sagen  von  Meleager  und  Nornagest  liegt 
ein  deutsches  Volksmärchen,  der  gevatter  Tod,  Gr.  44:  da 
brennen  in  einer  höhle  unzähliche  lichter,  kleine  und  grofse, 
manche   eben  erst  aufleuchtend,    andere   -wäeder  verlöschend: 

*  sose  snel  snellemo  s.  470  konnte  von  dem  lödtlicheu  ztisammen- 
stofs  Meleagers  und  seiner  oheime  (metain.  8,  432  ff.)    gesagt  sein. 


282  DAS  LEBENSLICHT. 

das  sind  die  lebeiislichter  der  menschen  die  ebenso  j^eboren 
werden  und  sterben  ;  dann  das  überall  wiederkehrende  Volks- 
lied von  den  zwei  königskindern  (vergl.  Hoffm.  hör.  Belg. 
2,  114),  in  welchem  das  anzünden  und  löschen  der  kerzen 
ziemlich  bedeutungslos  wäre,  wenn  es  nicht  auf  den  tod  des 
schwimmenden  Jünglings  einen  bezug  mehr  von  mythischer  art 
besitzen  sollte,  eben  dahin  geht  der  gebrauch  zurück  geburts- 
tagsgeschenke  mit  so  viel  kerzen  zu  begleiten  als  der  beschenkte 
jähre  zählt,  so  wie  das  bekannte  spiel  bei  dem  ein  glimmen- 
der spahn  im  kreise  umhergereicht  und  dazu  gesungen  wird 

stirbt  der  fuchs,  so  gilt  der  balg ; 

lebt  er  lang,  so  wird  er  alt; 

frij'st  er  viel,  so  ivird  er  dick 

und  zuletzt  gar  ungeschickt ; 
in  wessen  band  das  letzte  fünklein  erlischt,  bei  dem  ist  der 
fuchs,  dieses  thier  vom  zähesten  leben,  endüch  todt  und  auch 
er  selber,  nämlich  der  hat  verloren  und  mufs  ein  pfand  er- 
legen, ein  seitenstück  hiezu  ist  der  weltlauf  den  man  in 
Baiern  unter  dem  namen  tobaklaufet  übt.  nach  dem  ersten 
herumlaufen  um  die  rennbahn  mufs  jeder  wettlaufende  sich 
tabak  schneiden,  die  pfeife  stopfen,  feuer  schlagen  und  an- 
zünden ;  wer  beim  zweiten  herumlaufen  mit  brennender 
pfeife  das  ziel  erreicht  ist  sieger  (Schmellers  bair.  wörterb. 
1,  422).  höher  hinauf  kennen  auch  gerichl  und  kirche  d;is 
lebcnslicht.  am  hohen  donnerslag,  wenn  leiden  und  sterben 
Christi  den  anfang  nehmen,  werden  in  den  kirchen  der  ka- 
tholiken  alle  lichter  gelöscht,  und  erst  wenn  die  auferstehung 
kommt  wieder  angezündet ;  hingeworfene  und  gelöschte  ker- 
zen sind  auch  das  altübliche  symbol  des  geistlichen  todes, 
der  excommunication :  s.  Du  Cange  unter  candelae.  und  bei 
gewissen  rechlshandlungen,  bei  Steigerungen  zum  beispiel,  gilt 
hin  und  wieder  die  sitte  licht  zu  brennen :  so  wie  es  erlischt 
mufs  auch  die  handlung  ein  ende  nehmen,  wird  auch  diese 
gleichsam  als  todt  betrachtet,  daran  schliefst  sich  was  die 
gesla  Romanorum  cap.  96  und  98  erzählen,  Alexander  der 
grofse  habe  einst  allen  die  etwas  gegen  ihn  verbrochen  be- 
gnadigung  zugesagt,  wenn  sie  kämen  und  darum  bäten  so 
lange  noch  die  aufgestellte  kerze  brenne,  und  das  gleiche  sei 
gebrauch   der  Römer  gegenüber  belagerten  feinden  gewesen. 


DAS  LEBENSLICHT.  283 

anderswo  erscheint  nicht  in  solcher  weise  das  leben  an  ein 
licht  gebunden,  oder  vertreten  durch  ein  licht,  sondern  das 
leben,  die  sache  selbst,  wird  als  ein  brennendes  licht  gedacht: 
hi  liehtcr  sunnen  da  ve/'/äsch  manegem  Sm^razin  sin  lieht 
Willi.  416,  14.  und  sluoc  in,  daz  im  muoste  doz  lieht  er- 
leschen Lohengrin  ISS;  damals  wohl  noch  ein  gedachteres 
wort  als  jelzo  uns  die  redensart  vom  ausblasen  des  lebens- 
lichtes. 

Aber  nicht  den  Deutschen  allein  und  der  neueren  weit 
ist  dieses  lichtsymbol  geläufig,  und  nicht  blofs  in  der  3Ie- 
leagersage  kannten  es  die  Griechen,  auch  den  Israeliten  hiefs 
das  leben  ein  funken,  eine  leuchte  (1  kön.  11,  36.  15,  4), 
und  tod  und  tödtung  ein  auslöschen  desselben  (2  Sam.  14,7. 
21,  17).  mit  umgestürzter  und  so  verlöschter  fackel  stellte 
die  kunst  der  Griechen  den  Tod  dar ;  die  alten  Römer  opfer- 
ten dem  Saturnus  fackeln  anstatt  der  menschen  (Macrob.  Sat. 
1,  7),  und  wenn  die  jetzigen  am  letzten  abend  ihres  carne- 
vals  einander  die  moccoli  ausblasen,  so  rufen  sie  dazu  sia 
ammazzato.  so  werden  denn  jene  athenischen  festliiufe  zu 
ehren  der  Pallas,  des  Hepliästos,  des  Prometheus,  bei  denen 
es  galt  dem  zunächst  wartenden  läufer  die  fackel  noch  in 
brand  zu  überreichen  (K.  Fr.  Hermanns  lehrb.  der  gr.  al- 
terth.  2,  144)  ursprünglich  auch  eine  hier  einschlagende  be- 
deutung  besefsen  haben,  eben  wie  jenes  deutsche  kinderspiel 
dem  sie  so  ähnlich  sind  und  wie  sogar  der  tobaklaufet  der 
Baiern. 

Wie  aber  kam  der  Orient,  wie  Griechenland  und  Rom, 
und  wie  auch  Deutschland  zu  dieser  symbolisierung  des  lebens? 
soll  das  dahinschwindende  licht  wirklich  nur  auf  dessen  Vergäng- 
lichkeit deuten,  im  sinn  jener  stelle  des  Winsbeken  3  sun, 
merke  wie  daz  kerzcn  lieht  die  wile  ez  hrinnet  swindet 
gar:  gelouhe  daz  dir  sam  geschiht  von  tage  ze  tage  und 
einer  andern  im  armen  Heinrich :  dafs  alle  erdenherrlichkeit 
der  gewalt  des  menschen  doch  entweiche,  des  muge  ivir  an 
der  herzen  sehen  ein  tvärez  bilde  geschehen,  daz  si  zeiner 
eschen  wirt  enmitten  dö  si  lieht  birt  101*?  ich  glaube,  nein. 


*  mit  ähnlichen  Worten  braucht  l-'reidank  71,  7  die  kerze  die  wäh- 
rend   des    brennens    sich  beständig  in  den  unsaubcrn  aschenstaub  ver- 


284  DAS  LEBENSLICHT. 

blol'se  Iropen  (und  mehr  als  ein  tropus  wäre  das  nicht)  kön- 
nen nicht  den  grund  hergeben  für  sagen  und  märchen  und 
religiöse  festgebräuche  selbst  verschiedener  Völker,  sondern 
die  sagen  und  märchen  und  spiele  beruhen  sicherlich  auf  der 
Vorstellung  dafs  die  seele  des  menschen  ganz  eigentlich  ele- 
mentarisches feuer  sei.  die  Griechen  dachten  sich  die  körper 
ihrer  götter  aus  feuer  gebildet,  und  dem  gemäfs  auch  als  feuer 
was  im  menschen  göttlich  ist  (Ritters  gesch.  der  phil.  2,  367); 
daher  in  der  Weisheit  Sal.  2,  2.  3  der  gedanke  ein  funke  im 
schlag  des  herzens,  bei  dessen  erlöschen  der  leib  zu  asche 
wird ;  daher  die  scintilla  bei  Tertullian  de  anima  23  u.  a. 
und  der  funke  der  seele  bei  den  mystikern  des  mittelalters, 
z.  b.  Hermann  von  Frizlar  28,  10.  32,  9  ff.  und  Docens 
misc.  1,  143;  daher  auch  bei  Freidank  18,  2  die  seele  ein 
hlds  welches  von  dannen  f;ihrend  uns  liegen  läfst  als  ein  äs, 
kalt  und  leblos,  blas  ist  ein  spahn,  eine  spleifse,  ein  wind- 
licht: Raumeland  vdH.  3IS.  3,  62''  unterscheidet  es  von  einer 
kerze  als  das  geringere,  und  es  mufs  um  recht  zu  brennen 
geschwungen  werden :  Srpghestu  (1.  JVeghpsti/)  et  blas,  dat 
nur  wert  grot  Heldcslu  et  stille,  et  steruet  dot  Vidi  ego 
iactatas  mota  face  crescere  ßammas  Et  vidi  millo  conc.u- 
ciente  möri  Basler  hs.  F.  IV.  38.  bl.  10";  darum  auch  wird 
es  im  freien  getragen  vdH.  MS.  3,  57''.  die  seele  also  ein 
blas:  bei  einem  Deutschen  des  13n  jh.  noch  einmal  ganz 
die  altgriechische  versinnlichung.  und  noch  gilt  dem  deutschen 
abcrgiauben  das  irrlicht  für  die  seele  eines  ungetauften  kin- 
des  oder  bösen  menschen  die  nicht  zur  ewigen  ruhe  hat  ein- 
gehen können:    mythol.  868 ff. 

WILH.  WACKERINAGEL. 

wandelt  als  oia  glcichnis  derer  die  zwar  anderen  durcli  lehre  leuch- 
ten, selbst  jedoch  unberathcn  leben. 


285 


DER   WOLF    IN   DER   SCHULE. 

Die  ältesten  diohtuiigeii  aus  der  thiersage  rühren,  wie 
ihre  spräche  die  lateinische  ist,  von  geistlichen  verfal'sern  her. 
in  folge  davon  ist  ihnen  allen  und  theilweise  noch  dem  deut- 
schen Reinhard  Heinrichs  des  gieisners  ein  hintergrund  geist- 
licher, besonders  klösterlicher  bezüge  untergeschoben,  der  oft. 
wohl  zur  hebung  und  belebung  und  vermenschlichung  der  ge- 
stalten dienen  mag,  zuweilen  aber  uns  auch  stört  und  jedes- 
falls  dem  ganzen  Stoffe  verderblich  geworden  ist :  denn  der 
Umschlag  der  thiersage  in  die  thiert'abel  und  ihr  mit  dem  nie- 
derdeutschen Reineke  vollendeter  übertritt  aus  dem  gebiete 
der  reinen  epik  in  das  der  satire  waren  nur  ein  unausbleib- 
liches ergebnis  jener  gleich  anfangs  beigemischten  satirischen 
säurung. 

Es  zeigt  sich  aber  letztere,  es  zeigt  sich  die  Vorliebe 
welche  die  thiersage  überhaupt  bei  der  geistlichkeit  fand,  nicht 
blofs  in  gedichten:  priester  und  mönche  schöpften  aus  ihr 
auch  für  anderweitige  kunstleistungen  :  in  klöstern  gab  sie  den 
Stoff  zu  theatralischer  Übung  und  belustigung  her:  vergl,  die 
verse  Froumunts  von  Tegernsee  bei  Wolf  über  die  lais  239 ; 
und  die  weltgeistliclikeit  liefs  von  der  bildenden  kunst  ihre 
wohngemächer,  ja  sogar  ihre  kirchen  mit  gestalten  der  thier- 
sage schmücken,  en  leiirs  moustiers  ne  fönt  pas  faire  sitost 
rimagc  Nostre  Dame,  com  fönt  Isangn'n  et  sa  fame  en 
leur  chamhres  oü  il  reponneni  Gauticr  de  Coinsi  (1233)  in 
Meons  roman  du  renart  1,  V.  in  de  kerck  (des  dorfes  Ooster- 
bierum  im  Westergoo,  Barradeel)  sietmen  een  vos  aen  een 
balk  geschildert  in  een  cap,  predikende  voor  de  gansen. 
dese  schilderij  heeft  de  paepsche  schilder  in  tijden  van't 
pausdom  ghemaeckt,  op  de  geestelijckheyt  smade7ide  Scho- 
tani  beschrijvinge  van  de  heerlijckheydt  von  Frieslandt,  Franeker 
1664.  fol.  s.  207.*     im  münster  von  Strafsburg  war  an  zwei 

=■'  ein  gegenprotestantisclies  seitenslück  ao  einem  chorstuhle  von 
S.  Sernin  zu  Toulouse:  ein  dicltes  schwein  iu  mönchskleidung  predi- 
gend, mit  der  Unterschrift  Calvin  le  porc  preschant.  Mysteres  par 
Jubinal,  1,  xi.. 


286  DER  WOLF  IN  DER  SCHULE. 

säulencapitellen  ein  todlenamt  des  fuchses  sammt  dem  be^äb- 
iiiszugc  dargestellt  (Jac.  Grimms  Reinh.  CCXVIII),  und  jetzt 
noch  sieht  man  an  dem  von  Freiburg  im  Breisgau  einmal  den 
wolf  abgebildet  dem  ein  möncli  Schulunterricht  ertheilt,  wah- 
rend zur  Seite  ein  widder  steht,  und  dann  den  wolf  wie  er 
den  widder  ergreift  und  von  dem  lehrer  dafür  gezüchtigt  wird. 

Dies  letztere  bildwerk  hängt  mit  einer  Vorstellung  zusam- 
men die  an  und  für  sich  ganz  in  dem  lebenskreise  der  geist- 
lichkeit  lag,  von  da  aus  aber  weiter  gedrungen  und  bis  zu 
allgemeiner  sprichwörtlicher  geltung  gelangt  ist.  man  dachte 
sich  also  den  wolf  als  schüler,  aber  unaufmerksam  und  stäts 
von  wolfischen  blicken  und  gedanken  zerstreut  * :  was  der  leh- 
rer ihn  auch  sprechen  hiefse,  er  sieht  nur  das  lamm  und  spricht 
nur 'lamm'.     Reinardus  3,  1591  — 1603 

contimio  'dominus  vobiscum    dicere  iussus, 
Iscngrinus  orans  ' commus'  inquit'ovis'; 

et  'cum'  teutonice  acccntu  succlamat  aciito**, 
nolens  grnmmntica  dicere  voce  'retif.  — 

dmiKjue  docent' amen  ,  quasi  graecinn  accentuat'agne  . 
in  discendo  lupus  nimis  affirmans  ait  'agnus'  Zürcher  hs. 
wafserkirche  C  ^^ts  s.21'5  cum  lupus  addiscitpsalmos,  desi- 
derat  agnos  altd.  bl.  1,  11.  es  ist  verlorn^  swaz  man  dem 
wolf  gesa gen  mac  patcrnoster  durch  den  tac :  toan  er  spricht 
doch  anders  ?iiht  niwan  ' lamp'  welsch,  gast  10,  6;  dazu  am 
rande  das  entsprechende  bild.  /;•  tunt  rehte  alsam  der  wolf: 
der  sprichet ' lamj)\  swaz-  ieman  tuot  Georg  4145.  ze  schuole 
giengcn  wir,  und  ein  min  hruoder  mit  mir.  von  gotes  gna- 
den daz  geschach,  so  man  mir  den  glauben  vor  sprach  und 
von  wisheil  starken  sin,  ' lamp  lamp'  was  ie  diu  rede  min. 
do  ich  des  mim  meister  zuo  gewuoc,  ril  raste  er  mich  dar 
umbe  sluoc  wolf  und  geifs,  Reinh.  s.  307.  dejn  wolve  tet 
er  vil  gelich:  der  blicket  ze  dem  lambe  hin,  so  man  ze 
schuole  setzet  in  und  man  in  diu  buoch  Uren  sol  Troj. 
krieg  14871.  'lamm  lamtn'  spricht  der  loolf,  man  predige 
was  man  wolle  ackermann  von  Böheim  cap.  22.    'lam  lani 

*  eben  wie  der  scbach  spielende  wolf  bei  Spervogel  vdH.  MS. 
2,  375"  und  im  liedersaal  2,  605  :  do  kom  ein  wider  dar  gegdn :  do 
gap  er  beidiu  roch  itmb  einen  venden. 

'"*  der  herausgebet  des  Reinardus  bat  diesen  vers  nicht  verslanden. 


DER  WOLF  IN  DER  SCHULE.  287 

ist  des  wolffos  vespcr^'lock  Sprichwort,  altd.  1)L  1,  12.  eine 
erzähliuif;-  in  Paulis  schimpf  und  ernst  j^esellt  dem  wolfc  noch 
einen  fuchs  und  einen  geizhals  bei ;  der  local  will  sie  das 
paternoster  lehren :  aber  der  woIf  buchstabiert  nur  p  a  pa, 
t  c  r  ter,  schaff  der  fuchs  p  a  pa,  t  er  ter,  gans;  der 
geizhals  /;  a  pa,  ter   ter,  guldin:   leseb.  3,  1,  81. 

In  selbständiger  epischer  ausführung  kennen  wir  den  Schü- 
ler woIf  für  jetzt  nur  noch  aus  einem  mittelhochdeutschen  ge- 
dichte  das  in  Jac.  Grimms  Reinh.  s.  333  —  341  und  im  altd. 
lesebuche  649  —  656  gedruckt  ist;  dazu  komen  noch  zwei 
lateinische  prosaerzählungen,  eine  aus  England  stammend  {iii- 
iunctum  est  ei  ut  diceret  'pater  noster^  qui  respondit 
'agnm  vel  'aries')  in  Grimms  Reinh.  s.  446,  vergl.  CCXXI, 
die  andere  aus  Frankreich  {cum  sacerdos  diceret  'a  b\  lu- 
pus  dicebat  sie  post  eiim,  et  cum  dicebat  ei  sacerdos  ut 
simul  iungeret,  respondit  lupus  ' aignel  aigneiV)  in  Mones 
anzeiger  4,  361.  diese  letzlern  jedoch  haben  beide  etwas 
bruchslückarliges  und  gehn  schwerlich  über  das  vierzehnte 
Jahrhundert  zurück,  und  das  deutsche  gedieht  ist  auch,  wie 
spräche  und  vers  und  eine  geschichtliche  beziehung  (Reinh. 
s.  CLXXXIl)  deutlich  zeigen,  erst  im  Zeitalter  der  wiederum 
sinkenden  kunst  verfafst  worden :  jene  redensart  aber  war 
schon  vorher  so  allverbreilet  und  beliebt  dafs  wir  daraus  auf 
eigene  dichlungen  schon  aus  allerer  und  ältester  zeit  wohl 
schliefsen  dürfen. 

Oder  ist  das  Sprichwort  gar  nicht  die  Verkürzung  eines 
ausgeführteren  gedichtes?  ist  vielmehr  jedes  gedieht,  auch 
das  älteste  das  man  noch  finden  möchte,  nur  eine  erweiterung 
des  Sprichwortes?*  Lachmann  über  den  eiugang  des  Parzi- 
val  14  deutet  die  feine  Wahrnehmung  an  dafs  Sprichwörter 
die  auf  erzählungen  beruhen  die  form  der  erzählung,  das  Prä- 
teritum, festzuhalten  pflegen**:    das  unsere  jedoch  hat  überall, 

*  Sprichwörter  nnd  fabela  slehn  öfter  in  solchem  Zusammenhang: 
aus  den  worten  Jesus  Sirachs  13,  3  ist  im  koraischen  Aesop  290,  bei 
Avian  11,  bei  Bonerius  77,  eine  ganze  fabel  geworden. 

■■'■■'  demnach  würden  z.  b.  ältere  sagen  und  parabeln  vom  kranken 
wolf  und  vom  kranken  manne  vorauszusetzen  sein  wegen  der  Sprich- 
wörter ein  u'olf  was  siech:  do  er  genas,  er  ivas  ein  wolf  als  er  e 
was  Bon.  22,  35.     inan  sprichet  'du  der  siech  genas,    do  was  er  der 


288  ERDE  DER  LEIB  CHRISTI. 

in  lateinischer  wie  iii  deutscher  auffalsung,  die  präseiitische 
form,  es  nimmt  die  Situation  als  eine  gelegentlich  wieder- 
kehrende, es  erzählt  nicht,  es  beschreibt,  somit  genügt  zu 
seiner  erklärung  vielleicht  noch  belser  die  annähme  dals  es 
aus  den  oben  erwähnten  klösterlichen  Schaustellungen  hervor- 
gegangen, dafs  der  schiiler  wolf,  der  aus  allem  nur  'lamm 
lamm'  buchstabiert,  eine  besondei's  häufige  scene  dieser  klo- 
sterspiele gewesen  sei.  und  allerdings  lag  es  den  guten  mön- 
chen,  wenn  sie  einmal  dergleichen  trieben,  nalie  genug  sich 
auf  solche  weise  für  manchen  verdrufs  zu  entschädigen  den 
auch  sie  mit  rohen  und  ungelehrigen  zöglingen  haben  musten. 
WILH.  WACKERNAGEL. 


EKDE    DER    LEIB    CHRISTI. 

Nach  altem,  nicht  auf  Deutschland  eingeschränktem  hei- 
denglauben  war  die  erde  aus  dem  fleisch  eines  göttlichen  ur- 
wesens  geschaffen:  vcrgl.  Jac.  Grimms  mythol.  426 ff.  es  war 
daher  ein  Überrest  des  heidenthums,  den  Berthold  wohl  ver- 
dammen durfte  (s.  445),  wenn  menschen  denen  durch  liin- 
richtung  oder  mord  oder  im  kämpfe  ein  schnelles  sterben  drohte, 
statt  des  leibes  Christi,  mit  dem  kein  tröstender  priester  zu- 
gegen war,  erdbrosamen  ergriffen  und  als  letzte  wegzehrung 
zu  sich  nahmen,  ich  kann  diesen  von  der  kirche  niemals  an- 
erkannten brauch  aufser  jener  stelle  br.  Bertholds  noch  mit 
folgenden  andern  belegen  ;  sie  betreflen  Deutschland  Frank- 
reich und  Italien,  und  reichen  vom  I2n  bis  gegen  ende  des 
14n  Jahrhunderts. 
Olivier  bei  Ronceval,  rom.  de  Roncev.  30, 

trois  peuls*  a  j)rins  de  Verhe  verdoiant: 

en  Vamor  deu  les  usa  mainlenant. 
er  oucli  e  ivas'  el)en(la  1.  swcnne  uns  daz  vergd/  daz  uns  durch  un- 
ser siind  besittt,  sonc  bezzer  wir  uns  nihtes  niht;  du  von  der  tiut- 
sc/ie  man  giht  'du  der  sieche  man  genas,  du  was  er  als  e  was' 
welsch,  gast  2,  4.  durchführen  läfst  sich  das  freilich  uicht:  die  fabel 
von  dem  maulesel  und  seinen  verwandten  ist  älter  als  das  Sprichwort 
von  ihm  (Wilh.  Grimms  Freidank  lxxix)  und  doch  redet  letzteres  im 
präsens. 

'■■'■'  Monin  erklärt /*fl///eA' ;  eher  soll  es  wohl  ;;;//üiA'  Staubbrosamen  sein  : 
es  sind  nicht  grashalme  die  er  nimmt,  sondern  staub  aus  dem  grase. 


ERDE  DER  LEIB  CHRISTI.  289 

Helnihrcchl  1905 

sf'  liezen  vi  ain  bihie, 

den  viüedinc,  do  sprechen. 

einer  begunde  brechen 

ein  brosemen  von  der  erden: 

dem  vil  gar  umverde?t 

gap  er  si  seiner  stiuwer 

ßir  das  helleßuwer, 

und  hiengen  in  an  einen   boum. 
Ecken  licd  58 

gebet  mir  der  erde  in  minen  mnnt 

wan  durch  die  gotes  ere : 

s(i  tvirt  ?mn  sei  gen  gote  gesunt. 
Kavennaschlacht  457 

dem  edclen  k'dnegc  iverden 

diu  kraft  gar  beslcif. 

nider  suo  der  erden 

mit  beiden  handen  er  do  greif 

und  bot  si  suo  dem  munde 

suo  misers  Herren  opfer  an  der  stunde. 
Wolfdietrich,  Heidelb.  hs.  75*' 

do  griffen  sij  sio  der  erden  suo  der  selben  stundt, 
se  vnsers  herren  oj>fer  namen  st/  dy  erdjn  den  mundl. 
Pecorone  1,  146    e  also  le  mani  al  cielo,    e  poi  si  chind  e 
prese  della  terra  (in  einer  cameretta)  c  misela  in  bocca,  e 
poi  si  mise  le  mani  agli  occhi  per  non  vedere  la  morte  sua 
e  chind  il  capo  al  terra. 

Dem  sich  annähernd  im  frauendienst  543  f.  wo  der  ge- 
fangene und  auf  sein  leben  bedrohte  Ulrich  ein  brotbröslein 
von  der  erde  liest  und  damit  abendmal  hält,  obschon  kein 
priester  es  geweiht  hat. 

Sind  die  redensarten  mordre  la  poudre  oder  la  pous- 
siere und  ins  gras  beifsen,  die  beide  einen  gewaltsamen  tod 
bezeichnen,  auf  diese  heidnisch  -  christliche  sitte  zurückzu- 
führen? WILH.   WACKERNAGEL. 


Z.  F.  D.  A.  VI.  19 


290 


GOLD    IM   MÜNDE. 

'  Morgenslundc  hat  goltl  im  munde'  das  lieifst  Morgenar- 
beil  bringt  gold  ins  haus.  Eckehard  IV  von  S.  Gallen  erzählt 
von  könig  Konrads  besuch  im  j,  918  infaniulis  dcuuh  per 
ordinem  lectitantihus  et  analogio  descendentibu^  aiü'eos  in 
ora  ad  se  elevath  inisit.  quorum  unus  pusillior  cum  cla- 
mitans  aurum  exspueret,  'iste  mquit  'si  vixerii,  boiuis 
quandoque  monachus  erif  (Pertz,  mon.  Germ.  bist.  2,  84j. 
also  kleinere  geldsummen  wurden  auch  von  den.  Deutschen 
an  den  sichersten  ort.  in  den  mund  geborgen,  wie  wir  das 
gleiche  durch  Hariris  makamen  (Rückert  1,  22.  23)  von  den 
Arabern  wifsen.  die  Griechen  hatten  eben  denselben  gebrauch, 
und  wohl  nicht  blols  bei  den  todten.  denen  man  das  llilir- 
geld  für  Charon  in  den  mund  gab  (Jac.  Grimms  mvlhol.  791): 
denn  da  ßovg  auch  als  münze  kann  verstanden  werden,  in- 
sofern die  münze  das  rind,  den  älteren  kaufpreis,  vertritt  uiui 
nach  alterlhümlichem  gepräge  das  bild  eines  solchen  zeigt,  so 
wird  die  sprichwörtliche  redensarl  ßovg  Im  /Awaaj;  ßf'ßtixf  oder 
ßovv  fni  y)MiaGt,g  (f-f^^Jf,  d.  h.  er  ist  bestochen  zu  schwei- 
gen, gleichfalls  am  fügiichsten  auf  ein  in  den  mund  gescho- 
benes geldstück  auszudeuten  sein. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


WINDSBRAUT   UND    WINDGELLE. 

Einen  besonderen  reichthum  an  mythischen  personifica- 
tionen  und  persönlichen  beuennungen  von  wind  und  Avetter 
halte  der  alte  Norden:  ärmer  darin  ist  Deutschland:  doch 
kann  die  zahl  der  beispiele  auch  hier  noch  vermehrt  werden, 
so  stellt  sich  neben  Faso/t  und  Mermeut  (Jac.  Grimms  my- 
thol.  602)  noch  ein  Scrdirunc,  im  vocabular  des  h.  Gallus 
die  Übersetzung  von  /nihus  d.  i.  nuhes,  sichtlich  auch  dies 
der  name  einer  männlichen  person,  hergeleitet  von  dem  Zeit- 
wort schiupje/i    das  jetzt   s.  v.  a.    hageln    bedeutet    (Schmel- 


WINDSBRAUT  UND  WINDGELLE.        291 

1er  3,  502)  und  in  der  älteren  spräche  auch  vom  regen  (Wi- 
gam.  1289  angewant :  verschrannt  1.  an  gewäte :  i^erschrdte), 
vom  strömenden  schweils  (Rav.  sohl.  676),  vom  spritzenden 
Mut  (Gottfr.  Trist.  6933.  Dietr.  flucht  8314.  8784.  8796. 
Rav.  sohl.  743.  748.  837),  vom  stiebenden  feuer  (Nib.  6463 
vdHag.  var.,  strcejcn  der  Minne  16re  818)  gebraucht  wird; 
neben  die  Windsbraut  aber  (mythol.  598)  noch  die  snegeUc 
Georg  5461  {sin  schar  begunde  ivellen,  alsam  snögellefi 
(schneeschauer)  gein  sanier  füeren  über  lant).  gelle,  ahd. 
gclla  (Graffs  sprachsch.  1,  202)  heifst  pellex,  concubine : 
vet.  gloss.  ms.  Mellic.  r.  coneubina :  zuweip  vel  ein  unelich 
ivip,  quae  dicitur  vulgo  gel  gloss.  zu  Ottoc.  unter  gell,- 
boeser  schimph  macht  ander  gesellen  grwsern  nit  denn  un- 
der  gellen  welsch,  gast  1,  4.  ein  gelle  ir  gellen  nidea 
muos :  zwischen  gellen  swein  so  tvirt  vil  selten  nides  buoz 
MS.  vdHag.  2,  185''.  vergl.  ßerth.  111  u.  a.  in  Schlesien 
wird  ein  kleines  auf  der  erde  stehendes  regenbogenstück 
wafsergalle  genannt:  ob  auch  dies  hierherzuziehen?  der 
Windsbraut  im  ausdruck  noch  näher  liegend  und  auch  dem 
begriffe  nach  verwandt  ist  IFind gelle,  der  nanie  eines  ber- 
ges  im  lande  Uri :  ein  berg  also  mit  welchem  der  wind  buhlt, 
nach  ähnlicher  anschauung  hiefs  der  Kaukasus  mit  seinem 
älteren  namen  das  bette  des  Boreas,  Bootov  noiir,  (Ps.  Plutarch 
zregi  7iovai.io)i>  nai  oijötv  s.  11  Huds.),  und  wenn  es  richtig  ist 
mit  3Iagnusen  und  Frauer  die  Valkyrjen  auch  als  wetter- 
juugfrauen  zu  betrachten  (von  den  Amazonen,  die  nur  das 
griechische  gegenbild  unsrer  V\ilkyTJen  sind,  iiiefs  die  erste 
die  Hercules  erschlug  'AtXla  die  Windsbraut,  Diod.  4,  16), 
so  möchte  der  lectulus  Brunnihildae  auf  dem  Feldberg  (Wilh. 
Grimm  heldens.  155.  384)  in  eben  solcher  weise  und  be- 
stimmter als  es  bisher  geschehen  ist  zu  beuten  sein :  er  wäre 
dann  das  brautbette  einer  Windsbraut. 

WILH    WACKERNAGEL. 


19^ 


292 


EIN    WEIB    UND    DREI    LIEBHABER. 

Die  liandscliriften  des  welschen  gastes  haben  zu  b.  1 
cap.  10,  wo  Thomasin  von  der  eitlen  freude  der  weiber  an 
der  menge  ihrer  Verehrer  spricht,  die  abbildung  eines  weibes 
inmitten  dreier  männer,  deren  einen  sie  freundlich  anblickt, 
den  andern  bei  der  band  fafst,  dem  dritten  aber  auf  den  fufs 
tritt,  das  bild  wird  uns  verständlicher  als  es  für  sich  schon 
ist  durch  eine  tenzone  des  Provenzalen  Savaric  von  Mauleon 
und  den  bericht  den  eine  alte  lebensbeschreibung  desselben 
über  deren  veranlal'sung  giebl  (Raynouard  2,  199  ff.  Diez 
leben  und  werk.  d.  troub.  404  f.).  Savaric  war  einst  mit  Elias 
Rudel  von  Bergerac  und  Jaufre  Rudel  von  ßlaia  nach  Bena- 
gues  zur  vizgräfin  (iluillelma  geritten,  alle  drei  liebten  die 
vizgräfin.  sie  setzten  sich  zu  ihr,  einer  rechts,  der  andere 
links,  der  dritte  ihr  gegenüber.  Guillelma  hätte  gern  jedem 
ein  zeichen  ihrer  gunsl  gegeben,  und  sie  wusle  sich  zu  hel- 
fen :  freundlich  blickte  sie  Jaufre  Rudel  an  der  ihr  gegenüber 
safs,  herrn  Elias  fafste  sie  bei  der  band  und  drückte  sie,  herrn 
Savaric  aber  trat  sie  lächelnd  und  seufzend  auf  den  fufs.  kei- 
ner merkte  was  dem  andern  widerfuhr,  als  sie  aber  weg- 
giengen,  erzählten  sie  einander  ihr  glück  und  jeder  rühmte 
sich  der  auserkorene  zu  sein,  dies  war  der  anlafs  eines  streit- 
gedichles  mit  welchem  zeichen  Guillelma  die  meiste  gunst  und 
liebe  erwiesen  habe;  es  endet  damit  dafs  die  drei  streitenden, 
Savaric,  Gaucelm  Faidit  und  Uc  de  la  Bacalaria  sich  auf  das 
urtheil  dreier  frauen  berufen  :  letzteres  ist  jedoch  nicht  auf 
uns  gelangt. 

Thomasin  als  Norditaliäner  konnte  die  provenzalisclie 
dichtung  kennen  und  so  bei  angäbe  seines  bildes  dies  aben- 
teucr  Savarics  im  sinne  haben,  indess  findet  sich  die  gleiche 
Situation  auch  in  einem  niederländischen  gedieht  (altd.  Matter 
1,70.71),  auch  hier  als  gegenständ  eines  liebesurlheiles;  dieur- 
theilende  Jungfrau  erklärt  den  druck  der  band  für  das  sicher- 
ste   zeichen    der   frauenirunsl.     nichts  aber  berechtigt  zu  der 


EL\  WEIB  UND  DREI  LIEBHABER.  293 

annähme    dafs   der  verfafser   mit  Tbomasins  randbildern  oder 
mil  jeuer  provenzalischen  tenzone   bekannt  gewesen  sei.     so 
thut  man  am  besten  für  alle  drei  darstellungen,  die  malerische 
und  die  beiden  dichterischen,    nach  einer  gemeinsamen  quelle 
zu  suchen,   und  dabei  kommen  wir  auf  eines  der  ansprechend- 
sten   beispiele  wie  zuweilen    auch    ganz    seitab    gelegene  an- 
schauungen  der  antiken  weit  in  der  kunst  des  miltelalters  sich 
erneut  haben,     es  geht  zurück  bis  aul"  Theokrit  und  Ennius. 
jener  beschreibt  in  seiner  ersten  idylle  das  schnitzwerk  eines 
hölzernen  bechers :  oben  umher  gehen  epheuranken, 
iiaoa&ev  de  yuva  ti  d'eöiv  öuiduXiia  Tiroxtai, 
aorx»/r«  neTi),«)  ts   y.ui  äiiTri'xi '   na^  öf  ol  äfd^fg 
nulov  i&ii^oc'^oiTf-i.   uiioißufilg  aO.od-av  ällog 
35  PHxfiova'   fnff(T(n.  rd  <J"   ov  qQffog  änxetai   aviag' 
ulk     baa  f.ui>  xrjvov  TTOTidf()y.fTui  ävÖQu  yflivaa, 
ukloxu  S'   all  noxl  xov  ()i7TXfl  vuov   oi   Ö'   üii'   f^ioiog 
dtj&ä  nvXoidiOMVxfg  ixojGiu  f.iox&i'^ofxi. 
und  bei  diesem  heifst  es,  wie  seine  worle  zwar  in  mehrfacher 
entslellung  uns  überliefert  sind  (s.  310.  311   Hessel), 
quasi  in  choro  pila 
ludens  dalaiim  dat  se  et  communem  facit. 
nlium  teilet,  alii  nutat,  alibi  manus' 
est  occupata,  alii  perpeUit  pedem, 
alii  dat  anulurn  spectandum  a  labris, 
alium  itivocat,  cum  alio  cantat,  attamen 
aliis  dat  digito  litteras. 
freilich  unmittelbar  aus  Theokrit  oder  gar  aus  einem  damals 
noch  vollständigen  Ennius  haben  der  Provenzale  und  der  Ita- 
liäner   und   der  Niederländer   nicht   geschöpft :    auch    hier  ist 
wieder  einmal  Isidorus  der  vermittler  zwischen  der  alten  und 
der  neuen  weit  gewesen,    indem  die  ennianischen  verse  von 
ihm  citiert  werden,  orig.  1,  25.    anerkennung  verdient  dabei 
der  künstlerische  takt  mit  dem  die  späteren  dichter  die  Viel- 
zahl derer  denen  die  gefallsüchtige  ihre  zweifelhafte  gunst  er- 
weist (Ennius  überbot  damit  den  Theokrit  und  zunächst  eine 
von  Columna  verglichene  stelle  des  Nävius,  alii  adnutat,  alii 
adnictat,  alium  amat,  alium  tcnet)  herabsetzen  auf  die  drei- 
zahl: auch  hiezu  fanden  sie  bei  Isidor  die  anleitung,  in  einer 
stelle   aus    den   Sprichwörtern  Salomonis  die  ebendort  gleich 


294  VOR  LIEBE  FRESSEN. 

nach  den  verseil  des  Ennius  angeführt  ist,  annuit  oculis^ 
terit  pede,  digito  loquitur  6,  13.  im  Zusammenhang  der  sa- 
lomonischen rede  thut  zwar  alles  das  ein  vir  inutilis:  dies 
subject  aber  war  aus  Isidors  citat  nicht  zu  erkennen,  man 
nahm  ohne  weiteres  ein  weibliches  an,  und  so  ist  es  nun  in 
dem  bilde  Thomasins  und  in  den  gedichten  Savarics  und  des 
ungenannten  Niederländers  ein  weib  geworden  quae  annuit 
oculis,  terit  pede,  digito   loquitur. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


VOR   LIEBE    FKESSEiV. 

ünsre  sprichwörtliche  rede  jemand  vor  liebe  Irelsen'  war 
in  dieser  und  ähnlichen  ausdrucksweisen  auch  dem  mittelalter 
schon  geläufig :  die  wil  er  hie  vor  äugen  stdt,  so  hat  si 
semlich  pärdt,  sam  si  in  well  vor  lieb  verkiuwen  liedersaal 
1,  395.  het  er  den  pris  behalten  so  an  vravelen  helden  so 
din  lip,  /lir  :iucker  giezen  in  diu  wtp  Parz.  50,  16*.  für 
zucker  mühten  in  diu  wip  durch  sine  friheit  niezen  turn. 
V.  Nantes  189.  zuckermwzic  ist  er  wibes  ougen  Tit.  1342**. 
ähnlich  ist  es,  wenn  Neidhard  sagt  disen  stnner  hat  er  si 
gekouwen  gar  für  brdt  33,  G  Ben.  und  wände  er  kou  si 
tegelich  viir  schainez  bröl  34,  4  ;  ähnlieh,  aber  nur  im  aus- 
druck,  und  verschieden  in  der  meinung.  denn  jeuesy«;'  zucker 
ezzen  soll  die  leidenschaltliche  verliebtlieit,  das  czzenfür  brot 
den  unausgesetzten  verkehr  bezeichnen  :  vergl.  Notk.  ps.  52,  5 
qui  devorant  plcbeui  moam  ut  cibum  panis  -.    die  neimo  ih. 

'"  theilweis  auch  131,  24,  wo  Parzival  Trauen  Jeschuteu  nach  uo- 
geslüinen  licbeserweisungen  noch  über  hunger  geklagt  hat:  si  sprach 
' ir  siilt  min  ezzen  nicht,  tvtvrl  ir  ze  fi- innen  wise,  ir  iiannt  iu  ander 
spi'se. 

c*  vergl.  sÖlh  sileze  an  dime  li'be  lac:  des  breiten  mers  salzes 
.sinac  müese  at  zuckermwzic  sin,  der  dm  ein  zehen  würfe  rfr/w  Wolfr. 
Wilh.  02,  11.  geeret  st  velt  vnde  gras  aldii  der  minner  lac  ersla- 
gcn,  daz  velt  solde  zucker  tragen  alumb  ein  tagercise  88,  2.  ez  wirt 
also  geschehende,  daz  ditze  lant  so  friihtic  wirt  der  erden,  daz  si 
Zuckerbalsam  treit  geboumef,  daz  er  hie  nam  sin  ende  u.  s.  w.  Tit. 
3753.  der  walt  dar  in  du  bist  erstorben  —  mit  zucker  libcrnrret 
sohl  ez  ivol  sin  dar  iinder  51ti2. 


VOK  LIEBE  FRESSEN.  295 

die  min  folvli  ferslinihnt  also  brat,  die  also  unirdrozzen 
sint  sie  ze  slahenne  so  brot  ze  ezzene*-^  und  nur  dafs  in 
der  zweiten  stelle  schw/iez  d.  h.  feines  weifses  brot  genannt 
wird  (bd  5  dieser  zeitschr.  s.  13)  streift  an  das  zuckerefsen 
an,  wie  es  denn  Ncidiiard  auch  von  einem  verliebten  baucni 
sagt. 

Der  gebrauch  jener  redensart  mag  den  höfischen  dichtem 
empfolilen  worden  sein  durch  die  bei  den  Provenzalen,  Fran- 
zosen und  Deutschen  mehrfach  wiederkehrenden  sagen  von 
licbhabcrn  deren  zerslückter  leib  oder  ausgeschnittenes  herz 
von  ihren  damen  gegeisen  worden :  vergl.  Diez  leben  und 
werke  d.  troub.  77 IF.  und  Wolf  über  die  lais  236**.  wirk- 
lich vergleicht  in  Konrads  mwre  von  der  miniie  450  die  dame 
das  von  ihr  genofsene  herz  des  geliebten  auch  mit  dem  süfsen 
Zucker :  ob  ick  ic  spise  gwze  diu  so  zuckeriiHvze  mich  diuhlc 
und  also  reine. 

Indess  all  diese  sagen  sind  uudeutscher  herkunft :  erst  mit 
der  Übertragung  auf  den  Brennenberger  (vdH.  MS.  4,  281  ; 
zeitschr.  3,  39),  also  erst  da  das  mittelalter  schon  im  ablau- 
fen  war,  ist  ihr  sloff  unter  uns  einheimischer  geworden  5  zu 

"  der  psalmist  dachte  aber  wohl  nur  an  die  leichtigkeit  mit  der 
mau  diese  speise  meist  erlangt,  an  die  werthlosigkeit  derselben  die  auch 
im  mittelalter  sprichwörtlich  gewesen  :  vergl.  numer.  14,  9  neque  ti- 
ineatis  populum  terrae  huius,  quia  sicut  panvm  ita  eos  possimiis 
devorare. 

:,;«  jp  DeulschlaiiJ  trug  man  sich  besonders  mit  einer  an  den  uamen 
Gralant  geknüpften  erzahluug  dieser  arl :  Gralant  den  man  gar  ver- 
sot  toarl  nie  gi'oezer  not  beschert  vdH.  MS.  1,  108  .  vil  jämers  ge- 
schach  —  da  man  Grulanden  sot  Heinr.  kröne  270.  Grälanden  sluoc 
man  unde  sot  und  gab  in  den  vrowe?i  zezzen  altd.  leseb.  583,  37  : 
eine  dreiheit  zusammenstimmender  Zeugnisse  die  man  achten  muls, 
wennschon  der  altfr.  lai  de  Gralant  (Meon  i,  57  ff.)  nichts  dergleichen 
berichtet,  wohl  aber  unter  anderen  namen  der  lai  d'Ignaures  (le  Grand 
3,  !265  ff.),  ein  sirventes  von  Sordel  (Raynouard  4,67;  nach  vaticani- 
schen  hss.  bei  Perticari  in  Montis  proposta  2,  2,  174)  überträgt  das 
herzefsen  aus  dem  gebiete  der  liebesdichtung  in  das  der  sittlich- poli- 
tischen allegorie,  Bertrams  von  Alamanon  erwiderung  darauf  (Rayn. 
i,  68)  zurück  in  das  gebiet  der  liebesdichtung:  jener  will  mit  dem  her- 
zen des  verstorbenen  herrn  Blacatz  vier  fürsten  speisen,  damit  sie  neu 
beherzt  werden,  dieser  es  als  reliquie  unter  die  von  Blacatz  geliebten 
trauen  theilen.  das  erinnert  zugleich  an  die  neunherzigen  menseben 
zeitschr.  2,  541. 


296  VOR  LIEBE  FRESSEN. 

spät  um  für  ein  so  alterthümliches  Sprichwort  den  anlal's  her- 
zugeben, und  was  die  hauplsache  ist,  es  besteht  zwischen 
beiden  ein  wesentlicher  unterschied  des  gedankens :  in  jenen 
liebessagen  verzehren  die  weiber  fleisch  und  herz  des  raan- 
nes  unwifsend,  dagegen  das  sprichwörtliche  frefsen  vor  liebe 
ist  ein  bewust  gewolltes. 

Das  richtige  Verständnis  letzteren  ausdrucks  geht  einmal 
auf  die  ganz  natürliche  empGndung  zurück,  die  wirklich  solche 
gelüste  trägt,  zugleich  aber  auf  eben  daher  rührende  Vorstel- 
lungen und  gebrauche  des  älteren  heidenthumes.  da  wird  von 
hexen  berichtet  die  nächtlich  menschen  efsen  (SGall.  Marc. 
Cap.  85  Graff;,  von  zaubernden  weibern  also,  und  wenn 
ebenso  der  indiculus  paganiarum  30  des  heidnischen  glaubens 
erwähnt  quia  feminae  —  possint  corda  hoviiiium  tollere 
(vergl.  Jac.  Grimms  mythol.  1034  f.),  so  wird  dergleichen 
auch  in  Deutschland  besonders  als  liebeszauber  gemeint  und 
verstanden  worden  sein,  den  Übergang  nun  von  solchem  glau- 
ben zu  der  sprichwörtlichen  redensart  bilden  und  bezeichnen 
stellen  wie  die  eines  ungenannten  französischen  dichters: 
setis  euer  seiijc :  eile  l'ait  mcwje;  sejis  euer  seux  •.  doit^  en 
ait  0  SOI  (altfr.  lieder  30,  4);  wie  ferner  die  traumerzählung 
und  das  traumsonett  in  Dantes  vita  nuova  (Pesaro  1829 
s.  6.  7) 

allegro  mi  sembi^ava  Amor,  tene/iilo 
mio  core  in  mano,  e  Jielle  braccia  acea 
donna  avvolta  in  im  droppo  donnendo. 
poi  la  svegliava,  e  d'esto  eore  ardcndo 
la  paventosa  umilmente  passea; 
wie  besonders  die  auch  von  Grimm  schon  (mythol.  1035)  an- 
geführten   Worte    des    Diomedes    in    Herhorls   Trojanerkriege 
s.  108  ich  bin  sere  gephant  von  miner  J'roun  Briseidd:  ti 
hat  min  herze  mit  ir  da;  und  daz-  ich  hie  in  ßei.sche  bin, 
doch  ist  min  sele  und  min  sin  al  mit  jeneme  ivibe.   ich  hän 
niht  in  dem  übe:  da  min  herze  solde  wesen,  da  trageich 
eine   lihte  resen  oder  ein  stro  od  einen  wisch:  wie  endlich 
sogar  eine  Kassidenstrophe   von  Abul-Maani,  die  namentlich 
mit  Dante  dort  überraschend  zusanunenl rillt:  /renn  das  traum- 
bild  dieser  huldin  kommt  zur  herzenswüstenei,  setz"  ich  ihr 
das  herz  das  blut'ge  auf  zu  ihrer  gaslcrei  (juwelenschniire 


HAUS  KLEID  LEIB.  297 

Abui-3Iaanis  von  Hammer  62).  hier  überall  ist  die  welche 
(las  herz  rauht  und  j>ar  verzehrt  doch  keine  gefürchtete  arge 
Zauberin,  sondern  ein  geliebtes  Aveib,  und  anschauung  und 
ausdruck  sind  nur  noch  bildlich  gemeint,  daran  nun  schliefst 
sich  auf  der  einen  seite  unser  Sprichwort,  auf  der  andern  die 
ganze  reihe  der  beisjiiele  in  denen  deutsche  und  wälsche  miu- 
nesinger  von  der  entführung  ihres  herzens  und  selbst  des  her- 
zens  der  geliebten  sprechen  ohne  auf  ein  eisen  desselben  oder 
sonst  einen  zauber  auch  nur  hinzudeuten  (vdH.  MS.  1,  27''. 
216''.  337"'').  der  endpunkt  dieses  minniglicheren  weges  ist 
die  Vorstellung  von  einem  tausche  der  herzen:  nicht  mit  stroh, 
wie  dort  bei  Herbort  nach  altem  aberglauben  noch  geschieht, 
wird  die  lücke  in  der  brüst  des  geliebten  ausgefüllt,  son- 
dern ihr  eigenes  herz  anstatt  des  seinen  läfst  die  geliebte 
zurück  (vdH.  MS.  1,  318%  vergl.  34''),  oder  frau  Venus  ist 
es  die  den  lausch  vollzieht:  die  hauptstelle  liielur  habe  ich 
schon  s.  211   der  altfr.  lieder  und  leiche  mitgetheilt. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


HAUS    KLEID    LEIB. 

Es  hat  etwas  ungemein  heimliches,  wie  in  den  sprachen 
nnsers  Stammes  die  begriffe  haus  und  kleid  mehrfach  in  die- 
selben Worte  zusammenfallen :  hämo  hemidi  camisia  gehören 
mit  xuiiäijoc  camera  und  hnmit  (warum  nicht  auch  mit  heimi 
und  htmil  dem  hause  der  götter?)  zu  der  gleichen  wurzel; 
ebenso  gards  und  girrt,  gadum  und  '/(to'jv,  casa  und  hosa 
casula;  capella  kommt  von  capa,  altn.  serkr  kleid  und  ahd. 
sarch,  das  hüs  con  sihen  vüezen  (Freid.  163,  15)  beide  von 
saro  rüslung,  und  das  eine  hauptwort  des  ganzen  begriffkrei- 
ses,  das  jedoch  innerhalb  des  deutschen  keinen  Ursprung  hat, 
kleid  selber,  wird  eben  wie  glet  (Wigalois  s.  608.  Helbling 
2,  473.  als  ein  undersazter  glet  den  der  wint  hat  genei- 
get Heidelb.  hs.  341.  127'')  von  dem  mittellat.  eleda  herzu- 
leiten sein*,  auch  der  lui'vog  yixdiv  bei  Homer  II.  3,  57,  die 
xety^Hov  xi&ojpfg  Herodols  7,  139,    die  lorica  der  lateinischen 

*  zu  vergleichen  der  Ursprung:  des  goth.  paida,  allsächs.  pcda, 
lioclid.  pfeit  aus  griech.  ßaki]. 


298  HAIS  KLEID  LEIB. 

und  der  mantc.l  der  deutschen  baukunslsprache  (alld.  bl.  1,  301) 
sind  belege  dieser  begriffspaarung  und  erklären  sich  aus  ihr. 
Das  kleid  also  ist  ein  haus  des  leibes :  dem  menschen 
noch  näher  tretend  wird  der  leib  selbst  wieder  bald  als  ein 
haus  bald  als  ein  kleid,  der  seele  nämlich  oder  auch  des  gött- 
lichen geistes,  versfanden  und  benannt,  als  haus  und  ruhe- 
statt  z.  b.  weish.  Sal.  9,  15.  ev.  Job.  2,  19ff.  2  Cor.  5,  1—4. 
2  br.  Petri  1,  13  f.  und  in  den  ausdrücken  der  angelsächsi- 
schen dichtung  thät  f(vge  hus,  sdvelhus,  bd/ihüs,  bänloca, 
bancofa  Andr.  und  Elene  xxxixf.  *  vergl.  rechte  ah  da  ein 
zimmermaiin  ein  hüs  aleine  machet  gar,  da  er  inne  sine 
jär  ivesen  unde  wonen  loil:  endunkt  dich,  herre,  nicht  zuo 
vil,  sus  hast  du  algemeine  gezimmert  mich  aleine  und  dir 
ein  hüs  bereitet,  ob  dir  das  nicht  verleitet  der  tiuvel  und 
min  boese  gir,  so  hast  dii,  herre,  hie  an  mir  ein  hüs  da 
du  inne  ivonen  nnlt  Heinr.  vaterunser  s.  25 f. ;  das  auf  alt- 
griechisclien  grabsteinen  vorkommende  haus  (Miintcrs  Sinn- 
bilder der  alten  Christen  1,  56  f.)  wird  man  auch  heiser  so 
ausdeuten,  als  ein  kleid  br.  Judac  23  und  in  den  Wortbil- 
dungen alld.  lihJiamo,  mhd.  liliham,  alts.  likhanio,  ags.  li- 
chonia  *  und  Jhvschoma  Andr.  und  El.  xxxix.  vergl.  uuaz 
sinl  iro  corpora  (lichamin)  itne  vestimenta  animae  et  oper- 
toria  (uudt  unde  decchi  dero  sclo)?  Notk.  ps.  101,  27.  mit 
dorne  gewete  tverdent  bezeichenot  die  lichamen.  wan  alse 
der  Hb  wirt  mit  deme  gewande  bedekket.  also  wirf  div 
sele  mit  deme  lichamen  gewatet  Blaubeurer  pred.  14''.  duo 
diu  gotheit  an  sih  nam  die  manniskheit,  duo  was  der  lich- 
ndmesinwdtscune;  unter  daz  lachen  giruohte  er  sine  gotheit 
dekchen  genesis  fundgr.  2,  78,  21.  dal  he  (Christus)  den 
düril  se  kampe  gilocke,  so  vaht  he  indeme  krankin  röche, 
in  unse  blüde  menscheil  Wcrnh.  v.  Niederrhein  65,  1.  unse 
herre  hat  sin  cleit  mit  ime  genumin :  dat  is  di  natüre  dt 
ime  von  uns  ist  kumin.   di  hat  uns  so  geervit  dat  nimmer 

*  iu  den  cuplieniisinen  von  der  geburtsarbcit  'das  baus  knackt', 
das  haus  ist  eingefallen",  'diu  kamer  ivart  entlochen'  (Jac.  Griinuis 
niylhol.  Uli)  heilst  so  der  mutterleib  nur  in  beziehung  auf  das  kind. 
"*  aber  ahd.  h'chemidi,  inhd.  lichemede  (Graffs  sprachsch.  2,  104. 
Iloifmanns  fundgr.  1,  343,  15)  bezeichnen  wirklich  eine  kleidung:  vergl 
mhia  tunicam  {hemide)  die  ih  ze  liehe  truog  Nolk.  ps.  21,  19. 


ITAL.  LIEBESZAIBEU  LND  KRANKHEITSSEGEN.      299 

inkein  (16t  instervit  dl  dar  girechin  kunne  zu  deine  hemide 
dat  he  hat  gwiimien  67,  27.  auf  denselben  weg  mythischer 
und  spraclilicher  begrifFsentwickelung  gehören  die  schwanhem- 
(ler,  die  eselshaut  im  44n  märchen,  der  gestaltentausch  der 
wchrwöile  und  der  zwischen  Günther  und  Siegfried,  selbst 
lichi/uimo  lichendme,  obschon  nur  eine  entstellung  von  lih- 
hamo,  möchte  doch  in  ähnlichem  sinne  gemeint  sein,  insofern 
dabei  etwa  an  näma  gedacht  und  diesem  wie  den  worten 
raiiba  und  hregil  der  begriff  des  kleides  (fr.  robe)  gegeben 
Avard:  vergl.  Gr.  gr.  3,446.  das  kurzvocalige //cÄ/#«we  da- 
gegen folgt  der  analogie  solcher  ausdrücke  wie  maiwcs  nmne, 
ivibes  name,  mennisken  naine  Wernh.  3Iaria  156,36.  Hoffm. 
gotes  nam  Suchenw.  44,  93.  des  jiwers  name  Parz.  230,  10. 
sin  vil  armer  name  alld.  leseb.  762,  10  (vergl.  Wilh.  Grimms 
Athis  s.  68),  wie  eben  dergleichen  auch  mit  woim  und  no- 
men  gebildet  werden,  und  geht  damit  ganz  in  die  abstracle 
Umschreibung  über.  '  WILH.  WACKERNAGEL. 


ITALL\NISCHER   LIEBESZAUBER   UND 
KRANKHEITSSEGEN. 

Die  mitiheilung  nachstehender  italidnischer  formein  und 
gebrauche  mag  zur  verglelchting  mit  dem  deutschen  Zau- 
ber wescn  willkommen  sein,  sie  sind  in  Rom  aufgezeichnet 
wurden  und  mir  von  da  aus  zugekommen:  die  wenigen  ab- 
welchungeu  von  der  Schriftsprache  sind  elgenhelten  der  rö- 
m Ischen  v o Iksm un dar t. 

31aledizione  all"   ombra. 

Buona  sera,  mia  bella  umbrana !  buona  sera  a  te,  buona  sera 
a  me,  buona  sera  a  te,  buona  sera  a  me,  buona  sera  a  te 
p  buona  sera  a  me !  che  fara  gli  il  tale?  dormira  gli?  se  non 
vuol  dormire,  a  me  non  me  n'importa.  vicino  alla  sua  testa 
un  cane  arrabiato;  ai  piedi  del  suo  letto  un  lupo  affamato; 
in   mezzo  TAnticristo ! 


300      ITAL.  LIEBESZALBER  UND  KRANKHEITSSEGEN. 

Citazione  per  costringer  l'amante  di  comparire;  e 

quando  si  mellono    le  carte  da  giuoco  per  indovi- 

iiare  Tawenire. 

Venli  ciuqiie  carte  siete,  e  25  potentissimi  demonj  divente- 
rete:  al  corpo,  all'  anima  del  tale  di  tale  ve  n'audarete,  ac- 
cioche  non  possa  ne  bere  iie  mangiare,  ne  banca  da  sedere 
ne  letto  da  riposare,  fin  che  me  non  verra  a  ritrovare.  o  tutti 
i  diavoli  deU'inferno,  che  cosa  fate?  che  a  pigliare  il  tale  di 
tale  von  vi  andate  ?  andale !  strascinatelo  forte,  forte,  forte ! 
che  per  me  ne  provi  pena  di  morte.  e  da  che  niorte  ha  da 
morire?  che  alla  mia  porta  fatemelo  venire;  e  se  qiiesto  non 
farele,  piü  de  dei  diavoli  non  vi  chiamarete,  e  se  questo  voi 
farete,  da  me  avrete  tutto  ciö  che  vorrete.  quattro  preti, 
quattro  frati,  e  quattro  diavoli  incatenati,  la  donna  di  cuore, 
e'l  re  di  cuore  mi  sapran  dire  la  veritä. 

Se  si  aspelta  Taraante,    che  tarda  da 
venire. 

C'e  giä  un'ora  di  noftc,  e  tutti  vcdo  venire,  ina  N.  N.  non 
io  vedo  venire,  diavolo,  diavolo,  diavolo,  e  che  fa?  voglio 
fargli  una  faturra,  tanto  forte,  forte,  forte,  che  per  me  voglio 
che  provi  pena  di  morte.  da  che  niorfe  ha  da  morire?  alla 
mia  porta  fatelo  venire ! 


Si  ha  a  Roma  tra  il  popolo  il  pregiudizio,  che  le  risipole 
(ori/sipelas)  possono  coiigiurarsi  ('segnare'  secondo  Tespres- 
sione)  dai  settimi  figlj  o  liglie  di  un  padre  e  madre,  che  si 
chiamano  per  cio  Settimio  o  Scltimia.  i  contadini  a  Piazza 
Montanara  fanno  spesso  questo  mestiere  di  scgnarc  lo  risi- 
pole, che  dividono  in  maschie  e  femmine,  le  quäle  non  pos- 
sono essere  giiarite  che  da  persone  del  sesso  rispetlivo  al 
qnale  apparlengono. 

Die  formel  hicz-ii  linhr  ich   //icht  crhalto/i. 

WILH.  WACKERNAGEL. 


301 


ROM    UND    DER    PFENNING. 

üie  dichter  des  mitte lalters,  zumal  die  deutschen,  kla- 
gen oft  mit  hitterkeil  über  all  das  tmheil  ivelches  der  pfen- 
ninc  (her  Pfenninc  personißciert  ihn  Reinmar  von  Zweier, 
vdH.  MS.  2,  188";  altfr.  dans  Deuiers,  Jongleurs  et  trouv. 
par  Jubinal  ^i.  101)  in  der  weit  anrichte,  namentlich  aber 
wie  Rom  ein  unersättlich  geld  vcj'schlingender  abginmd  sei. 
vergl.  Freidank  147/  LV/.  Renner  213^  und  Müller  3,  XVI. 
auch  an  lateinischen  gedichten  darüber  fehlt  es  nicht;  es 
folgen  hier  einige  aus  der  Zürcher  handschrift  welche  bdb, 
s.  293  beschrieben,  und  aus  welcher  dort  schon  s.  296  ei- 
nes mit  ähnlicher  schelte  und  klage  über  den  Numnius 
{auch  er  persönlich  zu  verstehen)  ist  gedruckt  ivorden.  das 
vorletzte  hat  aus  einer  Klosler-Neuburger  handschrift,  aber 
in    beträchtlich    abweichender   und  nicht  gerade    befserer 


s.  5"  Coiilra  Romanorum  auariciam. 

Ve  tibi  ronia  uorax.   absorbens  ciincta  caribdis. 

Nullaque  cum  nunquam  sis  saturanda  uomens. 
Quod  Caput  secclesia;  *■  le  constituere  priores. 

Prouida  cura  minus,  sed  pia  forte  fuit. 
Ydolatras  paulus  cuuctos  profitetur  auaros.  ^ 

Non  es  auara  qiiidem  tu.  sed  auaricia. 
Venaiem  sapiens  animam  testatur  auari. 

Atque  scelestius  hoc  asserit  esse  nichil.  ^ 
A'cndere  nuUa  timet  qui  uendere  sustinet  illam. 

Qua  nichil  in  cunctis  carius  esse  decet.  * 
lioc  aprincipio  morbo  semperque  hiboras. 

Tales  rectores  sunt  populusque  tuus. 

Strata  ft-equens  est  hospitibus  romana  doloris. 
Roma  dolis  plana  est  experiendo  scio. 

1.  för  ae  hat  die  hs.  hier  und  weiterhin  q,  2.   Ephes.  7,  5. 

3.  ecclesiasfic.   10,  9.   10.  4.  die  hs.  docet 


302  ROM  UND  DER  PFENNING. 

5''     Si  tibi  (jiiid  remanet  quod  non  rapuere  dolosi. 

Subripiet  dolus,  ha^c  experiendo  scio. 
Illic  invenies  oracula  delfica  semper. 

Ambiguosque  deos.  experiendo  scio. 
Quisquis  habet  causam,   det  munera.  scripta  requiral. 

Ad  firmamentuiu  suscipit  ambigua. 
Vt  facile  infirmet  quicquid  firniauerat  ante. 

Scriptor.  ab  aduersa  raunera  parte  ferens. 
Proh  dolor,  atque  pudor.  pudor  omnis  religionis. 

Omnibus  in  tanto  ronia  fit  obprobrio. 
\l  clanianl  cuncti.  rome  uenalia  cuncta. 

Peruectique  iliis  omnia  muneribus. 
Dicat  enim  ydolalram^  babilon  tibi  paulus  aiiaruni 

Non  es  auara  quidem  tu.   sed  auaricia. 
Et  sapiens  perhibet  nil  esse  scelestius  illo. 

Venaleni  qui  habet  seque  animamque  suam. 

IfJlos  est  romanis  in  causis  cottidianis. 
Si  sonat  ante  fores.   bona  uita.  sciencia.  mores. 
Non  exauditur.  si  nummus.  niox  aperitur. 
Audito  nummo  quasi  uiso  principe  summo. 
Dissiliunt  ualua.'.  nichil  auditur  nisi  salue. 
Accurrunt  turbse.   tola  fit  jjlausus  in  nrbe. 
Papa  siniul  plaudit  quia  nemo  libencius  audil. 
Nvmmus  procedit.   loquifur.   pater  audit  oba^dit. 
Omnia  concedit.  sine  teslibus  omnia  credit. 
Quicquid  uult  preslat.  tamen  hwc  distincio  restat. 
\\  bene  pensetur.  numeratus.  in  igne  probelur. 
6^    Ignibus  exustus.  colitur  pro  marlire  iuslus. 
Siqne  rogarentur.  pauli  -  prius  ossa  darentur. 
Gracior  est  petro.   redil  omnis  gratia  retro. 
Ne  petat  abscessum  paler  hunc  uocat  ilico  sessura. 
Atque  manu  captat.   captuni  '  uicinius  aptat. 
Parte  locaf   dextra.   sed  pauper  truditur  extra. 

Accipe.   sume.   cape.   tria  sunt  gratissima.  papa-. 
Nil  do.  nil  presto,   nequeunt  succurrere  mesto. 

1.  Dicat  yilolatram  cü         -».  das  pi/nkf  hinter  pauli.         ^.  aus  capi 
tum  gebefsert. 


ROM  UND  DER  PFENNING.  303 

13'    MiN  lerra  siiiuimis  rex  est  hoc  tempore  iiuinmus. 

jVumninm  niirantur  reges,  et  ei  famulantur. 

Nuninio  nenalis  Tauet  ordo  pontificalis. 

Nummiis  in  abbatum  cameris  retinet  dominalum. 

Nunimum  nigrorum  veiieratur  lurba  priorum. 

Nunimus  magiiorum  iudex  est  eonsiliorum.  ^ 

Euocat  ad  plenuin  destercore  immmus  egenum. 

Nummus  adulatur  nobis.  post  blaiida  minatur. 

Nummus  nientitur.   immnuis  uerax  reperitur. 

Nummus  periuros  miseros   faoit  et  perituros. 

Nummus  auarorum  deus  est.   et  spes  cupidorum. 

N.  in  errorem  mulierum   ducit  amorem. 

N.  uenales  dominas  facit  inperiales. 

N.  raptores  facit  ipsos  nobiliores. 

N.  iter  cwli  claudit  reseratque  fideli. 

N.  emit  uillas.    struit  istas.  deslcuit  illas.  - 

N.  peruers«  decrela  facit  sua  perse. 

N.  si  3  loquitur  pauper  tacet.   hoc  bene  scitur. 

N.   donalus  dal  honorem  pontificatus. 

N.   corda  necat.   sapienlum  lumina  cecat. 

N.  ut  est  certum  stultum  facit  esse  disertum. 

N.   non  modicus  ficfos  acquiiit  amicos. 

In  nummi  mensa  sunt  spiendida-*  fercula  densa. 
Dazu  steht  noch  am  rande,    senkrecht  der  länge  des  ge- 
dichtes  nach  geschrieben,    Ecce   patet  quique  quod  nummus 
regnat  ubique. 

29''    Roma  sitit.  *  siciensque  bibit.  bibit  atque  bibendo. 

Plus  sitit  et  bibit.  ^  et  bibit.  et  sitit.   et  siciendo. 

Non  minuatur  ei  sitis  inmcnsa'  rabiei. 

Ni  prius  in  roma  distillent  aurea  poma. 
Die  gleichen  verse  auch  s.  283 ' ;  nur  geht  noch  einer  voran 
Roma  tenet  morem  non  dum  saciata  priorem.   und  der  zweite 
(Plus  sitit  n.  s.  w.)  lautet  hier  Quid  faciat  nescit.  quia  plus 
sitis  arida  crescit.  WILH.  WACKERNAGEL. 

1.  wohl  conciliorum,         2.  illas — istas.         3.  Et.  IN.         4.  sledida 
5.  Roma  bibit  sitit.         6.  bibit  et  sitit. 


30^ 


LIBER   SENTENTIOLARUM. 

Nachstehende  54  Inteinische  reimsprüche  sind  aus  einer 
zürcherischen  handschrift  des  zwölften  Jahrhunderts  ent- 
nommen, tvafserkirche  C  ^Vo/s  (vergl.  bd  5  dieser  Zeit- 
schrift s.  293) ;  ein  theil  derselben  ko?nmt  bereits  unter 
denen  vor  die  Haupt  aus  einer  gleichalten  Wiener  hand- 
schrift in  den  altd.  blättern   1,  lOy.   bekannt  gemacht  hat. 

s.  IV     iM'ipiuiit  diiiersarum  prouerbia  rerum. 

Assidue  gelidi  flant  exaffmibus  euri. 

Aureus  ul  cacabus  sil  uult  argenteus  uncus. 

Anulus  ex  uitro  uitreo  debetur  amico. 

Byrrum  sola  feras  licet  est  si  nirabus  omittas. 

Bos  presepis  eget  canis  hunc  absleniius  urget.  5 

Ante  quod  extilerit  nurui  socrus  inuida  noril. 

Comnialer  dautis  nianui  est  maiius  accipientis. 

Conipar  amat  similem.    quod  aniatur  aiuabit  amantem 

Caulibus  occasu  carel  ortus  uendilur  orlu. 

Credilur  oimie  capit  quod  cognoscil  caput  in  se.  10 

Discere  contempsil  qui  non  exordia  sumpsit. 

Effodil  foueam  uir  iniquus  incidel  illam. 

Est  annosa  canis  uix  assucfacla  catenis. 

En  ouis  illa  uetus  quam  parua  uidebitur  agnus. 

Föns  SU?  turbatur  porcellus  in  hoc  adaqualur.  15 

Fit  bonus  auditor  doctrine  sepius  auctor. 

Für  dum  laudat  equum.   stabulo  deflexit  oceilum. 

Grandinc  tutus  erit  sibimel  quirunque  touabit. 

Germanus  latis  fiel  prec-iosior  agris. 

Humescit  facile  pluuia  locus  humidus  ante.  20 

Incaute  cccidil  temere  quicunque  cucurrit. 

1.  die  handschrift  exasinibus  2.    fit  uultargeus  -4.    est  si  aus 

cum  sit  gebefsert.         6.  nurus         7.  manui  aus  mauus  gebefserf. 
8.  Übel'  quod  noch  qui       9.   ortus]  altd.   bl.   1,  11,27  horti  12.  in- 

cidet  in  der  hu.   aus  lapsus  in  gebefsert. 


LIBER  SENTENTIOLARUM.  305 

Innueral  propera  catulo   cauis  hie  quoqiie  cauda. 
In  (liscendo  lupiis  nimis  affirmans  ait.  agnus. 
Jude  lupi  speres  caudani  cum  uideris  aures. 
Iiifra  qiiod  fliuiium  lurbet  lupus  arguit  agnum.  25 

Lela  breui  niueis  plausil  coniicula  pullis. 
Laudem  nulla  lapit  dilectio  que  cilo  transit. 
Nemo  uiam  uelerem  uel  amici  spernat  aniorem. 
Non  geminis  generis  uua  datur  unica  matris. 
Nala  iacens  crescil  nee  scmpcr  inulta  putrescit.  lU) 

Non  facile  manihus  uacuis  occiditur  ursus. 
Ne  data  disluleris  Ic  Tonte  renale  leuantis. 
Progenies  auium  mala  fedal  stereore  niduni. 
21''   Phi  sonuit  fuscum  ridens  ardaria   furnum. 

Prolempsin  loculis  facit  ante  talenta  patenis.  'S'i 

Perna  uiri  lenuis  fumosa.  dolorque  potenlis. 
Qvi  petit  alta  nimis  relro  lapsus  ponitur  imis. 
Qvod  fiiri  tulerit  Cur.   indempnis  relinebit. 
Qvod  semel  inmisit  gula  raro  lupina  remisit. 
Qvod  totiens  rediit  cassiim   canis  inde  senescit.  40 

()\'i  miüit  stullum  differl  sua  commoda  multum. 
Qvi  pauet  exculmis  slipulis  non  incubet  ullis. 
Qvisqvis  arans  seuit  cum  demone  semen  amittit. 
Hie  par  über  erit  qui  non  seruire  timebit. 
Qvi  cuiTit  glaciem  se  monslrat  non  sapientem.  45 

Stagnum  litus  edit.    torrens  properando  recedit. 
Callis  et  anticus  tibi  non  uilescat  amicus. 
Passer  adest  tectis  auibus  reliquis  procul  actis. 
Non  est  illa  ualens  que  uidum  slercorat  ales. 
Tangeutem  cacabi  maculat   fuligo  uetusti.  50 

Sorice  iam  plena  contingat  amara  larina. 
Sedibus  in  mediis  homo  sepe  resedit  in  imis. 
Ridenli  domino  diffide  poloque  sereno. 
Raro  senem  sensu:  sed  habes  precedere  cursu. 
Est  antiquarum  über  hie  senlentiolarum. 

22.  propere  —  caude         25.  arguit  aus  arguet  gebefsert.      26.  breuis 
34.  phustmn  36.  Berna  —  famosa  38.   gebefsert  aus  für.   hoc 

indempnis  habebit.  47.    Collis  48  {altd.  bl.   1.  11,23).    auibus 

reliquis  fe/i/t  und  e<!  /xf  dafür  roiim  gelafsen. 

Z.   F.   D.   A.    VI.  20 


306  LIBEK  SENTENTIOLARUM. 

KLMGES  ZUR  ERKLÄRUNG  UND  VERGLEICHLNG. 

1 .  aus  der  heimat  wehet  der  wind  unsiifs,  weil  er  nämlich 
heimweh  ei'iveckt.  nicht  so  den  ininnesingern  :  diesen  ist 
er  als  böte  der  geliebten  leillkommen:  Raynouard  Z^  84. 
318.  vdH.  MS.  1,  15^  Hehnbr.  1461. 

2.  ringe  von  glas  {Theoph.  presb.  schedula  diversar.  ar- 
tinm  343y".  Lessing)  oder  mit  falschen  glassteinen  be- 
setzt {Freid.  126,  2.  373.  Stricker  11,  26jf.  Hahn:  das 
römische  glas  Eracl.  856  ineint  antike  gemmen  von  glas- 

Jlujs)  waren  ein  schmuck  ärmerer  leute  und  ihrer  kinder 
{fValth.  50,  12.  Elisab.  Diut.  1,  390):  daher  als  be- 
zeichnung  von  etwas  iverthlosem  Gott  fr.  Trist.  16874 
(wachtelmäre  222?).  unser  spruch  kann  auf  die  gebrech- 
lich kcit  wie   auf  die  J'alschheit  gehen. 

5.  6.  vergl.  die  fabel  vom  neidischen  hunde  altd.  wälder 
2,  96. 

8.  man  spricliel  siclierliclien  ein  iej^licli  snoclil  sin  gliciien' 
Morolf  50\ 

13.  twingst  du  den  allen  huni  in  l)ant,  sn  nialil  du  hiielen 
dnier  liant  Morolf  51". 

18.  svvcr  nach  siner  girde  im  selber  donret.  der  mac  wol  be- 
lialden  allen  sinen  bou  vil  unverhagelel  Titurcl  ^Th&.  swer 
selbe  witert  swie  er  wil,  den  ensol  der  hagel  slahen  sel- 
ten vdHag.  MS.  2,  78''.  er  {golt)  teilil  weit  vnd  wiltirt 
swie  er  so  (so)  wil  so  stal  daz  weiter  Martina   10''. 

20.  söz  regenot,  so  nazzent  ti  boumä  altd.  leseb.  124,  14. 

24.  thar  er  mer  ulfs  von,  er  et  eyro  sec  Fafnis  mal  35. 
vergl.  Edda  d.  br.  Grimm  1,  200—202.    Reinh.  s.  419. 

28.  noch  einmal  in  anderer  fafsung  z.  A7. 

29.  lune  mäht  nicht  mit  eincro  dohder  zeuuena  eidinia  ma- 
chon altd.   leseb.   124,  11. 

30.  Wortspiel  mit  natta  matte  und  natta  beule,  so  dqfs  ia- 
cvns  auf  jene,  crescit  auf  diese  bcdeutung  gienge,  pufres- 
lit  auf  beides  zugleich?  oder  ist  tacens  zu  lesen,  und 
blofs  eine  beule  gemeint? 

31.  weniger  passlich  in  den  altd.  bl.  1.  10,  6  anguis  stall 
nrsus. 

33.  in  anderer  fafsung  turpis  avis  proprium  quae  foedal  ster- 
core  nidum  Mones  anz.  7,  504.  67  und  unten   z.  49. 


LIBER  SENTENTIOLARÜM.  307 

35.  kein  Sprichwort,  nur  wie  etwa  22  eine  sprichwörtliche 
reilensart :  er  macht  eine  prolepsis  in  beuteln  ehe  er  zu 
geld  in  schilfsein  kommt,  gehl  in  schüfsein  auch  Ruodl. 
3,  314,  in  scheffeln  Grinwis  und  Schwellers  lat.  ged.  382. 

38.  diep  stal  diebe  fFalth.   105,  25. 

40.  sotist  vom  wolfe  :  von  unnützen  gengen  ist  der  wolf  wise 
altd.  leseb.  834,  21.  vergl.  swie  ich  tuon,  so  ist  ze  groz 
min  missetät  hie  unde  da.  von  schulden  ist  der  wolf  gra : 
vvan  swaz  er  in  der  werlte  luot,  ez  si  übel  oder  guot,  man 
hat  ez  doch  für  arc  Heinrichs  kröne  60.  ist  demnach 
canis  in  lupus  abzuändern? 

42.  vergl.  swer  da  fürht  daz  in  die  helnie  bizon,  dem  sol 
niht  in  daz  strö  schizen  Morolf  48''. 

43.  der  teufel  als  siimann  aus  ev.  Matth.  13,  39.  vergl. 
Jac.   Grimms  mythol.  964. 

45.  in  anderer  fafsung  currilur  in  glacie  vehementer  ab  in- 

sipiente  Mones  ans.  7,  507,  137. 
48.   vergl.  in  Mones  anz.   7,  504,  64   passere  sub  tecto  re- 

manente  recedit  hirundo. 
50.    aus   einer   salmansweilerischen    hs.    in  Mones  anz.  3, 

33,  13. 

52.  vergl.  wie  sin  wir  versezzen  zwischen  frceiden  nider  an 
die  jämerlichen  stat  fValth.  13,  19.  sus  bin  ich  an  die 
blözen  stat  zwischen  stüelen  zwein  gesezzen  vdH.  MS. 
1,  307\  da  von  iu  reht  alsam  geschiht  als  einem  der  bi 
stüelen  zwein  saz  in  ein  bäht,  und  er  uf  kein  da  niht  sitzen 
wolte  Ulr.  V.  Lichtenst.  602,  23. 

53.  ridenti  domino  nee  coelo  crede  sereno:  ex  facili  causa 
dominus  mutatur  et  aura  Mones  anz.  7,  507,  132.  vergl. 
sin  wolkenlosez  lachen  bringet  scharpfen  hagel  Walth.  29, 
13;  in  Heinrichs  kröne  38  wird  Keii  ein  morgenröt  hei- 
ler und  ein  vor  ungewarnter  hagel  gescholten, 

WILH.  WACKERNAGEL. 


20* 


308 


AUS   DIETERICHS    DRACHENKAMPFEN. 

Einem  vor  hundert  jähren  gedrucklen  bruchstückc  des 
gedicktes  von  Dieterichs  drnchenkämpfen,  das  von  denen 
die  sich  um  diese  litteratur  bekümmern  in  seinem  verstecke 
bisher  unbemerkt  geblieben  ist,  will  ich  den  geringen  räum 
gönnen  den  seine  Wiederholung  kostet. 

Johami  Friederich  Christ  kommt  in  dem  seltsamen  ge- 
misch  das  er  Villalicum  genannt  hat  {Leipzig  1746)  auch 
auf  altdeutsche  verskunst  zu  reden,  und  er  redet  davon 
allerhand  wunderliches,  wenn  man  wunderlich  nennen  darf 
was  damals  keiner  b«>J'seren  kenntnis  widersprach  und  an 
die  verkehrten  einfalle  bei  weitem  nicht  reicht  die  sich 
neulich,  nach  einem  Jahrhundert,  an  den  ältesten  deutschen 
Versbau  gewagt  haben.  Christ  giebt  dabei  (s.  232^.),  e 
fragmento  veteris  nienibranae,  quae  in  nianibus  est  probe  scri- 
pJa,  das  folgende  bruchstück,  das  nach  seiner  meinung  aus 
dem  heldenbuche  {den  Heroibus  Volrami  Escibacii)  ist,  von 
mir  aber,  obwohl  ich  die  Pfalzer  handschrift  nicht  ver- 
gleichen kann,  unbedenklich  als  ein  stück  von  Dieterichs 
drachenkämpfen  bezeichnet  wird,  da  die  sehr  abkürzende 
Umarbeitung  Kaspars  von  der  Röhn  {s.  146)  7nit  diesen 
Strophen  sichtlich  stimmt.  H. 


was  wil. 


....  die  vögeliu  störten. 

Das  sie  von  den  boomen  flogen. 

Vnd  gesanges  gar  vergazen.  5 

Vnd  sieb  vif  hohe  festen  zogen. 

Vnd  do  mit  sänge  sassen. 

Von  grünem  laiibe  waz  ir  lach. 

().   festen    verstelle    ich    nicht,     vielleicht    firste.     montium   cacumina, 
oder  felse. 


AUS  DIETERICHS  ÜRACHENKAMPFEN.  309 

Ob  iergeut  rauch  von  swerlen  ging. 

Der  det  in  do  kein  ungeniach.  10 

In  zorne  sprach  her  hiltebranl. 
Were  dem  von  berne   min  strit  bekant. 
Er  mohle  nun  wol  spoten. 
Das  ein  einig  Sarrazin. 

Sich  hat  so  lange  erwerct  min.  15 

V^n  ich  in  gantzen  roten 
Jm  hude  kaii  gcsigen  an. 
Ist  daz  niht  ein  wunder. 
Ich  muste  in  vngestrafet  lan. 

Ich  weiz  wol  vnd  befunder.  20 

Daz  sich  nun  wert  ein  einig  man. 
Ich  muste  biz  an  minen  dol. 
In  vn  manigen  vngestrafet  lan. 

Sie  liefen  aber  einander  an. 
Da  wart  ez  baz  dan  e  getan.  25 

Die  ringe  sach  man  risen. 
Von  iren  s werten   daz  geschach. 
Daz  vil  der  starken  nyten  brach. 
Von  stahel  vnd  von  ysen. 

Des  beiden  brunige  muste  lan.  30 

Durch  freisen  allenthalben. 
Kein  meister  daz  geheilen  kan. 
3Ieissel  noch  die  salben. 
Enhorten  nach  sinen  siegen  niht. 
Er  sprach  dir  enhelfe  danne  der  vi(nl.)  35 

Kein  leit  mir  nu  von  dir  geschiht. 
Lsta  in  fronte  membranae  leguntur :  haec  a  tergo  manca 
.    .   .  n  vfF  den  dag  getr(agen.) 
.   .  ene  nun  sorge  si  da  hin. 
.   .  ch  si  soltu  den  frauwen  sagen. 

Dirre  werde  helt  vnstet  für  mich. 
Getwerg  nu  hebe  von  h(in)nen  dich.  5 

(und  sa)ge  den  frauwen  mere. 
.   .  nge  daz  ich  si  genesen. 

13.  21.   lies  miD         35.  gedruckt  steht  danuc 

2.  lies  min  7,  eiz]   gedruckt  steht  crz.     alle  ergänningen  sind 

von  mir. 


310  AUS  UIETERICHS  DRACHENKÄMPFEiN. 

(und  hjeiz  si  hohes  müdes  wesen. 

(ver)gangeu  ist  min  swere. 

(und)  daz  sie  ir  valwen  locke  reit.  10 

(hind)er  die  oren  strichen. 

(und)  vf  ir  krentzelin  sin  bereit. 

(und)  daz  i  maidelin  blichen. 

.  .  lazen  vnd  ir  wengelin  rot. 

.   .  erhell  wun  frideschilt.  15 

.   .  id  nun  sin  vor  den  dot. 

Daz  getwerck  von  dannen  ging. 
Einen  slig  ez  aue  ving. 
(ze)  einen  holen  steinen. 

(da  s)az  die  kunige  obe.  20 

(ge)kleidet  mit  keiserlicheni  lobe, 
(sie)  und  ir  megede  reine, 
(de)  sie  sahen  daz  getwerck. 
(sie)  fragten  iz  der  mere. 

(sie)  ilten  zu  im  vor  den  berg.  25 

(wiez)  in  dem  wähle  were. 
(daz)  gctwerg  mit  zuhten  sprach. 
.   .   .  zur  mit  fride  ein  ander  hat. 
(al  iwe)r  leid  vnd  ungemach. 

Daz  antworte  nit  die  kunigin.  30 

Ez  Avere  zit  vnd  m(öh)les  sin. 


Vi.   es  steht  of  13.    14.   vielleicht  und  daz  si  ir  inüüdel  bliclieu  niht 

läzen          16.  'Ih.  lies  vür           19.    lies  ze  einem  h.  steine           '20.  lies 

küniginne         'ib.  es  steht  iltem         28.   vielleicht  iezuo  mii       30.  lies 
des  antw.  im 


311 


Zr     VOLÜSPA. 

1.     ORDNIWG  UNI)   ALTEK. 

Die  N'öluspa  stellt  sich  ia  die  reihe  der  gedichte  welche 
aus  älleru  liederu  durch  die  hand  späterer  bearbeiter  zu  eiueni 
ganzen  gestaltet  wurden,  sie  darl"  keinen  anspruch  auf  den 
namen  eines  uralten  Volksliedes  erheben,  sie  kann  aber  auch 
nicht  als  ein  reines  kunstgedicht  angesehen  werden,  wozu  sie 
Bergmann  machen  will. 

Dem  gedichte  liegt  ursprünglich  der  plan  zu  gründe  eine 
Schilderung  der  weltschöpfung  und  des  Weltunterganges  zu  ge- 
ben, lür  beide  gegenstände  waren  alte  Volkslieder  vorhanden, 
zum  theil  nur  in  bruchstiicken,  die  der  zusammensteller  be- 
nutzte, die  Verbindung  zwischen  jenen  zwei  theilen  bilden 
die  Vorzeichen  und  andeutungen  auf  ragnarökr.  halten  wir 
dies  fest,  so  wird  es  leicht  sein  die  Unordnung  in  der  stro- 
phenstellung  zu  heben. 

Nach  zwei  Strophen  die  sich  durch  das  vordrängen  der 
persönlichkeil  der  vala,  hinler  der  sich  der  uraarbeiter  ver- 
birgt, so  wie  durch  die  breiten  Wiederholungen  als  jünger 
kund  geben,  beginnt  die  Schöpfungsgeschichte,  der  anfang  der 
3u  Strophe  «;•  tY//',  eröffnet  auch  sonst  eddische  lieder:  vergl. 
Helg.  1,  I.  Godr.  1,  1.  Brynh.  2,  1.   Hym.  1.  Rigsm.  1. 

Gleich  in  den  nächsten  versen  trilt  die  Verwirrung  ein. 
sie  löst  sich,  wenn  wir  die  verse  söl  pat  ne  vissi  —  hval 
hau  megins  utti  mit  dar  Biirs  synir  —  mccran  skopii  ver- 
binden und  unmittelbar  an  die  Schilderung  des  ginüngagap  an- 
schliefsen. 

Das  chaos  ist  beseitigt,  Burs  söhne  beginnen  ihr  ordner- 
amt,  die  zwerge  werden  geschaffen  und  auf  Idavöllr  sind  die 
Äsen  in  göttlicher  heiteikeit  thätig.  die  kindliche  Sorglosig- 
keit findet  aber  ihr  ende  als  die  drei  Norneii  nahen  und  das 
erste  menschenpaar  geschaffen  ist. 


312  ZU  VOLLSPA. 

Der  meiisclieiischöpfung  schllelse  ich  die  Strophe  an 
pä  gengu  regln  öll  d  rökstöln, 
gmheilög  goä,  ok  um  pat  gtettuz, 
hvart  skyläu  Aesir  afrää  gialda 
edr  skyläu  goä  öll  gildi  eiga, 
die  ich  so  übersetze,   'da  giengen  die  rather  alle  aui'  die  ge- 
richlssliihle,    die    hochheiligen    gölter,     und    beriethen  ob  die 
Äsen  die  hilfe  entgelten  oder  alle  gölter  opfer  haben  sollten/ 
die   götter  berathen    also  ob  das   neugeschaffene  menschenge- 
schlecht  nur  dem  engeren  kreise    der  Äsen  opfer  für  die  be- 
freiung  {afrad  Vegt.  5)  aus  der  leblosen  masse  bringen  solle 
oder  ob  alle  göttlichen  wesen  den  genufs  davon  haben  dürften. 

Der  erste  theil  ist  cun  zu  ende,  ihm  schliefsen  sich  un- 
mittelbar die  hindeutungen  auf  den  Weltuntergang  an.  die  esche 
^'gdrasill  wird  erwähnt,  denn  unter  ihr  ist  Heiradalls  hörn 
verborgen,  das  beim  einbrach  der  götterdämmerung  erschallen 
wird,  der  diaskeuast  benutzt  aber  die  crwähnung  der  esche 
um  bruchstiicke  eines  liedes  einzufügen  das  die  Verpfändung 
von  Odins  augc  besang,  ich  kann  nicht  leugnen  dafs  ich  hier 
überdies  eine  starke  Überarbeitung  vermute,  die  verse  padnn 
komn  mejjar  margs  vita/uU  sind  sehr  ungeschickt  durch  die 
Wiederholung  des  padim  koma  an  die  vorhergehende  strophe 
angeknüpft;  die  Umschreibung  des  brunnens  als  ved  Valßi- 
äurs  ist  ganz  aus  dem  geiste  der  skaldenpoesie. 

Ich  setze  hierauf  die  begebenheiten  welche  den  Untergang 
der  götter  verschulden,  den  krieg  der  Äsen  und  Vanen,  die 
eidbrüchigkeit  gegen  den  riesischen  baumeister  Asgards,  und 
JJaldurs  tod.  hieran  schliefst  sich  die  Schilderung  der  orte  in 
denen  sich  das  verderben  vorbereitet:  es  ist  der  saal  des 
Zwerggeschlechtes  (salr  Sindra  (cttm^),  das  auch  in  hrafna- 
galdur  dem  tode  ßaldurs  mit  frcude  entgegensieht,  und  die 
liesenwelf.  die  Strophen  welche  die  traurigen  peinvollen  orte 
auf  näströnd  beschreiben  sind  unecht,  von  dem  germanischen 
glauben  war  die  Vorstellung  von  höllenstrafen  durchaus  fern : 
die  todten  bei  Hei  lagen  im  schlafe :  die  kalte  nebelwelt  steht 
überdies  in  geradem  gegensatzc  zu  der  siedenden  feuerweif 
der  kirchlich -mittelallerlichen  Vorstellung,  von  strafen,  welche 
die  missclhätcr  nach  dem  tode  leiden  sollen  weifs  der  Ger- 
mane  nichts:  die  erniedrigung   welche  der  verhafsle   Hunding 


zu  VÖLISPA.  313 

in  Vallhöll  erfährt  (ScTiii.  166^j  ist  weit  von  diesen  quälen 
entfernt. 

Auf  die  Schilderung  jener  orte  mufs  die  anfiihrung  der 
Ihiere  folgen  die  bei  dem  Weltuntergänge  thätig  sind,  zuerst 
also  wird  gesagt  wie  Fenris  geschlecht  aufgezogen  wird,  hier 
sind  verse  eingeschoben,  ich  lafse  auf  Fenrh  kiiidir  unmit- 
telbar sat  [)(()'  ä  haugi  folgen,  die  breite  des  inhalts  des 
dazwischen  liegenden  bestimmt  mich  dazu:  aufserdem  enthält 
die  angäbe,  der  wolf  werde  in  tröllsgestalt  den  mond  ver- 
schlingen, eine  Unrichtigkeit,  troll,  das  nur  hier  und  in  der 
Zusammensetzung  tröUhona  Saem.  146"  in  der  älteren  Edda 
begegnet,  wird,  so  viel  ich  weil's,  nie  in  der  bedeutung  wolf 
gebraucht,  der  ausdruck  tr'ölls  hamr  entbehrt  also  wenig- 
stens der  bestimmfheit  die  der  mylhus  sowohl  als  die  alte  poe- 
sie  verlangt,  das  verdunkeln  der  gestirne  durch  das  blut  das 
der  wolf  um  sich  spritzt  ist  eine  neue  ertindung  des  dia- 
skeuasten. 

Nachdem  (iarmr  und  die  drei  söhne  erwähnt  sind  folgt 
die  beschreibung  des  anbriichs  von  ragnarökr.  die  Vorzeichen 
welche  in  dem  sittlichen  verderben  sich  darstellen  halte  ich 
für  eine  zuthat  des  christlichen  anordners :  die  thätigkeit  Lo- 
kis,  die  eidbriichigkeit  der  götter  sind  die  nordischen  Vorzei- 
chen, wie  sticht  auch  die  träge  spräche  von  der  scharfen  ra- 
schen darstellung  der  nächstfolgenden  Strophen  ab.  diese  ist 
das  beste  zeugnis  gegen  alle  vorher  angezweifelten  stücke : 
hier  ist  der  nordische  geist  noch  ungeschwächt  und  unver- 
mischt;  er  ist  ebensoweit  entfernt  von  matten  darstellungen 
wie  von  skaldischer  dunkelheit. 

Die  Schilderung  der  neuen  erde  schliefst  das  gedieht,  ich 
wüste  nicht  weshalb  die  nächsten  Strophen  anzugreifen  wären, 
dafs  die  erde  aus  dem  meere  auftaucht  ist  wenigstens  nicht 
in  der  kirchlichen  Überlieferung  enthalten,  nach  den  gedich- 
ten  von  den  fünfzehn  zeichen  verbrennt  sogar  das  meer.  da- 
gegen finden  wir  die  Vorstellung  dafs  die  fluten  den  weltbrand 
löschen  werden  auch  bei  dem  skalden  Arnor  (skaldskap.  122) 
und  im  cod.   exon.  447,  1 1  ff. 

Die  beschreibung  der  zukünftigen  freuden  ist  ganz  ger- 
manisch, grüne  wiesen,  fische  und  vögel  zur  jagd  schmücken 
wohl  ein  deutsches  Elvsium,  aber  keinen  christlichen  hiuimel. 


314  ZU  VOLUSPA. 

dessen  Vorstellung  aus  der  strophe  sal  ser  hon  atanda  — 
ij/idis  niota  herausbricht,  so  unecht  wie  diese  sind  die  fol- 
genden verse.  die  ganze  bedeutung  des  weltbrandes  nach  ger- 
manischer anschauung  wird  durch  das  gericht  das  auf  der 
neuen  erde  gehalten  werden  soll  vernichtet,  ragnarökr  selbst 
ist  das  urtheil  welches  den  sündigen  göttern  gesprochen  wird, 
und  die  sühne  ist  vollständig  durch  den  kämpf  und  brand  voll- 
zogen; darum  kehrt  Baidur  von  Hei  zurück,  das  von  oben 
herabkommen  des  richtenden  ist  auch  biblisch :  Baldur,  der 
eigentliche  golt  der  neuen  weit,  kommt  von  Hei  herauf,  die 
ausdrücke  semja,  sakar  (cggja  (sakar  (lei/J'a  Godrhrm.  23. 
s.  sveßa  Brynh.  1,  37.  s.  sclju  trygdani.)  und  kaup  begeg- 
nen nirgend  sonst  in  der  älteren  Edda,  wie  sehr  steht  auch 
«ler  ton  dieser  strophe  von  dem  echten  nordischen  ab,  wie 
breit  und  matt  ist  er.  die  erwähnung  des  drachen  der  über 
die  weit  fliegt  zeigt  sich  auch  als  jung,  die  Vorstellung  ge- 
llügeltcr  schlangen  ist  der  älteren  Edda  fremd,  das  wort  dreki 
selbst  erscheint  unter  den  eddischen  liedern  nur  im  jungen 
Solarlied.  übcM'dies  ist  in  der  benennung  desselben  thieres 
durch  droki  diniiiii  und  luidr  J'rnnii  ein  arger  Widerspruch, 
den  nur  ein  üherarbeitcr  verschulden  konnte  der  gedankenlos 
nach  stehenden  ausdrücken  haschfe. 

Aus  dem  gesagten,  hollc  ich,  wird  sich  die  behau|ttung 
als  richtig  erwiesen  haben  dafs  V'öJuspa  aus  allen  liederstücken 
zusammengefügt  und  mit  Jüngern  Zusätzen  versehen  ist.  ein 
einziges  alles  lied  kann  ich  nicht  als  gruudlage  annehmen, 
dagegen  spricht  sowohl  die  Verschiedenheit  des  tones  in  den 
Strophen  gegen  deren  alter  ich  nichts  einzuwenden  weifs,  als 
auch  das  fragmentarische  in  einzelnen  iheilen,  namentlich  in 
Sicni.  5.  ich  weifs  sehr  wohl  dafs  es  eigenlliümlichkeit  jeder 
allen  poesie  ist  die  begebenlicilen  nur  anziideulen  und  eher 
zu  springen  als  ruhig  fortzuschreiten,  allein  das  äuge  sieht 
doch  bei  jedem  sprunge  das  IVsle  ziel  vor  sich ;  hier  aber  ist 
es  ein  sprung  aufs  geralliewohl.  wie  rathlos  sich  die  hand- 
schrillen sowohl  als  die  ausgaben  gerade  in  diesem  mittleren 
I heile  des  gedichles  verhallen   weifs  jeder. 

Es  erhellt  aber  auch  aus  dem  angeführten  dafs  Völuspa 
in  der  überlieferten  geslalt  uicht  auf  das  hohe  alter  anspruch 
machen  kann  das  ihr  manche  wohl  noch  zuschreiben,  sie  mufs 


zu  VÖLUSPA.  315 

eiilsluuden  sein  als  das  christenllium  bereits  in  den  jNorden 
eingedrungen  war,  also  nach  dem  beginne  des  neunten  Jahr- 
hunderts, indessen  dürfen  wir  sie  auch  nicht  zu  weit  herab- 
seien, in  den  versen  welche  Bragi  dem  alten  Snorraedda 
s.  175  beigelegt  werden  heilst  tröU  helhvelg  himins,  was 
augenscheinlich  aus  der  vorhin  angezweifelten  stelle  der  V'ölu- 
spä  (Saim.  6")  genommen  ist.  anklänge  an  einzelne  ausdrücke 
unsers  gedichtes  zeigen  auch  die  gedichte  höfuähmsn  und 
so/tartorrek  von  Egil  Skalagrimsson  (938).  wir  werden  also 
wohl  nicht  fehl  gehen,  wenn  wir  die  Vökispä  in  die  erste 
hälfte  des  neunten  Jahrhunderts  setzen. 

2.    KLEINE    BEMERKUNGEN. 

Ssem.  5".  gudin  Uli.  s.  Hrafnag.  23  (Hrafnagaldur  hat 
vieles  aus  einer  schlechten  hs.  der  Völ-  in  sich  aufgenommen). 
god  öll  Lokagl.  45.  55.  über  den  gebrauch  des  sufligierlen 
arlikels  im  nordischen  s.  gr.  4,  432,  womit  folgendes  zu  ver- 
gleichen ist.  n.  sg.  m.  Harb.  3.  Ilav.  71.  n.  sg.  ni.  Harb.  2. 
13.  53.  Lok.  58.  Grip,  11.  Sig.  2,  18.  Fafn.  35.  Godrhv. 
20.  g.  sg.  m.  Harb.  54.  d.  sg.  m.  Harb.  3.  38.  51.  —  d.  sg. 
f.  Harb.  7.  Atlqu.  32.  a.  sg.  f.  Helg.  Hat.  1.  Harb.  7.  29. 
53.  —  a.  sg.  n.  Harb.  l.  3.  13.  15.  Oddgr.  21.  g.  sg.  n. 
Godrhrm.  23.  n.  pl.  n.  (Völ.  27.  Hrafn.  23.)  Godrhrm.  23. 
a.  pl.  n.  Lok.  53.  Fiölsv.  14.  —  god,  die  heidnische  Ibrni 
des  Wortes,  gen,  neutr.,  bezeichnet  nicht  die  götterbilder,  son- 
dern die  mächtigen  lebensvollen  göttlichen  wesen.  gud,  gen. 
masc,  findet  sich  nur  im  Sölarl.  und  bezeichnet  den  christ- 
lichen gott.  vergl.  myth.  12.  13. 

Sffim.  4'.  [)wi's.  über  das  pronouiinalsufiix  er,  (e)s  vergl, 
gr.  3,  22.  Rask.  r)35.  in  der  Edda  findet  es  sich  an  folgen- 
den formen,  [m/i/is  Hym.  3,  38.  Helr.  Brynh.  10.  Atlm.  94. 
102.  Häv.  46.  Lodf.  10.  pat^-  Helg.  Hat.  2.  Grip,  19,  20.21. 
Godr.  1,  I.  Brynh.  2,1.  Helr.  Brynh.  10.  Atlam.  39.88.  107. 
Hav.  41.  Lok.  65.  peims  (A.  sg.  m,)  Häv.  3.  peirs  Grim.  33. 
Runat.  27.  pa'rs  Völ.  19.  61.  —  par  :  pars  Grim.  8.  Harb. 
58.  Lok.  50.  Sig.  2,  24-  Brynh,  2,  11.  44,  Helr.  Brynh.  11. 
Helg.  Hat.  30,  Häv.  68.  —  hrar  .-  hi^ara  Völ.  25.  Fafn.  17. 
30.  Helr.  Brynh.  3.  Allqu.  12,  Atlm.  49.  Lodf,  18,26.  Runaf. 


316  ZU  VOLLSPA. 

16.  —  hi^crr  .-  hvpis  Fiölsv.  49.  —  setns  Atlm.  108.  — 
pegars  Atlm.  10. 

Saem.  4*^.  raldi  kern/'  Herfödur  hringa  ok  men.  über 
den  gebrauch  von  deila,  vclja  und  kiosa  habe  ich  folgendes 
beobachtet,  derlei  theilen :  cit  hvärgi  lez  hößium  deila  gull 
nä  rar  dir  Brynh.  2,  37.  era  mer  gulls  vant  i  Gymis 
g'ördum  at  deila  fe  födars  Skiru.  22.  vertheilen :  pü  kun- 
nir  aldregi  deila  vig  med  verum  Lokagl.  22.  pü  kunnir 
aldregi  deila  med  mönmivi  mal  ebenda.  46.  railtheiien,  schen- 
ken :  Rigsni.  26.  42.  Sig.  3,  8.  aus  der  formel  sukar  deila 
Brynh.  2,  32  entwickelte  sich  die  bedeutung 'streiten'  für  deila 
allein.  —  velju  wählen,  das  theilen  wird  also  vorausgesetzt : 
Godhv.  7.  Atlaqu.  4.  Hrafn.  9.  mittheilen,  das  gewählte  ver- 
schenken Helg.  Hat.  42.  Godrhrm.20.  Atlaqu.  38.  Lok.  7. — 
kiosa  kiesen,  wählen:  Helg.  Hat.  4.  Brynh.  1,  21.  nii  skaltu 
kiosa;  alls  per  er  knstr  umbodinn,  sögn  edr  P'ögn.  vergl. 
Godhrm.  34.  Allam.  27.  104.  Vafprudn.  41.  Fafn.  12.  Grim. 
8.  14.  Lodf.  26.  —  s.  rechtsalt.  34.  Wackernagel  zeitschr. 
f.  d.  alt.  2,  542  ff.  Benecke  zu  Iw.  4630. 

Saem.  5^  pat  man  hon  folkrig  fyrst  i  heimi  und  pat 
var  enn  folkrig  f.  i.  h.  —  formelhafte  und  sprichwörtliche 
stellen  finden  sich  mehrere  in  den  Eddaliedern,  bei  manchen 
ist  geradezu  entlehnung  anzunehmen.  Völ.  38.  Vegt.  16.  — 
Häv.  14.  Brynh.  1,  30.  —  Häv.  20.  Vaffjr.  10.  —  Häv.30. 
Lok. 31.—  Hav.65.  Fafn.  17.—  Hav.81.  Runat.5.—  Lodf. 
10.  Grim.  17.—  Lodf.  16.  Brynh.  1,26.—  Rigsm.29.  Brynh. 
2,  2.  —  Helg.  1,  44.  Völs.  10.  —  Grip.23.41.  Godr.  1,18. 
Godrunarharmr  2.  —  Godhrm.  41.  Atlaqu.  39.  —  Atlam.  7. 
73. —  Godrunarhvöt2.  Hamd.  3.~  Godrhv.  4.  Hamd.  6.  — 
vergl.  auch  meine  disserfation  Spicilegium  formularnm  e.v 
antiquissiniis  Germanorr/m  carminibus  congeslarum. 

Swm.  6^.  röllum,  ed.  Havn.  rollo.  das  nomen  subst. 
wirft,  den  dal.  sg.  ausgenommen,  nie  die  flexion  ab.  bei  dem 
adj.  geschieht  dies  öfters,  vergl.  d.  s^.  n.  ha  Grim.  17. 
Groug.  12.  Lodf.  10.  ^vv/Godhrm.  2.  n.  pl.  f.  ilimmn  Sol.  13. 
hvitu  Godhv.  4.  döckni  Sol.  58.  a.  pl.  f.  glwddu  Sol.  31. 
d.  pl.  f.  gheddu  Sol.  59.  im  acc.  sg.  verschlingen  die  auf 
n  auslautenden  participia  präteriti  der  starken  verba,  das  Zahl- 
wort einn  und  die  pronomina  possessiva  die  flexion.     vergl. 


7A  VOLISPA.  317 

a/(l/fi/i  lii^sm.  1.  Hav.  64.  bhi7ifU/m  Hyiidl.  46.  Brynli.  1,5. 
hirkinn  Godhrm.  12.  bilinn  Helg.  1,  8.  einn  Hyndl.  5. 
Völund.  8.  ßrynh.  2,  63.  Helr.  Bryiih.  10.  Atlam.  43.  fal- 
linn  Godhrm.  25.  gulUnn  Völs.  6.  7ninn  {)rymsqu.  3.  Harb. 
13.  Fiolsv.  49.  Fafu.  25.  Helr.  Br.  10.  Atlaqu.  7.  Godrhv. 
17.  queäinn  Helg.  1,18.  rädinn  Fafii.  37.  rüinn  Fiölsv.  27. 
sinn  Hym.  13.  Hav.  16.  Sol.  24.  Helg.  Hat.  21.  Godr.  1,  3. 
Oddgr.  5.  Atlam.  61.  Hamd.  16.  prünginn  Iligsm.  4.  pinn 
[)rymsqu.  13.  20.  Helg.  Hat.  16.  Lok.  17.  Groug.  1.  4. 
Hyndl.  5.   Grip.  4.   Sig.  2,  9.   Fafn.  1.  Atlam.  56. 

Sa;m.  6''.  teinn,  gotli.  tains,  ahd.  mhd.  zein,  ags.  tan, 
alts.  ten.  Wh.  Grimm,  runen  301  ff.  —  bäum  Godhrm.  40. 
zweig  Fiolsv.  26  —  32.  spiefs,  gabel  Hym.  1.  Atlam.  83. 
vergl.  Eyrbyggjas.  cap.  4.  —  Havateinn  Fiölsv.  27 — 32. — 
gambanteinn  Harb.  19.  Skirn.  33.  zur  erkläruug  des  dunkeln 
gamban,  ags.  gomban  (myth.  928)  ziehe  ich  das  sanskr. 
Qambha  felix,  Indrae  silex,  herbei,  wonach  gambanteinn  dem 
glücksstäblin  Anshelms  vollkommen  entspräche,  vergl.  Weber 
Vcljasaneyasanhitä   1,  36.  37. 

SaMn.  8''.  Siirtr  kann  unmöglich  mit  Loki  zusammenge- 
worfen werden,  wenn  er  in  den  früheren  niythen  nicht  er- 
scheint, so  ist  das  sehr  natiirlicli,  denn  er  ist  eine  geburt 
der  jüngeren  zeit,  eine  personilication  des  rauchumhüllten 
weltbrandes.  seine  Verschiedenheit  von  Loki  tritt  deutlich 
hervor,  er  sitzt  als  raarkwart  in  Muspellheirar,  Loki  liegt 
in  banden;  Surtr  reitet  von  Süden  her  über  Bifröst,  Loki 
steuert  von  Osten  her  das  schiff  Naglfar ;  Surtr  kämpft  ge- 
gen Freyr  und  erschlägt  ihn,  Loki  streitet  mit  Heimdali  und 
beide  fallen,  wie  verkehrt  es  ist  Surtr  zum  gotle  der  neuen 
weltordnung  zu  machen  hat  Jac.  Grimm  schon  nachgewiesen. 

Saem.  9''.  inoldpinur.  Bergmann  nimmt  dies  wort  für  die 
weltesche.  es  ist  dies  falsch,  pinur  gehört  zum  stamme  thina 
than  thhmni  thunan  tendere  gr.  2,  56.  es  bedeutet  also  Span- 
ner, moldpinur  den  erdenspanner,  die  weltschlange,  er  liggr 
um  öll  land,  die  umgi'örd  allra  landa.  skaldsk.  158.  178 
heifst  Midgardsormr  stirdpimdl,  sk.  215*  begegnet  pinurr 
unter  dem  namen  der  schwerter,  gleich  den  schlangennamen 
Fafnir,  Goinn  und  Nidh'öggr.  —  dcema  heifst  in  der  Edda 
sprechen,  reden,  worüber  sprechen:  dcema  um  oder  o/'Lok.2. 


318  HEINZELEIN  VON  CONSTANZ. 

Rfgsni.  29.  ßrynh.  2,  21.  Godhrm.  43.  Lodf.  2.  mit  jemand 
spreclien :  d.  vüt  Harb.  9.  30.  \  ölund.  29.  wenn  es  urthei- 
len  iieifst  steht  sakcir  dabei,  >'()ls.  8.  Godhrm.  3.  —  vergl. 
zu  unserer  stelle  Sn.  76  setjaz  Im  allir  samt  ok  talaz  vid 
ok  mi/niaz-  ä  rünar  sinar  ok  rivda  of  tidindi,  poe  er  fi/rriim 
h'öfdu  verit  ok  M/dgnrdsorni  ok  um  Fenrisulf. 

Sa?m.  9*^.  fimhvl  begegnet  nur  noch  in  Zusammensetzun- 
gen als  der  Stärkung  gleich  regin^  tyr,  got.  ßmbulfambi 
Häv.  \Q^.  fimbulhliod  Kunat.  3.  fimhuloetr  Vaf|)r.  44.  fim- 
Imlpul  iWww.ll .  sk&ldsk.2lS.  Jim bi//pi/Ir^  Hav.  81.  Rünat.  5. 
ich  halte  Jlmbul  für  den  namen  eines  alten  gottes  und  den 
stamm  dorn  sanskr.  paiiib  ire,  sc  movere,  verwandt,  so  dafs 
also  in  ßmbuJ  wie  in  Odin  und  Vishnu  der  begriff  eines  durch- 
dringenden, brausenden  wesens  läge,  fimbul  ist  auch  name 
eines  llufses  in  der  Unterwelt  Sn.  4.  fiß  wäre  eine  jüngere 
form,  die  sich  zu  fimbul  verhielte  wie  fif  zu  fimf. 

Sjem.  10''.  vielleicht  ist  Gimill  geradezn  von  gim  abzu- 
leiten nnd  läfst  sich  dem  Glitnir  vergleichen,  die  Vorstellung 
>'alliölls  und  des  himmelsaales  stimmt  dazu,  vergl.  mylh.  777 
und   Herbort  von  Frizlar. 

HALLE.  KARL  VVEINHOLD. 


HEINZELEIN    VON    CONSTANZ. 

Im  kiinstblatte  für  1847  nr  7  (26  Januar)  beschreibt  herr 
dr  Heinrich  Merz  ein  in  der  schlofskapelle  zu  ßaldcrn  im 
Riefs  befindliches  altdeutsches  gemälde  auf  goldgrund  das  die 
anbeiung  der  weisen  vorstellt  und  auf  dessen  rahmen  mit  ro- 
Ihcr  Schrift  ringsum  folgende  verse  geschrieben  sind 

Got  here,  diu  aimcchtikeit, 

an  Ursprung  vnd  an  ende, 

zu  hoch  zu  tief  zu  lang  zu  breit 

ist  su/ider  alle  wende. 

du  bist  der  hi/mniel  rnd  erde  (reif 

zumal  in  sine  hende. 

mit  drien  personen  in  ein  got 

geflochten  rnd  gedrungen, 

du  alter  kunig  sabaoth. 


IIEINZELEIN  VON  CONSTANZ.  319 

der  (ürel  warf  betwungeu, 

do  du  mit  dinem  blute  rot 

uns  woldest  wider  ivtigen, 

samlich  der  fenix  in  der  gluet. 

du  hoher  got  gepriset 

tete  sam  der  pellicanus  tuet, 

der  vns  diu  wol  bewiset, 

iven  er  mit  sines  hertzen  bluet 

die  sinen  kinder  spiset. 

gesriwen  zo  Balderine  MOCCCyFyJl. 
Iierr  Merz  giebt  z.  10  wal,  was  dnickfehler  sein  mag,  und 
mit  offenbaren  lesefehlern  12  wugen  für  ivngeu,  l2/euiri'ür 
fenix,  16  om  für  diu.  aus  der  allerdings  'räthselhaft  ge- 
schriebenen' zahl  vermag  ich,  auch  wenn  ich  MO  statt  für 
millesimo  für  mc  gelten  lafse,  auf  keine  weise  1472  zu  ge- 
winnen, sondern  höchstens,  wenn  die  beiden  y  und  das  da- 
zwischen stehende  v  etwa  als  xxx  zu  lesen  sein  sollten, 
1432.  dafs  diese  Umschrift  die  drei  ersten  Strophen  von  Hein- 
zeleins  von  Constanz  gedieht  von  Joiiannes  dem  läufer  und 
Johannes  dem  evangelislen  enliiält  (Hag.  31S.  3,  408)  bedarf 
für  die  welche  mit  den  altdeufschen  dichlungen  bescheid  wifsen 
kaum  der  erwähiuing. 

In  derselben  schlofskapelle  befindet  sich  noch  ein  anderes 
bild  um  dessen  flügel  sich  nach  herrn  3Ierz  'theosophische  rei- 
me ziehen,  wie  es  scheint  von  derselben  band.'  leider  theilt 
er  sie  nicht  mit,  weil  er  '\\\  diese  verse  nicht  überall  sinn 
und  Zusammenhang  zu  bringen  weifs,'  was  doch  andern  viel- 
leicht gelingen  würde.  H. 


320 


WICHTE  L. 

Johann  Crämcr  m/s  Eschivege,  augnstinermUnch  und 
probst  des  nonnenklosters  zu  s.  Jacob  in  Kreiizbvr^g  an  der 
IVerra,  schrieb  eine  chronik  des  Petersklosters  zu  Kreuz- 
burg,  bis  zum  jähre  1514,  wo  er  propter  languorein  cor- 
poris aufhörte,  herausgegeben  ist  die  chronik  von  Christian 
Franz  Pauliini  in  seinem  Herum  et  antiquitatum  Germa- 
nicarum  syntagma  (Frankfurt  «.  M.  1698).  s.  303  erzählt 
Crämer  Anno  domini  MCCCXXXVI  de  virunculis,  quos  vulgo 
wichtelmännerchen  vocant,  adniiranda  ubique  audinntur.  in 
ore  lotius  monasterii  {d.  i.  des  klostcrs  zu  s.  Jacob)  est 
sequens  historiola.  Sibylle  Cauterin,  monialis,  illustri  ali- 
quando  die  cum  socia  Spatenbergam  praeteriens  modicum  stre- 
pitum  animadvertit.  igilur  retro  videt,  et  ecce  pusillus  ho- 
munculiis,  isque  senex,  bene  barbatus,  hilari  fronte,  nivei 
vullus  ot  caijillitii,  dextra  gestans  album  bacillura  et  bene 
vestitus  more  rusticoruni,  propius  accedit  detectoque  capite 
perhunianiter  salutat  virgiuem.  imperterrifa  ista  gralias  agit, 
tunc  ille  quonam  tendat  sciscitafur.  dicit  '  vide'  respondef, 
'  ne  aberres.  sunt  ibi'  (monstrans  digito  collem)  '  varia  bivia 
quae  non  satis  cautum  seu  ilineris  peritum  facile  abducere 
et  seduccre  possunt.  sed  confide,  comitabor  tc  eousque  et 
tunc  clarius  monstrabo  quo  tulo  ire  possis.  niulta  audiverat 
Sibylla  de  virunculis  istis.  inprimis  quod  neminem  laedant: 
ideo  sine  lerrore  prolixius  cum  co  loquiliir.  inier  alia  rogal 
cur  non  aliquando  virgines  visitet  in  monaslerio:  velle  eas 
ova  lac  bulyrum  placentas  et  similia  promere.  'veniam'  ail 
ille,  '  modo  non  vexer  seu  perturber  ab  aliis.  hoc  nemo  ex 
nostris  impune  tulit  unquam.'  venientibus  tandem  ad  collem 
istum,  digilis  porro  monstrat  quo  sit  eundum.  sie.  j)raemissa 
salulalione,  lausta  ([uaecjue  precans  rcversus  est  ad  Spateber- 
f>"ani.     (|uod   |)os(ea   Sibvlla   foti  convcnfui  uarravit.  H. 


WIESBADER   GLOSSEN. 


321 


(II) 

sceidela  Scaia.  91 T 

ougappel  Luzpoiuplüa. 

ougrinch  Liizerealz. 

orsmero  Oirungiuzol. 
5  orcros  Oirclaia. 

naseloch  Nascuzirz. 

nasecros  Nascunula. 
snuz 

catarrus  Pusinzia, 

kinne  3Ialetino. 
10  backo  sinz. 

hübo  Franix. 

halsbein  Kolecruziz. 

greno  Zizia. 

elenbogo  duguriz. 
15  rist  Nilzial. 

cnugel  Conix. 

briistlefel  ßurbefeleiz. 


uent'cul9  Tilzia. 

harn 

lociü  Fluanz.  911' 

20  hegedruse  Ainzglizia. 
dich  Crouh. 
OS.  bein  Guuanz. 
crus     hein 

menschen  Cruniz. 
scinkuii 

tibi?  Sciacruniz. 
ceha 
25  artula  Misanz. 
imf  Ranzil. 
^7'//;^  Hosinz. 
Z.  F.  D.  A.  VI. 


svei-o 

iilcus  Minscoi. 
bladera  Abiliz: 
,30  uellun  Bezeluii. 
rugn  Ruschila. 

(III) 

hcnga  Galantiz. 

scella 

nola  Toniziiia. 

ritich  Diriz. 

balko 
.35  Irabs  Gorinz. 

dil  Sciloz. 

pluteuin 

gedile  Zilozion. 
rochlog 

ipluuinm  mizirzeis. 

wedel  Sparizin. 
40  tapetc  Tiiifzia. 

p feilet  Korischol. 

uereivere  Kolsinzio. 

kermel  Obirischa. 

brache  Fugeiiiz. 
45  beinnich  Jaschua. 

7iarua  Zizinel. 

cappa  Ganguzia. 

huba  Curchozia. 

digel  Pligizil. 
50  essa  Scaun. 

cluft  Cloisch. 

meizel  Guzim. 

slistem  Scanipla, 
21 


91 


91 


912^ 


322 


WIESBADER  GLOSSEN. 


bihelm  Ziehxi.  912^ 

55  hepa  Kalziga. 

snitdesahs  Ranchniaz, 

disla  Zimiz. 

assa  Gugiziz. 

rath  Stigienz. 
60  naba  ßuchziz. 

ritnga  Reldiaz. 

cadevi'ze  Cauenel. 

lanchwith  Kichsis. 

speicha  Ischiazin. 
65  storrum  Furun. 

spannagel  Suzemel. 

stina  Scolmiz. 

(VI) 

egeda  Gaiizida 

silo  Golziol. 
70  egerda  V^nib'eziz. 

bracha  Sealeis. 

lant  Ereiza. 

eigen  Zamzia. 

rigelstab  Strauuniz. 
75  presdela  Gruschiaz. 

spula  Zischel. 

herletia  Zubeiaz. 

visza  Giuliiz. 

goUbj^acha  Gozioaz. 
80  weuel  Ziziniz. 

bligarn  Blanschinz. 

sciniin  Lunizin. 

drum  Foriz. 

speit  Ploniz. 
85  truha  Buuinz. 
ßahs  Guruz. 

werch  Biriz. 

wirden  Ordeiz. 

garn  Vazunanz. 
90  hasbel  Almiz. 


go 
garnescra     Vazitelz. 

lin 


rorlin  Sc''agur. 
95  stucha  Schirizim       912' 

witede  Jenziz. 

gernn  Zanuziz. 

nethde  Nasunz. 

soum  glinziz. 
100  houbetlovc  hoilzirier. 

linede  Naschiz. 

risa  Rasinz. 

hoibetduch  hoilbaiz. 

harsnur  Ornalzanzia. 
105  bortdun  Curizan. 

lederhosa  3Ioruucia 

uezzel  Zanchur. 

scheid a  Schaniz. 

buckela  Bichzin. 
110  ranth  Kuiz. 

irqfun  Zuzianz. 

senecva  Griziauz. 

bolz  Braliz. 

schefde  Bluschanz. 
1 1 5  strala  Ploschinanz. 

craphfo  Ciirschin. 

shaft  Spalun. 

suzel  Cumeriz. 

sugir  Ganzian. 
120  ba?/ibest  Amizdel. 
ßtrbugc  Zuzian. 

leist  Spuiz. 

drath  Zincuel. 

bursta  Gureix. 
125  scuba  Luiiza. 

lo  Bolis. 

suerca  Murscha. 


WIESBADER  GLOSSEN. 


323 


slif  Schuuarz. 

addermincp  Laiganz. 
130  pin  Bizbio. 

suuella  Zazilliaz. 

pressere  Zabuz. 

gebtitde  Glucziminiz. 

zubeda  Gulsich. 
135  tüigebutden  Zanzimianz. 

sruba  Suzgulaz. 

bersiha  Flanischianz. 

seckere  Burskaldiz. 

goAleta  Gacniz. 
140  vierdel  Corizin. 

carräda  Fanuda. 

zober  Scliuldenuz. 

sestere  Marsic. 

kanna  Husic. 
145  .v^o;-/"  Gugurez. 

trehdere  Gulginz. 

reif  Omezin. 

duga  Larainic. 

bodun  Plu^'z. 
150  kufa  Bubenez. 

puntlöch  Zuchzizer. 

zapfo  Scilanz. 

gruz  C herin. 

hopfo  Anic. 
155  Malz  Baczanz. 

schuf a  Gunguliz. 

bercorn  Brisianz. 

rappo  Curschul. 

pfal  Splinz. 
160  stecco  Stainziz. 

stupa  Stoinz.  912' 

dunch  Zamzia. 

denne  Danis. 

ßegel  Planus. 
165  wanna  Susiuna. 

scbb  Sculiz. 


sichelinch  Spauiz. 

stro  Ralzoiz, 

sprhi  Guguniz. 
Mi)  futder  Bauzimiz. 

er  in  Aniziz. 

herth  Bonizunz. 

branth  Lischianz. 

dupfen  Amolic. 
175  crmelifi  Cranischil. 

harsta  Giruschaz. 

becher  Beoril. 

vieddo  Melzimaz. 

hunecwirz  Melzita. 
180  senif  Agriuz. 

flado  Pufeia. 

kuchelin  Cauizil. 

krcpfelin  Scraphi nz . 

(VII) 

nespelbom  Pazunbu. 
185  cutinbom  Zuimzabuz. 

Stada  Gonizla. 

ahor?ienbdm    Schiro- 
buz.  913" 

nuzbbm  Mirzimibuz. 

nuz  niuscata  Muzimia. 
190  galgan  Gulgia. 

gariofel  Gareiza. 

zitdewar  Kunx. 

gingebern  Barschin. 

lorbere  Cririschia. 
195  sitderuurz  Magizuna. 

Zucker  Saxia. 

grenstch  Gischiz. 

poleia  Pluschia. 

kuuenela  Pigizia. 
200  binevrrz  Dugrul. 

boberella  Bouizia. 

melda  Sizia. 
21* 


324 


WIESBADER  GLOSSEN. 


phefferci'ul  Pabruz. 

rresso  Grachia.         913'' 

salbcia  Scaliziz. 

morcruth  Scrurithil, 

205  ruta  Raiz. 

kirvela  Felischa. 

jsopo  Garoz, 

dille  Zugezia. 

lauen  de la  Liniz 

24J 

\  haselvrrz  Griiizia. 

venechit  Guris. 

biuerrrrz  Brumsil. 

ringe  la  Fulzia. 

gamandria  Galschia. 

210  bathenia  Flauzia. 

ocha 

vvllena  Orris. 

frideles     Zischia. 

gundcreba  Gauriz. 

distel  Diiniz. 

nebeta  Nischil. 

250 

1  kartdo  Guriz. 

denmarka  Maschin. 

ritgras  Riaz. 

215  steiüvarn  Framiz. 

sinza  Giza. 

douvvrz  Dagezia. 

hanif  Aseruz. 

sprincvvrz  Spiriz. 

cletdo  Inbiz. 

gena 

255 

de  Fliisez. 

wolfesgele  Daschia. 

za 

minnecvrz  Karinz. 

wildemin     Risclial. 

220  berevvrz  Briunz. 

npelza  Glaclixa. 

berevvinka  Perschil. 

doi^th  Sparzun. 

sanikela  Sanschul. 

uersbotde  Zingia. 

huswrz  Fenisgroiiz. 

260 

cazenzagel  Frazinz. 

loermiidu  Karisiha, 

kichern  Giillox. 

225  smergela  Guska. 

wichiin  Circliza. 

natscado  Nasciul. 

uiselun  Kachzia. 

huflatdechn  Laufrica. 

{VIH) 

girol  Biilchzia. 

romcsseminza  Gluziaz . 

grife  Argunizio. 

230  matra  3Iarizima. 

265 

aro  Laschiz. 

hircescunga  Gurizla. 

elbiz  Scaruz. 

lunchiwt'z  Puliclia. 

iveho  Sculez. 

nessemrz  Gaxuurinz. 

hehera  Glanizia. 

snüdeloch  Duziliuz. 

stara  Aschia. 

235  priseloch  Philzia. 

270 

dorndrerre  Dorinschiz . 

planza  Dizia. 

drosla  Droziina. 

bihn  Pazia. 

i.sfogil  Asgriz. 

bachminzu  Flinsclia. 

ruch  Bacliiz. 

loh  Juziz. 

quahtila  Gabia. 

240  rathdich  Gragiz. 

275 

miepfa  Bauscha. 

WIESBADER  GLOSSEN.  325 

roiidil  VVascIiiz.  slocharo  Alechiz. 

nachdegaln  Noisca.  285  rebcstuchil  Purizimo. 
wazersteha  Agrizia.  ha  geig  ans  Halgia. 

uinco  Mosiz.  birchuu  ßazima. 

280  ilisleluinco  Erinosiz.  rephun  Raiza.  913' 

ga 

grasemug     Birischa.  .^y^j  ^,,,.^^^  q^^^^ 

cunigeleu  Roischo.  ;^,^^.,^^v  Digzo. 

gel 
warcgen  Viperiz. 

5.  'orcros  und  7  '^  nasecros  ]-  knorpel  des  olirs  und  der  iiase.  Bremer 
werterbuch  1,  881  näsekröse  oberlhiil  der  nase.  Wenzesl.  Brack 
vocabular.  rerum  (Argenl.  14811)  bl.  8''  ÄT«4i-6e«'w  cartiiago. —  '^  cro- 
sel  carlilago  niederdeutscb  bei  iXyerup  synib.  202-  35*2:  auch  370  ist 
crosl  zu  lesen.  -  croscla  Sehlettst.  gl.  in  Haupts  zeilscbrift  5,356*. 
angeisächs.  gl.  in  Mones  quellen  317"  ^nosugrisle.  eine  aodere  form 
crospel  sprachschalz  4,  017.  kriistila  4,  620.  Trier,  gl.  2,  29 
(Sprachschatz  4,  620)  hat  nasacrusfala  ioterfinium  und  2,  37  crostila 
carlilago.     vergl.  Diefenbach  Wörterbuch   vom  jähr    1470  s.  61.  62. 

6.  im  Sprachschatz  2,  l'il  nur  der  pl.  naslocher.  Nyerup  symb.  261 
naselocher. 

8.  '^'sjuiz,  Teutonista  2i6*  stiot  mucus.  der  sprachsch.  6,  852  hat 
snuzza  eniunctoria. 

y.  einige  zeileo  weiter  kommt  in  der  handschrift  nochmals  vor  mentü 
Maletin. 

11.  "  hitbo  steht  zwischen  faux  Gulzia  und  gnttur  Gruzia  und  mufs 
eine  erhüfaung  rundung  im  Schlund  bedeuten,  etwa  den  zapfen  ;  vergl. 
fniffo  sprachsch.  4,  833    und  h'iibel  passional  70,  16.  359,  49. 

13.  greno,  zwischen  barba  Viba  und  facies  Dulsielz,  das  bartbaar  der 
Oberlippe,  es  mufs  ein  schwaches  masc.  angenommen  werden  :  der 
sprachsch.  4,  327  hat  keinen  nom.  sing.,  sondern  grani  und  grauen 
grenones.  im  mittelhocbd.  ist  gran  starkes  und  schwaches  fem. 
vergl.  Benecke  zu  Iwein  445.  Diefenbach  goth.  wörterb.  1,  317.  318. 

15.  '  rist  steht  zwischen  cubitus  Jurstaniz  und  manus  Vrzial.  im  mit- 
telhocbd. bedeutet  rist  und  riste,  das  als  masc.  fem.  und  neutr.  vor- 
kommt, den  äufseren  theil  der  band.  Diutiska  2,  292  aus  dem  zwölf- 
ten Jahrhundert  von  dem  lengistin  vingire  unz  an  daz  resti.  Schwa- 
be nspiegel  215,  3  sol  die  rehte  hant  in  einem  buoche  ligen  unz  an 
die  riste  (mit  den  lesarten  daz  riste  daz  rist  den  rist).  Ulrichs 
Wilhelm  113*^  nu  begunde  Rennewart  rdmen  Baldewines  an  die 
hende  —  er  traf  daz  riste;  ein  vil  wenic  erz  versneit. 

f  die  Wörter,  die  in  Graffs  Sprachschatz  nicht  vorkonimeu,  sind  mit  einem  stcrn 
bezeichnet. 


326  WIESBADER  GLOSSEN. 

16.  '^ctwgel,  zwiscbea  pollex  Pixel  und  unguis  Salziox,  der  knöchel  am 
ßnger,  altfriesisch  knokele  knokle,  angelsäehs.  cnucl,  engl.  knuckle> 
Teutonista  144'"  knoyckel. 

20.  hruf  kratze  sprachsch.  4,  1155. 

30.  31.  ^  ueltnn  ^  riiga  zwischen  lepra  Pasiz  und  Scabies  Monzil,  beide 
Wörter,  die  hautkrankheiten  bezeichnen  müfsen,  verstehe  ich  nicht, 
man  müste  denn  das  letztere  in  ruda  räude  befsern. 

32.  '■  henga,  zwischen  sera  Sparinzia  und  clavis  Pioranz,  mag  die  thür- 
angel  bedeuten,  angelsächs.  onga,  althochd.  ang-o  sprachsch.  1,  345; 
h  ist,   wie  öfter  im  niederdeutschen,  vorgesetzt. 

37.  '^ gedile  im  sprachsch.  5,  133  dil  dilo  dile. 

38.  '^  röchlog  Öffnung  den  rauch  durchznlafsen  :  impluvium  steht  in  der 
bedeutung  von  compluvium.  Diefenbach  wörterb.  vom  jähr  1470 
s.  173  rauchloch  lucanar.  Dasypodius  (.\rgent.  1537)  477*  rauchloch 
fumarium. 

40.  Tapete,  Teutonista  270"  tapyte,  im  sprachsch.  5,  348.  349  tepid 
teppet;  vielleicht  ist  das  wort  hier  lateinisch 

42.  da  '^' uerewere  zwischen  uenator  Beluaiz  uud  t^nslator  Yisiscolinz 
steht,  so  ist  die  erklärung  verwere  nicht  wahrscheinlich ;  ich  glaube, 
es  ist  werbrrre  negotiator  gemeint,  das  auch  in  den  Trier,  gl.  12,  34 
vorkommt. 

43.  hermel  für  eriuel  vergl.  32  henga. 

44.  '^^  brache,  Prager  gl.  in  Haupts  zeitschr.  3,  472  brage  femoralia  : 
vergl.  sprachsch.  3,  277.  278  brocha  bruohha  und  in  den  Casseler 
gl.  G*,  2  bragas. 

45.  ■' beinich,  denn  so  ist  doch  zu  schreiben,  steht  auch  in  der  hand- 
schrift  zwischen  brache  und  narva  und  mufs  so  viel  als  beimcdt 
seiu. 

46.  von  narva  fibulalura  konnte  der  nominal,  im  sprachsch.  2,  1097 
nicht  beigelegt  werden. 

49.  zu  digel  testa  vergl.  sprachsch.    5,  378. 

53.  1.  sb'fstein. 

54.  ^  bihelm  folgt  auf  securis  Sciria  und  Dolabrü  Blinchzia  und  mufs 
etwas  ähnliches  bedeuten,  man  könnte  vermuten  es  sei  bi'hel  zu 
befsern,  allein  es  kommt  helmakis  bipennis  (sprachsch.  1,  136)  und 
helmbarte  (Herzog  Ernst  4167)  vor  und  es  könnte  helmblhcl  anzu- 
nehmen sein. 

55.  hepa  falcastrum,  sprachsch.  4,752  happa ;  vergl.  Sendschreiben 
über  Rcinh.   fuchs  s.  60. 

57.  disla  für  di'hsila  sprachsch.   5,  12i. 

58.  assa  für  ahsa  sprachsch.  1,  139. 

61.  ■'  runga  wagenrunge,  stütze  der  wagenleitcr.  Fromuiaun  zu  Herbort 
1385.  Diefenbach  wörterb.  vom  jähr  1  i70  s.  134.  177  runge  furcale 
in  curru. 

62.  '^  cadevizr.   auch  in  der  hnndsrhrift  zwischen  runga  und   lanchwith, 


WIESBADER  GLOSSEN.  327 

muls  ein  sliick  an  dem  wagen  bedeuten,  aber  ich  kann   das   wort  nicht 
erklären. 
65.  '^storrtni    \A.    von    stoi'ro    baurastunipf,    hier    stücke    des    wagens. 
Wigalois    5795    an  einen  dürren    starren    leinet   er  sich.     Reinbots 
Georg  1453  ivurzetldse  starren. 

67.  ^  stina,  zwischen  aratrü  Ranchil  und  vonier  Tiginz,  versiehe  ich 
nicht,    etwa  das  lat.  stiva? 

68.  '^egerda  ein  ehemals  bebautes,  jetzt  brach  oder  ganz  öde  liegen- 
des feld.  Spervogel  MS.  2,229*:  bei  Hermann  von  Frizlar  178,9 
gerte.  bildlich  bei  Konrad  von  Fufsesbrunnen  in  der  kindheit  Jesu 
95,  60  —  62  ir  beider  tische  stuonden  vol,  wan  tnan  ir  so  ze  vlize 
pflac,  daz  ir  niht  vil  in  egerden  lac. 

75.  * presdela,    zwi.schen  pergamenü  Branischiaz    und  miniü  Luschanz, 

kenne  ich  nicht. 
77.  78.  herleva,  sprachsch.  4,  1032  harlefa.  gleichbedeutend  damit  vizza, 

sprachsch.  H,  733  ^za;   vergl.  Diefenbach  goth.  wörterb.  1,  373. 
79.  ^ goltbrdcha,    auch    in   der    handschrift   zwischen    vizza   und   we- 

vel,  scheint  ein  handwerkszeug  bei  bearbeitung    des    goldes  ;    vergl. 

sprachsch.  3,  268.  269   gebrdcha  caelatura,  kaprdhtaz   sculptum  und 

im    Bremer  wbrterb.  132    brake    Werkzeug  womit   man    flachsstengel 

bricht. 

81.  '' bltgarn  wahrscheinlich  bleidraht. 

82.  scinum  pl.  von  scina  nadel  sprachsch.   6,  499. 

8i.  ^ speit  ein  gerälh  beim  weben:  im  I3n  Jahrhundert  ist  nach  dem 
plur.  Spelten  (Wolfr.  Tit.  91,  4.  Hugs  Martina  Diutiska  2,  121)  der 
sing,  speltü  anzusetzen  ;  vergl.  zur  gold.  schmiede  350.  gute  frau 
1705.  Haupt  zu  Konrads  Engelhart  2531.  grammalik  1*,  566. 

87.  werch  werg  sprachsch.  1,  962.  963. 

88.  wirden,  zwischen  fusus  Lizchaz  und  garn,  ist  wirfei,  spinnwirtel 
bei  Schraeller  4,  165.  sprachsch.  1,  1026.  vergl.  Diefenbach  wörterb. 
von   1470  s.  139.  282. 

91.  ^ garnescrago  erkläre  ich  durch  garnes  kraeho  garnhaken;  vergl. 
sprachsch.  4,  589  chracho.  Brem.  wörterb.  2,  862  krakke  hölzerner 
wirbel  an  der  thüre. 

93.  '^  uingerhuth,  sonst  habe  ich  vingerhuot  nur  in  Diefenbachs  wör- 
terb. vom  jähr  1470  s.  97  und  vyngerhait  im  Teutonista  s.  290"  ge- 
funden. 

96.  witede  kleidung,  Trier,  gl,  15,  I  witide  vel  lesa  suppara;  vergl. 
sprachsch.   1,  776.  2,  250. 

97.  ^' gerun  pl.  von  dem  nicht  sieber  zu  belegenden  gero.  vergl. 
sprachsch.  4,225.  rechtsalt.  158.  940.  Schmeller  2,  62.  in  dem  12n 
Jahrhundert  ist  ge're  nicht  ganz  selten,  zu  den  bekannten  stellen  führe 
ich  noch  an  Eilharts  Tristant  4556.  und  Atbis  B,  47.  von  den  höfi- 
schen dichtem  des  13n  Jahrhunderts  gebraucht  es,  so  viel  ich  weifs, 
nur  Wolfram  Parzival  207,  20.  VVilh.  79,  3. 

98.  nethde  pl.  von  näf,  der  im  sprachsch.  2,  998  nicht  belegt  ist. 


328  WIESBADER  GLOSSEN. 

101.    "  tinede  leinvvaud,    wie  96  wi'tede. 
wil       in 

104.  nach  hdrsniir  folgt  Kanulzial. 

105.  hortdun  pl.  von  borto ;  vergl.  spracbsch.  3.  213. 

101).  '■"  bücke la  (buccula  bei  Ducatige)  starkes  und  schwaches  fem. 
Äneide  8755  die  buckele,  Rotber  3496  eine  buckelen  acc,  Wigalois 
6560.  Lichtenstein  296,  18  diu  bücke/,  Wigal.  7508  der  buckel  dat. 
starkes  mascul.  buckel  Nibel.  37,  2.  Gudr.  16,  3.  VVittich  vom  Jordan 
Gotha,  handschr.  3298. 

111.  1.  wäfan. 

114.  schefde,  Trier,  gl.  16,  27  scejti  spiculum,  was  im  spracbsch. 
6,  460  als  pl.  eingetragen  ist,  aber  das.  461  giscefti  missile;  ohne- 
hin kommt  117  shaft  vor. 

116.  ist  scheftecrapho  gemeint?,  in  den  Trier,  gl.  16,23  bastae  cum 
lunato  ferro. 

118.  119.  ''suzel  und  ■- sugir,  die  in  der  handschrift  neben  einander 
stehen  und  auf  welche  auch  dort  bombest  folgt,  sind  mir  unver- 
ständlich. 

120.  '"bambest,  hoUand.  bambeis,  bambaz  aus  einem  glossar  des  15n 
Jahrb.  bei  Scbmeller  4,  78,  wambis  bei  Hclbling  2,  1266.  3,  198, 
wambois  bei  Herbort  902  4,  vergl.  die  anmerkung  von  Frommann. 
es  ist  ein  Iheil  der  rüstung,  daher  auch  bei  Helbiing  1.  311.  2,  1226 
ketejiwambi's. 

122.   leist  steht  vor  subula  IJrascha.  spracbsch.  2,  251. 

125.  "  scuba  von  sciuban,   ein  bausgeräth,  vielleicht  eine  schrappe. 

126.  16  gerberlohe,  spracbsch.  2,  33  (sumcrlaten  33,  58).  Scbmeller 
2,  462. 

127.  sucrca  lese  ich  suerza  melanteria  spracbsch.  6,  900. 

128.  '"' slif  schlämm  der  sich  beim  gebrauch  des  Schleifsteins  erzeugt? 
vergl.  Scbmeller  3,  437. 

129.  *  addermincc,  zwischen  5///  und  pin,  verstehe  ich  nicht. 

130.  ^pin,  vor  torquular  Kailamanz,  erkläre  ich  aus  dem  holländischen 
pin  nagel,  zweck  von  bolz. 

131.  swella,  im  spracbsch.  6,  874  nur  das  neutr.  swelli,  mittelbocbd. 
swelle  fem.  Iwein  6745  in  den  Icsarten  ein  neutr.  wie  in  Strickers 
Daniel  599.  starkes  fem.  Bertbold  in  W.  Wackernagels  lesebuch 
1.665,27.  Renner  17189.  schwaches  fem.  Eraclius  3796.  passional 
238,  27. 

132.  pressere  preluni,  spracbsch.  3,  368  pressiri. 

133.  '^ gebutde  bülte,  angels.  butte,  nord.  bijtte:  die  althochd.  form  ist 
butin,  spracbsch.  3,  87.  grammatik  3,  457,  putinna,  wo  ein  mittel- 
bo<'hd.  bäten  vermutet  wird:  Renner  651,  Dicfenbachs  wörterb.  von 
1470  s.  101  steht  hätte,  Engelhart  6341,  Bouer  48,  60  der  acc.  hüten. 
vergl.  hier  135  ungebutden. 

13  4.  '^ zubeda  kübel  zuber.  Brem.  wörterb.  5,  120  tubbe,  bolländ. 
fobbe,  Ducange  dupia.     vergl.   zobcr  142. 


VVIESBADER  GLOSSEN.  329 

135.  ■"  ungebutden  was  nicht  biitte  isl?  gefäfs  anderer  art?   vergl.  133 

gebutde. 
130.  '-sruba  bürste,  stumpfer  besen,  schwedisch  *Ar?/ö<;a;  vergl.  Breui. 

wörterb.  3,  698.  099,  Schineller  3,  518. 

137.  ^-  bersiha  scheint  schneidemefser  hacke  zu  bedeuten  und  gehört 
wohl  zu  btirsa  scalprum,  angels.  byrs ;  vergl.  sprachsch.  3,  215.  Fla- 
nischianz  aber  ist  wohl  mit  104  Yianu?,  flegel  verwandt. 

138.  '^  seckere  gehört  wohl  zu  sech  pflugschar  sprachsch.  0,  89. 

139.  gelleta  gelte,  sprachsch.  4,  184  gellida. 

1 40.  vierdel  ein  mafs,  wie  Teutonisla  291".  sprachsch.  5,  405.  Diete- 
richs flucht  8465.   Renner  8255  vierdeil. 

l'il.  carräda,  der  strich  über  a  zeigt  keine  kürzung  an,  sondern  nur 
die  Verbindung  mit  der  auT  der  folgenden  zeile  stehenden  endsilbe 
da.  es  mufs  ein  gefäfs  sein,  vielleicht  in  gestalt  eines  Schiffes;  vergl. 
sprachsch.  4,  466. 

143.  sestere  sextarins  sprachsch.  0,  153  sextari,  Casseler  gl.  G'',  17 
sestar,  Dasypod.  424"  sester,  angels.  sester. 

146.  tvehdere,  sprachsch.  5,  520  hat  trihtari  und  die  Trier,  gl.  werden 
angeführt,  aber  dort  15,  39  steht  trahtwre:  so  in  dem  liederbnch 
das  man  der  Hätzlerin  beilegt  35,  26.  Schmeller  1,  473  Irechterc  aus 
alten  glossen,  Diefenbach  wörterb.  von  1  i70  s.  09  trichter.  trechter 
Brem.  wörterb.  5,  100. 

148.  '^' ddga  fafsdaube,  bei  Ducange  sowohl  doga  als  dova.  wollte  man 
diigä  annehmen,  einen  pl.  masc.  den  man  hier  erwartet,  so  raüste 
man  den  sing,  dilc  ansetzen,  wozu  das  holländ.  duig  passt. 

149.  bodim  fundus,  wie  in  den  Trier,  gl.  15,  38  bei  boden  steht; 
vergl.  sprachsch.  3,  80. 

151  ptnithlu'-ch  spuntloch,  in  den  Trier,  gl.  15,  38  pfundloch  spiracu- 
lum  ;  aber  jenes  enthält  das  richtige;  vergl.  sprachsch.  3,  3i2.  Die- 
fenbach wörterb.  von  1470  s    192.  193, 

153.  grüz,  in  der  haadsebrift  zwischen  ceruisia  Briczinz  und  hopfo, 
ist  wohl  das  geschälte  getreide,  körn  das  beim  brauen  des  bieres 
verwendet  wird;  s.  Haupt  zu  Engelhart  1116.  Eraclius  1077.  Helm- 
brecht 1757.  urstende  115,  20.  Hahn  gedichte  130,  80.  vergl.  Sprach- 
schatz 4,  343—45. 

150.  '^ schufa,  in  der  handschrift  zwischen  malz  und  vinea  Yischamil, 
verstehe  ich  nicht:  schuofe  Schöpfeimer  (fundgr.  1,  389)  passt  nicht 
hierher. 

158.  '^rappo  geringer  wein,  vocab.  von  1477  rappe  racemus  und  vo- 
cab.  von  1618  'rappes  vinum  ex  acinorum  folliculis  aqua  mistis  et 
expressis  coufectum  :  laur  beerwein'  ;  vergl.  Schmeller  3,  117.  Die- 
fenbach wörterb.  vom  jähr  1470  s.  viii  und  7. 

161.  stupa  auch  in  den  Casseler  gl.  G",  7,  sonst  selten  im  althoch- 
deutschen; vergl.  sprachsch.  0,  015.  im  mittelhochdeutschen  kenne 
ich  anfser  dem  in  der  grammatik  3,  459  angefiihrten  Berlhold  (W. 
Wackernagel  leseb.   l,  002,  1)  nur  noch  Helbling  15,  239.  Heinz  von 


330  WIESBADER  GLOSSEN. 

Konstauz  mianelehre  '2225  und  bei  Neidhart  MS.  2,  75''  stubenheie, 
aus  späterer  zeit  führe  ich  nur  an  Dasypod.   bl.  -478"  stiib. 

162.  dunch,  tunc  unterirdisches  gemach  der  weber,  sprachsch.  5,  433. 
vergl.  z.  gold.  schmiede  173.  Schmeller  1,  385. 

172.   herth  ist  hert;  vergl.   sprachsch.  4,  1027. 

174.  "  ditpfen  topf,  bei  Luther  döpfen,  in  mitteldeutschen  mundarten 
diippen :  das  oberdeutsche  wort  ist  haven ;  topf  als  küchengeschirr 
kommt  im  Sprachschatz  nicht  vor:  im  mittelhochdeutschen  kann  ich 
es  nur  nachweisen  in  Eilharts  Tristant  5438  mit  pfannen  und  mit 
topfen  und  im  Morolt  2,  683.  691  milchtopf 

175.  ^crtiseltn  kleiner  irdener  krug;  vergl.  sprachsch.  4,  616  eriisal. 
M  Elisab.  (Diut.  i,  389)  krusein  gehört  wohl  auch  hierher,  vergl. 
Schmeller  2,  394.  Diefenbachs  wörterb.  v.   1470  s.  85. 

179.  '■"  huiiecwirz  erklärt  sich  aus  dem  altdeutschen  kochbach  (Haupt 
zeitschr.  5,  12.  13),  wo  die  bereitung  des  meths  gelehrt  wird,  sonst 
«rscheint  die  Zusammensetzung  nur  uoch  bei  Konrad  von  Würzburg, 
s.  anm.  zu  der  gold.  schmiede  1363.  wivz  ist  in  den  Snmerl.  42* 
brasicia,  bei  Ducange  brace,  bracium  malz,  und  das  scheint  auch  im 
Renner  16284.  16304  gemeint,  iu  Diefenbachs  wörlerb.  von  1470 
s.  54    wirzc  bracium  und  s.  239"  wirz. 

183.  in  der  bedeutung  von  uncinus  steht  kraphili'n  im  sprachsch.  4, 
597  :  hier  mufs  krepfelin  fiir  das  backwerk  stehen,  das  seiner  ge- 
stalt  wegen  so  heifst,  Schmeller  2,  393.  Dasypodius  367*  krepflin 
speis  aus  fleisch  und  brot. 

187.  ^ ahornenbo^'m  <\oc\\  v,oh\  ahornboum  :  die  Zusammensetzung  habe 
ich  auch  im  mittelhochdeutschen  nicht  gefunden,  erst  in  Diefenbachs 
Wörterbuch  von   1470  s.  216. 

191.  ^gdriofcl,  Nyerup  symb.  ^32  cariojfer,  deutsch- lateinische  hexa- 
meter  in  Haupts  zeitschr.  4,  415,  68.  Wenzesl.  Brack  vocab.  rer. 
bl.  52"  kariofilus  ?iegelboi/jn ;  vergl.   anm.  z.  gold.  schmiede  838. 

193.  '^ gingebern  1.  gingebero  ingwer.  Frankf.  gl.  gingibero  zinzibero, 
mittelhochdeutsche  glossen  in  Nyerups  symb.  331  gingebere  ziziber 
1.  zingiber  Ciyyi'ßeQif,  Mones  quellen  291*  yngeber,  Dasypod.  266" 
gingiber.  holländ.  gimber. 

195.   sprachsch.  6,  168  sittirwurz  elleborum. 

197.  grensieh,  ebenso  zweimal  in  den  Frankf.  gl.  mit  dem  lateln.  na- 
men  potentilla  und  ninpba.  dagegen  Trier,  gl.  6,  31  grensinc  nym- 
pha;a ;  .\dmonter  vocab.  in  Haupts  zeitschr.  3,  379"  rosmarinnm  nym- 
phea.  Mones  quellen  284"  grensinck  stercus  anserinnm,  288"  ercu- 
larius,  '2%''  gresinck  niphea  l.  nymphsa  :  Teutonista  grensynck ; 
vergl.  sprachsch.  4,  333. 

200.  binewiirz  sprachsch.  1.  1050.  bei  Nyerup  symb.  389.  404  biiii- 
wiirt. 

201.  ^  boberella,  ich  glaube  pimpinelle  ist  gemeint,  bibernel,  Dasypod. 
bl.  472  boborellen,  holländ.  bevernel,  Mones  quellen  290*  bevenelle, 
böhmisch  bobrnjk.     dagegen  Trier,  gl.    7,  13    und   Frankf.  gl.    bibi- 


WIESBADER  GLOSSEN.  331 

«e//a,-  vergl.  sprachsch.  3,  32*2.    Diefenbach  wörterb.  vom  jähr  1470 
s.  211.  auch  ht  popelle  malva  Nyerup  symb.  407  anzuführen, 

202.  melda  niaugüld,  sprachsch.  2,  732  welta,  Mones  quellen  284*, 
Diefenbach  wörterb    von  1470  s.  43,  Tentonista  s.  168*  melde. 

203.  '^pfeffercriit,  Frankf.  gl.  Diefenbach  wörterb.  von  1470  s.  244" 
phefferkru{t)  satureia  nochmals  in  Frankf.  gl.  phefferkrut  timbrags ; 
heut  zu  tage  wird  auch  lepidiura  so  benannt. 

2Ö6.  isopo,  im  sprachsch.  1,  480.  3,  864  ist  isop  angesetzt,  aber  nur 
der  dativ  isipen  aus  dem  12n  Jahrhundert  belegt,  also  eine  schwache 
form.  Frankf.  gl.  ysopo  ysopus ;  niederdeutsche  glossea  in  Mones 
quellen  293"  haben  ysope  wie  Nyerup  symb.  330  und  407  isepe ; 
auch  Teutonista  s.  136"  isopo.  in  Strickers  Karl  iT  und  im  passional 
371,  22   besprengen  mit  i/sopö. 

21Ü.  ^  bathenia,  auch  in  den  Trier,  gl.  6,  21  hetonia,  aber  im  Sprach- 
schatz finde  ich  es  nicht.  Frankf.  gl.  bethania  bethanica  (betonica), 
Schlettst.  gl.  in  Haupts  zeitschr.  5,  339"  bittonia,  Nyerup  symb.  407 
betonie,  Mones  quellen  284*.  285*  betomje,  Sumerl.  60,  36  battunia. 
vergl.  deutsche  mythologie   1159. 

211.  wullena,  in  den  Trier,  gl.  7,  1  wullina  blandonia  vel  lanaria  : 
daraus  im  sprachsch.  1,  795.  Frankf.  gl.  wlhina. 

213.  nebeta  katzenminze,  nepeta  ;  vielleicht  soll  es  hier  der  lateinische 
name  sein:  s.  sumerl.  iO".  58".  Mones  quellen  283".  290*  und  321*, 
wo  in  den  angelsächsischen  glossen  nepeta  statt  nereta  zu  lesen  ist; 
vergl.  sprachsch.  2,  819.  3,  866. 

214.  '^ denmarha  ist  gartenbaldrian,  Valeriana  phu,  wovon  Nemnich  im 
polyglottenlexicon  der  naturgeschichte  2,  1544  den  namen  denmark- 
kraut  beibringt:  Frankf.  gl.  tenemarg  Valeriana  und /ewnew^arg- sam- 
sueus  (sampsucum,  majoran). 

215.  steivvarn  1.  steinvarn  farnkraut  polypodium  sprachsch.  3,  694, 
auch  in  den  Frankf.  gl.  und  niederdeutsch  in  Mones  quellen  283  . 
284".  291"  stenvarn. 

216.  In  douwurz  ist  wohl  thau  gemeint?  der  Sprachschatz  1,  1051  hat 
aus  Heinrici  summarium  (sumerl.  21,  36)  tofwurz  basilisca,  die  gegen 
den  bifs  der  hasilisken  heilsam  sein  sollte:  aber  wie  ist  tof  zu  er- 
klären? Nemnich  nennt  im  Wörterbuch  zu  dem  polyglottenlexicon  112 
dovrusch  doverkraut  equisetum  arvense  :  bei  Dasypodius  bl.  473 
schafthäw  equisetum. 

218.  '^Wolfes  gele  pflanzenname,  wie  heutzutage  wolfsbart  (Nemnich 
2,  1468),  den  ich  anderwärts  nicht  finde;  vergl.  rintgele  arcola  Ca- 
lendula in  Mones  quellen  285".  286". 

219.  '^  minnewurz  hier  allein.  Nemnich  2,  833  bat  vnnwenkraut  paeonia. 

220.  berewiirz,  Trier,  gl.  7,  14.  sprachsch,  1,  1050.  3,  203  berinivurz, 
Frankf.  gl.  berwrz.  Mones  quellen  285*  barenwort,  Nemnich  2,  134 
bärenwurz  bärentatze  bärenklau  heracleum. 

222.  ^ santke/a  sanikel  sanicula,  niederdeutsch  in  Mones  quellen  284", 
und  bei  Dasypodius  473*.  englisch  sanicle. 


332  VVIESBADER  GLOSSEN. 

'i25.  "■  smergela,  noch  heute  wird  in  einigen  gebenden  der  scharbock, 
feigwarzenkraut,  schmergel  genannt:  in  alten  quellen  habe  ich  das 
wort  nicht  gefunden. 

228.  '"  girol,  suraerl.  22^'  gires  l.  girel?  macedonicum,  eine  pflanze. 
TVemnicL  2,  1313  hat  gierlein  govlein  gartenrapnnzcl. 

2211.  ''romesse  minza,  Mones  quellen  291"  romesch  mynte  pentastruin, 
dagegen  sprachsch.  4,  819  rosses  minza  mentastrum  und  sumerl.  23" 
rosminze  menta  nigra ;  Ziemanns  wörterb.  327"  diu  rosses  minze 
nientsi  silvestris  ohne  angäbe  der  quelle,  noch  heute  ist  nach  JXemnich 
2,  554  rossminze  gebräuchlich. 

230.  '-'viatra,  in  der  handschrift  an  derselben  stelle,  kann  ich  nicht 
erklären:  es  hilft  auch  nicht  dafs  in  den  Fraukf.  glossen  unter  den 
pflanzen  matir^na  re  .  .  .  .  ugia  (nur  so  viel  ist  lesbar)  vorkommt: 
es  scheint  aber  dasselbe  wort  zu  sein. 

232.  '- litnchwurz  doch  wohl  lungawurz,  das  heutige  Ivngenwurz  pul- 
monaria  aurea  .\emnich  2,  148. 

235.  '-^ priselonch,  brislauch  binsenlauch  aliium  schoenoprasum,  hol- 
länd.  bieslock,  schweii.  (gothländiscb)  baislük,  und  so  erklärt  sich 
das  niederdeutsche  biestlück  cepulla  in  Mones  quellen  283.  ich  be- 
merke hier  dafs  biese  im  Athis  4,  44  unbezweifelt  die  niederdeutsche 
form  für  binse  ibinez)  ist:  Teutonista  b;/ese  juncus  und  holländisch 
bics. 

242.  '^morcrtith  Schwarzkümmel  melanthium  Admonter  vocab.  in  Haupts 
zeitschr.  3,  376:  auch  ist  in  den  Lindenbrog.  gl.  das.  5,  572"  mela- 
niuin  murcriit  zu  lesen,  statt  malamium  mortcrut. 

246.  biuerwrz,  sprachsch.  1,  1050  und  Frankf.  glossen  bibirwurz  cAslo- 
reum;   so  wird  noch  heute  aristolochia  clematilis  benannt. 

2  47.  '■"  gamundria  teucrium  chamacdrys,  Hadlaub  MS.  2,  194".  194*. 
195*.  Haupts  zeitschr.  2,  152  garnandrr,  franz.  germandree,  niederd. 
gl.  in  Mones  quellen  201'  gamander  und  so  auch  holländisch.  Dasy- 
podius  bl.  473"  gamanderlin. 

248.  '^'frideles  ocfia  erkläre  ich  Aarch  friedelcs  oiiga;  es  würde  etwa 
die  pflanze  bezeichnen,  die  man  liebäugel  nennt. 

252.  '^ sinza,  in  der  handschrift  zwischen  olus  Vrschianz  und  hanif, 
verstehe  ich   nicht. 

258.  -^dorth  trcspe  Nemnich   I,  684.  2,  435. 

259.  uersbotde  ist  beresboto  zizania  seehafer  sprachsch.  3,  81. 

262.  wichtin  scheint  tvickun  pl.  von  wickd.  aber  die  Sehlettst.  glossen 
in  Haupts  zeitschr.  5,  826  setzen  zu  wichkun  vicia,  ebenso  die  Trier, 
gl.  7,  34  zu  wichun.  die  niederländischen  in  Mones  quellen  293".  306 
und  Wenzesl.  Brack  im  vocab.  rer.  bl.  35*  zu  wicken  ;  man  wird  also 
nicht  viciae  befsern  dürfen,  was  die  glossen  in  INyerups  symb.  388 
und  ein  anderer  beleg  im  sprachsch.  1,  727  gewahren,  aber  läfst  sich 
jene  autfallende  form  als  sing.  fem.  erklären?  sollte  man  den  col- 
lectivbegriff  als  starkes  neutrum  angenommen  haben  ?  Diefenbachs 
wörterb.    vom  jähr    1470   s.  284    enthält    vicia    ein  wicken    und    die 


WIESBADER  GLOSSEN.  333 

Schienst,  glossen  haben  an  einer  andern  stelle  304''  sogar  ein  latein. 

vicium  neben  wikkun.  vergl.  grainmatik  3,  374. 
263.  *  uiselun    folgt    auch    in  der    handschrift  auf  wichun  :  ich  glaubt- 

es  ist  der  pl.  von  visela  fisole  phaseolns  Nemnich  2,  935.    Schnieller 

1,  571.    J'cselen  bei  Dasypod.   181". 
267.  weho,  wi'o  spracbsch.  1,  013,  wo  auch  diese  form  vorkommt,  wie 

in  den  Strafsb.  gl.  altd.  blätter  1,348. 

270.  '■■•  dorndrewe  neuntödter,  \emuich  2,  323  dorndreuel.  dagegen 
Trier,  gl.  5,  8  dorndriigil  (spracbsch.  5,  228  ohne  nachvveisung)  fur- 
furio,  Strafsb.  gl.  in  den  alld.  blättern  1,  348  dorndrdl  fursarius  I. 
furfarius,  wie  auch  Nyerup  symb.  269  steht.  Isidori  etymol.  IIb.  12, 
s.  101  Areval.  'furfurio  vocatus  quod  prius  farre  in  farinam  redacto 
pasceretur.'  vergl.  Schnieller  1,  398. 

271.  drosla  stimmt  zu  der  angelsächs.  form  drösle,  spracbsch.  ö,  265 
drosseta  drosca  droscila,  sumerl.  47,  3  droskl  lurdela,  Neidh.  53,  5 
Ben.  Morner  MS.  2,  167^'  droschel. 

273.  ruch  spracbsch.  4,  1149  hri/oh  cornix,  Walther  von  der  Vogelw. 
150,  52.  Renner  1768  f. 

274.  quahtila,  spracbsch.  1,  678  waktila;  auch  die  niederd.  glossen  in 
Nyerups  symb.  209  (vergl.  345)  schreiben  quattele. 

276.  roiidil,  Trier,  gl.  5,  10  ro^ tilo  cupuda,  spracbsch  2,  487  rotil  ro- 
tila,  und  so  auch  die  Strafsb.  glossen  in  den  altd.  blättern  1,  348; 
vergl.  Schmeller  3,  167.     Renner  5520.  21455  rotelwie. 

282.  cunigclen  zaunkönig,  Trier,  gl.  5,  12  kunigli  regulus,  spracbsch. 
4,  444  und  Strafsb.  gl.  34S  kuninc  pitrisculns,  Nyerup  symb.  209 
cunenglen,  Renner  19364  kiingelln. 

283.  warcgengel,  Trier,  gl.  5,  II  und  Slrafsb.  gl.  348  warchengil, 
Nyerup  symb.  268  wargingel,  Frankf.  gl.  warkevgel  crurisculeg3 . 
danach  im  spracbsch.  1,  349,  doch  mit  zweifei,  nrxtev  eiigil  gestellt, 
bei  Nemnich  2,  323  heilst  der  neuntödter  würgengel  tvargengel,  eng- 
lisch ivierangle.  diese  erklärung  des  worts  ergiebt  sich  leicht,  aber 
die  ursprüngliche  bedeutuog,  glaube  ich,  ist  in  der  hier  überliefer- 
ten form  erhalten  und  warcgengel  (andere  Zusammensetzungen  mit 
gengil  im  spracbsch.  4,  104)  bezeichnet  einen  in  wolfsgestalt  umher- 
streichenden bösen  geist,  wüterich  :  hier  ist  der  name  auf  den  neun- 
tödter angewendet,  weil  er  die  vogel  erst  aufspielst  ehe  er  sie  frifst. 
vergl.  rechlsallerth.  390.  733.  985.  Reinhart  fucbs  .xxxvii.  Schniel- 
ler zu  Muspilli  43.  Benecke  und  Lachmann  zu  Iwein  4924.  im  nor- 
dischen kommt  die  Zusammensetzung  vealdganga  angelsächs.  veald- 
genge  vor. 

285.  rebestuchil  sieht  in  der  handschrift  zwischen  onocratulus  Schnwil 
und  gallus  Nazischo,  soll  also  der  name  eines  vogels  sein,  die  Trier, 
glossen  5,  16  haben  rebeslichil  buprestis  stinkkäfer  und  auch  bei 
Nemnich  kommt  rehesticher  cnrcuWo  vor:  man  müste  demnach  einen 
irrtbum  des  verfafsers  unserer  glossen  annehmen,  vielleicht  ist  eine 
Verwirrung  durch  einen  abschreiber  entstanden,  onocratulus    nämlich 


334  WIESBADER  GLOSSEN. 

geht,   wie  bemerkt,    unmittelbar  voran,    und  da  dieser   (sprachschal/. 
5,  367)  liorotuhhil  heifst,  so  kann  ungehöriges  zusammengesetzt  sein. 
2Sy.  l.   hohdi'iba. 


Die  bibliothek  zu  Wiesbaden  bewahrt  eine  wohl  im  drei- 
zehnten Jahrhundert  geschriebene  pergamenthandschrifl  welche 
die  werke  der  heiligen  Hildegard  enthält.  Hildegard  war  zu 
Beckelheim  unweit  Kreuznach  im  jähr  1098  geboren,  und 
starb  1179  als  äbtissin  in  dem  von  ihr  1148  gestifteten  klo- 
ster  Rupertsberg  bei  Bingen,  umständliche  nachrichten  von 
ihr  liefern  die  Acta  sanctorinn  5,  629—701,  und  aus  diesen 
geschöpft  ist  eine  kleine  schrift  von  F.  Konrad  Dahl  (die  hei- 
lige Hildegardis.  3Iainz  1832)  wo  man  zugleich  die  spätere 
literatur  angegeben  und  die  sämmllichen  werke  der  heiligen 
verzeichnet  Ondet.  sie  schrieb  selbst  nieder  oder  dictierte  was 
ihr  der  göttliche  geist  otfenbart«,  und  ihre  vom  pabst  Eugen  III 
anerkannten  und  aufs  höchste  gepriesenen  bücher  standen,  wie 
sie  selbst,  lange  in  grofsem  ansehen:  auch  der  3Iarner 
(MSHag.  3,  468'')  gedenkt  ihrer.  Dahl  beschreibt  jene  hand- 
schrift  umständlich  und  gibt  auch  nachricht  von  einer  zweiten, 
ebenfalls  in  Wiesbaden  befindlichen,  die  mit  bildern  geziert 
und  der  schrift  nach  zu  urtheilen  bedeutend  älter  ist.  obgleich 
er  sie  (s.  23)  jünger  nennt,  sie  enthält  aber  nur  das  haupt- 
werk,  Liber  Scivias  simplicis  hominis,  das  Hildegard  im  jähr 
1148  angefangen  und  erst  zehn  jähre  nachher  vollendet  hatte; 
ihre  erste  arbeit,  Liber  divinorum  operuni,  fällt  in  das  jähr 
1147.  in  jener  vollständigeren  handschrift  befindet  sich  ein 
stück  das  bisher  wenig  ist  beachtet  worden,  nämlich  blatt 
910'  —  913  auf  elf  spalten  mit  der  rothen  Überschrift  'Ignota 
lingua  p  simplicem  homine  hildegarde  prolata'  in  fortlaufen- 
den Zeilen  eine  Zusammenstellung  von  etwa  neunhundert  Wör- 
tern, die  einer  unbekannten  spräche  zugehören,  bei  dem  grö- 
fsern  theil  ist  eine  lateinische  erklärung  übergeschrieben,  bei 
etwa  einem  drittel  eine  deutsche :  nur  in  wenigen  fällen  sind 
beide  sprachen  zugleich  angewendet,  ich  habe  im  jähr  1833 
vollständige  abschrifl  davon  genommen,  hier  aber  nur  die  deut- 
schen Wörter  mit  den  dazu  gehörigen  der  unbekannten  spräche 
und  den  wenigen    lateinischen   herausgehoben.     Graff  hat   bei 


WIESBADER  GLOSSEN.  335 

seiner  früheren  anwesenheit  in  Wiesbaden  zwar,  wie  man  mir 
sagte,  die  handschrifl  in  bänden  gehabt,  aber  im  Sprachschatz 
keinen  gebrauch  davon  gemacht;  vielleicht  hat  er,  weil  auf 
der  ersten  seile  keine  deutsche  glosse  vorkommt,  die  folgen- 
den nicht  näher  angesehen,  da  i  nur  selten  mit  einem  strich 
unterschieden  und  daher  öfter  ungewiss  ist  ob  iu  oder  t/i  muCs 
gelesen  werden,  so  kann  ich  nicht  dafür  stehen  bei  der  unbe- 
kannten spräche  überall  richtig  gelesen  zu  haben,  die  abschnitte 
die  durch  grofse  rothe  anfangsbuchstaben  bezeichnet  sind,  habe 
ich  bei  meinem  auszug  durch  eingeklammerte  römische  Ziffern 
getrennt,  ich  will  zunächst  den  inhalt  der  Sammlung  angeben. 

(I)  den  anfang  macht  deus  j/^igonz-.  angls  Aieganz.  scs 
Xmienz.  SaluatorZ//i//o;i2.  diabolus/>^w«e/^'^.  dann  mensch- 
liche Verhältnisse,  besonders  verwandtschaftliche,  zuletzt 
werden  kranke  benannt. 

(II)  lingua  Ranzgia  beginnt  und  sollte  durch  einen  rothen 
anfangsbuchstaben  unterschieden  sein,  es  ist  aber  noch  zu 
dem  vorigen  capilel  gerückt  und  auf  der  folgenden  seile 
folgt  dann  ebenfalls  mit  einem  gröfsern  schwarzen  anfangs- 
buchstaben Caput  MMoil.  die  iheile  des  menschlichen  lei- 
bes  werden  genannt,  unter  diesen  auch  uirile  mbrü  (über- 
geschrieben ueretrum)  Creuofiiz.  testiculi  Yirlaiz.  loc^ 
uerecundie  mulieris  Fragizlnnz :  zuletzt  pes  Fuscal.  dann 
folgen  noch  zehn  namen  von  krankheiten,  aber  meist  von 
hautkrankheiten,  darunter  lepra  Pas/z :  den  schlufs  macht 
Scabies  Mo/tzil. 

(III)  kirchliche  Verhältnisse  beginnend  mit  papa  Relionz. 
cardinalis  Karinz.  und  endigend  mit  heremita  Orinschiel. 
hieran  schliefst  sich,  ohne  dafs  ein  abschnitt  angezeigt  wäre, 
iemplü  Oplialm.  monasterium  Mn/izrhia.  eccliä  Crizia. 
claustrü  Clainzo.  dann  kirchliche  geräthe,  kirchendiener, 
kirchliche  kleidungsstücke :  das  letzte  manut'giü  Inchscola. 
gleicherweise  ohne  absatz  die  weltlichen  stände,  impator 
Perezüiuz.  rex  Rischol.  p^nceps  Peranz.  palatin^  Scal- 
tizio.  marchio  Malzienz.  dux  Scarduz.  comes  Zienz. 
folgen  handwerker,  verschiedene  stände,  darunter  fidicen 
Gaurizio.  mimus  Scamizio.  ioculator  Balem'nz.  saltator 
Lizo.  nanus  Det'ezio.  gygas  Logizkal.  das  capitel  schliefst 


336  VVIESBADER  GLOSSEN. 

mit  über  linmo  Prunischol.  propriiis  Baischuc.  cliens  Scal- 

gonzys. 
(IV;  tages-  und  Jahreszeiten,     dies  mizh».    nox  Scaurin. 

ich  hebe  die  nioaatsnamen  heraus,  ianiiari^  Loizo.  februa- 

ri^  Scantido.  marlhis  Orm'scko.  apriUs  J[jn?itzo  (oder^w/w- 

zo).   ma.ms  Tin'szintho.  mnms  Archhulob's.   iwYuxsZigionz. 

augusüis  GargischoL  septeb'  Scandidoz.  ocloher  Osci'lanz. 

iioueber  No/ischa.    deceber  Deiiizimn.     den  schluls  dieses 

abschnittes,  der  wie  der  erste  keine  deutsche  glosse  enthält, 

macht  cöpletoriü  Niischa?iz. 
(\ )  kleidungsstiicke  und  hausgeräth.   camisia  ö«/?e??5  steht 

voran,  sti7ia  Scohniz  zuletzt. 
(VI;  abermals  verschiedenes  geräth,  feldfrüchle.  waffenstücke  : 

wie  es  scheint,  mit  unrecht  von  dem  vorigen  getrennt,  uo- 

mer  Tigi/iz  ist  das  erste  worf,  krcpfelin  Svraphinz  das 

letzte. 
(VIF)  ohne  bezeichnung  eines  abschnitls,  unmittelbar  sich  an- 

schliel'send,  bäume  und  pflanzen,    den   anfang  macht  abies 

Lamischiz.  ich  merke  an  amigdalus  Schalmüidibiz.   easta- 

nea   Gramzibuz.     ficus    Gigunzibuz.    laurus    Clamizibuz. 

platanus   Goh'nzia.    mirtus  Scuanibi/z.    am  schluls  iiiseliüt 

Kachzin. 
(VIII)  vögel  und    insecten.     zuerst   grife    Argumzio    (kein 

gröfserer  buchslabc),    ich  nehme  heraus  pelicanus  Flauriz. 

psilacus  BHzinus.  das  letzte  wort  ist  cicada  Cain'z. 
Aus  dieser  Übersicht  des  inhalls  ergiebt  sich  dafs  die  glos- 
sen  nach  der  weise  der  etymologien  Isidors  geordnet  sind, 
welche  auch  den  Trierer  glossen  zum  vorbild  gedient  haben, 
indessen,  wenn,  wie  natürlich  bei  ähnlicher  abthcilung  der  ca- 
pitel,  manches  wort  vorkommt  das  zugleich  bei  Isidor  steht, 
so  ist  doch  kein  näherer  Zusammenhang  mit  diesem  ersicht- 
lich :  die  abschnitte  sind  dort  ungleich  zahlreicher,  an  sich 
umfolsender  uiul  anders  geordnet,  möglich  dal's  die  Wiesbader 
glossen  unvollständig  sind,  denn  es  fehlen  autTallender  weise 
die  vierl'ürsigen  thiere  und  fische,  dagegen  ist  wohl  einiger 
Zusammenhang  mit  den  Trierer  glossen  nicht  abzuweisen, 
beide  haben  eine  anzahl  wörter  gemeinschaftlich,  und  es  kom- 
men einige  bei  beiden  allein  vor,  witede  96.  schefde  114. 
pfuntlbch  151. 


WIESBADER  GLOSSEN.  337 

Die  deulsc'licn  glossen  zeigen  eine  eigenlliiiuiliclie,  aber 
nicht  ganz  feste  behandlung  der  laute,  bei  den  vocalen  ist 
folgendes  anzumerken,  e  für  ff,  ^>7'^//o  13.  h(mga32.  hepa^ö. 
herleva  77.  e  für  /  nur  in  trehdere  146.  —  «für  ?e,  dich1\. 
f'rideles  248.  ritgras  251 ;  daneben  vierdel  140.  —  ou  für  n 
befremdlich  in  loch  Q.  100.  151  und  in  roudil27h.  dagegen 
richtig  ou  in  ougappel  ougrinch  2.  3.  soum  99.  houbet  100 
(daneben  Ä02Äe^  103).  stovfl45.  scob  166.  bom  IH4.  \S7. 
loch  234.  —  uo  nur  in  dihh  103 :  ungegründet  in  scfiba  125: 
öfter,  wie  bei  Hermann  von  Fritzlar,  nur  u,  so  in  .snur  104. 
furbi/ge  121.  ki/fa  150.  futder  \70.  r/z^Ä  273.  hm/ 286. 
287.  aber  ru'f26  verlangt  einfaches  //. 

Bei  den  consonanten  einmal  inlautendes  b  für  p  in  has- 
belQO:  anlautendes  für  w  in  bombest  120.  inlautendes  t>  für 
b  in  btuerwurs  246 :  anlautendes  in  versbotde  259.  v  für  //' 
in  7iarva  46.  pp  für /?/"  in  appel2,  dagegen  craphfo  116:  im 
anlaut  nur  pf,  pfal  159.  phe ff  cremt  203.  —  d  für  f  anlau- 
tend, digelA^.  dunch  162.  denne  163.  dille  2U.  di/ba  2SS 
(daneben  t7'uha  85)  :  inlautend  schcidela  \.  bladera  2^.  ivir- 
dejt  88.  scado  226.  im  mXani  fd,  sehe. f de  114:  hd,  trehdere 
146.  naehdegala  276  neben  quahtila  274.  /rf,  wc/</ö  202. 
td  in  snitdesahs  56.  gebutde  133.  imgcbutdcn  135.  futder 
170.  zitdewar  192.  sitderwurz  195.  snüdeloeh  224.  cletdo 
254.  ^f/  für  einfaches  Z^,  in  kartdo  250.  t^ersbotde,  ja  die 
Überfüllung  nethde  für  we/e  (denn  das  hochdeutsche  a*  kommt 
nicht  vor)  98  und  rathdich  für  r«^?cÄ  240  (Frankf.  gl.  rt'- 
thich).  th  für  f/  im  auslaut,  r«?Ä  (rota)  59.  lanehwith  {lanc- 
roid  sprachsch.  1,  745)  63:  für  ^  im  auslaut  fast  regel,  vin- 
gerhuth  93.  ;-«/;^Ä  HO.  drath  123.  äcv/ä  172.  branth  174. 
morcruth  242  (neben  crw^  203).  rfo/'/Ä  258,  bleibt  auch  in 
der  Zusammensetzung  punthlöch  151.  im  inlaut  bathenia  210. 
vergl.  W.  Wackernagel  zu  den  Schlettst.  glossen  in  Haupts 
zeitschr.  5,  323.  die  Verbindung  sc  nicht  selten,  seinkuii  24. 
scella  33.  sci/iun  82.  scäba  125.  scob  166.  scado  226:  da- 
neben scheida  108.  schejde  IIA.  schuf a  156:  aber  auffallend 
ist  shaft  117  und  sruba  136;  vergl.  gramm.  1^,  174.  assa 
für  ahsa  58  und  ro?nesse  für  röitiesche  229.  —  wie  bei  den 
lingualen  erscheint  bei  den  gutturalen  die  aspirata  für  die  te- 
nuis,  also  auslautend  eh  für  c,  rinch  3.  34.  dunch  162. 
Z.  F.  D.  A.  VI.  22 


338  WIESBADER  GLOSSEN. 

sichelinc  167;  auch  in  der  Zusammensetzung  lanehwith  ^d,. 
inlautend  ch  für  ck  in  wkhun  262.  ferner  ch  für  if  in 
lunchwurz-  232  und  \\alirsclieinlicli  in  ocha  248.  ch  für  das 
althochdeutsche  h  auslautend  in  loch  6.  100.  151.     dich  21. 

inlautend  für  ch  in  cnu- 
-ergl. 

Roland  XVII.  graf  Rudolf  s.  6.  endlich  nnigga  für  i/n/cAa  2S0. 
h  ist  vorgesetzt  in  hermol  43  und  wahrscheinlich  in  henga 
32.     y«  für  M'  in  quahtila  274. 

Dies  alles  zeigt  eine  schwankende  hinneigung  zu  den  laut- 
verhältnissen  des  niederdeutschen,  dessen  einflufs  wir  auch 
bei  der  betrachtung  der  einzelnen  Wörter  erkennen,  während 
das  oberdeutsche  entschieden  vorherrscht,  und  da  zugleich 
einiges  nach  den  Niederlanden  deutet,  wie  batnbcst  120.  jw/// 
130,  so  sind  wir  veranlafsl  diese  spräche  an  den  31ittelrhein 
zu  weisen ;  die  deulscheii  Wörter  mögen  leicht  zu  Bingen  nie- 
dergeschrieben sein. 

Welchen  Ursprung  haben  diese  seltsamen  giDssen?  dafs 
sie  von  Hildegard  selbst  herrühren,  darf  man  nicht  bezwei- 
feln :  sie  gedenkt  ihrer  in  dem  eingang  eines  andern  werks, 
des  Liber  vitae  meritorum  vom  jähr  II  öS,  und  sagt,  auch  die 
unbekannte  spräche  und  schritt  sei  ihr  durch  unmittelbare  gött- 
liche eingebiing  zugekommen,  alles  aber,  erkliirt  sie  in  ihren 
briefen  mehrmals  (Acta  sanlor.  5,  633),  was  sie  schreibe  habe 
sie  nicht  durch  die  aufsern  äugen  und  sinne,  sondern  durch 
das  innere  lichl  empfangen,  ich  habe  keine  veranlafsung  den 
wcrth  und  geliall  dieser  oll'enbarungen  zu  berühren,  über  wel- 
che schon  völlig  entgegengesetzte  urlheile  sind  gefällt  worden: 
ich  will  nur  einige  bemerkungen  zu  der  unbekannten  spräche 
machen,  die  uns  hier  allein  angeht. 


welllicher    hinsieht    geordneten   Volkes    voraus  und  gewähren 
Wörter  für  die  unentbehrlichsten  be-rrifre  wie  für  die  «rewöhn- 


stige  leben,  wie  man  sie  in  den  gesiebten  einer  überreizten 
seele  erwartet,  kommen  durchaus  nicht  vor.  ja  es  lallt  auf 
dafs  wir  in  dem  zweiten  capilel,  wo  die  theile  des  mensch- 
lichen leibes  aufgezählt  werden,  Wörtern  begegnen,  die  in  den 
gedanken  oder  in  dem  mund  einer  Jungfrau,  zumal  einer  geist- 


WIESBADER  GLOSSEN.  339 

liehen,  nicht  ziemlich  erscheinen :  doch  sie  schildert  anderwärts 
die  Wollüste  der  männer  und  franen  auf  eine  ebenso  uner- 
wartete weise ;  auch  ist  an  eine  ähnliche  glosse  bei  Herrad 
von  Landsberg  (Diutiska  3,  212)  zu  erinnern,  das  siebente 
capitel  enthält  eigene  naraen  für  südliche  gewächse  z.  b.  ficiis 
Gigunzibiiz,  laurus  Clamizibuz,  platanus  Golitizia,  piper 
Zusguel.  das  achte  für  ausländische  vögel,  pellicang  Flnii- 
i^iz,  strulio  Gugurunz,  psitacus  Bt'lzemts,  pauo  Zam :■/'/: 
das  würde  nach  einem  in  wärraern  gegenden  wohnenden  volk 
hinweisen. 

Die  spraclie  selbst  mufs  vorerst  ein  räthsel  bleiben,  ken- 
ner  der  slavischeii  und  orientalischen,  denen  ich  das  denknial 
zeigte,  Wüsten  mir  nichts  darüber  zu  sagen,  bei  einer  an- 
zahl  Wörter  scheint  mir  lateinischer  einflufs  unverkennbar; 
ich  hebe  nur  das  sicherste  heraus  (I)  diabolus  DiuueUz. 
(n)  ocnlus  Luzeia  (Iilx).  auris  Oir.  nasiis  Nascutil.  collii 
Kolezia.  aruina  f^ngu/zol  (un^iien).  harn  loliü  Fluanz  (fluor). 
(III)  scella  nola  To m z w a  (lonus).  c?inlor  Kanesi/iz.  abbas 
Abiol.  monasterium  Mofizclu'a.  claustrum  Claiiizo.  lucerna 
Luuzanz.  liber  Ubiz.  iudex  Iitn'z.  uulgus  flliscal  (vilis). 
(VI)  bambest  Amizdd  (amicimen;.  flama  (so)  Flagiir  (Qag- 
rare).  meddo  Melzimaz.  hunecwirz  Melzita.  senif  Agriuz 
(acer).  (VII)  sanikela  5ff/wcī/.  (VIII)  nocticorax  Noizbiz. 
nachdegala  Noisca.  warcgengil  Viperiz.  ein\\'irkungen  des 
deutschen  nur  in  wenigen  Wörtern,  (II)  pes  Fuscal.  (III) 
sw^ov  Suuiz.  (ni)  ansa  Zinkia  {zinko).  (W)  ßado  Pufeia 
(niederdeutsch  puffer,  holländisch  poffert  poffertse).  krepfe- 
Jbi  Scraphinz.  drosla  Droziina.  anser  Gagria  (die  gackert). 
(III)  comes  Zienz  könnte  das  romanische  cue?is  sein. 

Des  Zusammenhangs  der  deutschen  mit  den  älteren  Trierer 
glossen  habe  ich  schon  vorhin  gedacht,  auffallend  aber  ist  es 
dafs  sie  offenbar  nicht  die  sprachformen  zeigen  die  in  der 
mitte  des  zwölften  Jahrhunderts,  wo  Hildegard  schrieb,  gal- 
ten:  sie  sind  mindestens  hundert  jähr  älter,  die  klosterjung- 
frau  mufs  sie  aus  einem  schon  vorhandenen  glossar  geradezu 
abgeschrieben  haben. 

Endlich  mufs  ich  noch  des  unbekannten  alphabets  geden- 
ken das  Hildegard  ebenso  wie  die  unbekannte  spräche  durch 
innere  erleuchtung  will  empfangen  haben,  die  Wiesbader  hand- 

22* 


340  GL.EZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL. 

Schrift  liat  es  gleiclienveise  bewahrt,  und  ich  theile  es  hier 
in  einer  nachbildung  mit,  bemerice  aber  ausdrücklich  dafs  es 
weder  bei  der  unbekannten  spräche,  noch  sonslwo  in  der  gan- 
zen handschrift  ist  angewendet  worden,  es  ist  entweder  durch 
blofse  Versetzung  der  bekannten  buchstaben  gebildet,  A  z.  b. 
wird  durch  B  dargestellt  und  G  durch  S,  oder  es  sind  nur 
ein  paar  striche  und  haken  zugefügt:  ich  kann  nichts  darin 
sehen  als  eine  eigenmächtige  grundlose  erfindung.  das  wirft 
freilich  auf  die  unbekannte  spräche  ein  bedenkliches  licht. 

WILHELM  GRLMM. 

r  ^  n  B  0  r  :^  j  y 

f        r  11  CV  y         ^       CV    cfh 


E!N   GL^ZISCHES    CHRISTKINDELSPIEL. 

///  (Ici-  adventszeit  gehen  in  dem  deutschen  Schlesien 
und  in  Glaz  verkleidete  pei'sone?i  in  den  häusern  herum 
und  erkundigen  sich  in  der  rolle  heiliger  wesen  nach  ßeifs 
und  ouff'dhrung  der  kinder.  am  gewöhnlichsten  treten  im 
östlichen  Schlesien  und  Glaz  das  Christkind  und  der  alle 
Joseph  ?nit  einander  auf,  im  westlichen  das  Christkind 
und  der  knecht  Ruprecht,  crsto'es  wird  von  einer  magd  in 
iveifsem  buntbebändertem  kleide  dargestellt  die  mit  ?nög- 
lichst  hoher  stimme  folgende  verse  singt 

einen  schön  guten  abend  geh  euch  golt. 

ich  komm  herein  ohn  allen  spott, 

ich  will  sehn  ob  die  kinder  fleil'sig  beten  und  singen, 

da  will  ich  ihnen  auch  was  schönes  mitbrini^en. 


GL.EZISCIIES  CHRISTKINDELSPIEL.  341 

der  alte  Joseph  oder  der  kriecht  Ruprecht  erscheint  in  um- 
gekehrtem pelze,  mit  fürchterlichem  harte  und  einer  tüch- 
tigen rute  oder  keule.  die  kinder  müfsen  über  die  kcule 
springen,  loobei  er  sie  ihnen  in  die  beine  schlägt. 

In  Liegnitz  treten  mehrere  Chrislkindel  zusammen  auf; 
oft  ist  noch  eine  Maria  als  kehrweibel  dabei,  die  mit  einem 
grofsen  besen  vor  ihnen  her  kehrt,  zuweilen  kommt  da- 
selbst mit  dem  Christkinde  und  dem  Ruprecht  der  engel 
Gabriel  in  einem  kleinen  viagen  gefahren,  mit  dem  er  vor 
den  häusern  hält,  während  jene  hineingehen. 

Dies  sind  die  Übergänge  zu  deji  adventsspielen  oder, 
wie  sie  in  Schlesien  heifseti,  den  Christkindelspielen,  die 
sich  noch  hier  und  da  erhalten  haben.  in  Költschen  bei 
Reichenbach  treten  darin  auf  Maria,  Petrus  mit  dem  schlü- 
fsel  und  Gabriel  mit  der  trompete,  sie  tragen  eine  wachs- 
puppe als  Christkind  in  einem  gläsernen  kästchen  mit  sich, 
das  sie  in  die  mitte  der  stube  auf  einen  stuhl  stellen  und 
um  das  sie  singend  herum  gehen. 

Ich  bin  im  stände  hier  ein  sehr  vollständiges  Christ- 
kindclspiel  mitzutheilen,  das  vor  ungefähr  zwanzig  jähren 
in  deti  Mückenhäusern  bei  Habelschwerdt  in  der  grafschaft 
Glaz  gespielt  wurde,  vielleicht  auch  noch  gespielt  toird. 
ich  habe  es  in  Glaz  aus  dem  munde  einer  alten  magd  nie- 
dergeschrieben die  aus  jenem  dorfe  ist  und  es  mir  nicht 
nur  vorsagte,    sondern  auch  vorsang  und  vorspielte. 


Der   wirl  tritt  auf  in  grünen  hosen,    einer  rothcn  borten- 
weste,  einen  hut  mit  gold borten  auf  dem  köpfe. 
Guten  abeud  zu  wünschen  ich  bin  bereit, 
weil  jelzo  kommt  die  adventzeit. 
bei  braven  gasten  lafs  ich  mich  sehn, 
drum  thut  der  haushalter  mit  mir  einkehrn. 
Der  haushalter  tritt  auf,   dem   wirte  gleich  gekleidet  bis 
auf  silberborten  statt  der  goldborten. 
Der  wirt. 
Haushalter,  ich  sag  dirs  zu  jeder  zeit, 
die  tafel  soll  gleich  sein  bereit. 

Haushalter. 
Ja  ja,  mein  herr,  es  ist  ganz  recht, 


342  GLiEZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL. 

Sie  sind  mein  herr  und  ich  der  knecht, 
wir  haben  beide  geld  und  gut 
und  tragen  beide  einen  bortenhut. 
Es  klopft,  de?'  haushalte!'  sagt  seinem  herrn  etwas  ins  ohr. 
Wirt. 
Wie  ich  von  meinem  haushalter  hab  vernommen, 
so  sollen  kaiser  und  könig  herein  kommen ; 
so  will  ich  lafsen  die  tafel  bereiten, 
weil  es  geschieht  zu  späten  Zeiten. 
Der  heil.  Joseph  im  pelz,  einen  stock  in  der  hand,    singt 
Ein  schön  guten  abend  geb  euch  gott, 
ich  komm  herein  ganz  abends  spöt, 
ganz  abends  spot  beim  abendschein, 
ich  komme  mit  Maria  und  dem  kindelein. 
ich  wollte  euch  ganz  demütig  bitten, 
weil  meine  glieder  vor  kälte  zittern, 
und  draulseii  geht  ein  rauher  wind, 
ich  wollte  bitten,  dal's  sie  mich  lafsen  eintreten 
mit  3Iaria  und  dem  kind. 
Haushalter. 
Na  wart,  alter!  ich  werde  erst  zu  meinem  herrn  gehen. 
(zvrn  wirt)  Herr,  hier  ist  ein  alter  mann, 

der  will  von  uns  eine  nachtherberg  hau, 
wie  ich  aber  an  ihm  sehn  kann, 
ist  er  ganz  ein  schlechter  mann. 

Wirt. 
Was?  das  wären  possen  ! 
bleibt  ihr  draul'sen  auf  den  golsen. 
grofse  herrn  und  gavalier*, 
solche  herrn  kehrn  ein  bei  mir, 
denn  bei  uns  gibts  gut  wein  und  hier. 

Joseph. 
Ach,  mein  liebster  herr  und  freund, 
ich  wollte  bitten,  Sie  wollten  mirs  nicht  übel  deuten, 
meine  bitte  nicht  versagen 
und  mein  gewär  nicht  abschlagen. 
um  eine  nachlherberge  wil  ich  bitten, 
weil  meine  glieder  thun  vor  kälte  zittern, 
'"''  gabelierer,  A.  Grypinus  in  dir  gel.  dornrose. 


GL.EZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL.  343 

und  (Iraufsen  geht  ein  rauher  wind, 
ich  wollte  bitten,  dafs  sie  mich  lalsen  eintreten 
mit  Maria  und  dem  kiud. 
Maria    tritt   auf  in    blauem   altmodischen   kleide,    iveifser 
schürze  und  haute,    mit   herabhängendem  schleier.     sie 
trägt  eine  holz-  oder  wachspuppe. 
Joseph, 
(zu  Maria).  Ach  liebste  Maria,  tritt  herein, 
keine  herberge  kann  ich  nicht  bringen  ein, 
weil  draufsen  weht  ein  rauher  wind, 
so  wollen  wir  doch  einkehren  mit  dem  lieben  kind. 
Maria, 
{singt).    Ein  schön  guten  abend  geb  euch  gott, 
ich  komm  herein  ganz  abends  spöt, 
ganz  abends  spöt  beim  abendschein, 
und  ich  trag  das  neugeborne  kindelein. 
[*  Das  Christkind  tritt  auf,  buntgekleidet,  ein  weifses  tuch 
überm  köpf,  eine  rute  in  der  hand. 
Ein  schön  guten  abend  geb  euch  gott, 
ich  komm  herein  ganz  abends  spöt, 
ich  komm  herein  getreten, 
ich  will  sehn,  ob  die  kinder  (leilsig  beten, 
spinnen  und  singen, 

da  w'erd  ich  euch  eine  grofse  bürde  bringen, 
werdet  ihr  aber  nicht  fleifsig  beten,  spinnen  und  singen, 
werd  ich  euch  eine  grofse  rute  bringen. 
Joseph. 
Mein  lieber  Christ,  wenn  ich  dir  solt  säen, 
wenn  die  kinder  aus  der  schule  gehn, 
bleiben  sie  auf  allen  gassen  stehn, 
die  blätter  sie  aus  den  büchern  reifsen 
und  in  die  finstern  winkel  schmeifsen, 
solche  possen  treiben  sie. 


••*  ich  halte  die  eingeklammerten  strophcn  für  ein  späteres  eiii- 
schiebsel.  ihr  inhalt  tritt  abgesondert  sehr  häußg  aiif.  durch  diese 
annähme  hebt  sich  auch  der  Widerspruch  zwischen  dem  Christkinde 
in  der  wiege,  das  dem  hauptstücke  angehört,  und  dem  ertvachsenen 
Christe  dieser  verse. 


344  GLiEZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL. 

Engel  Gabriel  in  iveifsem  kleide,  das  haar  gepudert,  eine 
kröne  auf  dem  köpfe,  von  der  ein  Schleier  herabhängt. 
Ein  schön  guten  abend  geb  euch  gott, 
ich  komm  herein  ganz  abends  spot, 
ich  komm  herein  in  gottes  band, 
der  engel  Gabriel  werd  ich  genannt. 
Christkind, 
{zum  engel).  Geh  zu  der  lieben  mutter  mein 

und  frag,  ob  die  kinder  gehorsam  sein. 
Der  engel  fragt   die  mutter   der   anwesenden  kinder  and 
erhält  keine  erfreuliche  auskunft. 
Christkind. 
Nun  hört,   ihr  lieben  kindelein, 
solche  klage  geht  über  euch  ein, 
ich  will  euch  gar  nichts  geben. 

Gabriel. 
Ach  Christ,  ach  Christ,  sei  nicht  so  hart, 
und  strafe  nicht  nach  diesem  wort. 

Christkind. 
Wenn  der  engel  thut  für  euch  bitten, 
thut  sich  mein  herz  im  leib  erquicken, 
ich  will  mich  wiederum  bedenken 
und  euch  eine  kleine  gäbe  schenken. 

Alle  singen. 
Nehmt  hin,  nehmt  hin  die  kleine  gab, 
weil  ich  jetzt  weiter  nichts  bcfseres  hab; 
ich  bitt  euch,  ihr  lieben  kindelein, 
thut  vater  und  mutter  gehorsam  sein, 
so  wird  euch  gott  nach  diesem  leben 
gewisslich  auch  in  himmel  nehmen.] 

Maria. 
Joseph,  liebster  Joseph  mein, 
hilf  uns  wiegen  das  kleine  kindelein. 
Joseph  {nimmt  das  kind  und  legt  es  in  eine  wiege). 
Wie  sul  ich  denn  doas  kindla  wiega, 
koann  kaum  menn  krumraa   puckal  biega. 
druf  drei  hei  ei. 
liebes  kindla  schlof  ok  ei. 


GL^ZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL.  345 

Alle  singen. 
Lafst  uns  das  kindelein  wiegen, 
das  herz  zum  krippelein  biegen, 
o  Jesulein,  o  Jesulein  süfs ! 


und  unser  opfer  bringen, 

lafst  uns  dem  kindlein  lachen 

und  tausend  freude  machen, 

o  Jesulein,  o  Jesulein  süfs. 

Lafst  ihm  seine  händlein  und  füfse, 

seinen  feurigen  körper  küssen, 

lafst  ihm  doch  jubilieren 

und  geistlich  triumphieren, 

0  Jesulein,  o  Jesulein  süfs. 


Die  k/rten  liegen  mtf  der  erde  und  schlaf cn.  dieengel  singen 
Gloria,  gloria  in  excelsis  deo, 
ihr  hirten  steht  auf  und  schlafet  nicht! 
hört  ihr  nicht  die  engel  singen, 
wie  sie  in  den  lüften  schwingen, 
sie  singen  immer  gloria, 
gloria  in  excelsis  deo. 

Erster  hirte. 
Bruder  Steffa,  hirste  nich,  woas  dar  engel  soate? 
Steffen. 
Woas  soat  ar  denn? 

Erster. 
Ar  soate,  es  war  a  kind  geboarn. 

Steffen. 

Hm !  kind  derfroarn. 

Erster. 

Hm !    du  äler  a?sel !    kind  geboarn.     hm !   dar  engel  soate  — 

Steffen. 

Woas?   du  hust  a  strump  verloarn? 

Erster. 

{singt)  Ich  ging  a  bifsla  schucka,  * 

ich  schlech  mich  uf  di  seite, 
"  i'erg-/.    das    iveihnachtslied    bei  Hoffmann    und  Richter  schien. 
Volkslieder  s.  330  J". 


346  GL.EZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL. 

(16  saeg  ich  zvve  oale  loite, 
a  harzlich  schin  kiudla  derbei. 
ich  duchte  bei  menn  sinna, 
doas  kindla  stind  mer  oa, 
wenn  ich  doas  kint  gewinna, 
ich  woagt  a  lammla  droa. 
{Die  hirten  pochen  während  des  gesanges  mit  ihren  stocken 
auf  die  erde,  die  mit  glöckchen  imd  maien  verziert  sind). 
Steffen. 
Ju,  ich  gleb  dersch,    ich  gib  ä  zwee. 

Dritter, 
Li,  ich  gib  a  dreie. 

Erster. 
Nu  brüder  Sleffa,  woas  mennste  denn,  mer  mechla  daiii  kindla 
ens  ditta.  * 
Steffen. 
II  du  duinma  socka, 

mer  warn  duch  nich  doas  kindla  goar  derschruoka, 
mer  warn  wul  ^s  singa. 

Erster. 
Na  stimm  oa,  oaler,  na ! 
Steffen, 
(singt)  Wie  ich  bei  menna  schoafa  loag 

und  mer  der  engel  di  botschaft  broacht, 

ho  ha  hö 

do  woar  ich  su  fro. 

Erster. 
Brüder  Sleffa,    mer  niechta  wul  dem  kinda  woas  schenka. 
Steffen. 
Nu,  do  gim  mer  wul  hin? 

Erster. 
Gi  du  ok  erschta, 

Steffen. 
Nu  guck  ok. 
Die  hirten  treten  näher,    sie  haben  umgekehrte  pelze  an, 
pelzmützcn  auf  und  stricke  als  giirtel  um  den  leib  ge- 
bunden, der  erste  trägt  ein  lämmlein,    der  zweite  einen 
korb  mit  äpfelspaltcn,  der  dritte  einen  haushahn. 
'■   tuten. 


r.L^ZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL.  347 

Der  erste  hirt. 

Holla,  holla, 

war  ich  bäle  zer  lire  iiei  gefolla. 

Ein  schön  guden  abend  geh  euch  golt, 

ich  komm  herein  ganz  abends  spöt. 
{z,u  dem  kinde)  singt.   Kienes  kindla,  du,  du,  du, 

du  leist  ju  uf  am  wischla  strü,  strü,  stru. 

weil  ich  hoa  oa  dich  geducht, 

hoa  ich  der  au  woas  mite  gebrucht. 

dö  hoa  ich  nuch  a  lammla 

vü  ma  jesjäriga  slammla, 

doas  wil  ich  der  tun  schenka, 

doals  de  tust  oa  mich  gedenka. 

Die  liebe  ist  grüfs, 

die  gäbe  ist  klein, 

ich  wollte  dich  bitten,  wenn  du  willst  mit  mir 
zulrieden  sein. 
Zweiter. 

Kienes  kindla,  du  du  du, 

du  leist  ja  uf  am  wischla  stru,  strü,  strü  u.  s.  f. 

do  hoa  ich  nuch  a  por  späla 

vum  jesjäriga  winder  erhäla. 
•*  die  liebe  u.  s.  f. 

Dritter. 

Kienes  kindla  u.  s.  f. 

dö  hoa  ich  nuch  a  haushoan, 

dar  fri  und  spiete  krien  koan. 

die  liebe  //.  .y.  f. 

Maria, 
singt.  Joseph,  liebster  Joseph  mein, 

wo  werden  wir  hinte  kehren  ein? 

ha  ha,  ha  ha  hein, 

kehren  ein. 

Joseph, 
singt.  Jungfrau,  liebste  Jungfrau  mein, 

ich  weifs  ein  altes  stalleleiu, 

das  wird  wohl  unser  herberg  sein. 

ha  ha,  ha  ha  hein, 

herberg  sein. 


348  GL.EZISCHES  CHRISTKINDELSPIEL. 

Maina. 
Joseph,  liebster  Joseph  mein, 
was  wird  des  kiiides  wieglein  sein? 
ha  ha  u.  s.  f. 

Joseph. 
Jungfrau,  liebste  Jungfrau  mein, 
ich  weifs  ein  altes  krippelein, 
das  wird  des  kindleins  wiegleiu  sein, 
ha  ha  ?/.  s.  f. 

Maria. 
Joseph,  liebster  Joseph  mein, 
was  wird  des  kindleins  wiudlein  sein? 
ha  ha  ?/.  s.  f. 


Jungfrau,  liebste  junfrau  mein, 
ich  weifs  ein  altes  hemdelein, 
das  wird  des  kindleins  windlcin  ein. 
ha  ha  u,  s.  f. 

Maria. 
Joseph,  liebster  Joseph  mein, 
wo  werden  wir  hinle  kehren  ein? 
ha  ha  //.   s.  f. 

Joseph. 
Jungfrau,  liebste  Jungfrau  mein, 
im  himmel  werden  wir  kehren  ein, 
lia   ha  //.  .y.  f. 

Maria. 
Joseph,  liebster  Joseph  mein, 
wer  wird  denn  unser  begleitcr  sein? 
ha  ha  u.  s.  f. 

Joseph. 
Jungfrau,  liebste  Jungfrau  mein, 
der  engel  wird  unser  begleitcr  sein, 
ha  ha,  ha  ha  hcin, 
begleitcr  sein. 
Alle  singen.  Ach  laufet  ihr  hirleu,    lauft  alle  zugleich, 
und  nehmet  Schalmeien  und  pfeifen  mit  euch, 
lauft  alle  zumal         zum  kiudlcin  iuD  stäl. 


DEUTSCHES  CALENDARILIM  AUS  DEM  XIV  JH.       349 

Wir  gehen  auf  einem  glühenden  plan 

und  wünschen  euch  alle  ein  schön  gute  nacht, 

fort  hin,  fort  hin       sieht  unser  sinn, 

wir  müfsen  ja  hinte  noch  weiter  marschiern. 

Der  weg  ist  uns  auf  rosen  gebaut, 

wir  wollen  uns  gehn  nach  dem  himmel  umschaun. 

Gelobet  sei  Jesus  Christus. 

{Alle  ah  bis  auf  den   wirf.) 
fVirt. 
Ach  gott,  was  hab  ich  mir  gedacht, 
dafs  ich  bei  spater  finstrer  nacht 
die  leute  habe  naus  gejagt. 

Hätt  ich  mir  das  gebildet  ein, 

dafs's  Jesus,  Maria  und  Joseph  sollen  sein, 

hält  ich  sie  lafsen  kehren  ein. 

Jelzund  cmplind  ich  ein  grofsen  schmerz, 
den  frag  ich  unter  meinem  herz 


Nun  will  ich  laufen  was  ich  kann 
und  will  auch  meine  müh  nicht  sparn, 
ich  will  schaun,  wenn  ich  sie  könnt  treffen  an. 
Adieu,     (ab). 
HALLE.  KARL  WEINHOLD. 


DEUTSCHES    CALENDARIÜM   AUS    DEM 
XIV   JAHRHUNDERT. 

Das  folgende  calendarium  findet  sich  in  einer  perga- 
mcnthandschrift  der  königlichen  bibliothek  zu  Kopenhagen 
(thotlsche  Sammlung,  fol.)  auf  sechs  blättern  {mit  der  Über- 
schrift XXXH),  je  ein  monat  auf  jeder  seile,  der  eigentli- 
che calender  auf  der  inner n  hälfte  der  seifen,  auf  der  äu- 
fsern  die  im  abdrucke  theils  den  tagen  zu  denen  sie  ge- 
hören theils  dem  ende  eines  jeden  inonates  hinzugefügten 
bemerkunge?i.  die  monatstage  sind  auf  ?^ö mische  iveise 
nach  calenden  u.  s.  w.  angegeben  an  der  stelle  der  zahlen 


350      DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH. 

</es  abJruckes,  links  vo/i  diesen  die  sogenannten  sonntags- 
buchstaben,  loieder  links  die  goldenen  zahlen  in  i^ömischen 
Ziffern,  diese,  das  grofse  A  der  sonntagsbuchstaben,  wie 
alles  im  abdrucke  gesperrt  gedruckte,  ist  mit  rother  tinte 
geschrieben,  alles  übrigens  von  einer  hand.  übereinstim- 
mend mit  dein  auf  das  \ie  Jh.  hindeutenden  äufsern  der 
hs.  beweist  der  h.  fFenceslaus  (28  sept.)  daß  die  abfafsung 
nach  1 305  fällt,  und  doch  nicht  allzu  lange :  die  eben 
diesem  heiligen  allein  beigefügte  nähere  bestimmung  zuo 
Beheiin  zeigt  dafs  sein  dienst  noch  neu  und,  weniger  be- 
kannt war;  er  ist  nie  eigentlich  canonisiert  wordeji.  die 
mehrzakl  der  heilige?!  deutet  auf  die  gegend  des  mittleren 
Rheines  hin;  besonders  solcher  sind  viele  deren  reliquien 
zu  Köln  aufbewahrt  loerden. 

Die  ivenigen  abkürzungen  der  hs.  für  unde  (diese  form 
ist  gewählt  weil  sie  überall  steht  wo  das  wort  ausgeschrie- 
ben ist),  -US,  -er  ,mid  im  folgenden  abdrucke  aufgelöst, 
ßir  u  und  ö  ist  uo  und  ou,  für  das  mehrmals  vorkommende 
VigPia  unbedenklich  Vij^ilia  gesetzt  worden.  —  auffallend 
wird  marter  sowohl  für  martyrium  als  neben  raarleler  für 
martijr  gebraucht,  und  beide  zugleich  für  das  femininum, 
während  nur  einmal  martelerin  vorkommt,  vielleicht  veran- 
lafsle  hierzu  ein  zu  gründe  liegendes  lateinisches  calenda- 
rium  oder  martyrologium,  auf  ivelches  auch  die  lateini- 
sche?} formen  vieler  ?iamen  und  anderes  hi?ideulen. 
Jaiiuarius. 
Der  Jenner  hat  X\Xt  tage,    der  nione  XXX. 

1 .  D  a  z  i  n  g  a  n  d  e  j  a  r  d  a  z  g  o  I  b  e  s  n  i  1 1  e  n  ^^•  a  r  t .     0  * 

2.  Sani  Stephans  ahler  dag.^ 

3.  Sani  .lohans  des  ewangelisten  alilei'  tag. 

4.  Der  kindelin  ahler  tag. 
5. 


8.  Sani   Krharles  tag  eines  bischofes. 

y. 

10.   Sani   Panliis  der  erste  einsiedel. 

11. 

12.   Sani  llyhiris  ein  hischol'. 


DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH.       351 

13. 

14.  Sani  Felix  ein  bihler.       liornunges  crafM    (bild*) 

15.  Sani  Maurns  ein  abbet. 

16.  Sani  Marcelle  ein  bebest. 

17.  Sani  Anlhonie  ein  abbel. 

18.  Sant  Prisca  ein  magl. 
19. 

20.  Sani  Fabian  unde  Sebastian  niartelere. 

21.  Sani  Agnes  ein  niagt  unde  ein  maiteler. 

22.  Sani  \  incencie  ein  niarleler. 

23.  Sani  Emerentiana  ein  niarlelerin. 

24.  Sani  Thiuioleus  ein  zweÜ'botte. 

25.  Sani  Paulus  bckerde.' 

26.  Sani  Polioarpe  ein  bischof.     0 

27.  Sani  Johans  mil  dem  guldinen  munde.  ^ 

28.  Sani  Agnes  ahler  tag. 

29.  Sani  Valerie  ein  bischof. 

30.  Sant  Adelgunl  ein  magl. 

31.  Sani  \'i"ilic  ein  bischof  unde  ein  marteler. 


Die  sunne  ist  in  dem  wassere  ''.  In  disem  mo- 
not  so!  men  nüt  lassen  noch  kein  trang  nemen. 
Men  sol  aber  guten  win  in  nuhlern  Irinken. 

Dis  sint  natürliche  sachen  der  allen  mei- 
slere des  gestirnes  von  der  sunncn  craft  irs  louif- 
fes  zuo  demmonote  indemme  jare.  unde  zuo  dem 
ersten  von  dem  nie  Jenner. 

Dis  zeichen  ist  der  wassertreger,  unde  ist  in  dem  Jen- 
ner, wanne  kelti  ist  ein  muoler  der  fiihtjkeil.  Da  von  treil 
der  monol  wasser  zuo  dem  erlriche,  daz  die  fiihlikeit  die  in 
boumen  unde  in  grase  sich  hei  verborgen,  wider  werde  er- 
nuvvert  unde  gespiset.  Der  Jenner  heissel  ein  wasser  Irager 
daz  ist  ein  eimer.  wanne  alse  der  eimer  wasser  zühel  uz  dem 
burnen  also  isl  es  umbe  daz  ertriche  da^  do  vormales  ist  ver- 
dorret von  des  summers  kraft,  daz  ez  sine  natürliche  fühle 
wider  unibezühet  von  des  monotes  kelli  wegen,  wan  alse  die 
hitze  ist  ein  muoler  der  dürre,  also  ist  die  kelti  ein  muoter 
*  eine  zioeiköpßge  vor  einem  tische  stehende  und  mit  beiden 
münden  trinkende  figur.    daneben  ein  brunnen  mit  einem  eimer. 


352      DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH. 

der  l'iilitl.  uiide  also  der  arbeiter  den  do  türslet  gar  wol  be- 
darf des  trankes  daz  er  deste  baz  arbeiten  möge,  gelicher 
wis  daz  ertriche  daz  vormales  ist  erschöpfet  von  der  fiihti  an 
kynien  uude  an  friihten  bedarf  gar  vil  wassers  umbe  daz  es 
anderwerbe  beren  möge. 

Februarius. 
Hornung  XXVIII  tage,     der  mone  XXX. 

1.  Sant  ßrigide  ein  magt. 

2.  Unser  frowen  iichnamestag. 

3.  Sant  Blasie  ein  bischof  unde  ein  marter. 
4. 

5.  Sant   Agathe  ein  magt  unde  ein  marter. 

6.  Sant  Vedaste  unde  Amandus  bischofe. 
7. 

8.  Sant  Helene  ein  künegin. 

9.  Sant  Apollonie  eine  magt  unde  ein  marter. 
10.   Sant  Scolastica  ein  magt. 

H.   Sant  üesiderie  ein  bischof. 

12.  [nüt.« 

13.  Der  hiute   lasset  dem  tuot  der  ritte  des  ja  res 

14.  Sant  Veltins  tag.      Mertzen  craft.  Die  sunne  gat 

15.  in  die  vi  sc  he.* 

16.  Sant  Juliana  eine  magt  unde  ein  martelcrin. 
17. 

18.   Sant  Symeon  ein  bischof. 

19. 

20. 

21. 

22.  Sant  Peters  tag  alsc  er  habest  wart.      Hie  vahel  der 

23.  Vigilie.  Lentze  an. 

24.  Sant  3Iathis  dag  ein  zwelfbottc. 
25. 

20.  Sant  Alexander  unde  XXIII  marleler. 

27. 

28.   Sant  Leonhart  ein  bischof. 

Der  stunden  des  tages  sint  X.  des  naht  es  XIV. 

M  e  u    sei   wissen   daz    nach   dem    s  c  h  u  r  e  t  a  g  e  ^ 
unde   nach    dem    phingcstdage   unde  nach  des  hei- 

'""  zwei  durc/i  ein   band  verbundene  ßsrhe. 


DEUTSCHES  CALENDARIÜM  AUS  DEM  XIV  JH.       353 

ligen  crützes  tagei"  unde  nach  Sant  Liicien  ta- 
ge" di  ncheste  inittcwoche  so  ist  vrone  vaste  ^^. 
Wer  es  abir.daz  der  vorgenannten  tageeinre 
an  eine  mitte  vvochekeme,  so  ^^'ere  die  vronevaste 
der  nach  über  ahte  tage. 

Wissent  daz  der  Hornung  durch  unde  durch 
gantz  wedel  ist.  ^^ 

Indisem  monot  sol  men  ufdem  turnen  lassen. 
unde  sol  men  ouch  trang  nemen  unde  sol  men 
sweis  baden  unde  guoten  win  trinken. 

Februarius.  Dis  zeichen  sint  die  vische.  unde  daz  zei- 
chen ist  in  dem  hornunge.  wan  alse  der  visch  von  dem  was- 
sere wiirt  erzogen  unde  erborn.  Gelicher  wis  in  disem  raonote. 
von  der  wesserigen  l'ühte  der  erden  so  wart  daz  innerliche 
saf  daz  do  ist  ein  some  aller  kyme  erborn  unde  erzogen  unde 
daz  selbe  saf  der  sunnen  craft  des  mertzen  ziiliet  uf  von  der 
erden,  umbe  daz  de  anderwerbe  us  der  fiihte  loub  unde  graz 
unde  fruht  mit  geordemte  gange  wider  uf  untspringe  unde 
wahse. 

Martius. 
Mertze  hat  XXXI  dage.     der  mone  XXX   dage. 

1.  Sant  Albine  ein  marteler.     0 

2.  Sant  Simplicie  ein  bischof. 

3.  Sant  Florian  unde  siner  gesellen  marteler. 
4. 

5. 

6.  Sant  Fridelin  ein  bihter. 

7.  Sant  Perpetua  unde  Felicitas  megede, 

8.  Sant  Cyprian  ein  bischof. 
9. 

10. 

1 1 .  Sant  Candidus  uode  V  alerius  marteler. 

12.  Sant  Gregorie  der  hobest. 
13. 

14.  Sant  Longinus  ein  ritter  unde  ein  marteler. 

15.  Tage   unde   nehte   sint  gliche   lang,     unde  gat 

die  sunne  in  den  wider.     Des  abereilen 
craft.     (bild) 

16.  Sant  Cyriax  unde  siner  gesellen  marteler. 

Z.  F.  D.  A.  VI.  23 


354      DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH. 


17. 

Sant  Gertrud  ein  magl. 

18. 

19. 

Sani  Joseph. 

20. 

21. 

Sant  Benedictus  ein  abbet. 

22. 

23. 

Sani  \'iclorinus  ein  abbet. 

24. 

Vigilia 

25. 

Unser  Crow  en  erne.  '* 

26. 

27. 

28. 

Sant  Regale  ein  magl.      Ö 

29. 

30. 

31. 

Sani  Widen  ein  abbel. 

Der  stunden  des  lages  sint  XII  unde  des  n  a  h- 
les  XII. 

I  n  d  i  s  e  ni  ni  0  n  0 1  c  s  o  1  m  e  n  n  ü  t  lassen  n  o  c  h  k  e  i  ii 
trang  nemen.  Men  sol  süsse  ding  in  nuhtern  es- 
sen unde  trinken,  unde  men  sol  baden  unde  sol 
men  abe  boleien  "^  trinken. 

Mertze  hat  von  natürlicher  eigenschafl  daz  sunnenzeichen 
aries  daz  ist  ein  Avider.  unibe  drie  Sachen.  Die  erste  isl. 
wanne  alse  der  wider  under  andern  lieren  zuo  dem  allerer- 
sten suochet  die  ersten  weiden,  also  ist  es  ouch  von  der  sun- 
nen  crafl  des  mertzen.  daz  sü  her  für  zühet  den  aller  ersten 
ertkymen.  Die  ander  sache  ist.  wan  rehte  alse  sich  der  wider 
erhebet  sinre  hörner.  glicher  wis  wurt  erhöhet  der  sannen 
crafl  in  disem  selben  monote.  Die  drille  sache  ist  wenne  alse 
der  wider  die  scheffclin  herhält  tuot.  gelicher  wis  der  sunnen 
eraft  in  des  merlzeu  zeichen  alles  erlriche  erhitzet  unde  veis- 
sigel. 

Aprilis. 
Abrelle  hat  XXX  dage.     der  mone  XXVIII. 
1. 
2. 
3. 

4.  Sant  Ambrosie  ein  bischof. 

5.  Sant  Celesl.inus  ein  bobesl. 


DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH.       355 

6. 

7. 

8.   Sjinl  Perpoluus  ein  l»isrli(>r. 

0. 

10.  0 

1 1 .  Saut  Leo  ein  hobest. 

12.  Sant  Jiilianus  ein  hobest. 
13. 

l/i.  Sant  Tyhurcius  unde  Valerianus  marter. 

Des  meien  craft.   Unde  gat  die  sunnc  in 

d  en  s  tior.      (hild) 
15. 

16.  Sant  Peter  ein  ewangelier. 

17.  Sant  Eleutherins  ein  biscliol'. 
18. 

19. 

20.  Sant  Fortunalus  nnd  siner  gesellen  marter, 

21. 

22. 

23.  Sant  Georie  ein  niartelcr. 

24.  Sant  Alexander  ein  marteler. 

25.  Sant  Marx  ein  ewangeliste. 

26.  Sant  Ruopreht  ein  marteler. 

27.  Sant  Anastasius  ein  hobest. 

28.  Sant  Vitalis  ein  marteler. 
29. 

30.  Sant  Kürin  ein  marteler. 

Der  stunden  des  tages  sint  XIV  des  nahtes  X. 

In  disem  monote  sol  men  lassen  zuo  der  me- 
diodern  unde  men  sol  frisch  fleisch  essen,  men 
sol  ouch  trang  neraen. 

Aprilis.  daz  ist  abrelle  mit  siner  craft  gelichet  denime 
Stiere.  Avan  alse  de  ertrich  mit  dem  stiere  wurt  gehuwen. 
unde  geschicket  zuo  der  friihte.  Gelicher  wis  wurt  von  der 
sunnen  craft  des  ahrellen.  der  houme  fühte  unde  saf  zuor 
hlfite  unde  zuo  louhe  gefurmiert.  unde  alse  der  stier  ist  un- 
gezeme  alse  wurt  ouch  der  sunnen  craft  zuo  \leme  monote 
stetekliche  verwandelt,  unde  alse  der  stier  ist  gar  starg  unde 
doch   nüt   zuo  vörhtende.    alse  ist  ouch  des  sunnen  influs  in 

23* 


356      DEUTSCHES  CALENDARIÜM  AUS  DEM  XIV  JH. 

disem  monote  unde  in  disem  zeichen  gar  in  tribende  daz  di 
inre  craft  herfiir  werde  gezogen  di  do  vormales  verborgen  isl 
gewesen. 

Majus. 
Der  meie  het  XXXI  tage,     der  mone  XXX. 

1.  Sant    Philippus    unde   sant  Jacob   zwelfboUen 

unde  sant  Walburg  ein  magt  unde  nfia  r  te- 
le rin).   der  vier  lesse*  eine. 

2.  Sant  Athanasius  ein  bischof. 

3.  Die  vindunge  des  heiligen  criitzes.     0 

4.  Von  unsers  herren  crone. 
5. 

6.  Sant  Johannes  marter  vor  der  laMnen  porlen. 
7. 

8.  Sant  Victor  ein  marteler, 

9.  Die  erhabunge  sant  Niclawes. 

10.  Sant  Gordianus  Epiniachus    unde  Sophie  mar- 

teler. 

11.  Sant  Gangolf  ein  marteler. 

12.  Sant  Nereus  Achilleus  unde  Pancratius  marteler. 

13.  Sant  Servatius  ein  bischof. 

14.  Sant  Bonifacie  ein  marteler. 
15. 

16.   Brach  raonotes    craft.     unde   gat    die    sunne    in 

die  zwei  gliche,     (biid**) 
17. 
18. 

19.   Sant  Polentiana  ein   magt. 
20. 
21. 

22.   Sant  Helena  ein  magt. 
23. 
24. 

25.  Sant  Ürban  ein  hobest.    0     Hie  vohet  der  summ  er 

an  unde  wer  et  untze  sant  Simpfrians  dag. 

26.  Sant  ßeda  ein  priester. 
27. 

*  vergl.  anm.  8. 
'*"'  ein  knabe  und  ein  rnä'dehcn  einen  stab  haltend. 


DEUTSCHES  CALENDARIDM  ALS  DEM  XIV  JH.       357 

28.   S.inl  Maxinuis  ein  bischof. 

29. 

30. 

31.   Sani    Petronelle  ein  niagt. 

Der  stunden  des  tages  sint  XVI  des  nahtes  VHl. 

In  dem  meien  sol  men  zuo  der  leberodern  las- 
sen, unde  sol  men  ouch  Irang  nemen.  unde  früje 
wasser  trinken,  unde  den  win  mischen,  unde  kein 
hoube(t)  fleisch  essen.  In  dem  meien  und  in  den 
drien  nach  kommenden  monoten  soistguotslaffen. 

Der  sunnen  craft  zuo  dem  meien  stat  in  dem  zeichine  daz 
do  heisset  gemini,  wanne  alse  under  zweien  Zwillingen,  ist 
natürliche  gleichnisse  alse  ist  ouch  der  sunnen  crafl  zuo  dem 
meien  getempert  zwiischent  kelti  unde  hitze.  urabe  daz  de  üt 
die  irdensche  craft  beide  an  kymen  unde  an  bluomen  von 
iiberiger  hitze  üt  verdorre  noch  von  der  kelti  üt  erfühte.  Zuo 
dem  andern  mole  wanne  alse  zwüschent  zweien  milteb(orejnen 
ist  ein  gncdiger  minnenklicher  umbevang.  Gelicher  wis  zuo 
meien  zit  ist  über  alles  ertrich  ein  glicher.  wa(n)  alles  ert- 
riche  danne  blüjet.  unde  die  v(ogele)  über  al  singent.  unde 
alse  es  ist  ein  u(r;sprung  der  gebürtc  zweier  Zwillinge  unde 
doch  nüt  ein  ende,  alse  ist  ouch  der  sunnen  ingus  z(\io)  dem 
meien  aller  berender  dinge  mit  einander  sache  an  den  bluomen. 
unde  machet  doch  mani(ger)  bände  zil  an  der  frühte. 
Junius. 
Der  brach monot  hat  XXX  tage,     der  mone  XXIX. 

1.  Sant  jNicomedes  ein  marteler. 

2.  Sant  3Iarcelle  unde  Peter  marler. 

3.  Sant  Herasmus  ein  marteler. 

4.  Sant  Cyrinus  ein  bischof. 

5.  Sant  Bonifacie  unde  sine  gesellen. 
6. 

7. 

8.  Sant  31edarde  ein  bischof. 

9.  Sant  Primus  unde  Felicianus  marteler. 

10.  Sant  Onufrius  eins  einsidel. 

11.  Sant  Barnabas  ein  zwelfbotte.     0 

12.  Sant  Basilidis  Cyrinus  unde  sant  Nabor. 

13.  Von  unseres  herren  trifaltikeit. 


358      DEUTSCHES  CALENDARILM  AUS  DEM  XIV  JH. 

14.  Howe  nionotes  kraft.     0     Dis  ist  der  lengeste 

tag.  unde  gat  die  sunne  iu  den  crebs.  (bihJ) 

15.  Sant  Vitus.  3Iodestus  unde  Crescentia. 
16. 

17.  Von  unsers  herren  fron  lichainen 

18.  Sant  Marcus  unde  Marcellinus  marter. 

19.  Sant  Gervasius  unde  Prothasius  marter. 
20. 

21.  Sant  Alban  ein  bischof. 

22.  Zehen  tusent  marleler  tag. 
23. 

24.  Sant  Johans  tag  zuo  süngihten. 

25.  Sant  Gallicanus  ein  marleler. 

26.  Sant  Johans  unde  Paulus  marter. 

27.  Der  siben  slefFer  tag  marteler. 

28.  Sant  Leo  ein  bebest.     Vigilia. 

29.  Sant  Peter  unde  sant  Paulus  XH  botten. 

30.  Sant  Paulus  gedenkunge. 

Der  stunden  des  tages  siut  XVIII  des  nahtes  VI. 

In  diseni  monote  sol  men  niit  lassen,  men  sol 
latiche  mit  essiche  in  nühtern  essen  unde  wasser 
in  nühtern  trinken.  Men  sol  ouch  abe  salbeiien 
trinken  unde  abe  ruten.  unde  sol  men  holder 
bl  ue  te  essen  ^^. 

(J)unius.  Der  sunnen  crall  zuo  dem  brachmonote  von  irme 
louiffe  (is)l  gelich  dem  crebisse.  wanne  (ajlse  der  crebs  hiin- 
der  sich  gat.  (u)nde  ouch  für  sich.  Gelicher  wis  (sla)t  es  umbe 
der  sunnen  craft  zuo  (d)er  zit  daz  sü  zuo  nimmet  an  der 
(vr)ühte.  unde  hünder  sich  vahet  an  den  (bl)uomen  unde  an 
dem  loube.  unde  (?  sit)  daz  die  sunne  zuo  der  zit  sich  schei- 
det unde  verret  von  uns.  unde  von  der  höhte  wegen  gegen  uns 
so  twinget  sü  uns  rchle  alse  der  crebs. 
Julius. 
Der  Ho  w  e m  o n o  t   h a  t  XXXI  der  m o n e  XXX. 

1.  Sant  Johans  ahtede. 

2.  Sant  Processus  unde  3Iartinianus  marter. 

3.  Sant  Thomas  erhebunge  des  XII  botten. 

4.  Sant  Uolrich  ein  bischof. 


DEUTSCHES  CALENDARIÜM  AUS  DEM  XIV  JH.       359 

6.  Sunt  Peters  unde  sanl  Pauls  ahtede  dag. 

7.  Sanl  Willeball  ein  bischof. 

8.  Sanl  Kylian  unde  siner  gesellen  marler. 
1). 

10.  Der  siben  gebruodere  sanl  Felicilas  kinden. 

1 1 .  Sanl  Benedicli  eins  abbeles  erhabunge. 
12. 

13.   Sanl  Heinricb  ein  keiser.     0 
14. 

15.  Sanl  Margarelha  ein  raagt. 

16.  Des  ougusles  craft.    Iiie   gal  die  sunue  in  den 

lowen.     (bild) 

17.  Sanl  Alexius  ein  bihler. 

18.  Sanl  Arnolfus  unde  Malernus  bischöle. 
19. 

20.  Sanl  Alban  ein  marteler. 

21.  Sanl  Arbog^ast  ein  bischol'. 

22.  Sanl  Marie  Magdalene.     0 

23.  Sanl  Apollinaris  ein  niarlelcr. 

24.  Sanl  Chrisliue  ein  niagt  unde  ein  marler. 

25.  Sanl  Jacob  ein   zwellbotle.     Sanl  Chrislol'l'el 

ein  marter. 

26.  Sanl  Herasmus  ein  bischol'. 
27. 

28.  Sanl  Pantaleon  ein  marteler. 

29.  Sanl  Marthe  ein  magt. 

30.  Sanl  Abdon  unde  Sennes  marteler. 

31.  Sanl  German  ein  bischof. 

Der  stunden  des  tages  s int  XII  des  nahtes  VIII. 

In  disem  monote  sol  men  niit  lassen,  noch  kei- 
nen trang  neraen.  burne  wasser  sol  men  in  nuhtern 
trinken,  rute  unde  garwele  unde  steinbreche  sol 
men  essen  ^^.  abe  salbeien  unde  abe  wermute  sol 
men  trinken  ^^. 

Julius.  Der  sunnen  craft  in  demme  howemonote.  ist  gelich 
von  irme  zeichine  einem  lowen  wanne  rehte  alse  der  lowe  ist 
der  aller  hitzegisten  naturen  unde  ouch  zornes.  Gelicher  wise 
ist  euch  der  sunnen  craft  zuo  der  zit  bürnende.  unde  erhitzende 
alles  ertriche   unde  rehle   alse  der  lowe  ist    ein   kiinig   aller 


360      DEUTSCHES  CALENDARILM  ALS  DEM  XIV  JH. 

der  tiere.     also    iibertriffet   denne  ouch  der  sannen  hitze   die 
craft  unde  mäht  alles  anderen  gestirnes. 
August  US. 
Der  ougest  iiet  XXX  dage.    der  mone  XXIX. 

1.  Sant  Peters  banden,     ö 

2.  Sant  Stephan  ein  hobest. 

3.  Daz  Sant  Stephan  fanden  wart. 
4. 

5.  Sant  Oswalt  ein  künig. 

6.  Sant  Sixtus  unde  sine  gesellen  marler. 

7.  Sant  Afre  unde  ir  geselleschaft  raarter. 

8.  Sant  Cyriacus  unde  sine  gesellen  marter. 

9.  Sant  Romanus  ein  marteler. 

10.  Sant  Laurentie  ein  marteler. 

11.  Sant  Tyburicus  ein  marteler. 

12.  Sant  Cläre  ein  magt. 

13.  Sant  ^  politus   unde  sine  gesellen  marler. 

14.  Sant  Eusebius  ein  bihter.     Vigilia. 

15.  Alse  unser   frowe  zuo  himmel  luor. 

Des   ersten    herbesles  monotz  craft    unde  gut 
die  sunne  in  die  magt.     {bild) 

16.  Sant  Arnolf  ein  bischof. 

17.  Sant  Laurencien  ahter  dag. 

18.  Sant  Agabite  ein  niarler. 

19.  Sant  Magnus  ein  marteler. 

20.  Sant  Bernliart  ein  abbel. 
21. 

22.  Sant  Thimolheus    unde  Simphorianus  marter. 

23.  Sant  Bartholomeus   ein  zweifbotte.    Zuo   sant 

Bartholomeus    tage    vahet   der    herbest  an. 

unde  weret  untze  sant  dementen  tage,  unde 

ist  ouch  der  vier  lesse  eine. 
24. 
25. 

26.  Sant  Hireneus  unde  Habundus  marter. 

28.  Sant  Rufus  ein  marteler. 

27.  Sant  Augustinus  ein  bischof. 

29.  Daz  sant  Job  ans  uulhoubetit  wart. 

30.  Sant  Felix  unde  Audaclus  marler.      Ö 


DEUTSCHES  CALENDARIIM  AUS  DEM  XIV  JH.       361 

31.  Saut  Pauliüus  ein  bischof. 

Der  stunden  dirre   tage  sint  XIV   der  nehte  X. 

Men  sol  in  disem  monote  uiit  lassen  noch  kein 
Irang  nemen.  unde  sol  men  nüt  barfus  gan.  unde 
keinen  bier  noch  kein  inettesol  men  trinken,  abe 
boleie  unde  wer  mute  sol  men  trinken. 

Augustus.  Der  Ougest  hat  daz  zeichen  virgines.  daz  sint 
megede.  wanne  sit  daz  ertriche  ist  muoter  aller  criiter  unde 
die  sunne  ist  ein  valier.  unde  sit  de  denne  der  sunnen  craft 
daz  ertriche  unberhaft  tuot.  alse  daz  noch  (krut  dwch- 
striche?i)  kyme  noch  Fruhl  unlspiinget.  darumbe  ist  dem  ou- 
guste  zuo  gegeben  de  sunnenzeichen  virgines.  unde  ouch  dar- 
umbe wie  doch  ein  magel  nüt  gebere  ob  sii  maget  belibel.  ie 
doch  mag  sü  die  geburt  vil  wol  fuoren.  Gelicher  wis  der  sun- 
nen craft.  wie  doch  daz  sü  denne  zuo  male  nüt  nuwer  Frühte 
mache  uf  erden,  ie  doch  so  werdent  die  vordem  Frühte  von 
des  ougestes  craft  gefuorel  unde  geslerkel. 

September,  unde  heisset  der  fule  monot.* 

Der   erste    herbestmonot    hat   XXX    dage.      der 

mone  XXX. 

1.  Sani  Gylie  ein  abbel.   Sant  Verene   ein  magl. 

2.  Sant  Anlhonie  ein  münich. 

3.  0 

4.  Sant  Bonifacie  ein  marteler. 
3.  Sant  Quintin  ein  marteler. 
6.   Sant  Magnus  ein  hihter. 

7. 

8.  Unser  frowen   tag  alse  sü  geboren  wart. 

9.  Sant  Gorgonie  ein  marteler. 

10.  Sant  Protheus  lacinlhas  Felix  unde  Regula. 

11.  Sant  (Justina   ein  magl  durchstrichen). 
12. 

13.  Sant  Juslina  ein  magl. 

14.  Die  erhebunge  des  heiligen  crützes. 

Des    ahteden    monolz  »^   craft.    uudc    gat    die 
sunne  in  die  wage,     (bild) 

15.  Sant  Nicomedes  ein  marteler. 

'*  rdlleindnöt?  der  die  fruchte  füllt,  vcrgl.  die  erklärnng  des  su?i- 
)iü/izeichens. 


362      DEUTSCHES  CALEiNDARILM  AUS  DEM  XIV  JH. 

16.  Sant  Eufemie  ein  magt. 

17.  Sant  Lampreht  ein  biscliof. 

18.  Sant  Riegart  ein  keiserin  unde  ein  magt. 

19.  Sant  Felix  ein  marteler. 
20. 

21.  Sant  Matheus   ein  zweilbotte  unde  ein  e wan- 

geliste.    0 

22.  Sant  Mauritie  unde  sine  geselleschaft  marler. 

23.  Sant  Linus  ein  marteler. 
24. 

25.  Sant  Firmin  ein  marteler. 

26.  Sant  Cleoplias  unsers  Herren  Junger. 

27.  Sant  Cosmas  unde  Damianus  marteler. 

28.  Sant  Wentzeler  ein  hertzoge  us  Beheim  unde  marter. 

29.  San  t  Mic  hahel  ein  ertzengel  unde  aller  heili- 

gen engele  tag. 

30.  Sant  leronimus  ein  priesler  unde  ein  lerer.  [XU. 
Der  stunden  dirre  tage  sintXIl  der  nelitc  oucb 
Indisem  monote  soi  menalleding  essen,  geis- 

sin  unde  scheffine  milch  sol  men  essen  in  nuhtern. 
men  sol  ouch  lassen. 

September.  Ilerbcst  hat  eigenliche  daz  zeichen  libra  daz 
ist  ein  woge,  wanne  alsc  men  mit  der  wogen  die  biirden  ver- 
suochet.  Gelicher  wis  der  monot  die  (ruhte  bewert  unde  be- 
suochet.  unde  alse  die  woge  eine  bürde  der  andern  gelichet. 
also  wurl  des  monotes  dag  unde  naht  ouch  glich. 
0  c  1 0  b  e  r. 

Der  ander  herbestmonot  het  XXXI  tage,    der 
mone  XXIX. 

1.  Sant  Remigius  ein  bischof. 

2.  Sant  Leodagarius  ein  bischof   undo  ein  marler.     0 
3. 

4.  Sant  Franciscus  ein  bihler. 

5.  Sani 

6.  Sant  Gelruwe  ein  magt. 

7.  Sant  Marx  ein  bihter. 

8.  Sant  Symeon  der  gerehle. 

9.  Sant  Dyonisie  unde  sine  geselleschaft  marler. 
10.  Sani  Gereon  unde  sines  gesellen  marler. 


DEUTSCHES  CALENÜARIUM  AUS  DEM  XIV  JH.       363 

11.  Sant  Vedastus  iiiidc  Eustasius  marter. 
12. 

13.  Sani  Marcus  ein  hobest. 

14.  Sant  Burchart  ein  bischof.  Calixtus  ein  bobest. 

15.  Sant  Aurelie  ein  magt.    Hüte  wedelt  der  win- 

termonot  '-'o  unde  gat  die  sunne  in  den  tarant. 
(^bild,  feuerspeiender  sko7yio?i). 

16.  Sant  Galle  ein  bihter. 

17.  Sant  Sigemunt  ein  künig. 

18.  Sant  Lucas  ein  evangeliste. 

19.  Sant  Januarius  unde  sine  gesellen  niartcr. 
20. 

21.  Der  eilf  tusent  niegede  tag  unde  marter. 

22.  Sant  Severus  ein  marter.     0 

23.  Sant  Severinus  ein  bischof. 
24. 

25.  Sant  Crispinus  und  Crispinianus  marter. 

26.  Sant  Amandus  ein  bischof. 
27. 

28.  Sant  Syraon  unde  Judas  zweifboten. 

29.  Sant  Narcissus  ein  bihfer. 

30.  Sant  Marcellus  ein  marteler. 

31.  Sant  Quintin  ein  marteler. 

Der  stunden  dirre  tage  sint  X.    der  nehte  XIV. 

In  disem  raonote  sol  men  lossen  unde  trübel 
essen  unde  most  trinken  unde  geisse  milch  unde 
schoffe  milch  essen  unde  trinken. 

October.  Windemonot  het  scorpionen  daz  ist  ein  tarant. 
wan  alse  der  wurm  mit  dem  swantze  stiebet.  Gelicher  wis 
der  monot  an  dem  ende  mit  unsicherre  kelfi  die  lüte  twinget 
unde  stichet.  unde  alse  der  tarant  sich  verbirget  in  dem  hülen. 
also  entzühet  sich  denne  der  sunnen  craft  von  dem  erlriche. 
daz  do  künllich  ist  daran,  wanne  die  bletter  denne  risent  unde 
dorrent  die  grünen  zwige. 

November. 

Der  dritte  her  best  monot  het  XXX  tage,    der 
mone  XXX. 

1.  Aller  heiligen  tag. 

2.  Aller  seien  tag.  Eustachius^*  unde  siner  gesellen  marter. 


364      DEUTSCHES  CALENDARILM  AUS  DEM  XIV  JH. 

3. 

4.  0 

5.  Sant  Victor  ein  marteler. 

6.  Saat  Leonhart  ein  bihter. 

7.  Sant  Florencie  ein  bischof. 

8.  Vier  gekröneter  marteler. 
9. 

10.  Sant  Martin  ein  hobest. 

11.  Sant  Martin  ein  bischof.     Der  vier  lesse  eine. 

13.  Sant  Cunibert  ein  bischof. 

12.  Sant  ßricie  ein  bischof. 

14.  Sant  demente  ein  marteler.     {  bild) 

Des  wintermonotz  craft  unde  volral  wedelt 
hüte  unde  gat  die  sunne  in  den  schützen. 
IT). 

16.  Sant  ülhmar  ein  abbet. 

17.  Sant  Tecla  ein  magt. 

18.  Sant  3Iarlins  ahter  dag. 

19.  Sant  Elisabeht  ein  wittewe. 
20. 

21. 

22.  Sant  Cecilie  ein  junfro  unde  ein  marter. 

23.  Sant  demente  ein  hobest.    An  sant  Clemenlen  dage 

des  bobestes  hebet  der  w  inte  r  an.   unde  wer  et 
untze  sant  Peters  tag  in  der  vasten. 
24. 

25.  Sant  Katherina  ein  maget  unde  ein  marler. 

26.  Sant  Cuonrat  ein  bischof. 
27. 

28.  0 

29.  Sant  Saturninus  unde  drier  marter  tag. 

30.  Sant  Andres  ein  zwei  hotte. 

Der  stunden  dirre  tage  sintVHI.  der  nebte  XVI. 

In  (1  i s e m  m  o n o t e  s o  1  m  e  n  z u o  der  h o u b t  o d e rn 
lassen,  unde  ouch  zuo  der  leber  odern.  men  sol 
o  u  c  h  n  ü  t  baden. 

November.  Wintermonot  hat  Sagilarium  daz  ist  den 
schützen,  wan  alse  der  schütze  mit  schössen  die  tierlin  jaget 
unde  an  vihtet.  Gelicher  wis  dirre  monot  mit  sinre  kelti  schos- 


DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH.      365 

sen.    daz  gewurme  us  tribet.    und  alse  ein  schütze  zuo  dem 
ersten  sinen  bogen  spannet   daz   er  deste  witer  schiesse  alse 
wurt  in  disem  monote  di  kelti  gemerret  daz  die  grosse  hit(ze) 
der  erden,    in  die  tieffe  der  erden  vertriben  werde. 
Deceraber  unde  heisset  volrat. 

Der  wintermonot  het  XXX  dage.  der  mone  XXIX. 

1 .  Sant  Eloius  22  ein  bischof. 

2. 

3.  Sani  Attele  ein  magt. 

4.  Sant  Barbare  ein  magt  unde  ein  marter. 
5. 

6.  Sant  Nicolaus  ein  bis(chof). 

7.  Sant  Andres  ahter  dag.     0 

8.  Alse  unser  frowe  enphangen  wart. 
9. 

10.  Sant  Eulalie  ein  magt. 

11.  Sant  Damasus  ein  bebest. 
12. 

13.  Sant  Lucie  unde  Odilie  megede. 

14.  Jenners  craft.     (bi/d*) 

Die  sunne  gat  in  den  bog.  Dis  ist  der  kurtze- 
ste  tag  in  dem  jare. 

15.  Sant  Valerianus  ein  bischof. 
16. 

17.  Sant  Adelheit  ein  keiserin. 

18. 

19.  Drissig  rittere  martel. 

20. 

21.  Sant  T  ho  man  ein  z  weifbot  te. 

22.  Sant  Eugenie  ein  magt.     0 
23. 

24. 

25.  Der  heilige  tag  zuo  winnahten. 

26.  Sant  Stephans  tag. 

27.  Sant  Johans  dag. 

28.  Der  kindelintag. 

29.  Sant  Thoman  von  Cantelberg  ein  bischof. 

*  ein  bock  und  ein  einhorn  in  stofsender  Stellung   einander  ge- 
genüber. 


366      DEUTSCHES  CALENDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH. 

30.  David  des  kiineges  tag. 

31.  Sant  Columbe  ein  magt.    Silvester  ein  hobest. 
Der  stunden  der  nehte  XVUI  der  tage  VI. 

In  disem  monot  sol  men  nüt  baden,  men  sol 
ouch  kein  kole  essen,  zuo  der  hobt  odern  unde 
zuo  allen  odern  ist  guot  lassen. 

Decemher.  Hertmonot  hat  Capricornum  daz  ist  der  Steinbog. 
wanne  alse  daz  tier  mit  sinem  hörne  unibe  stiohet  unde  umbe 
wurffet  daz  ertriche  umbe  daz  es  sich  ernere.  alse  tuot  die 
kelti  in  disem  monote.  daz  sü  alle  ding  durchstichet  umbe 
daz  die  natürliche  fiihte  üt  erfule  oder  verderbe,  unde  alse 
daz  einhürne  um  des  hornes  wegen  das  houbet  uf  hebet,  alse 
stiget  denne  die  sunne  ouch  w(ider)  uf  zuo  berge. 

AN3IERKUNGEN. 

1.  dies  zeichen,  welches  sich  im  Jebniar  nicht,  im  april  einmal, 
sonst  in  jedem  monat  zweimal  ßndct,  hat  vielleicht,  sowie  die  roth- 
geschriebenen der  tagnämen,  eine  beziehiing  zu  dem  besondei'n  fest- 
cyclus  der  gegcud  welcher  das  calendarium  angehört. 

2.  ahter  dag  oder  ahtede,  der  je  achte  tag  nach  einem  feste, 
seine  nachfeier.  in  Schilters  calendarium  (thes.  ant.  Teuf.  1,  2 
s.  73)  gewöhnlich  st.  Johans   {oder  irer  es  ist)  ahte. 

3.  Island.  prellaDdi,  nuriv.  Ireltaudag,  trettcnhelgen,  schwed.  tret- 
toade,  nicderd.  dartiendendagh  u.  s.  w.  diese  bezeichnung  ist  eigent- 
lich richtiger  als  die  des  zwölften  tages,  da  der  löe  dec.  der  erste 
tag  dieser  rechnung  ist.  vielleicht  trug  man  die  bezeichnung  der 
vigilie  dieses  tages  auf  den  tag  selbst,  so  heifst  auch  der  le  Januar 
mitunter  der  7e  tag  (geieöhnlich  richtig  der  Se),  vergl.  Haltaus  ca- 
lend.  med.  aevi  s.  33  und  iü. 

4.  neben  der  gewöhnlichen  monatsrechnung  läuft  eine  andere 
alterthlimlichc  welche  jeden  monat  von  dem  eintritt  der  sonne  in  das 
ihm  hauiitscichlich  entsprechende  sonnenzeichen  (d.  h.  in  das  des  vor- 
hergehenden monats)  beginnen  läfst,  übereinstimmend  mit  der  alt- 
nordischen weise  (vergl.  FinnMagnusen,  Specimen  calend.  gent.,  Edda 
Swm.  bd  3  s.  909  ff.),  ivie  mit  der  römischen  (vergl.  das  von  Finn 
Magnusen  s.  1020  angejahrte  ciceronianische  cpigramm)  und  den  äl- 
teren jahreseintheilungen ,  wovon  sogleich,  dabei  ist  aber  zu  bemer- 
ken dafs  der  eintritt  der  sonne  in  jedes  zeichen  um  durchschnittlich 
8  tage  zu  früh  gesetzt  uu'rd,  eine  bekanntlich  durch  die  mangelhafte 
bercchnung  des  julianischen  kalcnders  entstandene  ahweichung  von 
der  Wahrheit,  dadurch  ist  der  umstand  herbeigeführt  dafs  um  eben 
so  viel  tage  auch  die  feststehenden  anfange  der  vier  Jahreszeiten 
(11  febr.,  25  mal,  24  aug.,  23  nov.)  von  den  durch  jene  irrige  rech- 
nung beweglich   gewordenen    anfangen    der  respcctiven  sonnenmonate 


DEUTSCHES  CALEiNDARIUM  AUS  DEM  XIV  JH.       367 

abweichen,    während   sie  im  beginn  der  julianischen  reehnung  naiüv- 

livh  mit  ihnen  zusammenßelen.     so  ist  die  scheinbar  dreifache    d.    h. 

auf  drei   verschiedene    datcn  fallende    quarf alein fheilung   im  grunde 

nur  eine  und  dieselbe,    der  September  nämlich  heifst  der  erste  herbst- 

monat:   beginnt  man  ihn  nun  der  obigen  bemerkang  gemäfs  nicht  mit 

dem  \n  des  monates  nach  gewöhnlicher  reehnung,    sondern  mit  dem 

eintritt  der  sonne  in  die  Jungfrau,    so  ergiebt  sich  folgende  j'ahres- 

einlheilung. 

1.  stehendes  datum  nach  der  an-       2.  wirklicher  eintritt  der  sonne  in 

gäbe  des    calendariums    {vergl.       das   resp.   zeichen   im  jähre  des 

die  genannten  tage).  calendar.,     nach  jul.  reehnung. 

!  beide  daten  3,  ent- 
sprechend nach  alter 
art  die  7nonafe  zu 
rechnen  dem  1«  des 
Je  nächstfol^'enden 
monates. 

übereinstimmend  mit  ägypt.   vüm.  griech.  altnord.   weise,   vergl.  Finn 
Magnusen  s.  1011/. 

5.  'ut  pagani  tum  gaudebant  propter  conversionem  hieniis  ad 
vernae  periodi  appropinquationem  —  seculo  nono  primum  a  Christia- 
nis obsercatnin  inrenimus  festum  concei'sionis  s.  Pauli'  F.  Magnusen 
s.  1060. 

6.  d.   i.   Chrysostumus. 

7.  dies  scheint  sich  auf  das  zeichen  des  wafsermanns  zu  bezie- 
hen, die  erklärungen  des  calendariums  schreiben  von  der  oben  be- 
sprochenen art  abweichend  Jedem  monat  das  sonnenzeichen  zu  dessen 
anfang  in  seinen  lauf  fällt,   der  gewöhnlichen  reehnung  gemäfs. 

8.  bei  dem  \n  mai,  24m  sept.  und  \\n  nov.  ßndet  sich  die  be- 
merkung  der  vier  lesse  eine.  der  gen.  plur.  lesse  kann  nur  einem 
starken  masc.  oder  neufr.  gehören'"',  bei  dem  freilich  die  schwache 
form  eine  etwas  sonderbar  steht,  aus  der  angegebenen  zahl  4  und 
den  monaten  mai  scpt.  nov.  sieht  man  dafs  von  einem  Vierteljahrs- 
gebrauch  die  rede  ist.  man  hat  also  den  in  lass,  um  das  vermutete 
wort  sogleich  zu  gebrauchen,  im  febi'uar  zu  suchen,  wo  man  ihn  — 
und  zugleich  die  erktärung  der  ganzen  sache  —  ohne  zweifcl  in  der 
zum  \Zn  hinzugefügten  bemerkung  ßndet  der  hiute  lasset  dem  tuot 
der  ritt  des  jares  nütt.  es  ist  mithin  vom  aderlafs  die  rede,  dies 
kan7i  sehr  gut  neben  den  bei  Jedem  monat  gegebenen  regeln  über  den 

*  rvenn  man  nicht  ein  apocopiertes  n  annehmen  will,  um  ein  fem.  lese  zu  er- 
halten, hierßir  erinnert  herr  etalsralh  F.  Magnusen  mich  an  die  blumeniese  des 
in  mai,  an  Petri  Arautweihe  und  unser  frauen  würzweihe  (1  und  15  aug.),  vcrgl. 
F.  Magnusen  s.  1102/  und  in  der  Tidskriß  for  nordisk  oldkyndighed,  Zdet  bind, 
die  abhandhing  Den  1  nov.  og  den  I  august),  und  an  eine  vor  hundert  jähren 
noch  gebräuchliche  holzlese  im  november  {daher  die  ausdrücke  leseholz,  lesezeit, 
vergl.  Zink  ücon.  le.v.  1744.  1, 1653/.). 


368      DEUTSCHES  CALENDARILM  AUS  DEM  XIV  JH. 

aderlafs  bestehen:  denn  diese  letzleren  beruhen  offenbar  auf  ver- 
meintlichen allgemeinern  diätetischen  erfahrungen ;  auf  sie  passen 
die  Worte  der  Zürcher  hs.  in  Grimms  myth.  anhang  s.  xliv,  und  zit 
halten  erzenie  ze  gebenne.  und  zu  den  lessineu  ist  ouch  nüt  ze  ver- 
werfenne,  während  jene  vier,  bestimmten  tagen  ungehörig,  mehr  auf 
aberglavben  im  eigentlichen  sinne  beruhen. 
9.  d.  ?■.  aschermittwoch. 

10.   14  September.       11.   13  derember.        12.  d.  i.  quatemherf asten. 

13.  der  Schreiber  des  calendariiims  hat  in  dreimaliger  angäbe  des 
inondstandes  r'iicksicht  auf  das  eben  laufende  Jahr  genommen,  hier, 
am  15«  oct.  und  am  14«  not'.,  an  welchen  tagen  nach  seiner  angäbe 
der  mond  des  Je  folgenden  monates  wedelt,  diese  mondrechnung  ist 
aber,  wenn  anders  das  dunkle  wedel  im  fo'genden  richtig  erklärt  ist, 
nicht  anders  mit  sich  selbst  in  einklang  zu  bringen  als  durch  die 
annähme  dafs  der  Schreiber  die  beiden  mondberecfinungen  mit  einan- 
der vermengte,  indem  er  die  erste  bestimmung  beim  februar  der 
Wirklichkeit  geniäfs  {nach  der  epactenrechnung),  die  beiden  andern 
aber  nur  nach  der  goldenen  zahl  machte,  vielleicht  eben  durch  diese 
verleitet,  nämlich  als  goldene  zahl  für  das  Jahr  dem  er  sein  calen- 
darium  zunächst  bestimmte  hatte  er  I  gefunden  ;  nach  dieser  setzte 
er  ohne  weiteres  den  beginn  des  zunehmenden  mondes  {des  wedeis) 
auf  den  15«  oct.  und  14«  nov. ;  beim  februar  rechnete  er  der  wirk- 
lichkeit  nach  die  er  vor  äugen  hatte  und  erhielt  dann,  wie  die  epa- 
r.tenrechnung  ausweist,  einen  neumond  auf  dem  Z\n  Jan. :  also  ßel 
in  Jenem  Jahre  ein  vollständiger  mondumlauf  mit  ausschlufs  des  in- 
terluniuins  genau  mit  dem  monat  februar  zusammen,  dies  soll  das 
adjectiv  wedel  besagen,  welches  also  die  zwei  phasen  des  abnehmen- 
den mondes  (der  böse  wedel)  und  des  zunehmenden  mondes  (der  gute 
wedel,  nach  Grimms  hierdurch  bestätigter  Vermutung  myth.  2e  ausg. 
s.  674),  mit  ausschlufs  der  dritten,  des  neumonds,  bedeutet,  daher 
abergl.  973  die  drei  gegensätze  neumond,  böser  wädtl,  abnehmender 
mond,  und  myth.  'le  ausg.  s.  1223  in  dem  zusatz  zu  s.  674  die  rech- 
nung  ein  nuwe  unde  ein  wedil,  daz  sint  vier  wochen,  d.  h.  ein  voll- 
ständiger mondumlauf  zugleich  zeigt  .sich  hier  dafs  man  Jedem 
monat  den  mondumlauf  zuschrieb  dessen  neumond  zuerst  nach  dem 
eintritt  der  sonne  in  das  zeichen  des  vorhergehenden  monats  {vergl. 
anm.  4)  eintraj'.  {ostersonntag  ßel  nach  dieser  rechnung  in  dem  Jahre 
an  welches  der  schrciber  dachte  zwischen  den   14«  und  den  20«  april.) 

14.  festum  annuntiationis,  nicht  zu  verwechseln  mit  Mariac  eh- 
renlag 15«  aug. 

15.  boleie  von  bol  {Graff  3,  96)  .*  getränke  auf  zwiebeln  gezogen 
wurden  vielfach  als  arznei  gebraucht,  vergl.  z.  b.  Fuchsens  new. 
kreuterbuch  Basel  1543  unter  zwiebol.  [vielmehr  polet,  pulegium.  hpt.] 

16.  saWtile  blüht  im  Juni  und  Juli,  bolder  {hollunder,  sambucus) 
und  lattich  im  Juni. 

17.  garwele.    garb,    gcrwcl,    sfratiotes    millefolia.     steinbreche, 


VOM  ANTICHRIST.  369 

sau-ifraga ;  die  rothe  blüht  tun  diese  zeit,  {hängt  das  tvortspiel  über 
abtlioii,  rothe  steinbreche,  Grimm  myth.  anhang  s.  clxii.  mit  dem  heil. 
Abdun,  'iOn  Juli,  zusammen?) 

18.  'salbet  mit  wermuot  gesotten  und  getnmken  heylet  die  rot- 
rhuor^  Fuchs  cap.  92. 

19.  wohl  nur  eine  Übersetzung  von  october,  ivie  s.  Fides  (6oc/.) 
übersetzt  tvird  s.  Getruwe. 

20.  wintermonot  scheint  auf  einem  Schreibfehler  zu  beruhen,  da 
auf  die  übrigens  verschiedentlich  vorkommende  jahreseinthcilung,  nach 
welcher  der  november  der  erste  winiermonat  ist,  in  diesem  calenda- 
rium  weiter  nichts  hindeutet,  so  beginnt  die  altnordische  und  die 
heutige  norwegische  rechnung  den  winter  um  die  mitte  des  octobers, 
d.  i.  mit  dem  \n  nov.  ältester  rechnung,  nach  der  oben  erwähnten 
Verschiebung,     vergl.  F.  Magna sen  s.  1015. 

21.  oder  Eustathius  ?  das  Heiligenlexicon  {Colin  und  Frank/.  1719) 
nennt  an  diesem  tage  iveder  den  einen  noch  den  andern. 

22.  d.  i.  Eligius. 

R.  VON  LILIENCRON. 


VON    DEM   ANTICRISTE. 

Swen  wundert  von  dem  Anticrist, 

daz  er  also  geheizen  ist, 

der  merk  an  disem  biiechelui 

waz  von  im  sant  Auguslin 

schribet;   so  verslet  er  wol.  5 

daz  man  in  also  nennen  scliol, 

wan  er  an  allen  dingen 

diu  er  mac  voilebringen 

wirt  vestecliche  wider  Crisl, 

der  himel  und  erde  schephaür  ist.  10 

Christus  quam  iif  er  trieb 

gar  diemüeteclich : 

er  kumt  mit  solher  hochvart 

diu  nie  mer  gesehen  wart. 

Christus  quam  ze  rihten  15 

die  Sünder  und  ze  slihten 

Die  Handschrift  {über  die  in  dieser  Zeitschrift  2,  9  gesprochen  wor- 
den ist)  1 .  won,  so  immer.  10.  himels  zu  schreiben  ist  leicht, 
aber  vielleicht  nicht  nÖthig.  JFalther  35,  1  Liupolt,  zwir  ein  fiirste, 
Stfr  und  Osterriche.         die  hs.  15.   riehen 

Z.   F.  D.   A.   VI.  24 


370  VOM  AiNTICHRIST. 

•swaz  unrehte  was : 
fiir  wäre  schult  ir  wizzen  daz, 
der  Anticrisl  niht  also  tuot, 

wan  sin  grozer  übermuot  20 

die  guoten  iiidert  swä  er  mac : 
der  bösheit  ie  und  ie  phlac, 
den  eret  er  und  ist  im  holt 
und  git  im  silber  unde  golt. 

alliu  tugent  wirt  im  leit,  25 

sin  1er  wirl  nuor  von  bösheit. 
daz  evangelje  er  verniht: 
swen  er  h(Bret  oder  siht 
der  dar  an  gelouben  wil, 

dem  git  er  leides  also  vil,  30 

ez  sin  frouwen  oder  man, 
daz  nieman  wol  betrahten  kan. 
die  guoten  er  verkeret, 
des  vindes  dienst  er  mferet 

mit  so  grözer  valscheit  35 

daz  er  den  Juden  danne  seit, 
er  si  der  war  Messias 
der  in  gelobt  ze  kommen  was 
von  gote  in  der  alten  e. 

des  tuot  er  ach  unde  wo  40 

die  in  da  für  niht  wellen  hau, 
kini,   frowen,  oder  man. 
Wer  des  Antieristes   tlienar  sint   und   ob   ihl   m^re 
Antlcrist  si   daniie   einer. 
Xu  merket  waz  er  diener  hat 
und  wer  si  sint,  daz  ist  min  ral. 
und  ob  iht  mcre  Anticrist  45 

si,   werde,  oder  gewesen  ist, 
und  sehen  frowen  unde  man 
ir  eigen  gewizzen  an, 
daz  sin  niht  sin  der  Anticrist, 
der  leider  uu  vil  manger  ist,  50 

oder  sine  dienser, 

19.  rul         '2(5.  lere         '27.   evangeli 


VOM  ANTICHRIST.  371 

daz  siu  uiht  gote  werden  sw?er, 

als  DomiciHiius 

und  Diocleciänus, 

Herodes,  Cypriänus,  55 

Nero,  Juliäniis, 

Pilatus,  Antiochus, 

Pharao,   Olibrius, 

und  manger  der  noch  hiute  lebt 

und  vesteclich  von  gote  strebt.  f»n 

wan  swelch  mensche  frävenlich, 

er  si  werltlich  oder  geislich, 

lebt  wider  die  gerehtekeit 

und  boeslich  sinen  orden  treit 

und  versma'ht  daz  guot  ist,  65 

er  ist  für  war  der  Aulicrist 

und  ein  diener  Sathane, 

vor  gote  verdampnet  immer  me. 

Von  des  Anticristes  ancvang'e. 
Hie  merket  von  sim  auevanc, 
und  nieman  habe  des  gedanc  70 

oder  sölhen  arcwän, 
daz  ich  von  minem  sinne  hau 
ihtesiht  dar  zuo  geleit, 
nuor  daz  ich  min  arebeit 

hän  mit  lesen  zuo  getriben,  75 

unz  ich  hän  funden  geschriben, 
als  uns  der  meister  lerft  seit, 
daz  er  von  der  jüdischeit 
her  nach  geborn  werden  schol, 
daz  schult  ir  gelouben  wol,  80 

des  geslähtes  von  dem  man 
des  name  hat  geheizen  Dan, 
als  der  wizsage  sprach 
daz  er  in  dem  geiste  sach, 

Dan  werd  ein  wurm  au  dem  wege  85 

der  da  läget  bi  dem  stege. 

55.  Cypranus         6'2.  er  fehlt.  74.  min]  mit  83.  der   wizsage: 

genesis  49,  17. 

24* 


372  VOM  ANTICHRIST. 

als  der  slange  läget 
und   in  des  niht  betraget 
daz  er  frowen  unde  man 

niht  ungeleidet  läze  gan,  90 

also  tuot  der  Anticrist: 
swä  der  guote  mensch  ist 
der  den  wec  der  wärheit 
und  den  stec  der  rehfekeil 

gerne  wolte  keren,  95 

gotes  lop  ze  meren, 
die  wirfet  er  vergilt  an 
der  bösheit,  als  er  wol  kan. 
Wie   und    von   wem   der  Anticrist  geboren   wirl. 
Ouch  wizze  daz  er  wirt  geborn 
(daz  wil  ich  sprechen  äne  zorn)  100 

von  vater  und  von  muoter 
als  boeser  unde  unguoter, 
niht,  als  eteliche  jehent, 
von  einer  meil,  die  des  nihl  sehenl 
noch  vindent  in  den  buochen,  105 

ob  si  siu  gar  ersuochen. 
diu  werc  werdent  begangen 
unde  er  wirt  cnphangen 
geborn  in  grözen  sünden, 

als  ich  iu  wil  künden.  110 

swann  er  enphaugen  werden  schol, 
daz  weiz  der  übel  vinl  wol. 
der  vert  in  daz  selbe  wip 
und  besitzet  ireu  lip 

und  nicket  in  mit  siner  kraH  115 

und  würket  eine  wechselschafi 
daz  er  sich  vereine 
mit  im  in  alr  gemeine, 
als  unser  herre  sinen  geisl 

saute,  als  du  wol  weist  120 

und  dir  diu  geschril't  seit, 
Marien  zuo,   der  reinen  meit. 

lü*2.  viule  gnoter  115.   niohpii 


VOM  ANTICHRIST.  373 

daz  er  si  überschatte, 
mit  gotheit  ersalte, 

von  gote  wurde  swsere,  125 

den  heilant  gebsere, 
unsern  Herren  Jesum  Crist, 
als  euch  da  geschriben  ist, 
also  geschiht  dem  Anticrist, 

als  vor  gesprochen  ist.  130 

der  vint  kumt  in  ein  wip 
and  erviiilet  iren  lip: 
er  umbegit  si  gänzlic-h 
unde  haltet  si  gar  vesledich, 
liz  und  inne  gewalteclich  135 

er  si  besitzet  sicherlich, 
daz  diu  geburt  die  si  hat 
von  irem  man  nach  sinem  rat 
enphangen  üf  der  erde 

boes  und  verdampnet  werde.  140 

da  von  ist  er  nilit  umbsust 
genant  ein  sun  der  verlust, 
wan  er  dar  üf  trabte 
in  aller  siner  ahte 

wie  er  Verliesen  möhte  145 

menschlich  geslähte, 
und  er  selber  wirt  verlorn 
ewiclich  von  gotes  zorn. 
\Va  der  Anticrist  schol  geborn  werden. 
Wie  er  geborn  werden  schol 
daz   habt  ir  gehoeret  wol :  1 50 

nu  merket  wä  er  werde 
geborn  üf  der  erde, 
dö  got  unser  heilant 
sach  diu  jeemerlicheu  baut 

da  mit  uns  bete  gebunden  155 

der  vint  zuo  allen  stunden, 
er  wolt  erbarmherzeclich 
komen  üf  daz  ertrich 
uns  armen  ze  tröste, 
daz  er  uns  erlöste.  160 


374  VOM  AMICHKIST. 

(laz  moht  anders  uiht  geschehen, 

als  ich  die  raeister  hoere  jehen, 

nuor  von  menschlicher  art. 

wan  ez  also  verschuldet  wart, 

und  der  ledic  waire  165 

der  erbesünde  swwre. 

wä  wair  der  mensch  luiiden? 

wir  wären  alle  gebunden 

mit  der  ungehorsam 

froun  Even  und  hern  Adam.  170 

Jesus  Crist  an  allez  meil 

nam  niht  alein  der  sünde  ein  teil. 

er  nam   die  siinde  gar  üf  sich : 

6  herre  got,  des  lobe  ich  dich. 

er  wolte  mensche  werden  175 

geborn  üf  der  erden 

unde  erwellc  im  ßefhie^m. 

nähe  bi  Jerusalem, 

da  er  inne  wart  geborn. 

gegen  uns  des  vater  zorn  180 

leit  er  abe  gänzlich 

und  gap  umb  unser  schulde  sich. 

diu  selbe  slal  geheizen  ist 

ein  stat  des  broles. 

da  wart  geborn  umb  unser  nol  185 

der  daz  wäre  himelbrol 

ist  da  von  diu  cristenlieif 

wirt  gespisel  und  bereit 

zuo  den  freuden  ßwiclicli 

die  da  sint  ze  himelrich.  190 

also  hat  der  vint  erkorn 

eine  stat  da  wirt  geborn 

ein  würz  aller  bösheit, 

als  uns  diu  geschrifl  seit. 

daz  ist  der  boese  Anticrisl.  195 

der  ofte  vor  genant  ist. 

diu  stat  ist  Babylon  genant. 

in  der  werlde  wit  erkant. 

183.   18i.   vielleicht  Reheizen  is  :  brotis 


VOM  ANTICHRIST.  375 

(1.1  siul  zwo  ander  stete  bi 

die  werdent  im  ouch  bede  tri,  '-^^^^ 

Chorosaün  Bethsäida. 
den  fluochet  got  und  sprichet  da 
durch  des  wizsagen  munt 
'we  w^'  und  tuol  in  kunl 

waz  in  geschihl  dar  nach  205 

daz  in  zuo  bosheit  ist  so  gäch. 
da  wirt  er  inne  gezogen 
und  manic  man  von  im  betrogen, 
da  gewint  der  Anticrist 

von  aller  hande  zoubcriisl  210 

meister  die  in  spisenl, 
Iferent  unde  wisent 
fruo  unde  späte 
nach  des  vindes  rate 

swaz  nach  bosheit  mac  geschehen.  215 

ich  hoere  ouch  die  meister  jehen 
daz  die  vinde  mit  ir  krall 
sin  in  sinre  geselleschaft 
und  im  stsete  zuo  gesten 

und  fiirbaz  nimmer  von  im  gen.  220 

Wie  der  Anticrist  gen   lerusalöm  kunil. 

Dar  nach  kumt  diu  veige  fruht 

gen  lerusalem  mit  ungeuuht 

mit  freissamer  grimme, 

mit  griulicher  stimme. 

in  den  tempel  sitzet  er  225 

uf  einen  stuol  und  sprichet  'wer 

sint   die  wider  mir  wellent  sin, 

nilit  wellent  wizzen  wer  ich  bin? 

des  wären  gotes  sun  bin  ich. 

swer  eret  unde  erkennet  mich,  230 

allez  daz  sin  herze  gert 

des  wirt  er  von  mir  gewert. 

swer  aver  des  niht  entuot 

dem  mach  ich  also  heize  gluol 

daz  kein  kaniin  nie  wart  235 

üf  erde  enzündet  also  hart.' 


376  VOM  ANTICHRIST. 

er  heizet  wider  macheu 
in  aller  slahte  sachen 
den  tempel  den  kiinc  Salomöu 
unserm  herren  werhle  schön.  240 

des  ersten  keret  er  zuo  sich 
kiinege  und  ander  Fürsten  rieh, 
mit  den  mag  er  bedwingen^ 
die  ander  zuo  im  bringen : 

da  sumet  er  sich  lützel  an.  245 

swä  er  mac  oder  kan. 
die  stete  er  alle  stoeret 
da  er  hat  gehoeret 
die  Christus  hat  erliuhtel 

und  mit  genäde  erviuhtet.  250 

er  sendet  euch  durch  alliu  laut 
sine  boten  säzehant 
und  sine  prediga're  : 
die  wernt  der  werlde  swicre. 
sin  gewalt,  sin  valschiu  1er  255 

wirt  von  dem  nier  unz  an  daz  mer 
und  durch  al  die  werlt  gar, 
daz  sage  ich  iu  offenbar, 
dar  nach  tuot  er  zeichen  vil, 
als  ich  iu  nu  sagen  wil.  260 

diu  bi  uns  nihl  sint  geschehen 
noch  gehoeret  noch  gesehen, 
die  boume  bliient  swanne  er  wil 
und  dorrent  ouch  zem  selben  zil. 
daz  mer  wart  nie  so  stille,  265 

ob  ez  waer  sin  wille, 
er  machet  daz  ez  wüete 
und  ziuhet  wider  in  giiete. 
er  wandelt  die  näture 

in  manger  slaht  ligure.  270 

er  liiert  daz  weter  swie  er  wil 
mit  winde  regen  schüren  vil. 
er  tuot  die  toten  ul'  sten, 
lebent  üz  dem  grabe  gen, 
257.  alle 


VOM  ANTICHRIST.  377 

und  ander  zeichen  äne  zal,  275 

daz  diu  werlt  über  al 
vor  vorhten  also  gar  verzeit 
daz  vallent  in  irrekeit 
(ich  spriche,  ob  ez  mac  geschehen, 
als  ich  die  raeister  hoere  jehen)  280 

ouch  diu  lieben  gotes  kint 
diu  von  im  erwelet  sint. 
wan  swanne  daz  volc  siht 
so  manic  wunder  daz  geschihl, 
so  wirt  von  des  vindes  krall  285 

niauic  mensche  zwivelhafl, 
ez  werden t  zwiveln  etelich 
die  nu  mit  gote  vesteclich 
habent  sich  verrihtet, 

versiienet  und  verslihtet,  290 

daz  si  vollekomen  sint 
und  erwelliu  gotes  kint; 
gedenkent  ob  er  si  Crist 
der  vor  dem  urleil  künftic  ist 
ze  rihten  nach  der  rehtekeit,  295 

als  uns  diu  geschrift  seit, 
doch  sint  diu  zeichen  diu  er  tuol 
mit  sinem  grozen  übermuot 
von  des  vindes  bösheit, 

von  zouber  und  von  valscheit.  300 

si  dünkent  aver  gar  gereht 
unde  guot  sine  kneht 
und  die  in  grozen  sünden  sint. 
an  cristan  gelouben  blint. 
Von  der  tlurcha-lituno-e  des  Aiiticrisles. 

Dar  nach  wirt  der  Anticrist,  305 

als  von  im  geschriben  ist, 

von  des  boesen  geistes  rät 

als  wit  diu  werlt  bevangen  häl 

durchaehle  machen 

von  vier  hande  Sachen  310 

279.  Sprech         30i.  An  cristani 


378  VOM  ANTICHRIST. 

über  alle  die  sint  erweit 
und  zuo  der  cristenheit  gezelt, 
mit  gäbe  zeichen  eise 
und  mit  des  todes  freise. 

swer  an  in  gelouben  wil,  315 

dem  git  er  golt  und  silber  vil. 
den  er  also  niht  gewinnen  mac, 
dem  tuot  er  drö  naht  unde  tac, 
daz  im  lieber  waer  der  tot 

danne  leben  in  so  grozer  not.  320 

den  er  also  niht  gewinnet, 
wie  schiere  er  sich  versinnet 
und  reichet  in  mit  zeichen  an, 
ez  si  wjp  oder  mau. 

mag  er  siu  danne  gewinnen  niht  325 

mit  zeichen  noch  mit  anderm  iht. 
s6  bringt  er  siu  in  gröze  not 
und  in  den  bitterlichen  tot. 
wan  Sit  diu  werlt  gestanden  ist 
unz  üf  die  selben  frist  330 

wart  nie  so  groziu  triiebesal 
als  danne  wirt  über  al. 
Von   der  vorhlr   die  die   iiute   gex^  innent. 
Do  wirt  nilit  wan  fliehen, 
sich  von  dem  wege  ziehen. 

nieman  keret  iu  sin  hiis  '  335 

daz  er  iht  trage  dar  üz. 
der  ab  dem  acker  üf  den  berc 
fliuhl,    der  würket  beides  werc, 
da  wirt  dan  niht  anders  an 

wan  daz  ein  ieglich  Cristan  340 

got  und  sine  cristenheit 
verlougen  oder  si  bereit 
zc  liden  isen  oder  fiur, 
wurme,  tier  ungehiur, 

oder  anders  marter  vil,  345 

ob   er  bi  gotc  bliben  wil. 


VOM  ANTICHRIST.  379 

diu  jjemerliclie  trüebesal 
in  der  weilt  über  al 
belibet  vierdehalp  jar, 

daz  schult  ir  wizzeii  für  war,  350 

doch  die  tage  gekürzet  sint 
dann  umb  die  üz  erweiten  kint. 
Iset  des  nilit  unser  herre  got 
von  genäden  und  gebot, 

so  wier  diu  werlt  alle  enwiht  355 

und  würd  daz  Heisch  behalten  nihl, 
daz  ist  der  menschen  krankheit: 
niht  anders  mir  min  sin  seit. 
Wanne   der  Anlicrist  oder  der  jung'isl   tue 
künftie  si. 
Swen  wundert  umb  den  Anticrist, 
zuo  welher  zit  er  künilic  ist,  360 

oder  umb  den  jüngsten  tac, 
ob  er  iht  schiere  komen  mac, 
der  frag  sant  Pauls  epistel  des 
ad  Thessalonicenses. 

ez  si  dann  daz  entwiche  365 

vor  von  dem  riebe 
und  ouch  daz  man  künde 
den  menschen  der  sünde 
und  den  sun  der  verlust, 

so  wirt  die  frage  umbe  susl.  370 

nu  merket  waz  dar  nach  get 
daz  ir  die  rede  verstet. 
Persiä  nach  dem  künicrich 
wurden  andriu  dem  gelich. 

ir  iegelichez  wol  geriet,  375 

fere  unde  guot  biet, 
daz  roemisch  rieh  zem  lesten  wart, 
daz  nam  üf  an  der  vart 
und  begund  sich  meren 

an  guot  unde  an  eren,  380 

an  gewalt  unde  an  kraft, 

352.  wan?         365.  2  Thess.  2,  3.         373.  Persay 


380  VOM  ANTICHRIST. 

daz  uuder  siner  h^rschaft 
muosten  sin  gemeiniciich 
alliu  diu  künecrich 

die  diu  werlt  mohte  hän.  385 

im  wären  ouch  undertäii 
alle  diu  geslähte 
diu  man  gezeln  mähte 
in  al  der  werlde  landen 

die  Romser  erkanden.  390 

da  von  spricht  sant  Paulus, 
der  heilig  apostolus, 
daz  in  die  werlt  der  Antikrisl 
niht  vor  kiinl'tic  ist 

6  daz  alliu  kiinicrich  395 

scheidenf  von  dem  rremschen  rieh 
diu  im  vor  gehorsam 
alliu  warn  und  undertän. 
diu  zit  ist  aver  noch  niht. 

swie  man  leider  wol  sihl  /«OO 

daz  daz  roemische  rieh 
nu  stfet  so  kränklich, 
doch  schult  ir  wizzen,  liehen  kint, 
als  lang  die  kiing  von  Frankrich  sinl, 
daz  daz  roemische  rieh  405 

niht  zergßl  gänzlich, 
wan  ez  gehoerel  siu  an : 
da  von  muoz  ez  die  wile  hcstän. 
der  leruT  sprechent  etelich 

daz  ein  künc  von  Frankenrich  410 

wirt  besitzen  gänzlich 
daz  selbe  roemische  rieh, 
der  wirt  gewaltic  unde  groz, 
der  lesle  under  sin  genoz. 

swann  er  nu  wol  beschirmet  hal  415 

daz  rieh  nach  erlichem  rat, 
so  kumet  er  mit  sinem  her 
gen  lerusalem  über  raer 
gevarn  ül"  den  ölberc. 
389.  all'  .ler 


VOM  ANTICHRIST.  381 

er  würket  wunderlichiu  werc.  420 

er  leit  von  im  gar  schöne 

den  zepler  und  die  kröne. 

da  endet  sich  daz  cristenluli 

und  daz  roemische  rieh. 

und  sprechent  daz  der  Anlicrist  425 

kumt  in  der  selben  Frist, 

als  sant  Paulus  gesprochen  hat 

und  ouch  vor  geschriben  stät. 

ein  mensch  der  sünden  gofFent  wirt, 

ein  wip  in  sünden  in  gebirt,  430 

den  verfluochten  Anticrisl, 

der  ofte  vor  genant  ist. 

swie  daz  er  ein  mensche  si, 

im  wont  doch  alliu  bösheit  bi: 

er  ist  der  sünde  ein  ursprinc :  435 

er  w  ürket  tiuvellichiu  dinc : 

er  tuot  des  vindes  wollen  gar 

beidiu  stille  und  offenbar: 

da  von  ist  er  sin  liebez  kint, 

als  alle  boese  liute  sint.  440 

er  hat  in  menschen  gestall 

tiuvelischen  gewalt. 

ez  werdent  alle  schätze 

von  bösheit  und  von  tralze 

in  im  verborgen,  445 

der  cristenheit  ze  sorgen. 

er  wirt  an  allen  dingen 

wider  gote  ringen 

und  wider  alliu  gotes  kinl 

diu  in  der  kristenheit  sint.  450 

er  hebet  sich  mit  höchvart 

über  allez  daz  in  gote  wart. 

über  die  göte  gentium, 

Apollinem  Jovem  Mercurium 

(daz  sint  der  beiden  götte  455 

der  cristän  gespötte), 

über  dise  alle 

erhoeht  er  sich  mit  schalle. 


382  VOM  ANTICHRIST. 

und  niht  alein  über  siu, 

ouch  raere  sag  ich  iu,  460 

über  die  drivaltekeit, 
als  uns  diu  geschrift  seit, 
setzet  er  sich  frilich 
und  sprichet  'wer  ist  mir  gelich?' 
wan,  als  vor  geschriben  ist,  465 

ze  Babylon  der  Anticrist 
wirt  geborn  in  der  stat 
als  man  gewizsaget  hat. 
hin  ze  Jerusalem  er  vert 

in  den  tempel  unde  wert  470 

swaz  von  Cristö  wirt  geseit, 
wan  ez  ist  im  allez  leil. 
sin  preputz  besnidet  er 
und  sprichet  '  wizzet  ir  niht  wer 
ich  si,   so  sag  ich  iuz  zehant.  475 

ich  bin  Cristus  genant, 
der  iu  6  stunt  gelobet  wart, 
nu  bin  ich  komen  üf  diser  vart 
iuch  ze  samnen,  swä  ir  sit 

geteilet  in  die  werlt  wit,  480 

mit  helfe  und  mit  rate 
fruo  unde  spate 
vor  allem  daz  iu  weiget  an, 
wan  ich  des  wol  gewalt  lian. ' 
des  frewet  sich  der  Juden  schar.  485 

si   kßrent  an  in  alle  gar. 
si  wsenent  Messiam 
sicherlich  enphangen  han. 
si  wizzen  niht  daz  er  ist 

der  tiuvel  und  der  Anticrist.  490 

nu  merket   wie  man  daz  verstet 
daz  er  in  den  tempel  get. 
der  tempel  da  man  von  seit, 
daz  ist  diu  heilig  cristenheit. 
da  sitzet  in  der  Anticrist,  495 

begerl  mit  allem  boesem  list 
477.  e  fehlt. 


VOM  ANTICHRIST.  383 

zuo  der  marter  bringen 
die  guoten  oder  dringen 
mit  siner  valschen  lere, 

daz  siu  im  bieten  ere,  J'iOO 

wan  siner  veigen  hochvart 
üf  erlrich  nie  geliche  wart, 
daz  houbel  er  an  im  treit 
manger  slahte  bosheit. 

daz  ist  den  vint  der  hat  erdäht  505 

alle  siinde  unde  bräht. 
Ob  tier  Antlciist  gsehellngeu  kumt  oder  nilil. 
Wizzet  daz  der  Anticrist 
niht  githelingen  künftig  ist, 
daz  er  zemäl  die  cristenheit 

mit  siner  boeser  valscheit  510 

alle  müge  verliegen, 
verderben  unde  betriegen. 
zwen  Propheten  werut  gesant 
der  werlt  vor  im  die  got  bekant 
und  da  zuo  behalten  hat  515 

daz  siu  den  liuten  geben  rät, 
Enoch  und  Helias. 

den  wirt  er  tragen  grözen  haz, 

wan  si  werdent  lerent, 

sterkent  und  bekerent  520 

diu  erweiten  gotes  kint, 

swä  siu  in  der  werlte  sint, 

wie  siu  dem  vinde  gesigen  an 

der  mit  so  mangem  liste  kan 

an  sich  die  werlt  bringen,  525 

mit  unreht  bedwingen. 

dise  zwene  frume  man 

von  den  ich  vor  geseit  hau 

werdent  predient  offenbar 

in  der  werlte  vierdhalp  jär,  530 

und   werdent  diu  isrelschen  kint 

von  in,  swä  siu  sint, 

531.  islrleisseii         532.  nach  von  h\  feliU  ein  participium. 


384  VOM  ANTICHRIST. 

von  s6  grozer  trüebesal 
die  si  lident  über  al, 

und  setzent  siu  in  statekheil,  535 

daz  in  fürbaz  nimmer  leit 
geschehen  miige  üf  erde, 
und  ouch  ervollet  werde 
daz  wir  geschriben  \-inden 

von  Isräeles  kinden,  540 

ob  allez  ir  geslähte 
wser  als  unerphähte 
als  daz  griez  bi  dem  mer, 
mit  allem  himelischen  her 

wirt  ez  behalten  sicherlich  545 

von  gotes  genäden  ewecUch. 
swann  aber  nü  der  Anticrist, 
der  ofte  vor  genant  ist, 
erfüllet  sine  predie  gar 

driu  und  ein  halbez  jar,  550 

zehant  mit  zorn  er  grilet  an 
die  zwen  vor  genanten  man 
Enoch  und  Helyam, 
wan  siu  statte  sorgsam 

sint  umb  diu  kristenheit  gewesen :  555 

da  von  lät  er  siu  niht  genesen, 
er  toetet  siu,  des  ist  niht  rät, 
als  in  dem  huoch  der  tougen  stal 
geschriben  'ez  göt  üf  ein  tier 
von  dem  abgrunde  schier,  560 

daz  hebet  gegen  in  den  stril 
und  t(iet  siu  zuo  der  selben  zit.' 
swann  er  getnet  die  zwene  man, 
als  ich  vor  gesprochen  hau, 

die  dar  nach  geloubic  sint,  ^^^ 

man  frowen  oder  kint, 
machet  er  mit  marter  groz 
aller  martera're  genoz, 
oder  abtrüUen, 

daz  siu  die  helle  ervüllen.  570 

540.  isrles         546.  gott         559.  apocal.  11,  7. 


VOM  ANTICHRIST.  385 

swer  aver  an  in  keret 

und  in  mit  dienest  eret, 

den  zeichent  er  mit  siner  hanl, 

daz  er  wite  wirt  erkant, 

und  alles  des  sin  herze  gerl  575 

des  wirt  er  von  im  gewert, 

unz  daz  im  in  der   helle  grünt 

für  war  wirt  getan  kunt 

ach  ach,  w6  we, 

ach  und  ach  und  immer  we.  580 

Von   des  Anticristes  ende. 
Kint,  ir  habt  vernomen  wol 
wie  und  wä  geborn  schol 
werden  der  Anticrist, 
wie  und  w^anne  er  künftic  ist. 
dar  nach  merket  nuor   daz  ein  585 

daz  ich  an  dem  lesten  mein, 
wanne  und  wie  er  ende  neni 
und  wie  wol  ez  im  gezem. 
swann  der  veige  Anticrist, 

des  tiuvels  sun,   der  meister  ist  590 

aller  bosheit  offenbar, 
hat  gerichset  vierthalp  jär, 
als  da  geschriben  stät, 
al  die  werlt  betrogen  hat 

und  die  lieben  gotes  kint,  595 

swä  siu  gewesen  sint, 
hat  mit  manger  marter  gröz 
gemacht  der  martersere  genöz, 
getoet  die  forsten  wunnesam, 
Enoch  unde  Elyam,  (500 

und  ander  die  des  wirdic  sint, 
man  frowen  unde  kint, 
hat  gekroenet  sicherlich 
unde  gesaut  zem  himelrich, 

dar  nach  kumt  gotes  zorn  605 

über  in,  und  wirt  verlorn, 
als  Paulus  apostolus 
Z.  F.  D.  A.  VI.  25 


38C  VOM  ANTICHRIST. 

schribel  daz  in  Jesus 
sieht  mit  dem  geiste,  als  er  wol  kan, 
sines  miindes  lobesan.  tilO 

er  sprichet  'seht,   ich  var  da  hin 
von  danne  ich  her  komen  bin, 
zuo  aller  der  angesiht 
die  mit  mir  habent  pfliht, 

zuo  mines  valer  zeswer  haut:  615 

da  wirt  mir  alliu  freude  erkant. 
des  schult  ir  alle  frö  sin : 
ir  komet  schier  zuo  mir  da  hin/ 
die  tiuvel  zuo  den  lüften 

füerent  in  mit  giiften  620 

als  ob  siu  engel  sullen  sin, 
ich  sprich  daz  üf  die  triuwe  min. 
daz  man  wa'net  sicherlich, 
er  var  da  hin  ze  hiraelrich. 

so  kuml  der  engel  Michahel,  <')25 

sieht  in  mit  libe  und  mit  sSl 
in  der  liefen  helle  grünt, 
da  wirt  im  ewediche  kunt 
w6  und  ach,  ach  unde  wß, 

w6  we  und  immer  we.  630 

o  siiezer  herre  Jesu  Crist, 
wan  du  der  sünder  loeser  bist, 
behüete  uns  vor  dem  selben  we 
daz  da  wert  immer  me. 
amen. 
Nach  einer  von  horr/i  ro/i  Karnja/i  //i/t^efhei/le/i  nbschril't. 

H. 


387 


HAUSEHRE. 

,  Den 

kung  zum  JVinsbeken  erläutern;  sie  überwuchs  das  mafs 
vieiner  ausgäbe  und  mag  daher  hier  ihre  stelle ßnden.  einen 
guten  theil  der  zusammengetragenen  beispielc  hat  schon 
Haltaus  in  seinem  glossare  angeführt. 

In  der  5n  Strophe  des  fVinsbeken,  wie  in  der  Über- 
schrift welche  die  Berliner  handschrift  der  47«  vorsetzt, 
ist  hüsere  freigebige  Verwaltung  des  hauswesens,  gast- 
freundliche bewirtung,  die  vor  allem  dem  hause  zur  ehre 
gereicht,  ebenso  scheint  dies  wort  zu  verstehen  in  einein 
Spruche  Rei?imars  von  Zweier  MS.  2,  124  (Hag.  2,  199) 
Der  tören  milte  töre  lobet. 

swer  daii  dur  toren  lop  sin  guot  vertoeret  unde  vertobet, 
der  habe  der  toren  lop  und  si  da  bi  an  ere  und  äne  guot. 
diu  minne  hat  ir  toren  ouch : 

er  (/.  erst)  wol  der  minne  tore  und  rehler  witze  ein  goucli, 
swer  wol  gewibet  ist  und  üf  ein  ander  wendet  sinen  muot, 
swer  ouch  turnieren  minnet  also  s6re 
daz  er  da  bi  vergizzet  der  hüsere, 
dern  hat  der  mäze  niht  behalten, 
ein  gnuoc  turnieren  daz  ist  guot: 
ze  vil  an  allen  dingen  tuot 
bruch  an  dem  lobe,  sus  sagent  die  wiseu  alten. 
ganz  deutlich  sind  die  folgenden  stellen. 

Konrad  von  fVürzburg  G5  C  {Hagens  Minnes.  2,  325') 
Hüser  ist  ein  gnade 
rieh  diu  fremden  gast 
üz  vil  sorgen  wiset 
und  die  wirte  priset 
baz  dan  al  ir  tugent. 
sam  daz  golt  cycläde 
breitet  sinen  glast, 
also  kan  si  nieren 

25* 


388  HAÜSEHRE. 

pris  ob  allen  eren 

iiödigeborner  jugent. 

da  bi  troestel  si  daz  alter  dem  si  Iröide  enlsliuzet. 

von  hüsere  wirde  fliuzet 

lobesain. 

ir  guot  vvol  erschiiizef, 

wan  ir  giiete  niuzet 

will  beid  unde  zam. 
</er  Meifsner  4  J  {Hagen  3,  SB'') 

Husere  dri  dinc  baben  wil,   als  ich  bescheide : 

gnuoc  edeler  spise  und  guoten  trunc  (diu  zwei  diu  prise  ich 

beide), 
und  daz  der  wirt  zegegenwertic  si, 
daz  gesinde  [si]  dienslhaft,  willic,  wol  gezogen : 
so  heizet  ez  hüsere,  daz  ist  war  und  ungelogen, 
ist  der  wirt  vrö,  der  gast  wirt  sorgen  vri. 
husere  ist  der  besten  lugende  eine,  seht,  diu  ie  gewart 

üf  erden  : 
hüsere   leschet    siinde;    hüser   pflägen    ie  die  edelen  und 

die  werden  : 
hüsere  sol  sin  offenbar  und  unverborgen; 
hüsere  sol  enpfän  den  gast  den  äbent  und  den  morgen  : 
solher  hüsere  wonet  stelde  bi. 
derselbe  30  J  (Hagen  3,  91^) 

Swenn  ich  den  biderben  wirt  da  heime  suoclie. 
der  gebe  mir  sineu  gruoz,  ob  ers  geruoche, 
daz  ich  sin  ere  breite  in  der  kristenheit. 
ein  vrcelich  gruoz  und  ouch  ein  vriuntlich  \ragen 
ensol  dem  biderben   wirle  nimmer  tragen : 
sus  vreuwe  er  sinen  gast,  so  swindel  im  sin  leil. 
daz  sint  zwei  vil  edeliu  gerihte 
da  mite  ein  wirt  den  gast  am  ersten  vreuwen  mac. 
swaz  man  dar  nach  git  von  geschihte, 
daz  lobet  der  gast,  der  hüsere  man  wilen  plilac : 
des  (der?)  phlegenl  noch  die  werden  und  die  beslon. 
swenn  so  der  wirt  ist  vro  mit  sinen  gesten, 
so  ßrent  si  den  wirt  der  nach  vil  manegen  tac. 
Frauenlob  s.  48  Ettm.   sagt  von  Rahab  die  Josaas  spaher 


IIAUSEHRE.  389 

den  selben  Ijc 
behielt  si  ir  hüserc 
unde  gap  in  lere. 

diu  slat  verdarp,  ir  war  nie  niht  von  keiner  siihte  sere. 
do  genoz  si  des  daz  si  si  e  lieplichen  het  enplangen. 
dilz  ist  glich,  swer  husöre  hat, 
daz  der  wirt  vri  vor  misselat. 
an  keiner  slat 
got  in  niht  lat. 

habt  huser,  so  enpfahl  iuch  got  in  siner  niinne  Zangen. 
derselbe  s.  222  bi  richer  traht  ein  vüler  dunst,  daz  heize  ich 
niht  hiisere.     nnd  ebenso  irird  gemeint  sein  was  er  s.  243 
von  dem  grqfen  Ludirig  twn  Ottingen  sagt,  bösere  kan  er 
walten,  7ind  der  Kanzler  MS.  2,  244''  von  dem  adel, 
du  friihtic  fröide  gebender  sfam, 
din  süeziu  fruht  ebt  alle  tage  ist  niuwe. 
hüsöre  und  da  bi  rebtiu  schäm, 
bescheidenheit,  manheit,  zuht,  milte,  triuwe, 
ditz  sint  die  bernden  esle  din. 
Hang  von  Trimberg  im  Renner  s.  15'*  der  Bamberger  aus- 
gäbe 

siiln  si  brot  geben,    daz  ist  in  leit. 
si  sint  selten  milte  wirte. 
in  einem  dorl'e  ein  armer  hirte 
ga;b  mere  brotes  zaller  stunt 
denne  ir  ein  der  hundert  pfunt 
oder  m^re  hat  [sßre]  beslozzen, 
der  wenic  ieman  hat  genozzen. 
swer  sich  fremder  koste  went, 
nach  hüser  selten  er  sich  sent. 
Ottacker  s.  26 

der  truhssez  von  Velsperc, 
der  so  tugentlichiu  werc 
begienc  mit  bus^re, 
so  daz  im  niemen  mere 
dar  an  moht  geliehen. 
derselbe  s.  352 

herren  Andre  bat  er  sä 
daz  er  mit  im  ze  hiise  rite 


390  HAÜSEHRE. 

uiide  da  von  ime  lite 

hüsere  unde  gemach. 
derselbe  s.  431 

und  da  Martha  Jesu 

manige  ere  erbot, 

swenne  im  des  was  not 

daz  er  zuo  ir  kam 

und  husere  da  nam 

diu  im  güetlich  wart  erboten 

unde  sinen  zweifboten. 
Ernst  von  Kirchberg,  bei  JVestph.  4  s.  706 

daz  wort  ist  war  und  unverzaget 

daz  man  von  den  Wenden  saget, 

kein  volc  man  vindet  nindert  möre 

daz  so  gröze  hüsere 

sinen  gesten  kan  gebieten 

und  sich  der  friuntliche  nieten. 
///  der  er  zähhing  vom  kotzen  229    (Kol.   cod.   s.   151)    der 
alte  ward 

—  gewiset  in  den  sal 

da  er  durch  hüser  manic  mal 

vil  willeclichen  het  gegeben. 
so  läfst  noch  Goethe   seinen  Hoffegvt  zum  papagei  sagen 
ich  dächte,  ihr  rettetet  indess  die  hausehre  und  gäbt  uns  etwas 
zum  besten,     ebenso   ist  sin  hüs  eren   gemeint   vom    bruder 
Werner  26  CJ  {MS.  2.  164^ 

\i\    maneger   under    wilen    guot   dur  giude  bi  den  fröm- 

den  zerl, 
den  man  da  heime  siht  in  grozen  schänden, 
swer  beidiu  top  behalten  wil,     der   er  sin  hüs.    daz  ist 

min  rat : 
daz  wazzer  niender  ist  so  guot  so  da  ez  üz  von  Sprunge  gat. 
die  nngeßihrten  stellen  lafsen  auch  in  einem  bekannten 
ausdrucke  Walthers  von  der  Vogeltoeide  bestimmte  bezie- 
hung  auf  gastfreundlichkeit  erkennen,  105,  23  man  seit 
mir  ie  von  Tegerse,  wie  wol  daz  hüs  mit  eren  ste. 

Jlber  auch  ohne  alle  beziehung  auf  gastfreundlichkeil 
oder  beirirtung  bedeutet  hüsere  die  ehre  des  hausherrn.  in 
der  erznhlung  vom  kotzen  265 


HAüSEHRE.  391 

so  Diuoz  er  min  herre  sin 

und  ze  tische  obhalp  min 

nach  hüses  eren  sitzen, 
ivie  es  der  würde  des  hausherrn  gebührt.  fVolfdieterichs 
hegehren  die  ersten  mej'serwürfe  zu  thun  veriveigert  Belian 
mit  den  Worten  nein,  —  hüsere  muoz  für  gän,  Pfäfzer  hs. 
hl.  SV  z=  heldenhuch  ron  1590  bl.  125*.  in  der  hedeutung 
ehrenvolles  hausstandes  oder  lebens  steht  das  wort  hei  dem 
Suchensinn  in  Fichards  J'rankfurtischem  archiv  3,235 

0  Söchensinn,  gib  frauwen  rechte  lere. 

wiltii  hüsrr  mit  eren   liän, 

so  salin  semlich  orerünen  lau ; 

so  wirt  dir  genzlich  underlän 

gotes  hulde  und  diu  hüsere. 
Die  ehre  des  hausherrn  besteht  aber  vornehmlich  darin 
daj's  er  in  seineyn  hause  frei  schaltet,  geschützt  und  schutz- 
verleihend, hierauf  bezieht  sich  im  schioähischen  landrecht 
cap.  233  IVack.  ein  ieglich  man  mac  einen  sehter  wol  über 
naht  behalden  joch  mit  wizzen,  unde  er  sei  in  des  morgens 
lazen  rifen.  daz  ist  gesetzet  durch  des  mannes  hiisere.  in 
dem  erweiterten  texte  ist  noch  hinzugefügt  von  der  hiisöre 
ist  vil  guotcr  dinge  komen.  noch  deutlicher  ist  hüsere  das 
recht  uagefiihrdetcr  ruhe  und  Sicherheit  des  hauses  i?n  13w 
artikel  des  Münchener  stadtrechtes,  in  Auers  ausgäbe  s.  1  f. 
waer  auch  daz  ainer  den  andern  anchlagt,  er  hab  in  haimge- 
suocht  mit  gewaffeuter  haut  in  seinem  haus  und  hof,  stet  er 
im  des  an  laugen,  so  sol  er  imz  pezzern  mit  v  lib.  du.  und 
dem  richter  sein  puozz  v  lib.  Ix  da.  :  stet  er  aber  sein  mit  lau- 
gen, so  sol  er  seinen  aid  dafür  tuon,  ez  mach  dann  der  an- 
chlager  war  zuo  im  mit  zwain  die  ez  gesehen  habent,  die 
des  mit  im  swernt,  des  sol  er  geniezzen.  rettet  er  aber  sein 
hauser  an  totschlach,  er  ist  dem  gericht  nichts  schuldig  und 
auch  dem  den  er  haimgcsucht  hat.  Haltaus  s.  840  giebt  diese 
stelle  aus  Heumanns  ausgäbe  des  haierischen  landrechtbu- 
ches  s.  100:  dort  lauten  die  letzten  worte  und  ouch  dem 
der  in  haym  gesucht  hat,  ebenso  in  Frei/bergs  samml.  hist. 
Schriften  und  Urkunden  4,  449,  offenbar  richtig,  denn  in 
dem  schlufssatze  dieses  artikels  ist  von  dem  klüger  die  rede, 
nicht  von  dem  Verbrecher. 


392  HAUSEHRE. 

Mit  anderer  wendung  des  begriffes  ist  husere  die  Ver- 
waltung des  hauswesens,  das  freie  haiisherrliche  schalten 
mit  haus  und  habe,  in  der  Überschrift  des  45n  capitels  des 
schwäbischen  landrechtes  Wie  lange  ein  man  husere  haben 
sol  und  in  der  erzählung  vom  kotzen  20  beidiu  sin  hüser 
und  sin  habe  sinem  lieben  sun  er  seit. 

Daraus  zweigt  sich  die  allgemeinere  bedeutung  des  haus- 
wesens ab.  Schilter  hat  im  glossare  s.  272*  aus  dem  Strafs- 
burger  bürgereide  die  ivorte  —  sine  beste  husere  hie  in  der 
stat  Sträzburc  zu  haben ;  andere  stellen  aus  Strafsburger 
Ordnungen  und  acten  Oberlin  s.  625,  —  frembde  condem- 
nirte  personen  welche  ihre  beste  hausehr  in  der  stadt  nicht 
hetten.  —  lit  ein  solicher  knecht  an  veilera  wurte  zu  zerende 
und  hat  noch  kein  husere,  weder  fuir  noch  rouch.  —  weliche 
aber  ir  höfe  hie  inne  haben  und  doch  ir  beste  huiser  und  ir 
meiste  wonunge  de  (da?)  uls  liaben.  —  und  hielte  kein  huls- 
ere  bilz  das  31.  zu  im  kerne  und  by  im  were;  da  kauffle  er 
ein  betl  und  iiij  lylachen.  andere  stellen  giebt  Haltaus 
s.  440/. 

Heut  zu  tage  ist  hausehre  fast  nur  noch  in  der  bedeu- 
tung brauchlich  in  der  es  Luther  angewendet  hat  der  ps. 
68,  13  das  hebräische  r)"^z~m:  so  übersetzt,  und  die  haus- 
chre  theilet  den  raub  aus :  die  griechische  Übersetzung  giebt 
•/Ml  M^uiÖTtjTi  Tov  o'ixov  difkf'a\}ui  axvka,  die  lateinische  vul- 
gata  et  speciei  domus  dividere  spolia.  erfunden  hat  Luther 
die  anwendung  des  Wortes  schwerlich :  ich  denke  schon  in 
dem  mhd.  gedichte  von  den  neun  rittern  MSH.  3,  441"  irird 
darauf  angespielt,  diu  vrouwe  min  ist  ein  eren  hüsgerüste. 
hierher  zieht  Haltaus  mit  recht  aus  Megisers  mir  unzu- 
gänglichem' libellus  de  proverbiis'  (Leipz.  1605  s.  224J  das 
Sprichwort  hausehr  ligt  am  wcib  vnd  nit  am  mann.       H. 


393 


ZWEITE  HANDSCHRIFT  VON  GRIESHABERS 
ALTDEUTSCHEN  PREDIGTEN. 

l^on  den  altdeutschen  predigten  welche  Grieshahcr  in 
einer  schöne?i  ausgäbe  bekannt  gemacht  hat  war  meines 
lüijsens  bisher  nur  die  einzige  handschrift  des  Herausge- 
bers vorhanden,  aus  einer  vergleichung  des  abdruckes  mit 
den  altdeutschen  predigten  einer  von  dem  hiesigen  gehei- 
men rath  professor  dr  Nebel  zu  Augsburg  erworbenen  bo- 
gengrofseii  papierhandschrift  in  schwerem  sogenanntem 
mönchsband,  welche  hinter  je?ien  predigten  (143  blättern) 
noch  des  Magister  Hainricus  de  Hassya  tractat  de  confes- 
sione  deutsch  (46  Ä/.),  dann  lateinische  sermonen  (47  bl.) 
und  fromme  betrachtungen  und  dergleichen  mehr  (23  bl.)^ 
endlich  ein  lateinisch- deutsches  vocabular  vom  j.  1429, 
über  ordiiiis  reriun  (31  bl.),  enthält  und  auf  der  aufsenseite 
des  einbandes  vorn  die  aufschrift  Sermones  domiuicales  in 
vu}gari  in  fine  aliq'  in  latino  CCCCXVII.  trägt,  ergiebt  sich  mir 
eine  zweite  handschrift.  sie  icird  gege?i  oder  um  1400  ge- 
schrieben sein,  und  es  lafsen  sich  an  der  durchgängig  le- 
serlichen Schrift  zwei  hunde  unterscheiden,  von  denen  die 
zweite  mit  bl.  61  beginnt,  jede  blattseite  spaltet  sich  in 
zwei  columnen  von  je  36  —  41  Zeilen,  die  stellen  des  an- 
fangsbuchstabens  der  hs.  und  des  einer  jeden  predigt  sind 
leer ;  diese  buchstaben,  denen  zu  liebe  jedesmal  mehrere 
Zeilen  eingerückt  sind,  sollten  später  hinein  gemalt  werden, 
die  predigten  selbst  endigen  mit  bl.  142*;  bl.  142''  sp.  1 
bis  bl.  143''  sp.  1  steht  ein  lateinisches  Verzeichnis  der  in 
den  predigten  vorkommenden  geschichten.  die  predigtefi 
beginnen  bl.  V  mit  dem  kirchenjahre,  so  dafs  also  in  der 
handschrift  auf  einander  folgt  was  bei  Grieshaber  1,  155 
—  167,  2,  1  —  150  u?id  1,  \  Jf\  abgedruckt  ist.  aber  die 
beiden  fastenpredigten  bei  Grieshaber  2,  66  —  82  hat  die 
hs.  nicht,  sonderti  sie  geht  gleich  von  dem  Sonntage  Quin- 
quag.    auf  den  ersten  sonntag  in  der  vasten  über,     dage- 


394  GRIESHABERS  ALTD.  PREDIGTEN. 

gen  lafsen  sich  die  lücken  in  Grieskal/ers  /is.  am-  dieser 
zweiten  ergänzen,  es  fehlt  lidmlich  bei  Grieshaber  ein  klei- 
ner theil  der  fredigt  am  ersten  adrentssonntage,  die  am 
zweiten  ganz  und  die  am  dritten  zum  grasten  theile,  fer- 
ner der  kleinere  theil  der  predigt  am  sonntage  Rogate, 
die  am  hi/nmel/ahrtstage  (aufferttag,  über  Hiob  39,27)  ganz, 
die  am  sonntage  Exaiidi  fast  bis  zu  ende  und  von  der  am 
pfingstfeste  nur  der  schlufs  dien  dan  got  allain,  endlich  der 
graste  theil  der  predigt  am  8n  sonntage  nach  pfingsten, 
die  am  9n  sonntage  nach  pßngsten  (über  er.  Luc.  16,  2 
reddi  rationem  u.  s.  w.)  ganz  und  von  der  am  Idn  sonnt, 
nach  pf  (wie  der  Schreiber  der  hs.  durch  beisatz  am  rande 
zählt;  bei  Grieshaber  ist  diese  predigt  die  am  9n  sonnt, 
nach  pf)  der  kleinere  theil  zu  anfang  und  der  gröste  am 
ende,  nur  die  lücke  in  der  predigt  am  21n  sonnt,  nach 
pf  bei  Grieshaber  1,  148  läfst  sich  aus  dieser  zweiten  hs. 
nicht  ergänzen,  denn  diese,  ivelche  überhaupt  mit  Gries- 
habers  hs.  nicht  immer  wort  für  wort  übereinstimmt,  son- 
dern bald  eine  bei  Grieshaber  in  der  ausßlhrung  ange- 
wandte geschichte  bald  einen  spruch  oder  eine  lehranwen- 
duftg  übergeht,  bald  einige  wörter  oder  selbst  sätze  mehr 
oder  minder  bietet,  bald  auch  in  der  Ordnung  der  tvörter 
unbedeutend  abweicht,  fingt  in  der  predigt  am  13»  (bei 
Griesh.  I2n)  sonntage  nach  pßngsten  bei  der  ausfühming 
des  vierten  Schadens  an  mehr  zu  kürzen  und  wir  erhalten 
fortan  in  der  hs.,  gleich  als  w^nn  der  Schreiber  derselben 
der  langen  mühe  überdrüfsig  gewesen,  wäre,  mit  der  pre- 
digt auf  den  16//  (bei  Griesh.  17//)  sonnt,  nach  pf  bis  zu 
ende  der  handschrift  nur  predigtskizzcji,  welche  dann  in 
ausjührung  der  einzelnen  punkte  am  18//  (bei  Gi^iesh.  \7n) 
sonnt,  nach  pf.  und  weiter  von  Grieshabei's  text  völlig  ab- 
weichen, übrigens  folgt  auf  die  predigtskizze  über  Serve 
iiequam  u.s.io.  Matth.  18  (Griesh.  1,  \A\  ff.)  zunächst  eine 
über  Est  puer  unus  hie  //.  s.  w.  Joh.  6,  9,  aber  verschieden 
von  der  über  denselben  te.vt  handelnden  predigt  am  An 
fastensoirntage  {Griesh.  2,  106  ff.),  dann  erst  eine  über 
Reddile  ergo  que  sunt  cesaris  cesari  //.  s.  w.  Matth.  22,  21 
(Griesh.  1,  148),  und  endlich  über  Cum  eiecta  esset  turba 
'/.  s.  w.    Matth.  9,  25   (Luc.  8,   54).     womit  die  predigten 


GRIESHABEKS  ALTD.  PREDIGTEN.  395 

schlkfsen,  indem  der  Schreiber  sein  Explicit  über  Deo  gra- 
tias  darunter  setzt,  die  abgerifsene  stelle  bei  Griesh.  1,  83 
^.  5  —  24  findet  sich,  so  viel  ich  gesehe?i  habe,  in  der 
handschrift  nicht. 

Das  in  dieser  Zeitschrift  5,  239  von  Jacob  Grimm  und 
5,  575  sowie  in  dem  vonvort  zu  deti  altdeutschen  predig- 
ten 2,  VII  von  Grieshaber  besprochene  betrogen  ist  auch  in 
der  papierhandschrift  bl.  107''  sp.  1  und  2  durch  bet°gen 
abgekürzt,  das  von  Grieshaber  als  beleg  dieser  kärziings- 
iceise  angeführte  gespchen  {Griesh.  1,  17  f.)  ist  in  der  pa- 
pierhs.  bl.  112*"'  immer  ohne  diese  kürzung  geschrieben, 
gesprochn.  aber  ^roz  findet  sich  bl.  84^  sp.  1  (in  dem  bei 
Gtiesh.  1,  29  fehlenden  stücke  der  jiredigt  am  5n  sonntage 
nach  Ostern)  gekürzt  gl's.  ebenso  steht  bl.  66*,  1  (Griesh. 
2,  138  z.  21)  pet°  =3  Petro.  übj'igens  finden  sich  die  ge- 
wöhnlichen kür zungs zeichen  häufig  in  der  hs.  am  rande 
stche.7i  öfters  befseriingen  des  Schreibers  und  kurze  anga- 
ben, zum  theil  zur  Übersicht  des  im  texte  enthaltenen. 

In  vergleichung  mit  den  eigenheiten  der  hs.  Griesha- 
hers  merke  ich  nur  einiges  an.  die  häufigen  bald  alten  bald 
rohen  end-a  bei  Grieshaber  (vergl.  2,  X\)  finde  ich  in  der 
papierhs.  nicht  mehr,  dagegen  bietet  diese  noch  hier  und 
da  andere  alterthümliche  zum  theil  auch  bei  Grieshaber 
häufige  formen,  wie  pettot  (Griesh.  betot),  anpettoten,  pet- 
toten  in  an,  ladot  (3  sg.  prät.  ind.  bl.  35'',  2),  vnsawbroten 
(Gr.  1,  58  ferspiuwen),  wainot  (Gr.  I,  61  z.  23  wainet), 
solbot  (6;r.  1,44  z.  36  salbot),  miirmuroten  (Gr.  1,49  ä.  25 
murnieroten),  mürmlot  (hs.  bl.  96'')  chlaidot,  ziichtigot,  pei- 
nigoten  (bl.  138%  1),  wimdrot,  nackchot  (bl.  35^,  2),  fronten 
(nur  einmal,  wo  bei  Gr.  1,  57,  23  vriiinden;  sonst  hat  die 
papierhs.  frewnten)  u.  a.  m.  dahin  rechne  ich  auch  ver- 
worrene  formen  der  hs.  wie  erparmot  (Gr.  1,  61  z.  23  er- 
barmet), werot  (bl.  96%  2),  er  derrettot  (bL  74%  1),  er  wor- 
tot  (d.  i.  wartot,  bl.  12l\  1),  er  vvainat  (bl.  120'',  1),  vor- 
derbat (d.  i.  verderbete,  bl.  138",  1),  spottat  (3  sg.  prät. 
ind.   bl.  35%  2.    35"',   1),    spoltaten  (bl.  35'',  1)  u.  a.  m.  *, 

*  steht  hier  a  statt  o:  wainut  vorderböl  spotlöt  spottoten?  we- 
Jiigstens  bietet  die  hs.  genazzen  ( n:  gaste,  Gr.  1,  47  hat  gemassen) 
geliarsaiu  aehs  ii.  a.  statt  genozen  gehorsam  olise.     dagegen  aber  hat 


396  GRIESHABERS  ALTD.  PREDIGTEN. 

und  participia  frdsentis  wie  wainfmd  {hl.  39",  1;,  chlagund 
(such  in  mit  wainüde  hercze  vnd  mit  chlagüden  äugen  hl. 
20"*,  1,  vergl.  Gr.  2,  14  z.  4),  vastund  u.  a.  was  einzelne 
^vorter  angeht,  so  ist  die  von  Schneller  {hei  Griesh.  2,  VII) 
besprochene  partikel  et  der  hs.  Grieshahers  in  der  papierhs. 
dnrch  dan  oder  dann,  denn  {Gr.  I,  111),  auch  durch  als 
{Gr.  1,  59  s.  8)  vertreten,  der  sporte  {Gr.  1,  17.  21)  durch 
den  zagel,  tober  {Gr.  2,  20)  durch  sumpprär,  hirte  {Gr.  1, 
6/.)  durch  herter  (wonehen  aher  auch  hiert  und  hirt  2?or- 
kommt)^  knüllen  mit  trefsen  (Gr.  2,  37)  f/wrcÄ  vnchrawt. 
/z/.y  hinsichtlich  der  form  auffällige  Wörter  in  den  stücken 
welche  in  die  lücken  hei  Grieshaher  fallen,  hehe  ich  voder 
und  vodern  statt  vorder  und  vordem  hervor,  voder  in  der 
predigt  am  In  adventssonntage  hl.  6'',  1  der  dritt  tag  der 
haist  ein  tag  der  fre\vden  vnd  aller  eren,  das  ist  ein  guter 
tag :  wann  als  der  voder  tag  haist  ein  tag  des  zorns  vnd  des 
jamers,  also  haist  der  ein  tag  der  frawden,  tmd  vodern  in 
der  predigt  am  9n  sonnt,  nach  pfingsten  ühcr  Lucas  16 
{hl.  118%  1)  er  {s.  Laurentius)  sprach  'sich,  chayser,  den 
schäcz  den  du  an  mich  voderst  den  habent  di'=  arme  lewt  die 
du  vor  dir  siechst  in  die  himelischn  schacz  chamer  getragen. 
die  stelle  für  vorder  hei  Gr.  1 ,  98  hietet  die,  wie  bemerkt, 
mitunter  in  der  predigt  kürzere  papierhs.  nicht,  was  die 
einschiehsel  Grieshahers  betrifft,  so  bemerke  ich  hinsicht- 
lich derer  die  ich  verglichen  habe  dafs  1,2  ^.3  {hei  Gr.) 
die  hs.  hat  das  ich  stözz  meinen  A-inger  in  sein  seittn,  1,  20 
z.  4  ich  han  euch  noch  vil  ze  sagfi,  z.  19  da  von  mag  mich 
ewer  chainer  gestrafFn  vnib  die  snnd.  1,  96  z.  32  vfi  da  vö 
spricht  aber  das  heilig  ewangelium.  fremdwörter  endlich 
scheinen  de?n  schreiher  nicht  ohne  ausnähme  verständlich 
gewesen  zu  sein,  wenigstens  läfst  sich  dies  bei  mandäte 
vei^muten,  tvenn  in  der  hs.  hl.  75'',  1  {Gr.  1,  12)  steht  da 
got  an  dem  antloz  tag  as  mit  de  iügern  vfi  mit  in  die  man 
dabei  begangn.  die  andere  stelle  wo  das  ivort  hei  Gries- 
haher vorkommt  (2,  127),  und  welche  der  handlung  des 
pnpstes  am  samstage  vor  dem  palmsonntage  gedenkt,  steht 

sie  (tiifh  z.  b.  si  wonten  worheit  gestroffö  neben  gestraffn)  antloztag 
statt  wanton  wärlieil   frestrafeii  antläztac. 


(iRIESIIABERS  ALTD.  PREDIGTEN.  397 

///  iler  hs.    nicht:     die    rede   geht    in    ihr  ohne  auf  enthalt 
weiter. 

Noch  will  ich  nicht  unerwähnt  ItiJ'scn  daj's  die  hs.  nicht 
selten  w  statt  b  setzt,  s.  b.  wettrog  wewert  wesiczen  wer- 
herten  wabilon,  und  umgekehrt  b  statt  w,  z.  b.  pebert 
(=  bewserel)  versbelt  (=  versweif  * )  bas  gebesen  geballig 
albeg  u.  a.,  oder  in  eijiem  wort  beiderlei  Verwechslung, 
z.  b.  webart.  ßir  gleiche  Vertretung  beider  laute  bietet  auch 
die  hiesige  hs.  der  tochter  Sion  des  bruder  Lamprecht  belege. 

Eine  kleine  probe  zur  vergleichung  mit  Grieshabers 
t€Xt,  das  ende  der  predigt  am  5n  sonntag  nach  epiph.  (bei 
Gr.  2,  44),  möge  hier  den  beschluj's  machen.  Ze  dem  vier- 
denmal  so  suU  wi^r  merchen  das  engelisch  anipt  an  den  Wor- 
ten das  das  heilig  ewangelio  {bl.  34',  1)  spricht,  das  der 
(/.  der  herre)  sprach  '  swenn  das  snit  chumpt,  so  snllen  di"^ 
sniter  den  raten  zu  piischeln  pindeii,  vnd  daz  man  den  in 
fewer  warf,  aber  den  guten  ehern  den  wil  er  legen  haissen 
in  sein  stadel.  wer  ist  nu  der  raten?  sich  das  sind  all  sun- 
der, di""  schaident  di^  heiligen  Engel  von  den  guten  vnd  wer- 
fent  si  in  das  ewig  fewr,  das  ist  in  di""  ewig  verdampnuss, 
vnd  das  sy  ach  vnd  we  ymmer  schreynt.  wer  ist  aber  der  gut 
ehern?  das  siut  di"  guten  vnd  di^  gerechten  vnd  di*^  got  mit 
ganczem  vleizz  all  ir  tag  habent  gedient  vnd  di*  habent  ge- 
peicht  vnd  gepessert  als  vil  si  möchten  vnd  als  si  ir  peichti- 
ger  hies :  di*'  samment  di"  heiligen  Engel  an  dem  Jüngsten 
tag  in  das  ewig  himelreich  da  si  wunn  vnd  all  frawd  habent. 
Nu  pitt  wir  hewt  den  zarten  got  von  himelreich  das  er  vns 
helf  daz  wir  also  hie  leben  auf  diser  weit,  swenn  das  snit 
chom,  das  ist  der  jungst  tag,  das  vns  dann  di''  Engel  auch 
legen  in  den  stadel  der  ewigen  frawd.  vnd  das  vns  das  wider 
var  des  helf  vns  der  vater  vnd  der  {bl.  34%  2)  sün  vnd  der 
heilig  gast.  Amen. 

Giessen  am  himmelj'ahrtstage  1847. 

DR  WEIGAND. 

"  vergl.  nieder d.  swelen  welk  machen,  dessen  wurzelverbum  gr. 
2,  39  nr  317  {ags.  svelan).  versbelt  A-ootot?  vor  i«  der  erzählung  von 
dem  verßuchten  Jeigenbaum  in  der  predigt  am  8«  sonnt,  nach  pj. 
{lücke  bei  Griesh.)  also  gie  er  aines  täges  hin  wider  mit  seinen  jun- 
gern vnd  chöm  aber  zu  dem  veigenpawm.  do  was  er  mit  wiirczen  vnd 
mit  laub  vü  gar  vii  gar  versbelt  vn  erdört. 


398 


MITTELHOCHDEUTSCHE   LIEDERDICHTER. 

1.  Die  Worte  des  Füllers  MS.  2,  5P  ro?i  fViene  icuvre 
ich  gerne  hin  witler  an  den  Rin  ziio  der  schienen,  diuhte 
es  den  k'dnic  zit  bezieht  lierr  vou  der  Hagen  Minnes.  4,  411 
mit  recht  auf  könig  Rudolfs  belagerung  von  Wien  vom  18n 
october  bis  zum  ende  des  uovembers  1276,  über  welche  jetzt 
Kopps  Geschichte  der  eidgenössischen  bünde  1,  157  — 164 
nachzusehen  ist.  die  heimat  des  dichters  wird  noch  deutli- 
cher als  hier  in  der  schlufsstrophe  desselben  liedes  bezeichnet, 
wil  ieman  gegeri  E/s(hen  lant,  der  so/  der  lieben  tuon  be~ 
kant  daz  ich  mich  senen  u.  s.  w.  ich  finde  in  Würdlweins 
Monasticum  Palatinum  3,  27  einen  Woljramus  Puller  de 
Mundeveit  als  zeugen  einer  im  jähre  1251  von  Rudolf  von 
Fleckenstein  ausgestellten  Urkunde  über  einen  güterverkauf  an 
die  ecclesiu  Ulerinae  vallis,  d.  i.  an  das  kloster  Eufserthal 
nicht  weit  von  Trifels. 

2.  Nicht  3Iatthias  von  Trostberg,  der  1348  vorkommt 
(v.  d.  Hagen  4,  412),  ist  der  erste  ritter  dieses  geschlechtes 
der  sich  nachweisen  läfst,  sondern  7?.  de  Trostberch  erscheint 
als  zeuge  in  einer  zu  Sempach  II  kal.  febr.  1304  ausgestell- 
ten Urkunde  Rudolfs  grafen  von  Habsburg,  bei  Herrgott  Geneal. 
dipl.  3,  587. 

3.  Der  vonStamhoiin  sieht  in  der  Pariser  liederhandschrifl 
vor  baierisclien  oder  österreichischen  dichtem  und  \vii"d  ebenfalls 
in  jene  gegenden  gehören,  wo  wir  überhaupt  die  nachahmer 
Neidharts  wohl  zunächst  zu  suchen  haben.  Adalbertus  de  Staini- 
heim  in  den  Göttweicher  traditionen  3IB.29,2,61.  Liupoli  et 
frater  eius  Adalbertus  de  Stamheim  in  einer  Urkunde  des 
bischofs  Regimbert  von  Pafsau,  Lorch  1147,  3IB.  28,2, 108. 
Liujwld  de  Stameheim  MB.  7,  462.  Stamheim  wird  schon 
im  achten  jh.  erwähnt  31B.  28,  2,  55.  Chtinradits  canonicvs 
de  Stamheim  in  einer  Urkunde  bischof  Wolfkers  von  Pafsau 
vom  j.   1194  3IB.  28,  2,  263. 


BRi:cnST.  AUS  KONR.  V.  WURZB.  TROJ.  KRIEGE.      399 

4.  Das  Chronicon  Colniariense  bei  Böhmer  Font.  rer. 
Germ.  2,  65  erzälill  de  cisione  vagabundi  dicti  Sece?'e.  dies 
wird  kein  anderer  sein  als  Dietmar  der  Setzer,  dessen  sprach 
von  den  kargen  und  von  den  milden  herren  (MS.  2,  120°) 
der  gedankenrichtung  eines  fahrenden  mannes  ganz  ähnlich 
sieht.  H. 


BRÜCHSTUCK  AUS  KONRADS  VON  WURZ- 
BURG  TROJANISCHEM  KRIEGE. 

Doppelblatl  einer  pei'gamenths.  des  \An  jahrh.  in  klein- 
folio  zu  zwei  spalten  von  je  40  Zeilen,  der  Ponicknu- 
schen  öffentlichen  bibliothek  zu  Halle  gehörig,  ivahrschein- 
lich  ehemals  als  rorsetzblatt  benutzt.  a?n  obern  rande  feh- 
len je  drei  bis  vier  verse.  von  bl.  2"*  sind  die  enden,  von 
bl.  2'  die  anfange  der  zeilen  abgeschnitten,  das  erhaltene 
entspricht  den  versen  23480  —  23634  und  24274  —  24429 
des  müllerschen  abdrucks.  es  fehlen  mithin  dazwischen  vier 
blätter,  oder  die  beiden  mittleren  doppelblätter  einer  läge. 

Abweichungen  vom  Müllerschen  drucke:  {bl.  1")  2.3482.  Der  iege- 
licbes  w.         83.  do         86.  zeime  vng^.         89.  erzv  get         90.  eiaes 
94.  Kriecheo  96.  De  der  vil  Imbesche  P.  97.    wurde  .  .  kvnst 

besweret         98.  Hie  wart  d.   trom  beneret.         99.  bezeichenlicher 
23500.  kvnegin         1.  glantze         2.  Ich  ni.  do  si  d.        3.  bescheiden- 
liche  zeiner  st.         5.  Dv    {so  stets)         6.  Troieren   vn  7.  zenuteii 

9.  hiez  11.  leben  13.  Vant         14.  kindez  {bl.  l'')  17—19 

fehlen.  20.  ergraben         25.  och  a.  sine  b.  27.  28.    Tr.  v.  im 

kv  nftic  w.    De  wart  erfüllet  vö  der  vart    D.  s.  d.  kr.  vlizzen 
30.  Swc  31.  geseite  bi  dem  selbe  t.  32.  vmb  33.  beschei- 

denheit  3-4.  vart  37.  wurde  39.  diz  41.  durh  besehirmens 
42.  gehShit  wart  51.  da/.  54.  nam  einen  55.  vel  {bl.V) 
56 — 59  fehlen.  60.  Do  nibt  ergangen  61.  De  der  vil  tvge  ndebere 
62.  kvmen  63.  Son  het  ....  genvme  65.  iemerliche  67.  He- 
lenen 68.  herzeliebe  nach  72  svs  nam  dv  vachil  vü  ir  rtich 
74.  bezeichenliche  ein  e.  83.  wiz         84.  worte  pris         88.  wizza- 

gvnge         90.  do         91.  begonde  m.  d.   lebtagen         92.    den  fehlt, 
{bl.  1<1)  95— 97  fehlen.      23601.  d.  s.  erhub  nah  dirre  vart.         3.  der 
Griechen         6.   dv    manigem         7.  iemerliche  ein  9.    /,^az  toc  hie 

langv    rede  von  11.  Menelao  12.  gestrichen  15.  ir  worben 

starcke  r.         16.  riebe  magen  er.         17.  hande         20.  Kospere  vn 


400  ALTVIL. 

22.  dar  liiezcn  dise  zwene  23.  24.  kvmen  :  genvmen  2ß.    same- 

nvnge  sollen         28.   buche         29.  30.  kernen  :  nemen         34.  brahle 

{b/.  2")  24274.  eime         75.   furle         76.  seite         79.  kvnige 
82.   für  g&t       83.  iv  sage        88.  gefugit        89.  hie  gesagit        91.  wart 
92.  Sil  97.   freuellichr-  «J8.   vfi  not.         24304.  von  vns  han 

5.  vNver  toht'  9.  hiezent  iv  {bl.  2'')  10—12  fehlen.  18.  aleine 
25.  vfi  29.  eime  30.  ir  blument  vii  ir  33.  trage  37.  ir  /. 
40.   iv  danne  41.  vii  also  nach  43  Als  iuw    hohiv  m  .  .  .  . 

45.  sol  dv  (6/.  2")  50  — 02  fehlen.  62.  der  rede  fehlt.  63.  swer 
74.  houediet  89.  doh  gesigen  (bl.  i-^)  90 —92  fehlen.  93.  dez 
95.  gebot  de  Effigennia  98.    wurde  .  .  .  wille  24401.  eime 

3.  schonen  brahte  man  3.  leben  da  v.  4.  VG  zeinem  opfir  wurde 
braht         5.  waren        6.  gemeine  vü  algeliche        8.   al  d'  10.  opfirs 

13.  in  vn  sante         18.  gesluge         19.  clare  .  .  .  gefuge  21.  da  si 

22.  vn\*  dienet  23.   wolte  2  4.  einem. 

Ha//f^.  J.  ZACHER. 


ALTVIL 

Der  dunkele  ausdruck  altvil  im  Sachseuspiegel  wird  durch 
zwilter  erklärt,  ohne  zweifei  nur  durch  falsche  deutung  aus 
nltu  vii.  gegen  diese  erklärung  ist,  wie  Jac.  Grimm  reclitsait, 
410  bemerkt  hat,  die  lateinische  Übersetzung  homuticio  und 
dafs  in  den  bildern  des  Sachsenspiegels  der  altvil  als  ein  klei- 
ner mann  erscheint,  für  den  fall  dafs  doch  ein  zwitler  ge- 
meint sei  wagt  Grimm  die  Vermutung  dafs  alwile  aus  alwi- 
dele  zusammengezogen  sei.  aber  dafs  die  lesart  ahvile  feh- 
lerhaft und  r  richtig  ist  scheint  mir  der  beiname  Jilljil  zu 
beweisen.  Markwart  Allßl  kommt  um  1180  vor  Mß.  2,  344, 
derselbe  3IB.  7,  450.  8,  428.  hierdurch  wird  altvilo  auch 
gegen  die  lesart  antiile  gesichert,  atich  stimmt  zu  alt-  das 
greisenhafte  aussehen  der  zwerge ,  die  wie  die  elben  und 
wichtel  ja  auch  in  den  sagen  und  märchen  immer  alt  erschei- 
nen (vergl.  Myth.  437  f.).  es  komml  also  darauf  an  für  vii 
eine  erklärung  zu  finden.  H. 


401 


ÜBER  DEN 

GESCHICHTLICHEN   ZUSAMMENHANG    DES 

GOTHISCHEN    CHRISTENTHÜMS    MIT   DEM 

ALTHOCHDEUTSCHEN. 

ANFRAGEN   UND   VERMUTUNGEN. 

1. 

In  meiner  sclirift  über  die  cinwirkung  des  christenthunis 
auf  die  ahd.  spräche  liabe  ich  versucht  die  gründung  und  aus- 
breilung  einer  christlichen  ausdrucksweise  in  hochdeutscher 
spräche  darzulegen,  ich  habe  mich  dabei  streng  auf  das  ahd. 
beschränkt,  weil  ich  auf  möglichst  sicherem  grund  und  boden 
bauen  wollte,  auch  wohlwollende  freunde  haben  geniissbilligt 
dafs  ich  nicht  wenigstens  das  gothische  in  meinen  bereich  ge- 
zogen habe,  da  mein  ziel  durchaus  nur  die  Übertragung  des 
christenthunis  in  die  hd.  spräche  war,  so  wird  die  frage,  in 
wie  weit  hier  das  gothische  in  betracht  komme,  von  der  an- 
dern abhängen,  in  wie  weit  sich  ein  einflufs  der  Gothen  auf 
die  Übertragung  des  christenthunis  in  das  ahd.  nachweisen  lafse. 
das  gothische  steht  bekanntlich  zum  ahd.  nicht  in  dem  Ver- 
hältnisse der  mutter  zur  tochter,  sondern  in  dem  der  älteren 
Schwester  zur  jüngeren,  von  einer  directen  herleitung  des 
ahd,  aus  dem  goth.  kann  deshalb  keine  rede  sein,  dies  würde 
sich  auch  abgesehn  von  den  bekannten  historischen  Vorgän- 
gen schon  hinlänglich  aus  solchen  ahd.  formen  ergeben  die 
gegen  die  sonstige  regel  an  alterthümlichkeit  über  das  goth. 
hinaufreichen,  ich  erinnere  z.  b.  an  die  ahd.  formen  auf  ines 
in  der  ersten  plur,  der  verba  oder  an  die  formen  auf  m  in 
der  ersten  sing.  präs.  und  der  zweiten  und  dritten  schwachen 
conjugation    des    ahd.  *    nichts  desto    weniger  erklärt  man  in 

*  nur  wenn  die  gescbichte  uns  nöthigte  in  den  hd.  stammen  die 
uachkuuimea  der  Gothen  zu  sehen  (was  bekanntlich  nicht  der  fall  ist), 
würden  wir  uns  nach  besoudern  erklärungsgründen  dieser  erscheinung 
umsehen  müfsen.  aber  auch  dann  noch  würde  ich  lieber  das  hervor- 
treten in  einzelnen  dialekten  bewahrter  formen  annehmen  als  eine  me- 
chanische einwirkung  der  keltischen  conjugation,  wie  Leo  in  seinen 
übrigens  wieder  sehr  lehrreichen  ferienschriften  (1,  248)  thut. 
Z.   F.   D.   A.  VI.  26 


402  GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHUM. 

grammatischer  und  elymologischer  hinsieht  mit  vollkommenem 
rechte  das    ahd.   aus    dem  gothischcn.     denn   die  augenfällige 
Urverwandtschaft  heider  sprachen  berechtigt  uns  in  einer  zeit 
die  sicli  unsern  blicken  entzieht  gemeinsame  sprachformen  für 
das  goth.    und   ahd.    vorauszusetzen,     ganz  anders  aber  ver- 
hält sich   die  sache,  wenn  von  Vorgängen  die  rede  ist  die  in 
die  bekannte  historische   zeit  fallen,    wie    die   bekehning  der 
Gothen  zum  christenihume.    hier  gilt  natürlich  keine  berufung 
auf  Urverwandtschaft,    sondern    man    mufs   die  Verknüpfungen 
zwischen  den    golhischen  und   hochdeutschen   stammen   histo- 
risch  nachweisen,     in  bezug  auf  die    christlichen  hegrifife  ist 
also  die  Sachlage    diese:    in    den    hd.   denkmälern  des  9n  jh. 
finden  wir  dieselben  theils  ins  deutsche  übertragen,   theils  in 
der  ausländischen  form  in  die  deutsche  spräche  aufgenommen, 
seitdem  sind  sie  unter  dem  deutschen  volke  nicht  wieder  aus- 
gestorben,   sondern    sie    haben    sich  mit  dem  übrigen  Sprach- 
schätze fortgepflanzt,    bei  manchen  ausdrücken  wird  man  na- 
türlich immer  in  zweifei  sein,  ob  sie  in  der  specifisch  christ- 
lichen bedeutung    überliefert   oder  mehrere    mahle  von  neuem 
aus  den  Ursprachen  des  christcnthums  ins  deutsche  übertragen 
worden  sind,    bei  andern  dagegen  ist  die  Überlieferung  unbe- 
stritten ;  so  z.  b.  bei  dem  worte  hoilnnd,  dessen  versteinerte 
form    die  fortpdanzung  von  der  aiid.  zeit  bis  auf  die  unsrige 
verbürgt,     ob  unsere  ahd.  Sprachdenkmäler  im   späteren  mit- 
telalter   noch    gelesen  worden  sind  oder  nicht  ist  dabei  ganz 
gleichgiltig.     die    seil  dem    Iln  jh.  eingebürgerten  ausdrücke 
pflanzten  sich  jetzt  von  munde  zu  munde,  von  buch  zu  buch 
weiter  fort,     die  frage  ist  nun,  dürfen  wir  die  einbürgerung 
der  christlichen   ausdrücke  in   die  hochdeutsche  spräche  ohne 
weiteres  von  Llfilas  her   datieren?    so    gestellt    ist  die   frage 
sicherlich  zu  verneinen,    zweifelhafter  aber  wird  die  antwort, 
wenn  wir  fragen,   Sind  die  gothischcn  ausdrücke  für  die  christ- 
lichen   begriHe  nicht    auch  von  eindufs  auf  das    hochdeutsche 
gewesen?     die    frage  wird    theils    auf   kirchengeschichtlichem 
theils  auf  sprachlichem  gebiet  zu  entscheiden  sein,  auf  beiden 
gebieten    aber  ist    sie    mit  grofsen  Schwierigkeiten  verknüpft, 
die    äufsere    geschichte   ist   gerade    in  den   hierher   gehörigen 
parlien  sehr  dunkel  und  die  sprachlichen  gründe  werden  sich 
kaum  über  alle  einwendungen  erheben  lafsen.   bei  der  nahen 


GOTH.  UNI)  AHD.  CHRISTENTHUM.  403 

verw.indtschaft  der  gothisclicn  und  ahd.  spräche  versieht  es 
sich  nämlich  von  selbst  dal's  die  Übersetzer  fremder  ausdrücke 
sehr  häufig  in  beiden  sprachen  dieselben  Wörter  wählen  musten, 
ohne  dafs  man  daraus  im  mindesten  auf  einen  wirklichen  hi- 
storischen Zusammenhang  schliefsen  darf,  man  denke  sich 
z.  b.  dafs  gegenwärtig  von  demselben  griechischen  buche  eine 
dänische  und  eine  schwedische  Übersetzung  gemacht  werde: 
die  Übersetzer  werden  in  unzähllichen  ausdrücken  überein- 
stimmen, wenn  auch  der  eine  nicht  das  geringste  von  dem 
andern  weifs.  es  müfsen  also  noch  andere  gründe  zu  der 
blofsen  Übereinstimmung  der  worle  hinzu  treten,  wenn  man 
auf  einen  wirklichen  Zusammenhang  der  beiden  Übersetzer 
schliefsen  will. 


Der  einflufs  des  gothischen  auf  die  ahd.  spräche  könnte 
auf  sehr  verschiedenen  wegen  vor  sich  gegangen  sein,  er 
könnte  ganz  eigentlich  literarischer  art  gewesen  sein,  d.  h.  die 
Urheber  einer  ahd.  literatur  könnten  die  Schriften  des  Ulfilas 
und  seiner  nachfolger  vor  sich  gehabt  und  ihren  ausdruck  nach 
ihnen  gebildet  haben,  so  könnte  man  die  spuren  einer  gothi- 
schen handschrift  die  noch  im  9n  jh.  zu  Salzburg  vorhanden 
war*  in  Verbindung  bringen  mit  der  literarischen  thätigkeit 
die  schon  seit  dem  8n  jh.  in  den  bairischen  klöstern,  nament- 
lich in  Monsee,  herschte.  ebenso  liegt  es  nahe  im  kloster 
Bobbio  in  Oberitalien  einen  litterarischen  anknüpfungspunkt 
der  ahd.  schriftstellerei  an  die  gothische  zu  suchen,  aus  Bob- 
bio stammen  die  zahlreichen  bruchstücke  gothischer  hss.  die 
jetzt  zu  3Iailand,  Rom  und  Wolfenbüttel  aufbewahrt  wer- 
den.** und  eben  dieses  Bobbio  wurde  um  das  j.  612***  vom 
h.  Columbanus  gegründet,  nachdem  er  mehrere  jähre  als  mis- 
sionar  unter  den  Alemannen  gewirkt  und  ihnen  seinen  schü- 

'"  Wh.  Grimm  in  den  Wiener  jahrb.  1828  und  Mafsmann  in  dieser 
zeitschr.  1,  296.  die  über  das  gothische  geschriebenen  ahd.  Wörter 
(Wiener  jahrb.  s.  11)  zeugen  mehr  dafür  dafs  der  Schreiber  nicht  viel 
vom  gothischen  verstand  als  dafs  sie  das  gegentheil  bewiesen. 

**  Mafsm.  Skeir.  s.  55.  Ulfilas  von  Gabelentz  und  Lobe  1  s.  xxxii  ff. 
*■**  Mabillon  Annal.  o.   s.   B.  i  s.  296. 

26* 


404  GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHUM. 

1er  den  h.  Galliis  zurückgelafsen  hatte,  sollte  diese  ansamm- 
lung  golhischer  hss.  in  Bobbio  nicht  in  bezug  stehen  zur  be- 
kehrung  der  Alemannen  ?  so  lockend  alle  diese  combinationen 
aussehen,  möchte  ich  doch  nicht  allzuviel  gewicht  auf  sie  le- 
gen, denn  warum  hätte  man  bei  solchen  absiebten  die  go- 
thischen -hss.  nicht  lieber  im  7n  8n  jh.  nach  S.  Gallen  ge- 
schickt als  sie  endlich  auszukratzen  und  als  altes  pergament 
zu  benutzen?  warum  knüpft  sich  an  den  besitz  dieser  goth. 
hss.,  die  man  also  seit  dem  7n  jh.  in  ihrer  wahren  bedeu- 
tung  erkannt  hätte,  nicht  alsbald  der  versuch  in  S.  Gallen 
für  die  hd.  stamme  etwas  ähnliches  zu  leisten  wie  ülfilas 
für  die  Gothen?  warum  lafsen  die  anfange  einer  eigentlichen 
ahd.  litteratur  zu  S.  Gallen  noch  anderthalb  Jahrhunderte  auf 
sich  warten  und  beginnen  etwa  gerade  um  die  zeit  als  man 
zu  ßobbio  die  gothischen  hss.  nach  kräften  zerstörte? 

Viel  mehr  als  diese  litterarischen  beziehungen  hat  wohl 
der  lebendige  einfluls  des  gothischen  volkes  zu  bedeuten,  so 
lange  es  noch  in  Italien  und  Spanien  in  zwei  mächtigen  rei- 
chen blühte,  schon  der  zug  Attilas  mufs  die  hd.  stamme  in 
vielfache  berührung  mit  den  Gothen  gebracht  haben.  *  noch 
klarer  aber  werden  die  beziehungen  nach  der  gründung  des 
ostgothischcn  reichs  in  Italien,  nach  der  besiegung  der  Ale- 
mannen durch  die  Franken  im  j.  490  kam  der  südliche  und 
östliche  theil  des  alemannischen  volkes  unter  die  botmäfsigkeit 
der  damals  längst  christlichen  Ostgothen.  **  wenn  die  Aleman- 
nen nun  auch  nur  bis  zum  j.  536  in  dieser  Verbindung  blie- 
ben, so  müfsen  sie  doch  in  dieser  zeit  auch  von  dem  chri- 
stenthum  der  Gothen  manchen  einflufs  erfahren  haben,  dem 
umfange  nach  noch  viel  weiter  greift  die  Stellung  die  Theo- 
dorich der  grofse  den  fürsten  und  Völkern  seiner  zeit  gegen- 
über einnahm,    an  Hernianfrid  von  Thüringen  hatte  er  seine 


*  der  slärksfc  ankiiiipfuiifcspunkl  ^^ür(l^  es  nafiirlich  sein,  wenn  wir 
aunehinen  (liiiften  dafi  uiiler  den  wurzeln  des  bairisclien  slanimes  sich 
eine  aldlieilunj?  schon  cbrisllicher  Gothen  befunden  habe,  vielleicht 
bringt  Jemand  auch  diese  hypothese  mit  dem  Salzburjjer  codex  des  Ul- 
tiias  in  Verbindung,  aber  jedesfalls  wird  man  zugeben  dafs  wir  uns 
hier  auf  sehr  unsicherem  und  viel   bestrittenem  boden  befinden. 

**  die  belege  und  näheren  bestimmungeu  in  Stalins  vortrefflicher 
VVürtemberg.  geschichte  1,  1  i9  ff. 


GOTII.  UND  AHD.  CHRISTENTIIÜM.  405 

iiichte  Auialabcrya  vermählt  und  es  ist  schon  oft  auf  die  stelle 
des  Cassiodor*  hingewiesen  worden  in  welcher  Amalaberga 
den  Thüringern  wegen  ihrer  ganz  besondern  geistesbildung 
angerühmt  wird.  Theodorich  selbst  hatte  die  Audifleda  zur 
gatlin,  die  Schwester  des  fränkischen  Chlodwig**,  der  damals 
einen  groisen  theil  der  hochdeutschen  stamme  beherschte.  wer 
weifs  ob  nicht  durch  diese  Verbindung  und  durch  den  ver- 
kehr mit  den  Westgothen,  deren  nördliches  gebiet  durch  die 
Schlacht  bei  Vougle  im  j.  507  unter  Chlodwig  kam,  auch  auf 
die  spräche  der  merovingischen  Franken  das  gothische  von 
einigem  einflulse  gewesen  ist,  wenn  sie,  die  freilich  nur  sehr 
obenhin  Christen  geworden  waren,  die  christlichen  begriffe  in 
ihrer  eigenen  spräche  wiedergeben  wollten***,  durch  vermit- 
telung  der  Franken  könnte  dann  späterhin  das  gothische  so- 
gar auf  die  kirchliche  ausdrucksweise  der  Angelsachsen  eini- 
gea  indirecten  cinfluls  gehabt  haben -j-. 


3. 

Wenn  wir  uns  die  art  vergegenwärtigen  wie  das  chris- 
tenlhum  unter  den  hochdeutschen  stammen  allmählich  Wur- 
zel gefafst  hatte,  so  werden  wir  nicht  zweifeln  dafs  ein  gro- 
fser  theil  der  christlichen  ausdrücke  die  wir  in  den  ahd. 
Sprachdenkmälern  lesen  schon  lange  vor  der  abfafsung  dersel- 
ben unter  den  hochd.  stammen  vorhanden  gewesen  sein  mufs. 
so  lesen  wir  z.  b.  in  der  älteren  vita  s.  Galli,  als  Columban 
und  Gallus  nach  Bregenz  am  Bodensee  kamen,  fanden  sie  die 
dortigen  einwohner  als  götzendiener :  nempe  desiderio  de- 
siruendi  eorum  superstitionem  vir  dei  Columbanus  iussit 
Gallo  ad  pojmlum  rccitare  sermonem,  qiiia  ille  inter  alins 
eminebat  lepore  latinitatis  nee  non  et  idioma  (d.  i.  idio- 
inate)  illim  gentis^.    als  sie  schon  vorher  bei  Tuggen  am 

'"  Var.  4,  1. 
**  die  belege  kritisch  geprüft  bei  Manso,    Gesch.  des  ostg.  reiches 
s.  71. 

c-**  dagegen    kaim   man   einwenden    dal's  die  Gothen  Arianer  waren, 
die  Franken  katholiken. 

-|-  über  die  Verbindung  des  fränkischen  christenthums  mit  dem  an- 
gelsächsischen s.  u.  a.  Schröckh,  Kirchengesch.  16,  271. 
it  Perlz  3,  7,  24. 


406  .  GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHUM. 

Zürcher  see  wohnen,  docebant  eos  patrem  et  filium  et  spi- 
ritum  smictum  adorare* .  Gallus  spricht  also  in  deutscher 
spräche  über  die  hauptdogmen  der  christlichen  religion.  aber 
auch  er  und  sein  älterer  genofseColumban  finden  schon  christ- 
liche priester  unter  den  Alemannen  vor;  z.  b.  den  sacerdos 
Williraar  zu  Arbon  am  Bodensee**,  so  werden  wir  mit 
wirklich  deutschem  christenthum  ziemlich  nahe  an  die  zeit  der 
ostgothischen  herschaft  hinangefiihrt.  wie  viel  nun  aber  der 
h.  Gallus  unter  jenen  Alemannen  an  christlichen  ausdrücken 
schon  vorfand,  wie  viel  er  selbst  erst  einführte,  darüber  ha- 
ben wir  keine  nachricht.  und  ebenso  können  wir  nicht  wi- 
fsen  wie  viel  von  dem  was  Gallus  vorfand  in  Verbindung  mit 
der  ausdrucksweise  der  christlichen  Gothen  stand,  im  allge- 
meinen dürfen  wir  voraussetzen  däfs  die  hauptsächlichsten 
ausdrücke  des  christenthums  zuerst  unter  dem  volke  sich  ein- 
gebürgert haben,  unter  den  hauptsächlichsten  ausdrücken  sind 
aber  hier  nicht  gerade  die  zu  verstehen  welche  die  tiefsten 
Wahrheiten  des  christenthums  bezeichnen,  sondern  vielmehr 
die  deren  sinn  am  meisten  in  die  äugen  fällt,  sobald  es  ein- 
mal getaufte  gab,  entstand  das  bedürfnis  sie  durch  einen  ei- 
genen ausdruck  von  den  ungetauften  zu  sondern,  sobald  ir- 
gendwo eine  christliche  kapelle  aufgerichtet  wurde,  rauste  man 
sie  wo  möglich  schon  durch  den  ausdruck  von  den  heidni- 
schen hciligthümern  unterscheiden,  gerade  unter  diesen  äufser- 
lichkeitcn  werden  wir  also  vor  allem  die  ausdrücke  zu  su- 
chen haben  die  sich  möglicherweise  von  den  früh  bekehrten 
Gothen  zu  den  übrigen  deutschen  Völkern  verbreitet  und  unter 
ihnen  erhalten  haben  könnten,  da  die  reste  der  gothischen 
litteratur  mit  geringfügiger  ausnähme  nur  aus  stücken  der  bi- 
belübersetzung  bestehen,  so  sind  wir  über  die  gothischen  aus- 
drücke für  das  äufserliche  des  christenthums  viel  schlechter 
unterrichtet  als  über  die  tiefere  seite.    es  fehlen  uns  deshalb 

*  Pertz  2,  «,  38. 
■:>ii  Pertz  2,  7,  9.  nicht  daiaur  kommt  es  uns  hier  an,  die  frühe- 
sten spuren  des  christenthums  in  diesen  gegenden  nachzuweisen,  denn 
diese  reichen  weit  über  die  gothische  hersciiaft  in  die  zeiten  des  rö- 
mischen reiches  zurück,  hier  soll  vielmehr  nur  die  Wahrscheinlichkeit 
dargelhan  werden  dals  sich  aus  der  gothischen  zeit  einzelne  reste  des 
christenthums  erhalten  haben  mögen. 


GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHÜM.  407 

die  gothischen  ausdrücke  iür  begriffe  die  ohne  allen  zvveifel 
unzählliche  male  in  gothischer  rede  vorgekommen  sein  mä- 
sten, ich  will  nun,  auf  die  geüihr  recht  gründlich  widerlegt 
zu  werden,  einige  bemerkungen  über  einzelne  golhische  aus- 
drücke wagen  die  in  beziehung  zu  ahd.   stehen  könnten. 

1.  Die  Scheidung  von  Christen  und  beiden  muste  dem 
Volke  zuerst  in  die  äugen  fallen,  für  die  beiden  hat  Ulfilas 
den  ausdruck  piiidus.  dem  entspricht  zwar  das  ahd.  diotd; 
dies  kann  aber  sehr  wohl  zufall  sein,  da  beide  wörter  eigent- 
lich nur  'die  Völker'  heifsen  und  auch  ohne  beziehung  auf  die 
beiden  in  häuligem  gebrauch  waren,  anders  scheint  mir  der 
ahd.  ausdruck  heidan  (ethnicus,  paganus)  zu  stehen.  Ulfilas 
hat  davon  das  schw.  fem.  haipuö  (EXX}]vlg  Marc.  7,  26).  bei 
der  eigenthümlichkeit  dieses  ausdrucks  ist  es  kaum  glaublich 
dafs  er  zweimal  für  den  begriff  ethnicus  gewählt  oder  gar 
gebildet  ward,  viel  wahrscheinlicher  ist  dafs  er  von  denGo- 
then  zu  den  andern  erst  später  bekehrten  Völkern  sich  ver- 
breitet hat,  wobei  natürlich  unbenommen  bleibt  das  Vorhan- 
densein des  ausdrucks  heidan  für  agrcstis  im  allgemeinen 
schon  vor  der  gothischen  einwirkung  anzunehmen,  nur  dafs 
auch  die  andern  deutschen  völker  gerade  diesen  ausdruck  für 
ethnicus  verwandten  scheint  mir  gothischer  einflufs.  dabei 
ist  wohl  zu  bemerken  dafs  unsre  ahd.  quellen  das  sehr  häu- 
fige heidan  nur  im  religiösen  sinne  verwenden,  was  darauf 
hinzudeuten  scheint  dafs  die  Hochdeutschen  es  entweder  von 
aufsen  schon  in  dieser  specielleu  bedeutung  empfangen  oder 
dafs  sie  es  doch  schon  in  uralter  zeit  dazu  ausgeprägt  haben, 
der  ausdruck  Christen  kommt  meines  wifsens  in  unseren  go- 
thischen Sprachresten  nicht  vor,  wenn  er  nicht  etwa  in  der 
vielbesprochenen  zeile  steckt  die  in  der  Wiener  hs.  3527 
über  den  gothischen  alphabeten  steht,  wie,  wenn  das  dritte 
wort  der  zeile  eine  abkürzung  von  xristjaneis  oder  dem  acc. 
xristjanins  wäre?*     es  wäre  aus  dem   gr.    XqkjiiuvoI  ganz 

*  es  versteht  sich  dafs  man  statt  des  u  in  dem  dritten  worte  ein 
n  lesen  miiste.  ich  würde  diese  conjectur  nicht  wagen,  wenn  nicht 
Mafsmanu  selbst  (zcitschr.  f.  d.  a.  1,  297)  seiner  erklärung  noch  sechs 
andere  möglichkeiten  beifügte,  die  annähme  dafs  mau  den  gothischen 
ausdruck  für  XQMviavoi  abgekürzt  geschrieben  habe  würde  sehr  un 
wahrscheinlich  seiu_,    wenn  die  Gothen  blofs  die  bibel  in  ihrer  spräche 


408  GOTH.  UND  AUD.  CHRISTENTHUM. 

ähnlich  gebildet  wie  das  Rumöneis  in  der  unlerschrift  des  Rö- 
merbriefes du  Rumoixim.  das  d  in  Rumöneis  ist  nur  aus- 
nähme von  der  regel.  der  pluralische  nom.  xristjaneis  oder 
der  acc.  xristjanins  könnte  aus  der  verlorenen  stelle  act. 
11,  26  genommen  sein,  je  nachdem  Ulfilas  mit  ei  oder  mit 
dem  acc.  c.  inf.  nach  varp  übersetzt  hat.  —  ist  es  erlaubt 
auf  diesem  luftigen  gründe  weiter  zu  bauen,  so  möchte  man 
damit  in  Verbindung  bringen  dafs  christani  (christianus)  im 
ahd.  nach  der  zweiten  declination  gebildet  wurde,  freilich  ei- 
ner ganz  andern  declination  als  die  im  goth.  vorausgesetzte 
vierte  starke  substantivische,  dennoch  könnte  das  im  goth. 
gehörte  i  auf  die  bildung  des  ahd.  christani  eingewirkt  haben. 
2.  Das  goth.  daupjan  findet  sich  in  ahd.  totifan  wieder, 
der  grund  warum  ich  hier  eine  alte  goth.  einwirkung  anneh- 
men möchte  ist  dieser :  das  goth.  daupjan  zeigt  sich  uns  noch 
in  der  ursprünglichen  allgemeinen  bedeutung,  jah  af  mapla 
niha  daupjand  ni  matjand  {luv  ,u>;  i^uTtiiraovcai  ovx  in&tQviJiv) 
Marc.  7,  4.  pammei  ik  iifdaupjands  pana  hloif  giba  (J)  fy(o 
ßäipag  To  xiKuf-ilov  int  domo))  Job.  13,  26.  dagegen  hat  das  ahd. 
totifan  in  unsern  ahd.  quellen  nur  die  sacramentale  bedeu- 
tung. * 

3.  Das  weitverbreitete  ahd.  pfajfo,  mhd.  pfaffe,  findet 
sich  zwar  auch  im  Intoin  der  römischen  kirclie  für  bischof 
(s.  papa  bei  Du  Fresne),  aber  von  einer  solchen  ausbreitung 
des  Wortes  wie  wir  sie  schon  im  ahd.  finden,  wo  es  für  cle- 
ricas  überhaupt  steht,  ist  keine  rede,  nimmt  man  dies  zu- 
gehabt hätten,  in  der  dieser  ausdruck  so  selten  vorkommt,  da  wir  aber 
wifsen  dafs  die  gothischen  priesler  noch  eine  ganze  anzahl  religiöser 
bücher  in  der  Volkssprache  geschrieben  haben,  so  ist  das  häußge  vor- 
kommen und  deshalb  die  abkürzung  des  Wortes  xristjaneis  sehr  wahr- 
scheinlich, ob  das  vorausgehende  ho  die  abkürzung  von  hiudo  (gen. 
pl.  von  biiida)  ist?  gerade  die  apostelgeschichle,  in  der  das  worl  i'&iij 
so  oft  vorkommt,  konnte  den  Schreiber  am  ersten  bestimmen  eine  viel' 
leicht  übliche  abkürzung  anzuwenden,  vielleicht  fand  auch  der  Salz- 
burger excerptor  die  worte  frauja  piiido  schon  beisammen,  so  könnte 
man  z.  b.  an  Rom.  3,  29  denken,  wenn  man  Rom.  10,  12  vergleicht, 
und  wenn  da  nicht,  so  konnten  sich  noch  Jerem.  10,  7,  ps.  47,  9.  82,  8 
die  Worte  fravja  hiudo  beisammen  finden. 

*  stellen  \\'\c  Hjmn.  2,  2,  4  darf  man  nicht  dagegen  anführen,  sie 
übertragen  vielmehr  die  geistliche  bedeutung  erst  wieder  metaphorisch 
auf  die  natur,  nach  dem  Vorgänge  des  lal.  baptizans. 


GOTII.  UND  AFID.  CHRISTENTHUM.  409 

sammeii  mit  der  iiithlaufnalime  des  lal.  sacerdos*  in  die  ahd. 
spräche,  so  sieht  man  dafs  das  wort  pfaffo  schon  im  besitz 
war  als  die  ahd.  litteratur  in  demselben  Jahrhundert  mit  dem 
stärkeren  rcJmischen  einflul'se  ihren  anfang  nahm,  erlaubt  uns 
dies  an  gothisch-arianische;;«/;^/«  zu  denken  die  den  römisch- 
katholischen  saceinlotes  auch  unter  den  hochdeutschen  stammen 
vorausgiengen  ?  der  ausdruck  j)npa  findet  sich  ins  Gothische 
aufgenommen  im  Calend.  Goth.  (II,  1  s.  XVIII  bei  Gabelentz 
und  Loebe)  und  in  den  Unterschriften  der  neapolitanischen 
urk.  (s.  14,  89  bei  Mafsmann).** 

4.  Das  ahd.  wort  kiricha  ist  aus  dem  griechischen  v.v- 
Qianöv  (domus  domini)  herüber  genommen***,  auf  welchem 
wege  das  wort  den  hochdeutschen  stammen  zugekommen  sei, 
darüber  wird  gestritten,  schon  der  alteWalafridSlrabo  (f  849) 
in  seinem  buche  de  rebus  eccl.  c.  7  ist  der  meinung,  die 
Deutschen  hätten  das  wort  durch  vermittelung  der  Gothen  er- 
halten, in  neuerer  zeit  hat  Jacobson  in  einer  reichhaltigen  ab- 
handlung  über  das  wort  kirche  y  die  herleitung  aus  hvqiu- 
■aÖv  zu  erweisen,  dabei  aber  die  vermittelung  der  Gothen  zu 
bestreiten  versucht,  er  zieht  es  vor  das  wort  nv()iaaöv  von 
den  Griechen  zu  den  Briten  und  durch  diese  zu  den  Deut- 
schen wandern  zu  lafsen.  prüfen  wir  die  gründe  die  er  ge- 
gen die  gothische  vermittelung  geltend  macht. 

a.   Ulülas  behält  yv^jtog  (xvQie  u.  s.  w.)  nicht  bei,  son- 
dern übersetzt   es   durch  frauja.     daraus   läfst  sich   für  die 

'■*  nämlich  in  einer  ahd.  umhildung  des  lat.  Wortes,  im  übrigen 
vergl.  Einw.   des  christenth.  s.  299. 

**  bei  VValafrid  Strabo  de  reb.  eccl.  c.  7  ist  schwerlich  ;;a/>5<  zu 
lesen,  obwohl  auch  der  abdruek  in  der  Lyoner  Maxinia  bibl.  patrum 
15,  184  diese  lesart  wiederholt,  die  Einw.  des  christenth.  s.  397  anm. 
3  ausgesprochene  Vermutung,  dal's  das  *  in  hahcs  mit  dem  s  in  naiia? 
zusammenhänge,  gebe  ich  auf,  indem  ich  der  ansieht  meines  verehrten 
lehrers  Jac.  Grimm  beitrete,  der  dies  s  aus  dem  altfranz.  li  papes  er- 
klärt. 

«>s  einen  versuch  das  wort  aus  einer  keltischen  wurzel  abzuleiten 
findet  sich  in  Leos  Ferienschriften  1,  54.  Leos  scharfsinniger  erörte- 
rung  beizustimmen  hindert  mich  besonders  der  umstand  dafs  die  Kel- 
ten selbst  (nach  Leos  angäbe)  das  wort  in  dem  sinn  von  kirche  nicht 
gebrauchen. 

t  H.  F.  Jacobson,  Kirchenrechtliche  versuche  1,  58  ff.  vergl.  Ber- 
liner Jahrb.  f.  wifs.  kritik  1846  n.  105. 


410  GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHUM. 

Übersetzung  oder  beibehaltung  des  Wortes  y.v(t(,a'/.ov  duiThaus 
nichts  folgern,  die  Gothen  haben  öfters  ein  grundwort  über- 
setzt und  ein  davon  abgeleitetes,  wenn  es  eine  specielle  be- 
deulung  hat,  in  der  fremden  form  aufgenommen,  z.  b.  legere 
(cipayiyi'axjy.eii')  geben  sie  durch  siggvan  Luc.  4.  16:  dagegen 
wird  lectio  in  der  form  laiktjö*  beibehalten. 

h.  Das  wort  v.vQi<xy.ov  kommt  in  unsern  gothischen  sprach- 
reslen  nicht  vor;  dagegen  hat  Ulfilas  in  einer  grofsen  menge 
von  stellen  das  gr.  t-Ay.h]aiu  in  der  form  aikklesju  beibehal- 
ten, dieser  grund  sieht  sehr  schlagend  aus,  erweist  sich  aber 
bei  näherer  besichtigung  als  ziemlich  schwach,  die  sämmtli- 
chen  stellen  des  neuen  testaments  in  denen  aikklesjo  vor- 
kommt beweisen  gar  nichts,  denn  was  hiefs  'AVQiay.öv?  ein 
gebäude  für  den  christlichen  gottesdienst  errichtet,  dergleichen 
gebäude  kommen  aber  im  neuen  testamente  nicht  vor.  folg- 
lich hatte  Ulfilas  hier  gar  keine  gelegenheit  das  wort  -Av^ia- 
y.öv  anzubringen,  denn  dafs  schon  die  Gothen  die  bedeutung 
des  gr.  yv()iuY.öv  in  der  weise  erweitert  haben  wie  dies  spä- 
terhin mit  dem  hd.  kiricha  geschah,  dies  anzunehmen  sind 
wir  durch  nichts  berechtigt,  hätten  wir  von  der  christlichen 
litteratur  der  Griechen  nichts  übrig  als  die  originale  unserer 
gothischen  sprachreste,  so  würden  wir  das  gr.  y-vgiaxäv  eben 
so  wenig  belegen  können  wie  wir  es  jetzt  im  gothischen  kön- 
nen, und  doch  war  den  Griechen  des  vierten  Jahrhunderts 
yoi)iuy.öv  für  das  kirchengebäude  neben  fxxbjnia  ein  ganz  ge- 
läufiges wort.**  so  bleibt  nur  die  stelle  im  Calend.  Goth.*** 
die  man  allenfalls  so  erklären  kann,  keineswegs  aber  so  er- 
klären mufs  dafs  die  anwendung  des  Wortes  xcfjiaxof  möglich 
gewesen  wäre,  die  stelle  laulcl  gf/mwf)/  manjtre  Jtize  bi 
verckofi  papcni  Jah  batrin  hilaif  aikklesjöns  fullaizos  ana 
gutlnmlai  gabvannidaize.  die  worle  aikklrsjons  fulldizös 
werden  sehr  verschieden  gedeutet,  übersetzt  man  fulls  mx\ 
allgemein,  katholisch -f-,  so  dafs  aikklcsju/is  fullaizos  so  viel 
als  ecclesiao  cntholicac  und  abhängig  von  bilaif  (amlsgenofs 


*  Ulf.  von  Gab.  und  Loebe  1   s.  xxiv. 
''^'^'  s.  Jacobson  s.  87  If.    Suioer  Thes.  ecci.  unter  vi,v{ji(i.xöv . 
•*"=  Ulf.  V.   Gab.   und  Locbc  2,  1,   18. 

i  so  wieder  Gabelenlz  und  Loebe  2,  1,  20(3. 


GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHUM.  411 

gahlaiban)  *  ist,  so  erlnilt  man  einen  sinn  bei  dem  vom  kir- 
chcngebäudc  keine  rede  ist  und  der  mithin  kvqiukÖv  in  der 
bedeutung  die  es  bei  den  Griechen  hat  gar  nicht  zugelalsen 
haben  würde,  wer  dagegen  aikkle.sjuns  fuUaizös  für  in  plrjta 
ecc/es/a**  nehmen  will,  der  wird  doch  zugeben  niüfsen  dals 
auch  dann  aikklesjöns  fullaizus  ebenso  gut  heifsen  kann  'in 
voller  Versammlung'  wie  'in  gefüllter  kirche.'  bei  dieser  auf- 
falsung  wäre  aber  der  gebrauch  von  nvQtunöv  wiederum  aus- 
geschlofsen.  doch  zugegeben  dafs  aikklesjöns  fullaizös  wirk- 
lich heilst  in  templo  pleno,  was  ist  damit  anderes  bewiesen 
als  dafs  die  Gothen  ihr  aikklesjo  auch  für  das  kirchenge- 
bäude  verwandten,  gerade  wie  die  griechischen  zeitgenofsen 
ihr  ixuhjalu  auch  für  das  gebäude  gebrauchten,  so  gut  aber 
wie  diese  neben  fxxhjcjla  in  dieser  bedeutung  noch  -/.vijiuxöv 
hatten,  ebenso  gut  können  die  Gothen  neben  ixxXijola  auch 
xvQiuxöv  entlehnt  haben,  und  dafs  in  der  einzigen  stelle  in 
der  wir  xi>qiocxÖv  möglicherweise  erwarten  könnten  der  andere 
ausdruck  ixxXr,(ilu  gewählt  ist,  das  soll  doch  wohl  die  mög- 
lichkeit  dafs  die  Gothen  für  das  christliche  gotteshaus  noch 
einen  zweiten  ausdruck  hatten  nicht  unwahrscheinlich  machen? 
weiter  aber  war  hier  nichts  zu  erweisen  als  dafs  sich  aus 
unsern  gothischen  sprachresten  der  beweis  nicht  führen  läfsl 
dafs  die  Gothen  den  ausdruck  xrQtuKÖv  wahrscheinlich  nicht 
hatten.  —  sehen  wir  nun  zu,  was  sich  für  die  gothische  ver- 
mittelung  bei  der  herübernahme  des  gr.  xr^/«xoj/  in  die  an- 
dern deutschen  sprachen  sagen  läl'st.  eine  hauptschwierigkeit 
bei  der  herleitung  des  deutschen  kiricha  aus  dem  gr.  kvqiu- 
•<nov  macht  die  Umwandlung  des  geschlechtes,  für  die  sich  kein 
rechter  gruud  angeben  läfst.  denn  •/.vqiuv.öv  ist  bei  den  Grie- 
chen der  Jahrhunderte  von  denen  hier  allein  die  rede  sein 
kann  durchweg  neutrum  und  erst  im  elften  Jahrhundert  findet 
sich  ganz  vereinzelt  das  fem.  t]  xvqiux/].  ***    woher  nun  die 

*  Ulf.  V.  Gab.  und  Loebe  3,  i,  64, 
**  Mafsmann  Skeir.  s.  95. 
"**  Suiccr  im  Thes.  eccl.  unter  xigiam]  zweifelt  ob  das  fem.  in  die- 
sem sinn  gebraucLt  worden  sei.  nun  bat  zwar  Bekker  in  seiner  aus- 
gäbe des  Cedrenus  1  s.  497,  15  und  3  s.  373,  8  (s.  den  Ind.  gramm.) 
die  form  des  xvQiaxTj  gelten  lafsen ;  aber  Cedrenus  ist  ein  Schriftstel- 
ler des  elften  jh. 


412  GOTH.  UND  AHD.  CHRISTENTHÜM. 

Umwandlung  des  neutr.  xv^iaxöv  in  das  fem.  kiricha?  sie 
würde  sich  durch  die  vermillelung  des  gothischen  ganz  ein- 
fach erklären,  Ulfilas  macht  aus  griechischen  neutris  schwache 
feminina.  so  wird  aus  avuyyahov  das  goth.  fem.  aivaggelju. 
das  gr.  '/.v^Lu-jiöv  mufs  also  bei  den  Gothen  gelautet  haben 
kyriako,  gen.  kyriakuns ;  das  entspricht  aber  der  grammati- 
schen form  nach  ganz  dem  ahd.  kiricha,   gen.  kin'chun. 

5.  Beide  Wörter  in  sanctus  Spiritus  drückt  das  ahd.  zwie- 
fach aus,  sanctus  durch  wik  und  keilag;  spiritiis  durch  dtum 
und  geist.  die  beiden  ersleren,  offenbar  alterthümlicheren, 
will  und  ätum,  stimmen  zum  goth.  veihs  und  ahma,  die  bei- 
den letzteren,  heilag  und  geist,  zum  ags.  hälig  und  gast. 
ist  es  Zufall  oder  darf  man  eine  geschichtliche  beziehung  an- 
nehmen ? 

6.  Das  partic.  von  ncrjan  tritt  im  ahd.  ganz  in  den  hin- 
tergrund  gegen  das  von  heila?i  in  der  bedeutung  salvator, 
Jesus,  ersteres  stimmt  zum  goth.  nasjands,  letzteres  zum 
ags.  haclend.  wie  steht  es  mit  der  historischen  beziehung? 
haben  die  ags.  missionare  hier  nachklänge  des  gothisch  -  deut- 
schen christenthums  vorgefunden  die  sie  durch  eine  ausdrucks- 
weise verdrängten  welche  sie  im  hochdeutschen  der  angel- 
sächsischen nachbildeteu? 

Doch  nun  wird  man  der  Vermutungen  genug  haben,  sie 
geben  sich  für  nichts  als  was  sie  sind  und  werden  sich  ebenso 
gern  stützen  als  widerlegen  lafsen.  so  viel  bleibt  gewifs,  der 
urkundliche  bodcn  für  eine  christliche  ausdrucksweise  in  hoch- 
deutscher spräche  beginnt  erst  mit  den  ahd.  Sprachdenkmälern 
des  achten  Jahrhunderts. 

Erlangen.  II.  VON  RAUiAlER. 


413 


DAS   ALTE    STADTRECHT   VON   MERAN. 

Obwohl  die  Städteordnungen  des  mittelalters  der  naiur 
der  sacke  nach  in  vielen  pwikten  sich  berühren  und  wie- 
derholen, so  besitzt  doch  in  der  regel  jede  derselben  ihre 
besondern  eigenthiimlichkeiten,  die  unsere  kenntnis  der  Sit- 
ten und  geivohnheiten  gewisser  Zeiten  und  des  gemeinde- 
wesens  überhaiipt  zu  erweitern  geeignet  sind,  die  mitthei- 
lung  des  nachstehenden  erst  kürzlich  aufgefundenen  stadt- 
rechtes dürfte  daher  nicht  umcillkovimen  sein,  hei^r  Mat- 
thias Koch,  der  in  seinen  beitragen  zur  geschichte  der 
Stadt  Meran  {Nalionalkalender  für  Tirol  1846,  Innsbruck 
bei  ff^agner)  dessen  existenz  noch  bezweifelte,  hat  es  spä- 
ter im  archiv  zu  Meran  selbst  entdeckt  und  mir  seine  ab- 
schrift  freundlich  mitgetheilt. 

Stuttgart  14  august  1847.  FRANZ  PFEIFFER. 

II. 

Daz  erste  gesetzetle   ist  daz  : 

Alle  die  veile  habenl  bröt  und  ka'se  und  fuoter  und  smalz 
und  salz  und  honic  und  magen  und  unslitkerzen  und  wilt- 
praet  und  smalsiit  und  obez  und  knoflach  und  unslit  und  hiie- 
ner  und  eier  und  smer  und  bar  und  vadem  und  griuze  und 
nuzzen  und  kesteu  und  swaz  so  getan  klein  kost  daz  ist, 
und  swer  der  ist  der  daz  veile  hat,  si  haben  hiuser  ze  erb- 
rehte  oder  niht,  oder  alle  ander  die  da  gädemler  sint:  die 
sullent  koufen  und  mugent  koufen  nach  der  fruomessen  ersten 
glocken,  die  man  liutet  ze  ^töu  anipt  ze  sant  Nicolaus,  und 
vor  niht.  aver  holz  und  höu  und  strouw  sullent  und  mugent 
si  koufen  fruo  oder  spät  swenne  sie  vvellent;  und  sol  man 
daz  veile  haben  üf  dem  platze  ennent  der  brücken,  und  milch 
und  krut  sullent  und  mugent  si  koufen  ouch  swenne  si  wel- 
lent  fruo  oder  spät,  und  sol  man  daz  anderswä  nindert  kou- 
fen noch  veile  haben  wan  uf  dem  obezplatze  vor  der  münze, 
und  swer  daz  übervert  und  brichet,  als  ofte  und  er  daz  tuot, 
der  ist  ze  pene  gevallen  zwei  pfunt  und  fünf  Schillinge,  halbiu 


/il4  STADTRECHT  VON  MERAN. 

dem  gerihte  und  halbiu  der  stat.  swaz  ein  biirger  koufen  wil 
daz  veil  ist,  ez  si  körn,  fuoter,  kwse,  wildez  oder  zamez, 
grawez  oder  linin  tuoch  oder  swaz  ez  ist,  daz  sol  der  gä- 
denilcr  *  im  läzen  unde  da  von  sten  und  in  daz  lazen  koufen 
bi  pene  fünf  pfunde  und  fünf  Schillinge,  halbiu  der  stat  und 
halbiu  dem  gerihte.  und  swaz  ein  burger  des  kouft,  daz  sol 
man  im  hin  heim  füeren  und  tragen. 

Ouch  ist  erfunden,  daz  ie  der  wirt  oder  gastgeber  sinem 
gaste  sagen  sol,  daz  der  gast  sine  koufmanschaft  sol  veile 
haben  hie  vor  üf  sinem  laden  als  lange  hinz  daz  man  die 
fruomessen  singet  oder  sprichet  datz  sant  Nicolaus:  und  in 
der  selben  wile  sullent  burger  koufen  und  keine  gädemler. 
aftermälen  nach  der  fruomessen  sullent  und  mügent  koufen 
burger  und  gädemler. 

Und  ob  dehein  gastgebe  wa're,  der  heimlich  in  sinem  hüse 
von  sinen  gesten  iht  in  koufte  und  er  daz  sinen  gehusen**  mit 
teilen  wolte  oder  in  ze  gunsl  koufte,  und  wirt  er  da  mite 
begriffen  äne  gevaerde,  der  hat  daz  guot  verlorn  daz  er  kouft 
hat,  und  daz  sol  gevallen  halbez  dem  gerihte  und  halbez 
der  stat. 


Daz  sint  diu  gesctzede  von  dem  körn. 

Ez  sol  nieman,  burger  noch  gädemler  noch  ander  ieman, 
keinerleie  körn  noch  smalsät  uzerhalbe  der  stat  noch  indert 
anderhalben  iht  koufen  noch  verarren***,  daz  man  zuo  der 
stat  füeret  oder  treit  veile,  wan  niur  aleine  üf  dem  kornniarkf 
an  in  den  zwein  frien  jarmerfen,  bi  flust  des  selben  kornes. 
halbez  gevalle  dem  gerihte  und  halbez  der  stat.  und  ob  der 
kouf  geschehen  ist  mit  worten  unde  die  pfennige  dannoch  niht 
vergolten  sini,  dennoch  sol  der  kouf  der  pene  gebunden  sin, 
ob  der  hingeber  siniu  reht  darnach  tuot  daz  erz  verkoufl  habe. 


**  gädemler,  inq^uiliniis,  vcrgl.  Frisch   I,  312'". 
*^"*  der  gebuse  hausgenofs. 
=>eo  verarreu,    durch  geben    oder   nehmen    von   einem  dränget d  ver- 
bindlieh machen,  Schmeller  1,  90. 


STADTRECHT  VON  MERAN.  415 

oder   ob  er  sm  mit   ander  ieman  überwarl*  wirt.     ouch    sol 
kein  bur^er  noch  <:;ädeniler  niht  raer  kornes  koufen  dan  er  in 
sinem  hüse  bedarf  ane  g;eva?rde,  und  durch  keinerleie  fürkouf, 
bi  pene  ie  des  mutten  zweier  pfunde  und  fünf  Schillinge,  hal- 
bez  dem  gerihte  und  halbez  der  stat.  ez  sol  kein  burger  noch 
gädemler  der  veilez  brot  bachen  wii  niht  mer  kornes  in  kou- 
fen dan  ie  ze  zwein  bechen  **.    und  alle  die  wile  daz  er  daz 
brot  unverkouft  hat  sol  er  kein  körn  koufen,  an  in  den  zwein 
frien  jarmerkten  aleine,  bi  pene  zweir  pfunde  und  fünf  Schil- 
linge,   als    ofte   ez   gebrochen    wirt,    halbez   dem  gerihte  und 
halbez  der  stat.   ez  sol  ouch  kein  burger  noch  gädemler  noch 
ander  ieman  kein  körn  in  koufen  durch  fürkoufes  willen,  an 
aleine  die  brötbechen,   die  gen  hof  bachent:    die  mugent  mer 
körn    koufen   swenne   sin    not   ist,    so    diu    herschaft  hie  ist. 
und  swenne  si  daz  koufen  wellent,  so  solnt  si  tuon  nach  der 
drizehener  rät,   äne  gevaerde.     ez   sol  ouch  kein  kornmezze 
noch   sin   kneht   niht  me   kornes  in  koufen  dan  er  üf  sinem 
tische  bedarf,    und   sullent   ouch   an  körn  noch  an  fuoter  mit 
nieman  kein  teil  noch  geselleschafl  bi  irem  eide  niht  enhaben 
und   bi   p6ne  ires  amptes,    wenne   daz  geschiht   und  sich  mit 
der  warheit  ervindet.  ouch  sol  man  den  burgern  ir  körn  daz 
sie  koufent   da    heim   in   ir  hilse  mezzen,    an   aleine  den  die 
brot    vaile   habent,    den   sol    man    daz  körn  mezzen   üf  dem 
kornmarkt,  ouch  sol  man,  weder  burger  noch  gädemler,  kein 
körn  niht  koufen   bi  der  naht,    wan  niur  bi  schoenem  liebten 
tage,    bi   pene  zweier  pfunde  und  fünf  Schillinge  von  ie  dem 
mutte,  halbez  dem  gerihte,  halbez  der  stat.  würde  aver  einem 
burger  des  kornes  iht  überic  daz  im  niht  geviele  oder  er  des 
niht  bedörfte,   und  verkouft   er  daz,   daz  sol  im  sin  an  allen 
schaden. 

m. 

Daz  ist  daz  gesetzede  über  daz  brot. 

Ez  sullent  vier  man,    die  dar  zuo  erwellet  werdent,   alle 
zit,  als  ofte  und  sin  not  geschiht,  daz  brot  beschouwen  unde 

*^-  überwseren,  überzeugen,  überführen. 
*=-■  beche,  u'as  auf  einmal  gebacken  ivird. 


/il6  STADTRECHT  VON  MERAN. 

besorgen  bi  iren  Iriuwen  dar  n;ich  und  daz  körn  ganc  hat, 
ob  ez  ze  klein  oder  ze  lihl  si  an  der  gr(jeze  oder  an  der 
giiete.  und  swä  si  ez  ze  kleine  oder  ze  lihle  vindent,  da 
sullcnt  si  daz  selbe  brot  uf  hefen  gar  unde  gänzlicli  und  sul- 
lent  die  zwei  teil  geben  in  daz  spitäl  und  daz  ander  dritteil 
an  den  hornval*,  den  üzsetzigen  ;  und  als  ez  die  XIII  des  rä- 
tes  mit  den  brotschouwern  schaffent,  so  suUent  sie  ez  schou- 
wen  und  sullent  ez  handeln  äue  geva^rde.  swer  ouch  daz 
bröt,  so  die  schouwer  zuo  gent,  ab  wege  bringet,  der  soi  ze 
pene  geben  zwei  plunl  dri  Schillinge,  und  ist  daz  er  daz  selbe 
bröt  verkoufet,  der  kumt  in  die  selben  pene,  wan  erz  niht 
yerkoufen  sol  bi  der  selben  pene.  und  waz  ouch  die  selben 
brötbeschouwer  brotes  nement  und  absagent,  daz  selbe  bröt 
sol  man  alter  des  niht  verkoufen,  swaz  des  ist,  ez  habe  der 
beche  lif  der  laten  oder  inrehalbeu  des  laden,  bi  pene  zweier 
pfunde  dri  Schillinge,  und  swer  die  brötbeschouwer  übel  han- 
delt, ez  si  mit  worten  oder  mit  werken,  der  sol  geben  ze 
pene  fünf  pfunt,  halbiu  dem  gerihte  und  lialbiu  der  stat,  uu- 
verzigen  unde  ze  behalten  dem  sin  reht  hinz  dem  dem  ez 
mit  gereht  wirf. 

IV. 

Daz    ist    daz  g^eselzedc   über  den  win. 

Ez  sol  mcnniclich  der  win  schenken  wil  gänzlich  daz  ge- 
salzte maz  geben  ze  allen  ziten  anc  underlaz ;  und  sullent 
ouch  gleser  und  beclier  haben  dar  in  daz  maz  voUicIichcn 
ge.  [ouch  sullcnt  si  bi  halber  und  ganzer  patzeiden**  und  bi 
halben  und  ganzen  vierteilen  win  zuo  koufen  geben  menniclich. 
ez  sol  ouch  kein  leitgebe  nach  der  winglocke  niht  schenken 
noch  win  geben  in  dem  leithüse  wan  aleine  dem  rihter  und 
für  daz  leithüs  menniclich ;  an  sine  herberge  hin  heim  swer 
win  nemen  wil,  dem  sol  man  in  geben,  ez  sol  ouch  kein 
leitgebe  nach  der  winglocken  kein  spil  lazen  geschehen  weder 
umbe  bereite  plcnnige  noch  umb  ledigiu.  swclhez  ouch  under 

"  hornval,  ein  hüchsl  seltenes  wort,  vergl.  horogibruader  bei 
Otfried  und  Manier  MS.  2,   153".   gramm.  1,  461.     Oberlin  694. 

"*  die  patzeiden,  südtyrolisches  getränkmafs,  als  theil  einer  um. 
Schmeller  1,  303. 


STADTRECHT  VON  MERAN.  417 

(lisen  obgenanten  gcselzeden  des  wines  ein  leitgebe  überverl, 
der  ist  gebunden  ze  geben  ze  pene  als  ofte  ez  iibervarn  wir! 
zwei  jifunt  und  dri  Schillinge,  halbez  dem  gerihte  und  halbez 
der  slat.  ez  sol  ouch  nieman  in  der  stat  win  schenken  denn 
aleinc  der  waht  und  stiure  git.  wolte  aber  ander  ienian 
schenken  in  der  stat  der  waht  noch  stiure  niht  git,  der  sol 
gehen  an  die  stat  von  ieglichem  fuoder  ein  pfunt  Berner.  ez 
sol  meuniclich  der  schenken  wil  daz  raaz  geben  wie  er  wil, 
doch  über  ein  zehen  niht,  und  sol  doch  geben  daz  gesworne 
mäz,  ez  si  denae  daz  die  drizehen  ein  anderz  mit  in  schal- 
fent  oder  ordenl.  mau  sol  ouch  den  Kriechel  und  Romäner 
schenken  ein  ganzez  trinken  umb  zwene  zweinziger  und  ein 
halbez  trinken  umb  einen  zweinziger,  und  Mallasier  ein  trin- 
ken umb  dri  zweinziger  und  ein  halbez  trinken  umb  ander- 
halben zweinziger.  und  wenue  man  die  wine  her  ziuget  und 
in  leit  unde  die  schenken  wil,  daz  sullent  si  niht  tuon,  ez 
sin  denne  der  drizehuer  dri  da  hi.  und  ob  si  daz  überlüe- 
ren,  wenne  sich  daz  erfünde,  der  ist  komen  umb  den  win, 
halber  dem  gerihte  und  halber  der  stat.  und  ob  er  also  daz 
mäz  niht  gicbe  als  oben  geschribeu  stet,  so  ist  er  komen 
von  ie  dem  Irinken   umbe  zwei  pfunt,  dri  Schillinge. 


Daz  ist  daz  gesetzede  über  daz  (leisch. 

Ez  sol  kein  fleischhäckel  keinen  nieren  niht  machen  an 
keinem  vihe,  jungem  oder  allem,  wan  als  ez  got  gemachet 
hat,  mit  keinerlei  gemachte,  und  ouch  niht  üf  bhejen.  si  sul- 
lent ouch  keine  hoden  ab  den  reralern  *  noch  ab  den  kastroun  ** 
niht  ab  sniden,  und  sullent  si  an  den  stücken  verkoufen  dar 
au  si  sint.  si  sullent  ouch  keine  sü  niht  slahen,  veile  ze 
verkoufen  under  der  fleischbank.  ouch  sullent  si  kein  nunne  *** 
noch  kein  rint  niht  absiahen  noch  üf  tuon,  ez  sin  denne  die 
dri  da  bi  die  dar  zuo  gesetzet  sint  oder  gesetzet  werdent, 
oder  ir  einer,   si  sullent  ouch  kein  unzitigez  vihe  niht  abne- 

*  remler,  rammler,  schaj  während  der  brunstzeit. 
^^*  kastroun,  kastrun,  castrierter  widder. 
**""  nunae,  castriertes  schwein. 
Z.   F.  D.  A.   VI.  27 


/iI8  STADTRECHT  VON  MERAN. 

men,  ez  si  kalp,  kitze,  lamp,  spiinnevärle  oder  swelher 
hande  ez  si.  ouch  sullent  si  kein  phindijjjez  swin  nocli  schel- 
migez  rint  niht  verkoufen  under  der  fleisclibank,  bi  pene  fünf 
pfnnde,  lialbiu  dem  gerihte  und  halbiu  der  stat.  si  sullent 
ouch  keine  warst  niht  machen  danne  mit  dem  fleisch  daz  von 
dem  swine  komen  ist.  si  sullent  ouch  kein  ingeweide  noch 
kein  bluot  noch  keinerlei  unsüberkcit,  von  swelherleie  sache 
daz  si,  in  den  bach  niht  werfen  noch  ander  ieman  ze  *  Ver- 
heugen, die  daz  von  in  kouften.  si  sullent  ouch  eim  iegli- 
chen  der  fleisch  koufen  wil,  ob  er  dar  nach  fraget,  sagen  bi 
irn  Iriuwen  an  allez  gevsrde  wenne  daz  fleisch  geslagen  si 
und  welher  hande  fleisch  ez  si.  si  sullent  ouch  daz  fleisch 
niht  anders  zieren  noch  machen  danne  üeblich  rizen  uf  dem 
rücken  mit  dem  mezzer.  und  swelhcz  der  einez  si  übervarni, 
als  ofte  daz  geschiht,  als  ofte  sullent  si  gevallen  sin  in  pene 
zwei  pfuut  und  fünf  Schillinge,  halbiu  dem  gerihte  und  halbiu 
der  stat.  si  sullent  ouch  eim  ieglichen  ze  koufen  geben  ein 
lialbez  stücke,  swelher  leie  ez  si,  anc  rindrinez  aleine,  bi  der 
vorgenanten  pene.  si  sullent  ouch  eim  ieglichen  ze  koufen 
geben  ein  puggel,  ez  si  von  kitze  oder  von  lamp,  dar  nach 
und  er  koufen  wil  oder  mac.  si  sullent  ouch  kein  smecken- 
dez  fleisch,  swelher  hande  ez  si,  niht  verkoufen  bi  der  vorge- 
nanten pene.  swelher  ouch  den  drin  fleischhäckeln  an  irn  eit 
reite,  daz  sich  mit  der  warheit  ervindet,  der  sol  gevallen  sin 
den  burgern  ze  pene  fünf  pfunl,  unvcrzigen  des  rililers  relit 
und  ouch  des  dem  ez  mit  gerelit  wirl. 


VI. 

Lrabe  pfanl  diu  man  riten  sol  unde  pfant  diu  man  füe- 
ren  sol  unde  pfaul  diu  man  tragen  sol,  daz  sol  der  veillra- 
ger,  er  oder  sin  kneht,  iu  der  stat  lif  und  uider  tiion  ane 
gev.Trde,  dar  umbe  daz  diu  selben  pfant  einem  ieglichen 
dester  baz  vergolten  werden,  und  ob  daz  w*re  daz  iht  an 
pfanten  diu  man  üf  vrien  niht  verkoufte  kein  übertiure** 
belibe  über  daz  gelt  dar  umbe  er  diu  pfant  verkoufle,  und 
ob  der  daz  niht  nwme  hin  wider  des  diu  pfant  sint  gewesen 

■■   [ze  werfeuiie  veilicngeii?   Hpt.]         *~  überliure,  mehrerlös. 


STADTRECHT  VON  MERAN.  419 

uiidc  dem  ez  billich  werden  solte,  inre  vier/.eheii  Uigen,  so 
sol  er*  diu  übertiure  des  gelles  legen  hintz  einem  gemeinen 
piderben  burger  an  Meran,  und  sol  da  ligen  als  lange  uuz 
daz  der  üz  kumt  dem  diu  übertiure  des  geltes  billich  werden 
sol  5     dem  selben  sol  ez  geantwurtet  werden. 

Ouch  sol  der  veiltrager  in  sinem  gewalte  nilil  behalten 
ezzendiu  pfant  ** :  er  sol  diu  heizen  antworten  hinz  einem  ge- 
meinen gastgeber  an  Merän,  an  aleine  swin  oder  ander  klei- 
nez  viehe  sol  unde  mag  der  veiltrager  wol  behalten. 

Ouch  sol  der  veiltrager  nemen  ze  lone  waz  er  mizzet 
mit  Miinicher  ellenstabe  von  hundert  eilen  gräwes  tuoches, 
von  dem  hingeber  einen  Schilling  und  von  dem  koufer  ouch 
einen  Schilling,  und  von  dem  zwilich  gelich  als  vile.  von 
hundert  eilen  lininen  tuoches  sol  er  nemen  sehs  Berner*** 
von  dem  hingeber,  und  von  dem  koufer  sol  er  nemen  ouch 
sehs  Berner. 

Ouch  sol  der  veiltrager  nemen  ze  Ion,  so  er  liäringe 
oder  dürre  vische  zeit,  von  dem  hingeber  von  einem  hundert 
häringe  oder  dürrer  vische  einen  \'isch  äne  geva^rde ;  und 
ob  sie  ander  ieman  selbe  zeln  wolte  von  den  koalliuten,  dan- 
noch   sol  im  da  von  werden  sin  Ion  von  der  zale. 


VII. 

Daz  sinl  diu  gesetzede  diu  den  veiltrager  angehcerent 
uf  sin  ampt. 

Nach  Kristi  gebürte  tüsent  unde  driu  hundert  jär  unde 
darnach  in  dem  siben  unde  drizigesten  jär  (1337J,  des  Sams- 
tages an  sant  Andres  abent  habent  gesprächet  her  Otte  der 
Bon,  Thomas  der  Stapfei,  Uolrich  der  schriber,  meister  Al- 
breht  der  snider,  Thomas  Meister,  Dietmars  sun,  meister 
Wigant  der  schuolmeister,  Eberle  der  sun,  Fritz  der  sun, 
Geöri  der  sun,  sin  sun,  Thomas  der  smit,  Fritz  der  Seibisch, 

*  er,  der  feillrüger. 
**  ezzeudez  pfant,  vieh  und  was  sonst,  zu  pfände  genommen  oder 
gegeben,  genährt  werden  mufs. 

*=■■""  Berner,    Berner    -pjennig,  denarius  Feroficnsis,    wovon   m  14n 
Jahrh.  12  einen  Schilling,  240  ein  pfund  machten. 

27* 


420  STADTRECni  VON  MERAN. 

Engelle  V^nde,  Davit  der  noder*,  dise  burger  von  Meran ; 
Heinrich  Unihus,  Heinrich  Igels,  Th.  Chöverle,  die  ze  disen 
Sachen  ze  bekennen  gesament  worden,  üf  vorgerihl  erteilt 
waz  zc  sprechen  über  des  frien  marktes  reht. 

Swer  ein  pfant  ab  dem  markte  nimt  mit  gewalt  daz  üf 
in  drüf  gesant  wirl,  der  hat  gewalt  begangen  unde  den  markt 
gebrochen  und  ist  dar  umbe  minen  herren  libes  unde  guoles 
vervallen. 

Swer  ouch  uf  ein  pfant  bietet  daz  ilf  dem  markte  get, 
imd  im  daz  umbe  daz  selbe  gebot  belibel,  und  er  die  pfen- 
nige  niht  git  umbe  daz  selbe  pfant,  der  ist  umb  ein  frävel 
komen  als  ofte  die  pfennige  an  in  gevordert  werdent,  einest 
im  tage,  unde  diu  selbe  frävel  (git?)  4  pfunt. 

Swer  ouch  ein  pfant  üf  den  markt  sendet  unde  daz  ver- 
kouft  unde  daz  selbe  pfant  dem  koufer  niht  antwurlel  ze  der 
zit  und  erz  antworten  sol  ze  rehte,  der  ist  ouch  umbe  die 
selben  frävel  komen,  als  ofte  der  koufer  daz  pfant  an  in  vor- 
dert,  einest  im  tage. 

Swer  ouch  ein  pfant  üf  dem  markt  verkouft  und  daz  liu- 
rer  git  danne  ez  im  stet  unde  sin  gülte  ist,  der  sol  die  über- 
liure  datz  dem  veillrager  läzen,  daz  si  dem  geller  wider  ge- 
boten werde  unde  daz  er  si  da  vinde.  swer  ouch  des  niht 
tuot,  der  sol  jenem  üf  den  der  schade  gel  sinen  abe  tiion 
und  den  schaden  selbe  gelten  und  liden.  und  kunipt  daz  für 
gcrihte,  swaz  danne  von  gerihl  banne**  gcvallcnt,  die  sol 
der  rihter  haben  und  anders  niht. 

Swelch  leilgebe  ouch  winpfant  koufen  wil,  der  sol  des 
ersten  die  burger  dar  zuo  nemen,  einen,  zwei,  dri  oder  viere 
oder  me,  daz  die  bekennen,  ob  ez  ein  solch  pfant  si  daz  üf 
den  markt  ze  senden  si  oder  susl  üf  dem  laden  ze  verkou- 
fen.  und  swie  si  inz  heizent  verkoufen,  üf  dem  markte  oder 
sust,  also  sol  erz  verkoufen,  also  doch  daz  dem  gelter  diu 
übertiure  wider gevalle.  get  aver  im  ander  verkoufungedespfan- 
des  iht  abe,  dar  umbe  mag  er  sinen  gelter  für  baz  pfenden  unde 
benoeten  unz  üf  ganze  wernüsse  siner  gülte.  diser  sache  aller 
sint  die  vor  genanlen  burger  alle  liberein  (komen),  daz  frier 
markt  disiu  vorgeschriben  reht  hat  und  haben  sol. 

*  noder,  notar. 
••*  banne,  gesetzliche  gerichissjwrteln. 


STADTRECIIT  VON  MEKAN.  421 

VIII. 

Duz  ist,  der  Ion  den  ein  ieglicli  veiltrager  nenien  sol  von 
dem  vorgesciirihcnen  pfanlverkoufen,   und  niht  mer. 

Von  einem  rainischen  (rinischen?)  grözen  rosse  daz  ver- 
koufl  wirl  und  niht  geloeset  wirt  sehs  zweinziger ;  wirt  ez 
geincsel,  sol  er  nemen  dri  zweinziger.  von  einem  hengist 
der  verkoult  wirl  und  niht  geloeset  vrirt  sol  er  nemen  dri 
zwcinziger;  wirt  er  geloeset,  sol  er  nenien  anderhalbe  zwein- 
ziger.  von  einem  ohsen  der  verkoul't  wirt  und  niht  gekesel 
wirt  zwene  zweinziger;  wirt  er  geloeset,  sol  er  nemen  einen 
zweinzigcr.  von  einer  kuo  oder  von  einem  stier  ouch  als 
vil,  von  einem  swin  sol  er  nemen  daz  verkoult  wirt  einen 
zvveinziger;  wirt  ez  geloeset,  sol  er  nemen  einen  zehener. 
von  einem  l'uoder  win  sol  er  nemen  einen  zehener  5  wirt  ez 
geloeset  ouch  einen  zehener;  und  ob  des  wines  minre  ist, 
sol  er  nemen  ouch  einen  zehener.  von  urbor  sol  er  nemen 
einen  zweinziger;  wirt  ez  geloeset,  sol  er  nemen  einen  ze- 
hener. von  guote  daz  under  einer  mark  ist  sol  er  nemen 
einen  zehener,  und  waz  über  eine  mark  ziuget,  ez  si  wenig 
oder  vil,  ez  werde  verkoult  oder  niht,  sol  er  nemen  einen 
zweinziger.  von  geizen,  von  schälen  oder  swaz  so  getanes 
kleines  vihes  ist,  ez  werde  verkoult  und  niht  geloeset  oder 
geloeset,  sol  er  nemen  einen  zehener. 

IX. 

Daz  sint  diu  g^esetzede  über  dez  wininezampt. 

Daz  die  winmezzer  von  bürgern  und  gädcmblern  an  Me- 
räu  die  wallte  und  stiure  gebent  ze  löne  nemen  suUent  von 
einer  ürn*  M'ines,  swa  sie  die  mezzent  in  der  stat,  niur  vier 
I5erner.  von  einem  fuoder  wines  in  dem  winmönde  üzerhal- 
ben  der  stat  oder  in  der  stat  einen  zweinziger.  von  den 
gesten  in  der  stat  oder  üzerhalben  der  stat  in  dem  winmönde 
oder  vor  dem  winmönde  sullent  si  nemen  ze  lön  einen  zwein- 
ziger von  ie  einem  fuoder  wines.  von  einem  ieglichen  vazze 
daz  si  mit  wazzer  mezzent  sullent  si  nemen  ze  lön  niur 
*  üru,  ein  gelränkmafs  von  40  vierteln,  vergl.  Schmeller  1,  109. 


422  STADTRECHT  VON  MERAN. 

einen  zweinziger,  und  ir  knehle  die  daz  wazzer  schepfent 
sullent  nemen  ze  Ion  niur  einen  zweinziger.  von  einem  iegli- 
chen  mutte  Öls  oder  lionic  sullent  si  nemen  ze  Ion  einen 
zweinziger,  und  von  ir  ietwederm  von  einem  halben  mutle 
einen  zehener;  und  von  einer  gelten  öls  oder  honic  sullent 
si  nemen  vier  Berner.  von  einem  halben  fuoder  wines  sul- 
lent si  nemen  einen  zehener  ze  löne.  swenne  si  hin  für  die 
stat  in  daz  göu  ürn,  patzeiden,  pottigen  bi  einem  fuoder  pfeh- 
tent,  da  sullent  si  von  nemen  ze  Ion  von  ie  einer  ürn  sehs 
zweinziger  und  von  ie  einer  pottigen,  da  si  daz  fuoder  in 
mezzent,  dri  zweinziger. 

Ouch  sullent  si  haben  von  patzeiden,  pottigen,  ölmulle, 
gelten  und  Stangen  und  kuofkar  genuog,  dar  umb  daz  nieman 
dar  an  gesumet  si,  swenne  man  ir  bedarf,  an  geva^rde.  si 
sullent  ouch  haben  den  kezzel  dar  in  alle  winmäz  und  ölmaz 
bezeichent  sint,  dar  umb  daz  ie  dem  man  rehte  gemezzen 
unde  gepfehtet  werde  sin  maz. 

Ouch  suhlt  die  winmezzer  von  Mariingen  und  von  La- 
nan,  einer  von  Mariingen  und  einer  von  Lanan,  iegliclier  alle 
jär  sehs  kriuzer  von  einer  ürn  ze  pfehten. 

Die  winmezzer  sullent  ouch  nemen  von  ein  fuoder  wins 
in  ze  läzen  seiis  zweinziger  und  von  ein  fuoder  liz  ze  ziehen  ein 
pfunt  Berner. 

Si  sullent  ouch  warten  uC  den  wal  lag  unde  naht,  als  ob 
keinerlei  für  üz  ka'me,  daz  der  walen  vcriiglich  ge,  und  si 
sullent  in  ouch  alle  samestage  ordenilich  mit  einer  houwen 
rumen  durch  die  ganze  stat  abe. 

Si  sullent  ouch  sla-te  und  empziglich  warten  mit  allem 
irem  ziuge,  schelfer,  Stangen  und  ander,  ob  liur  uz  koeme, 
daz  si  da  mit  bereit  sin. 


X. 


Daz  ist  daz  aesetzede  über  daz  fiioter. 

o 

Ez  sol  weder  burger  noch  gädcmler  noch  ander  icman 
in  der  stat  üf  kein  (uoler  niht  lihen  vor  hin,  noch  vor  hin 
koul'en  noch  verarrei»,  wan  daz  man  daz  fuolcr  sol  lazen 
füeren  unde  traijen  in  die  stat  üf  den  kornmarkl.   ez  sol  ouch 


STADTRECHT  VON  MEUAN.  423 

nieniau  liir  die  slat  dar  nach  nilil  rilen  noch  gen  noch  keinen 
knehl  noch  holen  darnach  nihl  senlen  uf  die  straze  durch  kou- 
l'ens  willen,  ez  sol  ouch  menniciich  daz  fuoter  nindert  an- 
derswä  koulen,  an  als  vil  als  ein  herre  oder  ein  hurger  oder 
ir  holen  kanuen  und  fuoter  koufen  wollen  in  der  vrist  und 
ein  gädemler  in  dem  kouic  w«r  oder  koufl  ha'l,  so  sol  er  da 
von  slen  und  im  daz  lazen  an  alle  Widerrede  bi  pene  fünf 
pfunde,  halhiu  dem  gerihle  und  halbiu  der  slat.  ez  sol  ouch 
daz  selbe  fuoter  uieman,  ez  si  burger  oder  gädemler,  nimmer 
koufen  wan  bi    dem  lichten  laue,     ez  sol  ouch  nieman  üzer- 


ieman  üzerhalhen  der  slat  pllililteil  noch  gemein  noch  gesel- 
leschafl  nihl  haben,  ilf  in  ze  koufen,  bi  pene  des  fuolers  und 
zehen  pfunde,  halbiu  dem  gerihle  und  halbiu  der  slat.  ez  sol 
ouch  kein  hindergädemler  kein  fuoter  niht  koufen  bi  pene 
zweir  pfunde  und  fünf  Schillinge  von  ieglichem  mutte*;  und 
sol  man  den  burgern  daz  fuoter  in  iriu  hiuser  läzen  füeren 
unde  da  mezzen,  und  andern  liuten  üf  den  kornmarkt,  swaz 
fuoter  ouch  die  gädemler  koufen,  daz  sullent  sie  offenlich  veile 
haben  in  poligen  iu  den  vordem  gädemern  und  niht  hin  hin- 
der  bergen  und  üf  liurunge  behalten ;  und  sol  an  dem  mutte 
gewinnen  niht  raer  danne  einen  zweinziger.  und  swer  wider 
dilzc  gesetze  tuot  unde  daz  fuoter  hin  hinder  birget  oder  ver- 
lougent  und  niht  offenlicheu  in  poligen  in  sinem  gadem  veile 
hat,  der  ist  umb  daz  fuoler  komen  und  ze  pene  zwei  pfunt 
und  fünf  schillige,  halbiu  dem  gerihle  und  halbiu  der  slat. 
ez  sol  ouch  menniciich,  ez  si  gastgeber  oder  gädemler,  daz 
fuoter  verkoufen  und  geben  hi  einem  rehten  vierteil  (der  seh- 
siu?)  gen  an  ein  ster**,  oder  bi  einem  vierteil,  der  ahtiu 
gen  an  ein  ster, 

^'  inuete   //*. 

••"'  daz  ster  (stär),    ilal.  slaru,     nes'jui/nodius,    gefreidemaß  =  i 
/yie/ier  melzv/i. 


424  STADTRECHT  VON  MERAN, 

XI. 

Daz  ist  daz  gesetzede  über  daz  fiwer. 

Swenne  daz  fiwer  üz  kumt,  so  sol  ie  von  der  fiurstal, 
ez  si  burger  oder  gädemler  oder  ir  gewisser  böte,  da  hin  ke- 
rnen mit  einer  fiurhäken  oder  mit  einer  akes  oder  mit  einem 
schaff  wazzer  und  sol  helfen  retten,  swer  daz  niht  tuot,  der 
sol  geben  ze  pene  eehen  pfunt  Berner,  und  sol  diu  pßne  ge- 
vallen  der  gemeinschaft  der  stat.  und  ist  daz  keinem  sin 
hüs  abgebrochen  wirt  durch  rettunge  des  fiwers,  dem  sol  man 
sin  hüs  wider  machen  mit  der  selben  pene.  möhte  diu  pene 
niht  gelangen,  so  sol  im  diu  gemeine  dar  zuo  helfen  dannoch. 
koeme  aver  ieman  daz  fiwer  ze  nähen  üf,  an  dem  andern  oder 
an  dem  dritten  oder  an  dem  vierden  oder  an  dem  fünften  oder 
an  dem  sehsten  hüse  üf,  der  sol  umb  die  pene  niht  komen.* 
in  swes  hüse  ouoh  daz  fiwer  üf  kumpl,  der  sol  sin  tor  üf 
werfen  und  niht  versperren  und  sol  ouch  schrien  '  fiwer ! 
fiwer!*  daz  man  rette,  swer  daz  niht  luot,  der  git  ze  pene 
fünf  und  zweinzig  pfunt  der  stat. 

XII. 

Daz   ist   daz  gesetzede   über   diu  da   die  sträze 
unsAbernt. 

Ez  sol  nienian  bi  tage  noch  bi  naht  keinen  harn  noch 
hüspaht  noch  unsüber  gespüele  noch  keine  unsüberkeit,  swic 
daz  genant  ist,  her  füercn  in  die  stat,  noch  in  die  straze  niht 
w^erfen  noch  tragen,  heimlich  noch  olfenlich,  bi  pene  zweir 
pfunde  und  fünf  Schillinge,  halbiu  dem  gerihtc  und  lialbiu 
der  stat. 

Dar  nach  sol  kein  ovenkneht  noch  ofnerin  kein  vackel- 
lieht  tragen  bi  tage  noch  bi  naht,  an  alcine  in  der  laterne, 
bi  der  obgenanten  pfene  dem  gerihte  unde  der  stat. 

■'  d.  h.  soll  keinv  strafe  zahlen,  wenn  er  nicht  auf  der  brandstä'ffr 
erscheint. 


STADTRECIIT  VON  MERAN.  425 

XIII. 

Daz  ist  daz  g^esetzede  über  die  g^emcinen  froiiweii. 

Ez  sol  kein  gemeine  fröuvvele  keinen  frouwenmantcl  noch 
kursen  niht  tragen  noch  an  keinen  tanz  g6n  da  bürgerin 
oder  ander  erbare  frouwen  sint;  und  suUent  ouch  üf  irn  schno- 
ben tragen  ein  gelwez  vänle,  da  mit  man  si  erkenne,  und 
suUent  niht  vehe  vedern  tragen  noch  silbergcsmide.  und  swel- 
hez  diser  sachen  ir  ainiu  des  übervert,  der  sol  man  daz  ne- 
nien.  und  wer  daz  tuot,  dem  sol  daz  sin  an  allen  schaden 
gen  dem  gerihte  und  gen  den  burgern. 

Dar  nach  suUent  die  offen  pfeffinne  sin  in  den  obgenanten 
penen. 

XIV. 

Dar  nach  ist  erfunden,  daz  nieman  sol  kein  linlach  noch 
ander  gewant  an  die  schranken  üf  der  brukken  henken  bi 
p6ne  zweir  pfunde  und  fünf  scliillinge,  iialbiu  dem  gerihte  und 
halbiu  der  stat. 

XV. 

Daz  ist  daz  g-esetzede  über  die  gädemler 

die  in  die  stat  ziebent  und  veile  wellent  baben;  die  suUent 
am  ersten,  ent  si  iht  koufen  oder  verkoufen,  sich  den  bur- 
gern ze  erkennen  geben,  ob  si  in  gunnen  wellen  ze  koufen 
oder  verkoufen.  und  swelher  des  niht  ta'te  oder  überfüere, 
dem  sol  man  nemen  waz  er  veile  hat.  ouch  sol  in  der  korn- 
mczzer  kein  körn  mezzen  noch  salz,  noch  der  veiltrager  kein 
tuoch  mezzen.  ist  aver  daz  in  daz  die  burger  erloubent  und 
in  sin  gunnen  weUent,  so  sol  man  si  läzen  veile  haben  und 
sol  man  in  mezzen  als  andern  gädemlern.  ouch  sol  in  daz 
ir  hofwirt  in  des  hüse  si  sint  ze  wizzen  tuon. 

XVI. 

Daz  ist  daz  gesetzede  umbe  den  wee 
der  durch  die  münzen  gel  an  die  fleischbank,  daz  in  den  sel- 
ben   wec  bi   tage   noch   bi  naht  iht  unsübers  geworfen  noch 


426  STADTRECIIT  VON  MERAN. 

gozzen  werde,  neinlich  üz  den  drin  hiiisern  diu  zwischen  der 
münzen  und  des  Slitz^ern  huse  ligent,  bi  pfene  zweir  pfunde 
und  drier  Schillinge,  halbe  dem  gerihle  und  halbe  der  stal. 

XVII. 

Daz  ist  daz    ^esetzede   über   daz   underköufelanipl  an 
Meran. 

Von  einem  fuoder  wiu  daz  verkouft  wirt  ein  zweinzi- 
ger,  halber  von  dem  köufer  und  halber  von  dem  hingeber. 
von  ie  dem  stücke  gevärwetes  gewandes  von  wolle  zweue 
Schillinge,  einen  von  dem  hingeber  und  einen  von  dem  köu- 
l'er.  von  ie  dem  stücke  barchent  einen  zehener,  halben  von 
dem  hingeber  und  halben  von  dem  köufer.  von  ie  dem  Zent- 
ner wahs,  kupfer,  bli,  zin  einen  zweinziger,  halben  von  dem 
verkoulcr  und  halben  von  dem  köufer.  von  ie  dem  pfcrde 
daz  verkouft  wirt  vier  zweinziger,  zweue  von  dem  verkou- 
lcr und  zweue  von  dem  köufer.  von  ie  dem  soume  isen  ei- 
nen zweinziger,  halben  von  dem  köufer  und  halben  von  dem 
verkoulcr.  ouch  suUent  si  den  geslen  helfen  win  koufen  unde 
den  geslen  fuore  gewinnen,  soumrosse,  den  selben  win  ze 
fücren,  also  daz  man  in  gebe  von  ie  dem  fuoder  daz  man 
in  der  stat  an  Meran  verkouft  einen  zweinziger,  halben  von 
dem  vcrkoufer  und  halben  von  dem  köufer.  von  ie  dem  fuo- 
der win  daz  man  verkouft  uzerhalben  der  stat  zwene  zwein- 
ziger, einen  von  dem  verkoufer  und  einen  Aon  dem  köufer. 
aver  die  burger  die  ir  wiiie  in  der  stat  vcrkoufenl  sini  niht 
gebunden  den  underkoufen  ze  Ionen.  Avanne  die  underköu- 
fcl  helfent  gestcn  pfert  zuo  winfuorc  gewinnen,  so  suUcnl  si 
nemen  von  den  koufern  ze  lono  zwene  zweinziger  und  von 
ie  dem  fuorman  der  diu  pfert  lihel  ouch  zwene  zweinziger, 
si  gewinnen  vil  pferl  oder  wenic. 

Also  daz  ditze  ampt  alle  underköufcl  üebcu  unde  luon  an 
allez  gevan-de  unde  daz  si  keinen  kouf  mit  der  haut  dar  sla- 
hcn  noch  bestieten,  ez  werde  ß  geben  saut  Nikiaus  kirchen 
an  Meran  der  goles  pfennic,  ein  zweinziger.  und  ob  die  un- 
derköufel  der  obegenanten  koufmanschaft  selbe  koufen  wel- 
len, daz  mugent   si   wol  luon  äne  gevterde,  und  sulleut  dar- 


STADTRECHT  VON  MERAN.  427 

Ural)  an  ir  cide  den  si  tiioiil  über  ir  ampl  niht  gearquaiiel  wer- 
deti  von  den  buif^ern  und  ander  ienian.  uudc  den  Ion  den  die 
underköulel  nemenl,  den  sullent  si  mit  einander  geliche  Iciln 
;ui  allez  geva'rde ;  unde  bi  weihen  kouCen  oder  verkoulen  ir 
ein  nilit  engegen  gesin  möhte,  so  sol  der  ander  da  bi  sin, 
ze  übertragen    den  andern  äne  gevserde. 

Oucb  sullent  si  haben  daz  isen  da  mit  man  pfehten  sol 
unde  mezzen  die  ellenstab  ze  einvaruem  gewande,  und  darzuo 
unde  da  mit  ein  brenisen  da  mit  man  ze  ietwedrem  orte  üf 
die  ellenstab  brennen  sol  ein  kriuze.  und  sullent  ze  den  zwen 
vrien  jarmcrkten  ze  plingesten  unde  sant  Martins  tage  ie  dem 
gaste  geben  und  antwurten  einen  niuwen  ellenstab,  der  ein 
varwez  gewant  snidet  und  veile  hat.  und  sol  in  den  gast 
geben  umb  einen  ellenstab  einen  zweinziger,  oder  ander,  swer 
der  ist,  der  in  gerne  hat  oder  haben  muoz,  den  sol  mau  in 
geben  ane  gevaTde. 

XVIII. 

Daz  ist   (laz  gesetzede  über  daz  gebütelampt  an 
Meran. 

Ez  sol  ein  ieglich  gebütel,  swen  er  in  der  stat  fiirge- 
biutet,  von  einem  ieglichen  der  vvahte  und  stiure  git  nemen 
ze  löne  von  einem  fürgebot  einen  zehener;  und  von  dem 
der  niht  wahte  unde  stiure  git  sol  er  nemen  einen  zweinzi- 
ger, üz  genomen  burgerknehte  und  antwürkerknehte,  der  sol 
ir  ieglieher  ouch  geben  niur  einen  zehener.  und  swaz  er 
datz  einem  burger  gastgeben  oder  gädemler  oder  antwürken 
verleit  und  verbiutet,  von  einem  der  waht  und  stiure  git  sol 
er  nemen  ze  Ion  einen  zehener,  und  der  niht  waht  und  stiure 
git  oder  ein  üzerre  man  ist,  sol  er  nemen  ze  Ion  einen  zwein- 
ziger. er  sol  ouch  nemen  ze  Ion  von  einem  ieglichem  dem 
er  von  gerihtes  wegen  pfant  sol  antwurten  dri  zweinziger, 
und  von  dem  er  ouch  von  gerihten  wegen  gewer  sol  antwur- 
ten, ez  sin  varndiu*  pfant  oder  urbar,  niur  in  der  stat,  dri 
zweinziger.  er  sol  ouch  nemen  ze  Ion  von  einem  ster  fuo- 
ter,   ez   si   liaber  oder    fuotergerste   von   dem   hingeber   niur 

*  v~ndiu  die  hs. 


428  STADTRECHT  VON  MERAN. 

einen  ßerner;  unde  von  einem  ster  salz  sol  er  nemeu  ze  Ion 
von  dem  hingeber  ouch  einen  Berner. 

Swenne  ouch  der  gebiitel  wahter  gewinnet  die  in  der 
slat  an  Meran  wachent,  da  von  sol  er  eines  wahters  Ion  üf 
nemen  für  sine  müe.  er  sol  ouch  der  stat  sweiner  unde  hor- 
tcr  gewinnen,  ir  vihe,  swin  unde  rinder  ze  hüeten.  den  sel- 
ben sol  ein  ieglicher  der  swin  oder  rinder  für  tribet  gebn 
kost  unde  Ion.  swelher  daz  niht  tuon  wolte,  den  sol  er  dar 
umbe  pfanten  und  sol  ouch  da  von  üz  nemen  sin  reht. 

Swenne  ein  burger  oder  einer  der  waht  und  stiure  gil 
mit  einem  andern  burger  oder  inswze  der  waht  und  stiure 
git  iht  ze  schaffen  hat  mit  dem  rehten,  daz  der  gebütel  im 
die  burger  samnen  sol,  daz  sol  der  gebütel  tuon :  da  von  ist 
man  im  niht  schuldic  ze  gebn.  hat  aber  ein  burger  oder  einer 
der  wallt  und  stiure  gil  ze  schaffen  mit  einem  üzern  man 
mit  dem  rehten,  und  im  dar  zuo  der  gebiitel  die  burger  samnet, 
so  sol  er  im  geben  zwenc  kriuzer  und  niht  mer. 

XIX. 

Daz   ist  daz  gesetzede  umbe  daz  verinaclien 

diu  vordren  tor  in  der  gazzen  bergeshalben,  da  man  in  den 
zwein  vricn  jarmärklen  aller  leie  gewant  unde  kramen  vcile 
hat,  daz  nieman  sin  vordrez  lor  her  üz  in  die  slrazen  über 
die  nuosche*  weder  mit  gewant  noch  mit  ander  ihliu  versia- 
hen oder  verschrenken  noch  vermachen  sol,  bi  pene  fünf 
pfunde  und  dri  zweinziger,  lialbiu  dem  gerihle  und  halbiu 
der  stat. 

XX. 

Daz  ist  daz  üe.^etzede   über   die  leit«>ebcn 

die  da  win  schenkent,  ez  sin  burger  oder  gädemler,  an  Me- 
ran, ez  si  umbe  Ion  oder  eigen  win,  swer  den  trinken  wil 
in  dem  leithüse  oder  üzerhalben  des  leilhüses  under  dem  tor 
des  selben  leithüses  oder  üf  dem  laden  des  hüses,  swic  man 
den  win  schenket,  der  sol  den  win  gellen  mit  bereiten  pfen- 
nigcu  oder,  ob  er  pienuige  niht  enhal,  so  sol  er  dem  winschen- 
"  nusscbc  hs. 


STADTRECHT  VON  MERAN.  429 

ken  solhi»  pfanl.  da  lazeii  da  von  er  suis  jifclles  gewert  Aue 
geva;rde,  swellier  leie  pfanl  daz  sin,  ane  messcgevvanl  und 
waz  zuo  dem  aller  gelioerel  und  ungebunlenz  garn  und  nn- 
gegerwele  liinle  oder  vel  üz  dem  eschen*  und  bluoligez  ge- 
want,  oder  swaz  so  getanes  dinges  ist  daz  ein  leitgebe  niht 
nemen  sol.  oder  er  setze  im  einen  bürgen  äue  gevaerde  nach 
wines  relit,  der  im  pfant  gebe  und  antwurte  über  nahl  ze 
bereiten  nnde  des  anderen  tages  ze  verkoufen  ze  voller  werunge 
sins  gelles.  w«r  aver  er  solher  man  der  niht  gelten  möhte 
oder  wolle,  den  mac  der  leilgebe  wol  pfenlen  ob  er  wil.  ist 
ab  er  ein**  solher  man  der  wol  gellen  mag  unde  dar  zuo 
gesezzen  ist  unde  den  win  des  er  schuldig  ist  ze  gellen  niht 
giltel  und  gel  da  mit  iiz  dem  leilhus  ane  des  leitgeben  ur- 
loub  unde  kumpt  des  andern  tages,  vor  ert  man  ze  sant 
Nikiaus  kirclien  gar  ze  fron  ampt  geliutel  hat,  hin\^  ider  in 
daz  selbe  leitgebhüs  unde  giltel  dem  leilgeber  sin  gelt  mit 
Pfennigen  oder  pfanlen  da  sich  der  leitgebe  an  lat  genüegen, 
wol  und  guol.  geschaihe  des  aver  also  niht,  so  ist  er  ge- 
vallen  ze  pene  fünf  pfunt  unde  dri  zweinziger,  halbiu  dem 
gerillt  und  halbiu  der  stat.  ist  aver  er  ein  üzerre  man  der 
niht  wähl  und  sliure  git,  der  ist  komeu  umbe  fünfzic  pfunt 
gen  dem  gerihle.  danuoch  sol  er  dem  leitgeben  sinen  win 
gelten. 

XXI. 

Swelher  onch  der  liute  die  in  der  stat  gesezzen  sin,  ez 
sin  burger  oder  ander,  den  andern  wundet,  da  von  sol  dem 
gerillte  gevallen  fünfzig  pfunt.  swer  ouch  ez  si,  burger,  edel 
oder  unedel  oder  swie  er  geheizen  ist,  keinem  an  Meran,  er 
si  rieh  oder  arm,  üf  unzuhl  in  sin  liüs  git  oder  loufet  oder 
ieman  dar  in  jagt,  der  flühtig  wirl,  mit  nachvolgende,  kumpt 
er  innerhalb  des  trupfstals,  so  sol  er  geben  ze  halber  buoze 
dem  er  nach  volget  25  pfunt  Berner,  dem  gerillte  25  pfunt, 
unde  dem  wirte  under  des  trupfstal  er  kumpt,  sol  er  ouch 
geben  25  pfunt.  kumpt  aber  der  der  in  da  jagt  für  baz  unz 
über  daz  drischuvel,  ***   so  sol  er  ze  ganzer  buoze  ieglichem 

*  vergl.  äscher  Frisch  1,  38^'.  **  ist  aver  ein  fis. 

=^*-  dristhubel  ks.  {ahschrij't).  schwelle. 


/i30  DIE  MEROVINGISCHE  STAMMSAGE. 

geben  50  pfunl.  wa'r  oucli  ez  ein  solher  man  der  daz  niht 
vergellen  mölile  und  ungewis  darzno  wa're,  koment  die  bur- 
ger darzuo,  die  sullenl  denselben  uf  haben,  ob  si  niiigent,  unz 
an  daz  geribte.  wolle  aber  sich  derselbe  weren  unde  sich 
niht  lazen  uf  haben  noch  vähen,  geschaehe  danne  der  ahl  von 
den  bürgern,  ez  wahren  wunden  oder  totschlag,  dar  umbe 
suUent  die  burger  in  unser  ungenäde  niht  gevallen  unde  sul- 
lent  ouch  uns  und  unsern  rihtern  dar  umbe  ungebunten  sin 
daz  selbe  mit  ?ehte  ze  biiezen.  dar  umbe  ist  ein  brief  und 
nmb  ander  gesetzet  von  kiinig  Heinrichen,  des  datum  lütet 
1317  sambslag  vor  sant  Vitslag. 


DIE   MEROVINGISCHE    STAMMSAGE. 

Die  fränkischen  genealogien  (Pertz  2,  307.  Bouquet  2, 
695  IT.),  über  die  kürzlich  ausführlicher  Sybel  Königthum 
s.  1781".  gehandelt  hat,  sind  besonders  über  den  Zusammenhang 
Chlojos  und  Childerichs  uneins.  man  hat  darnach  es  bezwei- 
felt ob  jener  auch  ein  3Ieroving  sei^  seinen  angeblichen  va- 
terFaramund  hatVVaitz  (Sal.  recht  s.  80,  vergl.  Sybel  s.  17(5) 
gewiss  mit  recht  ins  gebiet  der  sage  verwiesen,  aber  den 
Merovechus  hält  er  als  einen  historischen  namen  fest  (V^er- 
fafsungsg.  2,  37),    Sybel  dagegen  verwirfl  ihn. 

Gregor  läfst  es  zweifelhaft  ob  31erovech  der  söhn  Chlojos 
gewesen,  die  sage  behauplet,  er  sei  der  söhn  der  frau  Chlojos 
und  sein  nachfolger,  eine  genealogie  macht  ihn  (bei  Chiltlel 
Anaslas.  Child.  s.  14)  zu  einem  blofscn  verwandten,  eine 
zweite  zum  neffen,  eine  dritte  zum  eukel  Chlojos,  eine  vierte 
zu  einem  söhn  eines  andern  31erevius  und  nachfolger  Chlo- 
jos, eine  fünfte  zum  solin  des  Theodemir.  die  meisten  ge- 
nealogien, Gregor  mitgerechnet,  stimmen  aber  darin  überein 
dafs  er  der  vater  Childerichs  gewesen ;  eine,  die  sangallischc 
bei  Pertz,  nennt  ihn  als  seinen  urgrofsvater ;  endlich  in  einer 
sehr  alten  wird  er  überhaupt  gar  nicht  erwähnt. 

V^on  seinem  leben  und  seinen  thaten  wird  nichts  erzählt; 
nur  das  Chronicon  Quedlinburgense  bei  Perlz  5,  33  will  wi- 
fsen  dafs  er  die  Merwigisburg  zu  Erfurt  gegründet  habe,  wo 
später  sanct  Peters   münster   erbaut  ward.     Merovechus  soll 


DfE  MEROVINGlSCnE  STAMMSAGE.  431 

dem  fi^osrlilcclil  den  iiamen  gegeben  haben;  aber  der  cpony- 
niiis  niuls  diii'chans  anders  gelieil'sen  haben,  allein  der  Beowiill 
5837  kennt  nach  Kemble  Mrrer/o/'/ig-f/s,  nach  Thorkelin  ^f('- 
i-cr/oh/'/igas,  nnd  versieht  darunter  die  Franken,  wie  unter 
Sc/'ldingas  die  Dänen,  Sc/////ti^f(s'  die  Schwaben ;  aber  frän- 
kische Chronisten,  die  doch  sicherlich  hierin  dem  gebrauche 
des  Volkes  folgen,  kennen  nur  Merovingi,  Mermvingi,  Mer- 
wimgi,  Merunng?\  niemals  Meruinkliingi,  wie  doch  der  name 
lauten  müste,  wäre  Mprorechiis,  Meroreus  Stammvater,  die- 
ser name  ist  componierl  wie  Chlodori'chus,  C/i/oclorci/s,  und 
sein  letzter  iheil,  in  gothischen,  besonders  häuHg  aber  in  alt- 
fränkischen namen,  dort  als  ?-///,  hier  als  vechu,  ven,  vilw 
gebräuchlich,  ist  das  alln.  rt-  oder  vi,  ahd.  alts.  tvih  {wihii?), 
ags.  veo,  reoh  idolum,  nenius  Myth.  58,  ein  compositions- 
wort  wie  loh  und  alnh;  vgl.  Schmidts  Zeitschrift  für  gesch. 
8,  210.  wenn  Mi-rorerhii  also  nicht  der  mythische  epony- 
mus  des  geschlechls  sein  kann,  so  mögen  die  genealogien  doch 
recht  haben  die  behaupten  dafs  ein  Meroving,  der  immerhin 
Childerichs  vatcr  mag  gewesen  sein,  in  der  zeit  zwischen 
diesem  und  Chlojo  so  geheifsen  habe,  wie  denn  der  name 
später  noch  viermal  in  dem  königsgeschlecht  vorkommt,  Wajtz 
verfafsungsgesch.  2,  37;  aber  sicherlich  ist  der  name  C^lo- 
dobadus,  der  neben  3Ierovechus  vorkommt,  noch  viel  weni- 
ger erfunden  und  verdächtig,  man  wird  aber  darum  ihn  ebenso 
wenig  als  den  3Ierovechus  in  die  gerade  reihe  der  fränkischen 
könige  mit  Sicherheit  stellen  dürfen,  sondern  der  Überlieferung 
schwebte  offenbar  eine  zeit  des  interregnums  und  der  Verwir- 
rung vor,  wie  man  aus  dem  von  Childerich  erzählten  noch 
deutlich  erkennt. 

Der  name  des  eponymus  der  Merovinge  mufs  einfach 
Meru  {Mitro),  gen.  Merwes  {Meruioes,  Merowes),  gelautet 
haben.  Waitz  denkt  bei  Mörovingi  wieder  an  die  alte  er- 
klärung  aus  man',  mare  meer,  aber  der  uralaut  ist  im  fünf- 
ten und  sechsten  Jahrhundert  und  vollends  in  eigennamen  kaum 
möglich  (vergl.  zum  sal.  recht  s.  272)  und  wie  sollte  tnaj'i 
zum  ableitenden  lo  kommen?  Ettmüller  (zu  Scöpes  vids.  v.  4) 
setzt  mit  unrecht  iW^Vo/'?//^' an;  das  müste  ein  späteres i/rf/v/- 
loing-  ergeben,  weil  ags.  und  altfries.  umlaut  r  nicht  allfrän- 
kisch  ist;    richtiger   erscheint   die   annähme  eines  alten  adj. 


432  DIE  MEROVINGISCHE  STAMMSAGE. 

merw  =  altn.  iniör,  teuer  tenellus,  was  aber  dann  in  den 
alid.  vKirawi,  ?««;v/w/ sonderbarer  weise  die  ganze  ablautreihe 
durchliefe,  ohne  die  bedeulung  zu  verändern,  allein  die  Hist. 
epitoiii.  c.  9  erzählt  ja  einen  mythus  vom  Ursprung  des  Me- 
rovechus,  'fertur  super  litore  niaris  aestatis  tempore  Chlodeone 
cum  uxore  resedente  meridie  uxor  ad  mare  lavatum  vadens 
terretur  a  bestia  Neptuni,  qui  3Iinotauri  similis  eam  adpe- 
tisset;  cumque  in  continuo  aut  a  bestia  aut  a  viro  fuisset, 
concepit  ac  peperit  filium  3Ieroveum  noraine,  a  quo  reges 
Francorum  postea  31erovingii  vocantur. '  gewiss  mit  unrecht 
ist  diese  erzählung  mit  jener  fabel  nach  der  die  iVIerovinge 
'an  dem  rucke  tragent  borsten  sani  swin'*  in  der  31yth.  364 
zusammengeCalst.  die  bestia  Neptuni  ist  ohne  zweifei  ein 
nichus  in  thiergestalt,  vergl.  die  Myth.  465  angeführte  stelle 
der  Miracula  s.  Matthiae  ;  und  wenn  er  in  dieser  dem  Mino- 
tiiurus  verglichen  wird,  so  ist  gewiss  nicht  an  ein  nieer- 
schwein,  wie  31yth,  364  geschieht,  zu  denken,  sondern,  wie 
einst  in  den  deutschen  sagen,  an  einen  stier,  als  stier  erscheint 
bei  Osterrode  zu  zeiteu  ein  wafserleufei,  Harrys  2,  76,  und 
bei  Scheuen  in  JNiedersachsen  steigt  ein  solcher  auch  aus  ei- 
nein Sumpfloch  hervor  und  begattet  sich  mit  den  kiiheu  der 
herde,  ebend.  5,  79;  vergl.  Kuhns  Mark.  sag.  nr  155.  als 
nach  einer  holsteinischen  sage  (Deutsche  sagen  nr  Ü6)  eine 
am  strande  wandelnde  heilige  von  übermütigen  dorfbewoh- 
nern  verhöhnt  wird,  kommen  tags  darauf  zwei  ochsen,  wüh- 
len eine  sanddüne  auf,  nachts  erhebt  sich  ein  stürm  und  das 
dorf  wird  verschüttet,  deutlicher  redet  die  entsprechende  dä- 
nische sage  bei  Thiele  2,  257,  vergl.  36;  da  ist  es  eine 
wafserfrau  die  grofse  rinderherden  am  strande  weidet,  end- 
lich Frotho  III  soll  nach  Saxo  5,  s.  256  31üll.  am  strande 
sitzend  von  einer  zauberin  in  gestalt  einer  meerkuh  gelödtet 
sein,  die  Symbolik  liegt  auf  der  band,  wenn  der  griechische 
Pegasos  das  qiiellross  ist,  das  ross  durch  Poseidons  dreizack 
aus  dem  boden  gelockt  wird,  der  nichs  in  unsern  volkssageu 

sie  ist  eiilwcdcr  eine  von  den  giwüliulicl)cn  müiRlisfabeln,  aus 
niisverständnis,  vit'lleiclit  der  stelle  bei  Claudiaiius  caim.  5,  eiitspruii- 
j;en,  oder  wäre  sie  voliismäfsig,  so  ist  es  wohl  nur  eine  lioborede  ge- 
pen  die  reges  crinili,  und  dann  vielleieht,  wie  andre  ähnliche,  aus  allen 
neidliedern  gellol'sen. 


DIE  MEROVIiNGISCHE  STAMMSAGE.  433 

aucli  als  ross  ersclieiiil,  so  ist  ofFenbar  die  springquelle  oder 
die  lioehaiirschäiiinende  welle  mythisch  aufgefal'st.  das  ross  ist  be- 
kanntlich in  anderer  Verbindung  mit  dämonen  der  luft  ein  bild 
des  schnellen  windes ;  so  muste  auch  Uhland  Sagenforsch.  1, 
100  die  schwarze  rinderherde  Thryms  für  einen  dunkeln 
Wolkenzug  halten,  allein  wenn  vier  riesige  stiere  nach  dem 
mvthus  den  pflüg  der  meergöllin  Gefjon  ziehen  und  so  See- 
land von  Schonen  abgetrennt  wird,  so  irrt  VVilh.  Müller  Zeit- 
schrift f.  d.  a.  1,  96  sicherlich,  indem  er  sie  für  Sturmwinde 
erklärt :  es  sind  vielmehr  mächtige  flutwellen,  brandende  wo- 
gen ;  die  Symbolik  ist  in  jenen  sagen  keine  andre,  ähnlich 
wie  in  der  merovingischen  sage  überfällt  ein  meermann  eine 
am  strande  wandelnde  königin  nach  jenem  gedieht  vom  meer- 
wunder in  Caspars  heldenbuch  ;  man  mufs  also  wohl  den  nich- 
sen  dieselbe  lüsternheit  wie  den  elben  beigemefsen  haben, 
nun  aber  tragen  solche  wesen,  wo  sie  in  die  heidensage  oder 
sonst  in  mythen  eingreifen,  stets  bestimmte  namen.  daher  ist 
der  schlufs  nicht  abzuweisen  dafs,  wenn  der  wafsermann  in 
Stiergestalt  der  mythische  Stammvater  der  3Ierovinge  ist,  er 
auch  Meru,  3ierw  geheifscn  haben  mufs,  dafs  dann  aber,  wenn 
so  bei  den  salischen  Franken  ein  wafser-  oder  flufsgott  die- 
ses namens  gefunden  ist  und  nun  bei  ihnen  an  der  alten  nörd- 
lichen grenze  ihres  laudes  ein  ilufs  die  3Ierwe  genannt  vor- 
kommt (so  hiefs  bekanntlich  der  lauf  der  vereinigten  Waal 
und  Maas  bis  ans  meer),  Leo  doch  wohl  nicht  so  unrecht 
hatte,  als  er  (Universalgesch.  2,  28j  den  namen  der  Mero- 
vinge  von  dem  des  flufses  ableitete.  Waitz  a.  a.  o.  meint, 
diese  erklärung  könne  nicht  in  betracht  kommen ;  ich  glaube 
keine  andre. 

Jene  alte  genealogie  (bei  Duchesne  1,  793)  die  den  Me- 
rivius  den  söhn  eines  andern  Merevius  nennt  will  also  wahr- 
scheinlich nichts  anderes  sagen  als  was  der  mythus,  wie  er 
uns  überliefert  ist,  verschw  eigl,  der  sogenannte  könig  Mero- 
vechus,  so  wie  die  spätem  dieses  namens,  setzen  ebenfalls  den 
genealogischen  mythus  voraus;  ob  auch  die  namen  anderer 
Merovinge?  kein  compositionswort  ist  unter  ihnen  gebräuch- 
licher, als  jenes  adjectiv  Chlod-,  ahd.  Hlud-;  vergl.  Hludio, 
Hludung,  Hludharius,  Hludokis,  Hludmär,  Hludolf,  Hlu- 
dolt,  Hludiperht,  Hludiwic  in  alten  baier.  Urkunden,  abge- 
Z.  F.  D.  A.  VI.  28 


434  DIE  MEROVINGISCHE  STAMMSAGE. 

leitet  aus  der  wurzel  Jih'iip  hldup  hlup,  die  noch  in  manchen 
Wörtern  (vergl.  Craff  4,  1096fF.),  in  denen  meistens  der  con- 
sonant  weggefallen,  durchblickt  und  genau  dem  griech.  y./.vfip 
entspricht,  wird  es  nach  dem  regelmälsigen  Übergang  der  as- 
pirata  in  die  media  genau  auch  das  griech.  x/.vTÖg  sein ;  s. 
Schmidts  zeilschr.  8,  264.  den  sinn  des  verwandten  klt/l 
sonorus  (altn.  hl/'udr  tacilurnus)  darf  man  ihm  schwerlich  un- 
terlegen, also  auch  nicht  eine  entfernte  beziehung  auf  den 
mythus  darin  finden ;  aber  es  sichert  den  Chlodobadus  (Äh- 
TÖf-iuyng),  den  angeblichen  vorfahren  des  3Ierovechus,  der  fa 
milie  der  Merovinge.  nun  aber  hat  Hermann  Müller  Lex  sal. 
s.  8  den  namen  C/t/dj'o  *  gewiss  richtig  aus  hlfl/a/i  mugire, 
boare  gedeutet  und  durch  p'oiji'  uyuVög  übersetzt;  ahd.  H/öJo 
und  überhaupt  sonst  ist  der  name  nicht  nachweisbar,  aber 
gerade  darum  möchte  ich  den  grund  für  ihn  in  dem  gesclilechts- 
mythus  suchen:  h/o/aft,  mhi.  /ünjen,  wird  nur  von  thierstim- 
men  gebraucht,  hängt  aber  etymologisch  auch  wohl  mit  jener 
wurzel  ///////»  zusammen,  nur  dal's  der  consonant  weggefallen, 
endlich  beweist  auch  der  Stabreim  mit  Chlodobadus  u.  s.  w. 
dafs  die  Chronisten  recht  jiaben,  wenn  sie  Chlöjo  zu  den 
Merovingen  zählen,  die  annähme  ist  wohl  unbedenklich  dafs 
jener  mythus  von  ihrem  Ursprung  weit  älter  ist  als  Chlöjo, 
und  die  historiker,  verleitet  durch  den  namen  des  3Ierov('clius. 
der  den  mythus  selber  voraussetzt,  ihn  nur  an  diesen  geknüpft 
haben,  von  dem  sie. ohne  das  nichts  zu  bcriciitcn  wüsten,  zu 
Tournay  ward  im  jähre  1()53  in  Childerichs,  seines  sohues, 
grabe  ein  kleiner  goldener  stierkopf  gefunden,  der  einst  einen 
theil  des  königlichen  haarschnmcks  ausgemacht  hatte,  denkt 
auch  niemand  mehr  mit  Chilllet  (Anastasis  Cliilderici  s.  140) 
dabei  an  den  ägyptischen  Apis,  eine  mythische  beziehung  des 
Stücks  wird  immer  die  wahrscheinlichste  sein,  trugen  doch 
die  Aestier  und  die  Deutschen,  als  Frowas  oder  ihres  bruders 
zeichen,  die  J'oniiaa  a/ironnn  —  id  pro  armis  omniumque 
tutela  securum  deae  cullorem  etiam  inter  hostes  praeslal 
Germ.  45  — :  warum  nicht  auch  ein  3Jeroving  ein  bild  sei- 
nes göttlichen  ahnhcrrn?  vergl.  Germ.  7.  histor.  4,  22.  es 
braucht  wohl  nicht  erinnert  zu  werden  dafs  die  31erovinge  selbst 

"   Chlo^it)  l)ei  Gregor  ist  wie  Agcttvs.  Aegidnis  statt  Aeliux;  die 
später  gebriiiicliliehere  form   Chlodio  ist  jenes  alid.  Hiudio. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  435 

so  gut  wie  ihr  volk  von  dem  als  stier  dem  wafser  entstiege- 
nen gründer  ihres  Ji.öniglichen  geschlechts  und  ihrer  art  nur 
eine  durchaus  würdige  Vorstellung  gehabt  haben  können,  die 
nicht  nach  dem  tone  der  erzählung  der  Histor.  epitom.,  noch 
nach  dem  heutigen  Volksglauben,  sondern  nach  antiken  Vor- 
bildern will  wieder  erkannt  sein. 

K.  xMÜLLENHOFF. 


DIE  AUSTRASISCHK  DIETRICHSSAGE. 

Dal's  es  über  mehrere  Merovinge  historische  lieder  gege- 
ben beweist  nicht  nur  ein  sogleich  anzuluhrendes  zeugnis, 
sondern  eine  Zusammenstellung  und  Untersuchung  der  vorhan- 
denen sagenresle  würde  auch  zugleich  den  nicht  geringen 
umfang  des  sie  betreffenden  epischen  Stoffs  darthuu.  es  ist 
aufserdem  wohl  das  wahrscheinlichste  dafs  die  barbara  et  an- 
licjuissima  carmina  quibus  veterum  actus  et  bella  canebantur, 
die  Karl  der  grofse  sammeln  und  aufzeichnen  liefs,  vor  allem 
solche  lieder  waren  in  denen  die  thateu  seiner  vorfahren  im 
reich  gefeiert  wurden,  die  folgende  Untersuchung  wird  dar- 
auf ausgehn  nachzuweisen  dafs  ein  paar  hauplcharaktere  un- 
seres epos  der  reihe  der  31erovinge  angehören. 

Der  poeta  Saxo  wünschte,  so  wie  Karls  rühm  den  aller 
seiner  vorfahren  überstralte,  so  auch  durch  seine  lateinischen 
verse  die  altern  deutschen  gedichte  zu  übertreffen  in  denen 
man  die  frühern  könige  gefeiert  hätte,  die  merkwürdige  stelle 
5,  117  (Pertz  1,  268) 

est  quoque  tarn  notum :    vulgaria  carmina  inagnis 

laudibus  vitis  avos  et  proavos  celebrant, 
Pippinos  Carolns  Hludovicos  et  Theodricos 

et  Carlomannos  Hlolhariosque  canunt 
ist  bereits  von  Wilh.  Grimm  Heldens.  27  ausgehoben,  der 
plural  ist  ohne  zweifei  nur  ein  rhetorischer,  aber  w  enn  auch 
nicht,  es  ist  ein  gesetz  der  volkspoesie  dafs  sie  sich  nur  dem 
geschichtlich  bedeutenden  zuwendet  und  dessen  gedächtnis  be- 
wahrt ;  vor  allen  andern  seines  namens  mufs  daher  der  Theo- 
dricus  der  älteste  und  tüchtigste  söhn  Chlodovechs  sein,  der 
nach  seines  vaters  tode  zuerst  die  deutschen  länder  jetzt  un- 

28* 


436  DIE  AÜSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

ter  dem  namen  Austraslen  vereint  besafs  und  hier  die  grän- 
zen  seines  reichs  erweiterte  durch  Zerstörung  des  thüringi- 
schen, neben  ihm  stand  und  wirkte  sein  tapferer  söhn  Theo- 
debert,  vondem  Agathias  s.  21  derBonn.  ausg.  sagt  ToX^ir,Tiug  ra 
yao  r\v  tq  r«  f^iähoru  xui  Tu<ju'/o)dt]g  y.ai  nf'oa  xov  uvuyy.aiov  ro 
qü.oxhdvi'oi'  y.fxTi^u.'^io^,  und  Gregor  3,  1  nennt  ihn  elegantem 
et  utilem  und  rühmt  3,  25  seine  gerech tigkcit  und  milde;  of- 
fenbar ein  mann  ganz  nach  dem  herzen  unserer  heldendich- 
tung.  zur  herschalt  gelaugt  verfolgte  er  noch  eifriger  seines 
Vaters  bestrebungen  und  sein  reich  stand  in  bezug  auf  Deufsch- 
land  an  ausdehimng  kaum  dem  Karls  des  grofseu  nach,  für 
die  deutschen  stamme  sind  diese  beiden,  Theodorich  und  Theo- 
debert,  unter  allen  Merovingen  die  bedeutendsten,  bedeuten- 
der selbst  als  Chlodevech.  wenn  nun  das  deutsche  epos  in 
poetischem  parallelismus  ein  paar  austrasischer  Dietriche  als 
vater  und  söhn  aufstellt,  so  dürfen  diese  gewiss  nur  auf  jene 
bezogen  werden ;  denn  gleichnamige  historisch  bedeutende  per 
soncn  fallen  erst  in  eine  zeit  wo,  wie  wir  wifsen,  wohl  histo- 
rische lieder  entstanden,  aber  nicht  mehr  die  grofseu  epischen 
Stoffe,  einflufs  könnten  diese  epigonen  dennoch  wohl  auf  die 
sage  geübt,  aber  nicht  mehr  die  grundlage  für  sie  hergegeben 
haben,  es  ist  auch  ohnehin  nicht  wohl  denkbar  dafs  die  poe- 
sic  den  burgundischen  Theuderich  II  und  den  austrasischen 
Theudebert  II  jenen  altern  dieses  namen  vorgezogen  und  sie 
über  diese  gestellt  hätte,  da  sie  doch  theils  den  eigentlich 
deutschen  Völkern  ferner,  theils  auch  an  wahrer  bedeulung 
eine  ziemliche  stufe  niedriger  stehen,  in  bezug  auf  die  altern 
Theuderich  und  Theudebert  aber  ist  gleich  von  vorn  herein 
anzuerkennen  dafs,  wurden  sie  gegenständ  der  sage  und  des 
epos,  bei  der  ahnlichkeit  ihrer  namen,  bei  ihrem  engen  histo- 
rischen Zusammenhang,  der  gemeinschafl  ihrer  thaten  und  der 
gleichheil  ihrer  bestrehungen,  es  nicht  ausbleiben  konnte  dafs 
facta  die  historisch  nur  mit  dem  ersteren  in  Verbindung  ste- 
hen auf  den  zweiten  übertragen  wurden  oder  umgekehrt. 

Bezeugt  der  poeta  Saxo  im  allgemeinen  dafs  der  auslra- 
sische  Theuderich  in  liedern  gefeiert  war,  so  bezeugt  schon 
der  ältere  Travellers  song  v.  47  in  der  aufzählung  einer  reihe 
altdeutscher  volkskönige  und  beiden  durch  die  werte  Theudric 
veöld  Fro//cifm   dafs    derselbe   auch,  oder,  wenn  der  namen- 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  437 

Wechsel  mit  seinem  söhn  vorgegangen  wäre,  dafs  dieser  eine 
hauptperson  des  deutschen  epos  war.  alle  historischen  ele- 
mcnte  dieses  gedichtes,  selbst  seiner  interpolationen*,  die  Stel- 
lung der  deutsclien  vöIker  und  die  erwähnten  historischen  per- 
sonen  fallen  spätestens  ins  sechste  jahrh.  (vergl.  Nordalb. 
stud.  1,  162),  beweiscs  genug  dals  der  genannte  Theodric  je- 
ner Sühn  Clilodovechs  oder  auch  Theudebert  sein  raufs. 

Gegen  das  jähr  520  fiel  der  dänische  oder  jütische  könig 
Chochilaicus  plündernd  den  gau  der  Hattuarier,  das  heutige 
(jJeldern,  an.  auf  Tlieuderichs  hefehl  eilte  Theudebert  mit  einem 
beere  dahin,  schlug  und  tödtete  den  könig  und  jagte  den  fein- 
den die  beule  wieder  ab.  nicht  Outzen  (Kieler  blätter  1816 
bd.  3,  312),  wie  Leo  über  Beovulf  s.  5  meint  und  darnach 
Haupt  Zeitschrift  5,  10,  sondern  erst  ein  jähr  später  entdeckte 
Grundtvig  (Dannevirke  1817  bd.  2,  284 ff.)  die  identität  des 
Chochilaic  und  Hygelac  im  Beovulf,  ferner  die  der  Hattuarier 
und  Helvare,  die  zweimal  in  diesem  gedieht  genannt  werden 
Beov.  4720.  5827  ;  ebenfalls  kommt  der  allgemeinere  name 
der  Franken  vor  2420.  5819,  einmal  werden  auch  die  Me- 
revioingas  (Merovingi)  5837,  dann  neben  Franken  oder  Hetva- 
ren  die  damals  schon  zum  fränkischen  reich  gehörenden  Fri- 
sen  2414.  4709.  5003.  5819.  5826,  endlich  noch /^//^»v?*  er- 
wähnt 5000.  5823.  wer  sind  aber  diese?  man  hat  wunder- 
bare erklärungen  versucht:  Leo  s.  10  hat  auf  Kuik  gera- 
then,  obgleich  ags.  h  und  g  niemals  altfränk.  oder  mnl.  k  und  k 
sein  können ;  Ettmüller  (zu  Scöpes  vidsid  v.  28  und  Beov. 
s.  21)  hält  die  Hucingas  und  Hugns  für  identisch  und  für 
die  alten  Chauci,  obgleich  auch  hier  weder  die  consonanten 
noch  die  vocale  zusammen  stimmen,  das  chronicon  Quedlin- 
burgense  (Pertz  5,  31)  aber  sagt  'olim  omnes  Franci  Hugo- 
ftes**  vocabantur  a  suo  quodam  duce  Hugone.'  ich  wage  keine 
erklärung  des  räthselhaflen  namens,  verschweige  jedoch  die 
Vermutung  nicht,  die  sich  sprachlich  durch  den  wegfall  des 
consonanten  rechtfertigen  läfst,  dafs  das  Hünaland  der  edda- 
lieder  nicht  allein  geographisch  das  land  der  Hugones  Franci 
sein  könnte ;  freilich  ist  dabei  auch  Htm,  der  mythische  fürst 

'■*  in  einer  solchen  wird  Alboin  in  Italien  erwähnt,  um  570. 
'■**  man  declinierte  also  stark  und  schwach,    ags.   Hugos    und  aits. 
Hiisun,  sowie  Gothi  und  Gotliones. 


438  DIE  AÜSTRASISCFIE  DIETRICHSSAGE. 

der  Hetvaren  im  Travellers  song,  zu  berücksichtigen,  so  viel 
ist  nach  jenem  zeiignis  der  Quedlinbiirger  chronik  und  ans 
den  stellen  des  Beovulf  deutlich,  dafs  jener  name  eine  epische 
benennuiig  der  Austrasier  war. 

Vielleicht  ist  im  Beovulf  ein  doppelter  kämpf  der  Geäten 
in  den  untern  Rheingegenden,  ein  glücklicher  mit  den  Frisen, 
ein  anderer  unglücklicher  mit  den  Franken  an  der  3Iaas,  zu 
unterscheiden,  was  jedoch  die  sage  nicht  mehr  deutlich  aus 
einander  hielt,  denn  so  begreift  es  sich  eher  dafs  der  name 
des  von  Beovulf  erschlagenen  Huga  cempa  Dägliräfn  (Beov. 
4998),  der  dem  Frisenkönig  diente,  allein  im  gedächhiis  blieb; 
doch  merkwürdig  ist  es  immerhin  dafs  im  gedieht  der  fränki- 
sche könig  oder  königssohn  gar  nicht  genannt  wird,  eine 
erinnerung  an  Chogilaics  räuberischen  anfall  erhielt  sich  in 
den  Niederlanden  noch  lange  (Zeifschr.  5,  10);  aber  in  unserm 
epos  ist  davon  keine  spur  mehr  zu  entdecken,  denn  wer  wird 
wohl  den  kämpf  des  osfgolhischen  Dietrichs  von  Bern,  der 
durch  das  \'erona-Bonn  an  den  Liilcrrhcin  gelangte,  mit  Ecke 
und  Fasolt  historisch  deuten  wollen?  auch  für  die  Vermutung 
dafs  er  liier  an  die  stelle  des  auslrasisclien  Dietrich  getreten 
sei  wird  kein  rechter  grund  aufzubringen  sein.  jedoch  bei 
einem  solchen  zusammentreHen  zweier  gleichnamigen  beiden 
auf  einem  und  demselben  local  wird  man  allerdings  berech- 
tigt sein  der  sage  des  einen  später  wenigstens  berühmteren 
manches  abzuziehen  und  dem  andern  wieder  zuzuwenden, 
gleich  in  Ecken  austahrt  sind  mehrere  beiden  mit  Dietrich 
von  Bern  in  Verbindung  gesetzt  die  nicht  nur  der  rbeinfrän- 
kischen  sage,  sondern  auch  zum  theil  selbst  der  alten  mero- 
vingischen  beizuzählen  sind. 

Helferich  von  Li'/nc,  den  Ecke  im  walde  liegen  findet, 
erzählt  (str.  57  Lafsb.)  selbst,  er  sei  seihe  riei^de  ron  dem 
Rvie  ausgeritten  durch  willen  schaener  wibe;  da  begegnet 
Dietrich  v«)n  Bern  ihnen  und  erschlägt  seine  drei  begleiter, 
die  er  der  feigheit  anklagt,  und  verwundet  ihn  selbst  so  schwer 
dafs  er  den  lod  erwartet,  doch  kommt  er  später  mit  dem  leben 
davon,  er  sagt  von  seinem  rosse  (str.  66  Lafsb.  str.  63  Easp. 
V.  d.  Röhn)        ez  hat  mich  martege  raste 

getragen  mit  den  kreften  sin 

enzwischen  Kölne  und  Spire. 


DIE  AIJSTRASISCHE  DIETKICHSSAGE.  439 

jenes  Lime,  das  bei  Caspar  von  der  Röhn  Lone  genannt  wird, 
ist  jedoch  wolil  nicht  auf  die  Logenaha,  den  Lahngau,  zu  be- 
ziehen, sondern  das  ueustrische  Laudunum,  das  heutige  Laon 
in  der  nähe  von  Soissons  und  Rheims  ;  daher  konnte  Helfe- 
rich, wie  Walther  von  Lcngcrs  und  von  Kerlingcn  heifsl,  auch 
im  alten  druck  (Heldens.  221)  von  Lütringc  genannt  werden, 
ich  halte  ihn  für  den  heriichtiglen  Meroving  Chilperich  von 
Soissons  (561 — 584)  der  durch  Sigeberts  erniordungAustrasien 
an  sich  rifs.  auf  ilni  auch  hat  man  gewiss  mit  recht  jenen 
köuig  Hialprckr  gedeutet  bei  dem  der  V'ölsung  Sigurdr  nach 
nordisclier  sage  aufwächst;  nach  Sicni.  171.  183  müfsen  wir 
ilju  in  Frakkland  denken,  bestimmter  noch  spricht  dies  Nor- 
uagestssaga  c.  4  aus;  nach  Snorr.  138  herschte  er  d  Thiödi, 
was  nach  Biörn  und  (jlrinim  (gramm.  1,  19)  Frankreich  be- 
zeichnet, obwohl  P.  E.  Müller  (sagabibl.2,  57)  und  die  Kopen- 
hagener gelehrten  darunter  Thy  in  Jütland  verstehen ;  nach 
\  ölsungasaga  c.  21  ist  Hialprekr  in  Dänemark,  obwohl  man 
im  13n  jahrh.  vom  fränkischen  Ilelfrich  wenig  genaues  mehr 
zu  erzählen  wusle,  so  mufs  er  doch  einst  bedeutender  gewe- 
sen sein,  je  ehrenvoller  noch  sein  name  ist.  es  war  fast  nichts 
mehr  übrig  als  eben  dieser  name,  und,  wie  das  häufige 
beispiele  lehren,  man  stellte  einen  solchen  bald  hier  bald  dort- 
hin ;  es  kann  ja  vorkommen  dafs  sogar  in  demselben  gedichte 
dieselbe  persou  in  zwei  verschiedenen  gestalten  neben  einan- 
der oder  auch  auf  Seiten  zweier  feindlichen  parteien  auftritt, 
vergl.  Jac.  Grimm  in  dieser  Zeitschrift  5,  4.  daher  sehe  ich 
lieinen  grund  dafür  mit  Wilhelm  Grimm  Heldens.  269.  270 
den  alten  freund  Dietrichs,  der  in  Dietrichs  drachenkärapfen 
vorkommt  und  ebenfalls  Helfrich  von  Lü?ie  oder  von  Laue 
heifst,  für  verschieden  von  dem  gleichnamigen  gegner  Dietrichs 
in  Ecken  ausfahrt  zu  halten  ;  und  schwerlich  wird  Aqt Helß'ich 
von  L'dlringe  in  der  Flucht  5138,  der  mann  Etzels,  ein  an- 
derer sein;  ja  vielleicht  ist  der  gleich  neben  ihm  genannte 
in  der  Rabenschlacht  (Heldens.  199)  häufiger  vorkommende 
Helfrich  von  Lundcrs  nur  fälschlich  von  ihm  unterschieden 
und  Lunders  nicht  London,  sondern  mit  Lune,  Laudunum, 
verwechselt. 

Helfrichs  bruder  heifst  Ludgast  (Lafsb.  Casp.)  Ludegasty 
Lugegast  (anh.  zum  heldenb.).  man  schreibt  den  namen  Liu- 


440  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

degast;  dieser  und  daneben  Liudeger  kommen  im  epos  häu- 
figer vor;  sie  sind  aber  nicht  so  ohne  weiteres  den  namen 
Liutgast,  Liutger  gleichzustellen,  sondern  es  nahm  jenes  alt- 
fränkische Chlod-,  ahd.  Hlud-  später,  als  es  nicht  mehr  ver- 
standen ward,  so  wie  Hugo  zu  Hüc  ward,  eine  falsche  länge 
und  darnach  den  uralaut  an.  auch  Ludegast  der  starke  ge- 
hörte wie  Helfrich  in  das  Grippigenland  zu  Köln  und  Ach 
nach  dem  anhang  zum  heldenbnche. 

Der  alte  druck  Heldens.  221  nennt  Ortwin  (in  Lafsb. 
hs.  ohne  beisatz),  den  zweiten  begleiter  Helfrichs,  von  Mentz 
Ortwein  der  reich;  Caspar  v.  d.  Rhön  vo?i  Meintz  ein  degn 
tuguntleich:  der  anh.  zum  heldenb.  Ortwi/n  von  Bi/nn.  einen 
Ortwin  von  31e{z  kennen  die  Flucht  und  die  Rabenschlachl  (Hel- 
dens. 202.212),  auch  der  Alphart  (Heldens.  2.39),  als  Dietrichs 
mann  nebst  andern  Rheinländern,  die  wie  jener  auch  an  ei- 
nigen stellen  in  der  Nibelunge  noth  als  unwichtige  nebenperso- 
nen  unter  Günthers  dienslmannen  auftreten,  merkwürdig  un- 
terscheidet der  Biteroir  (Heldens.  130)  einen  altern  Ortwin 
von  31etzen  von  einem  Jüngern  und  deufi^t  Verhältnisse  an 
die  den  historischeu  charakter  des  beiden  nicht  verkennen  la- 
fsen.  es  ist  jedoch  zu  wenig  detail  aus  der  altfränkischen  ge- 
schichte  uns  überliefert  und  ein  mann  dieses  namens  wird,  so 
viel  ich  weifs,  nicht  mehr  genannt:  vielleicht  wird  er  aber 
aus  der  spätem  geschichte  dieser  gegenden  nachweisbar  sein, 
ob  er  31ainz  oder  31elz  angehört  kann  die  sage  unmöglich 
mit  Sicherheit  wifsen ;  genug  dafs  er  ein  austrasischer  held 
und  in  der  geschichte  seiner  heimat  einst  wichtig  genug  war 
um  gegenständ  der  poesie  zu  werden.  Metz  scheint  an  ihn 
ein  befser  begründetes  anrecht  zu  haben,  das  bruchstück  von 
Walther  und  Hiltegunde  str.  4.  7.  erwähnt  den  Ortwin  von 
Metz  und  zeigt  ihn  auch  in  einer  ganz  cigenthümlichen  Stel- 
lung zu  Günther  von  Worms ;  im  latein.  Waltharius  fällt 
Gamelo  (der  alte)  von  3Ietz  känipl'ond  für  Giinlher:  er  ist 
wahrscheinlich  schon  jener  Ortwin  der  alte,  Grimm  Lat.  ged. 
s.  116.  darnach  ergäbe  sich  uiigelähr  die  grenze  bis  zu  wel- 
cher der  historische  Ortwin  in  austrasisch-rheinischer  gegend 
gesucht  werden  könnte. 

Als  den  dritten  gesellen  Helfrichs  nennt  nun  das  gedieht 
von  Ecken   ausfahrt  den    Hüc  von   Tenemarke ;    im    Alphart 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  441 

stellt  er  auf  Dietrichs  seite  (Heldens.  239) ;  im  anhang  zum 
heldenb.  heilst  er  vo?i  Mentz.  nach  der  Verbindung  in  der 
er  erscheint  niufs  auch  er  ein  fränkischer  held  sein  und  das 
Dänemark  so  aufgefafst  werden  wie  beim  Ogier  le  Danois, 
wie  in  der  Kudrun  (Zeitschr.  6,  63.  64),  wie  wenn  Iring 
von  Lütringe  Hawarts  von  Dänemark  dienstmann  heifst  Klage 
200.  Bit.  7725.  Heldens.  116,  oder  wenn  Hug  und  Wolf- 
dielrich,  deren  heimat  sogleich  nachgewiesen  werden  soll,  nach 
dem  gedieht  von  VVolfdietrich  und  Sabene  aufser  Griechen  und 
Heunen  und  Polenland  auch  Dänemark  behersclien.  eine  be- 
ziehung  jenes  Hüc  von  Tenemarke,  wenn  auch  nicht  auf  den 
wie  es  scheint  willkürlich  erfundenen  dux  Hugo  der  Quedlin- 
burger chronik,  so  doch  auf  den  alten  beinamen  der  Franken, 
wird  daher  hinreichend  begründet  sein. 

Das  bestreben  der  sage  gothische  und  fränkische  beiden 
mit  einander  in  Verbindung  zu  setzen,  wie  es  so  eben  beob- 
achtet ward,  hätte  aber  nothwendig  bei  der  namengleichheit 
der  haupthelden  schon  frühzeitig  zur  vollständigen  vermengung 
beider  kreise  führen  müfsen,  hätte  man  nicht  auf  Unterschei- 
dung bedacht  genommen,  die  Quedlinburger  chronik  (Pertz 
5,  30)  nennt  nun  den  söhn  Chlodevechs  Hugo  Theodoricus; 
auf  der  folgenden  seite,  wo  sie  auf  den  Ostgothen  Theodorich 
zu  reden  kommt,  bemerkt  sie  dafs  dieser  Amulung  Theoderic 
genannt  werde,  und  wie  sie  dann  gleich  darnach  die  Zerstö- 
rung des  thüringischen  reichs  durch  den  Hugo  Theodoricus 
und  die  Sachsen  erzählen  will,  fügt  sie  hinzu  '  Hugo  Theo- 
doricus *  iste  dicitur,  id  t?X  Francus,  quia  olim  omnes  Franci 
Hugones  vocabantur.'  Hugdietrich  bedeutet  also  den  fränki- 
schen und  es  ist  sehr  zu  beachten  dafs  dem  historischen  Me- 
roving  dieser  name  nur  dann  beigelegt  wird,  wenn  die  ge- 
schichtschreiber  der  volkssage  folgen ;  denn  auch  Widukind 
1,  9,  indem  er  ausführlicher  und  befser  als  die  Quedlinburger 
chronik  die  sächsische  sage  von  der  Zerstörung  des  reiches 
Irminfrids  erzählen  will,  hebt  von  einem  fränkischen  könig 
Huga  an,  nach  dessen  tode  sein  söhn  Thiadricus  von  den 
Franken  erwählt   sei.     es   kommt  aber  nunmehr  alles  darauf 

"  die  Heldens.  33  aDgeFührle  Sachsenebronik  (Leibnitz  3,  281) 
folgt  im  gaozeo  Widukind,  bat  aber  daneben  die  Qnedlinburger  cbro- 
nik  benutzt. 


442  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

an  Lachmauns  Vermutung  Heldens.  33  zu  rechtfertigen  und 
naclizuweisen  dafs  auch  die  sage  vom  Hugdietrich  und  seinem 
söhn,  wie  sie  in  späten  gedichten  des  dreizehnten  Jahrhunderts 
vorliegt,  wirklich  noch  demente  altfränkischer  geschichte  ent- 
hält und  austrasischen  gegenden  angehört. 

So  sehr  verschieden  auch  in  allem  übrigen  die  beiden 
auf  uns  gekommenen  darstellungen  der  sage  sind  —  sie  ist 
bekanntlich  in  ihrer  altern  reinern  gestalt  bis  jetzt  allein  durch 
den  auszug  Caspars  von  der  Röhn  aus  einem  gedieht  bekannt 
das  in  einer  Ambraser  handschrift  nach  Hormayr  (werke  2, 
256.  257;  vollständig  erhalten,  aber  leider  immer  noch  nicht 
veröffentlicht  ist;  jünger  dagegen  (vergl.  Heldens.  235)  ist 
die  gestalt  der  sage  in  dem  gedieht  von  dem  in  ältester  fa- 
isung  (wo  noch  einzelne  lieder  zu  erkennen  sind)  nur  einige 
theile,  gedru(;kt  in  dieser  Zeitschrift  5,  401  ff.,  übrig  sind,  das 
aber  vollständig,  wenn  auch  sehr  erweitert  und  überarbeitet, 
bis  jetzt  allein  im  alten  heldenbuch  vorliegt  - —  es  kommen 
dennoch  beide  darstellungen  darin  überein  dafs  nach  dem  tode 
des  Hugdietrich  eine  fheilung  seines  reichs  unter  seine  söhne 
vorgenommen  wird,  bald  darnach  wird  dem  Woifdietrich  (ob 
der  älteste  oder  der  jüngste  söhn  ist  zweifelhaft,  nur  über 
seine  wunderbare  heldenjugend  ist  man  einig)  von  seinen  brü- 
dern  vorgeworfen,  er  sei  ein  kebskind,  ein  bankhart,  daher 
unberechtigt  zur  herrschaft;  sein  erbe  wird  ihm  genommen 
und  er  raufs  flüchtig  ins  elend  gehn,  kehrt  aber  später  wieder 
zurück,  erstreitet  sein  reich  und  nimmt  seine  brüder  gefan- 
gen, dies  ist  der  ramen  der  ganzen  fabel  in  beiden  darstel- 
lungen, und  hierin  liegen  die  liislorischon  elemenle.  man  er- 
innere sich  nur  des  gleich  anfangs  bemerkten,  die  sage  un- 
terscheidet zwar  die  namen  des  vaters  und  sohnes  nicht  melir, 
wie  es  historisch  wäre,  durcli  das  zweite  conipositionswort, 
sondern  durch  ein  charakterislisches  beiworl,  offenbar  aber 
nur  um,  ganz  dem  stil  der  allen  poesie  gemäfs,  den  paralle- 
lismus  zum  einmal  gewählten  namen  Hugdietrich  herzustel- 
len, sie  scheint  auch  einen  wesentlichen  zug  der  histoiisch 
dem  vater  angehört  auf  den  söhn  zu  übertragen.  Thcudericus 
war  (!!hlodovechs  söhn  von  einem  kebsweib,  Gregor  2,  28, 
und  gerade  dies  ist  auch  das  haujitmofiv  der  handlung  in  jener 
sächsischen  sage  sowohl  bei  Widukind  als  im  Chron.  Qucdlinb. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  443 

nach  seines  valers  tode  theilt  er  mit  seinen  drei  brüdern  das 
reich,  empfangt  selbst  den  grölsern  theil,  und  als  Chlodomer 
lallt,  erweitert  er  diesen  noch,  nicht  ohne  streit  mit  den  noch 
lebenden  brüdern.  aber  anch  seines  sohnes  Theudeberts  ab- 
kunll  ist  zweifelhaft;  standesmäfsig  scheint  Theuderich  sich 
erst  im  jähre  522  mit  der  Burgunderin  Suavegota  vermählt 
zu  haben,  als  Theudebert  schon  erwachsen,  ebenfalls  ist  Theu- 
deberts söhn  Theudovald  aus  einer  nicht  standesmäfsigen  ehe, 
Gregor  3,  27.  als  nun  Theuderich  starb  und  die  oheime  Theu- 
deberts sich  erhoben  und  ihm  sein  reich  nehmen  wollten,  ille 
muneribus  placatis  a  leudibus  suis  defensatus  est  et  in  regno 
slabilitus,  Gregor  3,  23.  aus  diesen  elementen  läfst  sich  nun 
sehr  wohl  die  sage  entstanden  denken,  es  ist  nur  eine  con- 
traction  vorgegangen,  wie  sie  sich  häufiger  beobachten  läfst. 
Die  sage  bildet  immer  nach  einfachen  ethischen  motiven 
sogleich  das  historisch -lactische  um,  das  aber  dann,  je  be- 
stimmter jene  hervorgekehrt  werden,  allmählich  mehr  und  mehr 
eiuschwindet  und  zuletzt  oft  gänzlich  bis  zur  uukennllichkeit 
verloren  gehen  kann,  ohne  zweifei  halte  sie  im  achten  und 
neunten  jh.  noch  reichlichere  iiistorische  bestandtheile ;  so  konnte 
der  krieg  durch  den  Hugdietrich  nach  der  altern  darstellung 
abwesend  ist,  als  ihm  sein  söhn  Wolfdietrich  geboren  wird, 
in  frühem  Jahrhunderten  bestimmter  als  der  mit  dem  thürin- 
gischen Irminfrid  oder  mit  Hugileih  bezeichnet  sein,  und  so 
könnte  man  für  die  doppelehe  Wolfdietrichs  mit  dem  schönen 
zauberweib  Sigeminne  und  der  Liebgart,  der  nachgelafsenen 
wittwe  Orlnits  von  Lamparten,  obwohl  alles  dies  in  den  ge- 
dichten  lauter  mythus  ist,  doch  einen  historischen  grund  an- 
nehmen :  Theudebert  vermählte  sich  zuerst  mit  der  schönen 
Deuteria  und  verstiefs  diese  dann  (Franci  contra  eum  valde 
scandalizabantur),  um  die  ihm  seit  sieben  jähren  verlobte  lan- 
gobardische  königstochter  Wisigard  zu  heiraten,  man  erin- 
nere sich  nur  dafs  die  Hygd,  die  gemahlin  Hygelacs  und  Of- 
fas,  im  Beovulf  noch  ganz  unmythisch  erscheint,  dann  aber 
in  der  spätem  anglisehen  sage  ( Vitae  Offae  I  et  IT  in  Watts 
Matth.  Parisiens.  vergl.  3Iyth.  394.  Schleswig-holst.  sagen 
nr  3)  ganz  mythisch  geworden  ist.  doch  dies  sind  gefähr- 
liche beispiele,  die  man  zum  beweise  historischer  demente  in 
der  sage   niemals  benutzen  darf,    und   wenn  wir  ein  solches 


444  DIE  AÜSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

verfahren  in  der  deutung  der   Nibelungensage    zurückweisen, 
so  legen  wir  auch  hier  kein  gewicht  darauf. 

Auch  die  annähme  eines  zwiefachen  historischen  einflu- 
fses  auf  die  Hug-  und  Wolfdietrichssage,  wie  er  doch  wahr- 
scheinlich im  zweiten  theil  der  Nibelungensage  stattgefunden 
hat,  obwohl  wir  anfangs  daher  auch  die  möglichkeit  desselben 
einräumten,  ist  jetzt  entschieden  zu  verwerfen,  man  urlheile 
selbst,  nach  Childeberts  II.  tode  (59G)  theilen  seine  jungen 
söhne  Theuderich  und  Theudebert;  jener  empfängt  Burgund, 
dieser  Austrasien ;  beide  sind  streitbar  genug  und  führen  wie- 
derholt kriege  mit  ihrem  vetter  Chlothari,  Fredegundens  söhn, 
auf  anstiften  der  Brunihild  aber  gerathen  sie  bald  in  streit 
mit  einander,  Theudebert  Avird  unechter  abkunft  beschuldigt, 
in  furchtbaren  schlachten  CFredegar  c.  38)  geschlagen  flieht 
er,  wird  eingeholt  und  gefangen  gesetzt;  Theuderich  reifst 
Austrasien  an  sich,  stirbt  aber  kurz  darnach  613.  obwohl 
in  namen  und  einzelnen  dingen  Übereinstimmung,  so  ist  im 
ganzen  die  Verschiedenheit  doch  so  grofs  dafs  auch  nicht  ein- 
mal eine  einwirkung  auf  die  sage,  geschweige  denn  ihr  Ur- 
sprung daher  denkbar  ist,  und  wir  nunmehr,  weil  eine  an- 
lehnung  an  noch  spätere  historische  ercignisse  ganz  unmöglich 
ist,  mit  noch  gröfserer  sicherheil  unsern  epischen  stolf  auf 
die  geschichte  Theuderichs  und  Theudeberts  des  ersten  dieses 
namens  beziehen. 

Freilich  scheint  es  dafs  wir  aus  der  geschichte  Theude- 
berts II  eine  erklärung  der  llucht  Wolfdietrichs  gewinnen 
könnten,  allein  ein  kurzer  rückzug  Tlieodorichs  des  Osfgo- 
Ihen  wird  in  der  sage  zu  einem  drcilsigjährigcn  exil,  und  es 
wird  richtiger  sein  jene  crlindung  der  sage  rein  aus  ihrem 
bestreben  ein  ethisches  motiv  zu  vollständiger  anschauung  zu 
bringen  herzuleiten,  wir  wifsen  dafs  Theudebert  durch  die 
treue  seiner  dicnstuianncn  im  reiche  erhalten  ward,  und  diese 
treue  der  dicnstmannen  und  des  herrn  wiederum  gegen  sie 
ist  es  gerade  was  sie  aufgriff  und  in  reichster  und  kräftigster 
entfallung  ihrer  poesie  in  einem  wunderbaren  heldenleben  dar- 
stellte. 

Beide  darstcllungen  verlegen  das  reich  des  Hug  und  Wolf- 
dielrich    nach    Griechenland,     aber   wenn    die  jüngere   einem 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  445 

köiiij^reich  zu  Conslanlinopei  ein  andres  zu  Salnccke*  gegen- 
iibcrslellt,  so  ist  deutlich  dafs  dies  erst  nach  dem  jähre  1204 
in  der  sage  angenommen  sein  kann ;  damals  nämlich  ward  in 
Constantinopel  das  sogenannte  lateinische  kaiserthum  gegrün- 
det das  bis  1261  bestand,  und  daneben  durch  Bonifaz  von 
Montferrat  das  königreich  zu  Thessalonich ;  früher  fand  mei- 
nes wifsens  diese  theiluug  des  landes  niemals  statt,  die  ältere 
darstellung  scheint  zwar  das  reich  zu  Salnecke  nicht  zu  ken- 
nen, wenn  auch  Caspar  einmal  str.  205  den  Wolfdietrich  von 
Salnecke  nennt;  doch  die  ganze  Versetzung  der  sage  nach 
Griechenland  kann  frühestens  erst  mit  dem  zwölften  Jahrhun- 
dert eingetreten  sein,  als  gleichzeitig  so  manche  andre  unter 
der  band  roher  spielleute  ein  ähnliches  Schicksal  hatten  (llel- 
dens.  357.  vergl.  einleit.  zu  Kudrun  s.  87.  93).  sollte  aber 
bis  dahin  die  sage  es  festgehalten  haben  dafs  Hug  und  Wolf- 
dietrich ein  Ostreich,  wie  Theuderich  und  Theudebert  Austra- 
sien,  besefsen  hätten?  so  wäre  nicht  viel  meiir  als  ein  ver- 
zeihlicher irrlhum  vorgefallen,  aber  das  reich  Hugdietrichs 
umfafst  nach  den  altern  Überlieferungen  auch  Heunenland,  Po- 
len und  Meran  d.  i.  Dalraatien  und  Croatien,  wie  Hormayr 
(Werke  3,  208.  209)  nachwies,  länder  die  zwar  um  die  mitte 
des  zwölften  jahrh.  die  griechischen  kaiser  erobert  hatten,  die 
aber  1180  Bela  111  dem  ungarischen  reiche  wieder  gewann, 
die  jüngere  darstellung  zählt  ferner  noch  Galizien  zum  reich 
Hugdietrichs;  was  str.  261  der  Wiener  hs.  mit  Pei/  der  ypp 
hindmi  (im  heldenb.  dr.  von  1590  widreii  und  xiijperian) 
gemeint  sei  wird  erst  weitere  vergleichung  von  handschrif- 
ten  ergeben,  genug,  da  Ungarn,  Polen  (Galizien)  und  Dal- 
matien  zusammen  nie  zum  historischen  griechischen  reich  ge- 
hörten, wohl  aber  das  damalige  ungarische  ausmachten,  zum 
theil  auch  in  einer  gewissen  abhängigkeit  von  Deutschland 
standen,  so  ergiebt  sich  zwischen  den  endpunkten  Dänemark 
(am  Rhein)  und  Constantinopel  ein  mittel  wo  die  sage  doch 
nicht  ganz  aufserhalb  des  deutschen  gesichtskreises  zu  stehen 
scheint,  von  wo  aus  sie  aber  in  jenem  Jahrhundert  leicht  öst- 


'■^'  in  der  Wiener  hs.,  im  4u  bände  dieser  zeitschiilt  abgedruckt, 
wird  durchweg  Saluekke  gelesen,  doch  wird  es  schwerlich  etwas  an- 
deres sein  sollen  als  Thessaionich. 


446  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

lieber  wandern  konnte,     dafs  sie  aber  auch  noch  kurz  zuvor 
ihre  statte  in  Deutschland  hatte  lälst  sich  darthun. 

Auf  den  Zusammenhang  der  sage  vom  llother  und  Oserich 
mit  dem  WolFdietrich  haben  bereits  von  der  Hagen  und  Wilh. 
Grimm  hingewiesen.  Kother,  könig  zu  Rom  oder  zu  Bare  in 
Apulien,  dem  gewöhnlichsten  hafenort  deuischer  kreuziabrer, 
ist  wahrscheinlich  der  langobardische  könig  Rothari.  aber 
nichts  weiter  als  dieser  name  ist  von  longobardiscber  Über- 
lieferung in  der  sage  zu  entdecken,  es  wird  vom  Rother  eine 
der  so  häufigen  gefahrvollen  brautwex'bungen  erzählt ;  dieselbe 
sage  ist  wenig  passend  dann  auch  an  Etzels  Schwiegervater 
Oserich  geknüpft,  eigenthümlich  gehören  diesem  brautwer- 
bungsmythus  drei  oder  vier  riesenbrüder  an,  jeder  von  be- 
sonderer art  und  bedeutsamen  eigenschaficn;  aber  so  sehr  ist 
der  ursprüngliche  Zusammenhang  schon  verwittert  dafs  nicht 
einmal  diese  riesen  mehr  jeder  seine  besondere  nothwendige 
stelle  in  der  handlung  beibehalten  haben,  die  hcimat,  die  ih- 
nen sowohl  im  Rother  als  in  der  erzähluiig  der  Thidrekssaga 
beigelegt  wird,  beweist  dafs  der  mit  ihnen  zusammenhängende 
mylhus,  sagenhaft  umgebildet,  einst  in  Norddeutschland  loca- 
lisiert  war,  und  damals  wird  er  eben  so  wenig  mit  dem  Lan- 
gobarden als  mit  dem  Wilzenkönig*  etwas  zu  thun  gehabt 
haben,  mit  diesen  beiden  epischen  namen  sind  aber  noch  ele- 
menle  einer  andern  sage  verknüpft,  die  uns  zunächst  angeht, 
sowohl  Rollier  als  Oserich,  als  sie  sich  an»  hole  des  iVindsc- 
seligen  braiitvaters  belinden,  treten  unter  dem  namen  Dietrich 
auf,    und  als  Rother  das  erste  mal  zurückkein-t,  zieht  er  von 

'■  dafs  Osericb  (Osantrix)  dies  ist  wird  eine  neue  vollstäudig:e 
ausSfibe  der  sogenannten  Villiinasapa,  die  mein  freund  R.  von  Liliencron 
vorbereitet,  dartbun.  als  in  dieser  zeitscbrift  (i,  64  «ine  neue  deutung 
des  namens  Viliviuus,  Villcinaland  versucht  ward,  liefs  icb  micb  durcb 
Ilafos  Übersetzung  und  Pcringslviölds  ausgäbe  verleiten  und  übersah 
dafs  schon  P.  E.  Müller  Sagabib.  2,  I8Ü  angiebt  dafs  die  beiden  voll- 
ständigen Kopenhagener  handschriften  durchweg,  wie  Liliencron  bestä- 
tigt, niftniis  und  Filtinaland  haben,  und  in  der  that,  rechnet  man 
einige  nordische  zuthaten  in  der  saga  ab,  so  ist  das  Villinaland  offen- 
bar das  land  zwischen  Norddeutschland  und  Polen,  also  das  nieder- 
derdeulsche  Viltciialand,  und  das  land  der  // V/ze,  wohin  nach  Dietrichs 
nucht  (Heldens.  187)  Ermenrich  seinen  sohu  sendet,  ist  genau  dasselbe, 
es  ist  nunmehr  ganz  aDmöglich  bei  den  angeblicheu  \  ilkinus  noch  an 
Vulcanus  zu  denken. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  447 

Bari  über  Bern  (Verona),  dann  über  die  berge  nach  Deutsch- 
land, sl reitet  wider  die  empörer  in  liif lande  und  hält  dann 
daselbst  gericht,  Holher  3097  ;  auch  zuletzt  sitzt  er  nicht  mehr 
zu  Honi  oder  liare,  sondern  im  Iräukisclien  lande  zu  Aachen 
5021fr.  und  gilt  für  den  vater  Pippins,  grofsvater  Karls  des 
grol'sen.  dal's  Rother  hier  an  die  stelle  des  austrasischen 
Dietrich,  nicht  aber  des  ostgothischen  gesetzt  ist,  ist  klar ; 
so  wie  Pippin  die  ganze  reihe  der  Arnulfmge  vertritt,  so  steht 
Ilotlier-Dietrich  collecliv  in  dieser  sagenhaften  genealogie  für 
alle  Merovinge.  die  erzählnng  der  Thidrekssaga  ist  vielleicht 
nur  eine  ungenaue  auffafsung  und  willkürliche  Übertragung  des 
inhalls  des  gedichts  von»  Rother  auf  den  Osantrix;  wenigstens 
blieb  das  gedieht  nicht  ohne  einllul's  auf  die  erzählung  der 
saga.  die  Verknüpfung  aber  so  verschiedener  bestandtlieile, 
wie  sie  in  dem  gedichtc  stattfindet,  und  die  wendung  die  hier 
einem  mytlius  von  einer  brautwerbung  gegeben  wird,  scheint 
gröstentlieils  nur  die  eigne  neue  erlinduug  des  verfafsers  des 
gedichtes  selbst,  eines  rheinländischen  spielmanns,  zu  sein, 
wie  dem  aber  auch  sei,  sowohl  ein  willkürlich  schaltender 
dichter  als  auch  die  allmählich  bildende  sage  mufs  im  zwölf- 
ten Jahrhundert,  als  das  gedieht  oder  sein  inhalt  sich  gestal- 
tete, die  aüstrasisclie  Dietrichssage  noch  innerhalb  der  gren- 
zen Deutschlands  vorgefunden  haben. 

Hugdietrichs  treuer  rathgeber  oder  sein  erzieher,  ver- 
trauter und  verwandter  ist  der  alte  herzog  Berchtung  von 
Meran.  er  wird  auch  Wolfdietrichs  erzieher  und  pdeger,  und 
nach  Hugdietrichs  tode  ist  er  es  gerade  der  mit  seinen  sech- 
zehn söhnen  die  eigentliche  idee  der  ganzen  fabel  veranschau- 
lichen soll ;  sechs  von  ihnen  fallen  im  kämpfe,  und  als  Wolf- 
dietrich nun  flüchtig  die  übrigen  mit  dem  vater  in  der  gewall 
seiner  feinde  lafsen  mufs,  sind  seine  elf  treuen  dienstmannen 
immerfort  seine  klage  und  all  sein  trachten  gehl  mehr  auf 
ihre  befreiung  als  auf  die  Wiedergewinnung  seines  reichs.  die 
Wolfdietrichssage  kann  ohne  Berchtung  und  seine  söhne  nicht 
gedacht  werden. 

Nun  aber  kommt  auch  im  Rother  ein  alter  graf  (466) 
oder  richtiger  herzog  (69.3  ff.)  Berchter  (Mafsmanns  anm.  zu 
452  ff.  725;  Bercher  566  ;  Berker  1351)  vor,  der  erzieher 
und  rathgeber  Rothers,  dem  auch  dieser  von  seinem  vater  auf 


448  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

dem  todbette  empfohlen  ist ;  von  seinen  sechszehn  söhnen  fin- 
det sich  eine  dunkle  spur  5125.  unter  den  zwölf  boten  die 
Rother  aussendet,  und  die  gefangen  gesetzt  werden,  sind  zwar 
nur  sieben  söhne  Berchters,  dieser  erwähnt  aber  selbst  409 
ihrer  zwölf,  man  sieht,  hier  ist  Verwirrung  (Heldens.  53) 
oder  Willkür,  und  genau  besehen,  so  spielt  der  alte  Berchter, 
im  Hug-  und  Wolfdietrich  so  unentbehrlich,  im  Rother  dage- 
gen eine  iiberüüfsige  rolle,  offenbar  ward  die  gefangenneh- 
mung der  boten  Rothers  der  anlafs  ihn  hier  einzumischen 
und  jene  boten  wenigstens  zum  theil  für  seine  auszugeben. 
Osantrix  sendet  erst  sechs  namenlose  ritter,  und  als  diese  ge- 
fangen gesetzt,  mit  einer  zweiten  bolschaft  seinen  brudersohn 
Hertnit  selbzwölfte  aus :  dann,  als  diese  dasselbe  Schicksal 
trifft,  macht  er  erst  sich  selber  auf  mit  den  riesen  :  hier  ist 
der  Berchter  unbekannt,  durch  die  einmischung  desselben  aber 
und  seiner  söhne  tritt  in  Rother  eine  Verdoppelung  der  mo- 
tive  ein,  wie  sie  keine  alte  reine  sage  kennt,  indem  des  kö- 
nigs  sinnen  und  trachten  zwischen  dem  verlangen  nach  der  kö- 
nigstochter  und  der  treue  gegen  seine  dienstnianuen  getheilt 
ist ;  beweises  genug  dafs  Berchter  nur  aus  der  andern  sage 
heriibergenommen  ist.  * 

Seit  1117  nannten  sich  die  dogen  von  Venedig  herzöge 
von  Dalmatien  und  Croatien,  seit  1180  auch  ungarische  prin- 
zen,  Ilormayr  Werke  3,  182.  183;  denselben  titel  führten  ohne 
das  land  zu  besitzen  seil  1140  die  Dachauer  grafen,  zwei- 
mal in  Urkunden  von  1152  und  1158  werden  sie  auch  mit 
dem  gleichbedeutenden  von  Meran  genannt,  a.  a.  o.  149;  aber 
erst  als  ihr  haus  11 80  ausstarb  und  der  titel  auf  das  verwandle 
des  grafen  Berthold  IV  von  Andechs  mit  dem  jähr  1181  iiber- 
gieng,  ward  die  benennuug  nach  Meran  gebräuchlicher,  a.  a.  o. 
167.  177.  Heldens.  53:  1248  erlosch  auch  dieses  haus  und 
damit  zugleich  der  titel.  nun  ist  der  name  Berlholds  gewiss 
nicht  von  einflufs  auf  unsere  sage  gewesen,  **  wohl  aber  kann 
man  die  einwirkung  der  historischen  Verhältnisse  darin  erkennen 

*  andere  ähulichkeiten  beider  gedichte,  z.  l).  die  beziebung  auf  den 
Orient,  dals  beide  beiden  zuletzt  sich  münchen  u.  dergl.,  beruhen  nicht 
auf  der  sage,  sondern  auf  dem  stil  der  spielniannspoesie. 

**  Berthold  III    war   damals    noch   jung  als  er  den  herzoglitel  em- 
pfieng. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  449 

dal's  im  Rotlier  Bercliter  herzog  von  Meraii  ebenso  wie  die 
üacliauer  und  Andeoliser  grafen  ein  vasall  des  römischen  kai- 
sers  und  deutschen  königs  ist;  denn  als  solcher  wird  Rolher 
dargestellt,  wie  aber  bereits  bemerkt  ward,  wird  im  Hug-  und 
WoUdietrich  dagegen  in  Übereinstimmung  mit  der  wahren 
historischen  Sachlage  Meran  entweder  zum  griechischen  oder 
zum  ungarischen  reiche  gerechnet,  dies  scheint  die  ältere, 
wahre  meinung  der  sage  zu  sein,  wenn  sie  Berchtung  von 
Meran  der  Dietriche  von  Griechenland  dienstmann  sein  läfst. 
in  merkwürdigem  Widerspruch  damit  steht  jedoch  str.  272  der 
Wiener  hs.,  wo  die  beiden  von  3Ieran  kommend  durch  das 
Eppaner  thal  (ze  egpan  in  das  tau  1.  ze  Eppan  in  däz  tal*) 
reiten;  der  dichter  muls  an  das  nahe  tirolische  Meran  ge- 
dacht haben,  das,  ein  marktflecken  der  grafen  von  Tirol,  erstseit 
1239  in  Urkunden  vorkommt  (Hormayr  a.  a.  o.  200),  aber 
nie  herzögen  den  namen  geliehen  hat.  auch  die  ältere  dar- 
stellung,  wo  Berchtungs  bürg  Lilienporte  (Hormayr  a.  a.  o. 
257;  bei  Caspar  liparte)  heilst  und  eine  veste  SchiUes  (bei 
Caspar  vtenigstens  slr.  143)  erwähnt  wird,  mag  an  tirolische 
örter  oder  besitzungen  der  deutschen  herzöge  von  Meran  ge- 
dacht haben,  aber  in  immerhin  so  späten  ge(fichten  könnte 
ein  misverständnis  der  in  ihnen  behandelten  sage  nicht  im 
mindesten  verwundern :  verfolgen  w  ir  jedoch  die  übrigen  spu- 
ren der  sagen  von  Berchter  und  seinem  geschlechte,  wird  je- 
nes schwanken  des  locals  gewissermalsen  gerechtfertigt  er- 
scheinen. 

Jene  Vermutung  dafs  die  ähnlichkeit  der  Rothersage  mit 
der  von  Wolfdietrich  hinsichtlich  der  gefangenschaft  von  elf 
oder  zwölf  dienstmannen  zu  der  einmischung  von  bestandlhei- 
len  die  letzterer  allein  angehören  verführt  hat,  und  so  Berch- 
ter zum  vater  des  boten  Rothers  ward,  wird  dadurch  unter- 
stützt dafs  die  namen  seiner  söhne  in  diesem  gedieht  von 
denen  die  ihnen  im  Wolfdietrich  beigelegt  werden  völlig  ver- 
schieden sind,  man  könnte  versucht  sein  sogar  die  beiden 
angeblichen  söhne  Liuppolt  von  Meildn  Roth.  3439.  4190. 
4358,  der  in  keinem  andern  gedichte  erwähnt  wird,  und 
Erwin,  von  dem  das  gedieht  selbst  nichts  mehr  als  den  kah- 
len namen  augiebt,  für  blofse  erfindungen  des  dichters  zu  hal- 
*■  das  heldenb.  druclc  von  I59Ü  liest  zu  Sippen  in  das  tal. 
Z.  F.  D.  A.  VI.  29 


450  DIE  AÜSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

len.  dem  zweiten  söhne  wird  mit  ausnehmender  freigebigkeit, 
die  jedoch  in  der  spielmannspoesie  sehr  gewöhnlich  ist,  von  Re- 
iher Spanien  4840,  dem  ersten  Liuppolt  aufser  Kerlingen  noch 
Apulien  und  Sicilien  verliehen,  obgleich  diese  beiden  länder 
damals  als  der  dichter  lebte  noch  nicht  und  ebenso  wenis 
in  der  band  deutscher  könige  oder  kaiser  standen  als  jene ; 
alt  kann  dieser  zug  natürlich  nicht  in  der  sage  sein,  jedoch 
tritt  ein  Erwin,  freilieh  mit  dem  zusatz  voji  Else?i  Troie,  in 
der  Piabenschlacht  und  Flucht  unter  Etzels  beiden  als  Irings 
bruder,  Rabenschi.  543,  und  ebendaselbst  str.  724  auf  Er- 
menrichs  Seite  nur  mit  verändertem  namen  ein  Re?itwin  von 
Elsenf  Troie  auf,  und  dieser  name  w«ist  wegen  des  Troie 
ohne  Zweifel  auf  fränkische,  ja  wohl  auf  die  Wolfdietrichs- 
sage selbst  hin,  wo  wenigstens  des  beiden  geliebte  Else  und 
ihre  bürg  und  ihr  land  ze  alten  Troyen  heifst.  von  einem 
dritten  söhn  erzählt  Berchter  469  dafs  Rother  (Dietrich)  ihn 
über  die  Elbe*  mit  einem  grofsen  beere  gesendet  habe  und 
dafs  er  dort  gegen  die  beiden  kämpfend  in  goltes  diensle  ge- 
fallen sei.  auch  hier  weisen  namen  und  local  auf  fränkische 
sage  und  vielleicht  merovingische  zurück,  nur  dafs,  wie  einst 
gegen  die  Sachsen  jenseits  des  Rheins,  jetzt  der  zeit  der 
kreuzzüge  gemäfs  gegen  Wilzen  und  Wenden  gekämpft  wird, 
alle  diese  uotizen,  wenn  nicht  willkürlich  erfunden,  sind  im 
besten  falle  also  bruchstücke  von  sagen  die  ursprünglich  gar 
nichts  mit   dem  langobardischen  Rotlier  zu  schallen  hatten. 

Ungleich  wichtiger  sind  andere  sagenreste  die  uns  das 
gedieht  von  Rotlier  erhalten  hat.  für  die  zeit  seiner  (Dietrichs) 
abwesenheit  wird  Amelger  von  Tengelingen  als  reichsverwe- 
ser,  jedoch  nicht  in  Rom,  sondern  in  Deutschland  oder  viel- 
mehr in  Baiern  bestellt,  denn  jenes  Tengelingen  ist  entwe- 
der das  heutige  Tengling  zwischen  Regensburg  und  Straubing 
{Otto  et  Sigihart  de  Tengilingen  iMeichelb.  nr  1277,  c.  a. 
1100)  oder  eher  noch  das  salzburgische  gleiches  namens 
(Tengihilinga  Kleinmayrns  Juvav.  s.  2G  a.  788).  Amelger 
wird  sogar  könig  genannt  2953 ;  er  ist  mit  Rotlier  (Dietrich ) 
und  Berchter  verwandt,  in  ft-ühern  jähren  hatte  Elvewin 
(Albwin),  ein  herzog  vom  Rhein,  ihn  aus  seinem  lande  ver- 

'"   den  santes  du  vbcr  elve:  Malsiiiann  denkt  an  die  Alpen;    Wilh. 
Grimm  Heldeus.  52  sogar  an  Syrien,   was  sicherlich  ein  irrlhum  ist. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRI^HSSAGE.  451 

trieben,  aber  Berchtcr  lialf  ihm,  erschlug  Elvewiii  iinftl  gewann 
Ainelger  sein  land  wieder,  3415.  nun  stirbt  er  noch  ehe  Ro- 
Iber  (Dietrich)  zurückgekehrt,  da  empören  sich  sechs  mark- 
gralen  und  verwüsten  das  ganze  reich  :  sie  woikn  statt  des 
unbeerbten  Rother  (Dietrichj  Hademar,  den  mächtigen  herzog 
von  Diezzen,  zum  könige  haben  2939  tf.  zwar  hat  nach  die- 
sem ort  niemals  einer  den  herzogtitel  geführt,  aber  es  war 
der  Stammsitz  jenes  machtigen  geschlechts  das,  eine  Fortsetzung 
der  altbaierischen  Huosi,  in  seinen  zweigen  der  Dachauer  und 
Andechser  grafen  im  zwöUten  Jahrhundert,  wie  wir  sahen,  den 
herzogtitel  führte  (Hormayr,  Werke  3,37.  56  ff.  1,  taf.  VIII). 
den  eaipörern  widersetzt  sich  nun  W'olfrat,  Amelgcrs  söhn, 
mit  andern  getreuen,  und  als  Rother  (Dietrich)  zurückkehrt, 
dauert  die  fehde  noch  an,  aber  man  erfährt  nicht  genau,  wie 
sie  abgelaufen,  denn  obgleich  Rother  über  die  berge  kom- 
mend in  Baiern  von  Wolfrat  empfangen  wird  2970  ff.,  so  ist 
er  nach  3096  doch  mit  seinen  feinden  zu  lliflando : 

dar  rigU  der  gode  keyser    . 

Wide  will  unde  weisin. 
3285  kommt  er  wieder  nach  Bare  zurück,  und  bei  dem  nun 
folgenden  zweiten  zuge  nach  Conslantinopel  begleitet  ihn 
Wolfrat  mit  einem  grofsen  prächtigen  beere  von  Baiern  3570  ff. 
später  empfängt  er  zum  lohne  für  seine  tapferkeit,  die  wieder- 
holt gerühmt  wird,  Österreich  Polen  und  Böhmen  4863.  wahr- 
scheinlich ist  er  daher  kein  anderer  als  der  Wolfrät  uz  Oster- 
lande  der  nach  dem  Biterolf  (Heldens.  140)  Astolts  zu  Me- 
delicke  oder  Mütären  bruder  sein  soll;  sie  kämpfen  daselbst 
7686.  10283  mit  Gelfrät  und  Else  aus  Beierlant.  sowohl 
Berchter  als  auch  Rother  stehen  hier,  trotz  jener  erwähnung 
Riflands  und  eines  herzogs  vom  Rhein,  offenbar  ganz  inmit- 
ten baierischer  händel.  es  mag  daher  an  die  alten  agilolfin- 
gischen  Theodebald  *,  Theodebert  und  Theodone  erinnert  wer- 
den, von  deren  einem  es  wenigstens  sagen  gab;  und  wie  er 
darin  mit  dem  ostgothisclien  Theodorich  wechselt  (Grimm, 
Reinhart  f.  L.  LI),  so  wird  auch  das  mittelglied  zwischen  einem 
baierischen  Dietrich  und  dem  Rother  nur  der  austrasische  glei- 
ches namens  sein.  Berchters  Verflechtung  in  diese  sage  kann 

**  einen  Diepolt   (d.   i.    Dietpalt)    von  Beiern  nennt  die  Rabenscbl. 
Str.  fi5. 


452  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

aber  nicht  durch  die  annähme  erklärt  werden  dafs  er,  wie  er 
liinsichtlich  Merans  sich  sclion  mit  den  Andechsern  berührt, 
so  auch  hier  an  der  stelle  eines  altern  dieses  geschlechts 
steht;  sein  gegner  in  der  sage  gehört  gerade  diesem  hause 
an,  schwerlich  aber  seine  freunde  Amelger  und  Wolfrat  von 
Tengelingen ;  überdies  fällt  der  älteste  andechsische  Bertholt 
erst  ins  elfte  Jahrhundert,  nur  das  darf  man  aus  dieser  eigen- 
thümlichen  Verbindung  baierischer  sage  mit  jenem  beiden  un- 
sers  epos  schliefsen,  dafs  in  diesem  ihm  längst,  und  zwar  in 
folge  seines  Zusammenhangs  mit  Hug-  und  Wolfdietrich,  eine 
Stellung  in  östlichen  gegenden  angewiesen  war,  wenn  auch 
nicht  zu  Meran,  so  anderswo. 

Im  Wolfdietrich  wird  der  alte  ßerchtung  als  ahn  des  ge- 
treuen Ekkehart  und  der  VViilfinge  hingestellt,  Heldens.  231. 
233.  seine  beiden  ältesten  vorzüglichsten  söhne  sind  Hache, 
Ekkeharts  vater  zu  Breisach  am  Rhein,  und  Herbrant,  Hilde- 
brands vater  zu  (Jarten  in  Lamparten :  an  diesen  schliefst 
sich  noch  ein  jüngerer  söhn  Albranl.  offenbar  nach  gewöhn- 
licher cntstellung  ein  älterer  namcnsgenaunter  Hadebrands; 
er  emplangt  Brabant.  aber  der  erste  gehört  einem  thüringisch- 
alemannischen  mythus  an,  worüber  an  anderm  orte,  und  der 
zweite  der  gothischen  sage,  doch  ist  jener  Pragmatismus  nicht 
ungeschickt,  die  Verbindung  mit  Berchtung  kann  immerhin  von 
ziemlichem  alter,  wenn  auch  nicht  ursjjrünglich  sein.  Berch- 
tung weist  durch  seinen  nanien  so  gut  wie  Amelung  und  Ni- 
belung  auf  ein  eigenes  gleichnamiges  geschlecht  hin  ;  unpas- 
send trägt  er.  der  Stammvater,  nur  einen  namen  mit  |)atronv- 
mischer  endung.  voizuzielien  scheint  der  im  Rother  gebräuch- 
liche name  Berchter.  so  lieifst  auch  einer  der  söhne  im 
Wolfdietricli,  Heldens.  233,  und  gerade  dieser  empfängt  Meran; 
ein  anderer  Berchtujig  Kernden,  ein  dritter  Berchtwin  Sach- 
sen, ich  stehe  nicht  an  ein  geschlecht  der  Berchtunge  an- 
zunehmen, dessen  reihe  freilich  zerrifsen  ist,  aber  folgen  wir 
der  spur  des  namens,  so  gehören  alle  aufser  dem  schwäbi- 
schen Berchlold,  Heldens.  138,  olfenbar  einem  Zähringer  der 
sage,  jenem  räume  an  wo  wir  bisher  den  Berchter  und  Berch- 
tung und  die  mit  ihm  zusammenhängenden  sagen  landen 
und  wo  wir  ihm  auch  einen  sitz  von  altersher  zuschreiben 
möchten. 


D[E  AUSTRASISCHE  DIETUICHSSAGE.  453 

Aul  die  slelleii  des  BiteroU",  die  wohl  auf  unsere  sage 
bezogen  werden  niiilscn,  machte  bereits  ilorniayr  aufmerksam 
a,  a.  o.  255  ff.  auch  hier  kommt  schon  ein  herzog  von  Meran, 
nämlich  Schrutan,  im  dienst  bei  Etzel  vor,  Heldens.  142.  als 
gegen  die  Burgunder  gerüstet  wird,  räth  Biterolf  zu  Ermen- 
rich  zu  senden  und  ihn  zur  hilfleislung  aufzufordern ;  da  wer- 
den neben  den  Hertungen  als  Bcrkers  kinder  die  fürsten  zu 
Meyldn  genannt,  4(>01  ;  sie  heifsen  Rienolt  (d.  i.  Reinolt, 
Reginoll)  und  tio/uhlt,  begegnen  uns  in  andern  gedichten  un- 
ter etwas  veränderten  namen  und  in  andern  Verhältnissen  wie- 
der, Heldens.  145.  209,  und  werden  wahrscheinlich  schon  im 
Travellers  song  ixhlia'dhn'e  m\{\  Ro/idhere  (neben  Rumslanr=: 
Rimstein,  Bit.  4773.  Thidrekss.  c.12())  unter  Ermenrichs  man- 
nen erwähnt;  denn  die  namen  bedeuten  ganz  dasselbe,  aul'ser- 
dem  wird  neben  ihnen  im  Biterolf  4759  ein  Berchtu/tg'  auf- 
gefordert, der  junge  genannt  5191.  5667,  und  herzog  zu  Raben 
oder  Lamparten,  ebenso  ein  junger  Sabenc,  Sibichen  söhn, 
Heldens.  145;  von  dem  altern  wird  alsbald  die  rede  sein. 
Berchtungs  leute  und  die  von  Meylan  kämpfen  dann  8802. 
8962  mit  denen  Nantwins  von  Baiern ;  sonst  finde  ich  nichts 
von  diesen  epigonen  erwähnt  was  auf  alte  echte  sage  hin- 
deutet, nur  des  Paltrani  von  Alexandrien,  königs  von  Apu- 
lien,  Bit.  2556.  2670,  sei  noch  gedacht,  da  bei  Caspar  von 
der  Röhn  ein  könig  Paftrain  Berchtungs  (Puntungs)  schwager 
ist.  im  Alphart  73  werden  unter  Dietrichs  beiden  Hache  der 
junge,  Bange  (1.  Bonge,  Wolfdietrichs  bruder?),  Ortioin  (von 
Metzen?),  Berchter  der  starke  und  Volkvnn  (Nantwins  von 
Baiern  bruder?)  nach  einander  aufgezählt,  und  bei  Ermenrich 
ein  herzog  Berchiram  iion  dem  berge  (Tirol?)  genannt, 
Heldens.  237.  238;  in  der  Flucht  429  unter  andern  italischen 
und  östlichen  beiden  ein  Perchti'am,  dann  470  Belichtung 
Wifslans  von  Griechenland  söhn;  ebendaselbst  und  in  der 
Rabenschi.  Heldens.  192  unter  Dietrichs  mannen  ein  herzog 
Berchtram  von  Pole,  Randolt  von  Ancone,  Berchter  und 
Sabene  ein  herzog  und  markgraf  zu  Bern  und  Mailand,  den 
Dietrich  hier  belehnt  haben  soll,  bei  Ermenrich  dagegen  Sa- 
bene Sibechen  söhn;  dann  bei  Etzel  Heldens.  198  ein  Baltram 
ohne  beisatz,  ferner  ein  Dietrich  von  Kriechen,  ohne  zwei- 
fei unser  Hug-  und  Wolfdietrich  odei*  (gemäfs  der  altern  dar- 


454  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

stellun«,';  einer  seiner  briider:  aufserdem  noch  die  schon  er- 
wähnten Erwin  von  Elsen  Troie  und  die  Helfriche  von 
Lütringe  und  von  Lunders:  allein  in  der  Rabenschlacht,  Hel- 
dens.  212,  bei  Etzel  mit  andern  baierschen  und  östlichen  bei- 
den ein  herzog  Berchtram  von  Salnicke  und  ein  markgral' 
Berchtung-,  ein  naher  venvandter  der  Herrat  und  Tibalts  von 
Sihenhärgen,  Heldens.  104.  diese  Berchtunge,  ßerchtrame 
und  Berchtere  nebst  Baltram  denke  ich  mir  als  zersprengte 
glieder  jenes  geschlechts  das  allein  in  der  austrasischen 
Dietrichssage  seine  unverrückbare  stelle  hat:  dals  sie  nach 
Italien  gelangten  ist  vermittelst  der  ostgothischen  Dietrichs- 
sage und  deren  Verflechtung  mit  der  von  Ermenrich  begreif- 
lich ;  dals  sie  auch  in  Etzels  dienste  traten  noch  weniger  zu 
verwundern,  gerade  dasselbe  schwanken  in  hinsieht  der  geo- 
graphischen angaben  findet  bei  jenen  namen  statt,  wie  wir  es 
schon  in  der  Dietrichssage  beobachteten:  sie  verbreiten  sich 
über  den  ganzen  osten,  Griechenland,  Polen  und  das  ungari- 
sche reich,  neigen  sich  aber  auch  auf  die  deutsche  seite  und 
deuten  auf  Tirol,  Baiern  und  Franken  hinüber. 

Zwar  ist  es  bekannt  dals  die  sitte  dem  namen  der  per- 
son  noch  den  ihrer  heimat  oder  ihres  besitzes  als  stehenden 
beisatz  hinzuzufügen  erst  mit  dem  elften  Jahrhundert  aufkommt ; 
aber  doch  auch  die  ältere  poesie  hatte  ein  ähnliches,  was  frei- 
lich von  titelniäfsiger  Steifheit  weit  entfernt  war:  sie  unter- 
liefs  es  nicht  sowohl  von  der  abkunfl  als  auch  von  der  hei- 
mat ihrer  beiden  bescheid  zu  geben,  und  was  ihre  angaben 
über  letztere  betrilft,  so  setzt  sie  darin  natürlich  immer  be- 
stimmte ethnographische  und  historische  Verhältnisse  voraus, 
mögen  die  personen  nun  ursprünglich  selbst  historisch  oder 
aber  mythisch  sein,  nun  ist  es  bekannt  dals  Theuderich  viel- 
leicht schon  die  Baiern  unterwarf,  dals  gleich  nach  Theodo- 
richs des  Ostgothen  tode  den  Franken  ein  grofser  theil  des 
heutigen  Tirol  zufiel,  dals  Theudebert  von  hier  aus  provinzen 
die  bisher  zu  Italien  gehörten  angrifl",  mit  den  Langobarden 
in  Pannonien  kämpfte  und  sie  zinspilichtig  gemacht  haben 
soll  ((iesta  Franccu'.  c.  26,  vergl.  Gregor  3,  32),  so  dafs  er 
in  seinem  briefe  an  den  kaiser  Justinian  sich  einer  herschaft 
rühmen  konnte  die  sich  vom  nördlichen  ocean  bis  zur  (ost-) 
grenze  Pannoniens  an  der  Donau   entlang  erstreckte,  und  er 


DIE  ALSTR.\SISCHE  DIETRICHSSAGE.  455 

von  hier  aus  im  verein  mit  Langobarden  und  Gepiden  (in 
Ungarn)  daran  denken  konnte  das  griechisclie  reich  selbst 
anzugreifen,  als  der  tod  ihn  ereilte,  auf  diesem  Schauplatz 
seiner  thaten  mag  die  sage  frühzeitig  dem  ersten  dienstmann 
den  sie  ihm  zuschrieb  und  dessen  geschlechte  eine  statte  an- 
gewiesen haben,  als  Slaven,  Avaren  und  Ungarn  in  diese 
länder  einrückten,  wechselte  sie  dem  gemäfs  mit  den  namen 
der  Völker.  abe#  wie  wir  sahen  kann  sie  höchstens  erst  mit 
den  fünfziger  jähren  des  zwölften  jahrh.  Berchtung  den  titel 
eines  herzogs  von  Meran  beigelegt  haben;  sie  mag  aber  früh- 
zeitig geschwankt  haben  ob  er  auf  die  deutsche  seite  etwa 
als  markgraf  oder  auf  das  jenseitige  gebiet  an  seines  herni 
statt  über  die  fremden  herrschend  zu  stellen  sei.  wenn  nun 
endlich  Caspar  von  der  Röhn  sein  original  richtig  benutzt, 
so  sagt  die  ältere  darstellung  auch  noch  nicht  dafs  Hugdietrich 
sein  reich  in  Ungarn  und  Griechenland  erblich  von  seinen 
vorfahren  erhalten  habe,  sondern  vielmehr  dafs  er  es  erobert ; 
dies  wäre  also  nur  eine  sagenhafte  Übertreibung  des  histori- 
schen, und  um  so  eher  ist  es  begreiflich,  wie  die  sage,  die 
doch  im  zwölften  jahrh.  noch  Dietrich  als  herscher  im  austra- 
sischen  Frankenlande  kannte,  dies  vergefsen  und  der  roman- 
tik  und  geschichte  der  zeit  folgend  ihn  alsbald  ganz  als  erb- 
lichen könig  zu  Constantinopel  betrachten  konnte,  wie  dies 
in  der  jungem  darstellung  geschieht,  in  dieser  wird  auch  Hug- 
dietrichs  vater  Anczrus  Wiener  hs..  Antis,  Attenus  Hel- 
dens.  230,  genannt;  ein  entstellter  name,  vielleicht  der  grie- 
chische Alexius? 

Auf  die  angegebene  weise,  glaube  ich,  erklärt  es  sich  ein- 
fach sowohl  wie  als  auch  zu  welcher  zeit  die  wunderbare  Ver- 
setzung einer  deutschen  heldensage  in  ein  fernes  land  vorge- 
gangen ist;  dazu  musten  die  alten  historischen  erinuerungen, 
die  in  der  sage  selbst  hafteten,  selbst  sogar  mitwirken,  es 
fragt  sich  nur  ob  solche  historische  elemente  sich  noch  wei- 
ter verfolgen  lafsen.  ist  Berchter  oder  Berchtung  eine  histo- 
rische person?  der  einzige  dieses  namens  der,  so  >'iel  wir 
wissen,  mit  Theuderich  und  Theudebert  in  einer  gewissen, 
jedoch  nur  entfernten  beziehung  steht,  ist  der  unglückliche 
Bertharius  von  Thüringen,  den  sein  bruder  Irminfried  ermor- 
den hiefs;  dieser. beraubte  dann  mit  Theuderich  und  Theude- 


456  DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

bert  verbündet  seinen  zweiten  bruder  Baduricus  des  reichs. 
es  kann  aber  keinem  vernünltigen  in  den  sinn  kommen  dar- 
aus unsere  sage  abzuleiten,  dal's  sie  nämlicb  eine  person  die 
historisch  fast  keinen  Zusammenhang  mit  Hugdietrich  hat  zu 
ihm  in  ein  solclies  Verhältnis  gesetzt  hätte  wie  Berchtung  zu 
ihm  hat.  da  findet  sich  nun  (Fredegar  c.  24.  25)  bei  Theu- 
derich II  von  Burgund  ein  majordomus  Berthoaldus  genere 
Francus,  moribus  mensuratus,  sapiens,  cautu»,  in  proelio  for- 
lis,  fidem  cum  oranibus  servans,  ganz  wie  der  alte  Berchtung; 
er  fällt  aber  noch  in  demselben  jähre  da  er  zu  seiner  würde 
erhoben  durch  die  nachstellungen  des  Protadius  und  der  Bru- 
nichild  in  einer  schlacht.  ferner  hiefs  der  cubicularius  dessel- 
ben burgundischen  königs  Bertharius,  der,  als  Austrasien  von 
Theuderich  erobert  ward,  sich  sehr  auszeichnete  und  den  flie- 
henden Theudebert  ereilte  und  gefangen  nahm,  Fredegar  c.  36. 
38.  man  wird  auch  noch  in  der  spätem  fränkischen  geschichte 
bedeutende  namen  finden  die  an  Berchter  oder  Berchtung  erin- 
nern, aber  wir  überlafsen  diese  dinge  lieber  andern,  die  die 
Nibelungen  aus  dem  Tacitus  herauslesen  oder  auch  aus  der 
geschichte  jener  Brunichild  oder  gar  aus  dem  lügengewebe 
später  belgischer  Chronisten  deuten;  diese  mögen  auch  hier 
ihr  heil  versuchen,  wir  meinen  an  der  grenze  des  histori- 
schen zu  stehen,  wo  es  sich  mit  dem  mythischen  verbindet 
und  so  zur  epischen  sage  wird,  das  sichere  kennzeichen  aber 
dafür  dafs  Berchtung  und  sein  geschlecht  mythisches  Ursprungs 
sind,  liegt  darin  dafs  ihm  in  der  altern  echten  sage  ein  ihm  in 
jeder  hinsieht  widersprechender  cliarakter  gegenübersieht.  Sa- 
bene  und  Berchtung  stammen  eben  so  gewiss  aus  einem  my- 
thus  wie  Sibeche  und  Ekkehart  oder  in  anderer  art  Hageu 
und  Siegfried. 

Die  jüngere  darstellung  weifs  nichts  mehr  von  Sabene. 
sie  schildert  den  Hugdietrich  als  einen  zierlichen  mädchen- 
haften Jüngling,  der  in  weiblichen  handarbeiten  sich  die  gröste 
geschickliclikeit  aneignet,  um  ganz  für  ein  mädchen  gehalten 
zu  werden  und  so  auf  den  thurm  zur  Hildeburg  zu  gelangen, 
es  mag  hier  immerhin  der  rest  eines  alten  myllius  erhallen 
sein:  Odin  niuunt  die  gesfall  eines  allen  weibes  an,  um  bei 
der  Rindr  zum  zweck  zu  kommen,  aber  so  sehr  ist  diesem 
theile  jener  darstellung  unserer  sage  jedes  gefühl  für  das  alle 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  457 

und  echte  entschwunden  dals  sogar  der  angebliche  könig  Wal- 
gunt  von  Salnecke  einen  namen  empfangen  hat  der  nicht  ein- 
mal ein  niannsname  ist,  und  keineswegs  kann  früher  jener 
mythus  die  ganze  sage  von  Hugdietrich  ausgemacht  und  die 
gestalt  gehabt  haben  in  der  er  überliefert  ist.  viel  würdiger 
erscheint  der  held  in  der  altern  darstellung.  er  hat  sich  weite 
reiche  unterworfen  und  ist  abermals  auf  der  heerfahrt,  als 
sein  dritter  söhn  Wolfdietrich  geboren  werden  soll.  Sabene, 
der  treulose  rathgeber,  ist  bei  der  königin  als  hüter,  er  stellt 
ihr  nach,  verleumdet  sie  dann  bei  ihrem  geniahl,  das  kind 
wird  ausgesetzt,  von  wölfen  gesäugt,  von  Berchlung  errettet 
und  aufgezogen,  man  sieht  es  dafs  jener  uralte  mythus  der 
zum  iheil  von  dem  anglischen  OlFa  (Schleswig-holst.  sagen  nr3), 
von  Siegfried  in  der  Thidrekssaga,  in  der  legende  von  Geno- 
vefa,  und  theilweise  noch  von  vielen  andern  beiden  in  ver- 
schiedenen Variationen  erzählt  wird*,  hier  aber  in  reicher  epi- 
scher fafsung  erscheint,  zu  diesen  innern  gründen  für  das  alter 
der  Überlieferung  kommt  noch  ein  historischer  grund.  denn 
wenn  es  wahr  ist  dafs  der  mythische  Berchtung  mit  seinem 
geschlecht  nur  das  historische  factum  der  treue  der  dienst- 
mannen Theudeberts,  die  ihn  im  reiche  seines  vaters  gegen 
seine  oheime  schützten,  zu  vertreten  hat,  so  hat  auch  der  my- 
thische Sabene  eine  historische  berechtigung.  jenem  thüringi- 
schen Irminfrid  dei-  auf  anstiften  seiner  gcmaliiin  seinen  brü- 
dern  reich  und  leben  nahm  und  seinem  verbündeten  den  ver- 
sprochenen antheil  vorenthielt,  dem  giebt  die  sage  als  treulosen 
rathgeber  den  göttlichen  heroen  Iring,  und  dem  überaus  krie- 
gerischen und  gefiirchteten**  Gothenkönig  Ermenrich,  den  sie, 
wohl  in  Übereinstimmung  mit  der  geschichtlichen  Wahrheit, 
selbst  einen  wölfischen  treulosen  (värlogan  Travell.  song) 
nennt,  dem  stellt  sie  nach  einander  unter  verschiedenen  na- 
men mehrere  treulose  rathgeber  zur  seile,  so  war  auch  Theu- 
derich in  verdacht  den  Irminfrid,  der  auf  treu  und  glauben  zu 
ihm  gekommen,  von  der  Stadtmauer  von  Zülpich  gestürzt  zu 
haben  und  Gregor  3,  7  erzählt,  wie  er  eben  nach  beendigung 
des    thüringischen    feldzugs    seinem  bruder  Chlothachari   nach 

*  vergl.  die  aogerdbi-teii  stellen  zu  den  Schleswig-holst.  sagen  nr5I3 
s.  523. 

**  so  Arnmian. 


458  DIE  AÜSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE. 

dem  leben  getrachtet,  und  fügt  dann    hinzu   'in    talibus  enim 
dolis  Theudericus  multuni  callidus  erat.' 

Ganz  entscheidend  endlich  für  das  alter  der  Verbindung 
von  Sabene  und  Hugdietrich  ist  ein  bisher  übersehenes  Zeug- 
nis, eben  in  jenem  ags.  gedieht  das  uns  schon  das  älteste 
Zeugnis  für  die  austrasische  Dietrichssage  lieferte  zählt  der 
Sänger  Vidsid  die  beiden  auf  die,  wie  er  selbst  mit  eignen  äu- 
gen erfahren  haben  will,  das  ingesinde  {inveorud)  Erraenrichs 
ausmachten ;  er  nennt  zuerst  Hedca  und  Beadeca  (ahd.  Ha- 
duhho  und  Patuhho),  über  welche  ich  auf  einen  aufsatz  in 
Schmidts  zeitschr.  für  gesch.  bd  8,  249  verweise,  dann  die 
Harlungen  Eraerca  und  Fridla  nebst  dem  weisen  und  guten 
Eästgota  (Ostrogota*),  den  vater  Unvens:  darauf  Secca  und 
ßecca,  den  altn.  Bikki,  und  nun  endlich .S'e^o/ö  wnATheödric : 
denen  folgen  Heathoric  und  Sifeca,  dieser  Sibeche  und  jener 
vielleicht  der  Friderich  der  sage,  darauf  Hlithc  und  Incgen- 
theov,  Eädvine  und  Elsa,  Ägelmund  und  Hüngär,  A'ulfhere 
und  Vyrmhere.  unter  letztern  befinden  sich  offenbar  lango- 
bardische  beiden ;  überhaupt  aber,  wenn  auch  die  übrigen  ge- 
nannten zum  grofsen  theil  später  noch  oder  andern  Zeugnissen 
gemäfs  mit  Ermenrich  in  naher  Verbindung  stehen,  so  ist  im 
ganzen  die  aufzäh lung  doch  so  beschaffen  dafs  wir  keineswegs 
genöthigt  sind  anzunehmen  Seafola  und  Theodric  hätten  nach 
der  ags.  sage  des  achten  jahrh.  in  einem  solchen  Verhältnis 
zu  I^]rmeiirich  gestanden,  wie  Sibeche  und  die  Uarlunge  nach 
der  deutschen  oder  Bikki  und  Randver  nach  der  allnordi- 
schen; dann  müste  auch  Tlietidric  hier  nicht  gleich  Hug- 
dietrich  sondern  W'olfdietricli  sein  und  Ermenrich  hätte  in 
ags.  sage  an  seines  vaters  stelle  gestanden,  wir  müfsen  ge- 
stehen dafs  wir  eine  solche  Verschmelzung  beider  sagen,  der 
gothischen  und  fränkischen,  im  achten  Jahrhundert  uns  nicht 
denken  können,  und  halten  dafür  dafs  jene  aufzählung  nicht 
viel  mehr  als  eine  ziemlich  willkürliche  Zusammenstellung  be- 
rühmter heldenpaare  ist,  bei  der  in  einigen  gliedern  offenbar 
der  gedanke    leitete   solche   zu   nennen    die    sich    zu  einander 

enituil  Ainalus  fflicitale,  Uilrvgvta  patientia,  Alhala  mansue- 
ludiiie,  Munilarius  aequilale,  Unünundus  forma  cet.  Cassiod.  11,  1. 
vergl.  Jord.  c.  li  Ostrogolha  ^eiiuit  L'nicl  (Uiiiof,  l  iinuil  codd.)  d.  i. 
Ihirr'/i. 


DIE  AUSTRASISCHE  DIETRICHSSAGE.  459 

verhalten  wie  Hiigdiptrich  und  Sabene.  SeaJ'ola  ist  deutlich 
nur  eine  andere  form  des  nilid.  Sabene,  das  ich  ahd.  nicht 
nachzuweisen  weil's,  wohl  aber  die  jenem  ags.  Seajola  ent- 
sprechende Sauitlo  (Meichelb.  nr  17,  a.  770),  Sabulo  (ebend. 
nr  390,  a.  819);  man  vergleiche  noch  Snvalinheim  (cod. 
Laureshani.),  ferner  die  Sabalingii  bei  Ptolemäus  auf  der 
kimbrischen  chersones  und  den  einfachen  namen  des  gothischen 
heiligen  Saba.  die  identität  des  Seafola  und  Sabene  aber 
sichert  zugleich  die  schon  stillschweigend  gemachte  annähme 
der  des  Theodric  und  Hugdielrich.  Sabene  ist  in  dem  theile 
des  epos  der  von  Hugdietrich  handelt  wichtiger  und  bedeu- 
tender als  in  dem  andern,  obgleich  er  es  ist  der  auch  Wolf- 
dietrichs briider  zur  Ungerechtigkeit  verleitet,  wofür  er  zuletzt 
schwer  büfsen  mufs.  ist  aber  der  an  zweiter  stelle  genannte 
Theodric  Hugdietrich,  wird  der  erste  ohne  zweifei  derselbe 
sein. 

Über  den  übrigen  mythischen  inhalt  der  sage  wird  keine 
Untersuchung  thunlich  sein  bevor  es  gelungen  ist  die  histo- 
rischen haltpunkte  der  mit  ihr  verschlungenen  Ortnitssage  fest- 
zustellen und  bis  vor  allem  das  ältere  gedieht  der  Ambraser 
handschrift  und  daneben  eine  vollständige  auf  vergleichung 
der  handschriften  gegründete  neue  ausgäbe  des  Wolfdietrichs 
des  heldenbuchs  vorliegt,  die  nach  dem  vorbilde  der  Lach- 
mannschen  Nibelungen  die  Verschiedenheit  der  texte  anschau- 
lich darstellt,  möchte  es  diesem  aufsatze  auch  gelingen  auf 
die  Wichtigkeit  und  den  innern  verborgenen  werth  dieser  ge- 
dichte,  für  die  schon  ganz  andere  stimmen  gesprochen,  von 
neuem  aufmerksam  zu  machen  und  zu  ihrer  Veröffentlichung 
ermunternd  mitgewirkt  zu  haben. 

Kiel  am  25  sept.   1847.        KARL  MÜLLENHOFF. 


460 


NIORDHR.  NORDHR.   NIORUN.  NORN. 
NEORXÜ. 

Dafs  Niürdr  meergotl  bedeutet  geht  zur  geniige  aus  den 
nachrichten  hervor  die  über  ihn  erhalten  sind,  es  ergiebt 
sich  aber  auch  aus  seinem  nainen.  der  stamm  desselben  ist 
nir,  der  sich  in  dem  sanskr.  nira  *  aqua  wiederfindet ;  die 
ableitung  ist  ä  (p)  sanskr.  da,  welche  die  bedeutung  'enthal- 
tend, in  sich  falsend'  hat.  NiUrdr  heilst  also  der  wafserbe- 
hälter,  das  meer,  wie  auch  im  sanskrit  ?itradhi  für  oceanus 
wirklich  begegnet,  verstärkend  gleich  itjr  und  irmin  tritt 
niard  auf  in  niardlCw  Fiölsv.  27,  niardrad  Thorsdr.  7, 
Niardrili,  dem  namen  einer  bucht  am  Rosmhvalanes  auf 
Island. 

Derselbe  stamm  liefert  noch  andere  bildungen.  indem  er 
in  die  //-klasse  tritt,  entspringt  durch  dasselbe  sufßx  [j,  d  aus 
ihm  nai'irp.s,  iiordr,  für  das  ich  ebenfalls  die  bedeutung  meer  in 
anspruch  nehme,  so  dafs  also  '  gen  norden'  ursprünglich  '  meer- 
wärts'  hiefse.  die  bedeutung  meer  scheint  mir  noch  in  dem 
compositum  nordhvalr  Skaldsk.  219'  vorhanden  zu  sein. 

Auch  in  der  «-klasse  erscheint  das  wort,  aus  einem  ur- 
sprünglichen 7iar  entstand  durch  umlaut  jieri  das  meer,  wel- 
ches wort  sich  in  dem  altn.  nerungr  und  den  preufsischen 
nchrungcn  mit  ableitung  versehen  findet,  zusammengesetzt 
erscheint  es  mehrfach  in  eigennamen.  so  in  Noripraht  (Schan- 
nat  Trad.  Fuld.  a.  817),  wozu  Nnrtpraht  zu  vergleichen  ist, 
ferner  in  iV^ero// (Dronke  Trad.  Fuld.  s.  170.  173)  Neri/it/l 
(Schannat  a.  817),  vergl.  ?sarthildis  im  Polypt.  Irminonis 
s.  222.  jenem  nenhigr  vergleicht  sich  der  name  Nordunc 
(Dronke  s.  38),  den  namen  Nordi  wwAyordo  (Dronke  n.  165, 
c.  59)  aber  Nein  Fornaldars.  3,  3911".  einen  mythischen  Nej'i 
müfsen  wir  nach  Helgaqu.  I,  4  annehmen,  wo  die  norne 
Urdr  Nem  nipt  heifst;  die  nornen  sind  nach  namen  und  be- 

■"■  sansltr.  /  ist  in  gennanischen  «orten  besonders  vor  r  häufig  in 
i  übergegangen,  vergl.  vira  vtiir,  kt'ra  hair-thr. 


NIÖRDim.  NORDHR.  NIÖRUN.  NORN.  NEORXU.      461 

(leulung  töchter  des  meeres.  über  Nur  und  Nörri,  den  va- 
ler  der  nacht,  handle  ich  in  meinen  sagen  von  Loki.  das 
einfache  Norr  erscheint  als  eigenname  Fornaldars.  2,  3  —  5. 
17.  20.  Islendingas.  1,  256. 

Durcli  das  suffix  -im,  das  im  nordischen  zahlreiche  ab- 
stracte  substantiva  bildet,  entstand  aus  dem  stamme  ?nr  das 
wort  möt'un.  es  begegnet  unter  den  namen  der  Asynnen 
Skaldsk.  211''  und  als  tröllquennaheiti  Sk.  210'';  ferner  ist 
nach  Alvism.  31  draumniorun  der  name  der  nacht  bei  den 
Zwergen,  woraus  das  isländ.  nmrunardrop  pollutio  nocturna 
sich  gebildet  hat.  Jiiörun  (die  Schreibung  niörun  verwerfe 
ich  hiernach)  ist  also  nach  den  stellen  der  skalda  ein  gött- 
liches wesen,  nach  dem  wortstamme  eine  gottheit  des  Walsers 
oder  des  meeres  und  Rafn  vergleicht  mit  recht  das  griech. 
v^^tt^  (Kräkumäl  s.  137).  diese  bedeutung  verblafste  und 
wich  der  schwächeren  Trau'  oder  'Jungfrau',  di.e  wir  in  den 
Verbindungen  draumniorun,  in  vinkers  ni'önui  Krakum.  20 
und  proingläds  dj)nn  niörun  Niälss.  sehen,  auf  gleiche  weise 
ist  Niördr  zu  der  allgemeinen  bedeutung  mann  geschwächt 
(geirniürdr  Godhv.  8.  hregg?iiördr  Sk.  161),  wie  dies  be- 
kanntlich auch  andern  gölternamen  begegnete. 

Aus  dem  stamme  naur,  nor  bildet  dasselbe  suffix  den 
namen  der  schicksalsgöttinnen,  norn,  die  also,  wie  auch  ihr 
wesen  beweist,  ursprünglich  riesische  wafsergöttinnen  waren, 
ihr  amt  als  bestimmerinnen  des  geschickes  wird  durch  die  gäbe 
,  der  Weisheit  und  voraussieht  vermittelt  welche  allen  wafser- 
gottheiten  inwohnt. 

Einmal  mit  schwierigen  Worten  beschäftigt  ziehe  ich  noch 
das  verzweifelte  angels.  neorxu  (neorxena  vong)  herbei,  ich 
leite  es  von  demselben  stamme  wie  die  vorhergehenden  worte 
her  und  halte  es  für  den  angels.  namen  der  nornir,  so  dafs 
also  neorxena  vong  nympharum  pratum,  Idisia  viso,  bedeutet 
hätte,  woraus  sich,  vielleicht  mit  tief  mythischer  erinnerung 
an  das  eddische  Ida  völlr  (Idr  :=.  Mun,  idun?),  die  bedeu- 
tung des  biblischen  paradieses  gestaltete. 

HALLE.  KARL  WEINHOLD. 


462 


FRAU    KEIN   WILDES   THIER. 

Oberschlesisch-slavisclie  hochzeitsgebräuche,  welche  mir 
für  meine  Sammlung  schlesisclier  sagen,  märchen  und  gebrau- 
che von  herrn  schullelirer  J.  Loiiipa  in  Lubschau  bei  Woisch- 
nik  mitgetheilt  wurden,  geben  den  beweis  dals  die  von  Jac. 
Grimm  zeitschr.  f.  d.  a.  2,  192  unter  der  Überschrift  'frau 
kein  wildes  thier'  ausgehobenen  redensarten  auf  einer  höchst 
lebendigen  grundlage  beruhen,  die  sich  auch  in  die  slawischen 
Stämme  hinüberbreitet. 

In  der  Lubschauer  gegend  sind  bei  jeder  hochzeit  zwei 
Starosten  (hochzeitsführerj  zugegen,  deren  älterer  für  den  bräu- 
tigam,  deren  jüngerer  für  die  braut  spricht,  nach  einer  pos- 
senhaften rede  des  älteren  starosten  wird  dem  bräutigam  aus 
der  kammer  ein  alles  weih  zugeführt  das  in  ein  weifses  tuch 
gehüllt  ist  und  sich  lahm  stellt,  er  wird  dabei  gefragt,  ob 
das  die  braut  sei,  worauf  der  jüngere  slarost  antwortet,  das 
sei  nicht  die  braut,  sondern  ein  thier.  hiernach  wird  eine 
von  den  brautjungfern  gebracht,  sie  dreht  sich  vor  den  staro- 
sten um  und  entwischt  rasch  wieder  in  die  kammer.  der 
Starost  sagt,  das  sei  ein  scheues  Ihierchen,  die  braut  könne  es 
nicht  sein,  nun  wird  durch  die  zweite  brautjungfer  dem  bräu- 
tigam auf  einem  teller  ein  grüner  zweig  und  ein  kränz  ge- 
bracht, das  ist  das  zeichen  der  nahen  ankunft  der  braut,  jene' 
spricht  dabei 

Mloda  pa/ii  ivienicc  postnia. 
o  dukat  sif  postaj'ac  kazala. 
mloda  pani  z  komory  Jiie  tvyidzie, 
püki  dukat  za  wieniec  nie  h^dzie. 
d.   i.    die  braut  den  kränz  hier  sendet 

und  bittet  dafs  man  einen  dukaten  spendet, 
die  braut  wird  in  der  kammer  sitzen, 
so  lange  nicht  wird  ein  dukaten  blitzen, 
der  bräutigam  legt  hierauf  einen  oder  mehrere  thaler  auf  den 
teller*,  die  braut  wird  herausgeführt  und  von  dem  bräutigam 

"-■  Kechtsalterth.  s.  423. 


FRAU  KEIN  WILDES  TRIER.  463 

als  die  rechte  anerkannt,  die  starosten  halten  ernste  reden, 
die  eitern  geben  den  segen,  der  bräutigam  dreht  sich  mit  der 
braut  dreimal  um  und  der  zug  gehl  in  die  kirche.  abends 
gegen  elf  uhr  wird  der  braut  die  haube  aufgesetzt,  wobei  alle 
Trauen  und  Jungfrauen  mit  ihr  singen  und  tanzen,  in  Rosen- 
berg hält  jede  frau  beim  hauben  {cepiny)  und  dem  tanzen  ein 
Stückchen  licht  in  der  band,  hierauf  wird  die  braut  von  den 
weibern  in  das  haus  des  bräutigams  begleitet. 

In  der  Kreuzburger  gegend  schickt  die  braut  dem  bräu- 
tigam  vor  der  trauung,  sobald  er  in  ihrem  hause  angelangt 
ist,  einen  apfel,  dann  ein  herz  von  pfefferkucheu  und  darauf 
ein  Schnupftuch,  einen  grünen  zweig  und  einen  kränz,  die 
brautjungfer  die  es  bringt  spricht  dabei 

Moi  mili  pa/iowie  starostowie, 

■paniv.zowic  i  drwiboivie 

i  ty  panie  mlody !  ja  tu  jest  z  tym  unn  - 

?te(:zkiem  od  paniej  mlodej  poslana, 

CO  go  sama  mloda  pani  ivHa 

i  nad  nim  sif  trudzüa 

i  Izami  pokropüa. 

cztery  nocy  nie  spala, 

cztery  hoiecie  spalüa, 

CO  sip  nad  nim  turbowala. 

nie  byla  iadna  prozsnaczka^ 

nie  sziikala  po  wsi  ziöleczka, 

zaszla  do  sweg-o  ogrödeczka, 

narwala  swego  ziöleczka. 

sto  diikatüw  nie  polo  zycie, 

mlodej  pani  nie  obaczycie. 

pojdzie  ona  do  swego  ogrödeczka, 

b^dzie  ivianki  wila 

i  bfdzie  taka  pann^, 

jako  przedtem  byla,  i  ja  znig. 
d.  i.  meine  lieben  herrn  hochzeitführer,  Jünglinge  und  hoch- 
zeitbitter und  du  bräutigam,  ich  bin  mit  diesem  kränzchen 
von  der  braut  abgeschickt,  das  sie  selbst  gewunden  und  sich 
mühend  mit  thränen  benetzt  hat.  sie  hat  sich  gemüht,  denn 
sie  war  arbeitsam  und  durfte  nicht  im  dorfe  das  kräutlein  be- 
suchen,   sie  gieng  in  ihr  gärtlein  und  pflückte  da  das  kraut- 


464  FRAU  ZUCHT. 

lein,  legt  ihr  nicht  hundert  dukaten  auf,  sollt  ihr  die  hraut 
nicht  zu  sehn  bekommen,  sie  wird  in  ihr  gartlein  gehn.  wird 
kränzlein  winden  und  eine  Jungfrau  bleiben,  wie  sie  vordem 
war  und  ich  mit  ihr. 

Der  bräutigam  giebt  hierauf  einen  thaler,  das  mädchen 
begnügt  sich  nicht  damit  und  es  wird  gehandelt,  bis  der  bräu- 
tigam mehr  auflegt,  die  brautjungfer  geht  ab  und  wie  in  Lub- 
schau  erscheinen  nach  einander  ein  altes  weib,  eine  braut- 
jungfer und  endlich  die  braut,  welche  in  ein  weifses  tuch  ge- 
hüllt ist.  beim  zuge  in  die  kirche  haben  alle  gaste  kleine 
stücke  kuchen  in  der  band,  welche  sie  unter  die  menge  wer- 
fen (^vergl.  aberglauben  426). 

K.  VVEINHOLD. 


FRAU    ZUCHT. 

Jacob  Grimm  hat  in  der  3Iylhologie  846  —  848  nachge- 
wiesen wie  die  zuht  gleich  der  liiuschc,  vmze  und  schäm 
personificiert  erscheint,  hochzeilsgebräuchc  des  deutschen  Schle- 
siens geben  weitere  belege  für  die  frau  ZucliL 

Der  braut  sind  am  hochzeitstage  ihre  nächsten  freundin- 
nen  als  züchf Jungfern  und  eine  ehrsame  frau,  zuweilen  ihre 
mutter,  als  züchtfrau  oder  frau  Züchten  beigegeben,  die  frau 
Züchten  übernimmt  am  ganzen  tage  alle  reden  für  die  braut 
und  an  sie  hat  der  bräuligam  vor  der  trauung  noch  einmal 
seinen  heiratsanlrag  zu  richten,  derselbe  fährt  mit  den  züch- 
jungfern  in  das  haus  der  braut,  um  sie  zur  kirche  abzuholen, 
wobei  ein  frühstück  eingenommen  wird,  welches  das  züchten 
heifst*.  zur  kirche  nimmt  die  züchtfrau  zwei  kleine  rosma- 
rinkränze in  der  gröfse  eines  zweithalerstückes  mit,  die  sie 
dem  brautpaare  auf  den  köpf  legt,  bei  tische  stattet  sie  im 
namen  der  braut  den  'allerschönsten'  dank  für  jedes  hochzeits- 
geschenk  ab  und  hat  allein  das  recht,  der  braut  kindersachen 
und  dergleichen  vorbedeutende  geschenke  zu  übergeben  (Rei- 
chenbach. Fürstenau  bei  Kaath). 

*  der  Spruch  der  dresoher  beim  vierschlag  ist  im  Reichenbachischen 
'komm  zum  zühten.'  über  die  fränkische  bedeutung  von  züchten  s. 
SchmcUer  baier.  wb.  4,  247. 


CHROiNOLOGIE  IM  PARZIVAL.  465 

]ii  der  ge<j,end  von  Hainau  sitzt  bei  tisclie  zur  rechten 
der  braut  der  brautgesell,  zur  linken  des  brautiganis  die  ziiclit- 
Irau;  die  ziichtjungl'ern  machen  mit  den  männlichen  gasten 
bunte  reihe,  dem  braulpaare  gegenüber,  das  in  der  mitte  der 
einen  tischseite  sitzt,  sind  die  ehrenplätze.  im  gange  des 
hochzeitelseus  sucht  die  züchtfrau  plötzlich  mit  einem  weifsen 
luche  der  braut  den  köpf  zu  verhüllen  und  ihr  dabei  den  kränz 
zu  entreilsen.  der  brautgesell,  dem  die  züchtjunglern  unter 
lautem  geschrei  beistehn,  wehrt  die  züchti'rau  ab,  die  aber 
nicht  nur  diesen  versuch  öfters  wiederholt,  sondern  aucli  das 
tuch  dem  bräutigam  überwirft  und  ihm  eine  samlmütze  auf- 
zusetzen sucht,  der  brautgesell  und  die  züchtjungfern  wehren 
sie  ebenfalls  hiervon  ab.  auch  dieser  gebrauch  heilst  züchten. 

K.  WEINHOLD. 


CHRONOLOGISCHE    BESTIMMUNG   DER 

BEGEBENHEITEN    IN   WOLFRAMS 

PARZIVAL. 

Ob  jemand  sich  schon  der  mühe  unterzogen  hat  den  chro- 
nologischen Zusammenhang  in  Wolframs  Parzival  ausführlicher 
darzulegen,  und  wie  ihm  dieser  versuch  gelungen  ist,  weifs 
ich  nicht ;  auf  jeden  fall  aber  schien  mir  dieses  grofse  gedieht, 
welchem  ich  meine  schwachen  kräfte,  durch  ermunternden 
rath  bewährter  sprachkenner  gestärkt,  zugewandt  habe,  es 
werth,  einen  dem  verfafser  desselben  von  achtbaren  stimni- 
führern  gemachten  und  in  den  neuesten  literaturbüchern  fort- 
tönenden Vorwurf,  als  reihe  er  oft  begebenheiten  an  begeben- 
heiten  ohne  inneren  Zusammenhang,  ohne  ziel  und  beweg- 
gründe,  gebührend  abzuweisen. 

Zu  diesem  zwecke  enthält  Parzivals  leben  nach  seiner  ab- 
reise von  haiise  im  frühjahr  (124,  25  —  30)  folgende  momente. 

Ir  tag.     Parzival  reitet  den  tag  über  längs  eines  baches  im 
walde  Brizljan  und  bleibt  die  nacht  daselbst  (129,5 — 15). 

2r  tag.     er  kommt   zur  Jeschute    (129,  16  —  132,  24),    zur 
Siguue  (138,  9  ff.),  am  abend  zu  einem  fischer,  bei  welchem 
er  die  nacht  bleibt  (142,  11  —  143,  15). 
Z.  F.  D.  A.  VI.  30 


466  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

3r  tag.  am  morgen  führt  ihn  der  fischer  in  die  nähe  von 
Nantes  043,  16  —  144. 16.  165, 18. 19);  dann  allein  wei- 
ter reitend  kommt  er  mit  Ither  zusammen,  von  diesem  an 
Artus  hof  und  nach  Ithers  besiegung  gegen  abend  zu  Gur- 
nemanz  (144,  17  —  161,  23ff.).     nacht  (166,  6ff.). 

4r  —  17r  tag.  zweiter  abend  bei  Gurnemanz  (175,  19).  im 
ganzen   vierzehntägiger   aufenthalt   bei  demselben  (176,  29 

—  177,  9.  10). 

18r  tag.  in  einem  tage  reitet  Parzival  von  Graharz  (der  bürg 
des  Gurnemanz)  nach  Brobarz,  dessen  hauptstadt  Pelrapeir 
ist  (180,  17  ff.),  in  der  nacht  klagt  Condwiramur  dem 
Waleisen  ihre  noth  (191,  17  —  196,  8). 

19r  tag.     Parzival  siegt  über  den  seneschal  Kingrnn  (196,  20 

—  199,  14),  welcher,  als  gefangener  der  Cunneware  an 
den  hof  des  königs  Artus  entsandt,  diesen  im  walde  Brizljan 
im  jagdhause  Karminal  antrifft  (206,  5  —  207,  3).  —  bei- 
lager  zu  Pelrapeir  (201,  19). 

20r  21r  tag.     vermählungsfeier    zu    Pelrapeir    (202,   25  — 

203,  11). 
22r  tag.     Clamidc  belagert  die  stadl  (203,  12  ff.). 
22r  —  25r  tag.    zwanzig  der  seinen,  lebendig  gefangen,  wer- 
den   nach    drei    tagen    früh    morgens  enllafsen  (207,  25  — 
209,  14). 

Zweikampf  zwischen  Parzival  und  (Hamide  (209,  15ff.J. 
dieser  wird  besiegt,  reitet  zu  Artus  gen  Löver,  wo  er  die 
lafelrunder  auf  dem  plane  bei  Dianazdrun  am  pfingstfcst  ver- 
sammelt fiiulel  und  veranlafst  den  Parzival  aufzusuchen  (216, 
3  —  222,  9.  280,  1  —  18). 

Eine  zeit  lang  blieb  Parzival  zu  Pelrapeir,  baute  wüstes 
land  an,  turnierte  viel  und  kämpfte  tapfer  an  den  grenzen 
seines  landes  (222,  10  —  223,  14). 

Eines  morgens  (um  3Iichaelis,  s.  unten)  reitet  er  allein 
fort,  um  zu  sehen  wie  es  seiner  mutter  gehe,  wohl  auch  um 
abenteuer  aufzusuchen  (223,  15  —  30.   491,  26.  27). 

Nach  seiner  abreise  von  Pelrapeir  bekotmnt  Parzival 
seiner  eignen  aussage  zufolge  Condwiramur  Immeji  fünf 
Jahren  nicht  zu  sehen   (799,  1  — 3). 

Ir  tag.  den  ersten  tag  kommt  er  bis  Munsalväsche,  wo  er  die 
wunder  des  grales  schaut  und  übernachtet  (224, 1 — 242, 12  ff.). 


CHRONOLOGIE  IM  l»ARZIVAL.  467 

2r  tag.  am  nächsten  morgen  reitet  er  wieder  fori  (245,  28  (F.), 
kommt  zu  Sigune  (249,  11^ — 255,  30),  kämpll  an  diesem 
heil'sen  tage  (256,  5.  (5)  mit  Oriliis  und  versöhnt  ihn  mit 
seiner  gemahlin  Jeschule,  indem  er  vor  Trevrizents  klause 
auf  einer  heiligthumskapsel  die  Unschuld  derseihen  beschwört 
(256,  11 — 271,  9);  dann  nimmt  er  abscliied  (271,  10—24). 
Orilus  und  Jeschute  reiten  zu  Artus,  den  sie  gegen  abend 
am  Plimizöl  antreffen  (272,  28  —  279,  30).  Artus,  der  vor 
acht  tagen  von  Karidöi  aufgebrochen  war,  um  Parzival, 
den  besieger  des  Ithcr,  Kingrun  und  Clamide,  aufzusuchen, 
lagert  am  Plimizöl.  Parzival  kommt  dorthin  und  bringt  die 
nacht  im  walde  zu. 
3r  tag.  am  morgen,  hei  den  blutstropfen  im  schnee,  besiegt 
er  Segramors  und  Keie  und  wird  von  Gawan  der  tafei- 
runde zugeführt,  wo  den  hochgeehrten  ritler  Cundrie  ver- 
flucht, so  dafs  er  noch  an  demselben  tage  fortreitet  (280, 
1  —  330,  30),  nachdem  er  Clamides  befreiung  und  Vermäh- 
lung mit  Cuuneware  bewirkt  hat  (326,  15  —  327,  30. 
336,  7—30). 

Während  dieser  scene  am  Plimizöl  wird  auch  Gawan 
durch  den  landgrafen  liingrimursel  von  Schanpfanzun  heraus- 
gefordert sich  nach  40  tagen  zu  einem  Zweikampfe  vor  dem 
könig  von  Askalon  in  der  hauptstadt  Schanpfanzun  zu  stellen 
(319,  20  —  325,  16).  auch  er  rüstet  sich  zur  abreise  an 
demselben  tage  (335.  646,  14  — 18).  der  weg  nach  Schan- 
pfanzun führte  über  Bearosche  (432,  11  —  23). 

Bei  der  belagerung  von  Bearosche  hilft  Gawan  den  be- 
lagerten; Parzival  dagegen,  vor  drei  tagen  angekommen 
(383,  29),  kämpft  bei  dem  äufsern  beer  unter  könig  Meljanz 
von  Liz  (383,  23  —  384,  13.  388,  8  —  393,  6.  398,  1—6), 
dem  eine  schar  vor  jähren  gefangener  Berteneisen  dient,  de- 
rentwegen Parzival  wohl  am  kämpfe  theil  nahm  (382,  12  — 
383,  5).  wann  dies  geschah  läfst  der  dichter  unentschieden 
(339,  12—14);  doch  waren  noch  keine  vierzig  tage  seit  der 
scene  am  Plimizöl  verflofsen  (7s  buch). 

Zu  Schanpfanzun  *  hat  Gawan  einen  angriff  des  königs 
Vergulaht  auszuhalten  (8s  buch) ;  Kingrimursel  aber  schliefst 

'"•'  40  tage  n.ich  der  scene  am  Plimizöl,     43    nach  der  abreise  von 
Pelrapeir. 

30* 


468  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

mit  ihm  einen  Sonderfrieden,  wonach  ihr  Zweikampf  nach  ei- 
nem jähre  zu  ßarbigöl  vor  dem  köni^  Meljanz  gefochten  wer- 
den soll  (418,  9  —  25).  bei  dieser  Gelegenheit  gesteht  Ver- 
gulaht  dafs  'in  diesen  wochen'  ihn  ein  ritter  im  walde  Läch- 
tanris  vom  pferde  gestochen  und  verpflichtet  habe  ihm  den 
Gral  zu  erwerben  oder  in  Jahresfrist  der  königin  zu  Pelrapeir 
Sicherheit  zu  bringen,  auf  den  Vorschlag  der  königlichen  ralh- 
geber  mufs  der  eben  anwesende  Gawan  das  wort  geben  dies 
gesehäft  zu  übernehmen  (424,  7  —  426,  10.  18  —  21.  428, 
19  —  26).  derselbe  enlläfst  hier  seine  acht  verwandten  edel- 
knaben  nebst  den  knappen  in  die  heimat  zu  Artus  (429,  2 
—  430,  16.  432,  7  —  28)  und  reitet  allein  nach  dem  grale 
(432,  29.  30). 

YjU  Bnrbigül*,  der  hauptsladt  des  königreiches  Liz 
(385,  2.  3),  wollte  Vergulaht  den  kämpf  mit  Gawan  beste- 
hen, aber  sowohl  Vergulaht  als  auch  Kiiigrimursel  versöhnten 
sich  mit  jenem,  darauf  schieden  Vergulaht  und  Gawan  von 
einander,  damit  jeder  besonders  nach  dem  grale  forschte 
(503,  5  —  24).  was  zu  Barbigöl  vorgefallen  erzählte  an  Ar- 
tus hofe  könig  Meljanz  von  Liz  (646,  4.  5):  die  ereignisse 
von  Bearosche  waren  durch  die  ankunfl  der  hier  freigelafse- 
nen  Berleneisen,  sowie  die  von  Schaiipfanzun  durch  Gawans 
heimgesandte  knappen  dem  köiiige  der  lafelruude  scijoii  früher 
bekannt  geworden. 

Nach  manchen  abenteuern  zu  ross  und  in  schiffen  zur 
see,  wozu  auch  gerechnet  wird  dafs  ihm  das  von  Anforlas 
geschenkte  gralssdiwert  im  gefecht  zerbrach,  in  dem  brunnen 
Lac  bei  Karnant  aber  wieder  ganz  ward  (433, 1  —  434,  30), 
kam  Parzival  in  einen  wald,  fand  dort  Sti>;um'n  in  einer  neu 
erbauten  klause,  wo  sie  den  leichnam  des  Schianalulander  in 
einem  sarge  hegte  (435,  1  —  443,  4),  traf  beim  weiterreiten 
einen  gralsritter  an  und  besiegte  ihn  (443,  5  —  445,  30). 
nachdem  er  noch  eine  zeit  lang  (die  wochenzahl  ist  unbe- 
kannt, 446,  3  —  5)  auf  abenteuer  ausgezogen,  begegnete  ihm 
eines  morgens,  während  schnee  gefallen,  ein  alter  ritter 
nebst  gefolgc,  welche,  weil  es  charfreitag  war,  die  alljähr- 
liche bufstahrt  zu    dem  einsiedler  Trevr/se/it  gemacht  hatten 

•'  1  jähr  40  tage  seit  der  sceiie  am  Pliniizöi.  1  jähr  fi  wcirlicn 
1  tag  seil  der  alircise  von  Pelrapeir. 


CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL.  469 

und  den  Waleisen  bewogen  bei  demselben  gleicht'alls  hilfe  zu 
suchen  (446,  6  —  502,  30).  laut  Trevrizents  aussage  (460, 
16 — 23)  sind  verflofsen  seit  dem  tage  an  welchem  Orilus 
mit  Jesckute  versöhnt  tcorden  bis  zu  Paniiwls  ankunft  bei 
Trevrizent  am  charfreitage  4V2  jähr  und  3  tage. 

Bis  oslern  gerechnet  macht  dies  5  tage  über  i^i  jähr, 
von  der  scene  am  Plimizöl  aber  nur  4  tage  darüber. 

Wenn  auch  das  dalum  des  Osterfestes  beweglich  ist,  so 
scheint  Trevrizent  doch,  wie  es  noch  jetzt  allgemeiner  brauch 
ist,  bei  jener  rechnung  von  4V2  jähren  und  3  tagen  ostern  als 
den  anfang  eines  Vierteljahres  (1  april),  wenigstens  für  den 
V2  jähr  davon  entfernten  Zeitabschnitt  genau  den  29n  Septem- 
ber (31ichaelis)  angenommen  zu  haben. 

Hiernach  war  die  scene  am  Plimizöl  4  tage  vor  Mi- 
chaelis d.  i.  am  25n  September,  der  ungewöhnliche  Schnee- 
fall (281,  12  —  22.  493,  4—6)  nach  einem  heifsen  tage  (256, 
5.  6),  der  sumerliche  sne  (489,  27),  also  möglich,  und 

Parzival  reiste  von  Pelrapeir  ab  eine  wache  vor  Mi- 
chaelis; ferner  waren  die  Zweikämpfe  zu  Schanpfanzun  und 
Barbigöl  auf  den  4/^  november  angesetzt. 

Seit  Parzivals  abreise  von  Pelrapeir  bis  zu  seiner  an- 
kunft bei  Trevrizent  verflofsen 

2  t.    -I-  4V2  j.  3  t.  =  4V2  j.  5  t. 

Seit   der  abreise   von   Pelrapeir  bis    zur   abreise    von 
Trevrizent  (nach  einem  fünfzehntägigen  aufenthalt,  501,  11) 
41/2  j.  17  tage 

Eine  lücke  (19  tage,  s.  unten). 

Parzival  siegt  vor  Logrois  über  die  diener  der  Orgeluse 
und  sticht  zwischen  Logrois  und  der  kampfwiese  fünf  ihrer 
ritter  ab.  die  Vermählung  mit  der  herzogin  verschmäht  er. 
wohl  noch  an  demselben  tage  wird  er  über  das  wafser  Sabins 
gefahren  von  Plippalinot,  dem  er  die  rosse  jener  fünf  ritter 
giebt,  erfährt  aber,  rastlos  nur  nach  dem  grale  forschend, 
nichts  über  die  in  dem  nahen  zauberschloi'se  Schastelmar- 
veil  gefangen  gehaltenen  trauen  (559,9  —  23.  618,19  — 
619,  24). 

Ir  tag.  eines  morgens  findet  Gawan  den  verwundeten  Urjans, 
kommt  zur  Orgeluse,   kämpft  mit  Lischois  Gwclljus,  wird 


470  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

vom  fährmaune  Plippalinot  übergesetzt,  hört  vou  ihm  dafs 
tags  zuvor  Parzival  von  ihm  übergel'ahren  sei,  und  über- 
nachtet bei  Plippalinot  OOs  buch,   504,  1  —  552,  30;. 

2r  tag.  am  folgenden  tage  besteht  Gawan  die  abenteuer  zu 
Schastelmarveil  und  schläft  die  nacht  dort  (11s  buch,  553, 
1  —  582,  30;. 

3r  tag.  der  erwachte  Gawan  besiegt  auf  der  kampfwiese  den 
turkoiten  Florant  (625,2  —  5  —  653,  16),  holt  der  Orgeluse 
aus  dem  Klinschorwalde  einen  kränz,  mufs  aber  erst  könig 
Gramoflanz  einen  Zweikampf  nach  16  ia^en  auf  dem  plan 
vor  Joflanze  zusagen,  wozu  Artus  mit  seinem  gefolge  als 
Zuschauer  eingeladen  werden  möge,  der  in  acht  tagen  schon 
von  Berns  an  der  Korka  im  lande  Löver  eintreffen  könne, 
nun  bcgiebt  sich  der  beglückte  Gawan  mit  Orgeluse  nach 
Schastelmarveil.  dort  beordert  Gawan  einen  boten  an  Ar- 
tus (625,  1  —  626,  30).  festlich  ward  der  tag  beendigt 
(12s  buch). 
Zu  Schastelmarveil  schläft  Gawan  mitten  in  den  tag  hinein ; 

er  erwacht   um  die  vesperzeit  (628,  1  ff.),     es  wird  gespeist 

(636,   15ff.\     der   lag   sinkt    (638,  1  ff.)-      lanz  (639,  4ff.). 

schlaf  (640,  13  —  644,  II). 

Eines  morgens  früh  (026,  17.  644,  12 ff.)  überbringt  Ga- 
wans  eiliger  (626,  23.  648,  6.  7)  böte  an  Artus  den  brief 
zuerst  der  Ginover.  diese  sagt  fdnftehalh  jähr  und  sechs 
Wochen  ist  es  seit  Parzival  nach  dem  gral  ritt,  da  wandte 
sich  auch  Gawan  gen  Askalon.     daraus  folgt 

4J/2  j.  6  w.  von  der  scene  am  Plimizöl  ])is  zur  ankunfl 
des  boten  bei  Ginover. 

4V2  y.  2  taii;e  von  der  scene  am.  Plimizöl  bis  zu  Par- 
zivals  ankunfl  hei  Trevrizent  (—  4V2  j.  3  tage  von  Orilus 
Versöhnung  bis   zu  Parzivals  ankunft  bei  Trevrizent). 

40  tage  von  Parzivals  ankunft  bei  Trevrizent  bis  zur  an- 
kunft des  boten  bei  Ginover. 

—  15  tage  auf  enthalt  Parzivals    bei  Trevrizent. 

25  tage  seit  Parzivals  abreise  von  Trevrizent  bis  zu  dem 
tage  wo  Gawans  böte  zu  Ginover  kam. 

(+  3  tage)  angenommen,  der  böte  ritt  in  2  tagen  (und 
2  nachten)  hin,    erschien   also   am  dritten  morgen   in  Artus 


CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL.  471 

iager,  so  geschah  Parzivals  überfahrt  bei  Plippalinot  (3  +  3 
tage)  6  tage  früher;  demuacli  betrug  die  oben  angedeutete 
l'dcke : 

4%  j.   6  w.  minus  6  t.  :=  4V2  j.   5  w.   1  t.     25  t.  (s.  oben) 

oder 

— 4V2  j.   »    "   17  t.      6  t. 

19  t.     19  t. 
ferner  bleiben   nach   derselben   annähme   bis  zu  dem  für  den 
Zweikampf  zu  Joflanze  anberaumten  tage  13  tage  übrig,  also 
beginn  des  Zweikampfes  zu  Joßanze 
4V2  j-   6  w.  -|-  13  t.  seit  der  scene  am  Plimizöl  (25  sept.) 
oder  3  t.  +  4Vo  j.   6  w.  -f  13  t.  —  41/2  j.  8  w.  2  t.    seit 
Parzivals  abwesenheit  von  Pelrapeir  (22  sept.),    d.  i.  am 
20/i  mal,    als    dem   ersten  pßngsttage,    wenn   für  ostern 
der  erste  april  angenommen  wird,    dafür  sprecheu  die  stel- 
len 610,  12—18.  625,  16—18;  ferner  216,  3  —  15;  auch 
525,  12tf. 

Nachdem  Ai'tus  und  alle  herren  und  frauen  der  tafeirunde 
zugesagt  haben  dafs  sie  vor  der  zum  kämpf  anberaumten  zeit 
zu  Joflanze  eintreffen  würden  (654,  20 — ^22),  kehrt  der  böte 
baide  (651,  17.  652,  29)  nach  Schastelmarveil  zurück;  in 
wie  viel  tagen  kann  der  dichter  nicht  angeben  (652,  23 — 25). 
eines  morgens  (655,  4  ff.)  sehen  Gawan  und  Arnive,  in  einem 
fenster  des  zauberschlofses  sitzend,  von  Logrois  her  Artus 
mit  den  seinen  ankommen  (661,  6 ff.);  er  lagert  während  der 
nacht  jenseit  des  Sabins  (663,  9  —  14.   667,  1—3). 

Am  folgenden  morgen  zieht  Artus  beer  nach  Joflanze, 
Gawan  mit  den  seinen  ihm  nach.  Artus  läfst  seine  leute  die 
herberge  beziehen,     nacht  (667,  4  —  676,  10). 

Des  morgens  vor  tage  bezieht  Orgeluses  ritterschar  den 
plan.  Artus  schickt  boten  zu  Gramoflanz  nach  Rosch  Sabins 
und  ersucht  ihn  sich  zum  Zweikampf  einzufinden.  Gawan 
rüstet  sich  insgeheim  und  reitet  allein  ans  ufer  des  Sabins, 
um  sich  zum  streite  zu  üben,  trifft  dort  aber  mit  Parzival 
zusammen,  ohne  ihn  zu  kennen  (676,  11  —  678,  30). 

Kampfscene   zu    Joflanze    während    der   pßngstwoche 
(20  —  27  mai;    4V,  j.    8  w.  2  t.    bis  4%  j.   9  w.    1  t. 
seit  Parzivals  abreise  von  Pelrapeir). 
Ir  tag.     Gawan  kämpft  mit  Parzival.     des  Artus  mit  Gra- 


472  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

moflanz  zinnickk ehrende  boten  maclien  dem  streite  ein  ende. 
Parzival  wird  unter  die  tafelrunder  wieder  aufgenommen, 
nachtruhe  (679,  1  —  702,  30). 
2r  tag.  Parzival  besiegt  den  Grantoßnnz.  der  auf  mor- 
gen vertagte  Zweikampf  zwisciien  Gawan  und  Gramoflanz 
kommt  nicht  zur  ausführung.  drei  hochzeiten  und  freuden- 
feste  bis  tief  in  die  nacht  hinein  (703,  10  ff.). 
3r  tag.  vor  tagesanbruch  schied  der  traurige  Waleise  heim- 
lich (732,  1  —  733,  30).  Parzival  kämpft  mit  Feireßs 
(734,  1  ff.),  der  sein  am  meere  am  'wilden  hafen'  liegen- 
des beer  vor  tage  verlafsen  hatte  (754,  2.  753,  3.  14. 
821,  13),  und  führt  ihn  in  Artus  lager  (753.  25 ff.),  in 
Gawans  zeit  wird  früh  gegefsen,  weil  Parzival  und  Feirefiz 
noch  nüchtern  waren  (760,  7  ff.).  Parzival  nennt  seine  be- 
siegten (771,  23  —  772,  30).  nachttrunk  und  schlaf  (774, 
26.  27). 
4r  tag.  fesfgelag  der  tafelrunder  zur  aul'nahme  des  Feireliz 
(774,  13 ff.).  Avährcnd  des  mahles  bringt  Cundrie  die  frohe 
botschaft  dafs  Parzival  zum  könig  des  Grales  ernannt  sei, 
auch  dafs  ihm  Condwiramur  nach  seiner  abreise  zwillings- 
söhne  geboren  habe  (781,  17—22.  vergl.  743,  16—20). 
5r  —  7r  tag.  Feirefiz  läfst  von  seinem  beere  geschenke  ho- 
len, um  sie  zu  verlheilen  :  in  drei  tagen  kommen  sie  an 
(785,  1  —  786,  28). 

Nachdem  nun  Parzival  überhaupt  7  tage  zu  Jotlanze  ge- 
blieben, reiste  er  (4V2  j-  9  ^-  I  l-  seit  seiner  abreise  von 
Pelrapeir),  von  Feireliz  und  Cundrie  begleitet,  nach  Munsal- 
väsche  (784,  24—27.  786,  30). 

Wie  weit  es  von  Joflanze  bis  3funsalväsche  sei,  weifs 
der  dichter  nicht  (792,  10  — 15).  es  könnten  aber  doch  die 
fragen  aufgeworfen  werden  1)  wie  lange  Cundrie  auf  dieser 
strecke  möge  geritten  sein,  2)  wie  viel  zeit  die  drei  reisen- 
den nun  gebrauchen  werden,  3)  ob  nicht  aus  den  stellen  des 
gedichtes,  in  welchen  von  den  einwirkungen  gewisser  plane- 
ten  auf  den  krankheilszustand  des  Anfortas  die  rede  ist,  we- 
nigstens die  Jahreszeit  oder  der  monal  von  Parzivals  ankunfl 
zu  Munsalviische  bestimmt  gefolgert  werden  könne. 

1)  nach  470,  1 — 30  mülsen  wir  annehmen  dais  Cundrie 
am  charfreitage,  sobald  der  göttliche  v>il\e  durch  die  inschrift 


CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL.  473 

am  grale  offenbart  worden,  forteilte  um  dem  Parzival  seine 
berufung  zu  melden ;  sonach  ergäbe  sich  von  jenem  tage 
bis  zum  tage  ihrer  ankuiift  zu  Joflanze,  dem  4n  des  kampf- 
festes (der  püngstwoche;  ein  Zeitraum  von  54  tagen  oder  7 
Wochen  5  tagen,  ob  die  gralsdienerin  aber  ihren  neuen  her- 
ren  auf  um  wegen  ausforschend  so  lange  suchte  oder  von  Mun- 
salväsche  gerades  weges  in  ganz  kurzer  zeit  nach  Joflanze 
kam,  darüber  spricht  sich  das  gedieht  nicht  aus;  jedesfalls 
reiste  die  botin  tag  und  nacht,  für  die  Schnelligkeit  und  be- 
schwerlichkeit  ihrer  reisen  giebt  die  stelle  318,  23.  24  einen 
mafsstab,  wonach  sie  den  am  Plimizöl  versammelten  erklärt 
dafs  sie,  so  grofse  pein  ihr  auch  die  reise  nach  Schastelmar- 
veil  machen  möchte,  doch  noch  an  demselben  tage  dort  sein 
wolle  (vergl.  auch  442,  27 — 29).  da  nun  jenes  zauberschlofs 
unweit  des  Sabins  lag  (534,  29 ff.),  und  jenseit  dieses  flufses 
ebenfalls  in  geringer  entfenmng  der  plan  von  Joflanze  (667. 
668),  da  auch  in  einem  tage  und  einer  nacht  die  ebene  am 
Plimizöl  von  Munsalväsche  aus  erreicht  w  erden  konnte  (796, 
28  —  799,  16),  gesetzt  dafs  man  den  weg  von  Munsalväsche 
nach  Joflanze  über  diese  ebene  nehmen  muste,  so  konnte 
Cundrie  schon  in  2  oder  3  tagen  das  ziel  erreichen. 

Erwägen  wir  nun  dafs  Parzival  an  dem  letzten  charfrei- 
tage,  wie  er  bei  Tre\Tizent  eintraf,  noch  keineswegs  für  ge- 
rechtfertigt und  des  gralkönigthums  würdig  gelten  konnte,  dafs 
er  aber  am  ersten  ptingsttage,  nachdem  er  den  gefeiertsten 
aller  ritter,  Gawan,  überwunden  hatte,  von  sämmtlichen  ta- 
felrundern öffentlich  wieder  für  ein  mitglied  ihres  ordens  er- 
klärt worden,  so  ist  es  am  natürlichsten  anzunehmen  dafs, 
übereinstimmend  mit  jenem  weltlichen  gericht,  auch  das  got- 
tesurtheil  der  gralsinschrift  zu  3Iunsalväsche  sich  an  demsel- 
ben tage  für  Parzival  aussprach  und  dafs  Cundrie  die  nach- 
riebt von  diesem  wichtigen  ereignisse  in  dreien  tagen  dem 
beglückten  überbrachte. 

Wie  sehr  diese  ansieht  mit  dem  bestreben  Wolframs  in  der 
eigenthümlichen  feier  der  feste,  namentlich  des  pfingstfestes, 
andere  dichter  zu  überbieten  übereinstimmt  brauche  ich  kaum 
zu  erwähnen  (vergl.  281,  16  —  22  und  die  anm.  dazu  im 
Potsdamer  programm  vom  j.  1845).  wie  in  der  scene  am 
Plimizöl   durch  Schürzung   des  tragischen  knoleus,    so  hat  er 


474  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

in  der  zu  Joflanze  durch  überraschend  erfreuliche  lösung  des- 
selben den  preis  davon  getragen. 

2)  indem  Parzival  mit  seinen  beiden  begleitern  nach  Mun- 
salväsche  abreisen  will  sind  4Vj  j.  9  w.  lt.  seit  seiner  ab- 
wesenheit  von  Pelrapeir  verflofsen  und  er  bekommt,  wie  er 
799,  1 — 3  selbst  sagt,  seine  gemahlin  erst  binnen  fünf  jäh- 
ren zu  sehen ;  es  vergehen  also  bis  zu  diesem  Zeitpunkte  noch 
16  Wochen  6  tage,  da  wir  Joflanze,  wie  Schastelmarveil,  in 
Asien  hinter  Askalon  zu  suchen  haben,  und  da  wir  anneh- 
men müfsen  dafs  die  reisenden  schicklichkeits  und  ehren  hal- 
ber in  mäfsigen  rasten  nur  bei  tage  werden  gereist  sein,  so 
schnell  auch  sonst  Parzival  und  Cundrie  in  der  noth  auf  ih- 
ren ausgezeichneten  gralthieren  einzeln  zu  reiten  gewohnt 
waren  und  von  wie  edler  race  auch  des  Feirefiz  pferd  sein 
moclite,  so  läfsl  sich  doch  wohl  denken  dafs  ein  grofscr  theil 
dieser  16  w.  6  t.,  oder  die  ganze  summe,  einen  tag  abgerech- 
net, auf  die  hinreise  ins  gralreich  verAvandt  wurde,  um  so 
mehr,  da  man  jetzt  nicht  den  näheren  aber  öden  und  unbe- 
kannten weg  durch  den  wald  Läprisin  über  Carcobra  nahm, 
welchen  durch  des  Anfortas  vermittelung  Feirefiz  auf  der 
rückreise,  mit  zahlreichem  geleif  und  guter  pflege  vom  burg- 
grafen  zu  Carcobra  versehen,  einschlug  (821.  vergl.  736, 
23  —  27). 

Parzivals  ankunf'l  zu  Munsalväsche  ward  Ursache  grofser 
Veränderung:  dem  Anfortas  braclitc  sie  erlösung  von  seinem 
elend,  allen  lempleisen  nach  vielen  jammervollen  tagen  eine 
neue  epochc  der  herrlichkeit  und  freude,  dem  Parzival  selbst 
aber  das  königthum  in  diesem  heiligen  reiche,  als  ehrenlohn 
beharrlicher  lugend. 

Nun  fehlte  ihm  nur  noch  eins  zum  vollgenufse  seines 
glückcs,  seine  galtin.  aber  auch  diese  hatte  ihm  die  unsicht- 
bare band  des  himmlischen  vaters  nahe  gebracht,  um  auch 
ihre  Iraner  und  Sehnsucht  mit  dem  entzücken  frohes  Wieder- 
sehens zu   belolinen. 

Haum  hat  nämlich  Parzival  zu  3Iunsalväsche  durch  einen 
templeisen  erfahren  dafs  Condwiramur  zu  ihm  unterwegs  am 
Plimizol  sei  (797,  13-15),  so  eilt  er.  den  Feirefiz  zurück- 
lafsend.   ihr  mit  einem  Iheile  des  gralsheeres  entgegen,  kehrt 


CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL.  475 

unterwegs  bei  Trevrizent  ein  und  reitet  noch  in  der  nacht 
weiter  (797,  13  —  799,  15). 

Am  morgen  endlich,  nach  verlauf  von  5  jähren,  sieht  er 
seine  gemahlin  wieder  und  bei  ihr  seine  zwillingssöhne  zum 
ersten  male,  im  walde  von  Terre  de  salväsche,  unweit  des 
Plimizöl,  wo  ihm  einst  die  blutstropfen  im  schnee  den  schwe- 
ren kämpf  bereitet  hatten  (also  eine  woche  vor  Michaelis), 
die  knaben,  etwa  4V2  j-  alt,  jedesfalls  noch  nicht  5  j.  alt 
(weil  sie  nach  des  vaters  abreise  geboren  waren),  lagen  auf 
dem  bette,  ganz  blofs  (es  war  also  nicht  kalt),  nachdem 
Kardeiz,  als  erbe  der  welllichen  reiche  Parzivals,  mit  seinen 
kleinen  bänden  (803,  19)  den  vasallen  die  belehnung  ertheilt 
und  man  auf  einer  grasiläche  am  Plimizöl  (dieses  mal  lag 
dort  kein  schnee)  eilig  ein  friihmahl  eingenommen  halte,  ward 
Kardeiz  mit  dem  beere  von  Brobarz  durch  seinen  grofsoheim 
und  erzieher,  herzog  Kyot,  wieder  heimgeführt,  der  andre 
söhn  Parziv^als,  Loherangrin,  folgte  seinen  altern  nach  Mun- 
salväsche  nahe  am  wege  fand  man  spät  abends  Sigune  als 
leiche  in  ihrer  klause;  sie  ward  neben  Schianatulander  ein- 
gesargt, in  der  nacht  kam  man  zu  3Iunsalväsche  an,  wo 
Feireliz  unter  angenehmem  zeilvertreib  (juit  kurzwile  805, 
19.  vergl.  820,  17)  die  zurückkehrenden  erwartete,  festlicher 
empfang  und    prächtige  bewirtung  (799,  16  —  816,  8). 

Am  morgen  ward  Feireliz  getauft  (816,  9ff.). 

Überhaupt  genofs  derselbe  freuden  und  kurzweil  dort  bis 
zum  lln  tage:  am  12n  reiste  der  neuvermählte  mit  seiner 
gemahlin  ab  (820,  17 — 21).  sie  musten  deswegen  einen  neuen 
weg  einschlagen  und  zwar  auf  Carcobra  zu.  dieses  lag  an 
der  miindung  des  Plimizöl  ins  meer  (497,  8 — 10),  zum  bis- 
thum  Barbigöl  gehörig,  welches  zugleich  die  hauptstadt  vom 
königreiche  Liz  war  (385,  2.  3).  Anfortas  gab  ihnen  das 
geleit,  und  als  er  abschied  nahm,  entbot  er  durch  Cundrie 
dem  burggrafen  jener  Stadt  die  ankommenden  von  dort  durch 
den  wald  Läprisin  in  den  'wilden  hafen'  zu  weisen,  nach 
ritterlichem  empfange  führte  sie  der  burggraf  bald  weiter,  bis 
sie,  nachdem  man  noch  manches  land  durchzogen,  den  anger 
von  Joflanze  erreichten,  dort  fanden  sie  noch  einen  theil  der 
leute  vor  welche  das  fest  mitgefeiert  hatten,  aber  die  ver- 
schiedenen fürsten  waren  in  ihre  länder,  Artus  gen  Schamilot, 


476  CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL. 

fortgezogeu.  Feirefiz  eilte  sogleich  weiter  nach  dem  hafen, 
wo  sein  heer  trauernd  seiner  ankunft  harrte,  erfuhr  hier  zum 
tröste  seiner  neuen  gemahlin  den  tod  der  indischen,  namens 
Secundille,  entliefs  den  burggrafen  und  segelte  mit  seinen  ge- 
treuen nach  Indien,  von  wo  seine  begleiterin  Cundrie  mit 
erfreulichen  nachrichten  nach3Iunsalväsche  zurückkehrte  (820, 
28  —  823,  10).  man  könnte  es  bedenklich  finden  dafs  Feirefiz 
so  lange  von  seinem  beere  abwesend  ist.  dieses  wohl  erwä- 
gend läfsl  der  dichter  ihn  schon  753,  1—24  in  der  Unterre- 
dung mit  l'arzival  sich  rühmend  sagen  welche  gewalt  er  über 
seine  leute  habe,  dafs  sie  geduldig  seiner  harren  würden, 
wenn  er  auch  ein  halbes  jähr  von  ihnen  entfernt  bliebe,  da- 
mit scheint  uns  Wolfram  ungelahr  die  zeit  anzudeuten  welche 
von  des  mohrenkönigs  erscheinung  zu  Joflanze  bis  zu  seinem 
wiedereinlrefFen  bei  dem  beere  nach  der  rückkehr  von  Mun- 
salväsche  verflofs,  nämlich 
Wochen     tage 

4  auf  dem  wege  vom  beere  nach  loflanze  und 
während  des  aufenthaltes  daselbst  (754,  2 
und  78G,  20). 

IG  CO        5(?)    auf  der  reise  nach  31unsalväsche. 
11         zu  Munsalväsche. 

?  ?  auf  der  nickreise  über  Joflanze  zum  beere. 

18  w.  6  t.  -f-  '  ^^  •  '■  t-  =  «6  Wochen  oder  'A  jähr. 
es  bleiben  also  7  w.  1  t.  für  die  rückreise  von  Munsalväsche. 
3)  zum  schlufse  haben  wir  noch  die  stellen  des  gcdich- 
tes  zu  besprechen  welche  von  dem  einflufse  handeln  den  ge- 
wisse Sterne  durch  ihre  Stellung  und  bewegung  auf  den  kran- 
ken Anforlas  übten,  ob  dieselben  etwa  ein  moment  abgeben 
zur  bestimmung  der  zeit  in  welcher  Parzival  zu  Munsalväsche 
eintraf,  es  sind  folgende,  489,  24  -  490,  12:  491,  5; 
492,  23  —  493,  6;  789,  1—11.  hier  heilst  es  490,  3  —  8 
und  491,  5  nur  im  allgemeinen  dafs  die  Wiederkehr  und  der 
entgegengesetzte  lauf  gewisser  sterne,  insbesondere  der  mond- 
wechsel  dem  Anfortas  grofse  schmerzen  verursachte. 

Genaueres  lesen  wir  489,  24  —  490,  2.  9—12  und  492. 
23  —  493,  0.  Parzival  erfährt  von  Trevrizenl.  der  planet  Sa- 
turn sei  gerade  an  dem  tage  erschienen  an  welchem  er  einst 
zu  3Iunsalväsche  gewesen,   und  wie  derselbe  mit  i>rofsem  frosi 


CHRONOLOGIE  IM  PARZIVAL.  477 

zu  kommen  und  in  Anforlas  wunde  durch  eine  eisige  kälte 
sich  anzukündigen  pllegte,  so  hätten  damals  die  schmerzen 
dem  unglücklichen  wehe  gethan  wie  nie  zuvor;  in  der  fol- 
genden nacht  sei,  ungewöhnlich  früh  im  jalire,  schnee  gefal- 
len, der  dichter  sagt  ausdrücklich  493,  4 — 6  dem  sne  waa 
ninder  als  gdch,  er  viel  alrerst  an  der  andern  naht  in  der 
s^umer liehen  mäht;  er  nennt  den  schnee  489,  27  sumerlichen 
sne,  wie  es  auch  281,  14  heifst  ez  enwas  iedoeh  niht  snewes 
zit.  Simrock  ist  also  wohl  in  irrthum,  wenn  er  489,  27  von 
'spätem  frühlingsschnee'  redet  und  von  jener  merkwürdigen 
nacht  Avelche  der  scene  am  Plimizöi  vorhergieug  493,  5.  6 
behauptet  dafs  'mit  ihr  der  lenz  begann.'  übrigens  müfsen 
wir  den  dichter  bewundern,  mit  wie  feiner  kunst  er  das  natur- 
ereignis  des  sommerlichen  Schneefalls  auf  die  Schicksale  des 
Parzival,  des  Anfortas  und  so  vieler  mit  ihnen  in  Verbindung 
stehender  personen  einwirken  liefs.  endlich  789,  1 — ^11  be- 
zieht sich  allerdings  auf  den  tag  an  welchem  Parzival  und 
Feirefiz  zu  Munsalväsche  ankommen,  aber  wenn  wir  hier 
auch  die  astrologische  bemerkung  lesen,  Mars  und  Jupiter 
seien  zornglühend  in  ihrem  lauf  dahin  zurückgekehrt  von  wo 
sie  ausgegangen,  so  läfst  sich  doch  aus  derselben  hinsichtlich 
der  Jahreszeit  oder  des  monats,  wann  dieses  phänomen  er- 
schienen, kein  schlufs  ziehen;  denn  die  annähme  dafs  die 
genannten  slerne  hier  (wie  782,  1. — 16)  als  planetengötter 
figurierten,  Avelche  gewissen  bildern  des  tiiierkreises  und  mo- 
naten  des  Jahres  (Mars  dem  april  und  november,  Jupiter  dem 
merz  und  december,  Saturn  dem  Januar  und  februar)  vorstän- 
den, widerstreitet  den  übrigen  chronologischen  angaben  des 
gedichtes  und  dem  Charakter  des  christlichen  dichters. 

Es  hat  dem  verfafser  des  Parzival  also  nicht  beliebt  uns 
über  das  chronologische  seiner  dichlung  bis  ans  ende  fortlau- 
fende genaue  rechenschaft  zu  geben,  dies  stimmt  auch  ganz 
mit  seinem  plane  überein  je  näher  dem  schlufse  des  epos 
desto  rascher  und  durch  episoden  ungestörter  die  facta  sich 
abwickeln  zu  lafsen  (734,  iff.};  aber  doch  wollte  und  konnte 
er  der  nebenabsicht  dem  berechnenden  verstände  beim  genufse 
der  Schönheiten  seines  werkes  einen  antheil  an  thätigkeit  durch 
Zahlenangaben  zu  gewähren  nicht  ganz  entsagen,  weil  diese 
beschäftigung  seiner   eigenen    zum   geheimnisvollen   und  zum 


478  MARIENLIEDER. 

grübeln  geneigten  natur  ein  bediirfnis  war.  um  daher  beide 
zwecke  zu  vereinigen  schlofs  er  die  letzten  erzähiungen  in 
den  weiten  rahmen  unbestimmter  allgemeiner  zahlengröfsen 
ein.  dadurch  gewann  er  den  wohlberechneten  vortheil  dafs 
sowohl  seine  darstellung  als  auch  die  phantasie  der  zuhÖrer 
sich  auf  einen  weiteren  gebiete  poetischer  freiheit  bewegen 
durfte  und  diese  dem  realzusammenhang  der  begebenheiten  um 
so  gespannter  folgen  konnte ;  ja  sogar,  indem  er  sein  mysti- 
sches gedieht  bis  zu  der  mittelalterlichen  sage  vom  priester- 
könig  Johannes  hinabführte,  verschaffte  er  demselben  durch 
die  weite  aussieht  in  die  historischen  ergebnisse  der  folgezeit 
einen  eben  so  hohen  schein  von  Wahrheit  und  realer  bedeu- 
tung  als  er  durch  herleitung  der  meisten  ausgezeichneten  per- 
sonen  seines  heldengedichtes  von  dem  feengeschlechte  31aza- 
dans  ihm  eine  ideale  überirdiscjie  grundlage  gegeben  hat,  auch 
hierdurch  lehrend  wie  durch  zurückführung  auf  einen  höhern 
Zusammenhang  und  Ursprung  viele  gegensätze  und  sich  be- 
feindende elemenle  eine  friedliche  lösung  und  Aersöhnung 
finden. 
POTSDAM.  RÜHRMUND. 


3IARIEi\LIEDER. 

I. 

Gelobt  si  di  tzit  der  svzen  nacht 
Inder  ihesus  der  lichte  tac 
von  einer  rosen  ane  dorn 
So  wundirlichen  wart  geborn. 
Lop  si  der  liben  mvter  sin  5 

Di  vns  hat  bracht  ein  kindelin 
So  tzart  vnd  ovch  so  minnenclich 
Das  nie  ward  geborn  sin  glich, 
lop  si  der  tvginlrichen  mait 

von  aller  miner  craft  gesait.  10 

Dv  bist  czv  trwen  vn  vorzait, 
Diu  kint  wen  is  dir  wol  behalt. 
Der  himilichsen  engil  schar 
lies  hiinelischen 


MARIENLIEDER.  479 

Dich  löblichen  lobin  sal 

Wcnne  er  aleine  hat  erkorn  15 

des  stillen  kindes  zorn 

Dich  lip  ZV  einer  mvter  sin, 

Des  vrev  sich  das  herze  din. 

0  rose  in  blvete  immer  rot, 

Nimant  volendin  kan  din  lop,  20 

wenne  dv  bist  vrei  der  svndin  we: 

Des  xrev  dich  hvte  vnd  iramernie. 

Sin  rainnenclicher  aneblic 

Dir  sentet  siner  minne  stric, 

Des  mvst  dv  wesin  vreudenrich.  25 

Nv  bit  den  zarten  heimelich. 

Nv  inder  krippen  wunderlich 

Noch  dineni  willen  wolde  sin 

Das  keiserliche  kindelin. 

Nv  sich  is  an  vnd  vrewe  dich.  30 

Nv  sich  an,  wi  der  minne  kraft 

gevangen  hat  sin  wilde  macht, 

Das  er  begriflichen  wordin  ist 

Den  vor  begreif  nie  kein  list. 

sin  deiner  lip  ist  liligin  var,  35 

glich  ist  sin  mvnt  rosin  gar, 

Zv  kisin  in  nv  neiga  dich  ; 

Nim  in  mit  vrevdin  vnde  sprich : 

0  rose  von  iervsalem, 

0  lilige  von  betlehem,  40 

von  nazaret  ein  blvmilin, 

bis  willenkvmen  der  sele  min. 

0  allir  miner  vrevden  kil, 

Alles  mines  hertzen  spil, 

0  svzes  kint,   0  über  svn,  45 

Nv  bis  hevte  willenkvmen  mir; 

Ovch  bin  ich  ein  mvter  worden  dir, 

Dv  schepher  vfi  herre  min, 

14.  auf  diesen  vers  mufs  vers  16  folgen,  der  zu  lesen  ist  des  stillen 
kindes  äne  zorn,  dann  vers  15  h.  s.  f.  2i.  über  c  in  minne  rasvr. 
28.  lies  nach  37.  küssen  38.  e  in  vrevdin  aus  o  corrigiert. 

47.  ein  ist  in  die  hs.  hineincorrigiert.     r  in  dir  durch  rasur  aus  n. 


MARIENLIEDER. 

ich  tochter  vnde  dirne  din. 

her,  aller  selde  selikheit  öO 

gerl  diner  brvste  svsikheit. 

Nv,  mvter  aller  vrowen. 

wol  phlic  VHS  des  newen. 

0  aller  svndin  troesterin, 

Dvrch  alle  dise  vrovde  diu  55 

ker  dine  gvete  her  zv  mir. 

Eia  vil  svze  mvter  mir, 

Er  hoera  nv  di  bete  min: 

So  wil  ich  immer  lobin  dich. 

Er  hora  milde  vrowe  mich,  60 

Di  mvlerlichen  oren  din 

Neiga  vnd  hora  di  bete  min ; 

La  mich  nicht  trowren  von  dir  gen, 

wilt  dv  das  ich  mvge  besten. 

gip  mir  den  aller  edelsten,  Gö 

gip  mir  den  aller  schönsten : 

So  werd  ich  lip  von  innekeit, 

svze  von  siner  svzikeit, 

edil  von  siner  edilkeit, 

schon  von  siner  Schönheit.  70 


11. 

1  Vrev  dich,  maria,  diner  gcburle : 
der  heilige  gcist  dich  vmbegurle 
Indiner  mut  libe  sark 

mit  siner  crefte  di  waz  stark. 
Durch  dise  vreude  er  vrewe  mich 
an  miner  sele,  des  bite  ich  dich. 

2  V^ev  dich,  maria,  wen  din  grüz 
ist  vnser  sutheu  wrden  biis. 

Den  dir  brachte  gabriel : 
des  sprichet  din  lop  ezechiel. 

50.  her  auch  im  inarienlied  II,  13,  !1.         58.  hinter  di  ein  n  radiert, 
vergl.  62. 

1,  3.  hinter  niiil   die  abkürzttng  *  vergeßcn.  2,  1.  lies  wen 

2,  2.  suhlen 


MARIENLIEDER.  481 

Durch  dise  vreude  er  vrewe  mich 
an  niiner  sele,  des  bit  ich  dich. 

3  Vrev   dich,  maria,  wen  din  kint 
bekante  iohannes  also  blint 

vnd  vngeborn  indinem  libe, 
diz  wndert  got  an  aldem  wibe. 
Durch  dise  vreude  u.  s.  v;. 

4  Vrev  dich,  lichte  gotheit  p 
ansich   zoch  vnser  menschen  cleyt 
Indiner  kevschen  kemenate, 

daz  geschach  vil  wnderu  drate. 
Dur  dise  vreude  u.  s.  w. 

5  Vrev  dich,  maria,  alle  vvort 
beslusestu  sam  einen  hört, 

Di  hirten  vondir  kosten  vtu, 
do  din  sunne  in  luchte  zv. 
Durch  dise  u.  s.  w. 

6  Vreu  dich,  wen  diner  ougen  stern 
sahen  kint  mit  vreuden  gern, 

Do  is  von  dir  geborn  wart, 
selb  drit  iz  zvdir  waz  gekart. 
Durch  dise  u.  s.  w. 

7  Vrev  dich,  maria,  kuneginne : 
dry  kunige  dich  mit  cluger  sinne 
Suchten  snel  gar  vlizzeclich, 

ir  gäbe  dutet  zeichenlich. 
Durch  dise  //.  s.  w. 

8  Vreu  dich,  maria,  do  du  queme 
inden  tempel  du  vil  geneme, 

Dich  vnd   din  kint  cristus  von  syon 
enphink  mit  vreuden  symeon 
Durch  di  u.  s.  w. 

9  Vreu  dich,  maria,  vil  wol  gezirt, 
symeon  von  dir  prophetizirt, 

Daz  eyn  svert  din  herze  sneyt; 
nv  sint  benumen  dir  din  leyt 
Durch  dise  u.  s.  w. 

4,  4.  wunderndräte 

Z.   F.  D.  A.  VI.  31 


482  MARIENLIEDER. 

10       Vrev  dich,   raaria,  riches  wndes, 
der  dir  erschein  von  herzen  grundes, 
Do  din  kint  vorlorn  was, 
in  der  iuden  schul  iz  saz. 
Durch  di  u.  s.  iv. 

\\        Vrev  dich,  maria,  wen  du  wrde, 
gar  an  alle  swere  bürde, 
Mit  samt  dinem  kinde  in  geladen : 
wazzer  wart  win  an  allen  schaden. 
Durch  dise  u.  s.  iv. 

12       Vrev  dich,  maria,  dioer  hineverte, 
wenne  gote  nimant  daz  eowerte; 
Her  queme  selber  dir  zv  lone 
vnd  sezte  dich  vf  der  eren  trone. 
Durch  di  v.  s.  w. 

Di  vreude  di  hi  sint  genant, 
di  sint  dir,   l'rowe,  baz  bekant 
waz  ich  da   mite  meyne, 
du  kuniginne  reyne. 
bichte,  buze  an  mir  vor  newe, 
vnd  gip  mir  rechte  rewe. 
an  minen  lesten  ende 
dine  genade  mir  sende 
vnd  wis  min  geleile, 
min  sele  di  gereite 
durch  diner  vrevden  wnne. 
nv  bitte,  swer  da  kunne. 


III. 

Ave  maria. 
gegruzel  sistu  du,  marie, 
Schoene  maget  vrie, 
Geborn  von  kuneclicher  arf : 
Genemer  mait  nie  wart, 
den  du  werliche  bist : 
von  dir  gol  geborn  ist. 

11,  4.  wia  in  der  As.  abgerieben  und  verwischt. 


MARIENLIEDER.  483 

Gratia  plena. 
Maria,  alse  genaden  uol, 

die  cristeuheil  dich  loben  sol,  10 

wen  du  got  gebere 
an  aller   bände  swere 
vn  doch  raaget  were  : 
Daz  ist  ein  wnder  vil  groz, 

des  hastu  mait  keine  genoz,  15 

Indes  himels  schone 
dich  loben  der  engel  gedone. 

Dominus  tecum. 
Maria,  got  ist  mit  dir: 

also  wis  vrowe  mit  mir  20 

durch  dine  barhercekeit, 
du  host  den  fluech  nider  geleit. 
Der  vns   allen  was  gegeben, 
vn  hast  vns  braht  an  daz  leben, 
des  ende  nimmermer  zuget,  25 

Sunder  immer  me  in  vroden  stet. 

Benedicta  tu  inmulieribus. 
Maria,  gesegente  vor  allen  A^-iben, 
Nu  gerueche  von  mir  triben 
mines  hercen  brodekeit  30 

die  miner  sele  ist  A-il  leit: 
des  bit  ich  dich  innecliche. 
du  bist  in  himelriche 
aller  engel  ^Towe. 

kuneginne,  nu  schowe  35 

Der  cristcnheit  groze  not 
durch   dines  lieben  kindes  tot 
Den  er  andem  cruee  leit 
durch  des  menschen  selecheit. 

Et  benedictus  fructus  uentris  tui.  40 

die  du  mit  meitlicher  zut 
gebere,  gelobet  si. 
mach  vns  uon  sunden  vri. 

12.  die  hs.  aü'e  wie  sw*e  14.   die  hs.  wnd'e  21.  lies    barm- 

herzekeit         26.  die  hs.  Süd*e         41.  vor  diesem  verse  fehlt  offenbar 
ein  vers  mit  einem  reime  auf  zuht. 

31* 


484  EINIGE  MITTELDEUTSCHE  WORTEK. 

Du  bist  die  rose  ane  dorn, 

von  allen  meiden  vz  erkoren:  45 

des  laz  vns  geniezen 
vnde  geruche  ul'  zliezen 
daz  vrone  hiraelriche, 
dar  wir  vroliche 

niuzen  niitdir  immer  sin :  50 

des  liiir  vns  reine  kunegin.     amen. 
47.   üf  sliezen 

Ans  der  pergamenthandschrift  878  der  umversitäts- 
bibliolhek  zu  GieJ'sen.  die  hs.,  welche  einen  heiligenca- 
lender  und  ein  deutsches  brevier  enthält,  zählt  175  blätter 
und  trägt  auf  bl.  2'  von  späterer  hand  die  jahrzahl  1342. 
das  marivnlied  I  ist  von  einem  andern  Schreiber  als  dem 
der  hs.  auf  bl.  1 ''  und  2^  sauber  und  deutlich  eingeschrie- 
ben, vm  den  räum  vor  dem  heilige/icaleudor  nicht  unbe- 
nutzt zu  lafsen.  das  marienlied  II,  tvieder  von  einer  an- 
dern hand,  füllt  den  am  schlaf  sc  der  hs.  bl.  174'  —  176'' 
gebliebeneu  räum.     Il[  steht  bl.  \7\^ — 172''. 

GIESSEN.  DR  WEIGAND. 


EINIGE    MITTELDEITSCHE   WOIITER. 

Veratidern.  in  den  Marienlegenden  7,  63  ff.  lesen  wir 
eyd,  nu  will  verandern  dich  und  eine  brat  über  mich  an 
dines  herzen  liebe  zien.  der  herausgeber  erklärt  verandern 
durch  verändern ;  in  dem  von  Wh.  Müller  herausgege- 
benen nihd.  wörterbuche  Ueneckes  ist  die  stelle  nicht  ange- 
führt, sich  verändern  bedeutet  hier  sich  verheiraten,  wie  das 
Wort  z.  b.  in  der  Wetterau,  wo  man  sich  veranuern  oder 
Deränern  ausspricht,  noch  gäng  und  gäbe  ist.  Erasmus  Al- 
berus  Wörterbuch  (1540)  hat  nach  wctterauischem  Sprachge- 
brauch 'eloco,  ich  verander,  filiam  scilicet\  und  früher  wie 
im  16n  jh.  schrieb  man  auch  sich  verendern  in  jener  bedeu- 
tung.  vergl.  Oberlin  1,  1718,  wo  aber  das  wert  irrig  vom 
eingehen  einer  andern  ehe  verstanden  wird ;  es  drückt  das 
eingehen  der  ehe  überhaupt  aus. 


EINIGE  MITTELDEUTSCHE  WÖRTER.  485 

Unbate  kommt  bei  Herbort  717  und  2296  vor.  es  ist, 
der  unbarrc  und  unbare  ausgesprochen,  in  der  VVetterau  bis 
über  die  Lahn  geläufig  und  bedeutet  1)  ereignis,  Handlung, 
zustand,  die  öiFentliches  ärgernis  geben,  hiernach  vvei'den  die 
stellen  bei  Herborl  sich  erklären  lafsen.  2)  übermälsige, 
gleichsam  ungehörige,  menge,  den  grundbegriff  zeigt  mni. 
ombate  detrimentum  (gramm.  1,  494  2e  ausg.),  eine  Zusam- 
mensetzung mit  bäte,  bei  Herbort  2697  auch  bade,  förderung, 
vortheilbringen,  vorlheil.  in  der  Wetterau  wird  für  dieses 
bäte  gesagt  ds  gebatt  d.  i.  das  gebale,  und  den  begriff  des 
verbums  drückt  Aiberus  sehr  richtig  aus,  wenn  er  in  seinem 
wörlerbuche  schreibt  '  batt  proficit.' 

Binckenbangk  heifst  ein  teufel  im  Alsfelder  passions- 
spiel*  zeitschr.  f.  d.  a.  3,  489.  490;  493  fehlt  er  aber  in 
der  aufzählung  der  teufel.  der  name  scheint  '  spielteufeF  zu 
bedeuten,  zwar  geht  aus  den  worten  dieses  teufeis  nichts 
hervor,  wenn  man  nicht  489,  324  —  327  an  luoder  denken 
will ;  aber  es  heifst  ein  in  der  VVetterau  noch  sehr  übliches 
einfaches  kinderspiel  zu  gewinn  oder  verlust  binklebank.  eines 
der  spielenden  nimmt  in  die  eine  band  um  so  viel  man  spie- 
len will,  macht  dann  beide  bände  zu,  schwingt  sie  einige 
mal  um  einander  und  hält  sie  dem  andern  hin  mit  den  Wor- 
ten 'binklebank,  in  welcher  band?'  räth  der  andere  nun  die 
band  in  welcher  der  gegenständ  des  Spieles  ist,  so  erhält  er 
diesen  als  gewinn ;  räth  er  die  leere  band,  so  mufs  er  dem 
ersten  so  viel  geben  als  dieser  in  der  andern  band  hat.  dar- 
aus erklärt  sich  auch  eine  stelle  die  ich  mir  vor  mehr  als 
zwanzig  jähren  aus  einer  Rachel  beigelegten  satire  ausge- 
schrieben habe,  aber  in  Schröders  ausgäbe  nicht  finden  kann: 
(das  weib;  'hat  in  einer  band,  gleichwie  die  kinder  pflegen 
Zu  spielen  pinkewink,  lust  leben  fried  und  segen,  Und  in  der 
andern  band  zorn  tod  fluch  hafs  und  zank.  Ach,  solches 
jiinkewink  bringt  schmerz  sein  lebenlang.  Wer  diese  band 
ergreift,  der  kriegt  nicht  nur  die  bände,  Ja  vielmehr  haus 
und  hof  voll  kreuz  und  voll  elende.'  sat.  8,  399  steht,  dem 
herausgeber  unerklärlich,  die  pinkebank,  und  es  ist  wohl  da- 

'■■  in  einem  osterspiele  dessen  hs.  in  der  stadtkirche  zu  Friedberg 
in  der  Wetterau  in  einer  kiste  bei  den  spielgewändern  gefunden  wurde 
kommt  unter  den  teufein  dieser  teufel  nicht  vor. 


486  EINIGE  MITTELDEUTSCHE  WÖRTER. 

mit  dasselbe  spiel  gemeint,  welches  früher  auch  ein  gliicks- 
spiel  erwachsener  gewesen  sein  mag. 

l^regen,  Jrege?t,  fragen,  verzeichnet  Wh.  Wackernagel 
in  seinem  altd.  Wörterbuch,  es  steht  z.  b.  auch  bei  Herbort 
4368.  8086.  17699,  wozu  granim.  1,  970  2e  ausg.  zu  ver- 
gleichen ist  und  Sommer  zu  Flore  3494.  wetterauisch  ist 
mir  freje  d.  i.  f regen  üblich,  mc\\i  fragen,  was  dort  hoch- 
deutsch klingt;  prät.  ind.  frekt  d.  i.  fregte,  part.  prät.  ge- 
frekt  d.  i.  gefregt. 

Kerren,  gerren.  die  Hätzlerin  I,  35,  16  hat  erst  hebt 
sich  greyn  vnd  kerren.  dies  stimmt  hier  mit  dem  in  der 
Wetteran  sehr  geläufig  starken  verbum  gerrn  (prät.  ind. 
ga^rr,  part.  prät.  gego^^rrii,  d.  i.  gerren  gar  gegorren), 
laut  weinen,   iiberein.     vergl.   kerren  bei  Oberlin   1,  778. 

Grellen  steht  in  den  3Iarienlegenden  24,  275,  iraltvi- 
schere  die  durch  leide  swere  für  netze  trugen  grellen, 
und  der  herausgebcr  fragt  ob  grellen  scharfe  gebogene  haken 
ausdrücke  und  zu  krallen  gehörig  sei.  mir  scheint  der  sing., 
wenn  er  grelle  lautete,  eine  nebenform  mit  umlaut  von  dem 
wetterauischen  fem.  grall  oder  gralle  d.  i.  die  grall  oder 
gralle,  dem  landüblichen  worte  für  die  zwiesel,  welche  bei 
den  räubern  in  jener  stelle  zum  fange  gedient  haben  dürfte, 
vergl.  übrigens  die  graitel  bei  Schmeller  2,  124.  gral  bei 
Frisch  1,  365M".,  grelle  371%  kraal  kratt  bei  Schmidt  We- 
sterw.  id.  88. 

liiile  Athis  C*  87  ist  das  weUerauische  die  kauL  kugel, 
früher,  wie  Alberus  Wörterbuch  und  fabeln  zeigen*,  für  jede 
kugel  gesagt,  jetzt  nur  von  der  schiebekugel,  während  die 
zum  schiefsen  gebrauchic  kugel  heifst.  in  der  obigen  stelle 
entspricht  kluz  88. 


*  im  wörterburho  '  plumlmla  .i.  plunibala  pila  bleikaul.  —  globus 
ein  kugel,  kau/.  —  heinisphaeriiim  ha/bif  kaul.'  in  den  fabeln  16. 
s.  58  dir  ausgäbe  von  l.löO  'er  war  nicht  faul  vnd  bracht  mit  sich 
ein  bieten  kaul.  vergl.  auch  die  kaute  Krisch  l,  504.  von  den  schu- 
I'sern  des  kin.U'ispiels  koninU  kci/lrheii  sc/iicfsen  auch  in  Luthers 
schreiben  an  die  burp^ermeister  und  rathsherrcn  aller  städtc  Deutsch- 
lands vor.  Campe  hat  haiilieht ,  kaulii',  kugelifht,  und  kaitlhuhn  (wet- 
terauisch käuler)  heilst  das  hinten  kufjeliclit  aussehende  huhn  ohne 
Schwan/.. 


SEGENSFORMELN.  487 

Krlsten,  W.  Wackern.  altd.  leseb.  CLVIII.  vergl.  h^eisten 
Sclinieller  2,  396.  Wetterauisch  sagt  man  h-eston,  laut  stöh- 
nen, es  ist  wohl  dasselbe  wort;  ich  weils  aber  das  c  der 
Stammsilbe  mit  ei,  mhd.  i,  nicht  in  einklang  zu  bringen  und 
vermute  eine  lautabweichung. 

Müche  Frauenlob  spr.  335,  2,  ein  sonst  nicht  vorkommen- 
des Avort,  dessen  bedentung  von  dem  herausgeber  vermutet 
wird,  ist  die  sogenannte  mauke,  eine  den  fufs  lähmende  krank- 
heit  der  pferde  und  vom  spath,  mhd.  spät,    verschieden. 

Sife,  Wh.  Grimm  zu  Wernher  vom  Niederrhein  37,  25 
und  zeitschr.  1,  426.  bei  Wernher  bedeutet  das  worl  wohl 
ein  von  abfliefsendem  quelhvafser  oder  dauernder  näfse  durch- 
zogenes sumpfartiges  gelände,  gewöhnlich  mit  geringem  grase 
bewachsen,  wie  der  name  noch  häufig,  bald  die  seife  bald 
der  seife  bald  das  seif  oder  seifen  geschrieben,  in  der  Wet- 
terau,  in  Oberhessen,  dem  Hinterlande,  auf  dem  Vogelsberge, 
Westerwalde  fvergl.  Schmidt  Westerw.  id.  217)  u.  s.  w. 
vorkommt,  er  ist  aus  dem  wurzelverbum  ags.  sipa/i.  fries. 
sipa,  triefen  (gramm.    1,  41 4 f.  3e  ausg.)  abzuleiten. 

GIESSEN.  DR  WEIGAND. 


SEGENSFORMELN. 

WASSERSEGEN  UND  WUNDSEGEN. 

(roth)  Diss  ist  der  wasser  segen  das  gewar  ist  vnd  vil 
gross  wunden  da  mit  gehailt  sint.  (schwarz)  In  nomine  p. 
et  f.  et  s.  s.  et  benedicat  aquam  {roth)  Et  dicat  {schwarz) 
Der  got  der  für  wasser  luft  ertrich  geschuf  vnJ  alle  creatur, 
der  gesegen  dich  wund  vnd  wasser  gut  bi  des  hailigen  Cristes 
blut  vnd  bi  der  hailigen  karitat,  das  du  din  swellen  und  din 
sweren  laussist  sin  vnd  wellist  hailen  von  grund.  also  tet  du 
selb  wund  die  Longinus  der  iud  vnserm  herren  durch  sin  reht 
siten  stach,  du  gebar  noch  geswar  nie,  noch  gesurt  noch  ge- 
fult  nie,  noch  slüg  enkain  übel  dar  zu  nie  von  enkainer  lay 
geschiht.  also  muss  der  wunden  beschehen,  das  werd  war 
in  gotles  namen.  amen,  (roth)  dicat  ter  et  semper  vnum 
pater  noster  et  aue  Maria  et  iactet  aquam  in  wulnus  cum 
manu. 


488  DES  TANHAÜSERS  HOFZUCHT. 

ROSSTRITTSEGEN. 

(roth)  Diss  ist  der  trit  segen  der  ross.  dicat  {schwarz) 
In  nomine  p.  et  f.  et  s.  s.  Ich  wider  trit  den  trit  mit  dem 
trit  den  vnser  hergot  an  das  frone  crütz  trat,  (rotk)  dicat 
ter  et  semper  vnum  paler  noster  et  aue  3Iaria  et  sanciat 
crucem  cum  pede. 

WUiNDSEGEN. 

(schwarz)  Rist  mess  (so)  lat  ich  (so)  disiv  vnden  (/. 
wunden)  segnen:  ich  (? Jesus)  crist  der  jung  der  haili  disiv 
wnd.  dicat  ter  "f  f  f. 

^us  der  papierhandschrift  100  der  unirei^sitätsbiblio- 
thek  zu  Giefsen  bl.  34''  {nach  der  blaUzahlung  in  Adrians 
katalog  bl.  36'').  die  hs.  ist  aus  dem  \An  jh.  den  letzten 
hat  eine  jüngere  hand  hinzugefügt. 

DR  W  EIGAND. 


DES    TANHAÜSERS    HOFZLCHT. 

Er  dünket  mich  ein  ziihtic  nian. 
der  alle  zuht  erkennen  kan, 
der  keine  unzuht  nie  gewan 
und  im  der  zühte  nie  zeran. 

der  zühte  der  ist  also  vil,  5 

und  sint  ze  manegen  dingen  guot: 
nu  wizzent,  der  in  volgen  wil, 
daz  er  vil  selten  missetuot. 

die  Sprüche  sint  von  grozer  zahl, 
die  halten  sol  der  edele  man,  10 

und  sint  von  manger  ungenuht. 
die  man  dar  an  erkennen  kan. 

diu  zuht  ist  sicher  liulen  guot. 
und  swer  der  zühle  rehte  luot. 

Die  hs.  Daz  ist  des  lanhawsers  getiht  vfi  ist  gut  hofzuchl.         6  steht 
Zwischen  7  und  8.  10  nach   11.       mangc  1.1.  leitliii  \k.  für 

swer  Jast  immer  wer. 


DES  TANHAUSERS  HOFZUCHT.  489 

der  sich  vor  unzuhl  hat  behuot.  15 

den  machet  got  vil  hochgemuot. 

da  von  rate  ich  miuen  friunden  daz 
daz  si  der  unzuht  wesen  gehaz. 
der  siner  zühte  nie  vergaz, 
wie  selten  rot  er  ie  gesaz.  20 

ze  dem  ezzen  sult  ir  sprechen  sus. 
als  ir  dar  zuo  gesezzen  sit, 
'gesegeue  uns  Jesus  Christus/ 
gedenkt  an  got  ze  aller  zit, 

swenne  ir  ezzt,  so  sit  gemant  25 

daz  ir  vergezzt  der  armen  niht; 
so  wert  ir  gote  vil  wol  erkant, 
ist  daz  den  wol  von  iu  geschiht. 

gedenket  an  die  grozen  not 
der  weisen,  swa  die  sin  da  bi:  30 

durch  got  so  gebt  in  iuwer  bröt, 
so  wert  ir  vor  der  helle  fri. 

kein  edeler  man  selbander  sol 
mit  einem  leffel  süfen  niht: 

daz  zimet  hübschen  liuten  wol,  35 

den  dicke  unedellich  geschiht. 

mit  schüzzeln  sufen  niemen  zimt, 
swie  des  unfuore  maneger  lobe, 
der  si  frevellichen  uimt 
und  in  sich  giuzet  als  er  lobe,  '»0 

und  der  sich  über  die  schüzzel  habet, 
so  er  izzet,   als  ein  swin, 
und  gar  unsüberliche  snabet 
und  smatzet  mit  dem  munde  sin. 

sümliche  bizent  ab  der  sniten  45 

und  stözents  in  die  schüzzel  wider 
nach  gebürischen  siten : 
sülh  unzuht  legent  die  hübschen  nider. 

15.   hat  fehlt.  17.    mein   frewdfi  18.  wesn  der  vnzucht 

22  nach  23.  25.  Wenn  26  ?iack  27.  Daz  ir  den  ariü  ver- 

gezzent  niht  29.  grozz  30  nach  31.  Den  waisn  wa 

33.  edelo  34  nach  35.  38  nach  40.  vnfiir  doch  mani- 

ger  1.         42  nach  43.         43.  snalt         46  nach  47.         stozzentz 


490  DES  TANHAUSERS  HOFZLCHT. 

etlicher  ist  also  gemuot, 
swenn  er  daz  bein  genagen  hat,  50 

daz  erz  wider  in  die  schüzzel  luot: 
daz  habet  gar  für  missetät. 

die  senf  und  salsen  ezzent  gern, 
die  sulen  des  vi!  flizic  sin 

daz  si  den  unflät  verbern  55 

und  stözen  niht  die  vinger  drin. 

der  riuspet,  swenne  er  ezzen  sol, 
und  in  daz  tischlach  sniuzet  sich, 
diu  beide  ziment  niht  gar  wol, 
als  ich  des  kan  versehen  mich.  60 

swer  snüdet  als  ein  wazzerdahs, 
so  er  izzet,  als  etlicher  phliget, 
und  smalzet  als  ein  Beiersahs, 
wie  gar  der  sich  der  zuhl  verwiget. 

der  beide  reden  und  ezzen  \sil,  65 

diu  zwei  werc  mit  ein  ander  tuon, 
und  in  dem  släfe  reden  vil, 
der  kan  vil  selten  wo!  geruon. 

ob  dem  tische  lät  daz  rehten  sin, 
so  ir  ezzent,  daz  sümliche  tuont :  70 

dar  an  gedenkent,   Iriunde  min, 
daz  nie  kein  site  so  übele  stuont. 

swelch  man  daz  brot  legt  an  den  lip 

und  snidel   sam  diu  kranken  wip  75 

und  werde  in  brähl  ein  empelin 
mit  salze,  swenne  ir  ezzen  gef, 
so  sület  ir  nihl  grifen  drin 
mit  blözer  lianl,  daz  übele  stet.  80 

ez  dunkel  mich  groz  missetät, 

50  nach  51.  Wenn  51.   er         53.  salzn  5i  iiach  55. 

56.  n  ht  (1  vinger  {so)         57.   Der  räwspet  wenn  58  nach  59. 

62  nach  63.  03.  payr  sachs  66  nach  67.  mit  anandtr 

68.  Vn  in  den  slaf  wil  r.   v.  70  nach  71.  71.   frawd 

74  litid  76.    keine  lücke  in  der  hs.  77.    enpelein :     s.    Scitmeller 

1,  58.  78  nach  79.  Mit  .saltz  wenn   ir  ezzen   weit 


DES  TANHALSERS  HOFZUCHT.  491 

an  sweme  ich  die  unzuht  sihe, 
der  daz  ezzen  in  dem  munde  hat 
und  die  wile  trinket  als  ein  vihe. 

etlicher  blaset  in  den  tranc;  85 

des  spulgent  sümeliche  gern : 
daz  ist  ein  ungewizzen  danc: 
der  unzuht  solte  man  enberu. 

etlicher  über  den  becher  siht 
so  er  trinket ;  daz  enstet  niht  wol :  90 

den  habet  für  einen  degen  niht 
dii  man  den  besten  haben  sol. 

6  daz  ir  trinkt  so  wischt  den  munt, 
daz  du  besmalzest  niht  den  tranc: 
diu  hovezuht  wol  zimt  alle  stunt  95 

und  ist  ein  hovelich  gedanc. 

zwischen  den  trabten  mac  ein  man 
wol  trinken,  ob  im  not  beschiht, 
ob  er  daz  tranc  gehaben  kan, 
daz  allen  liuten  flieget  niht.  100 

sw  er  den  vinger  üf  daz  mezzer  leget, 
so  er  snidet,  als  ein  kürsner  pfliget, 
wie  selten  sich  der  wol  gereget 
da  man  den  beiden  an  gesiget. 

und  die  sich  iif  den  tisch  legent  105 

so  si  ezzent,  daz  enstet  niht  w^ol : 
wie  selten  die  die  lielme  wegent 
da  man  frouwen  dienen  sol. 

ir  siilt  die  kel  ouch  jucken  niht, 
so  ir  ezzt,  mit  blözer  hant:  110 

ob  ez  aber  also  geschiht, 
so  nemet  hovelich  daz  gewant 

und  jucket  da  mit:   daz  zimt  baz 
denn  iu  diu  hant  unsuber  wirt. 
die  zuokapher  merkent  daz,  115 

swer  siilhe  unzuht  niht  verbirt. 

82  nach  83.  wein         83.  deu  mund         86  7iac/t  87.  90  >iac/i  91. 

siel         94  nach  95.         98  nach  99.       lOi'.  Der  allS         1U2  nach  103. 
106  nach  107.         stet  107.  W.  s.  die  beim  w.  110  nach   111. 

ezzeot  11  i  nach'  115.  Den  e\v  die  h.   niht  vns.  w. 


492        DES  TANHALSERS  HOFZÜCHT. 

ir  sült  die  zeiide  stiiren  niht 
niil  mezzern,  als  etlicher  tuot 
und  als  siimlichen  noch  geschiht : 
swer  des  phliget,  daz  ist  niht  güot.  120 

swer  mit  leffeln  ezze  gern, 
kan  er  da  mit  niht  heben  üf, 
der  sol  den  unflat  verbern 
daz  erz  iht  schieb  mit  vingern  drüf. 

swer  ob  dem  tisch  des  wenet  sich  125 

daz  er  die  giirtel  witer  lät, 
so  wartent  sicherliche  üf  mich, 
er  ist  niht  visch  unz  an  den  grät, 

swer  ob  dem  tische  sniuzet  sich, 
ob  er  ez  ribet  an  die  hant,  130 

der  ist  ein  gouch,  versihe  ich  mich  ; 
den  ist  niht  bezzer  zuht  bekant. 

ob  daz  geschihet  daz  man  muoz 
drin  setzen  ein   schiizzelin, 

in  wirdet  alier  ziihte  buoz,  135 

grifents  mit  ein  ander  drin. 

swer  mit  bröte  ezzen  sol, 
der  mit  dem  andern  ezzen   wil, 
der  sol  daz  behüeten  wol, 
ob  er  tugent  hat  s6  vil.  140 

ich  hoere  von  siimlichen  sagen 
(ist  daz  war,  daz  zimet  übel) 
daz  si  ezzen  ungetwagen : 
den  selben  miiezen  erlamen  die  kuübei. 

etliche  sint  so  Iroelich  gar,  145 

si  ezzent,  also  danket  mich, 
daz  si  niht  nement  ir  munde  war 
und  bizent  in  die  vinger  sich 

und  in  die  zunge,  hoere  ich  sagen. 

118  nach  11'.).         122  nach  123.  124.  auf  125.   129.  ob  den 

126  nach  127.  128.   frisch  an:    vergl.  264    und  zum  Winsbekeu 

r)2,  7.  130  Hflc/i  132.  134  nach  135.  13.j.  In  wirt  aller  zuclil  pu/. 
136.  Greilfenlz  mit  anander  drein  137.  mit  prot :  brot  in  die  brühe 
im  schüfselein  tauchend?  oder  fehlt  eine  Strophe?  138  nach  I3i». 
142  na<:h    143.         143.  vmbelwagn         146.  nach  1-47.         147.  irs 


DES  TANHAÜSERS  HOFZUCHT.  493 

150 

wem  wil  der  den  schaden  klagen? 

nu  pillige  wol  der  ziihte  diu : 
als  diu  gemazze  trinken  sol, 
ungäz  soll  du  die  wile  sin:  155 

daz  ist  hovelicli  und  zimet  wol. 

swer  den  unflät  von  der  nasen  ninit 
und  vonn  ougen,  als  etlicher  tuot, 
in  diu  ören  grifen  niht  enzimt, 
so  er  izzet,  diu  driu  sint  niht  guot.  160 

ez  ist  selten  nimmer  guot, 
der  mit  dem  andern  ezzen  sol, 
daz  er  dem  gemazn  unrelite  tuot 
mit  iiberezzen,  ez  zimt  niht  wol. 

gen  der  naht  sol  niemen  ezzen  vil  165 

der  wol  des  morgens  gezzen  hat : 
swer  sich  dick  iiberezzen  wil, 
dem  wirt  des  söten  selten  rät. 

von  iiberezzen  kumt  vergibt 
und  überic  krankheit,  beere  ich  jehen :  170 

von  fräze  Sünden  vil  geschibt, 
von  trinkn  ist  arges  vil  geschehen. 

ein  bunger  der  ist  bezzer  wol 
dan  der  spise  ezzen  alze  vil : 
ez  ist  wwger  daz  man  bunger  dol,  175 

der  niht  siech  wesen  wil. 

von  iiberezzen  kumt  vil  not 
ze  vasnabt  unde  ze  ostertagen: 
manec  lüsent  sint  von  ezzen  tot, 
daz  in  verdürben  gar  die  magen.  180 

swer  dar  umbe  versalzt  sin  brot 
daz  er  vertrinket  sin  gewant, 

15Ü  und  151.   keine  lücke.  154  nach  155.  157  — 160  in  dieser 

Ordnung.         11^8.  Vn  von  den  augü  als  etleich  lut         162HacA163. 
164.  ez]  dz         166  nach  167.  169.  vergift  170  nach  171. 

171.  Von   frazz  vil  s.  g.  173.  isi  fehlt.  174  nach  175. 

Wan  d.  sp.  ezzn  ze  vil         175.  meger         I7().  Wan        177.  178  nach 
179.         181.  War  dar  umb  versaltzt  s.  br.        i^%  nach  J83 


494  DES  TANHAÜSERS  HOFZÜCHT. 

kumt  er  da  von  in  gröze  not, 
der  muoz  ein  töre   sin  genant. 

swer  äne  durst  wil  trinken  vil  185 

der  naehent  wol  dem  tode  sich, 
und  vil  an  liunger  ezzen  wil, 
der  lebet  niht  lange,  dünket  mich. 

swer  ouch  lützel  schiubet  in  den  raunt, 
als  grozer  hunger  in  bestet.  190 

er  wirt  vil  selten  wol  gesunt, 
dem  ez  die  lenge  also  get. 

vil  liute  sint  an  hunger  tot, 
und  waz  des  selben  noch  geschiht! 
von  durste  lident  manege  not,  195 

die  doch  von  durste  sterben!  niht. 

got  gesegeue  uns  den  tranc ; 
der  nie  gewan  anevanc 
und  nimmer  mac  ende  nemen, 
der  laze  uns  den  tranc  wol  zemen.  200 

hie  vor  sprach  her  Fridanc, 
guot  win  si  der  beste  tranc ; 
des  noch  der  Taiihüs«re  gibt: 
vil  beiden  des  geloubent  niht. 

ir  siilt  die  heizen  spise  205 

vermiden,  sit  ir  wise, 
swie  gröz  ein  hunger  iuch  best6 : 
diu  bile  tuot  vil  manegem  we. 

diu  Wirtschaft  ist  gar  enwiht. 
swa  diu  spise  ist  kranc ;  210 

ez  mac  ein  Wirtschaft  heizen  niht, 
ist  da  niht  brot  noch  tranc. 

swer  machet  eine  höchzit, 
swie  manige  trabt  man  git. 

da  mac  kein  Wirtschaft  sin,  215 

da  ensi  guot  brot  unde  win. 

186  nach  187.         190  nach  191.         Als   in  der  grozz  bunter  festet 
192.  Den  194  nach  195.  Vn  wez         201.   freydank:   in  einein 

verlorenen  spruche,    oder  ist  es  ungenaue  erinnerung  an  95,2^..' 
204.  lanhawse         205.  pit         210  nach  211.         213.  vergl.  Freidank 
15,  15^'.        214.  Vil  wie  inanig        216.  Da  sei 


DES  TANHAUSERS  HOFZUCHT.  495 

swä  man  des  schächzabels  gert 
und  swä  mauz  von  hunger  inert, 
da  mac   kurzwile  gevallen  niht 
und  ist  diu  Wirtschaft  gar  enwiht.  220 

diu  lazheit  reizet  nianegen  man 
daz  er  guotes  niht  enkan  : 
daz  wirt  ein  ewiger  tot 
und  bringet  manege  sele  in  not. 

nu  lät  iu  die  zuht  behagen  225 

6  daz  si  komen  zuo  ir  tagen 

den  kinden  sol  manz  niht  versagen. 

swer  alle  zuht  behalten  kan 
und  lat  die  unzuht  under  wegen,  230 

der  wirt  vor  gote  ein  lieber  man, 
mac  ers  an  sinen  tot  gephlegen. 

swer  alle  zuht  kau  bewarn 
und  volget  nach  der  zühte  wol, 
des  sele  mac  vil  wol  gevarn,  235 

so  der  lip  sterben  sol. 

vlorn  wirt  kein  wol  gezogen  man, 
kein   ungezogen  man  der  kan 
ze  himelriche  nimmer  komen, 
also  hän  ich  vernomen.  240 

kein  slunt  wirt  nimmer  wise  gar ; 
des  nemt  an  mangem  fräze  war. 
niht  guotes  sinnes  hat  der  slüch 
der  niht  aht  wan  üf  den  buch, 

überic  spise  und  trunkenheit  245 

217.  Wa  —  schachzagls.  diese  stelle  wird  erklärt:  durch  eine  ini  Ren- 
ner 65^,  got,  lä  mich  nimmer  da  gesitzen,  da  man  mit  brotes  snitzen 
schächzabel  ziuliet  ob  den  tischen,  müht  ich  ein  künic  da  erwischen 
oder  ein  roch,  so  füere  ich  wol  -.  mit  vendeu  wird  ich  [da]  selten  voi, 
vom  hin  und  herziehen  der  hrotstückchen  auf  dem  tische  eines  gei- 
zigen, nach  JFackernagels  erklärung  in  den  Beiträgen  zur  gesch. 
und  litt.  {Aarau  1846)   1,  38.  218.    Vü    wa    mans  :     diese  zeile  ist 

mir  nicht  deutlich.  219.  Da  mag  div  kurtzweii  225.  wol  be- 

hagen        220.  ob  hier  die  lücke  anzunehmen  ist  oder  nach  einer  an- 
dern zeile  ist  unsicher.  230   nach   231.  234  nach  235. 
237.  Verlorä         241.   stnnt 


496  DES  TANHAl  SERS  HOFZUCHT. 

ez  wirt  im  an  dem  alter  leit 
und  machet  tumber  liute  >'il. 

swer  in  der  jugent  wirt  ein  slücli 
und  mit  fräze  an  sin  alter  kumt,  250 

wirt  im  da  von  ein  grozer  buch, 
wie  lützel  daz  der  sele  frumt ! 

ein  man  sol  guot  und  arc  vertragen 
und  da  bi  ziihteolichen  leben, 
und  sol  da  von  niht  gar  verzagen,  255 

gät  ez  im  under  wiln  niht  eben. 

dem  nie  wart  we,  dem  wart  nie  wol, 
der  frume  ez  allez  Hden  sol, 
als  ime  liep  od  leit  geschach. 
beide  liep  vnd  ungemach.  260 

der  Tanhüsaire  gemachet  hat 
die  rede  mit  sümücher  rät. 
ez  löret  wol  für  missetät 
der  niht  ist  visch  hiz  an  den  grät. 

246.  keine  lücke.  2-^9.  Wer  ez  in  250  nach  251.  254  nach  255. 
25y.  Als  nie  lieb  noch  leid  geschach  261.  D.  tanhawser  gmachel  h. 
262  nach  263.  Der  red  mit  sümleicher  rat  264.    frisch    pis  an 

gr.  nach  264  Dise  gut  ler  hat  ain    ende    Got  an  vns  alle  vnzuhl 

wend.  amen. 

Aus  (/er  Iflener  hs.  2885  bl.  39'— 41'.  die  hs.  ist 
von  papier  und  im  jähre  1393  in  Insbruck  geschrieben: 
s.  Hojfmanns  Verzeichnis  s.  93jf.  die  Umstellungen  der 
Zeilen  teer  den,  hoffe  ich,  trotz  ihrer  menge  durch  ihre 
nothwendigkeit  überzeugen,  in  einigen  quatrains  wüste 
ich  die  reiinverschränkung,  die  ohnehin  in  den  durchge- 
reiviten  aufgegeben  ist.  nicht  anzubringen.  auffällig 
durch  einen  klingenden  reim  und  vielleicht  unecht  sind  die 
Zeilen  205  —  208.  H. 


497 


VON  DER  ALTEN  MÜTTER. 

Volnit  hat  getihtet, 

gcl'üeget  unde  gerihtet 

em  gemellichez  maere. 

man  saget  daz  ez  war  wa-re 

unde  wilen  geschach,  5 

des   mir  ein  rilter  jach, 

in  der  stat  ze  Niierenberc, 

da  dicke  wunderlichiu  werc 

geworht  hänt  die  Swäbe 

mit  herlicher  gäbe.  10 

nu  hoerent  aber  fiirbaz. 
ze  Swäben  ein  frouwe  saz, 
diu  was  edel  unde  rieh, 
si  was  wol  den  frien  glich 

unde  ouch  zuo  ir  tagen  komen.  15 

daz  alter  bete  ir  benomen, 
daz  si  weder  horte  noch  sach, 
und  doch  wider  die  liute  sprach 
allez  daz  si  solle, 

so  si  ez  tuon  wolle.  20 

der  tot  het  ir  den  man  benomen. 
von  in  zwein  was  bekomen 
ein   sun  den  ir  der  vater  liez. 
swaz  in  diu  frouwe  tuon  hiez, 
des  ahte  er  niht  vaste.  25 

er  het  in  staeter  tugent  raste: 
des  fleiz  er  sich  in  allen  wis. 
des  gewan  er  lop  unde  pris, 
daz  man  im  des  besten  jach 
swä  man  in  horte  oder  sach.  30 

des  vlouc  sin  lop  über  velt. 

Die  lis.  Daz  mer  von  der  alten  muoter.  3.   gemechleichs 

8.  wunderleieh  14.  der  freyn  20.    wolle  24.  Waz 

26.  staeter  fehlte  hefser.         27.  aller         30.  War  man  h. 
Z.  F.  D.  A.  VI.  32 


498  VON  DER  ALTExN  MUTTER. 

er  vertel  siner  huobe  gelt, 
als  dicke  geschiht  durch  werdekeil. 
daz  was  siner  muoter  leit. 

er  wolle  nie  nach  ir  Iwingen  35 

zuo  ir  siten  sich  län  bringen, 
daz  er  hieze  ein  broesenaere. 
des  machte  er  ir  daz  schrin  isere. 
swä  er  den  schätz  an  kam. 

an  sich  er  den  nam.  40 

er  kleite  sich  und  sine  knehte 
und  sine  muoter  von  rehte. 
daz  nam  diu  muoter  niht  verguot, 
als  raanec  unwisiu  frouwe  tuot. 
si  sprach  dem  sune  boesiu  wort.  45 

er  kerte  sich  niht  an  ein  ort : 
er  vertet  swaz  er  gewan, 
als  ein  ander  crbsere  man. 
eines  gedahtes  ir  zehani, 
und  koeme  der  keiser  in  daz  laut.  50 

so  wolle  ich  minen  sun  beklagen, 
ich  mac  ez  lenger  niht  vertragen : 
min  leben  ist  so  ängesllich.* 
duo  kom  euch  keiser  Friderich. 
dö  diu  muoter  het  vernomen  55 

daz  der  keiser  was  komen, 
des  was  si  unmäzen  fro. 
zuo  ir  sune  sprach  si  do 
'sun,  ich  wil  gßn  hovc  varn. 
da  hin  soll  du  mich  bewarn.  60 

ich  gespra'che  den  keiser  gern  : 
des  cnmac  ich  niht  cnbern. 
muoter,  waz  well  ir  dar? 
ich  wirbe  wol  iur  botcschafl  gar, 
und  blibt  hie  heime  immer  nu> ;  65 

iu  luot  diu  tagereise  w6.' 

;{5.  Er  woll  in   nach            '.\6.   sich   \dn  fehlt .  37.   prösncr:  der  div 

brosamen  tpart^            38.   Dar             39.  \\  a  4G.  bekertc? 

47.  waz            50.  inz  I.            54.   Du            Gl.   Ich  hesjtrach             GS.   Er 
sprach  m. 


VON  DER  ALTEN  MÜTTER.  499 

si  sprach  'ich  inuoz  ie  dar 

klagen,  wis  an  angest  gar. 

der  dich  beklagen  wolle 

und  daz  tuou  niht  ensolte,  70 

dem  würde  ich  nimmer  holt. 

er  sprach  '  muoler,  habt  gedolt 

und  Sit  guotes  muotes. 

iu  zerinnet  nimmer  guotes. 

wir  haben  noch  eigen  habe  75 

unde  hegen  uns  wol  dar  abe. 

stet  ez  einem  hiur  ze  väre, 

er  überwindetz  aber  ze  järe.' 

si  sprach    sun,  ich  muoz  ie  dar 

klagen,  wis  an  angest  gar.'  80 

inuoter,  ich  hille  iu  dar: 

daz  sol  geschehen  äne  vär." 

er  gedähte  dazs  in  wolte  beklagen, 

daz  er  schiere  solte  dagen. 

eines  tages  do  man  gaz  85 

und  der  keiser  ze  gerihte  saz, 
er  brähte  sine  muoter  für 
und  kam  für  des  sales  tür. 
die  mit  im  wären  komen  dar, 
die  hiez  er  varen  anderswar,  90 

ez  wäre  in  liep  oder  leit. 
nu  seht  umb  eines  ritters  kleit, 
wie  daz  gesniten  si : 
roc  unde  suckeni 

diu  hete  er  beidiu  an  ^  95 

zwene  ermel  hieugen  dran 
nider  zuo  den  eilenbogen, 
des  wart  diu  muoter  betrogen. 

der  sal  was  liute  vol. 
'muoter,  als  ich  iu  sagen  sol,  100 

ein  rede  tuon  ich  iu  bekant: 
als  ich  iu  gibe  in  iuwer  haut 

08.  piz         70.  tuon]  du  im         72.  gedult  77.  ainen  hewr  ze  war 

81.  Er  sprach  lu.  84.  Daz  ez  schier  soll  tagn  91.  im 

94.  suckaney  101.  ich  ir  b. 

32* 


500  VON  DER  ALTEN  MUTTER. 

die  ermel  der  suckenien. 

sone  sult  ir  niht  verziehen. 

ir  sult  iuch  vaste  an  mich  haben,  10."> 

daz  iuch  niemen  von  mir  schabe.' 

si  sprach  'sun,  daz  si  getan.' 

dö  sach  er  einen  ritler  stan. 

des  kleider  waren  gesniten 

rehte  nach  sinen  silen :  110 

ein  teil  er  im  geliche  sprach, 

als  uns  daz  maere  verjach. 

er  wolle  ouch  für  den  keiser  gan 

und  sine  sache  hoeren  lan. 

der  rilter  künste  riebe  1 1 5 

der  nam  behendecliche 

des  selben  rilters  muoder. 

er  gap  ez  siner  muoter. 

da  hallel  iuch  als  ich  c  sprach;' 

und  l'iior  er  schalTen  sin  gemach.  120 

durch  den  sal  was  ez  enge, 
do  si  kam  an  daz  gedrenge. 
wie  vaste  sie  an  im  hienc. 
daz  er  ir  niht  engienc ! 

si  nam  in  bi  dem  ellenbogen  125 

und  wolle  in  für  den  keiser  zogen, 
der  rilter  der  sach  umbe  sich, 
frouwe,  war  umbe  zieht  ir  mich? 
ich  w:en  si  liilzel  gosihi  : 

si  tuol  ez   umbe  sust  niht  130 

sprach  ein  rilter,  stuont  da  bi : 
'  lat  si  iu  volgen,  swer  si  si. 
der  ritler  dahte  niht  dar  an : 
diu  muoter  volgle  vasl  hin  an, 
biz  si  für  den  keiser  kam.  135 

unde  si  vil  rehte  vernam 
daz  si  ander  liule  hörte  sagen. 


103. 

suckeneyeti            10 S.    Sc          IO.t.   e\v 

114.  Vfi 

1   wolt  sein 

118. 

müder    "     IHK   Du  halt  niicli          13'2. 

in  fohlt. 

133.  gedacht 

134. 

vaste  (lan? 

VOiN  DER  ALTEN  MÜTTER.  501 

do  diu  frouwe  klagen  beguiide, 

mau  hiez  sä  ze  stunde  140 

die  liute  swigen  über  al, 

als  man  ze  rehte  tuon  sal 

uiide  ez  gar  wol  zimt 

daz  man  frouwen  klage  verninil. 

si  rief  vil  lüte  unde  sprach  145 

'  herre,  leit  und  ungemach 
daz  klage  ich  iu  unde  gote, 
daz  mir  der  tiuvels  böte 
min  guol  hat  vertan, 

daz  ich  niramere  hän  150 

wol  hundert  huobe   landes ; 
di  Stent  noch  hiule  phaudes 
und  werdent  nimmer  mere  min : 
ja  des  muget  ir  swerende  sin. 
hei  miner  schulde  immer  mere!  155 

'frouwe,  waz  wirret  iu  mere?' 
'ich  sol  ez  wol  sagen  dir, 
daz  da  wirret  mir.' 
'weder  hän  ich  iu  den  win  vergozzeu 
oder  hän  ich  iu  den  speht  erschozzen  160 

oder  hän  ich  iu  den  Rin  verbrant? 
ir  habt  mich  unrehte  erkant: 
iuwer  sinne  toup  sint: 
ich  wart  nie  iuwer  kint; 

wir  sin  als  nähe  mäge  165 

.ils  Ache  unde  Präge.' 
seht,  herre,  waz  er  mir  ta;le, 
ob  ich  iuwer  niht  haete.' 
der  ritter  der  sach  umbe  sich 
(ez  dühte  in  unbillich),  170 

ob  er  ieman  erkande 
daz  erm  ruofte  unde  in  nande. 
die  si  do  bekanden  beide, 
die  vergäzen  ir  leide : 

ez  duhte  si  gemellich ;  175 

si  lachten  unde  verbürgen  sich. 
150.  nimmer       154,  möcht  er       [61.  vgl.  Schmellef'i,  [02.       165.  nahn 


502         VON  DER  ALTEN  MÜTTER. 

(16  sprach  des  keisers  kappelAn 
ditz  ist  iibele  getan, 
uns  saget  3l6yses  eine  lere, 
swer  vater  unde  muoter  ere,  180 

daz  der  sa;lic  werde 
hie  lif  der  erde. ' 

dem  keiser  wart  vil  zorn 
fdaz  w*re  hezzer  verhorn) : 
zornicliche  er  sprach,  185 

do  er  in  an  sach, 
'  nu  seht  an  disen  herren : 
er  wil  laster  meren. 
eines  dinges  mich  wundert, 

daz  ir  iuwer  muoter  von  iu  sundert.  190 

ich  gebiute  iu  bi  minen  iiulden 
unde  bi  iuwern  schulden 
daz  ir  si  fiierel  ab  wege 
und  habet  ir  miieterlichcii  phlege.' 

der  ritter  dahte  in  sinie  muot  195 

'dir  ist  niht  s6  guot, 
der  tievel  hat  si  dir  beschert, 
du  bist  der  ir  sich  niht  erwerl. 
min  gelücke  ist  eren  wert.' 

do  hiez  er  bnngen  ein  phcrt :  200 

niht  lenger  si  do  hiten. 
si  sazen  uf  unde  rilen. 

dö  si  gerilen  ein  wilc, 
des  wcges  eine  mile, 

do  begegenten  in  ander  herren.  205 

die  begunden  gegen  im  klaren 
und  fragten  in  der  ma*re 
und  wer  ze  hove  wsere. 
waz  rarere  ze  hove  si, 

daz  sage  ich  iu :   habt  hie  bi.  210 

Sit  daz  got  die  erde  geschnof 
und  den  himel  dar  üf, 
und  daz  mer  dar  unibe  gie. 

180.   Wer  191.    mrin  194.   Vii   ir  iiiiiterlcichii  phlegel 

195.  gedacht  '205.  bcpent  '206.  in  209.  Er  spnich  waz 


VON  DER  ALTEN  MUrrEll.  503 

S(»  erv'orschte  ich  bezzer  ma*re   nie. 

'saj^ent,  licrre,  fiirbaz,  215 

waz  maere  siiit  daz?' 

swer  sine  muoter  hat  verlorn 
(daz  spriche  ich  ane  zorn) 
vor  drizic  järn,  der  vindet  sie. 
ich  fiiere  die  mincn  hie :  220 

in  drizic  jarn  hän  ich  sie  nie  gesehen ; 
des  wil  ich  in  der  wärheit  jehen. ' 
du  sprach   ein  rilter  'nein', 
des  früniekheit  dar  an  schein, 

entriuwen,  daz  geloubet  mir,  225 

die  frouwen  die  erkenne  wir.' 

er  sprach    diu  muoter  ist  min.' 

'nein'  sprach  er,    ez  mae  nihl  sin. 

der  ritter  werte  sich   niht  s6re, 

wan  ein  hitzel  durch  sin  ere,  230 

ob  daz  maer  ze  hove  kaerae 

daz  man  im  sine  muoter  naeme. 

der  ritter  reit  mit  grözer  klage, 
von  der  gemellichen  sage 

der  keiser  lachte  starke.  235 

ein  ros  von  zweinzic  marken 
daz  hiez  er  dar  bringen ; 
er  gap  imz  für  sin  twingen. 
ir  dünket  mich  ein  man  guoter: 
daz  ros  habt  in  für  iuwer  muoter:  240 

ich  wil  iu  imer  bereit  sin 
swä  ir  bedürfet  min. ' 
ditze  maere  hat  ein  ende 
got  uns  alle  klage  wende. 

217.  Er  sprach  wer  219.  der  vind  sei  hie  235.  236.   stark: 

mark        242.  Wa        244.  wend.  amen. 

^us  der  s.  496  erwähnten  ff^tener  handschrift  hl.  47'' — 50\ 

H. 


504 


PYRAMÜS  UND  THISBE. 

Künde  ich  sprechen  oder  sagen, 

sone  wolle  ich  nihl  verdagen, 

sagen  von  einem  maere 

(daz  ist  also  gewcere 

unde  sicherlichen  war,  5 

niht  gelogen  umbe  ein  här) 

von  der  minne  meisterschal'l. 

der  gewalt  unde  ir  kraft 

hie  vor  in  alten  ziten 

in  aller  werll  so  witen  10 

was  s6  gar  geza,'me 

und  also  gar  gena'me 

daz  eiuez  durch  daz  ander  starp 

und  in  der  minne  bände  verdarp, 

als  ich  von  zwein  hörte  lesen  15 

unde  wol  war  mac  wesen. 

triegen  liegen  ist  so  wert 

daz  nieman  guoter  minne  gert 

noch  sta'te  triuwe  wil  tragen. 

da  von  wil  ich  iu  sagen  20 

von  einer  ganzen  IViuutschaft 

unde  üuch  von  der  minne  krall 

diu  vor  ze  einem  male  geschacli. 

als  uns  diu  wärheil  verjach. 

zc  Babilönje  warn  gesezzen  25 

zw6ne  künige  vermezzen, 
die  beten  beide  kint  niht  me 
wan  Pyramum  und  Tysp6. 

Die  hs.  Von  Pyramo  vii  Tispe    Den  zwein   liebfi    geschah  \il   we. 
2.  So  11.  Waz  cz  so  12.  als  18.  19.  Daz  iiiemanl  anders 

nit  Rcrl  Guter  minne  noh  slet  t*w  tragü  :  die  verbefserung  so  verderb- 
ter Zeilen  in  einem  gedickte  weder  guter  zeit  novli  gebildeter  ktiiixt 
muj's  unsicher  bleiben. 


PYRAMUS  UND  THISBE.  505 

1)1  ein  ander  sluonden  ir  hüs. 

der  knabe  der  liiez  Pyranius.  30 

die  lierren  wären  beide  fro. 

der  zweier  kint  seit  man  dö 

si  waeren  so  gar  wunniclicb 

daz  in  nieman  wsere  gelich. 

si  wurden  eines  tages  geborn  35 

und  wurdn  in  einer  naht  verlorn. 

si  begunden  ein  ander  minncn 

e  si  sich  künden  versinnen, 

e  si  sehs  jär  wurden  alt. 

ir  herze  wart  von  minne  kalt,  40 

und  wolt  vor  hitze  verbrinnen 

von  ir  statten  minnen. 

ditz  triben  si  wol  zehen  jär 

e  sin  die  liute  uämen  war: 

si  begunden  ez  ze  hove  sagen.  45 

si  woltenz  lenger  niht  vertragen. 

daz  wart  den  kinden  leit, 

als  uns  daz  buoch  seit. 

des  köran  diu  kint  in  uugemach 

und  wurden  beide  an  fröuden  swach :  50 

ir  ietwederz  wolle  erlachen  nie. 

was  ez  daz  mans  zesamen  lie, 

ietwederz  zuo  dem  andern  sprach 

we  mir  w6  und  immer  ach! 

wes  habent  si  sich  versuunen  55 

daz  si  habent  begunnen 

uns  von  ein  ander  scheiden? 

wes  wil  man  uns  leiden 

des  nieman  solle  ahlen  noch, 

und  wahren  wir  vil  alter  joch  60 

an  Übe  und  ouch  an  muote. 

ach  süezer  got  der  guote, 

ditz  muoz  uns  gen  ze  herzen 

und  macht  uns  grozen  smerzen. 


stund         33.  set          37.  s 

b.  anander          41. 

woltn          42.   Von 

sleter  minne         4i.  nein 

46.  nicht  lenger 

52    Ez  daz  man 

saüT  lie         37.   ze  schaidn 

506  PYRAMUS  UND  THISBE. 

waz  ist  daz  unser  herze  kelt,  65 

da  von  der  lip  s6  gar  verseil? 

und  ouwe,  Minne,  waz  bist  du 

daz  du  uns  so  sere  keltest  nu? 

und  sollen  wir  dich  strafen, 

wir  schriren  über  dich  wäfen,  70 

wan  wir  niht  minnen  kunnen 

noch  sin  nie  begunnen. 

ouwe  herze  und  sinne, 

wie  miieze  wir  brinuen, 

uns  miden  vor  den  liuten !  75 

waz  sol  daz  bediuten?' 

solhe  rede  und  dannoch  me 
mit  so  grozem  herzen  we 
si  mit  ein  ander  retten 

swann  si  sin  State  betten.  80 

si  wären  so  s6re  behuot, 
swie  flizic  was  ir  sendcr  nuiot. 
daz  si  niht  mohln  ein  ander  zuo 
weder  späte  noch  fruo, 

weder  naht  noch  tac,  85 

wan  da  ein  mure  lac 
diu  die  Fürsten  von   ein  ander  schiel : 
si  niohten  anders  komen  niet 
ze  reden  wan  durch  eine  want 
vil  hoch  da  diu  mürc  schrant.  90 

des  versach  sich  nieman. 
ze  allen  zilen  komcns  dran : 
ietwedcrz  nan«  des  andern  war 
hinz  daz  im  diu  naht  gar 

benara  die  kurzwile.  95 

reht  als  von  einem  phile 
ir  herze  warn  versferel, 
ir  sendez  leit  gemßret, 
swenn  si  dannen  muosten  gän 


»)G.  verseil  z=  vei'sehvet /f/r  versalwel?  79.    rctctfi  80.    wann 

—  Iielil  82.  wie  83.  aoander  87.  Div  die  fest:   ich  denke 

die  26  erwähnten  zwene  künigc  von  anaoder         98.  In 


PYRAMUS  UND  THISBE.  507 

und  si  einander  muosten  län.  100 

diu  naht  wart  in  nie  so  lanc : 

als  sere  si  diu  niinne  twanc. 

in  ir  munt  gar  wenic  kan 

des  si  ze  spise  solten  hän, 

weder  äz  noch  tranc,  105 

diu  Minne  tet  in  manegen  twanc. 

si  warn  vil  nähe  verdorben 

und  in  der  niinne  erstorben. 

ditz  niohten  si  niht  liden  me. 
da  von  sj)rach  frouwe  Tyspe  1 1 0 

Pyramus,  min  liep  äniis, 
mäht  dii  niht  sin  also  wis 
daz  du  uns  gebest  einen  rät 
in  der  sache  als  ez  nü  stät? 
wan  mannes  kiinne  wiser  ist  115 

(so  vint  uns  etelichen  list) 
und  sterker  danne  der  wibe. 
ez  mac  niht  rae  beliben, 
wir  müezen  zuo  ein  ander  komcii ; 
oz  muoz  uns  immer  fromen'  120 

sprach  diu  frouwe  Tyspe : 
nach  diner  minne  ist  mir  we.' 
'  Tyspe,  liebe  frouwe  min, 
min  sin  ist  kleiner  dan  der  diu. 
nu  gip  uns,  frouwe,  dinen  rät.  125 

min  freude  alliu  an  dir  stät; 
du  bist  mins  herzen  wunne, 
ein  Spiegel  als  diu  sunne. 
ich  hän  keinen  rät  dan  den  din ; 
swaz  du  mir  ratest  daz  sol  sin.'  130 

do  sprach  diu  reine   guote 
betriegen  sul  wir  die  huote 
noch  hinaht  vor  der  hanen  krät: 
so  wirt  unser  vil  guot  rät. 
der  mäne  ist  luter  unde  klär;  135 

103.  kam         1Ü5.   azz         i0(j.  dank  111.  über  112.  als 

119.  aiiander  124.  da  der  dein  125.  Du  130.   Waz 

133.  Iiane 


508  PYKAMÜS  UND  THISBE. 

uuser  nimt  niemen  war; 

Venus,  der  minne  raeisterin, 

diu  tuot  uns  lihle  ir  hilfe  schin. 

swer  ie  getrüte  der  genas : 

wir  sulen  dar  zuo  niht  siu  laz.  140 

ein  boum  vor  dem  walde  stäl, 

da  man  ab  der  strazen  gät 

von  der  stäl  niht  verre : 

da  kan  uns  niht  gewerren. 

üf  die  liebten  beide  145 

suln  wir  ilen  beide 

so  wir  die  wile  niügen  bän ; 

daz  sule  wir  durch  niemen  län. 

do  sprach  der  schoene  jüngelinc 

mir  gevellet  wol  daz  dinc  150 

daz  du  uns  nu  hast  geraten : 

des  volge  ich  dir  vil  drate. 

und  ouwe,  siieziu  minne 

du  hast  ouch  mine  sinne, 

Tyspe,  gar  in  diner  bant !  155 

dar  umbe  si  min  s61  diu  phant 

daz  ich  durch  die  minne  din, 

möht  ich  ein  keiser  gesin, 

dir  wolte  ich  wesen  undertan : 

zeinem  knebte  seit  du  mich  bau.  160 

nach  dem  unde  ez  nü  stat 

hast  du  geben  den  besten  rät. ' 

also  schieden  si  von  hin, 

und  beten 'doch  manegen  sin. 

doch  wären  ir  gedanke  groz,  165 

ir  herze  liten  manegen  stoz, 

diu  zit  gie  in  mit  sorgen  hin, 

si   beten  manegen  grözen  pin. 

(16  nü  kom  üz  diu  zit 
diu  dem  tage  ein  ende  gil  170 

und  man  si  gen  släfen  hiez 

IM),   ilt-r  {jcwiif^le.    der    ^enas  die  wile    er  uovcizaget  was    Liedvrsaal 
'2,  701.  15 i.    auch  gar  mein  sinne  157.  üz  ist  durch 

ittli.  von  dan  in  165.    gedenk. 


PYRAMUS  UND  THISBE.  509 

und  man  in  die  wite  liez 

lind  in  dem  hiise  über  al 

niemen  horte  keinen  schal 

und  männidich  slafen  was,  175 

si  waren  beide  niht  ze  laz 

unde  waren  wol  behuot; 

si  stalen  sich  von  der  huol. 

Tyspfe  diu  tugentriche 

diu  was  vil  ungeliche  180 

komen  üf  die  sträzen 

e  sich  moht  abe  geläzen 

Pyramus  ab  der  murc 

dö  diu  frouwe  kam  an  die  stat  185 

do  si  im  daz  zeichen  geben  hat 
und  si  des  herren  niht  envant, 
daz  houbet  nam  si  in  die  hant 
[si  sprach]    ouwe,  lieber  herre  min, 
wä  mäht  dii  so  lange  sin?  190 

wie  ist  mir  diu  zit  so  lanc. 
got  gebe  uns  guoten  anevanc. 
do  si  zir  selber  also  sprach, 
einen  lewen  si  komen  sach. 

er  gie  zuo  dem  brunnen  sä.  195 

der  boum  was  vil  nähen  da 
da  diu  frouwe  under  saz. 
ich  wil  ez  in  bediuten  baz 
war  urabe  er  zuo  dem  brunnen  gie 
und  sich  von  dem  walde  lie :  200 

er  het  ein  rint  gezzen. 
do  was  diu  frouwe  gesezzen, 
biz  daz  er  uf  den  brunnen  gie, 
die  frouwe  ir  kleider  vallen  lie 
und  flöch  vil  wunderbalde  205 

hin  gen  dem  wilden  walde : 
da  verbarc  si  sich  schone, 
aller  lügende  ein  kröne, 
der  lewe  zuo  den  kleidern  gie, 
175.  Vü  aller  ineaikleicli  193.  selb 


510  PYRAMUS  UND  THISBE. 

mit  bluotegem  munde  er  sie  gevie,  210 

von  ein  ander  er  si  zarte, 

mit  bluote  er  si  bewarte. 

dö  kam  gegangen  Pyramus: 

vertwelt  het  er  sich  in  dem  hüs: 

er  vant  diu  kleider  bluoticvar.  215 

gar  balde  nam  er  ir  war ; 

mit  den  armen  er  si  umbe  vie, 

als  sie  der  iewe  ligen  iie. 

OAV^  mir  liiute  und  immer  we! 

ich  muoz  von  schulden  sagen  nie.  220 

ach  got,  wer  künde  gesagen  daz 

waz  leides  in  sim  herzen  was? 

üz  dem  houpt  brach  er  daz  har 

mit  den  henden,  daz  ist  war, 

daz  gcwant  ab  dem  libe.  225 

ez  wart  nach  einem  wibe 

nie  so  groz  ungehabe. 

mit  den  nageln  zarte  er  abe 

daz  fleisch  mit  der  hiute. 

er  sprach  's6  we  mir  hiute !  230 

we  daz  ich  ie  wart  geborn ! 

durch  mich  hat  si  den  lip  verlorn. 

min  wip  was  si  nie  worden  noch : 

si  het  s6  groze  triuwe  doch 

als  wir  tüsent  jar  oder  m6r  235 

in  ganzer  liebe  gelebten  her. 

o  Tyspe  tugentriche, 

wer  wart  dir  ie  gcliche 

an  zuht,  an  lugent,  an  sa'lekeit? 

got  het  vil  gar  an  dich  geleit  240 

swaz  er  ie  ersinnen  künde, 

Sit  diu  werll  leben  begunde, 

an  allen  guoten  wiben. 

ich  mag  ez  lan  beliben, 

din  lop,  diu  zuht,  din  groziu  tugenl  245 

wart  nie  gesehen  in  solher  jugent, 

214.  Veniuell  hat  0*22.  Wes  236.  gelebt  her         2  41.  Swaz  er 

ye  het  versuiiiieu  2i2    leben  chundc  24ti.  solhc 


PYRAMUS  UND  THISBE.  511 

noch  niemen  möhte  haben  gezall, 

er  wtere  wise  jiinc  od  alt, 

waz  au  ir  grözer  tugeut  lac 

und  waz  si  wisheile  pblac.  250 

we  mir,  herre,  diser  not! 

ist  diu  frouwe  durch  mich  tot, 

daz  weist  du  wol,  got  der  guote, 

daz  wende  ich  mit  minem  bluote : 

und  weste  ich  wer  ez  hete  getan,  255 

er  müeste  mir  daz  leben  hin, 

ez  wa;re  man  oder  tier, 

ez  würde  im  vergolten  schier. 

sist  du  ein  tier,  so  kum  her 

und  bestant  mich'  sprach  er.  260 

als  er  daz  wort  voilesprach, 

den  lewen  er  komen  sach. 

er  ruofte  in  an  mit  grimme, 

mit  senelicher  stimme. 

sprach  er  ze  im  'du  grimmez  tier,  265 

ez  wirt  dir  vergolten  schier 

daz  du  mir  hast  getan : 

ich  muoz  dich  und  du  mich  bestan.' 

daz  wart  fiirbaz  niht  gespart. 

vil  grimme  er  üf  den  lewen  wart.  270 

er  stach  den  lewen,  daz  er  gal, 

durch  daz  herze  hin  ze  tal. 

also  lac  der  lewe  tot, 

erstochen  in  dem  bluote  rot. 

owe,  frouwe  Tyspe,  275 

waz  was  ich  niht  komen  e? 

owe,  liebiu  frouwe  min, 

und  möhte  ich  für  dich  tot  sin ! 

Sit  des  niht  geschehen  ist, 

so  lebe  ich  doch  keine  frist,  280 

ich  welle  doch  durch  dich  sterben. 

möht  ich  aber  e  erwerben 

umb  dich,  süezer  herre  Crist, 
248.  oder  2  49.  grozzo  264.  mit  seiner  leicher  stimme 

270.  War  waz 


512  PYRAMUS  UND  THISBE. 

wan  du  unser  schepfer  bist, 

unser  herre  und  unser  got,  285 

durch  din  miltez  gebot, 

daz  du  unser  seien  liezest  sin 

hi  ein  ander,  swfi  der  wille  din 

si  hin  senden  wolte. 

wan  daz  da  niht  ensolte  290 

daz  wir  mit  fröuden  lebten   noch 

äne  swffir,  so  wil  doch 

sterben,  frouwe,  durch  dich, 

daz  du  niht  varest  ane  mich 

swii  er  uns  hin  senden  welle,  295 

ze  dem  himel  oder  zer  helle.' 

als  er  daz  wort  volgesprach, 

sm  swert  er  durch  sin  herze  stach. 

mit  dem  selben  kom  gegan 
diu  frouwe  von  dem  walde  dan  300 

her  wider  da  si  diu  kleider  lie. 
herzen  leit  si  dö  gevie, 
do  si  die  warheit  ervant 
unde  ir  rchte  wart  hekanf 

daz  sich  Pyramus  hei  erstochen  305 

und  sin  leit  da  mite  gerochen 
durch  ir  willen,  do  sin  vant, 
do  bete  er  ir  gewant 
umbevangen  mit  den  armen. 
[si  sprach]  'herre  got,  la  dir  erbarmen  310 

die  ja'merliche  not. 
min  lieber  amis  ist  tot. 
lebst  du  noch,  so  sprich  ze  mir, 
wan  ich  was  ie  getriuwe  dir, 
Sit  ich  mich  erste  künde  verstün,  315 

mit  ganzen  triuwen  ane  wan.' 
si  tel  so  jämmerliche 
daz  nie  wart  geliche 
mit  klage  umb  keinen  menschen  nie 
als  frouwe  Tyspe  bete  hie.  320 

288.  Pei  anander  wn  293.   frouwe  fe/ilf-  307.  si 

310.  (lir.s 


PYRAMUS  UND  THISBE.  513 

sus  hörte  er  si  wuofeii, 

in   herzen  leide  ruofen. 

swie  sere  er  mit  dem  töde  ranc, 

doch  er  sin  ongen  ilf  twanc 

nnd  sach  si  jamerlichen  an  325 

vor  im  weinende  stän. 

sin  reden  was  gar  da  hin : 

daz  wart  der  frouwen  ungewin. 

also  sach  si  in  sterben 

nnd  durch   ir  minne  verderben.  330 

[si  sprach]  '  herre  got,  la  dich  erbarmen 

über  mich  vil  armen. 

daz  ist  ein  not  vor  aller  not 

daz  ich  niuoz  sehen  dincn  tot 

und  ich   dir  niht  gehelfen  mac  335 

und  alliu  tugent  an  dir  lac 

und  ich  von  liebe  scheide: 

daz  tuot  mim  herzen  leide. 

ach  süeziu  reine  bernde  tugent, 

miltez  herze  in  reiner  jugent,  340 

iiz  erweltiu  minne, 

waz  gap  dir  ie  die  sinne 

daz  du  dir  daz  leben  hast  genomen  ? 

war  urab  was  ich  niht  e  komeu? 

daz  muoz  mich  immer  riuwen ;  345 

min  leit  daz  muoz  ich  niuwen 

an  mir  selben,  daz  ist  war 

und  niht  erlogen  umbe  ein  bar. 

ich  was  dir  liep  und  niht  leit 

und  was  daz  niht  kunterfeit.  350 

des  sol  ich  niht  vergezzen, 

ich  muoz  dir  wider  mezzen 

reht  als  du  mir  verlihen  hast. 

diu  tot  ist  mir  ein  überlast, 

daz  tot  mit  töde  gelten  muoz;  355 

mir  wirt  anders  nimmer  buoz 

323.  Wie         324.  ougen  üf]  aus  über-  auf        332.  mich  Zispe  vil 
333.  ist/eÄ/<.         337.  von  hertzen  Hebe         338.  meinen         3'.1.  Frnu 
Venus  auz         349.   lieb  vii  du  mir  sa         350.  gunlerua 
Z.  F.   D    A.   VI.  33 


514  PYRAMÜS  CND  THISBE. 

(laz  ich  dich  verloren  han. 

ow^,  wie  sol  ez  mir  ergän ! 

min  herze  ist  mir  ze  herte 

ze   diner  todes  verte :  360 

ich  solte  sin  vor  leide  tot, 

dö  ich  dich  sach  in  diser  not. 

swer  sich  nu  rehte  kan  verst^n 

in  ganzer  minn,  wie  kan  der  lan 

daz  er  mir  niht  hilfet  klagen  365 

daz  hie  ze  töde  lit  erslagen 

mines  herzen  wünne. 

swer  mir  des  nu  j^iinne. 

dem  müeze  nimmer  ergan 

dar  umbe  er  sich   miiez  also  hän.  370 

swer  nü  mit  minne  si  begriffen 

oder  mit  herzen  liebe  besliffen, 

dem  müeze  ez  ze  herzen  gan. 

diu  minne  kan  niht  maze  hän. 

adel,  schnene  und  richheit,  375 

gewalt,  Sterke  und  wisheit, 

und  swaz  man  singet  oder  seit, 

und  swaz  ein   mensche  fröude  treit, 

der  wirt  vil  gar  vergezzen. 

swen  minne  hat  besezzen.  380 

wo  mir,  ach  und  immer  w^, 

mir  vil  armer  Tysj)e! 

war  umb  sach  ich  niht  ander  leit? 

wan  ez  mir  in  min  herze  sneil. 

von  dinem  tode  ist  mir  we :  385 

min  herze  srailzet  als  der  sne. 

swie  wenic  wir  haben  gelebt, 

diu  minne  hat  uns  überstrebt. 

des  leides  wirt  mir  nimmer  rat : 

din  tot  mich  niht  leben  lät:  390 

von  dinem  löde  ist  mir  w6: 

an  dich  wil  ich  niht  leben  nie. 

361.    von  laidc  sein  3(>y.    nymmer  widcrtarü  370.    also  müz 

klagü         372.  penissn         373.  ez  furpaz  ze         379.  man  da  von  s. 
380.  Swcm  388.  über.strest         389.  mir  fehlt. 


PYRAMUS  UND  THISBE.  515 

ach  min  liebiu  muoler. 

künic  vatcr  guoter, 

iuwer  groziu  huole  395 

kuml  uns  nilil  ze  guote. 

iuwer  vorhte  hat  uns  vlorn. 

we  mir  daz  ich  ie  wart  geborn ! 

din  minne  gät  mir  ze  herzen: 

ich  wii  des  todes  smerzen  'iOO 

iiden  hie  an  diser  stunt : 

ich  mac  niht  lenger  sin  gesunt. 

kein  dinc  mac  daz  erwenden; 

min  leit  daz  muoz  sich  enden. 

si  hieis  in  unde  kiiste,  405 

vil  wol  si  des  gelüste, 
si  huop  üf  ir  heude 

ein  wenic  vor  ir  ende, 

si  sprach  'owe,  siiezer  gol, 

nü  tuo  daz  durch  din  gebot  410 

und  durch  die  grözen  mille  din 

und  laz  uns  dort  beinander  sin 

in  jener  weit,  des  bite  ich  dich, 

siiezer  got,  des  wer  mich. 

und  würde  uns  ein  grap  bereit,  415 

des  w«rn  die  seien  vil  gemeit. 

müge,  herre,  daz  gesin, 

so  tuo  mir  ein  zeichen  schin 

ob  wir  ze  gnade  niügen  komen 

und  ob  ez  uns  müge  gefromen.'  420 

ein  gröz  zeichen  dö  geschach, 

do  sich  l'rou  Tyspe  also  räch. 

ein  bo.um  stuont  da,  hiez  mörus, 

dö  daz  zeichen  geschach  alsus : 

man  seit  uns  für  die  wärheit  425 

daz  der  boum  sit  immer  treit 

rot  obez,  daz  e  was  swarz, 

und  hat  einen  balsemsmac. 

Tyspe  diu  rehte  gelriuwe 

i05.  chüstn  411.  grozz  412.  pei  naader  414.  gewer 

423.   da  der  hiez  ra.         428.   Iiet  fehlen  zwei  verse? 

33* 


516  PYRAMUS  UND  THISBE. 

mit  grozer  janiers    riuwe  /i30 

mit  beiden  armens  umbevie 

daz  swert  daz  durch  in  gie 

vil  wiindermanlichen ; 

si  stach  ez  krefliclichen 

mitten  an  die  werde  brüst  435 

imde  erzeigte  ir  herzen  lust ; 

si  stach  sich  durch  ir  herze 

und  leit  des  lodes  smerzen  ; 

si  viel  hin  üf  den  warmen 

und  umb  vie  in  mit  den  armen.  440 

also  sint  sie  hie  gevarn : 

got  müez  die  seien  dort  bewarn. 

do   ez  morgens  tagete 
und  man  ze  hove  sagete 

daz  nieman   die  selben  kinde  445 

dalze  hove  künde  vinden. 
do  wart  vil  groz  ungehabe. 
si  suochten  uf  unde  abe. 
hiz  in  dö  kömen  ma're 

wie  ez  ergangen  w.ere.  450 

wer  möhte  nü  gesagen  daz, 
wie  w6  ir  niuotr  und  vater  was 
daz  ir  kinl  nü  lagen  tot, 
erstochen  in  ir  bluote  rot. 

si  schriren  lute  und  wiefen,  455 

ze  gole  si  d»')  riefen 
daz  ir  jämer  unde  ir  gal 
in  den  lüften  wider  hal. 
beide  man  unde  wij) 

klageten  ir  lip.  .  460 

ez  künde  nieman  gesagen 
von  den  jaemerlichen  klagen : 
da  von  wil  ich   geswigen  sa 
wie  ez  ergangen  ist  aldji. 

doch  wil  ich  iu  fiirbaz  sagen  465 

wie  diu   kint  wurden  begraben. 

■U5.  Itiiitl         452.  vü  iiTu 


430.  grozz 

431.  arm  si  in  viiib  vic 

valor         455. 

lawt  Waffen          456.  rufftfi 

zu  NEIDHAKT.  517 

ein  grap  wart  in  bereit 
dar  in  si  wurden  geleit.    ^ 

verneint  alle  besunder 
wie  ein  grozez  wunder  470 

geschacli  in  kurzer  frisl, 
als  man  ez  noch  von  in  iist. 
ein  winrebe  wuohs  uz  dem  grabe 
vil  hoch  und  lie  sich  her  abe 
ze  der  andern  siten  in  daz  grap ;  475 

ir  schalen  si  dar  über  gap. 
durch  daz  wunder  man  daz  grap  lit"  brach, 
daz  wip  und  man  daz  wunder  sach 
daz  diu  selbe  rebe  hie 

von  einem  in  daz  ander  gie.  480 

do  si  gesähn  daz  wunder, 
daz  dühtes  alle  besunder 
ein  vil  grozez  zeichen 
und  begunden  alle  smeichen. 
daz  grap  dakt  man  wider  zuo,  485 

umb  ir  seien  bätens  späte  unt  fruo. 

ditz  ma?re  ist  hie  üz  gezalt: 
gut  mache  uns  mit  fröuden  alt. 
480.  Von  aitieii  grab  in 

Aus  der  s.  496  crwäluiten  Wiener  handschrij't  bl.  20' — 24*. 

H. 


ZU   NEIDHART. 

GRIESHABERS  BRÜCHSTÜCKE. 
Die  obej^en  hälften  zweier  j)ergainentbUittcr  in  octav, 
mit  zierlicher  schrift  des  vierzehnten  jahrhu?iderts,  von 
dem  besitzer,  henm  professor  und  geistlichen  rath  Gries- 
haber  in  Rastadt,  der  ihrer  in  der  vorrede  seiner  ausgäbe 
altdeutscher  predigten  I  s.  XI  schon  erwähnt  hat,  mir 
freundlich  mitgetheilt.  die  fünf  letzten  Zeilen  des  zwei- 
ten blattes  von  einer  andern  ha?id.  die  beiden  blattzahlen 
Lvij  und  Lxiiij,  oben  auf  der  rückseite  der  blätter,  zeigen 
den  umfang  der  handschrifl,    die   wohl  nur  neidhartische 


518  ZU  NEIDHART. 

und  dem  Neidhart   mit  unrecht    beigelegte  lieder  enthielt. 

die  eingeklammerten  ^ursivbuchstaben   sind  in   der   hand- 

schrift  klein  geschriebene  Vorschriften  für  den  maier. 

H. 

bl.    V 

saste  io.  nach  dem  sin.   vf  sin  lioubt  in  fremdelin.  * 
nach  deme  nuweii  höbe  din.  vi  den  zen  sleif  er 
hin.    Da  waz  daz  niyn  best  gewin.    daz  der  bech" 
nider.    Vber  die  ougen  vnd  den  mvnt  m**  sine 
busem  sich  stortz.    der  da  vor  den  reyn  trat 
so  vppeclich  gescortz.   der  wart  mit  hare  vber 
den  tantz  vnhobelich  gehorlz. 
(/)  Rewet  vch  wol  gemvlen  kinl.  vns  wil  des*** 
suzen  meyn  wint.   ergetzen  der  leide,  die 
vns  der  trübe  winter  kalt  hvre  hat  getan  Fre 
wet  vch  gen  der  lieben  zit.  iz  grvnet  schone 
widerstrit.   der  walt  vnd  die  beide,    dicke  .... 

nach   leide  kvmpt  .  .  .   da  gedenck 

mvte  machet  alt.   hoher  mvt  kan 

bl.    l*-  .Lvij. 

verslan.  wie  daz  krenzelin  sie  getan,  so  schone 
geschickel.  keiner  blvmen  ist  so  vil  so  der  brvne 
da.  Niemant  mirz  verkern  sol.  iz  enwart  nye 
krenzelin  mir  so  wol.  zv  Ireuden  gestricket,  wer 
daz  krenzelin  vf  treit  der  wirt  nfimer  gra.  Se- 
lig sie  daz  angerlin.  da  die  blvmen  entspringe, 
da  mag  auch  vil  wol  der  reif  gewabsen  sin.  sie 
sal  niemant  mere  dan  mir  lan  gelingen,  (w')em 
von  liebe  llep  geschiet.  vnd  die  liebe  liebiz  git 
dem  lieb  wol  geliebet,  der  mvz  von  liebe  liebis 
iehen  liep  machet  schon  liep.  Die  liebe  machet 
wol  gestall.  liebe  ist  ein  rehter  liebe  walt. 
.   .   .   liebe  verdiebet.    liebe   mvter  liebis  kint  de 

liebiv  ki  wip.     liebe   swester   bruder 

.  die  liebe,    liebe  an  rechtem 

*  Hagens  MS.  X  -'05''. 
*■**  m  ist  wohl  als  in  zu  nehmen. 
"•--'■  Hagens  MS.  S,  206". 


zu  NEIDHART. 


M9 


Ol.  T 


t  vch  drinken  geben,  ia  ich  lieber  h*re  gnade ' 
.  m  leben.  Ich  bin  gegangen  nivdc  her  von 
.  stat.  mit  grozen  noden  ich  die  frovve  dez 
daz  sy  mich  drime  lieze  er  sprach  nv  drin- 
.  .  ast  myn  rat.  (.s)it  ir  ein  gast  von  wy^ue 
.  .  .  l  vns  nvwe  mere.  wez  beginnet  her 
.  rt  aller  lügende  lere.  Vnd  ticht  er  uvme 
invz  im  geschant.  Hetfe  ich  in  hie  vnd  auch 
frvnd  her  Ebirzant.  ich  gebe  uch  dez  my 
.  e  er  würde  von  vns  geschant.  (J)a  ich 
herre  durst  ich  iz  vch  gesagen.    sy  tri'^ben 


bl.  2*^  .Lxiiij. 

mvtich  engelmar.  Vnd  daz  ich  miden  m  . 
vnbescheidenheit.  Hette  mir  die  frowe  v  . 
men  nalden  nyl  geseit.  vnd  von  der  t  .  . 
mit  dem  beche  iz  wer  mir  würden  leit  ,  . 
D*  monch  {ayn  rande) 
(/)ch  wil  mich  aber  freuwen  gen  dem  mei 
wil  mich  gar  vppiklichen  zweien,  so  r  .  . 
vnd  mine  gesellen  beide.  Ich  han  der  lie 
dient  her  so  lange,  oft  vnd  dicke  mit  .  . 
nüwen  gesange.    ich  brach  ein  liecht  .   .   . 


*  Hagens  MS.  3,  294*. 

**  Hagens  MS.  3,  .295*. 

t  Hagens  MS.  3,  302". 


520 


GOLDEMAR 
VON  ALBBECHT  VON  KEMENATEN. 

1  Wir  han  von   hehlen  vil  vernomen  bl.  127'^ 
die  ze  grozen  striten  sint  bekomen 

bi  hern  Dietriches  ziteu. 

si  begierigen  degenheit  genuoc, 

daz  einer  ie  den  andern  sluoc.  5 

si  wollen  niender  biten. 

si  wwrn  ze  striten  wol  bereit. 

ir  schilt  ir  helme  veste 

manegen  kumber  do  erleit. 

man  sprach,  er  twte  dez  beste  10 

der  mangen  äne  schult  ersluoc ; 

da  von  ir  lop  gepriset  wart, 

so  man  die  toten  von  in  truoc. 

2  Nu  merkt,  ir  herren,  daz  ist  reht, 
von  Kemenaten  Albreht 

der  tihte  ditze  msre 

wie  daz  der  Bernsere  vil  guot 

nie  gwan  gen  frouwen  höhen  nmol.  5 

wan  seit  uns  daz  er  w;ere 

gen  frouwen  niht  ein  hovelich  man : 

sin  muot  stuonl  im  ze  strite, 

unz  er  ein  frouwen  wol  getan 

gesach  bi  einer  zite,  10 

Die  Itailäschrijt  1,  1.   Iiand  i.   her  5.  daz]  do  C).   si  wollen 

nieergeot  (biten /e/i/^)  7.  sü  wlirinl         8.  ir  silt  ir  helinme  vesle : 

vielleicht  ir  heim  vil  vesle.  9.  mänig  kumber  erleid  10.  tat  das 
13.  im 

2,  1.  merkent  'i.  kemmenalen  .1.   lilet  disse  i.  richtig  ist 

diese  teile  schwerlich,  vielleicht  wie  der  Bernaere  harle  guol.  im 
Kckenliede  steht  zweimal,  86  und  238,  do  sprach  der  Bernaer  harte 
guot,  freilich  ohne  Sicherheit  ob  es  nicht  ursprünglich  hie/s  dö  sprach 
der  Berniere  guot.         6.  wen         7.  hofelicher         10.  bi  einen   ziten 


GÜLDEMAR  VON  ALBRECHT  VON  KEMENATEN.      521 

diu  was  ein  hoch  geiupliu  meit, 
diu  den  Bernsere  do  betwanc, 
als  uns  diu  avenliure  seit. 

3  Her  Dieterich  von  Berne  reit,  128* 
die  rehten  straze  er  dicke  vermeit ; 

dö  kert  er  gen  der  wilde. 

man  seit  von  siner  degenheit 

waz  er  not  in  striten  leil  5 

ze  walde  und  üf  gevilde; 

wir  beeren  wunder  von  im  sagen 

daz  er  so  vil  geva;bte 

daz  maoeger.wart  von  im  erslagen 

und  ouch  gen  Berne  braebte  10 

beidiu  gevangen  unde  verwunt 

die  er  mit  degenheit  betwanc : 

im  was  ze  slrite  kunt. 

4  Do  wart  dem  tugenthaften  man 
von  grözen  risen  kunt  getan, 

die  wahren  in  dem  walde, 

da  liinde  man   si  zaller  stunt. 

daz  birge  beizet  Trütmunt;  5 

dar  gäbte  der  degen  balde, 

er  sprach,  er  wolde  gerne  sehen 

die  risen  ungefüege; 

waz  kumbers  im  da  möhte  bescbehen, 

ob  iegelicher  triiege  10 

ein  Stange  gröz  und  dar  zuo  lanc. 

diu  wunder  wolte  er  gerne  spehen ; 

sin  manheit  in  dar  zuo  betwanc. 

5  In  dem  wald  da  vant  er  einen  berc;  128' 
den  bäten  gar  wildiu  getwerc 

erbüwen  unde  besezzen; 

bi  dien  er  eine  maget  ersach, 

11.  hö  gelopte         12.  da         13.   aufetüre 

3,  3.  gea  dem  walde  9.  Manig  ohne  daz  II.   buide  gefan  vud 
verv\  ud          12-  betwanc  fehlt. 

4,  ä.  das  gebirge  :   Eckeniied  163,  1   ditz  birge.         9.   jm  da  von 
1 1 .  zuo  fehlt. 

5,  4.  bi  die  er 


522  GOLDEMAR 

daz  im  sin  herze  des  verjach, 

dem  edleu  helde  verraezzen, 

ern  sseh  nie  wip  so  wol  getan: 

des  frönte  sich  der  guote. 

man  wolte  in  si  niht  sehen  län: 

si  was  in  grözer  huole.  10 

die  stige  verträten  im  diu  twerc, 

die  schoenen  frouwen  vkol  getan 

fuorten  si  mit  in  den  berc. 

6  Des  wart  her  Dietrich  gar  unfro. 
mit  guoter  rede  und  ouch  mit  dro 
sprach  er  ze  den  getwergen 

sagt,  waz  ist  iu  von  mir  geschehen 

daz  ir  mich  die  frowen  niht  lazet  sehen  5 

und  ir  si  heizent  bergen? 

ich  nim  ez  üf  die  triuwe  min 

daz  ich  iu  niht  schaden  wolte. 

möht  ez  mit  iuwer  huide  sin  129" 

daz  ich  si  sehen  solle,  10 

da  für  n«m  ich  niht  tüsent  marc' 

der  riche  künie  Goldemär 

die  frouwen  hinder  sich  verbarc. 

7  Do  daz  her  Dieterich  ersach, 
mit  sendem  muote  er  gäbe  sprach 
sagent  mir  von  der  frouwen, 
und  wä  ir  si  habent  genomen 

od  wannen  si  si  her  bekomen.  5 

ich  sihe  hie  niht  verhouwen 

enweder  schilte  noch  den  gßr: 

der  ist  hie  niht  zerbrochen: 

daz  riwet  mich  hiute  und  iemer  m6r. 

kein  spcr  hie  lit  zersloclien,  10 

als  man  durch  schoene  frouwen  tuol. 

5,  6.  helde]  fürsten  7.  er  gesacb  8.  des  froht  er  in  sinein  niülc : 
7,  9.  ist  niht  unzweifelhaft  riwet  odei-  riut;  also  schien  friiate  sicher 
und  der  entstellte  vers  danach  zu  ändern.  11.  petwerg 

12.  wol  gentan 

6,  1.   Dieterich         5.  lassen         12.  Goldmar 

7,  5.   oder  —  her  her  7.  weder  9.  niht  —  iemer  nie 
11.  schonen 


VON  ALBRECHT  VON  KEMENATEN.  523 

sol  mir  min  sper  hie  blibeii  ganz, 
des  tiürt  mir  iemer  nie  der  muot. 

8  Od  ist  kein  her  hie  nähe  bi 
der  gwaltic  dirre  frouwen  si, 
der  bewis  mich  durch  sin  ere 

ob  si  im  nihl  des  habe  verjehen : 

so  kund  mir  lieber  niht  geschehen ;  •  5 

ich  fröu  mich  swar  ich  kere. 

oder  ist  si  durch  mannes  lip 

gevarn  in  ditz  gewilde,  129'' 

als  hie  vor  täten  schoeniu  wip, 

ob  si  des  niht  bevilde  10 

und  daz  si  fuorn  durch  werde  man, 

und  hat  min  frouwe  den  selben  muot. 

so  wil  ich  trüren  varen  län.' 

9  Goldemär  spranc  für  den  berc. 
ein  richer  künec  was  daz  getwerc, 
gewaltic  wilder  Hute. 

er  sprach    nu  hoerent,  riter  guot, 
ir  mugt  wol  hän  eins  lewen  muot:  5 

vernement  waz  ich  iu  diute. 
ich  bin  iu,  herre,  daz  ist  war, 
ze  strite  niht  gewahsen. 
iwern  schilt  und  iuwern  heim  so  klär 
den  lüerent  hin  zen  Sahsen.  10 

da  zerbrechent  iuwer  sper; 
ir  vindent  strites  an  mir  niht' 
sprach  Goldemär,  der  künic  her. 
10       'Doch  wil  ich  iu  hie  machen  kunt, 
went  ir  vernemen  in  kurzer  stunt 


13.  dz  truret 

8,  1.  Oder         6.  war        8.  her  gefarn         11.   füren 

9,  1.  Goldmar  3.  luten         4.  er  sprach  horent  ir  riter  vil  gut 

8.  ze  strit  nüt  wol  g.  9.  schilt  fehlt.  10.  zu  den  S.  leben  des 
h.  Sturm  Pevtz  2,  367  feroces  Saxones,  Gudr.  366,  4  sam  einem  wil- 
den Sahsen  oder  Franken,  1503,  4  einem  wilden  Sahsen,  Lohetigrin 
s.  150  von  einem  wilden  Sahsen,  Helmbrecht  422  vater,  einen  Sahsen 
züget   ir  lihter   danne    mich.  11.    da  zerbrechen  {die  letzten  zwei 

huchstaben  undeutlich)  ir  uwer  sper 


524  GOLDEMAR 

von  miner  irouwen  künde 


weut  ir  beliben  schänden  fri 

mit  swerten  unverhouwen, 

so  merkent  wie  der  sache  si 

von  miner  juncfrouwen. 

diu  hat  mich  für  den  berc  gebe  * 

mit  ir.  . 

gebe :     wahrscheinlich  gebraht.       die  Jolgenden    beiden   würter 
mit  ir..  sind  ganz  undeutlich. 

Goldemurs  gedrnkt  der  anhang  des  heldenhuches -.  des 
Berners  erst  weib  hyefs  Hertlin,  was  eins  frumen  künigs  von 
Portigal  tochter:  der  ward  von  den  beiden  erschlagen,  do 
kam  Goldemar  und  stal  jm  die  tochter.  do  starb  die  alte 
künigin  vor  leide,  do  nam  sy  der  Berner  dem  Goldemar  wi- 
der mit  grofser  ai'beit.  dannoch  belyb  sy  vor  Goldemar  ma- 
get.  do  sy  nun  gestarbe,  do  nam  er  Herrot  küuig  Etzel 
Schwestertochter,  auf  dieselbe  sage  oder  auf  dasselbe  ge- 
dieht spielt  eine  stelle  im  Reitfried  von  Braunschweig  an 
{Wh.  Grimm  D.  heldens.  s.  274),  in  mohten  sicherlich  niht 
geliehen  sunder  var  die  risen  mit  den  Goldemar,  daz  riebe 
keiserüche  getwerc,  den  walt  vervalte  und  den  berc  hie  vor 
den  Wülfingen.  mit  irahrscheinlichkoit  hat  man  vermutet 
dafs  dieser  zwerg  Goldemar  in  dem  hausgeiste  Goldemar 
wieder  ei'scheine  von  dessen  treiben  auf  dem  Hardcnsteine 
an  der  Ruhr  Gobelinus  Persona  erzählt. 

Die  entdecliung  eines  bruchstückes  das  ohne  zweifei 
den  anfang  Jenes  gediehtes  enthält  wird  der  unermüdlichen 
aufmerksamkeit  verdankt  welche  der  freiherr  Hans  von 
Aufsefs  den  denkmdlern  unseres  alterthumes  widmet,  und 
seine  zrivorkommende  gefälligkeit  hat  mich  in  den  stand 
gesetzt  dieses  in  mehr  als  einer  hinsieht  tnerkwürdige 
bruchstück  bekannt  zu  machen. 

Es  ist  in  einer  papierhandschrift  in  octav  versteckt 
die  gröstentheils  ärztliche  Vorschriften  von  einer  hand  des 
\kn  jh.    enthält,     die  vier  blätter  auf  denen  es  steht,   so 


VON  ALBRECHT  VON  KEMENATEN.  525 

gehören  dem  14/^  jh.  an 
und  sind  von  baumwollenpapier .  die  neun  ersten  Strophen 
und  der  anfang  der  zehnten  stehen  auf  den  drei  letzten 
blättern  eines  quaternio  {von  hl.  127''  his  129''  der  ganzen 
handschrift),  die  folgenden  zeilen  {auf  hl.  122"  der  hs.) 
beginnen  die  erste  seile  desselben  quaternio :  nach  diesen 
Zeilen  folgen  (bl.  122"  bis  127^)  zuerst  ärztliche  Vorschrif- 
ten für  flauen  (4  seilen),  dann  ein  kräuterverzeichnis  mit 
deutschen  und  lateinische?}  bencnnungen  (7  seilen),  die  läge 
der  unterbrochenen  poetischen  handschriß,  deren  erste  seile 
wohl  der  tiiel  einnehmen  sollte,  ist  also  umgebrochen  und 
nach  den  drei  ersten  zeilen  der  zehnten  strophe  sind  die 
beiden  blätter  die  ursprünglich  das  innere  doppelblatt  des 
quaternio  bildeten  weggelafscji  worden,  tveil  an  ihnen  kein 
weifses  papier  mehr  zu  benutzen  war.  —  abgesetzt  .und 
die  Strophen,  aber  nicht  die  verse. 

Albrecht  von  Kemenaten'  war  bisher  nur  durch  zwei- 
malige erieähnung  bei  Rudolf  von  Ems  in  der  geschickte 
der  deutschen  dichtkunst  bekannt,  in  dem  gespräche  das 
Rudolf  in  seinem  Wilhelm  mit  der  Aventiure  fährt  ge- 
denkt er  Alhrechts  nach  dem  Stricker  und  Gottfried  von 
Hohenlohe  und  vor  dem  Türheimer  mit  folgenden  tvorten 
{Hagen  MS.  4,  869"),  ouch  haete  iuch  mit  wisheit  her  Al- 
breht  baz  dan  ich  geseit,  von  Kemenät  der  wise  man,  der 
meisterlichen  tihten  kan ;  an  den  soldent  ir  sin  komen,  und 
im  Alexander  führt  er  ihn  abermals  auf,  zwischen  Kon- 
rad Fleck  und  Heinrich  von  Leinau  {Hagen  4,  867"),  von 
Kemenat  her  Albreht,  des  kunst  gert  witer  schouwe,  denn 
so  ist  zu  befsern  was  die  handschrift  {Münchener  cod. 
Germ.  203  bl.  30)  giebt,  der  kunst  getät  widerschö\ye. 

Es  überrascht  den  Kemenater  jetzt  als  erzähler  einer 
sage  von  Dieterich  von  Bern  kennen  zu  lernen,  ich  sehe 
aber  nicht  den  mindesten  grund  daran  zu  zweifeln  und 
etwa  zu  vermuten  dafs  das  gedieht  vom  zwergenkönig  Gol- 
demar  sich  mit  dem  namen  dieses  gewiss  nicht  sehr  be- 
kannten dichters  irrig  oder  lügenhaft  brüste,  tvie  abfafsun- 
gen  anderer  gedichte  des  deutschen  Sagenkreises  mit  dem 
namen  Wolframs  von  Eschenbach  oder  des  von  Lachmann 
mit  recht  aber  mit  geringem  erfolge  mythisch  genannten 


526  GOLDEMAR 

Heinrich  von  Ofterdingen.  wäre  kein  dichtername  genannt 
oder  tüilsten  wir  nicht  wann  Albrecht  lebte,  so  würde  man 
freilich  dieses  bruchstück  ivohl  kaum  in  die  erste  hdlfte 
des  dreizehnten  Jahrhunderts  setzen,  da  die  ansieht  herscht 
dafs  die  ganz  gleichartigeii  gedichte  Sigenot  und  Ecken- 
lied frühestens  aus  der  letzten  zeit  dieses  Jahrhunderts 
herrühren,  aber  auf  sicheren  gründen  beruht  diese  ansieht 
wohl  nicht;  wir  haben  bisher  nur  nicht  gewust  dafs  theile 
der  Dieterichssage  schon  früher  in  diesem  tone  und  in  die- 
sem lebhaften  aber  ungebildeten  stile  von  schwäbischen  dich- 
tem erzählt  wurden. 

Von  schwäbischen  dichtem  oder  von  einem  schwäbi- 
schen dichter,  denn  die  ähnlichkeit  des  bruchstückes  das 
ich  der  kürze  wegen  Goldemar  genannt  habe  mit  Sigenot 
und  Eckenlied  ist  so  grofs  dafs  man  sich  versucht  Juhll 
alle  drei  gedichte  einem  verfafser  zuzuschreiben.  Kobei^- 
stein  sagt  zwar  {Grundr.  s.  239)  'allerdings  hat  der  Si- 
genot alle  reimungenauigkeiten  die  sich  im  Eckenliede  vor- 
finden, dabei  aber  noch  ihm  eigenthümliche.  ich  glaube 
daher  eher  dafs  er  von  einem  fahrenden  zu  dem  bereits 
vorhandenen  Eckenliede  als  eine  art  von  einleitung  hin- 
zugedichtet  isf ;  allein  diese  Vermutung  stützt  sich  nicht 
auf  genügende  Untersuchung,  im  Eckenliede  ist  mehrmals 
s  mit  z  gebunden,  str.  44  wis  :  fliz,  45  hiis  :  uz,  101  saz  : 
was,  114  was  :  naz :  die  participia  verduocht  :  nnersuochl 
bilden  86  stumpfen  reim:  die  apokopierten  präterita  ver- 
suochf.  :  geschuoht  (^mie  statt  gesuoolit  zu  lesen  ist)  sind  148 
gebunden  und  ebenso  stehen  im  reime  der  liocligeinuot  22, 
der  ellenricli  43,  die  präterita  gert  50,  hat  68,  lebt  95, 
erbart  102,  jagt  164,  der  nom.  ^r  statt  ere  67;  es  reimt 
dort  :  unervorht  120;  hör  :  her  97,  h6r  :  sw?r  206,  versfert: 
ern^M't  181 :  alle  diese  freiheiten  werden  im  Sigenot  nicht 
gefunden,  aber  es  ist  allerdings  flicht  zu  erwarten  dafs 
alles  was  sich  in  den  erhaltenen  245  Strophen  des  Ecken- 
liedes fndet  auch  in  den  44  Strophen  des  Sigenot  sich  zeige. 
Übereinstimmung  beider  gedichte  erscheint  in  der  häuf  gen 
bindung  eines  langen  a  7nit  einem  kurzen,  in  den  reimen 
Dielerich  :  mich,  Eggericli  :  mich  Sig.  7.  41,  mich  :  rieh. 
Dielerich  :  mich  Eckenl.  26.  69,  und  in  auffallenderen  frei- 


VON  ALBRECHT  VON  KEMENATEN.  527 

heitert  des  reimes.  im  Sigenot  ivird  auslautendes  ii  nicht 
gerechnet  in  aleine  :  weinen  13,  vielleicht  auch  in  molten: 
wolle  24 :  dieselbe  ungenauigkeit  kehrt  im  Eckenliede  wie- 
der, recken  :  Ecke  2,  lange  :  ergangen  58,  :  hangen  183, 
ringe  :  gelingen  77,  :  ungelingen  133,  mere  :  rSren  110, 
läge  :  tragen  115,  gefristen  :  liste  119,  widere  :  nideren  193, 
banden  :  ande  221.  im  Sigenot  34  ist  Bernsere  mit  16re  ge- 
hunden,  im  Eckenlied  129  ere  mit  ßernajre,  und  13  eren 
mit  volmseren,  wen7i  ich  richtig  verbefsere  wan  sol  sin  lop 
volma'ren.  daneben  hat  der  Sigenot  ivenig  oder  nichts  ei- 
gen thiimliches  an  freieren  formen  im  reim,  zerbras  ßir 
zerbrast  (:  gras)  42  ist  eine  bei  schwäbischen  dichtem  nicht 
eben  seltene  apokopierung  und  im  Eckenlied  fehlt  eine 
solche  foi*m  gewiss  nicht  aus  absieht  oder  gewöhnung, 
sondern  aus  zu/all.  die  reime  turne  :  wurme  26,  enzür- 
nen  :  würnien  28  haben  im  Eckenliede  allerdings  kein  ge- 
nau entsprechendes  gegenstück,  allein  im  auslaut  ist  n  ßir 
m  beiden  gedichten  gleich  geläufig,  aus  dcfi  reimen  also 
läfst  sich  die  annähme  nicht  widerlegen  da/s  das  Eckenlied 
ron  dem  verfafser  des  in  ton  und  stil  völlig  gleichen  Si- 
genot herrühre. 

In  den  wenigen  Strophen  die  uns  von  dem  Goldemar 
erkalten  sind  wird  man  entscheidende  erscheinungen  des 
reimes  nicht  erwarten  dürfen :  Übereinstimmung  mit  beiden 
gedichten  zeigt  sich  in  mau  :  getan  :  lau  2.  4.  8,  mit  dem 
Eckenliede  in  sper  :  her  9.  aber  der  stil  dieser  Strophen 
ist  derselbe,  ebenso  kräftig  und  frisch,  ebenso  unausgebil- 
det  und  eckicht  tvie  in  jenen  gedichten.  auch  im  einzel- 
nen fällt  manche  ähnlichkeit  auf  der  vers  Gold.  5,  1 
den  häten  gar  wildiu  getwerc  ist  von  gleichem  bau  wie  Sig. 
21,  9  den  büten  vil  wildiu  getwerc,  Eckenl.  81,  5  do  fuor- 
tenz  zwei  wildiu  getwerc.  nicht  alle  dichter  lieben  das 
adj.  klär  das  Gold.  9,  9  vorkommt,  Sig.  22,  9,  und  häufig 
im  Eckenliede.  Gold.  9,  5  heifst  es  ir  mugt  wol  hän  eins 
lewen  niuot,  Sig.  12,  9  selbe  hat  er  eins  lewen  muot, 
Eckenl.  55,  13  er  hat  eins  lewen  muot,  120,  9.  10  dö  het 
her  Dietrich  unervort  eins  lewen  muot  gewunnen. 

Sigenot  und  Eckenlied  sind  unzweifelhaft  schwäbische 
gedichte :   die  beweise  lafsen  sich  häufen ;    ich  mache  hier 


528       GOLDEMAR  VON  ALBRECHT  VON  KEMENATEN. 

nur  aufmerksam  auf  hert  {Eckenl.  199,  13)  und  klupf 
{Eckenl.  179,  10),  über  ivelche  Wörter  ick  in  den  Jahrb. 
für  loifsensch.  kritik  1845  juli  s.  116.  117  gesprochen  ha- 
be, und  auf  festen  (Sig:  37,  10  Eckenl.  222,  9)  in  den  zu 
Kunrads  Engelh.  5236  belegten  bedeutungen  'schmücken, 
rühmen!  in  den  Strophen  Albrechts  von  Kemenaten  findet 
sich  nichts  was  einem  schwäbischen  dichter  -nicht  zuzu- 
trauen iväre.  Stalin  in  seiner  vortrefflichen  Wirteviber- 
gischen  geschickte  2,  764.  771  nimmt  als  Albrechts  heimat 
die  gegend  von  Kaufbeuren  am  mir  scheinen  Sigenot  und 
Eckenlied  durch  ihr  sprachliches  gepräge  als  thurgäuische 
gedickte  bezeichnet  zu  werden  und  auck  Albreckt  wird 
wokl  im  Tkurgau  zu  kause  gewesen  sein,  wo  es  kerrn  von 
Kemenaten  gab,  s.  Pupikofers  Gesck.  des  Tkurgaus  1 
s.  115,   beil.  s.  23.  27.  29. 

Allerdings  sind  Sigenot  und  Eckenlied  in  unknfisckcm 
Stile  gedicktet;  aber  einzelne  ausdrücke  gekoren  der  k'nfi- 
scken  spracke  an,  im  Eckenliede  34  schaprim  und  garzün, 
93  bonit,  140  härsnicr,  153  dcu  sal,  nickt  minder  79.  241 
ävcntiure,  wie  Albreckt  dieses  wort  2,  13  gebrauckt.  und 
einwirkung  ritterlicker  sinnesweise  und  dicktung  erscheint 
mir  in  dem  auszieken  auf  abenteuer,  das  so  wie  es  im 
Sigenot  und  in  Eckenliede  sick  zeigt  der  reinen  volks- 
dicktung  fremd  ist:  im  anfange  des  Goldemar  ist  deutlick 
ganz  derselbe  ton  angescklagen.  als  vei faßer  jener  bei- 
den gedickte  läfst  sick  also  wokl  mit  grund  ein  ritterli- 
cker dickter  aus  der  schule  fakrender  sänger  vermuten, 
wie  der  Biterolf  und  die  Klage,  wenn  auck  in  frükerer 
zeit  und  in  ^anderer  art,  als  werke  eines  solchen  unver- 
kennbar sind,  die  entdeckung  Albreckts  von  Ketnenaten 
als  des  dickters  des  Goldemar  getväkrt  dieser  Vermutung 
halt  und  stütze. 

Eine?i  wesentlicken  untersckied  der  forin  des  Golde- 
mar und  der  beiden  anderen  gedickte  zeigt  der  bau  der 
beiden  letzten  zeilen  der  stropke.  von  den  244  vollstän- 
digen stropken  des  Eckenliedcs  kaben  238  die  vorletzte 
zeile  klingend,  denn  in  der  15;/  ist  zu  sckreiben  doch  ist 
min  groesliu  swaMT  |  deich  nihi  zc  vohtcn  han,  in  der  16/? 
des  hete  ich  in'oezer  ere  1  denn  ich  sliieg  zwelf  swaciie  man, 


STROPHEN  HEINZELEINS  IN  BALDERN.  529 

und  himele  56,  sagenne  189,  ze  samene  195  sind  als  klin- 
gende versschlUfse  zu  betrachten,  stumpfe  verse  sind  nur 
144  und  ouwe.  Ecke,  daz  ich  dich,  214  der  Ecken  solle  er- 
slagen  hän,  91  nun  harnasch  der  ist  guldin,  97  und  louc  min 
bruoder  Vasolt,  162  si  sprach,  er  heizet  Vasoit,  180  si 
sprach,  ja  herre  [her]  Vasolt.  häufiger  hat  diese  zeile  sturn- 
pfeti  ausgang  im  Sigenot,  fünfmal  in  44  Strophen,  1 .  6. 
7.  15.  20,  denn  38,  12  ist  min  zu  streichen,  das  bruch- 
stück  von  Goldemar  hat  in  allen  neun  ^vollständigen  Stro- 
phen an  dieser  stelle  stumpfe  Zeilen,  die  letzte  zeile  al- 
ler neun  Strophen  des  Goldemar  hat  vier  hebungen,  und 
diese  form  befolgt  das  mir  nicht  vollständig  bekannte  ge- 
dieht von  Dietrichs  drachenkämpfen :  schöner  schliefsen 
sich  die  Strophen  des  Sigenot  und  des  Eckeiiliedes  mit  einem 
verse  von  nur  drei  hebungen  ab.  aus  dieser  metrischen 
Verschiedenheit  ist  etwa  zu  eyitnehmen  dafs  der  Goldemar 
mit  diesen  beiden  gedichten  nicht  zu  einem  werke  gehörte ; 
ein  anderer  verfafser  ist  dadurch  nicht  erwiesen. 

Entscheidende  Widerlegung  oder  bestätigung  meiner 
ansieht,  dafs  Albrecht  von  Kemenaten  alle  drei  gedickte 
verfafst  habe,  ist  nicht  eher  zu  hoffen  als  bis  sein  Golde- 
mar vollständig  aufgefunden  wird.  H. 


STROPHEN  HEINZELEINS  IN  BALDERN. 

Über  die  in  dieser  Zeitschrift  6,  318  erwähnten  In- 
schriften auf  bildern  der  schlofskapelle  in  haldern  kann 
ich  folgende  nähere  auskunft  geben. 

Die  inschrift  des  ersten  bildes  lautet 
Got  here,  din  almechtikeit, 
An  vrsprung  vnd  an  ende, 
Zu  hoch,  zu  tief,  zu  lang,  zu  breit, 
Ist  sunder  Missewende ; 
Du  bist  der  hymel  vnd  erde  treit 
zu  male  in  siner  hende; 
Mit  drien  personen  in  ein  Got 
geflochten  vnd  gedrungen, 
Du  alter  kunig  Sabaoth 
Z.  F.  D.  A.  VI.  34 


530  STROPHEN  HEINZELEINS  IN  BALDERN. 

Der  tiivel  wat  betwungen, 
Do  du  mit  deinem  blute  rot 
uns  weidest  wider  ivngen. 
samlich  der  fenix  in  der  gluet. 
Du  hoher  Got  gepriset 
tete  sam  der  Pellicanus  tuet, 
der  uns  din  wol  bewiset, 
wen  er  mit  sines  hertzen  bluet 
Die  sinen  kinder  spiset. 
Gesriwen  zo  Balderine  Mocccxvijii. 

Die  zahl  bedeutet  also,  wenn  o  richtig  ist,   1319,   we/i?i  es 
aber,  wie  wahrscheinlich,  ein  rerrlorbenes  c  vertritt,   1419. 

^m  zweiten  bilde  steht 

Sin  endclüse  heilikeit, 

Sin  gütlichen  figiire: 

So  were  menslich  sin  beolcit 

In  gotlichcr  nature  : 

Des  relel  uns  der  wislieit  buch. 

Des  Sprüche  man  nie  sach  liegen, 

Daz  nieman  hesselien  ruch 

von  Gotis  tögen  kriegen. 

Ich  wen,  er  weile,  wer  ez  versuch. 

höh  an  geuider  fliegen 

üuch  schriebet  Paulus  olflich. 

Es  er  sie  an  not  betrogen. 

Auch  dies  ist  sunavh  ein  stüvlt    desselben  gcdichls,  Magens 
Minnes.  3,  414. 

TÜBINGEN.  AD.  KELLER. 


531 


WEINHAUSZEICHEN. 

Das  erste  daz  in  einer  ieglichen  rehder 
wird  das  ist  dv  minne,  wan  nieman  gibed  dem  andern  gäbe 
svnder  warumbe,  er  mvsse  von  ersten  minne  zv  im  haben ; 
vnd  hierumbe  in  allen  gaben  die  god  gibed  so  gibed  er  von 
erst  sin  minne*,  wan  er  gid  alle  gäbe  svnder  warumb  vnd 
allein  von  siner  gödlichen  gvdi.  wil  nu  der  mensche  god 
gäbe  geben  mit  gebede  oder  mit  andern  dvgenden,  so  sal  der 
mensche  üissig  sin  das  sin  gebed  oder  sin  gvd  werk  ein  gäbe 
geh'eissen  mvge.  uu  kan  kein  gäbe  ein  rehdv  gäbe  heissen, 
als  hie  vor  gesprochen  ist,  wan  allein  die  da  dv  minne  von 
erst  gegeben  wird,  hiervmbe  sal  der  mensche  in  allen  sinen 
gvden  werken  da  mid  er**  gode  dienen  wil  an  dem  anevange 
des  Werkes  geben  gode  minne  sines  herzen,  oder  alles  sin 
gebed  das  der  mensche  usserüch  beded***  ist  alze  mal  vnnücze 
vnd  das  bewisend  die  meister  da  mide  vnd  sprechend,  das 
rehd  gebed  anders  nihd  ist  danne  des  herczen,  vnd  das  usser 
gebed  anders  nihd  ist  denne  ein  zeichen  des  gebedes  vnd  der 
minne  in  dem  herzen,  rehd  als  der  strowin  schob 7  vordem 
winhuse  ist  ein  zeichen  des  wines  in  dem  kelre,  rehd  also 
sind  dv  ussern  werg  ein  zeichen  des  gebedes  in  dem  herzen, 
vnd  weren  vor  einem  huse  schöbe  vnd  wer  nihd  wines  in 
dem  huse,  so  weren  die  schöbe  alle  vnnüze  vnd  mohden  die 
lüde  sprechen  'warumbe  betriegen  vns  die  in  dem  huse  sind? 
wir  wenen  das  wir  hie  win  vinden  und  ist  nihd  war:'  rehd 
also  sind  alle  ussere  werk  vnnücze  vnd  falsch  -ff,  so  dv  minne 
in  dem  herzen  nihd  ist,  vnd  mag  god  sprechen  'warvmbe  be- 
driugest  du  mich  ?  du  gibest  mir  ein  usser  zeichen  miner  minne, 

*  die  hs.  raine  **  es  ***  bedest  -f  die  hauern  im 

Rheingau,  an  der  Mosel  und  anderwärts  stecken  noch  hier  und  da 
nach  erlangter  obrigkeitlicher  bewilligung  ihren  wein  verzapfen  zu 
dürfen  am  hause  einen  Strohwisch  auf.  doch  ist  dieser  immer  mehr 
dem  sogenannten  straufse,  einem  grünen  tannenzweige,  gewichen. 

i"{-  die  hs.  falch 

34* 


532  ALTENGLISCHE  VOLKSSAGEN. 

vnd  so  ich  in  (Jin  herze  kome,  so  vinden  ich  nihd  niinne, 
der  zeichen  du  hast  us  "jesand  mit  diner  usseren  vbiuise/ 
vnd  so  wir  den  schaden  besehen,  vnd  mvgen  wir  god  niht 
bedriegen,  mer  wir  sin  selber  bedrogen,  vnd  hierumbe  sol 
min  gebed  nvtze  werden  vnd  gode  dangber,  so  mvs  das  von 
nod  sin  das  ich  es  an  hebe  mid  der  minne  godes.  vnd  svld 
ir  och  das  wissen,  vnd  weren  hvnderd*  schöbe  vor  dem  win- 
huse,  die  hedin  alle  nihd  me  krafd  dan  ir  einer,  wand  ein 
schob  der  ist  also  wol  ein  zeichen  des  wines  in  dem  kelr 
als  die  hvnderd.  also  ist  es  och  an  dem  gebede.  hvnderd 
pater  noster  sind  nihd  besser  danne  eines,  wan  was  güd  ist 
darvmbe  das  sin  vil  ist  an  der  zai,  das  ist  nihd  gvd  an  im 
selber,  vnd  hierumbe  ein  paler  noster  lediklich  vnd  mit  an- 
dahd  gebeded  ist  besser  danne  hvnderd  an  ledikeid :  wan  wanne 
ich  beden  an  andahd,  so  ist  niinem  gebede  nihd  rehd. 
"  hvnder 

Ans  der  lehre  te/e  man  beden  sole  oder  ander  dvgend 
vben  sole,  das  es  god  loblich  si,  einer  gebete  vnd  geistliche, 
Z'Vm  theil  jnijsiische  betraehtungen  und  lehren  enthaltenden 
yergamenthandschrift  in  dtiodez,  die  wohl  in  der  ersten 
hiilfte  des  \hn  jh.  geschrieben  ist  und  dem  ehemaligen  klo- 
sler  Allenberg  hei  Wetzlar  angehört  hat. 

(IIKSSKN  DR  WEIGAND. 


ALTENGLISCHE   VOLKSSAGEN. 

MITGETHEILT  VON  G.  W.  DASENT. 

(ialielnuis  Neahrigensis  Ren/m  Angliran/rn  l.  1   rap.  27 
{Antir.    lä()7). 

Nee  practerennduni  videlur  inauditum  a  scculis  prodigium, 
quod  sub  rege  Siephano  in  Anglia  iioscilur  cvenisse.  et  qui- 
dem  diu  super  hoc,  cum  tarnen  a  niultis  praedicarefur,  hae- 
sitavi,  remquc  vel  nullius  vcl  abditissimae  rationis  in  fidem 
rcciperc  ridiculum  mihi  videbatur,  donec  tantorum  et  lalium 
pondere  teslium  ita  suni  obrutus,  ut  cogerer  credere  et  mirari, 
quod  nuUis  animi  viribus  possum  attingere  vel  rimari.  vicus 
est  in   Estanglia   quatuor   vel   quinque   (ut   dicitur)    miliariis 


ALTENGLISCHE  VOLKSSAGEN.  533 

(Jistans  a  iiobili  mouaslerio  beali  regis  et  mailyris  Edimmdi. 
iuxta  quem  vicum  quaedain  auliquissimae  fossae  visuiilur,  (iiiac 
sermone  Au<^lico  Vulfputes,  i.  e.  liiporuni  fossae  diouiilur  et 
vico  cui  adiacent  suiim  nomen  iiidulgenl.  ex  liis  l'ossis  tem- 
pore messis,  et  occupatis  circa  frugum  collectionem  per  agros 
messoribus,  emerseruiit  duo  pueri,  masculus  et  lemiiia,  tolo 
corpore  virides  et  coloris  insoliti  ex  incogiiita  materia  veste 
operti.  cumque  per  agrum  altouiti  oberrareut,  compreliensi 
a  messoribus  ducti  sunt  iu  vicum,  multisque  confluentibus  ad 
tantae  novilatis  spectaculum  per  dies  aliquot  tenti  suut  cibi 
expertes.  cum  ergo  inedia  iam  paene  deficerent,  nee  tarnen 
aliquid  ciborum  qui  ofFerebantur  attenderent,  forte  ex  agro 
contigit  fabas  inferri,  quas  illico  arripientes  legumen  ipsum 
in  thyrsis  quaesierunt,  et  nihil  in  concavitate  thyrsorum  in- 
venienles,  amare  fleverunt.  tunc  quidam  eorum  qui  aderant 
legumen  ex  corticibus  erutum  porrexit  eis,  quod  statini  liben- 
ter  acceptum  comederunl.  hoc  cibo  aliti  sunt  per  menses 
aliquot,  quousque  panis  usum  noyerunt.  denique  colorem  pro- 
prium ciborum  nostrorum  praevalente  natura  paulatim  mutan- 
tes et  similes  nobis  effecli,  nostri  quoque  sermonis  usum  di- 
dicerunt.  visumque  est  prudentibus,  ut  sacri  baptisraatis  per- 
ciperent  sacramenlum,  quod  et  factum  est.  sed  puer  qui  minor 
natu  videbatur  post  baptismum  brevi  vivens  tempore  immatura 
morte  decessit,  sorore  incolumi  permanente  et  nee  in  modico 
a  nostri  generis  feminis  discrepante.  quae  nimirum  post  apud 
Lennam  (ut  dicitur)  duxit  maritum,  et  ante  annos  paucos 
superstes  esse  dicebatur.  sane  cum  iam  nostrae  usum  loquelae 
haberent,  interrogati  qui  et  unde  essent,  respondisse  feruntur 
'homines  de  terra  sancti  Martini,  qui  scilicet  in  terra  nativi- 
tatis  nostrae  praecipuae  venerationi  habetur.'  consequenter 
interrogati  ubinam  esset  terra  illa,  et  quomodo  exinde  adve- 
nissent  huc,  'utrumque'  inquiunt 'nescimus.  hoc  tantum  me- 
minimus,  quia  cum  quodam  die  pecora  patris  nostri  in  agro 
pasceremus,  sonitura  audivimus  qualem  nunc  apud  sanctum 
Albanum,  cum  signa  concrepare  dicuntur,  audire  solemus. 
cumque  in  sonitum  illum  quem  admirabamur  animo  intende- 
renius,  repente  tanquam  in  quodam  mentis  excessu  positi  in- 
venimus  nos  inter  vos  in  agro  ubi  melebatis.'  interrogati 
utruni  ibidem  vel  in  Christum  crederetur  vel  sol  oriretur,  ter- 


534  ALTENGLISCHE  VOLKSSAGEN. 

ram  illam  Chrislianam  esse,  et  ecclesias  habere  dixerunt.  sed 
so!'  inquiunl  apud  nostrates  non  oritiir,  et  eius  radiis  terra 
nostra  mininie  illustratur,  illiiis  daritatis  modulo  contenta, 
quae  apud  vos  solem  vel  orientein  praecedit  vel  sequitur  oc- 
cidentem.  porro  terra  quaedani  liicida  non  longe  a  terra  nostra 
aspicitur,  amne  largissimo  utranique  dirimente.'  haec  et  multa 
alia  quae  retexere  longum  est  curiose  percunctantibus  respon- 
disse  feriintur.  dicat  quisque  quod  voluerit  et  ratiocinetur  de 
bis  ut  poterit,  me  autem  prodigiosnm  niirabilenniue  eventum 
exposuisse  non   piget. 

Giraldtis  Carnh'e/isis,  Itineruriinn  (Jainhriac  l.  1  c.  8- 
(Land.  1585). 

Parum  autem  ante  haec  nostra  tenipora  accidit  bis  in 
partibus  res  nienioratu  non  indigna,  (|uam  sibi  contigisse  pres- 
byter  Elidorus  conslanlissime  referebal.  cum  enini  puerilis 
innocentiae  duodecinium  iam  ageret  annum,  quoniam,  ut  ait 
Sab)nion,  radix  lifeiarnni  amara  est,  quanquani  Iruclus  sit 
dulcis,  pner  literis  addictus,  ut  disciplinani  subterfugeret  et 
vcrbera  crebra  praeceptoris,  in  concava  fluvii  cuiusdam  ripa 
se  lugitivus  occultavit,  cumque  ibidem  bis  sole  revoluto  ieiu- 
nus  continuc  iam  latitasset,  apparuerunt  ei  homunculi  duo, 
staturae  qua.si  pygmaeae,  dicentes  si  nobiscum  venire  volueris. 
in  terram  hidis  et  deliciis  plenam  le  ducemus.'  annuens  ille 
surgensque  sequutus  est  praevios  per  viam  primo  stibterraneaui 
et  tenebrosam  usque  in  terram  pnlcherrimam.  fluviis  et  pratis, 
silvis  et  planis  distinctissiniani,  obscuram  tarnen  et  aperto  solari 
luminc  non  illustratam.  erant  ibi  dies  onuies  ([uasi  nebulosi 
et  noctes  Innae  stellariini(|ue  abseiifia  teterriinae.  adductus 
est  puer  ad  regem  eique  corani  regni  curia  praesentatus.  quem 
cum  diu  cum  admiralione  cunctorum  rex  intuitus  esset,  tan- 
dem  eum  lilio  suo  quem  puerum  habebat  tradens  assignavit. 
erant  autem  homines  staturae  rainimae,  sed  pro  quanlitatis 
caplu  vahle  compositae,  flavi  omnes  et  luxuriante  capillo,  mu- 
liebriter  per  hunieros  coma  demissa.  eqiios  habebant  snae 
competenles  modicitali,  leporariis  in  quantitate  conformes.  nee 
cariie  vescebantur  nee  pisce.  hicleis  plerumque  cibariis  utentes 
et  in  jaillis  luodum  (juasi  croco  confeclis.  iuramcnta  eis  nulla. 
nihil  enini  adeo  ut  mendacia  dcteslabantur.     quoties  de  supe- 


ALTENGLISCHE  VOLKSSAGEN.  535 

riori  heuaisphaerio  revertebantur,  ainbitiones  nostras,  infidcli- 
tates  et  inconstantias  expuebant.  cultus  eis  religionis  palaiii 
nullas;  veritatis  solum,  ut  videbatur,  amatores  praecipui  et 
cultores.  solebat  auteni  puer  ille  ad  nostrum  hemisphaeriuiu 
pluries  ascendere,  interdum  per  viam  qua  veiierat,  iuterdum 
per  aliam,  primo  cum  al^is,  et  postea  per  se.  solunujue  raatri 
suae  se  committebat,  patriae  moduni  gentisque  naturam  et 
statum  ei  declarans.  monitus  igitur  a  matre,  ut  auri  quo 
abuudabat  regio  munus  ei  quandoque  referret,  pilam  auream 
qua  regis  filius  ludere  consueverat  ab  ipso  rapiens  ludo,  per 
viam  solitam  ad  matrem  deproperans,  cursim  asportavit;  et 
cum  ad  oslium  domus  palernae,  populi  tarnen  illius  nou  absque 
sequela,  iam  pervenisset,  intrare  festinavit,  pes  liaesit  in  limine 
et  sie  intra  tectum  cadenti,  malre  ibidem  sedente,  pilam  e 
manu  elapsam  duo  Pygmaei  e  vestigio  sequentes  arripuere, 
exeundo  in  puerum  sputa  contemptus  et  derisiones  emitlentes. 
ipse  vero  resurgens  ad  seque  reversus,  mira  facti  confunditur 
erubescenlia,  et  matris  plurimum  consilia  devovens  ac  detestans 
cum  via  redire  pararet  quam  assueveral,  ad  aquae  descensum 
hypogeumque  mealum  cum  pervenisset,  aditus  ei  iam  nuUus 
apparuit.  cum  tamen  per  anni  fere  spacium  inter  aquae  prae- 
dictae  ripas  viam  inutilis  explorator  inquireret  (sed  quoniam 
ea  quae  ratio  non  mitigat  temporis  interdum  mora  mitescunt, 
et  diuturnitas  sola  laxatos  hebetat  plerumque  dolores ;  siqui- 
dem  multis  malis  finis  de  tempore  venit),  demum  tamen  ab 
amicis  et  matre  praecipue  vix  revocatus  sibique  restitutus,  et 
literis  denuo  datus  tandem  processu  dierum  in  sacerdotii  gra- 
dum  est  promotus.  cum  autem  Menevensis  episcopus  David 
secundus  super  ^uius  eventus  inquisitione  presbyterum  iam 
senio  confectum  multoties  sollicitasset,  nunquam  ei  negotii  se- 
riem  potuit  citra  lachrimas  replicare.  habuerat  etiam  gentis 
illius  linguae  notitiam,  cuius  et  verba  recitare  consueverat, 
([uae  sibi  puerilibus,  ut  moris  est,  annis  rapide  comparaverat. 
erant  autem  verba,  sicut  ab  episcopo  praedicto  mihi  sunt  saepe 
proposita,  Graeco  idiomati  valde  conformia.  cum  enim  aquam 
requirebant,  dicebant  ijdor  ydorum,  quod  latine  sonat,  aquam 
affer ;  ydor  enim  aqua  eorum  lingua  sicut  et  Graeca  diceba- 
tur,  unde  et  vasa  aquatica  vö^iai  dicuntur,  et  dar  lingua 
Britannica  similiter  aqua  dicitur.   item  saleni  requirentes  dice- 


536  SCHUTERBLATTSCHAU. 

baiit  halgein  ydorum,  salem  affer ;  ü).  vero  Graece  sal  dici- 
tur,  et  halen  Britaniiice ;  lingua  namque  Britannica  propter 
diutinani  quam  Britones,  qui  tunc  Troiani  et  postea  Britones 
a  Brito  eorum  duce  sunt  vocati,  post  Troiae  excidiuni  moram 
in  Graecia  fecerant,  in  multis  Graeco  conformis  iuvenitur. 
hie  autem  mihi  notabile  videtur  quo(^  in  uno  verbo  tot  linguas 
convenire  non  invenio  sicut  in  isto :  u).  enini  Graece,  haleri 
Britannice,  similiter  Hybernice,  halgein  inlerposita  G  lingua 
praedicta ;  item  sal  latine,  quia,  ut  ait  Priscianus,  in  quibus- 
dara  dictionibus  pro  aspiratione  ponitur  S,  ut  u).  Graece,  sal 
Latine,  tut  semi,  tuTu  seplem ;  sei  Gallice  mutatione  a  voca- 
lis  in  e,  a  Latino  additione  t  literae  sali  Anglice,  sout  Teu- 
tonice.  habetis  ergo  septem  vel  octo  linguas  in  hac  una  di- 
ctione  plurimum  concordantes.  sin  autem  interpositae  rela- 
tionis  de  veritatc  quid  sentiam,  scrupulosus  investigator  in- 
quiras,  cum  Augustino  respondeo,  admiranda  fore  di\-ina 
miracula,  non  disputatione  discutienda ;  ncc  ego  negando  di- 
vinae  potentiae  terniinos  pono,  nee  affirmando  eam  (piae 
extendi  non  potest  insolenter  extendo.  sed  illud  Hieronvmi 
seniper  in  talibus  ad  animuni  revoco :  multa,  inquil,  incredi- 
bilia  repcries  et  non  verisimilia,  quae  nihilominus  tamen  vera 
sunt,  nihil  enim  contra  naturae  dominum  praevalet  natura, 
haec  igitur  et  similia  si  quae  conligerint  iuxla  Auguslini  sen- 
tentiam  inter  illa  locaverim,  quae  nee  aflirmanda  plurimum 
neque  neganda  decreverim. 


SCHULTERBLATTSCHAÜ. 

MITGETHEILT  VON   G.  W.  DASENt. 

It?nera7ium  Cambriae  l.  1   cap.  11    (Lo7nl.   1585). 

Flandri  Rossentes. 
Hoc  autem  mihi  videtur  hac  de  gente  nolandum  quod  in  ar- 
mis  arielum  dcxtris  carne  nudatis  et  non  assis  sed  elixis  tarn 
l'utura  prospiciunt  quam  praeterita  et  ante  incognita  longe 
respiciunt,  tempore  quoque  praesentia  sed  loco  absentia  quasi 
prophetico  quodam  spiritu  arte  miranda  cognoscunt,  pacis  et 
gucrrae  signa,  cacdes  et  incendia,  domestica  adulteria,  regis 
statum,    vitam    et  obitum  rimularum  (juarundam   et  notularum 


SCHULTERBLATTSCHAU.  537 

iiidiciis  cerlissime  dedarant.  unde  et  nostris  temporibus  cou- 
tigit  viriim  qiiendam  partium  istarum  iioii  ignobilem  et  in  arte 
praedicta  prae  aliis  instructum,  cui  nomeii  Gulielmus  Man- 
guücl,  uxorem  habere  de  proprio  viri  nepote  praegnaiitem. 
cuius  eventus  vir  non  ignarus  arietem  de  ovili  proprio  sumptum 
ex  parle  cuiusdam  viciui  sui  coram  uxore  sibi  praeseutari 
procuravit.  quo  statiin  ad  co([iiinara  transmisso,  cum  eodem 
die  in  praiidio  sedissent,  armum  arietis  debito  more  decoctum 
et  purgatum  ad  inspicieudum  vir  mulieri,  quam  in  hoc  peritam 
noverat,  ex  industria  porrexit.  quem  cum  paulisper  iutuita 
fuisset,  rimulas  notans  et  signa  secreta  et  oraculum,  in  mensa 
subridendo  proiecit.  ille  vero  cuncta  dissimulans  cum  risus 
causam  reique  notitiam  tanto  vehementius  efflagitasset,  illa  de- 
mum  tanquam  importuna  viri  mota  instantia  respondit  'vir  de 
cuius  ovili  aries  hie  fuerat  uxorem  habet  adulteram  et  proprii 
uepotis  incestu  iani  gravidam  effectam.'  ad  haec  autem  vir 
subtristis  vultuque  demisso  'verum'  inquit  'oraculum  profers 
et  nimium  veritate  subnixum,  unde  et  tanto  mihi  dolendum 
fortius  quanto  in  propriam  iniuriam  publicata  redundat  igno- 
minia. "  at  illa  tantam  sui  comperto  crimine  confusionem  dis- 
simulare  non  praevalens  interiorem  animi  passionem  signis 
exterioribus,  urgente  vicissim  tam  pudore  quam  angustia, 
nunc  rubore  vultus,  nunc  pallore,  demum  vero  lacrimis  more 
muliebri  est  protestata. 

Praeterea  oblatus  est  cuidam  armus  caprei  quasi  pro  ovino, 
quia  simillima  sunt  ossa  purgata.  qui  notatis  rimulis  parum- 
per  et  signis  cum  admiratione  subiecit  '  infelix  pecus,  quae 
nunquam  novit  multiplicari,  infelix  et  pecudis  dominus,  qui 
nuuquam  ultra  tres  vel  quatuor  in  uno  grege  habere  prae- 
valuit. ' 

Destructionem  quoque  patriae  post  obitum  regis  Henrici 
prinii  per  annum  ante  vel  dimidium  multi  in  humeris  praevi- 
derunt,  qui  venditis  universis  quae  possidebant  tam  mobilibus 
quam  iramobilibus  indempnes  imminens  excidium  evaserunt. 

Contigit  etiam  in  Flandriae  finibus,  unde  gens  ista  de- 
scenderat,  viro  quodam,  vicino  suo  os  huiusmodi  ad  inspi- 
cieudum transmittente,  quod  portitor  fossam  obiter  transsi- 
liendo  fissa  nate  crepitam  dedit,  quem  statim  viri  naribus, 
cuius  causa  vexabatur,    verbis  et  volis  adoptavit.     ille  vero, 


538  PASQUILLUS  AUF  DEN  PROTEST.  KRIEG. 

cui  portabatur,    armo  inspecto  illico  subiecit   'sed  tu,    fraler, 
id  quod  mihi  adoptaveras  in  naribus  habeas.' 

Accidit  autem,  quod  et  notabile  censui.  quendam  nostris 
diebus  ossis  inspectorem  non  solum  furtum  furtique  tenorem, 
furem  ipsum  furandique  modum  et  circumstantias  omnes  in- 
spiciendo  notasse,  verum  et  campanae  pulsum  et  tubae  soni- 
tum,  ac  si  praesentialiter  adhuc  aj^erentur  ([uae  iam  praeterita 
fuerant,  audisse.  mirum  itaque  quod  sicut  coiiiuratione,  illi- 
citae  imaginaria  quadam  similitudine  oculis  acta,  sie  et  auri- 
bus  repraesentaiit  accidentia. 

PASQUILLUS   AUF   DEN   PROTESTIRENDEN 
KRIEG  (SEIT  1546). 

Nachfolgende  dculschlateiimche  hexameter  fand  ich  von 
eitler  hand  des  sechzehnten  Jahrhunderts  geschrieben  in 
einem  folioband  des  hiesigen  Stadtarchives  welcher  histo- 
rische colleclanea  enthält,  unter  obiger  Überschrift,  es  ist 
die  Warnung-  eines  kaiserlich  gesinnten,  welcher  unter  Kue- 
maul  die  Schweizer  und  unter  3Iareus  Venedig-  verstanden 
haben  wird. 

Heitz  ein  Landgrali,  j^icls   alin  Sachs,   Scliertle  beschers 
wol, 
Reibs  auls  Carle  pater,  solvile  Reichstettites ! 
Ueichstettites  narri,    quos  cippus  (/.  cyphus)  et  amphora 
duxit 
SaAonica  ins  Schwaisbad,   l'erre  (|uod   hi  iie([aeunl. 
(iallia  nunc  vobis,  Kueniaul,   nunc  Marcus  et  aeger 

(iOiisilii  Danus,    Anglia  verba  dedit. 
Nee  (|ui  Gottswortum  vesirum  beschirmere  vellel 

Turcns  eril.   Iio  ho  perfida  Gselliditas  ! 
Spes  erat  in  Bauris  aul'lauiros  niachere  doctis, 

Prolulit  ad  spiesos  rustica  turba  fero 
Witz  habuit  Nurmberg,  achl'sla  tragavit  utraque, 

Kalhschlägiis  vestris  sensit   inesse  raetum. 
tya  agite  in  Wilzis  servando  Caesari  glauben, 
Nc  Senecae  badinn  wermere  (onvenial. 
Frankfurt   a.   M.   im  Jan.    ISi/.  FR.  BÖHMER. 


539 


EINIGE  GOTHISCHE  EIGENNAMEN. 

Ammian  31,  5  und  12  nennt  uns  die  Gothen  Alatheus 
und  Saphrax,  welche  in  den  jähren  376.  378  neben  dem  be- 
kannteren Fridigern  auftreten;  an  der  naraen  richtigkeit  steht 
nicht  zu  zweifeln,  da  sie  auch  durch  Jornandes  cap.  26.  27 
und  Zosiinus  4,  34  bestätigt  werden.  Saph^ax  könnte  dem 
ersten  blick  undeutlich  scheinen,  das  X  ist  nach  griechischer 
weise  geschrieben,  kann  also  KS  und  GS  bezeichnen  und  im 
gen.  K  oder  G  vertreten  lafsen,  Ammian  setzt  Saphrace, 
Jornandes  cap.  50  Candax  Candacis,  aber  Andagis,  dessen 
noni.  ebenfalls  Andax  lauten  könnte;  cap.  26  giebt  er  Sa- 
frax,  cap.  27  Safrach  (wie  auch  Ekkehard  bei  Pertz  8,  124. 
125  aufnimmt),  die  oblique  form  fehlt,  mit  Safrax  mufs  aber 
ein  unter  Franken  im  concil.  paris.  II  a.  555  genannter  Saf- 
faracus  gleichnamig  sein ;  sonst  in  fränkischen  Urkunden  keine 
spur  davon. 

Für  die  gothische  gestalt  des  namens  halte  ich  nun 
Safrags  von  der  oben  s.  6  vermuteten  wurzel  safjan  =  lat. 
sapere ;  das  R  aber  nöthigt  ein  subst.  safr  oder  safrs  an- 
zusetzen, welches  mir  wieder  durch  das  lat.  sapor  bestärkt 
zu  werden  scheint,  aus  safr  leitet  sich  dann  das  adj.  safrags, 
gleichsam  saponis,  ab,  wie  aus  den  ahd.  Substantiven  hungar 
\\\A  jdmar  die  adj.  kungarac  jämarac.  ins  ahd.  übertragen 
lautete  safrags  savarac. 

Den  alanischen  namen  Candax  brauche  ich  nicht  zu  deu- 
ten, doch  fiel  mir  das  goth.  hafidugs  ooqög,  ahd.  hantac  acer 
ein,  insofern  das  C  noch  nicht  lautverschoben  wäre.  Andags 
könnte  leicht  ein  compositum  sein,  dem  ahd.  antdag  (Graff 
5,  358)  vergleichbar. 

Monejbnsus  im  concil.  tolet.  XIII  a.  683.  XV  a.  688 
wäre  Munjafuns  promptus  ingenio,  von  muns  v6m.iu,  sehr 
ähnlich  dem  altn.  hrödrfus,  ags.  hrederfüs.  an  die  bedeut- 
same Zusammenstellung  der  klugen  raben  Muninn  und  Huginn 
habe  ich  öfter  erinnert. 


540  EINIGE  GOTHISCHE  EIGENNAMEN. 

Schönen  sinn  gewährte  der  name  Remi.sol  im  conc.  bra- 
carense  III  a.  572,  falls  die  deutung  haltbar  ist,  die  ich  ver- 
suchen werde.  Rimisauil  könnte  die  untergehende,  zu  ruhe 
gehende  sonne  (mythol.  s.  702)  ausdrücken,  neben  rimis  gen. 
rirnisis  niufs  auch  die  form  rim  oder  rimi,  wie  neben  sigis 
ahd.  sign  gegolten  haben,  man  vergl.  die  ahd.  eigennaraen 
Rimidco  Rvniguz  Rimistein,  aber  auch  das  einfache  Rhnis 
(Irad.  fuld.  2,  208)  und  Rimeslo,  hain  der  ruhe,  im  bisthum 
Osnabrück,  den  aufser  einer  Urkunde  bei  Moser  nr  59  auch 
Vilkinasaga  cap.  43  im  abenteuer  zwischen  Dietrich  und 
Fasold  nennt,  nun  liefse  sich  bei  Remisol  freilich  auch  die 
form  rimis  unterlegen,  was  aber  bliebe  dann  -ol?  doch  nichts 
dem  golh.  -aul  in  vianauli  zu  vergleichendes?  ich  bemerke 
noch  dafs  dem  lith.  riinti  quiescere,  rimmastis  quies,  lett. 
rimt  quiescere  ebenfalls  das  S  fehlt. 

Man  weifs  genug  dafs  Totila  (bei  Procop  TtaTilug)  ei- 
gentlich Radvila  hiefs,  von  badi^,  ags.  beado,  altn.  böd  gen. 
bödrnr,  ahd.  pato  pugna ;  Radvila  bedeutet  demnach  pugnax, 
welchen  namen  er  in  der  that  verdient :  man  lese  Procop. 
auch  auf  den  münzen  wird  er  nicht  anders  genannt.  Tötila 
ist  blofser  zuname,  der  im  gemeinen  leben  und  selbst  in  der 
geschichte  auf  ihm  hängen  blieb.  Radvila  ist  ahd.  Patilo 
Petilo,  Tiitila  aber  Yaioz-Ho.  was  bedeuten  Tutila  und  Zuo- 
zilo?  ich  glaube,  was  das  lat.  Naso  oder  nasutus,  obgleich 
dem  altn.  tota  nasus,  rostrum,  kurzes  0  beigelegt  wird.  bair. 
zuzel  schnauze  (Schra.  4,  297).  ags.  tutian  eminere  tanquam 
cornu  in  fronte;  nnl.  tot  und  tuit  onine  quod  eminet,  bei 
Kilian  tute,  nach  welchem  de  tute  selten  bedeutet  eselsobren 
machen,  in  Tutila  liegt  deutlich  etwas  spöttisches  wie  in 
allen  beinamen.  JAC.   GRI3DI. 


541 


HIMMEL  UND  GAÜME. 

Lelztliiii  als  Wilhelm  Schott  in  der  acadeniie  die  iiber- 
einkiiiirt  des  inongolischeii  worles  tanglai,  welches  den  gaii- 
men  bezeichnet,  mit  dem  von  Chinesen  aufbehallnen  Hionghnu- 
worte  tangli  z=i  himniel  (türkisch  tangri,  mongolisch  tengri) 
durch  das  russische,  gleichfalls  für  beide  begriffe  gebrauchte 
ncbo  unterstützte,  raunte  mir  Lachmann  das  griechische  ov- 
Qttvög  zu.  und  so  ist  es,  diese  einstimmung  findet  sich  auch 
in  der  griechischen  und  in  vielen  andern  sprachen,  wie  den 
alten  Griechen  ovQavög  heifst  den  Neugriechen  der  gaume 
ovQavlanog.  Athenaeus  8,  34  meldet  von  Theokritos  aus 
Chios :  JioyiXtovg  kuI  top  ccy()6f  icuTußiß^wnÖTog  fig  6ipoq)a- 
yiav,  fTTfidij  x^f^j/^iüv  nore  xaTaj3(jO'^&iGag  i^&vi/  fqtjoe  top  ov- 
Qavov  xuTaxfxavG&ai  •  lotnov  tqjj^atv  tavtv  b  SeöitQiTog  aot 
x«i  Tr)v  {yäXanauv  txnifiv,  xai  lai]  TQia  tu  fxf'yiata  t](papi'X(ügf 
yrjp  Ktti  d^uluodup  Kai  ovquvop.  Cicero  de  N.  D.  2,  18  sagt 
von  Epikur:  sed  dum  palato  quid  sit  optimuni  iudicat,  caeli 
palatum,  ut  ait  Ennius  non  suspexit.  Augustinus  de  C. 
D.  7,  8:  quod  hiatus  noster,  cum  os  aperimus,  mundo 
similis  videatur,  unde  et  palatum  ov^jupÖv  appellant,  et 
nonnulli  poetae  Latini  caelum  vocaverunt  palatum :  a  quo 
hiatu  oris  et  foras  esse  aditum  ad  dentes  versus  et  introrsus 
ad  fauces.  nicht  nur  den  Russen  und  Serben  ist  nebo  bei- 
des caelum  und  palatum,  sondern  auch  die  Polen  und  Böhmen, 
deren  einfaches  nicbo  nebe  nicht  für  den  gaumen  gilt,  be- 
zeichnen ihn  wenigstens  durch  podniebietne  und  podnebi.  die 
Lithauer  sagen  für  gaumen  burnos  dangiis,  mundes  himmel, 
und  eben  so  die  Spanier  cielo  de  la  boca,  die  Finnen  aber 
suun  laki  oris  tectum,  was  den  sinn  des  Wortes  himmel  = 
decke,  dach  bestätigt;  es  heifst  auch  in  gleicher  bedeutung 
finnisch  kurku  laki  gutturis  tectum,  estnisch  kw'ko  laggi. 
aus  unsern  deutschen  sprachen  gehört  hierher  das  niedersäch- 
sische bön  d.  i.  bühne,   decke  für  gaume,  das  ags.  hrof  jms 


542  HIMMEL  UND  GAUME. 

mildes  tectum  oris,  engl,  roof  of  the  mouth,  welche  nur  den 
begriff  von  decke,  nicht  des  himmels  gewähren,  der  aber  im 
nnl.  heinelte,  gehemelte,  verhevielte,  durchbricht :  de  tong 
kleeft  aan  liet  gehemelte,  die  zunge  klebt  am  gaumen.  ich 
finde  nun  nicht  dals  das  mhd.  himehe,  ahd.  himilezi  etwas 
anders  aussagen  als  laquear  lacunar,  was  das  einfache  hiviil 
selbst  bedeutet;  zweifle  aber  kaum  dals  sie  auch  auf  den 
gaumen  angewandt   wurden,     warum  also  nicht  himü? 

Die  Verknüpfung  beider  begriffe  ist  einfach  und  natürlich, 
der  gaume  wölbt,  deckt  den  mund  wie  der  himmel  die  erde ; 
hier  braucht  keine  spräche  von  der  andern  geborgt  zu  haben, 
es  lag  allen  nahe  und  vielleicht  mengen  sich  noch  mythische 
Vorstellungen  ein :  himmel  und  hölle  werden  persönlich  mit 
gähnendem  mund  gedacht. 

Ich  komme  noch  auf  unser  worl  gaume,  dessen  heutige 
form  wieder  falsch  ist,  wir  sollten  gume  (wie  bhivie)  sagen, 
ahd.  guomo  (daneben  giumo),  mhd.  guome,  noch  heute  bai- 
risch  guom,  ags.  gumn,  alln.  gömr,  schwed.  gom,  dänisch 
entstellt  in  gane;  das  lappische  guobme  scheint  germanisch, 
war  das  wort  gothisch,  so  müste  es  wiederum  lauten  göma, 
wie  hlöma;  aber  die  wurzel?  man  dürfte  au  ahd.  gcicön 
oscitare  denken,  und  aus  gouivo/t  (goth.  gaujon?)  das  6  = 
HO  sich  entfalten  lal'sen,  wie  in  taujan  tojis,  stanida  stujan, 
so  dals  göma  aus  göjnma  entsprungen  sein  könnte  und  dem 
griech.  ;f«(T,u«  Schlund,  rächen  von  j^ö/Vco  x^vovuat  gleich  käme. 

Das  lat.  palatvm  scheint  unmittelbar  verwandt  mit  pa- 
latiiim,  wie  v-ri(jo'ni  mit  vjTf^otov,  gleichsam  gewölbe  und 
decke  des  hauses.  im  französ.  palais  treffen  palatum  und 
palatium  ganz  zusammen.  JAC.  GRIMM. 


54:j 


GRÜN  UND    KUN. 

Ich  lal'se,  indem  ich  diese  beiden  ganz  gleich  gebildeten 
Wörter  zusammenstelle,  von  der  heutigen  unart  ab,  das  letzte 
kühn  zu  schreiben,  denn  ebenso  unrichtig  hätte  auch  griiJm 
geschrieben  werden  mögen,  ahd.  kruoni  chuoni,  mhd.  griiene 
küene,  ags.  grene  cene,  engl,  green  keen,  nnl.  groeti 
koe?i,  altn.  groenn  kosnn  (nicht  grcci^n  kcenn),  schwed.  grön 
kön,  dän.  grön  k/ün.  bei  Ulfilas  mangeln  beide,  da  in  den 
bruchsliicken  kein  xlMfjug  vorkommt  und  die  Vorstellung  kiin 
durch  balps  ausgedrückt  scheint ;  mutmalsen  dürfte  man  grn- 
m's  kunis. 

Für  gleiche  bildungen  sind  auch  gleiche  wurzeln  gerecht. 
GrafT  bringt  aber  gtmoni  unter  einen  stamm  gru,  chuoni 
unter  einen  stamm  kan;  olleubar  ist  in  kiin  das  N  so  gut 
ableitung  wie  in  grün,  und  hat  mit  der  wurzel  kiinnnn  nichts 
zu  schafl'en ;  denn  wie  sollte  diese  statt  des  NN  einlaches  N, 
und  vor  diesem  ÜO  entfalten?  das  einfache  N  ist  auch  im 
ahd.  cruoni  organisch ;  wenn  einigemal  ci^unnnö  cruanniu 
cronnem  geschrieben  ist,  so  war  das  I  Ursache,  wie  sonst  ia 
hörran  für  hörinn  oder  huorrd  für  huorid.  leitet  sich  nun 
aus  ahd.  gluon  (oder  gluohan  gluojan,  wie  man  annehmen 
will)  gluot  pruna,  aus  bluo?i  {bivohan  bluojnn)  bluol  tlos 
und  biuomo,  aus  ruon  {ruohan  ruojan)  remigare  ruodar  re- 
mus,  aus  gruon  {gruohan  gruojan)  gruoti  viror,  gruoni 
viridis,  so  erzeigen  sich  T,  D,  31,  N  überall  als  ableitend ; 
folglich  mufs  es  auch  das  N  in  kuoni  sein,  das  bestätigen 
auch  die  ags.  formen  glucan  blövan  rövan  grövan,  die  altn. 
glöa  rua  gröa,  an  welche  sich  ähnliche  abieitungen  fügen, 
z.  b,  aus  altn.  röa  erwächst  rödr  rodrar  remus,  aus  groa 
grodr  grödrar  feracitas.  für  grün  bleibt  demnach,  was  die 
consonanz  angeht,  nichts  wurzelhaftes  übrig  als  GR,  für  kün 
nichts  als  K. 

Wir  wollen  einmal  diese  wurzelelemente  dahin  gestellt 
sein  lafsen  und  uns  vorerst  um  die  ableitung  kümmern,  könnte 


544  GRÜN  UND  RUN. 

ihr  (las  6  oder  uo  vor  dem  ni  wesentlich  gehören?  wäre 
hier  dasselbe  -öm,  -uom,  das  in  den  ahd.  windnamen  osta- 
röni  westaroni  sundaroni  nordaruni,  im  altn.  austroemi 
vestroßnn  sudraum  norrcen,  im  alls.  gisuislruoiiion  (geschwi- 
stern)  Hei.  38,  1  erscheint?  dies  letzte  uo  und  das  altn.  o? 
nöthigen  zu  ahd.  6  =:  uo,  welches  sich  in  der  alten  ableitung 
liegte  wie  sonst  öfter  (gramm.  1,  100),  obschon  belege  bei 
Graff2,  1097  auch  -uni  gewähren,  neben  -otinun  (■=.6niun). 
bei  0.  5.  17,  31  scheint  mir  der  acc.  ■polunan  (stellam  pola- 
rem) auf  einen  nom.  polöni  polaris  zu  Aveisen.  in  glossen 
bei  GrafF  2,  201  hat  man  das  sinnlose  ludrom  pannosum  ge- 
lesen ;  ich  denke  dafs  die  handschriften  geben  ludroni  lumpig, 
zerrifsen  von  ludara  pannus,  involucrum,  zumal  kinderwin- 
deln  (und  in  sofern  auch  wiege,  in  pannis  iacere  :=:  in  cu- 
nis,  cunabulis).  sind  nun  die  ags.  gesvustrenu  bearn  was 
die  alls.  gisuistruoniu ,  so  stimmt  das  wieder  zu  cene  grene, 
und  man  darf  vermuten  dafs  die  adjectiva  eüstern  vestern 
sudern  nordern  nach  gewöhnlicher  Versetzung  des  R  aus 
castrene  restrcne  u.  s.  w.  hervorgiengen.  jene  gothischen 
grÖ7iis  kunis  scheinen  aber  den  ableitungen  sipöneis  discipu- 
lus,  lauhrnoni  fulgur  und  geironi  concupiscentia  entsprechend, 
welche  sich  (wie  das  ahd.  -oni  in  -uni)  bereits  in  lauhmuni 
geiruni  zu  kürzen  pflegen;  also  müste  auch  glitmuni  splen- 
dor  früher  glitmoni  gewesen  sein?  -oni  wäre  den  Substan- 
tiven lauhma  und  glitma  (ahd.  klizarno)  zugetreten?  nicht 
zu  übersehen  scheint  auch  die  einstimmung  der  lateinischen 
windnamen  favonius  und  oquilonius  (in  welchen  das  on  frei- 
lich von  nqiiilo  nquilonis  abhängen  mag)  und  der  alten  na- 
men  von  göttinnen  wie  Feronia  Fluonia  Mellonin  Pellonia. 
Hiermit  ist  zwar  dem  derivativen  oni  uoni  gewähr  ge- 
leistet, aber  immer  noch  nicht  gesichert  dafs  auch  gröni  koni 
auf  demselben  wege  entsprungen  seien,  denn  der  vocallaut 
6  uo  scheint  in  ihnen  auf  irgend  eine  weise  mit  der  wurzel, 
mit  dem  GR  und  K  verwachsen.  wie  den  Wortbildungen 
bloma  bluomo  b/öp  bluot  gruoU  i^odar  irgend  ein  volleres 
hlohna  bluohamo  blöhap  w.  s.  w.  könnte  auch  dem  groni 
koni  ein  grohatii  köhani  unterliegen,  oder  statt  des  H  eben- 
wohl'  ein  V  oder  S  gewaltet  haben,  bei  diesen  wurzeln  gro- 
han  köhan  (prät.  gaigröh  kaikok?)    ahd.  kruoban  chuohan. 


DIE  SPRACHPEDANTEN.  545 

ags.  grövan  priit.  greov,  cövnn?  prät.  ceov?  könnte  man 
sich  bis  auf  weiteres  beruhigen,  und  ich  habe  nichts  dawi- 
der dal's  man  noch  höheren  standpuncl  suchend  ein  solches 
kohan  für  verwandt  selbst  mit  kunnan  erkläre,  zumal  das 
altn.  kaum  nicht  audax,    sondern  peritus,  sollers  ausdrückt. 

JAC.  GRIMM. 


DIE  SPRACHPEDANTEN. 

Pedanten  und  purislen,  was  eigentlich  eine  brut  ist,  sind 
mir  oft  so  vorgekommen  wie  maulwürfc,  die  den»  landmaniic 
zu  ärger  auf  leid  und  wiese  ihre  hügel  aufwerl'eu,  und  blind 
in  der  oberiläche  der  spräche  herum  reuten  und  wühlen. 

Als  ich  neulich  in  unserer  academie  über  das  pedantische 
in  der  deutschen  spräche  gelesen  und  mit  einer  erwägung  ge- 
schiofsen  hatte,  in  wie  fern  es  im  vermögen  der  academir 
früher  lag,  noch  liegt  und  künftig  liegen  kann  über  unserei' 
spräche  zu  wachen  (wobei  der  bescheidenste  anspruch  erho- 
ben und  gestanden  wurde  dafs  Jetzt  die  zeit  noch  unerschie- 
nen  sei  ihn  einmal  geltend  zu  machen),  fiel  es  einem  der 
leute,  mit  deren  aufsitzen  Berliner  zcitungen  in  die  gelehr- 
samkeit  streifen,  ein,  den  öffentlich  bekannt  gemachten  bericht 
der  academie  geradezu  eines  Sprachfehlers  zu  zeihen,  das  war 
doch  unmittelbar  nach  solchem  anlafs  zu  arg.  dem  pedanti- 
schen gefühl  mochte  vorschweben  dafs  es  heifse  'deine  äugen 
wachen  über  mich'  und  damit  jede  andere  fügung  verurtheilt 
sei :  ich  liefs  bei  namensunterschrift  folgendes  einrücken,  von 
dem  ich  nur  tilge  was  nicht  hierher  gehört. 

Ein  ungenannter  pedunt  hat  aufgeworfen  dafs  bei  anzeige 
meiner  Vorlesung  über  deutsche  pedanterei  und  barbarei  durch 
ein  eigenes  spiel  des  zufalls  stehe  'über  der  deutschen  sprä- 
che wachen.'  o  nein,  es  soll  so  heifseu.  von  der  weit  die 
bekannteste  sache  ist,  dafs  manclie  präpositionen  doppelten 
casus,  oft  nach  leiser  Verschiedenheit  des  sinns,  bei  sich  ha- 
ben, unter  andern  über-,  der  Schmetterling  flattert  über  den 
blumen  oder  über  die  blumen,  die  fahne  weht  über  dem  land 
oder  über  das  land,  das  schwert  hängt  über  dem  nacken  oder 
über  den  nacken,  der  Unverstand  krittelt  über  solchen  wor- 
Z.  F.  D.  A.  VI.  35 


546  DIE  SPRACHPEDANTEN. 

teil  oder  über  solche  worte,  ich  bin  über  dem  buch  einge- 
schlafen oder  über  das  buch,  die  sonne  leuchtet  über  mir  oder 
über  mich,  der  geizhals  wacht  über  dem  gold  oder  über  das 
gold,  die  freunde  wachten  über  der  leiche  oder  über  die  leiche. 
beim  einschlafen  über  dem  buch  fälil  der  nachdruck  auf  den 
lesenden,  bei  über  das  buch  fallt  er  auf  das  einschläfernde 
werk,  beim  wachen  über  der  leiche  auf  die  wachenden,  bei 
über  die  leiche  auf  den  bewachten  gegenständ,  über  der  sprä- 
che wachen  heifst  bei  der  spräche  wachen,  abstinere  a  dor- 
miendo,  wie  ein  wachendes  gestirn  über  der  spräche  leuch- 
ten ;  das  schien  hier  befser  gesagt  als  mit  rücksicht  auf  den 
gegenständ:  die  spräche  behüten,  beschützen. 

Hiermit  war  es  abgetlian ;  aber  es  hätten  noch  manche 
andere  beispiele  gegeben  und  die  Ursachen  der  zwiefachen  con- 
struction  genauer  entwickelt  werden  können,  dafs  diese  zu- 
nächst auf  die  heutige  spräche  gestutzt  werden  musten,  ver- 
steht sich,  besonders  trillig  scheint  mir  die  hergebrachte  re- 
densart  vom  wachen  über  der  leiche  und  ich  führe  dazu  das 
einstimmige  altnordische  röktu  ijjir  tikinii  aus  Laxdu?lasaga 
cap.  224  an.  wo  der  dativ  steht,  hat  das  verbum  vorwiegend 
intransitiven,  wo  der  accusativ,  transitiven  sinn,  wie  sich  be- 
sonders dann  zeigt,  wenn  die  spräche  neben  der  neutralen 
starken  form  die  activere  schwache  entfaltet,  z.  b.  bei  sitzen 
und  setzen,  es  heifst  in  den  rosen  sitzen  und  sich  in  die  ro- 
sen  setzen,  über  den  kohlen  sitzen  und  sich  über  die  kohlen 
setzen;  Opitz  singt: 

ich  empßnih-  fast  ein  grairen 

dafs  ich,  P/alo,  für  und  für 

bin  gesefsen  über  dir, 
wer  ihn  vornehmen  will,  mag  sich,  ohne  furcht  vor  Zweideu- 
tigkeit, über  ihn  setzen,  wo  aber  intransitive  und  transitive 
bedeutung  in  derselben  form  enthalten  sind,  darf  doppelter 
casus  zur  präposition  treten,  nur  reicht  selbst  diese  bestim- 
mung  nicht  aus,  sondern  es  kann  auch  bei  reinen  intransiti- 
ven den  umständen  nach  dativ  und  accusativ  stattfinden,  wie 
eben  das  beispiel  von  wachen  ergibt,  sicher  ist  einzuräumen 
dafs  für  einzelne  verba  Sprachgebrauch  und  angewöhnung  den 
einen  oder  den  andern  casus  bei  bestimmten  präpositionen 
begünstigen,    zu    solchen   gehört  aber   '  wachen  über'   nicht. 


DIE  SPRACHPEDANTEN.  547 

wir  lügen  heule  bei  erschrecken  über,  entsetzen  sich  über, 
verwundern  sich  über  den  accusativ,  kaum  den  dativ,  Luther 
hingegen  hat  Marc.  10,  24  entsalzten  sich  über  seiner  rede, 
Luc.  1,  29  erschrack  über  seiner  rede,  Luc.  9,  43  entsalzten 
sich  über  die  herlichkeit  gottes,  verwunderten  sich  über  allem, 
und  bei  erschrecken,  sich  entsetzen,  welche  eigentlich  auf- 
springen aussagen,  ist  auch  der  dativ  gründlicher,  ich  würde 
nur  sagen :  über  diesen  worten  stand  er  auf,  erhob  er  sich, 
nicht :   über  diese  worte. 

Ahd.  und  mhd.  war  alles  anders,  es  galt  beinahe  nur 
ubar  über  mit  dem  acc,  und  für  unsere  dativPälle  die  ver- 
wandte präp.  oba,  obe,  stets  mit  dativ,  so  dafs  über  und  obe 
ins  heutige  über  mit  acc.  und  dat.  sich  theilten.  ich  will 
damit  nicht  sagen,  dafs  bei  ubar  gar  kein  dativ  zuläfsig  ge- 
wesen sei,  einigemal  taucht  er  vor,  man  sagte  ubar  morgaii 
und  ubar  morgane.  aber  wenn  es  bei  Wolfram  heilst  Parz. 
535,  7  überz  wazzer  stuont  daz  kastei,  müslen  wir  noth- 
wendig  sagen :  über  dem  wafser,  über  daz  grap  gesten  ist 
gleichviel  mit  ob  dem  grabe  sten,  arm.  Heinr.  847;  stuont 
ob  in  (eis)  Trist.  18654,  heute  :  über  dem  grab  stehn,  stand 
über  ihnen. 

Zu  untersuchen  wäre  nun,  wann  und  wie  sich  im  nhd. 
die  völlige  freiheit  der  präposition  über,  d.  h.  ihr  vermögen 
aufser  dem  acc.  auch  den  dativ  zu  beherschen,  hergestellt  hat. 
in  manchen  andern  fällen  sind  wir  heute  dem  acc.  geneigter 
als  die  frühere  spräche,  z.  b.  bei  glauben,  vertrauen,  hoffen, 
es  heilst  uns:  an  einen  glauben,  auf  einen  hoffen,  gothisch 
aber  venjan  in  Christan  (wie  u.TTi'gn.v  h  X(jiotö})^  ahd.  in 
sinemo  nainen  thiota  gitrüent  (vulg.  in  nomine  ejus  gentes 
sperabunt;  Matth.    12,  21. 

JACOB  GRIMM. 


35* 


548 


GOTHEN   UND   GETEN. 

Wie  ich  die  vorrede  zu  Schulzes  glossar  vollendete,   ka- 
men mir  diese  verse  ein : 

Was  trudan  in  des  Gothen  mund 
heifst  in  dem  unsern  treten; 
erst  that  ich  euch  von  Gothen  kund, 
nun  rück  ich  auf  mit  Gelen. 

Doch  wenn  die  glocken  stürzen  ein, 
so  wird  geklopft  am  brete : 
soll  Gölhe  gleich  kein  Gothe  sein, 
war  er  vielleicht  ein  Gete. 

JACOB  GRIMiM. 


549 


REGISTER 

ZU  DEN  ERSTEN  SECHS  BÄNDEN  DIESER  ZEITSCHRIFT. 


aberglaubc  3,  360.  s.  segens- 

fornieln 
ablau tsreilieii  5,  211 
Abor  5,  6 

abschwöruiigsformel  5,  453 
accipiler  1,  572 
accusativus 

adverbial  3,  268 

bei  adjectiven  1,  207 
Acheloide  1 ,  59 
Adelint  in  der  klage  3,  203 
Admoiit,  abt  Heinrich  4,  269. 

276 
adogen  5,  239 
Adolf  von  Nafsau  3,  2 
adreogan  5,  239 
Ali  1,  21 
Agadora  2,  535 
Agasül  2,  536 
Aegidius,  gesta  pontif.  Tungr. 

5,  77 
Agilolfinge  6,  451 
Agorlin  1,  59 
Agorlot  1,  59 

Agricolas  Sprichwörter  2,  262 
Ahis  5,  485 
ähni  1,  23 
ahrunst  5,  169 
ahselhart  4,  578 
Ai  1,  21  f. 


aithei  1,  25 

Aitwaros   1,  149 

äkefd  5,  229 

äkefliga  5,  229 

Alabathis  1,  149 

Alba,  königin  2,  368 

Albanus  2,  534 

Albertus  magnus  2,370.  4,497. 

575 
Alberus  2,  261 
Albrecht  v.  Halberstadt  3,  289 
Kemenaten  6,  520 
I  V.Österreich  4,253 
aldafeder  1 ,  25 
Alexander  Seifrieds  4,  248 
Alexander u.  Antiloie  5,  424  ft". 
Alexanderlied  2,  225 
Alexanders  greifenfahrt  6,  1 60 
Alexis,  altfranz.  gedieht  5,  299 
Alexius  3,  534.  4,  400 
Alf  3,  44.  51      ' 
Algis  1,  149 
Alioruna  2,  539 
Ällerhättenberg  1,  26 
allitteration  ags.  3,  185 
almem  1,  24 
alode  5,  509 
Alpharius  5,  5 
Alphart,  gedieht  6,  453 
Alphere  5,  2 


550 


REGISTER. 


Alphonsi,  Petrus   1,  407.  422 

Alsfelder  passionsspiel  3,  477 

altano  1 ,  26 

alterano  1,  26 

Altkönig,  berg  1,  26 

altsächsische  glossen  3,  280 

Altvater,  berg  I,  26 

altväter,  leben  der  5,  371 

altvil  6,  400 

alu  6,  261 

alvar  1,  24 

Alvilda  3,  44 

Amelgerv.  Tengelingen6,  450 

Amilles  und  Amis  4,  558 

Amis,    pfaffe   4,  155 

Amma  1,  21 

Amund  3,  43 

andvari  5,  228 

anicha   1,  25 

anicho  1,  25 

Annolied  4,  175 

ano  1,  21  f. 

ans  3,  224 

Ansberg  3,  368 

Ansileubus  1,  387 

anlhologia  Latina  1,  371) 

antliropogonie    der  Germanen 

6,  15 
Antichrist  2,  9.  226.    (;,  369 
Antiloie  5,  424 
antluzi  6,  4 
aplellranc  6,  268.  271 
ano^ä^ifir]    1,  25 
ttTtönamxog   1,  25 
appellaliva,   örtliche,    auf  -er 

2,  191 
-ar,  namenendung  3,  139 
archipoela  Wallherus  5,  298 
afiäu,   ui)öixi  5,  227 


Arguel  6,  193 

Arke  4,  386 

Arnold,   probst  von  S.  Jacob 

in  Bamberg  2,  8. 
Arnsteiner  Marienieich  2,  193 
artikel,  altn.,  suffigiert  6,  315 
As,  ans  3,  224 
ascä  6,  16 
asche  6,  16 
äscher  6,  427 
aschman  6,  140 
Askr  6,  16 
Aspelenie  1,  149 
aspirationen  2,  555 
Assundin   1,  57 
atavus  1 ,  25  f. 
atha  1 ,  25 
Atlaibos  1,  149 
ato   1,  21 
atta   1,  25 
Üttu   1,  25 
Attila  1,  25 
audhh'ga  5,  214 
audhr  5,  214 
Audhumbia  6,  18 
Audros   1,  149 
Aue  s.   Hartmann 
auen  göttersitze  2,  254 
augere  5,  223 

Augustin,   ndl.  dichter  1,  228 
aulisus  2,  559 
aukan   5,  223 
aul  6,  261 
Aulesburg  3,  118 
auli  5,  221 
aun  3,  144.   5,  222 
uviävoi  5,  223 
aura  5,  228 
aurar  5,  228 


REGISTER. 


551 


aurea  fabrica  2,  168 

aurig  5,  227 

auris  6,  4 

aurora  5,  228 

aurura  5,  228 

ausa  5,  228.  6,  4 

Ausca  1,  149 

Auscullias   1,  149 

ausinn  5,  228 

ausö  6,  4 

Auslheia  1,  149 

austr  5,  228 

auslras.  Dietrichssage  6,  435 

aulh  5,  214 

Auxtheias  1,  149 

uvo)  5,  228 

ave  Alaria  3,  437 

äventiure  1,  49  ff. 

aveugle  6,  11 

Azo  1,  25 

BaßuyoQa  1,  26 

bäbes  6,  409 

ßabie  gory  1,  26 

Babilos  1,  149 

von  Baden  Hermann  4,  277 

Badvila    6,  540 

baierische  schwerler  6,  256 

Baiern,  charakter  6,  255  fF. 

Balderaann,  Otto  3,  442 

Baldern,  gemälde  zu.  6,  318 

Baldersbrunn  2,  256 

ßaldershain  2,  256 

Baldewin  1,  10 

Baldr  3,  225 

balle  6,  146 

Baltram  6,  158 ff.  453 

bambest  6,  328 

von  Baunalen  Heinr.  6,  25 

baren  zur  kurzweil  6,  185 


bärhobel  5,  179 

Barlaam  1,126.2,361.3,446 

Barstuccae   1,  149 

Baseler  bildwerke  6, 139.  150. 

153.  160.  185 
—  örtlichkeiten  6,  194 
batwät  1,  136 
Baumann,  Michael  3,  438 
bauths  6,  12 

von  Bebenburg  Leupold  3,442 
Bechelaren  in  der  klage  3,201 
becherweide  1,  29 
Beckers  Zerbster  chronik  3,23 1 
begofsenes  brot  4,  578.  6, 269 
von  der  beichte,  mhd.  gedieht 

5,  448 
beichtanweisung  2,  9 
beichtformel  5,  456 
beischel  4,  30 

beist  5,  226 

belgisches  keltisch  4,  567 

Beli  1,  96 

Bentis  1,  150 

Beovulf  5,  10.  6,  437 

Berceo  3,  529 

Bercher    Berhter     Berker 

6,  447  ff. 
berewurz  6,  331. 
bergnamen  1,  26 
Berhtungs  geschlecht  6,  453 
berlenc   1,  577 

Bern  6,  156  ff. 

Berner  hs.  altd.  gedichte  4,  479 

Pfennige  6,  419 
Bernhard  Freidank  4,  246 
bersiha  6,  329 
Bertha   mit   dem    breiten  ful's 

6,  135 
Berthold  im  Biterolf  6,  159 


552 


REGISTER. 


br.   Berthold  3.  239.    4.  575. 
5,  368 

Berthold  von  Meran  6.  448 

Bertold    von    Holle    I,  57  ff. 
2,  176 

besyrvan  5,  227 

betochen  5,  140.  238 

belonie  6,  331 

betophen  5.  238 

betrechen  5,  239 

betrochen  5,  239 

Bezlea  1,  150 

biber,  biberis  6.  261 

biberwurz  6.  332 

biblische  geschichtc,  Nürnber- 
ger hs.  2,  130 

hier  6,  26!  ff. 

bildwerke   6,    139.    150.  153. 
160.  185.  286 

binkenbank  6.  485 

binu  gedieht  von  der  5.  371 

birnmost  6,  268.  271  f. 

Birzulis   1.  150 

bisleht  6.  189 

Biterolf.gedichl3.267.r).  159. 
453 

blanden  6,  262 

Bianca  v.  Castilien  2.  368 

blas  6.  284 

blind  6,  10  f. 

Blödelin  in  der  klage  3.   198 

boberoUa   6.  330 

Boksflies  4.  272 

Bonerins  1,  407.  422. 

Bonus  2.  208.   3.  299 

Boppe.  der  starke  3.  239 

bora  3,  531 

borso   1 .  574 

bot  6.  12 


von  Bouillon,  Gottfried  3,440 

brace  6,  262 

bracha  6,  327 

brache,  hose  6,  326 

Brack.  Wenceslaus   5,  413 

brant,  schwertklinge  4.11 

brauen  0.  262 

daz  brechen  leyt,  gedieht  5. 370 

brechung  2,  268.  571 

Bredhi   1,  3 

Breisach  6,  157 

Breksta  1,  150 

hrelan,  brelenc  1.  577 

bremzelich    1 .  1 1 

Breunenberger  3.  39.    6.  295 

briefe  aus  dem  14n  jh.  6.  27  ff. 

brieven  6.  150 

bringen   5.  177 

briselouch  6.  332 

britannisch,  todtenreich  6.  191 

Britus  2,  534 

briu  3,  384.  5.  74 

brinstern  4.  75 

Brosiiiga  niene  6.   157 

hrol.  bcgolsenes  4,  578.  6,  269 

für  brot   ofsen  6.  294 

brouchen  5.  171 

Brück  an  der  Leita    4.   282 

briieven  6,  150 

Brugghc.  de  deif  van    5.  385 

Brun  von  Schönebeck  3.  525 

Brünhild  in  der  klage  3.  193  ff. 

buch  der  rügen  2,  6 

Buchheini  4,  272 

von  Buchheini  Albero  4.  270 

biichsenuieister  zuZerbsl  3.230 

buckel   6.  32 S 

Budiutaia   1.  150 

Burgdorf  6.   15S 


REGISTER. 


553 


Buridan  2,  362 

Barlenberc  6,  157 

Burti  1,  150 

Busbeck  1,  345 

hüte  hülle  6,  328 

hyrcl  byrill  6,  191 

Cacus  6,  128 

calendarium  aus  dem   14n  jh. 

6,  349 
von  Calsmunl  Brandan  6,  21 
Candax  G,  539 
Carcofjis  3,  186 
Cassiodorus  6,  458 
Cato,  gedieht  1,  538 
cearig  5,  229 
cento,  alldeutscher  3,  40 
Ohara  5,  229 

-chari,    namenendung    3,  139 
Chauci  3,  189 
Cherusci  6,  16 
Chilperich  vonSoissons  6,439 
chlachan  5,  234  ff. 
Chlod-  6,  433 
Chlojö  6,  434 
Chochilag,  Chochilaich  5,  10. 

6,  437 
chrenechruda  2,  163 
Christi  dornenkrone  5,  381  ff. 

geslalt  4,  574 

leben  5,  17 

leiden  3,  437 
Chronik  5,  371 
ybilog  6,  13 
Circlaria  5,  242 
cläcleas  5,  237 
clarel  6,  274  f. 
claudus  6,  13 
clerici  vagabundi  2,  68 
von  Cleve  Gerlach  :i,  15 


Closeners  chronik  4,  5791". 
cofa  cofia  1,  137 
coife  1,  137.    5,  220 
Constaulinus  porphyrog.  1 ,  366 
von    Constanz    Heinzelein   s. 

Heinzelein 
Crano  1,57.  2,176.  5,368 
crede,  der  glaube  4,  256 
crede  mihi  2,  191.  5,  42 
credischeit  5,  101 
Csäki,  Matth.,  v.  Trentschin 

4,254 
cuffia  1,  137 
cuphia  1,  137 
cviferlice  5.  230 
cyprischer  wein  6,  267 
dagsvera  5,  228 
Dänemark  am  Rhein  6,  64. 441 
Daniel  von  Blumenthal  3,  432 
Dankrat  in  der  klage  3,  194 
Daritanl  2,  178 
Datanus   1,  150 
daubs  6,  11  f. 
daufr  6,  12 
daun  5,  216 
daune  5,  216 
dauns  6,  5 
daupjan  6,  408 
deaF  6,  12 
debilis  6,  14 
decrepitus  1,  23 
dehselrite  4,  35 
de  deif  van  Brugghe  5,  385 
deila  6,  316 
Demantin  2,  178 
denmarka  6,  331 
von  Derenbach  Giselberl  6,  21 
Derfinlos   1,  150 
Denoitis  1.  150 


554 


REGISTER. 


deus  2,  232 

von  De  wen  der  burggraf  5,  244 

diätetik,  provenzalische   5,  16 

Diepolt  von  Baiern  6,  451 

Diefsener  grafen  6,  451 

Dietlind  in  der  klage  3,  202 

Dietrich  von  Bern  l,  373  ft. 
4,  579 

Dietrich  von  Bern  in  der  klage 
3,  198 

Dietrichsbern  6,  156 

Dietrichs  drachenkänipfe,  ge- 
dieht 6,  308 

Dietrichs  flacht,  gedieht  6, 160 

Dietrichssage,  austr.  6,  435 

dihle  5,  86 

disciplinaclericalis  1,  407.  422 

öignu.moii   1,  30 

dodi  5,  216 

doghen  5,  239 

dolde  5,  225 

doema  6,  317 

donen  5,  182 

dorilote  1,  30 

dorndr6we  6,  333 

dort,  trespe  6,  332 

douwurz  6,  331 

drähan  6,  5 

draihen  6,  5 

di-äs6n  6,  5 

drepa  6,  7 

von  Dridorf  ritler   6.  21 

drosla  6,  333 

dudr  5,  216 

Dugnai  1,  150 

dul  5,  225 

dula  5,  225 

dullhs  5,  224 

duinbs  6,11 


dun  5,  216 

duna  5,  216 

dune  6,  330 

dund  5,  216 

dunda  5,  216 

duni  5,  216 

dupfen  6,  330 

duzen  4,  175 

dvali  5,  225 

dvina  5,  216 

Dvvargonth   1 .  1 50 

dylja  5.  225 

dyn  5,  216 

ealdealdfäder  1,  26 

ealdfäder  1,  26 

ealu  6,  261 

eän  3,  144.  5,  222 

Eästgota  6,  458 

Ebersdorf  4,  282 

Eckard,  nieister  4,  497 

Eckenlied  6,  526  ff. 

Edda  1,  21.  22 

egerde  6,  327 

Eggehartberc  6.  157 

Egidora  2,  535 

ehaimem   1,  24 

ehealvar  1,  24 

ehni   1,  23 

eiba  6,  20 

eide  1,  25 

Eider  2,  536 

eidi   1,  25 

eigennamen,  synlax  3,  134 

flKO)  5,  223 

Eir  5,  229 

Eis  5,  228 

Ekendorf  4,  275 

tumni'ivAMg  1,  25 

elbe  4,  389 


REGISTER. 


555 


*         Elisabeth,  gemahlin  Albr.  I  v. 
Österreich  4,  266 

von  E 1 111  endorf  Werner  4,  284 

Ems  s.  Rudolf 

enbiten  5,  180 

enblanden  6,  11.  262 

Enenkels  chronik  5,  252.  268 

Engelhard  s.  Konrad  v.  Würz- 
burg 

England,    könig  von,    gedieht 
5,  370 

entseben  6,  6 

enwedele  4,  350 

epfeltranc  6,  268.  271 

epistelcyclus  3,  440 

Eppan  6,  449 

Eppenstein  3,  19 

-er  örtlicher  appellativa  2, 191 

Eraclius  3.  158 

Eraiczin  1,  150 

erde  der  leib  Christi  6,  288 
kreisförmig  6,  144 
kugelförmig  6,  145 

Erec  s.  Hartmann  v.  Aue 

Erentrych  1,  228 

erknüren  4,  170 

'Eofiftag  'Eoii^g  6,  128 

Ernst  von  Baiern  4,  320 

Erpr  3,  151 

erqueben  5,  240 

erspid  5,  240 

erstecken  5,  149 

Erwin  6,  449  f. 

esche,  äscher  6,  429 

eisen  für  brot,  für  zucker  6, 294 

ethla  1,  25 

Etzel  in  der  klage    3,  197 

Etzel,  berg  1,  26 

evanarelienharmonie  2,  226 


Evas  ungleiche  kinder   2,  257 

experimentum  in  dubiis  3,  190 

Eyr  5,  228 

eyra  5,  228 

eyrdh  5,  228 

eyri  5,  227 

Ezagulis  1,  150 

Ezernis  1,  150 

ezzo  1,  25 

f,  h,  th  2,  555 

fabeln  4,  502 

Fadir  1,  21 

von  Falkenberg  Rapot  4,  280 

fanigold  6,  134 

Feirefiz  1,  10 

Feldsberg  4,  281 

Felix,    mönch,   mhd.    gedieht 

5,  424 
Fenja  6,134 
feudum  2,  557 
fimbul-  3,  414.   6,  317 
Fischa  4,  284 
Fitela  1,  4 
fizil  1,  5 
fizzilvöh  1,  5 
Flandern,  grafen  von,  genealo- 

gie  5,  371 
Fla\ius  2,  558 
flet  3,  388 
flexion  des  subst.  abgeworfen 

im  altnordischen  6,  316 
Flos   und  Blankflos    niederd. 

5,  405 
Folla  2,  189 
der  Forst  in  Österreich  4,  263. 

274 
Förtö  4,  274 
fragen  und  räthsel  3,  25 
fraine  5.  88 


556 


REGISTER. 


framea  2,  558 

franca  2,  558.   6,  16. 

Frank,  Seb.,  zeitbuch  5,  251 

Frauke  6,  16 

von  Franken  Wigand  3.  15 

Frankenwein  6,  266 

Frankfurter  deutscher  herr  vom 
vollk.  leben  3,  437 

Frankreich,  königin  von,  ge- 
dieht 3,  434 

frau,  gute  2,  385 

Frauenlob  6,  29 

fräule  1,  25 

Frea  5,  1 

fregen  6,  486 

Freiberg  s.  Johann 

Freiburg   im  Breisgau,     bild- 
werk  6,  286 

Freidank  1,30.  251.  3.  1.278. 
4,  129.573.   5,452.   6,494 

Freidank,  Bernhard  4,  246 

Irelsen  vor  liebe   6,  294 

der  Freudenleere  5,  242 

Freyr  3,  43.  225 

Fridebranl   1,  7 

Frideschotten  1,  8 

Fridlev  3,  43  ff. 

Friedrich 

von    IJraunschweig 
erniordcl  1,  428 
I,    kaiser.  Volksbuch 
5,  250  ff". 

F,  kaiser,  aus  Enen- 
kels  Chronik  5,268fl". 
1,  kaiser,  aus  Hedions 
Chronik  5.  267  f. 
von  Osterreich,  der 
streitb.  4.  266.  277. 
282 


friesische  Weissagungen  3,457 

Frigg  5,  373  ff'. 

fringilla  5,  235 

fringutire  5,  235 

Frisaevo  6,  20 

Frisiabones  6,  20 

Frodhis  mühle   6,  135 

Frögertha  3,  43 

fronereste  5,  85 

Frotho  3,  43  ff. 

Früa  2,  189 

friihlingsfeier  6,  75  f. 

frühlingslieder  6,  75  f. 

Fruote  von  Dänemark   3,  43. 
4,  247 

luchs  und  liahn,   niederd.  ge- 
dieht 5.  406 

fuchs  und  krebs,  nihd.  gedieht 
I,  393 

fühlen  6,  7 

Fuik  5,  373  ff. 

Furles  so  4,  274 

fiifse   und    bände    geschwister 
3,  157 

von    Fufsesbrunnen     lionrad 
3,  278.  304 

Gabie  1,  150 

gabilün  2,  1 

gädemler  6.  414 

gadum  6,  297 

gafandus  6,  257 

galgan  2.  88 

s.  gallische  rhetorik  4.  463 

gamaids  6,  14 

gamandria  6,  332 

gaphans  6,  257 

garäveo  6,  151 

Gardoeles   1.  150 

";ards  6.  297 


REGISTER. 


557 


Gardunithis  1,  150 

gariofel  6,  331 

garre  5,  171 

gärsecg  1,  578 

garst  5,  180 

gasöf  5,  220 

gaume  und  himniel  6,  541 

Gayol   !,  59 

gcba  5,  234 

gebesten  5,  160 

gebi  5,  234 

gebrouchen  5,  171 

GeQon  1,  95 

geist,  sieben  gaben  des  h.  2,226 

geistliches  3,  437 

geizlitze  5,  471 

gelle  6,  291 

gemach,  wunders  g.   5.  157 

gemeit  6,  14 

gemuotvagen  5.  103 

genilive  vorangestellt   2,  275 

geographie  des  nia.    4.  479 

Georg,  raugrat"  3,  22 

Gepiden,  name  6,  257 

Gerbart  in  der  klage  3,  200 

göre  6,  327 

Gerhard  s.  Rudolf  v.  Ems 

gerigene  5,  140 

von  Gerlos  Wiilfinc  4,  273 

Germani  4,  480.  5,  514 

Gernot  in  der  klage   3,  193 

gero  6,  327 

Gertruden  minne  1,  422 

geseotu  2,  6 

gesta  Romanorum  1,  408.  422. 

2,  571.  3,  440 
gesten  6,  528 
gestirne  4,  389 
Gevekenstein  1,  574 


yiVHv  6,  3 
Giaflaug  1,  572 
Gibichenstein  1,  572 
Gibicho  1 ,  572  ff. 
Gibika  1,  572 
gief  6,  257 
Gimill  6,  317 


girol  6,  332 

Giselher  in  der  klage  3,  193 

Giuki  1,  572 

Giuoithos  1,  150 

glaubeusbekenntnis  5,  453 

gläzisches    christkindelspiel 
6,  340 

glet  6,  297 

glossen 

Admonter  3,  368 
altsächsische  3,  280 
Berliner  5,  208 
in  Boulogne  5,  205 
Brüsseler  5, 199.  200. 
203.  204 
.in  Cambrai  5,  205 
Engelsberger  3,  123 
Erfurter  2,204.  3, 116 
hrabanische  3,  381 
Leidener  5,  194.  198. 
199 
Lindeiibrogs  5,  565 
Münchener  3,  383 
inS.Omer  5,205.206 
in  S.  Paul  3,  460 
Pommersfelder  5,209. 
372 

Prager  3,  382.  468 
Rheinauer  3,  123 
Schlettstädter  5,  318 


558 


REGISTER. 


glossen  in  Valeiicienues  5,  205 
Wiesbader  6,  321 

glucke  5,  238 

glückskugel  6,  146  ff. 

glücksrad  6,  134  ff. 

glumr  5,  214 

glümr  5,  214 

gnippe  4,  326  f. 

Code  4,  385 

Godsche  5,  377 

Goe  4,  385 

gold  im  munde  6.  290 

Goldemar  6,  524 

von    Albreoht    von 
Kemenaten  6, 520  ff. 

Goldrun  in  der  klage  3,  203 

goltbracha  6,  327 

Gondu  1,  150 

Gotelint  in  der  klage   3,  202 

Gothen  in  der  Krimm   1,  345 

gothischeschristcnthuni  6,  401 
epigramm  in  der  lal. 
anthol.    1.  379 
in  Spanien   1,  377 

i'oixhxov   bei    Constant.   por- 
phyrog.  1 ,366 

Gottfried  von  IJouillon  3,  440 
Strafsburg  2,389. 
4,  513 

göuhuon  4,  187 


von  Greitschenstein  der  trucli- 

sel's  4,  271 
grelle  6,  486 
greno  6,  325 
grensiuc  6,  330 
Grieshabers  predigten  5,  575. 

6,  393 
grifen  6,  7 
grima  3,  413 
gripan  6.  7 
Grobs  ausreden  der    schützen 

3.  240 
grofsvater   1,  26 
gTÜn  6,  543 
Gruonlant  1,  8 
grüz  6,  329 
gualdana  5,  498 
Giibich   1,  575 
Guboi  1,  150 
guckahnfrau   1,  23 
guckälini   1,  23  ^ 

Gudrun  2,    1.   380.     3.    186. 

5.  504.    6.  62  If. 
güggel  1.  23 
GumpoUes  gige  4,  279 
Günther  v.  Bamberg  2.  226 
V.  Burgund  3.  193 
guomo  6.  542 
gurt  6,  297 


Gralant  6,  295 

284 

gramerzie  4,  85 

gustare  6,  3 

gran  6,  325 

gute  frau,  gedieht  2.  385 

grave  6,  151 

h,  f,  th  2,  555 

greatgrandfather  1,  26 

ha  5,  219 

Gregorius  2,  486.  s.  H; 

irtm. 

Haager  hss.   1,  209 

von  Aue 

Hackelberg  5,  379.  6,  117 

von  Greifenstein  Kraft 

3,  8 

hacken  5,  499 

greipan  6,  7 

Hademar  von  Diezen  6,  45 

REGISTER. 


559 


Hading  3,  43.  48  K. 

iiaeres  6,  257 

Häey  2,  3 

häf'e,  12 

hafela  I,  136 

Hagen  in  der  klage  3,  194  ff. 

haihs  6,  11 

liaithno  6,  107 

Haksclie  5.  377 

V.  Halberstadi  Albreclil  3.289 

rialdenberc  4,  320 

liainilimciin   1 ,  10 

Halioruna  2,  539 

Halle  5.  511 

halts  6.  13 

halz  6,  13 

Hamadeo  3,  155 

Hamdie  3,  155 

Haindir  3,  155 

hämit  3,  267.  6,  297 

liammer,  heiliger  5,  72 

hämo  6,  297 

liände    und    fülse    geschwister 

3,  157 
liändewaschen  vor  der  niahlzeit 

3,  389 
iiandschrilten  in 

Admont  3,  368 

Basel  3,42.  4,576.  5,17 

Berlin    1,  151.    3,  191. 
4,  315.  5.  208 

Bern  4,  479 

Boulogne  5,  205 

Breslau  2,  554.     3,   40. 
130.  525 

Bronnbach  3,  437 

Brüssel  5,  199  ff. 

Cambrai  5,  205 

La  Cava  1,  548 


handschrilten  in 

Einsiedeln  3,  42 
Engelberg  3,  123 
Erfurt  2,  207.  3,  190 
Frankfurt  a.  M.  1,  428. 

5,  463 
Giefsen  5,  564.  6,  484 
Göltingen  1,  57 
Göttweich  3,  299 
Haag    1,  209.     2,    302. 

3,  218 
Hannover  1,  39 
Heidelberg  3,  41.  308 
Herzogenburg  6,  31 
Hildesheim   1.  545.  547. 

5,  299 
Idstein  2,  193 
Insbruck  3.  535 
Karlsruhe  4,  513 
Kiel  5,  565 
Klagenfurt  1,  97 
Kleinheubach  3,  432 
Kloster  Neuburg  4,  284 
Königsberg  5,  423 
Kopenhagen  5,  9.  6,  349 
Lauhach  I,  126.    2,  361 
Leiden  2,  199.  5,  194  ff. 
Leipzig  2,  366.    3.  239. 

304.  356.   5.  252 
Madrid  5.  1 

Marburg  2,  231.  3,  117 
Melk  2,  215 
3Ieran  6,  413 
Merseburg  3,  280 
iMünchen  1,30.  117.283. 

405.  408.  2,  175.  486. 

3,  345.383.  5,  II.  17. 

252 
Nürnberg  2,  130 


5f)0 


KEGISTER. 


handschriften  in 

Oldenburg  3,  457 
S.Omer  5,  205  ft'. 
Paris  1,  389.  513 
S.Paul  3,  460 
Poramersfelde      5,     209 

368  ff. 
Prag  3,  382.  468 
Rheinau  3,  127.  518 
Rom  1,548.  2,215.  5,32 
Salzburg  5,  33 
Schlettstadt  5,  318.  418. 

421 
Stockholm  5,  404.  412 
Strarsburg2,570.3,  13   . 

534.  5,33.413.417 
Stuttgart  4,  513.  573 
Valenciennes  5,  205 
Vorau  2,  223 
Wien   I,  393.438.563. 

2,   130.  187.  216.  385. 

560.    3,  381.     4,  247. 

318.401.   5,33.71.75. 

6,  27.  193.  496 
Wiesbaden  6.  321 
Würzburg   3,  435  11".    5. 

421  ff. 
Zerbst2, 276.  3,226.  230 
Zürich    1,  126.    2,  541. 

3,41.  4,398.478.  496. 


574.    5, 


293.     6.  279. 


286.  301.  304 
hanfs  6,  12 
hapuh  1,  572 
Hardeck  4,  245.  279 
Harfe,  frau  4,  386 
-hari  namenendung  3,  139 
Hariger,  abt  von  Laubes  5,  77 
Harke,  frau  4,  386.    5,  377 


harst  5,  180 

-hart  1,  575 

Hartberc  4,  281 

Hartmann   von   Aue   2,    187. 

389.   486.  3.  266.   4.  395. 

580.  5,  33  If. 
hasehart  1.  575 
von  Haslau  Kadolt  4,  273 

Konrad  4.  246.  257 
Otto  4.  273 
haube    i.  136.   5,  219 
haudhr  5.  218 
Haug  V.  Salza  s.   Salza 

Trimberg  s.  RenncM' 
Haugdieterich,  gedieht  4.  401 
haul  5,  223 
haupt  1,  136.   5.  219 
haurire   6.  4 
haus  kleid  leib  6.  297 
von    Hausbach     der     schenke 

4.  282 
hausehrc  6,  387 
hautr  5.  214 
hauvilha  5.  219 
Havamal  3,  385 
Hawart  in  der  klage  3,  202 
heafela   1,  136 
Hedensee  2,  4 
Hedhinsey  2.  3 
hedinn  3,  411 
Hedions   chronik  5.  267 
heidan  6.  407 
Heideuwolf  Heidloif  2.  2 
heidin,   gedieht  5,  4  f.    370 
heilaud  6,  412 
Heimburg  4,  268 
Heinrich  abt  von  Admont   4, 
269.  276 
prior  zu  Basel  4,  573 


REGISTER. 


561 


Heinrich  von  Rispach  6,  188 
von  dem  Türlein  3, 
267.  384 

von  Veldeke  5,  7(5 
Heinricus  scriptor  6,   187 
Heinzelein      von     Constanz 

3,442.  4,496.   6,318.529 
Heitfolc  2,  255 
Hei  3,  225 

Helbling,  Seifr.  4, 1  ff.   5,471 
heldensage,  deutsche,  im  lande 

der  Zähringer  und  in  Hasel 

6,  156 
von     Helfenstein     Wiibirgis 

4,  268 
Helferich  von  Lunders  6.  439 
Lüne  (),  438  f. 
Lutringen  6,439 
helis  3,  146 
hellegräve  6,  149 
helliruna  2,  539 
helljäger  4,  391.  6,  117.  133 
Helmbrecht,    meier    3,    279. 

4,  318.  579.   5,  471 
helmschmuck.  2,  251 
Helpfrich  in  der  klage  3,  200 
Heisingas  6,  65 
hemede  6,  297 
Henden  2,  2 
hengel  6,  266 
Heorrenda  2,  4 
hepa  6,  326 
herleva  6,  327 
Herlinl  in  der  klage  3,  203 
Hermann  von  Baden  4,  277 

Polen  in  der  klage 
3,  201 
Herrant  2,  4 
Herrat  in  der  klage  3,  201 

Z.   F.   D.  A.   VI. 


herrle  1,  25 
hert  6,  528 
Heruli  6,  16.  257  f. 
name  6,  257 
herzen,  neun  2,  540 
Hessen,  blinde  6,  254 
Hetan  2,  2 
Hetanwolf  2,  2 
Heltel  2,  2 

heunischer  wein  6,  267 
hexameter,  deutschlateinische 

5,  413 
hi  5,  219 
Hialprekr  6,  439 
Hiarrandi  2,  4 

Hildburg  in  der  klage  3,  203 
Hildebrand  in  der  klage  3,  200 
Hildebrandslied  3,  447 
Hildegard,  die  heilige   6,  334 
Himberc  4,  284 
himmel  und  gaume  6,  541 
himmel  und  hölle  ahd.   3,   443 
himmelgraf  6,  151 
hiol  5,  223 
hiom  5,  218 
hiön  5,  219 
Hippocras  6,  275 
Hirschstein  zerstört  6.  60 
Hithinsö  2,  3 
hiuue  5,  213 
Hiuteger  1,  7 
hiuze  5,  214 
hliuma  6,  5 
hliumunt  6,  5 
hlojan  6,  434 
hlosen  6,  5 
Hlud-  6,  433 
hlust  6,  5 

hobel  4,  19.    5,  178 
36 


562 


REGISTER. 


höcJigemuol  1,  198 
hochzeitgebräuche,    slavische 

6,  462 
hodma  5,  219 
Hohenstein  4,  319 
hol  5,  224 
hol!  5,  224 
höll  3,  403 
von  Holle  Berlold  1 ,  57.  2,  1 76. 

5,368 
holmr  5,  223 
Hood,  Robin  5,  480  ff. 
Hooden  5,  476 
hoppaldei  6,  81 
Horant  2,  4 
beeren  6,  4 

,  aufhören  5,  150 
bornunc  4,  361 
hornval  6,  416 
hosa  6,  297 

boubit,  Caput  aquac  6,  3 
hovel   5,  220 
hovelanzsanc  3,  220 
brcna  6,  6 
brina  6,  7 
hrinan  6,j6.  7 
hruf  6,  326 
bruoran  6,  7 
hüba  5,  219 
bübel  6,  325 
hübe  6,  325 

Hüc  von  Teneniarko  6.  440 
hüdb  5,  218 
biifa  5,  219 
huffo  6,  325 
hülr  5,  219 

Hugas  im  BeovuU  6,  437 
Hugdictericii  6,  441  f. 
Hugleikr  5,  10 


Hugo  de  S.  Victore  2,  7 

Ripilinus  4,  573 
Hugones  nr  Franci  6,  437 
huhn,  zerbrechen  wie  ein  4,382 
buif  5,  220 
Huiglaucus  5.  10 
huni  5,  219 
hünia  5.  219 
bümr  5,  218 
bumra  5.  218 
bini  5,  214 

hunde  mythologisch  6,  131 
hiinisc  drübo  6.  267 
hüs^re  6.  387 
hvalr  5,  224 
bvel  5,  224 
bver  5,  226 
hvilban  5,  224 
bvimbra  5,  218 
bvippr  5,  218 
bwisbalön  5.  219 
hvisl  5,  219 
hvoli  5,  224 
hydhi  5,  218 
Hygd  6,  443 
Hygeläc  5,  10 
hyma   5,  219 
hyr  5,  226 
byra  5,  226 
iavoi  5,  228 
Ibser  fcld  4.  263 
i^ijdh  5,  233 
ibrzen  4,  175 
Ilgi   1,  150 
Indras  5.  485  ff. 
~ipeq  5,  223 
iniseffan  6,  6 
lonakr  3,  151 
irch  4,  94 


REGISTER. 


563 


Iring  in  der  klage   3,  202 

irqiiepan  5,  239  1". 

Irrcfogelc   1,  428 

k  5,  223 

Isiocon  2,  534 

isope  6,  331 

italiäu.    liebeszauber    6,  299 

itwaege  5,  173 

iumjö  5,  217 

iusila  5,  228 

Iwein  hs.  2,  187 

Jäger,  wilder  s.   Hackelberg 

jahrsgang  4,  508 

Jeucz,  Job.  2,  362 

Jerusalem,  d.  hinimliscbe  2,227 

jesen  4,  261 

Johann  von  Freiberg,    summe 
3,  438 
Mandeville3,439 
Würzburg  1,  214 

Jornandes  6,  458 

Judith  2,  225 

von  Jülich  Gerhard  3,  11 

Jungfern,  weifse  4,  392 

jüngster  tag  1,117.  3,523 

Juppiter  2,  234 

kaf  5,  240 

käfermäfsig  5,  230 

kafi  5,  229 

kafna  5,  230 

Kaiomorts   6,  19 

kaiserchronik  2,223.   4,431 

kamele  in  Toscana  1,  394 

XttjWTTTCÜ     6,    12 

Kafinvlog  6,  12 

von  Kapellen  Ulrich  4,  270.275 

yianvög  5,  230 

KÜnvg  5,  230 

xunvbi  5,  230 


kara  5,  229 
Karadie  Karadin  1,  8 
Karajans  Sprachdenkmale  G,  1 92 
kari  5,  229 

Karl  der  gr.  in  Spanien   1 ,  97 
leben,     dänisch 
5,  412 
liedersamml.  6,435 
der  vierte,    summa    can- 
cellariae  6,  27 
kärna  5,  229 
karra   5,  229 

von   Katzenellenbogen    Eber- 
hart 3,  17.    6,  25 
von  Katzenfurt  Heinrich  6,  21 
kauderwälsch  4,  578 
kaudhi  5,  222 
Kaukie  1,  150 
kaur  5,  229 
kaura  5,  229 
kelja  5,  229.  240 
xiy.a(f)ri(j)g  5,  230 
keltisches   in  Belgien  4,  567 
zur  deutschen  ety- 
Oiologie    3,    224. 
5,  509  ff. 
zur  deutsch,  gram- 
matik    3,    182  If. 
531  ff. 
V.  Kemenaten  Albrecht  6,520ff. 
kepa  5,  234 
kerren  6,  486 
kerze  syrabol  6,  282 
keverbiunt  4,  252 
keyf  5,  229 
keyfa  5,  229 
kiesen  6,  3.  6 

kiesen  theilen  wählen  2,  547. 
6,  316 

36* 


564 


REGISTER. 


Kiosa  6,  316 

kipperwin  6.  267 

Kirbixlu   K  150 

von  liiereiiburg  Dietrich  3,  24 

kirioha  6-  409 

Kirnis  1,  150 

kiusan  6,  6 

klar  5,  235 

klächel  5,  237 

kläcka  5,  236 

klagbauni  4,  255 

klage  4,  192 

Verhältnis  zu  den  Nibelun- 
gen 3.  19311". 
klak  5.  235 
klaka  5,  235 
klaklaus  5,  237 
klaklos  5,  237 
Klanials   1,  150 
klaniirre  5,  471 
kicck  5.  237 
klecken  5,  23.")  1'. 
klecks  5,  237 
kleid  6.  297 

kleider  jreundesuahcn  3.  'lOO 
kleka  5,  235 
klekan  5,  235 
klekja  5.  236 
klofki  5,  237 
kloekiskapr  5.  237 
kloekr   5,  237 
yj.vfii    6,  5 
knugcl  6.  326 
koch  4.  362 
kochbuch'5,  1 1  H'. 
koefa  5.  230 
Kolnias  3.  383 

von  Kolocza  bischof  Johannes 
4,  283 


■Ao).ÖKrf.w.  5,  224 
m}.öy.vi'Ou  5,  224 
Koltki  1,  150 
•AOf.o'ivr,   5,  224 

königin   von  Frankreich,    ge- 
dieht 3,  434 
Konrad  von  Fufsesbrunnen  3. 

278.  304 
Megenberg  3,  437 
Wintersteten      1, 

194  ff.  3,  435 
Würzburg  2,  370. 

380.    3,  534.   4, 

400.    555.    573. 

6,141.153.193. 

399 
köpa  3,  393 

kosmogonie,  alllViesische  1 ,   \ 
kränier.  der  geistliche  3, 437 
Kranich.   Siegfr.   6.  25 
Kremata    1,  150 
Kreuzenstein  4,  271 
kreuzzüge.  gesch.  der  3.  434 
kriechen  5,  230 
Krienihill  in  der  klage  3.  193  ff. 
Krikslhos  1,  150 
kristen  6,  487 
der  von  Kronenberg  4.  497 
von  Kronenberg  Wilhelm  3.  24 
krosel  6.  325 
krospel  6.  325 
Krukis  1.  150 
krnselin  6.  330 
krussbein  6.  325 
küchen  5.  230 
kuffe  5,  220 
kuflkulr  5.  220 
kiiga  5,  220 
kuh,  schwarze  4,  504 


REGISTER. 


565 


kühn  6,  543 

kuif,    I,  137.   5,  220 

küle  6,  486 

kumpf  4,  357 

kiinigel  6,  333 

kunst  3,  391 

Kuonrinc    4,  245.  271.   276. 

280.  281 
kuppe  1,  137.   5,  220 
küra  5,  229 
kurfa  5,  229 
kurr  5,  229 
kurra  5,  229 
kurur  5,  229 
Kurwaiczin   1,  150 
Kurzibold  3,  188 
kvatna  5,  230 
kvefja  5,  230 
kvi  5,  230 
•xvxkog  5,  224 
xv^fuxi^   6,  410  f. 
kyrd  5,  229 
kyrr  5,  229 
xMq)ög  6,  12 
La  4,  265.  281 
lam  6,  14 

langobardisches  vvörleib.  1,548 
lanne  5,  163 
laut  5,  216 
Laren  6,  129 

von  Larheim  31arkolf  3,  24 
Lasdoua  1,  150 
Lasicz   1,  137 

lateinische  gedichte  5,  464  fF. 
Lauber,  Diebold  3,  191 
laune  6,  143  f. 
Laurenburg  3,  24 
Laurin,  gedieht  5.  371 
lauschen  6.  5 


Lawkpatimus   1,  150 

leben,  vom  vollkommenen3, 437 

lebensalter  5,  508 

lebenslicht  6,  280 

leche  4,  85 

lecke  5,  94 

leich  6,  91 

niederrheinischer  3,  218 
leichen  5,  171 

von  Leiningen  Emicho  6,  23 
leithu  6,  269 
von  Leugenbach  der  donivogt 

4,  276 
von  Lengeubaeh  Friedrich  4, 

270.  275 
Leonbach  4,  318 
de  Leone  Michael  3,  441 
S.  Leonhard  im  Forst  4,  274 
Leopold  VI  v.  Österreich  4,  277 
lerahhä  5,  14 
lesen  1 ,  42  ff. 
leumund  6,  5 

Leupold  V.  Bebenburg  3,  442 
liana  1,  1 
licheraede  6,  298 
lidhr  6,  269 
liebeslied  5,  418 
liedersammlungen  s.  strophen- 

anfänge 
Liehtenwert  4,  272 
Ligiczus  1,  150 
lihhamo  6,  298 
lihtsenfte  3,  376 
Lilienfeld  4,  259 
Lilienporte  6,  449 
von  Lindauen  Siegfried  3,  24 
liodhahattr  3,  94 
lit  6,  269  f. 
lith  6,  269 


566 


REGISTER. 


Liubenbach  4,  318 

Liudiger  v.  Frankreich  in  der 

klage  3,  203 
liumenl  6,  5 
16  6,  328 
Loki  3,  225 
losen  6,  5 
loterpfaffen  2,  68 
lovinke  5,  14 
liichlemännchen  4,  394 
liiderer  und  minner,  gedieht  5, 

370 
Ludgasl,     Helferichs      bruder 

6,  439 
ludröni  6,  544 
Lüesnitz  4,  254.  264 
iiigenmärchen  2,  560 
Luibegeldas  1,  150 
Luna,   Stadt  1 ,  395  (f. 
lüne  6,  143  f. 
luoc  6,  4 
luogcn  6,  4 
luterlranc  6,  277  f. 
Machland  4,  264 
niadal  2,  559 
Madoc  4,  565 
mahal  2,  559 
mal  2,  559 
nialbergische  glossen   2,   158. 

297.  500.  572 
malbole  1,  206 
inalcrkunst  zur  zeit  Karls  des 

vierten  6,  28.  30 
Mamurius  5,  492 
mancus  6,  14 
Mandeville  3,  439 
Manen  6,  129 
inanicslahl  5,  117 
Mannus  6,  19  f. 


mantel  6,  298 

Marcheck  4,  265 

von  Marcheck  Konrad   4,7282 

märchen   1,202.   2,358.481. 

3,  35.  292 
Marcopollus   1,  150 
3Iargareta,  gedieht    J,  150 
Margareta  maultasch  6,  27  f. 
31argreten,  dorf  4,  274 
Älarien  himnielfahrt  5,  515 
Marien  klage  3,  479 
3Iarienleben  5,  371 
Marienlegenden  2,  9 
Marienieich  ausArnsteiu  2,193 
Marienlieder  2,  226.   3,  130. 

5,  419.   6,  478 
marul  5,  488 
Märutas  5,  488 
Mars  5,  491 
Massidam  1,  11 
Mateläne  2,  3 
Matergabia  1,  150 
nialhl  2,  559 
von  Mayle  Konrad   3,  25 
racerfahrl   Wiener  5,  243 
von  Megenbcrg  Konrad  3,  437 
Megrani   1,  10 
von  iMeissau  Otto  4,  280 

Stephan  4,  270 
mcisler,     die    sieben    weisen 
3,  438 
zwölf  zu  Paris  4,  496 
Melanthon  2,  260 
nielda  6,  331 
Meleager  6,  280 
Meraner  stadtrechl  6,  413 
von  Merenberg  ritter  6,  22 
Merovech  6,  430  f. 
Meroving  6,  431 


REGISTER. 


567 


ineroviugischc    slainmsage    G, 

431 
Merseburger  gcdiclile  2,  188 
Merliiisdorf  4,  274 
Mervve  G,  433 
Meschia  u.  Meschiaue  6,  19 
messgebräuche  I,  270 
niete  6,  261 
nieth  6,  261  ff. 
Metz  s.  Walther 
Michael  de  Leone  3,  441 
Miechulele  1,  150 
von  Milvesheim  Wilh.  6,  25 
miunewurz  6,  331 
minoritenregel  5,  461 
minza  6,  332 
raisencar  4,  10.  187 
Modeina  1,  150 
Modir  1,  21 
moldthinur  6,  317 
des  mönches  uoth,  luhd.  gedieht 

5,  425 
niond  als  rad  6,  143 
Monefonsus  6,  539 
von  Monfort  Kuno  6,  25 
raoratum  6,  272  f. 
niöraz  6,  273 
mordsühnen  6,  21 
mörkrüt  6,  332 
vonÄIorungen  Heinrich  4,  246 
Mosis  bücher  2,  225 
most  6,  271  f. 
inühle  mythisch  6,  135 
mühh-adsprache  4,  511 
munjafuns  6,  539 
muosen  5,  93 
muotvagen  5,  103 
Murraue  4,  386  ff. 
müschen  4,  361 


mus|)illi  3,  226 

gedieht  3,  452 
niutus  6,  13 
mythologisches  1,  1.  95.  137. 

577.578.  2,188.231.252. 

257.  535.  3,  43.  151.224. 

358.447.   4,385.500.508. 

5,  1.  69.  72.  472.  494.    6, 

15ff.  59 ff.  117 ff.  191 
name,  mannes  n.  u.  dgl.  6,  299 
namen  auf  -chari,    -hari,    -ar 

3,  139 
nasecros  6,  325 
von  Nafsau  Adolf  3, 2  ff*.  6, 25 

Robert  3,  18 
nastahit  nastait  4,  472 
nebo  6,  541 
negrepies  1,  10 
aehrung  6,  460 
Neidhart  4,321  6,  69 ff. 
ncorxu  6,  461 
nerüngr  6,  460 
Nibelunge  1,111.  2,  544.  4, 
216.  247. 579 
sage   in   der  klage 

3,  193  ff. 
Nibelunges  hört  6,  134 
nickelmann  5,  378 
Nicolaus  von  Wyle  5,  76 
niederdeutsch,   grammatische 

bemerkungen  3,  53 
niederdeutsche    gedichte    5, 
404  ff. 
Urkunden  3,  226 
niederländ.  reimsprüche  6, 161 
niederrheinischer  ieich  3,  218 
Niemiec  6,  13 
Niördhr  6,  460 
niörun  6,  461 


568 


REGISTER. 


Nitiger  in  der  klage  3,  203 

iiiiiklahs  5,  236 

niimlierzic  2,  541 

Njördlir  3,  49.  226 

nobiskrug  4,  388 

nordhr  6,  460 

Normanfe  Ormanie  3,  187 

Norn  6,  461 

Nornagestssage  6,  280 

Noydekin   1,  228 

Nuleidimas  1,  150 

Numeias  1,  150 

von  Nuveren  ritter  6.  2 1 

nyklakinn  5,  236 

Occopirnus  1.  150 

ochse  2,  559 

oeden  5,  177 

Odhinn  3,  224.   6,  18 

6di  5,  214 

oft-  3,  147 

o'idpov  5,  233 

oivn  5,  233 

ohog  5,  223 

ol,  öl  6,  261 

öl  5,  223 

oldemoder   1 .  24 

oldevader   1 ,  24 

olog  5,  222 

'6)m).u  5,  222 

Ott  3,  144 

Opici  2,  559 

ops  2,  559 

ora  6,  4 

noüi/  6,  5 

örcros  6.  325 

Orendel,  gedieht   1.  117 

Ormanie  3,  187 

ofjog  5,  227 

Orlhus   1,  150 


Orllanl  2,  5 

örtliche  appellativa  2,  191 

Ortlieb  in  der  klage  3,  198 

Ortsnamen  als  personennamen 
5,  14 

Ortwin  von  Metz  6,  440 

örvesi  5,  228 

6s  5,  228 

osan  6,  4 

Osantrix  6,  446 

Osening  3,  219 

Oserich  6,  446 

6.st   5,  228 

oslercyclus  2,  570 

osterlicd   1.  546 

Österreich 

handel  4,  261  t. 
landschreiber  4.  267 
landtage  4,  258 

osterspiegel  2,  302 

öslerwin  6,  267 

Ostrogota  6,  458 

S.   Oswald  2,  92 

Otackorkönigv. Böhmen  4,573 

Otackers  chronik  3.278.279. 
4.  262.  336. 

Ötscher  4,  276 

Otto  von  Freisingen  2,  223 
Pafsan  5,  371 

ovQuvog  6,   541 

op^of  5,  227 

ouse  5,  228 

Ouse  5,  228 

ousy  5,  228 

overaldervader  1 ,  26 

overancho   1,  22 

overano  1,  22 

owze  5,  228 

Ozinek   1,  150 


REGISTER. 


561) 


palatuin  (5,  542 

Fanlaleon  6,  193 

papst  6,  409 

Pargni   1,  150 

Pargunas  1,  150 

Pariser  hohe  schule  4,  496 

Parzival,  Chronologie  6,  465 

pasquill  auf  den  prolest,  krieg 

6,  538 
V.  Palsau  Otto  s.  Otto 
passionspiel,  Alsfelder  3,  477 
patzeide  6,  416 
Paulus  bekehrung  3,  519 
Paulus  diaconus   5,  1 
Peilstein  grafschaft  4,  274  ft'. 
Percunos  1,  150 
Pergrubrius  1,  150 
Perlevenu   1,  150 
Pernhetan  2,  2 
Pesseias  1,  150 
Petrarca  6,  28.  30 
Petrus  wandernd  2,  266 
=  Wodan  6,  132 
Petrus  Alphonsi  1,  407.  422 
pfaffo  6,  408 
pfahtsniden  2,  81 
pfefferkrut  6,  331 
pfeit  6,  297 
herr  pfenning  6,  301 
pfnehen  5,  83 
pfnurren  5,  83 
pfuchähni   1,  23 
pCundloch  6,  329 
Phälguna  5,  486 
Philipps  3Iarienleben  5,   17 
Phnurro  5,  83 
Phol  2,  252.  5,  69 
Pholesauwa  2,  253 
Pholesbrunno  2,  253 


Phulsborn  2,  252 

pigment  6,  273  f. 

Pilatus,   lat.  gedieht  5,  293 

von  Pilchdorf  Konrad  4,  272 

Pilgerini  von  Pal'sau  3,  196 

Pilstein  s.  Peilstein 

Pilvitus   1,  150 

Piuchrich  4,  265 

Pizio   1,  150 

plischel  4,  229 

ploughmonday  5,  484 

Pocolhis   1,  150 

Polengabia  1,  150 

S.  Polten,  tuch  daher  4,  252 

Pölting^re   4,  252.  281 

Potrympus   1,  150 

Pottendorf  4,  274 

prangen  4,  29 

Präteritum    in    Sprichwörtern 

6,  287 
predigten  1,285.  2,227.350. 

5,  421 
presse  5,  103 
Prigirstitis  1,  150 
Primas  4,  573 
Priparscis  1,  150 
Priuzel  4,  282 
procession  zu  Zerbst  2,  276 

7T(jOf.lUl<lltj     1,    25 

pronominalsuflix  .y  im  altnord. 

6,  315 
nfjoTTUTirtog   1,  25 
prosaromau  von  der  tafeirunde 

3,  435 
provenzalische  diätetik  5,  16 
proverbia  Salomonis  3,  128 
psalmenübersetzungen  2,  236. 

3,  443 
Pulka  4,  253 


570 


REGISTER. 


der  Püller  6,  398 

l)untlocli  6,  329 

punze  4,  128 

Püterich    von  Reicherzhausen 

5,  75  f. 
Püterichs  von  Reicherzhausen 

ehrenhrief  6,  31  ff. 
Pulscelus  1,  151 
Pyraraus  und  Thisbe  6,  504 
qvaf  5,  240 
quahtila  6,  333 
quairrei  5,  229 
quarta  5,  229 
quave  5,  230 
quef  5,  230 
queifr  5,  220 
queo  5,  220 
queran  5,  229 
quiba  5,  240 
von      Rabenswahl     Berchtohl 

4,  267 
rad    hihi    der   sonne    und   des 

mondes  6,  143 
rad  des  j^Iückes  0,  13411". 
RadiboU,  lied  6,  5911'. 
Ragaina  1,  150 
Ragz  4,  250 

von  Randeck  Dietrich  3,  19 
Eberhard  0,  25 
Randolt  im  Riterolf  G,  453 
rappo  G,  329 
Ralainicza    1,  150 
räthsel  3,  25.  3951. 
der  riiuber,  mild,  gedichl  5,431 
raugraf  Georg  3,  22 
Rauguzomapatis  1,  150 
Raumeland  6,  284 
rebeslichil  6,  333 
Recaranus  6,  128 


rechtsbücher  5,  461 

reduplication  3,  531 

regimen  sanitatis  2,  8 

Regner  Lodbrog  3,  46 

Regnilde  3,  48 

Reichersdorf  4,  282 

reie  G,  79  ff. 

Reinardus,  gedieht  6,  286 

Reinmar  von  Zweier  6,  137 

Rekicziovus  1,  150 

Remisol  6,  540 

Renner  4,512.  5,  371 .  G,  495 

Rhein  verbrannt  6,  501 

von  Rheiusberg  Johann  3,  24 

Rheinfranken     in    der    klage 

3,  193 
Rheinwein  6,  265 
rhetorik,  s.  gallische  4,  463 
riechen  7,  6 

Rienolt  im  Biterolf  6,  453 
riesen  4,  392.  502 ff. 
Rimisauil  6,  540 
rinan  6,  7 

rinder,  mythologisch  6,  432 
ring,  kugel  6,  147 
ringe  von  glas  6,  306 
Ripilinus,  Hugo  4,  573 
von  Rispach  Heinrich  6,  188 
risl.  ristc  6,  325 
Riuze,  sprichwörtlich  4,  381 
rogzajre  4,  218 
rohen  5,  1 17 

Rolandslied  3,  281.  4,  123 
Rom  und  der  plenning  6,  301 
roman  de  Roncevaux  6,  288 
Rosengarten,  gedieht  5,  369- 

371 
rotel  6,  333 
Rotenstein  4,  270.  273 


REGISTER. 


571 


Rolher  6,  446  ir. 

roudil  6,  333 

rozeii  5,  181 

riiaba  6,  150 

ruc  4,  22 

Rüdiger  in  der  klage  3,  201  f. 

graf  Rudolf  2,  235 

Rudolf  von  Ems  1,199  ff.  209. 

3,  275.  446 
Habsburg 

hof    zn    Nürnberg 

4,  278 

in  Österreich  4,266. 

279 
königswahl  4,  278 
landfriede  4,  254 
Urkunde  6,  23 

rüeren  6,  7 

der  rügen  buch  2,  6 

ruh  6,  333 

rühren  6,  7 

Rümelant  6,  284 

Rumolt  in  der  klage  3,  194 

runga  6,  326 

ruoch  6,  333 

Ruodlieb  1,  401 

ruova  6,  150 

Ruprecht  vom  kreuzz.    Gott- 
frieds V.  Bouillon  3,  440 

knechl  Ruprecht  ä,  473 

Rufse  sprichwörtlich  4,  381 

Ruz  4,  381 

Saale  5,  511 

Sabene  6,  453.  457  ff. 

H.  Sachs  2,  257 

Sachse,  wilder  4,336.  6,254. 
523 

Sachsendorf,  der  von   1 ,  240 

safjan  6,  6 


Safrags  6,  539 

Sahse  6,  15  f. 

Salaura  3,  186 

Salaus   1,  150 

Swldcn  tor  2,  535 

salisches   gesetzbuch   2,   158. 

297.  500 
Salomo  2,  225 
Salomonis  proverbia   3,  128 
von  Salza  Haug  3, 275.  4,  395 
samogitische  götter  1,  137 
sanitatis  regiraen  2,  8 
sapere  6,  6 
Saramä  6,  119  ff. 
Sarameyas  6,  125  ff. 
sarg  6,  297 
Safs,  berg  4,  265 
säur  5,  227 

schachzabel  sprichwörtl.  6,  495 
schaggün  2,  59 
schaudern   5,  222 
schauen  6,  3 

Schauspiele  2,  264.  276.  302. 
schefde  6,  328 
Scheiben,  spiel  6,   147 
schenk,  schenken  6,  191 
Schetsch  4,  265 
schiben,  spiel  6,  147 
schiez   5,  95 
Schilles  6,  449 
Schiltunc   1,  7 
schitere  5,  172 
schlaudern  5,  222 
Schlauraffe  2,  564 
Schlesier  eselfrefser  6,  254 
schmecken,  6,  7 
schocke  4,  307 
V.  Schönebeck  Brun  3,  525 
V.  Schonenbere  Friedrich  6,  25 


572 


REGISTER. 


schoenez  brot  5,  13 

schottische  Überlieferung  deut- 
scher stamnisage  2,  533 

schrsejeu  6,  291 

Schreiber,  der  tugendh.  6,  186 

schretel  und  wafserbär  6,  174 

schriben  6,  150 

Schüler,   gedieht  5,  370 

schulterblattschau  6,  536 

Schwaben,  charakter  6,  259- 
name  6,  260.  die  sieben 
6,  258 

schwäbischer  adel  am  hofe 
Albr.  I  V.  Österreich  4,  253 

schwedische  volkssagen  4,  500 

Schwerter,  zwölf  2,  540 

scire  6,  2 

scoplii  ludus  2,  263 

Scräwunc   6,  290 

Seafola  6,  458 

seejungfern  5,  378 

segensformeln  3,  41.  358.  4, 
390.  576.  5,380.  6,  299.  487 

de  Segheler,    nd.   ged.   5.  405 

sehen  6,  I 

Seifrieds  Alexander  4,  248 

Seifried  Helbling  s.  Helbling 

seil  bei  landcstheilung    2,  545 

Semernic  4,  281 

Semnones  6,  260 

seotu  2,  5 

Servati  US  5,  75  tt". 

sestsere  6,  329 

der  Setzer,  Dietmar  6,  399 

seyrma  5,  227 

siaza  2,  5 

Sibika   1,  572 

Sibini  6,  260 

Sicco   ! ,  3 


sicera  6,  270 
Sidzius   1,  150 
Siegfried  3,  43 

in  der  klage  3,  195i 
siegring  3,  42 
siegstein  3,  42 
sife  6,  487 
Sigar  3,  44 

Sigeher  in  der  klage  3.  203 
Sigelinl  in  der  klage  3,  203 
Sigenot,  gedieht  5,  245.  526  ff. 
Sigeo   1,  3 
Sigeram  1,  11 

Sigestap  in  der  klage  3,  200 
Siginiwi    1,  4 
Signy  1 ,  4 
Sigurdhr  1,  4 
Sikies  1,  150 
Siliniczus  1,  150 
silpnas  6,  12 
sim  4,  222 
Simonaitis   1.  150 
sinder   1,  6 

Sindolt  in  der  klage   3,  194 
SinfKitli    1,  4.  6 
sinne,   lexicologisch  6.  1 
sinopel  6,  276 
Sintarlizilo   1,  2 
Sinthgund  2,  190 
Sintleoz  2,  254 
Sintram  6,  158(1". 

in  der  klage  3,  203 
sioli  5,  226 
sioza  2,  5 

aiTTUA.O'i    6,    1 1 

Sirene  6,  153 

Siriczus   1.  151 

von  Sitzenberge  Konrad  4,  282 

siuks  5,  214 


REGISTER. 


573 


siuthan  5,  215 

aiqlo^  6,  1 1 

Skadhi  1 ,  3 

Skierstuwes  1 ,  1 50 

slepy  6,  12 

sljep  G,  12 

Sliuiiz  4,  245.  280 

Slüch  4,  335 

Smaragdus   1,  388  ff. 

smeckeii  6,  7 

sniele  5,  471 

smergela  6,  332 

Smik  1,  150 

snioc  4,  32 

snapdragon  5,  484 

snegelle  6,  291 

siiuz  6,  325 

sofou  5,  220 

söhn,  der  verlorene,  niederd. 

gedieht  5,  404 
solidiis  5,  226 
sollr  5,  226 
solum  5,  226 
somraerfeier  6,  75  f. 
soramerlieder  6,  79  ff. 
sonne  als  rad  6,  143 
söpa  5,  221 
sordidus  5,  227 
sori  5,  227 
Sörli  3,  151 
spähe  5,  95 

von  Spanheim  Johann  3,  1 1 
spargolzen  4,  323 
specus  6,  4 
Spehthart  4,  323 
speideln  5,  240 
speisen  5,  11  ff. 
speit  spelte  6,  327 
der  Sperber,  nilid.  gedieht  5,424 


Spessart  4,  321 

Spiegel  der  gottheit  3,  441 ! 

Vollkommenheit   3, 
439 
spiele  2,  59 
Spinnrad  6,  135 
Spottnamen  der  völker  6,  254 
Sprichwörter    3,   128.    388  ff. 
6,290.  294.  304.  306  f. 
in  der  Edda  6,316 
Sprüche,  lateinische  6,  304 
sruba  6,  329 
Srutis  1,  150 
Slam  6,  13 
stama  6,  13 

der  von  Stamheim  6,  398 
stammalon  6,  13 
Stamms  6,  13 
stammsage  der  Deutschen   2, 

533.  6,  15  ff. 
stamr  6,  13 
Starhenberg,     Starkenberg 

4,  284 
von  Steinach  Rudolf  1 ,  1 99 
steinvarn  6,  331 
ster  getreidemafs  6,  423 
stichelinc  5,  14 
stier,  mythologisch  6.  432 

,  schwarzer  4,  504 
Stierkopf  in  Childerichs   grab 

6,  434 
stigqvan  6,  6 
stinkähni  1,  23 
stinken  6,  6 
stöckva  6,  6 
stöle  5,  68.  171 
storro  6,  327 
von    Strafsburg    Gottfried    s. 

Gottfried 


574 


REGISTER. 


Strein,  Richard  1, 3 15f.  2,199. 
4,  248 

der  Stricker  1,393.  3,432. 

Strophen,  eingangstrophen  der 
minnelieder   6,  77  f. 

strophenaufänge  d.  liederhss.  in 
Heidelberg  3,  308 
Leipzig  3,  356 
Würzburg  3,  345 

Strophenbau   der  minnesäuger 
6,  83  ff.  112  f. 

stüden  4,  71 

stum  6,  13 

stumr  6,  13 

stumra  6,  13 

stupa  6,  329 

suah  6,  5 

sudda  5,  215 

sudor  5,  233 

sueh  6,  5 

suehhado  6,  5 

suehhan  6,  5 

suehhar  6,  5 

suclan  5,  225 

sueUan  5,  226 

suelli  5,  226 

suero  5,  227 

Suevi,   name  6,  260 

sufan  5,  220 

suidan  5,  215 

suil,  suild  5,  226 

suilizon  5,  225 

sül  5,  225 

süla  5,  225 

sum  1,  579 

sumelich  1,  579 

sümic  5,  216 

sumjau  5,  216 
sumlh  3,  147 


von  Sunberg  ritter  4,  271 

sund  3,  147 

supön  5,  220 

sur  5,  227 

surdus  6,  13 

Surtr  6,  317 

Suso,  buchd.  e\\.  weish.  3,  440 

susurrus  5,  219 

sväc  6,  5 

svadhol  5,  216.  225 

svak  6,  5 

svaka  6,  5 

svaela  5,  225 

svalir  5,  225 

sväpan  5,  221 

svarra  5,  219 

svart  5,  227 

Svasi  5,  219 

Svävfee  6,  20 

sveipa  5,  221 

sveipr  5,  221 

svella  5,  226 

sverrir  5,  219 

svidha,  svidha  5,  215 

svil  5,  226 

sviman  5,  216 

svipa,  svipa  5,  221 

svipan  5,  221 

svipr  5,  221 

svipta  5,  221 

svoli  5,  225 

swadem  5,  215 

Swanevelt  4,  261 

swecher  6,  5 

sweUa  6,  328 

Swenimelin  in  der  klage  3,  204 

swemnien  3,  274 

syla  5,:  226 

sylla  5,  226 


REGISTER. 


575 


sylle  5,  22G 

syrioltr  5,  227 

Syrilha  3,  52 

syrja  5,  227 

Syvard  3,  44 

Szlolrazis  1,  150 

Tacilus  Germania  5,77.  G,15fF. 

lafelrunde,  prosaroman  3,  435 

laka  6,  7 

Tanhausers  hofzucht  G,  488 

tastare  6,  7 

tasten  6,  7 

Taswirzis  1,  150 

täter  6,  7 

taube,  eigenschaften  1,155.280 

von  Taufers  Hang;  4,258.  2G8. 

273 
tavjan  5,  222 
Tawals  1,  150 
Tebein  5,  244 
tehtier  G,  8 
teinn  6,  317 
leite   1,  25 
Teiteberg  1,  2G 
tßkan  G,  7 

von  Telesbrunn  ßernold  4, 272 
Tengelinj;en  G,  450 
TfTvi.ißo}i^tf'i'og  1,  25 
teythi  5,  222 
th,  f,  h  2,  555 
Thebein  5,  244 
theilenu.  wählen  2,542.0,316 
Theodorich,  austras.    6,  436. 

442  ff. 
Theodorichs  grabmal  1,373  ff. 
Theophilus,  niederd.   5,  405 
{^(ög  2,  232 
Ihicgan  G,  7 
thiersage  3,  186 


thiggean  6,  7 

thiggja  6,  7 

thinur  G,  317 

thiodan  3,  392 

Thoinasin  von  Zirclaerc  2,  45. 

3,192.  5,  241  f.  6,292 
thor  des  glückes  2,  535 
Thorr  3,  224 
threifa  6,  7 

Tiernstein  4,  245.  280 
Tiklis  1,  150 
timpen  tampen  5,  500  ff. 
tinnekleider  1,  11 
tip-  1,  24 
tir  3,  413 

tisch  der  band  3,  271 
Tilurel,  jüngerer  5,  494  ff. 
todtenreich  in  Britannien  6,191 
tofwurz  G,  331 
tolde  5,  225 
topf  6,  330 
tornoise  1,  93 
tos  5,  222 
Totila  6,  540 
tolo  1,  25 
toum  6,  5 
toup  G,  12 
Tragemunt  3,  25.  30 
Tratitas  1,  150 
Traugemunt  3,  25 
V .  Trautmannsdorf,  ritter  4,273 
trauung  2,  548 
Travellers  song  6,  436  f.  453. 

458 
Trebensö  4,  265.  275 
trefan  6,  7. 
Treisenmauer    in    der    klage 

3,214 
Trierer  wein  6,  264 


576 


REGISTER. 


trihtari  6,  329 

trinken,  mafs  0,  261 

trobar  6,  7 

Irolgast  5,  462 

der  von  Trostberj;  6. 

trouver  6,  7 

trovare  6,  7 

Trünvelt,  4,  265 

tschaugan  2,  59 

Tuisco  6,  19 

Tuiner  feld  4,  263 

lump  6,  12 

lunc  6,  330 

luofwre  4,  21 

Türlin  s.  Heinrich 

tütelen  5,  165 

tviden  5,  222 

Ividhig  5,  222 

Twerficos   1.  150 

Tybein  5,  244 

t\ja  5,  222 

f  jr  3,  225 

Tyrol  und  Fridebranl 

ncf/.ö,'  6,  1 1 

Überdon  5,  127.  182 

Ublanicza  1.  150 

Uboze  1,  150 

iietelgöz  1,  578 
ua  3,  147 
ülfheit  4,  53 
Ulfilas  I,  296  ff 
iilven  4,  53 
Umlaut  2,  268 
underslröu  4,  256 
ungahiuri  5,  226 
Ungarn  4,  2591".  266 
unhiuri  5,  226 
unhyre  5,  226 
unio  5,  233 


Uota  1,21 

Uote  in  der  klage  3,  193.   196 

lir,  ürig  5,  227 

urähni  1,  23 
398  urano   1,  22 

urere  5,  228 

urina  5,  227 

urri  5,  228 

usli  5,  228 

uvidus  5,  227 

Uzense  4,  254 

vach  5,  150 

Vada  2,  5 

Vadhi  2,  5 

vahsjan  5,  223 

vakr  5.  223 

Valas  6,  124 

Valentin  und  Nanielos   5.  404 

Välse   1.  3 

vanim  5.  217 

vammar  2,  517 

Vandalen  1,  384  ff. 
1.  7  vänzelin  2,  82 

vapor  5.  230 

vapul  5,  240 

var  5,  227 

vari  5,  228 

varkunn  5.  229 

varvel  4,  30 

vas  5,  228 

väse  5,  228 

vasl  5,  228 

vast  5,  228 

Ve  6,  18 

Vedelgcät    I.  577 

veig  5,  223 
veigr  5,  223 
veiia  5,  222 
vein  5,  223 


REGISTER. 


577 


von  Veldckc  Heinrich  5,  76 
Vcidcnz  3,  22 
veija  6,  316 
Velsberc  4,  281 
Velsiane  1,  10 
verändern  6,  484 
verarren  6,  414 
vergödendöl  4,  385 
Verlöbnis  2,  548 
verwäzen  6,  6 
vessi  5,  228 
Vetustis  1,  151 
-veus  6,  431 
vezzät  4,  266 
Vielona  1,  151 
vierdei  6,  329 
vig  5,  223 
vigi  5,  223 
vigr  5,  223 
vikan  5,  223 
vila  5,  222 
Vili  6,  18 
vilis  5,  222 
Vilkinus  6,  64.  446 
vilmögr  5,  222 
vilsa  5,  222 
Viltinus  6,  446 
vina  5,  223 
Vinepopei  6,  267 
vingerhuot  6,  327 
Virgunt  2,  558 
visela  6,  333 
Vissagistis  1,  151 
vitan  6,  2 
vizza  6,  327 
Vizze  4,  284 
vleitan  6,  4 
vlitan  6,  4 
vögelhochzeil  3,  37 
Z.  F.  D.  A.  VI. 


Volker  in  der  klage  3,  194 
Volkslieder  5,  417.  418 
volkssagen,  alteuglische  6, 532 
,  schwedische  4,500 
Volrat,  dichter  6,  497 
Völsüngr  1,  3 
:  Völuspä  6,  311  ff. 
vömin  5,  217 
vor  5,  229 
Vorauer    hs.    altd.     gedichte 

2,  223 
vorgugr  5,  227 
vorkunna  5,  229 
vos  5,  228 
vösundr  5,  228 
vrastmunt  4,  258 
vrideschilt  1,  162 
Vritras  5,  485  ff.  6,  124 
vüelen  6,  7 

Vulcanius,  Bonav.  1,  311  ff. 
vultus  6,  4 
vuolan  6,  7 
Wachouwe  4,  264 
wadel  4,  350 
Wado  6,  59  ff. 
wagehart  5,  96 
Wagram  4,  275 
wägrein  4,  275 
wählen  und   theilen     2,  542. 

6,  316 
wahtelsac  4,  578 
Waizganthos  1,  151 
wakhart  5,  95 
walbe  5,  92 

Walber  in  der  klage  3,  203 
walchart  5,  95 
der  Wald,  das  waldviertel  in 

Osterreich  4,  250 
in  den  wald  wünschen  2,  537 
37 


578 


REGISTER. 


Walgina  1,  151 
wälscher  gast  3,  192 
Wallher  u.  Hildegunde  2,  216. 

5,2 
von  Lengers  5,  4 
von  der  Vogelweide 

1,    33.    44  f.    237. 

2,537.4,361.368. 

578.5,381.  6,154. 

369.  390. 
von  Melz  1,  251 
Wallherus  archipoeta  5,  293 
waraba  5,  217 
wanibis  6,  328 

Wanderungen  der  götler  2,266 
Wankhusen  4,  319 
wanne  4,  30 
wapel  5,  240 
wära  5,  229 
warb  5,  41 
wäre  6,  333 
wäre,  sanies  5,  172 
w  aregen  gel  6,  333 
Warnung,  gedieht  1,438 
Warpulis  1,  151 
wasal  5,  229 
wal'sergalle  6,  291 
Wate  2,  5.  380.   6,  59  H". 
Wand  5,  373 
wazamo  6,  6 
wazan  6,  6 
wazen  6,  5  f. 
wcho  6,  333 
Weigersberg  4,  272 
wein  6,  262  ff. 

angemachter  6,  269 
cyprischer  6,  2671". 
fränkischer  6,  266 
srewärnifer  6,  272 


wein  gewürzter  6,  272 
heunischer  6,  267 
rheinischer  6,  265 
Trierer  6,  264 
ungerischer  6,  267 
wälscher   6,  267 
Zürcher  6,  267 

Weinbau,  spräche  6,  262 

weinhauszeichen  6,  531 

die  Weisen,  rilter  4,  245.  280 

Weissagungen,  friesische  3, 457 

ich  weiz,  forniel  3,  187 

wel  5,  224 

Weifen,  geschichte  5,  371 

Welisunc   1,  3 

Welt  als  person  6,  151  ff. 

wemseln  4,  276 

Wensciienborgh   1,  258 

Wenzels  Landfrieden  1,  428 

Werda're,  ritter  4,  271 

Wernher 

der  garleniere  4,  31 
vonElniendorf4,284 
v.om  Niederrhein  1, 
423.   6,  150 

welllauf  4,  260 

W^elzlarer  Urkunde  6,  21 

wheal  5,  224 

whecl  5,  224 

wicke  6,  332 

wicwcr  5,  173 

Widmanns  Faust  2,  262 

Wieland  2,  251 

Wiener  meerfahrt  5,243.  6,255 
örilichkeiten  4,  246. 
256.  257.  276.  282 

Wigalois  6,  141  f. 

wihlel  6,  320 

spiel  2,  60 


REGISTER. 


579 


VVikliart  in  der  klage  3,  200 
Wiknant  in  der  klage  3,  2(t0 
Wiilielm    von    Österreich    1, 

214 
Wilschiissel,  ritter  6,  23 
Wilzen  6,  450 
wiman  5,  218 
wimmern  5,  217 
Wimpel  5,  218 
win  5,  223 
windgelle  6,  291 
Windsbraut  6,  290 
von  Wingarten  Ertpho  6,  25 
Winiler  5,  1 
wintbra  5,  218 
winterlieder  6,  96 
Wintersteten  s.  Konrad 
wintwarp  5,  41 
wio  6,  333 
wipp-  5,  218 
VVirnt  v.  Gratenberg  6,  141  f. 

153  f. 
von  Wirtbach  Hermann  3,  24 
wirz   6,  330 
Wisara  5,  228 
Witege  2,  248 
Witervelt  4,  267 
Witra  4,  280 
Witfig  vom  Jordan  5,  5 
wizzen  6,  2 

ich  weiz,  formel  3,  187 
Wodan  5,  1.  472  ff. 
woldan  5,  494  ff. 
wolF  in  der  .schule  6,  285 
Wolfbrant  in  der  klage  3,  200 
Woll'dieterich  4,  401 
Wolfes  gele  6,  331 
Woll'hart  in  der  klage  3,  200 
Wolfliclan  2,  2 


Wolfram  v.  Eschenbach  1,  54. 

2,1.  4,246.396.  6,465. 
Wolfwin  in  der  klage  3,  200 
v.  Wolkersdorf,  ritter  4,  272 
Wülpensand  2,  4 
Wulpia  2,  4 
wultena  6,  331 
wuol  5,  96 
wuoman  5,  218 
Wuotilgöz  1,  577 
Wurschaitis  1,  151 
v.Würzburgs.  Johann.  Konrad 
V.  Wyle  Nicolaus  5,  76 
vdi'ov  5,  233 
Ymir  5,  217.  6,  17  f. 
yrja,  yrja  5,  227 
Ysa  5,  228 
Ysja  5,  228 
yvidhr  5,  227 
zachzig  1,  11 
zaudern  5,  222 
Zazinek  1,  151 
zeichen    des    jüngsten    tages 

1,  117.    3,  523 
zeidel  5,  510 
Zemiennik  1,  151 
Zemina  1,  151 
Zemopacii   1,  151 
Zerbster  chronik  3,  230 
zeter  5,  513 
Zfvg  2,  233. 
Zirclsere  5,  242 
Ziu  2,  231 

zorne,  grossusTuronensis  1, 92 
Zosis  1,  151 
zu   statt   des   zweiten    accus. 

1,  208 
zubeda  6,  328 
frau  Zucht  6,  464 
37* 


580  REGISTER. 

iür  Zucker  efsen  6,  294  Züricher  wein  6,  267 

züüu  5,  222  zwölften,    die    göttinnen    der 

Züricher  liildwerk   6,185  4,  385  ff. 


BERICHTIGUNGEN  UND  ZUSATZE  ZU3I 
SECHSTEN  BANDE. 

s.  18  s.  23  lies  verbindet       32,  2.  Herzogenburg         155,  1.  wagenden 
193,18.  papier/tir  pergament 

196  V.  30y.  sselden  gunde  und  eweclicher  fröude  dort.   Lackmann. 
205,  353.  lit  Lachm.         206,  400/.  richtiger  wohl  diu  touben  abgot 
208,  491.  Stic,  vergl.  Schmeller  3,  611  und  Liedersaal  1,  344  dar  zuo 
der  regen  was  so  die  daz  er  gesach   nibt   einen   stic  war  er  sich  solle 
keren.         214,685.  da        223,  1049.  233,  1391.  znome         234,  1454. 
geholfen  e  Lachm.  239,  1625.  generte  244,  1823.  sniächeit: 

das  andere  ist   niederdeutsch.    Lachm.  246,  1885.    dem 

253,2154.    der    ist   gebeizen    Kuonrät    — .     der  schlufs  ist  gefälscht. 
Lachm.  259,  9  v.  u.  mit  gleicher  lobpreisung         266,  2  v.  u.  bis 

handbreit  271,  II   gewürzen         274,8.  dennoch  274,  3   v.  u. 

nur  sie  betont]  also  mit  a,  claret,  nicht  bei  kurzem  vocal.  das  vor- 
hergehende mit  —  verlängernder  betonung  ist  falsch.  Lachm. 
283,  3.  die  seele  selbst,  290,  18.  ein  Sprichwort  braucht  man  nicht 
zu  erltlären.  dafs  ßove  int  ylvjaajj  bestechung  bedeute  ist  zum  behelf 
der  erklärung  ersonnen:  es  bedeutet  immer  ' es  ziemt  sich  nicht  zu 
sprechen.'    Lachm.  298,  17.  altchristlichen  303,  Ijf.    vergl. 

Jrright,    the    Latin   poems    communli/    attributed    to    Walter  Mapes 
s.  355,/.  378,  .333.  Da  wirt 


581 


INHALT. 

Seite 

Die  fiinf  sinne,    von  Jacob  Grimm 1 

Die  anthropogonie  der  Germanen,  von   Wh.  Wackernagel 15 

Zwei  mordsühnen  von  1285  und  1288,    von  Fr.  Böhmer 21 

Briefe  aus  dem  vierzehnten  Jahrhundert,  von  demselben 27 

Der  ehrenbrief  Jacob  Piiterichs  von  Reicherzhausen,  von  Th.  von 

Karajan 31 

Ritter  Radibolt,   von  demselben 59 

Wado,  von  Karl  MüUenhoff 62 

Ueber  Neidharts  höfische  dorfpoesie,    von  R.  von  Liliencron 69 

Zur  mythologie,  von  A.  Kuhn 117 

Das  glücksrad  und  die  kugel  des  glucks,  von  Wh.  Wackernagel.  134 

Hellegräve,  von  demselben  149 

Der  weit  lohn,    von  demselben 151 

Die    deutsche    heldensage    im    lande  der  Zähringer  und  in  Basel, 

von  demselben  156 

Niederländische  reimsprüche,  von  demselben 161 

Schretel  und  wafserbär,  von  demselben 174 

Der  tugendhafte  Schreiber,   von  Jacob  Grimm  und  M.  Haupt 186 

Bisleht,  von  Jacob  Grimm 189 

Das  todtenreich  in  Britannien,    von  Wh.  Wackernagel 191 

Zu  Karajans  Sprachdenkmalen,  von  Th.  von  Karajan 192 

Pantaleon  von  Konrad  von  Würzburg,    herausg.  von  Haupt 193 

Die  Spottnamen  der  vÖlker,    von  Wh.  Wackernagel 254 

Mete  hier  win  lit  lütertranc,    von  demselben 261 

Das  lebenslicht,  von  demselben 280 

Der  wolf  in  der  schule,  von  demselben 285 

Erde  der  leib  Christi,  von  demselben 288 

Gold  im  munde,  von  demselben 290 

Windsbraut  und  windgelle 290 

Ein  weib  und  drei  liebhaber,    von  demselben 292 

Vor  liebe  frefsen,  von  demselben 294 

Haus  kleid  leib,    von  demselben 297 

Italiänischer  liebeszauber  und  krankheitsegen,  von  demselben 299 

Rom  und  der  pfenning,    von  demselben 301 

Liber  sententiolarum,  von  demselben 304 

Aus  Dieterichs  drachenkämpfen,   von   Haupt 308 

Zu  Völuspä,  von  K.  Weinhold 311 

Heinzelein  von  Constanz,  von  Haupt 318 


582  INHALT. 

Seite 

Wichtel,  von  Haupt 320 

Wiesbader  glossen,   von  Wh.  Grimm 33I 

Ein  gläzisches  chrislkindelspiel,  von  K.  Weinhold 34O 

Deutsches  calendarium  aus  dem  14n  jh.,  von  R.  von  Lilieucron..  349 

Von  dem  Anticriste,    herausg.  von  Haupt 369 

Hausehre,  von  demselben 387 

Zweite  handschrift  von  Grieshabers  altdeutschen    predigten,    von 

Weigand 393 

Mittelhochdeutsche  liederdichter,  von  Haupt 398 

Bruchstücke  aus  Konrads  von  Würzburg  trojanischem  kriege,  von 

J.  Zacher 39y 

Altvil,  von  Haupt 400 

Ueber  den  geschichtlichen  Zusammenhang  des  gothischen  christen- 

thumes  mit  dem  allhochdeutschen,  von  R.  von  Raumer 401 

Das  alte  stadtrechl  von  Meran,  herausg.  von  Franz  Pfeiffer 413 

Die  merovingischc  stammsage,  von  K.  MüUenhoff 430 

Die  austrasische  Dietrichssage,    von  demselben 435 

Niördhr  nordhr  niörun  Norn  neorxu,    von  K.  Weinhold 460 

Frau  kein  wildes  thier,  von  demselben 462 

Frau  Zucht,  von  demselben 4G4 

Chronologische  bestimmung   der    begebenheiten  in  Wolframs  Par- 

zival,    von  Rührmund 465 

Marienlieder,  herausg.  von  Weigand 478 

Einige  mitteldeutsche  Wörter,  von  demselben 484 

Segensformeln,   von  demselben 488 

Des  Tanhausers  hofzucht,   herausg.  von  Haupt 489 

Von  der  alten  multcr,    herausg.  von  demselben 497 

Pyramus  upd  Thisbe,    herausg.  von  demselben 504 

Zu  Neidhart.     Grieshabers  Bruchstücke 517 

Goldemar  von  Albrecht  von  Kemenaten,  herausg.  von  Haupt 52U 

Strophen  Heinzeleins  in  Baldern,  von  Ad.  Keller 529 

Weinhauszeichen,  von  Weigand 531 

Altenglische  volkssagen,    von  G.  W.   Dasent 532 

Sehulterblattschau,   von  demselben 536 

Pasquillus  auf  den  protestierenden  krieg,   von  Böhmer 538 

Einige  gothischc  eigennamen,  von  Jacob  Grimm 539 

Himmel  und  gaume,  von  demselben 541 

Grün  und  kün,   von  demselben 543 

Die  Sprachpedanten,    von  demselben 545 

Gothcn  und  Geten,  von  demselben 548 

Register  zu  den  ersten  sechs  bänden  dieser  Zeitschrift 549 

Berichtigungen  und  zusätze  zum  sechsten  bände .")80 


DRUCK  VON  BREITKOPF  UND  HÄRTEL  IN  LEIPZIG. 


P^       Zeitschrift  für  deutsches 
^^^^        Altertum  und  deutsche 
^^  Literatur 


Bd.  6 


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